Schlagwort-Archiv: hin & weg

Vom Stangl g’haut

Der alte Pauli ist auf Malta in den Armen seiner Geliebten verstorben, im Hotelbett, sagt die Moni, seine Tochter. Dabei hatte er schon auf dem Schiff so eine Ahnung gehabt, wie sein Gspusi später erzählte. „Wird’s mich doch jetzt nicht vom Stangl hau’n! Wer zahlt denn dann die Überführung?“ Solche Worte graben sich tief in die Erinnerung ein und bleiben in der Seele hocken und lassen sich nicht abschütteln und später martern sie einen und man wird sie nicht mehr los und es plagt einen das Gewissen. So ging es der Berti, die den Oberforstrat Pauli nach Malta begleitet hat. Sie hat ihn geliebt und war die Freude seines Alters. So sagt man wenigstens und redet sich schön, was eigentlich gar nicht schön ist. Sei’s drum. Die beiden fuhren gemeinsam nach Malta, um dort Urlaub zu machen, natürlich heimlich, inkognito, niemand durfte es wissen, denn zuhause wartete die Frau Pauli, und obwohl sie schon seit Jahren getrennt lebten, war sie doch eifersüchtig auf die Berti, die fette!
Prompt trat in der Nacht genau das ein, was nicht hätte eintreten sollen. Den alten Pauli ereilte ein Herzinfarkt. Er krampfte sich im fremden Bett zusammen und ahnte den Tod nahen. Die Berti stand ihm bei, so gut sie konnte. Sie war ihm wirklich nahe, wagte aber keinen Arzt zu rufen, damit die heimliche Reise nicht aufflöge. Lange, immer sollte sie sich deswegen Vorwürfe machen, bis die Vergesslichkeit des Alters sie davon eigentlich erlöste.
Schließlich half kein sanftes Streicheln der starken Stirn, die viele Jahrzehnte große Gedanken beherbergt hatte, und auch kein gutes Zureden mehr. Auch den Druck der Hand erwiderte er nicht mehr. Völlig reglos lag er da und es war vorbei mit dem alten Pauli. Es hatte ihn tatsächlich vom Stangl gehauen! Ausgerechnet auf Malta hat der Herrgott ihn den Lebensatem aushauchen lassen. Im Hotelbett ist er abberufen worden, mitten aus dem Leben, unerwartet, überraschend, plötzlich, grausam für die Berti, die überhaupt nicht mehr wusste, was zu tun sei. Die neben ihm saß und ihm nicht helfen konnte, die aber auch die Schmach und Schande der illegitimen Beziehung, die nun öffentlich werden würde, erwartete und über sich hereinbrechen sah.

Nachdem sie genug geweint hatte über den geliebten Toten und über ihre eigene missliche Lage, fasste sie sich doch ein Herz und tätigte die notwendigen Anrufe. Es wird nun alles rauskommen und alle werden ihr die Schuld geben, aber was hilft’s. So ist zunächst die Strafrede der Frau Pauli über sie hereingebrochen, die sie aufs Übelste beschimpfte und ihr jegliche Ehre absprach. Dem Arzt musste sie bei der Totenschau das entwürdigende Geständnis machen – nein, sie sei nicht die Ehefrau.  Auch die Kondolenzworte des Hoteldirektors verlangten nach einer Richtigstellung. Die scheinheilig-überraschten Blicke musste sie ertragen und gut vernehmbares Tuscheln hinter ihrem Rücken. Das war die Vorbereitung auf die Beerdigung, das wusste sie. – Nicht einmal die kurze Freude mit dem Pauli, diesem g‘standenen Mannsbild, war ihr vergönnt gewesen. Jetzt musste sie so bitter dafür bezahlen. Schließlich organisierte sie die Überführung, nahm stumm Abschied, packte überstürzt und nahm das nächste Schiff.

Unterdessen kümmerte sich die Frau Pauli um die Beerdigung im oberbayrischen Faistenhaar. Zuerst dachte sie, der Lump, der alte Depp, aber eigentlich war ihr doch das Herz recht schwer. Zu lange waren sie verheiratet gewesen, zu viel hatten sie gemeinsam erlebt. Zu oft hatten sie sich im Streit gezeigt, dass da immer noch eine gewaltige Spannung zwischen ihnen war. Ja, so ist das mit der Liebe!
Jetzt ging es aber darum, ihn anständig unter die Erde zu bringen, den Oberforstrat Pauli, ihren Mann und Vater ihrer Töchter. Es sollte eine schöne Beerdigung werden und alle sollten kommen und und und … Nun wollte doch tatsächlich auch die Berti kommen. Unterwürfig, kleinlaut brachte sie telefonisch diese Bitte vor, eine letzte Bitte, aber die Frau Pauli verstand jetzt überhaupt keinen Spaß mehr. Da hört sich doch wohl alles auf, dass sich die Leute am Grab auch noch das Maul zerreißen, so weit kommt’s noch. Schluss, aus, ich will nichts mehr davon hören. Schluss, Schluss! Und sie schnaubte noch und rang nach Atem, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. Diese Person schreckt ja vor gar nichts zurück, der ist wohl gar nichts heilig, nicht der Ehestand und nicht der Tod!

