Schlagwort-Archiv: hin & weg

Lost

Es ist, als sei er in der leeren Welt.
Er erwachte aus dem Koma, kam zurück,
und niemand war mehr hier.
Einzig er.
Wofür dann leben, für Steine und Gestrüpp?

Gestrüpp auf der Schlangeninsel im Schnee am 31. Januar 2021
Gestrüpp auf der Schlangeninsel im Schnee am 31. Januar 2021

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25142

Fiesole

wen wundert’s
dass hier oben
jemand ans Fliegen glaubte
oder dass eine Gruppe
schöner gebildeter Menschen
sich fantastische
lustige und erotische
Geschichten erzählen konnte
nachdem sie dem Tod im Tal
entronnen waren

wer hier oben aufwuchs
glaubt womöglich wirklich
dass der Mensch ein kultiviertes Wesen
werden kann
wenn man so hinunterblickt
auf das Arnotal und Florenz

doch was würden die Straßenkinder
die afrikanischen Händler
die Flüchtlinge dazu sagen
sollen wir noch einen Garten
mit schönen Menschen suchen
oder zu den Armen rund um
den Ponte Vecchio zurückkehren

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25137

Ein Leben im Turm

San Gimignano
E.M. Forsters Monteriano
den Ort gibt es wirklich
wo viktorianische Damen
sich in italienische Zahnärzte verlieben
wo zur Mittagszeit Musik
durch die Steine fließt
wo du in die Hölle blicken kannst
mitten in einer Kirche
wo Levkojen blühen
für die Schönheit einer Heiligen

aber wie war eurer Leben
Bewohner von San Gimignano
als ihr ungestört vom Tourismus lebtet
boten euch die Türme Sicherheit
machten sie euch engstirnig
ließen sie euch glauben
ihr wäret in einem Babylon der Toskana
oder hörtet ihr auf
eure Nachbarn zu bekriegen
brachtet ihr Schinken
Wein und Gesang
auf eurem Marktplatz dar
ließet ihr eure Türme
einfach hinter euch

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25137

Wind nach dem Sturm

Der Wind brauste.
Aber ich musste hinaus
nach dem Sturm,
um meinen Teufeln
eine letzte Chance
zum Entkommen zu geben.

Das Erste, was ich wirklich hörte,
war ein durchdringender Hahnenschrei.
Das Erste, was ich wirklich sah,
war der clownartig aussehende Kerl selbst
mit seinem Hühner-Harem.

Was hatte ich noch verpasst
auf dem Hinweg zur alten Mühle:
all die abgebrochenen Zweige,
die unschuldigen schwarzen Schafe.
Auch die einhornhaften weißen Pferde,
die mich fragend anzuschauen schienen.
Einige wieherten, eins
schüttelte mit dem Kopf –
scheinbar in meine Richtung –
zu Recht, auf jeden Fall zu Recht.
Denn die Teufel
stecken in den Details,
die meine Gehirnwindungen verstopfen
mit zu vielen virtuellen Blättern
aus zu viel Brainstorming
und der einzige Weg raus ist:
Raus!

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25049

Marlboro

Mit meiner Wells’schen Zeitmaschine, mit Hebeln und alles analog, bin ich ins Jahr 1961 zurückgereist. Entschleunigt und idyllisch, wenn man das so sagen kann, zumindest am Land. Da ist nur eine Sache: Jeder raucht. Ich bin Nichtraucher, Exraucher, und ich weiß, wenn ich nicht sofort in Richtung Zukunft reise, werde auch ich wieder rauchen.

Nun bietet mir ein netter Mann eine Marlboro an. Ist gut für die Gesundheit, sagt er, wie auch die damalige Werbung. Wer kann da Nein sagen? Ich jedenfalls nicht.