Der alte Pauli war inzwischen aufgebahrt in der Faistenhaarer Dorfkirche. Das stattliche, ja stolze Familiengrab war ausgehoben und erwartete den Neuankömmling. Bald würden goldene Lettern den schwarz geschliffenen Granit mit Namen, Titeln und Daten des lieben Verstorbenen zieren. Eine ehrenvolle Grabstelle, die lange die Erinnerung wachhalten würde. Der Oberforstrat erwartete wohlgerüstet mit Janker, Gamsbart am Hut und Haferlschuhen die Besucher. Stattlich war er beieinand‘ und es kamen viele, sehr viele, die sich von ihm verabschiedeten. Ein ganzer Bus treuer Freunde aus Simbach reiste zum Begräbnis an. Schließlich hatte er dort lange die Forstdienststelle geleitet und zwar hervorragend. Er war sehr beliebt gewesen. Jagdhornbläser gaben ihm das letzte Geleit, der Pfarrer hielt eine schöne Predigt, die Familie hatte sich einträchtig versammelt. Auch seine Schwester Mathild war gekommen, immer schon eine patente Person. Zur Überraschung der Trauergäste schleppte sie einen Sack mit sich, drängelte sich selbstbewusst durch die Menschenmenge und positionierte sich schließlich vor dem ausgehobenen Grab, in das der Sarg ihres Bruders eben hinabgelassen worden war. Raschelnd öffnete sie den Sack und holte eine Schaufel voll Erde hervor, die sie in die Grube fallen ließ. Es war Erde vom heimatlichen Hof, wo sie zusammen mit vier weiteren Geschwistern aufgewachsen waren. Dumpf schlug die schwere Erde auf, und die Mathild sagte: Das ist von mir, deiner Schwester Mathild! Hörst mich? Diese Geste wiederholte sie noch viermal. Stellvertretend für die anderen Geschwister gab sie dem Bruder je eine Schaufel voll Heimaterde mit auf den Weg. Auf die Trauergemeinde nahm die Mathild keine Rücksicht. Sie sah und hörte nichts, sondern war mit ihrem Bruder ganz alleine und sagte immer wieder: Hörst mich? Als sie fertig war, bahnte sie sich wieder ihren Weg durch die Menge und stellte sich schweigend zur Verwandtschaft.  Alle waren gekommen, wirklich alle. Frau Pauli erfüllte es mit Stolz, wenn sie in die Runde blickte und die große Trauergemeinde sah. Er war halt doch ein besonderer Mann gewesen, der Pauli, ein Mann, auf den man zu Recht stolz sein konnte, erst recht jetzt. Wie unwichtig erschienen ihr nun die Kleinigkeiten, die in den letzten Jahren die Ursachen für Streitereien gewesenen waren. Es wurde ihr wieder bewusst, wie schneidig er gewesen war, früher, … und was war er für ein toller Musikant gewesen, eine Stimmung hat er in jede Gesellschaft gebracht, alle haben ihm schöne Augen gemacht, aber sie hat er geheiratet.

Zuletzt hatte die Frau Pauli doch noch der Berti erlaubt, auch ans Grab zu kommen und Abschied zu nehmen. Das war jetzt auch schon egal. Sollten sich doch alle das Maul zerreißen! Er ist ja doch als ihr Mann gestorben. Sei’s drum! Die Berti hat sich nicht  aufschauen getraut, sie hat sich dazwischengeschoben und ganz klein gemacht. Ja, so geht’s einem als Gspusi, aber geliebt hatte sie ihn doch und sie schämte sich auch nicht dafür.
So hat man den alten Pauli mit allen Ehren unter die Erde gebracht und nachher ging man in die Wirtschaft zum Leichentrunk und man hat sich nicht lumpen lassen. Und nach einem guten Essen und einigen Schnäpsen ist die Gesellschaft lustig geworden und hat alte Geschichten aufleben lassen. Dann kam es fast schon wieder zu Unstimmigkeiten und man ging lieber schnell heim, bevor man noch heftig widersprechen hätte müssen und bevor es vielleicht doch noch zum Streit gekommen wäre. Nicht heute.