Der volle Aschenbecher und die zerknüllte Marlboro-Schachtel

Der volle Aschenbecher und die zerknüllte Marlboro-Schachtel

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25036

Nachts auf dem Schiff

Nachts auf dem Schiff.
Was sagt der Wind, was sagen die Wellen, was der Mond?
In dreizehn Tagen werden wir Kalkutta anlaufen.
Die Riesenkrake sieht das Schiff, aber lässt es verschont.
Die Meerjungfrauen singen, aber wir hören sie nicht.

Die linke Meerjungfrau am gelb-weißen Haus am St. Veiter Ring

Die linke Meerjungfrau am gelb-weißen Haus am St. Veiter Ring

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25006

Wind

Der Wind weht mir ins Gesicht. Er mag warm oder kalt sein, das variiert, aber was besonders ist, ist, dass er mich stets bremst und niemals antreibt. Natürlich könnte ich etwas ganz Einfaches dagegen tun: Ich könnte mich umdrehen. Dann würde der Gegenwind zum Rückenwind werden. Aber das ist keine praktikable Lösung, denn dann läge mein Ziel in der Gegenrichtung und wäre gegenteilig zu meinem jetzigen. Das ist es doch auch, was der Mann, der den Wind schickt, beabsichtigt: mich von meinem Weg abzubringen. „Nein“, rufe ich da, „so leicht mache ich es dir nicht!“ Ich höre den Wind links und rechts, und ich spüre ihn. Ich stemme mich ihm entgegen, gehen kann ich nicht mehr. Ich stehe da und warte, dass er abklingt. „Wir werden sehen, wer den längeren Atem hat“, sage ich zu dem Mann, der den Wind schickt, „du oder ich. Und was ist eigentlich, wenn ich bloß stehenbleibe, ist es dann ein Unentschieden?“ „Nein“, gibt der Mann, der den Wind schickt, zurück. Seine Stimme ist wie der Wind selbst, sie scheint zu fließen. „Dann habe ich gewonnen. Du gewinnst, wenn du das definierte Ende deines Weges erreichst. Aber sieh dich vor, junge Frau, ich bin ein äußerst starker Gegner.“

Es ist doch eine seltsame Gegend hier, überlege ich. Nur der Weg bedeckt mit weißen Kieselsteinen und links und rechts davon Gras und einige Bäume sind vorhanden. Es gibt keine Menschen, keine Menschen, keine Häuser, keine Autos, nur den Mann, der den Wind schickt, mich selbst und eben den Wind. Die Szenerie wirkt, als sei sie nur für mich gemacht, unwirklich, doch für mich ist sie die Realität. Rechts oben sehe ich eine Zeitanzeige, 14:49 Uhr. Eigenartigerweise sehe ich nur die Zeit, aber kein Medium, das sie angibt. Dennoch weiß ich daher, dass ich nicht träume, denn in meinen Träumen gibt es keine Zeit.

Vier Minuten später hat der Wind an Geschwindigkeit zugenommen. Der Mann, der den Wind schickt, hat also noch genug Kraft. Ich dachte, er müsse sich unter den vielen Menschen, die er behelligt, aufteilen, doch wahrscheinlich läuft es derart, dass jeder Mensch sich in seiner eigenen Landschaft befindet, und ebenso ist es nicht nur Wind, der ihn behindert oder antreibt, sondern wahlweise Regen, Schnee, Hagel, Sonnenschein oder Nebel. Der Mann, der den Wind schickt, kann sich daher jeder Person in ihrer Gegend mit voller Aufmerksamkeit und maximaler Kraft widmen, ebenso die Frauen des Regens und des Hagels, die Schneefrau, die Sonnenfrau und die Nebelfrau.

Mittlerweile bläst der Wind so stark, dass ich mich auf den Bauch lege. Nun ist die Angriffsfläche des Windes bei mir gering. So kann ich einige Zeit warten. Aber was ist, wenn ich etwas essen oder trinken muss, Wasser lassen oder meine Notdurft verrichten? Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gegessen, getrunken oder war auf dem WC? Es fällt mir nicht ein, ich habe keine Ahnung. Kann es sein, dass in dieser meiner speziellen Landschaft alle meine Körperfunktionen ausgeschaltet sind? Durchaus, antworte ich mir im Geist.