Das alles hat mir die Moni erzählt, die ich im Lehrerreferendariat kennengelernt habe. Damals hat sie sich lapidar mit den Worten vorgestellt: Ich bin die jüngste von fünf Schwestern. Was mir vor Neid und Bewunderung den Mund offenstehen ließ und den Seminarvorstand zu der Floskel verleitete: So wurde der Wunsch nach einem Sohn der Vater vieler Töchter. Nun ist ihr Vater, der alte Pauli, wie sie sagt, tot.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15002

Haarig oder Wie ich der Provinz entfloh

Oed. Oed bei Amstetten. Halbzeit. Ich sitze in meinem Ford Escort Baujahr 1975, der Motor auf Hochtouren, Rücksitz und Kofferraum prall gefüllt mit meinem wichtigsten Hab und Gut. Ich heiße Ferdinand, meine Freunde nennen mich Ferdl, und bin am Weg in die Hauptstadt. Die ungeliebte Hauptstadt – die Stadt der Raunzer, der arroganten Schnösel und die Stadt in der sich auch das Parlament befindet. Dort, wo wiederum schnöselige Raunzer über das Wohl des Landes bestimmen. Das Wohl, über das sich die Leute gerne und bei jeder Gelegenheit beschweren (die Österreicher sind ja bekanntlich Weltmeister im Raunzen und Beschweren) und sich sehr wohl in ihrem Wohl scheinbar äußerst unwohl fühlen.

Zurück zur A1, kurz nach Oed, in meinen geliebten knallroten Ford Escort – liebevoll auch „Gock“ genannt. Die Kassette im Autoradio leiert, und die ohnehin schon gezerrten und gedehnten Vokale von Liam Gallagher kommen dem Original noch näher – dem Walross und den ewigen Erdbeerfeldern: „I’d like to be somebody eeelse …“ Psychedelic pur.

Ich habe mich dazu entschlossen meine Heimat zu verlassen – ein in der tiefsten oberösterreichischen Provinz liegendes Dorf, wo ich meine ersten zwanzig Lebensjahre verbracht habe. Jeden Baum und jeden Stein kenne und jedes Traktorgeräusch auf Anhieb identifizieren kann. Aufgewachsen auf einem kleinen, idyllischen Bio-Bauernhof, im Stall eine Handvoll Kühe, ebenso viele Kälber und eine Ziege. Ringsherum grüne, saftige Wiesen, diverse Obstbäume, ein Stück Wald und ein dahinplätschernder Bach. Und ein kleines Dinkelfeld, wovon meine Mutter mithilfe einer kleinen Mühle Dinkelmehl mahlt und ab Hof verkauft. „Liebhaberei“ nennen das die Großbauern des Ortes abschätzig. Die politisch tiefschwarz eingefärbten mit ihren grünen, roten und manchmal auch blauen Traktoren. Und deren Viecher keine Namen, sondern Nummern tragen.

Der Grund meines Umzugs in die Hauptstadt ist, nun, nennen wir es „Berufsumorientierung“. Ich werde auf einem privaten College einen Lehrgang für Tontechnik besuchen, ja eigentlich zwei – den des Tonassistenten und anschließend den „Audio Engineer“. Danach sollte ich fähig sein, die bunten Knöpfe eines Mischpultes zu unterscheiden, und darüber hinaus natürlich noch mehr. Der Traum vom eigenen Studio, oder ein Job als Livemischer in einem etablierten Club – was es auch immer sein wird, die Entscheidung ist die einzig richtige. An die grantelnden Bewohner der Hauptstadt werde ich mich schon gewöhnen.
Im Dorf versteht natürlich niemand diesen Schritt: „In das graue, kalte und laute Wien will der Ferdl. Na das wird er sich bald anders überlegen.“
Aber der Ferdl ist Musiker, allerdings erfolglos. Und da muss sich was daran ändern.
Wobei es natürlich auch immer darauf ankommt, wie man Erfolg definiert, oder wer ihn definiert. Natürlich spiele ich regelmäßig Konzerte mit meiner Band, und die sind eigentlich auch ganz gut besucht. Allerdings sehe ich meist dieselben Gesichter vor mir – Freunde, Bekannte, manchmal auch Verwandte.
Und natürlich wird nach einem absolvierten Konzert auf die Schulter geklopft: „War mal wieder so richtig geil heut!“. Nein, war es natürlich nicht. Wahrscheinlich haben wir überhaupt noch nie ein „richtig geiles“ Konzert gespielt, nicht mal annähernd geil. Im besten Fall würde ich es als durchschnittlich bezeichnen – also, mit im besten Fall sind da auch die besten Fälle gemeint. Manche Abende können dann auch besonders mies sein. Wenn in der Pause plötzlich fast alle Freunde abhauen, weil sie angeblich am nächsten Tag früh raus müssen. Verständlich.