Ich presse meinen Körper also gegen den Boden aus weißen Kieselsteinen und darunter Erde. Ich kann nichts anderes tun, als zu warten. Die Zeit kommt mir lang vor, was sie nicht ist, sie ist nur die Zeit. Mittlerweile ist es 18:32 Uhr. Der Wind hat nichts an seiner Stärke verloren. Bald wird die Nacht hereinbrechen. Ich habe das Gefühl, dass es auch morgen nicht besser sein wird, auch übermorgen nicht, dass ich dem Mann, der den Wind schickt, ausgeliefert bin.

Habe ich etwas zu verlieren? Nein. Deshalb spreche ich ihn an: „Mann, der du den Wind schickst, kannst du nicht in meinen Rücken wehen?“ Sehr bald höre ich seine Stimme, die in den Wind eingebettet ist, in wechselnder Lautstärke: „Liebe Marlene, diesmal bin ich es, der sagt: ,Nein, so leicht mache ich es dir nicht!´ Das Leben ist doch keine Rutsche, die einen ohne Anstrengung ans Ziel führt. Man muss sich sein Glück oder was auch immer verdienen. Das findest du doch sicherlich auch, liebe Marlene, nicht?“ Was soll ich antworten? Ich kann entweder gar nichts sagen oder Ja. Ich sage „Ja.“

„Gut, du bist ja ein verständiges Mädchen“, erwidert nun der Mann, der den Wind schickt. „deshalb will ich dir auch entgegenkommen. Eine Möglichkeit existiert, wie dein Vorankommen viel weniger mühsam sein kann. Kannst du dir vorstellen, welche das ist?“ „Nein, keine Ahnung“, gebe ich zurück. „Indem es mich nicht gibt“, sagt der Mann, der den Wind schickt. „Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich auch die Szenerie ändert, in der du dich befindest. Woraus sich ergibt, dass dein Vorankommen nur theoretisch leichter sein kann. Verstehst du das, Marlene?“ Ich bin doch nicht blöd. „Natürlich verstehe ich das“, sage ich.

„Schön, liebe Marlene, willst du, dass ich mich zurückziehe? Soll ich verschwinden? Überlege deine Antwort gut“, sagt der Mann, der den Wind schickt. „Ja, auf jeden Fall“, entgegne ich schnell, „ich will, dass es dich nicht mehr gibt.“

„Dein Wunsch sei dir erfüllt“, sagt der Mann, der den Wind schickt, und danach nichts mehr.

Jetzt befinde ich mich auf einem Einhandsegelboot mitten im Pazifik. Ich bin auf einer Solotour. Es herrscht absolute Flaute.

Der Mann, der den Wind schickt, hat mich reingelegt.

Viele Heliumballons im Wind beim roten RENAULT dCi 150, von der Seite

Viele Heliumballons im Wind beim roten RENAULT dCi 150, von der Seite

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 24187

Sand

Der Wind treibt Sand vor sich her.
Hier fehlt er, dorthin wird er gebracht.
Abgetragen, umgeschichtet, wiederaufgetürmt,
die Düne wandert und kommt nie ans Ziel,
gelb bleibt die Wüste, es ändert sich nicht viel.

Sandarbeiter im Europapark am Morgen des 5. Juli 2023

Sandarbeiter im Europapark am Morgen des 5. Juli 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25020

Aquarell

Mein Boot legt ab in die Ferne.
Das volle Segel treibt den Rumpf.
Das Ruder bestimmt die Richtung.
Die Küste entfernt sich, verschwindet.
Nur Wasser sehe ich und Luft,
zwei Schattierungen von Blau.
Der nächste Hafen gibt mir Proviant
und vielleicht eine Frau,
aber ich werde nicht bleiben.
Mein Bett liegt über dem Meer.

Die linke Meerjungfrau am gelb-weißen Haus am St. Veiter Ring

Die linke Meerjungfrau am gelb-weißen Haus am St. Veiter Ring

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 24161