Mein Talent auf der Gitarre beschränkt sich auf ganze viereinhalb Akkorde. Klar, ein Neil Young hat mit diesen Akkorden Welthits geschrieben. Ein Noel Gallagher ebenfalls. Der hatte allerdings einen gut aussehenden Bruder, der und vor allem auch dessen Stimme das gewisse Etwas hatte und zur gottgleichen Figur einer ganzen Generation wurde. Später, als sie nur mehr eine Kopie der Kopie veröffentlichten (die allerdings ursprünglich ohnehin schon nichts anderes als eine Kopie gewesen war), kamen wir uns näher. Gallagher der Ältere und ich. Auf songwriterischem Niveau. Ich würd‘ jetzt mal sagen, dass ein paar meiner Songs auf Augenhöhe mit Oasis-Songs der Spätphase mithalten können.
Gut, mit den B-Seiten vielleicht. Und die der Spätphase sind ja nun wirklich nicht mehr der Rede wert. Realistisch gesehen beziehungsweise gehört sind sie Schrott. Die B-Seiten der Gallaghers. Also somit auch meine besten Songs.

Meine musikalische „Karriere“ begann … in der katholischen Jugend. Wer in der bereits erwähnten tiefsten oberösterreichischen Provinz aufwächst, wird schnell vor schwierige lebenswichtige Entscheidungen gestellt:
Feuerwehr und/oder Musikkapelle, Feuerwehr und/oder Fußballverein, Musikkapelle und/oder Fußballverein …? Und zum Erwachsenseinwerden und der damit verbundenen Reifung gehört natürlich auch der Anschluss an die örtliche Jugendgemeinschaft, meist zeitgleich mit dem Beginn einer Lehre oder einer weiterbildenden höheren Schule.
In meinem Fall fiel die Wahl zwischen der Landjugend im Nachbarort oder der katholischen Jugend meiner Heimatgemeinde. Schlussendlich machte Letztere das Rennen, man muss schließlich wissen „wo man hingehört“.

Da ich ständig von meiner Heimatgemeinde erzähle, möchte ich diese auch kurz vorstellen:
Der besagte Ort (dessen Name ich aus privatsphärischen Gründen hier nicht nennen werde) liegt am Fuße des Hausruckwaldes, welcher die Grenze zum Innviertel bildet – dem Viertel, das sich durch einen etwas raueren Umgang auszeichnet und welches durch einen in Braunau am Inn geborenen Wahnsinnigen weltbekannt wurde.
Der Ortskern besteht aus einer etwas sehr überpräsenten Kirche, umgeben vom örtlichen Friedhof, einem Kirchenwirt, einem weiteren Wirt (für die Nichtkirchgänger, damit auch diese unter sich sind) und einer Tankstelle. Und einem Friseur, direkt am Kirchplatz.
Der „Url-Sepp“, wie er liebevoll von allen genannt wird. Erfinder des Trademark-Haarschnitts in unserem Ort: vorne kurz, hinten kurz, Ohren frei.
Ich hab mich seiner Tochter anvertraut – also, rein geschäftlich. Die schneidet mir hin und wieder nach Ladenschluss meine halblangen Haare.
Dem Vater vertraue ich nicht mehr, seitdem er mir ohne mein Einverständnis seinen Trademark-Haarschnitt verpasste, einen Tag bevor ich beim Fotografen in der benachbarten Marktgemeinde einen Termin für ein Passfoto hatte. Und dieser Fotograf es wiederum schaffte, mich so unvorteilhaft wie möglich aussehen zu lassen! Dieses Foto ziert seitdem meinen Führerschein, und ich schäme mich jedes Mal, wenn ich mich damit ausweisen muss.
Und dann noch unser Supermarkt. Aus insolvenzabhängigen Gründen wurde mehrmals der Besitzer gewechselt, zuletzt wurde der Laden um mehr als die Hälfte verkleinert. Die wichtigste Einrichtung ist die Fleischabteilung, damit das Arbeitervolk die tägliche Wurstsemmel bekommt. Und die gestapelten Bierkisten. Ein Kasten Bier soll angeblich der durchschnittliche Tagesvorrat eines Maurers sein, und davon gab es mehrere im Ort. Im Kühlregal genau eine einzige Packung Biomilch. Perfekt abgestimmt auf Angebot und Nachfrage.

Die politische Gesinnung im Ort ist PECH.RABEN.SCHWARZ. Die rote Opposition ist geradezu lächerlich, die blaue Fraktion besteht aus einer Handvoll Altnazis und Grün existiert nicht. Oder so gut wie nicht. Vielleicht ein oder zwei Ganzjahresstrickpulliträger mit verfilzten Rastalocken. Neuhippies, die sich in ein altes Haus am Waldesrand eingenistet haben, mit einem verbeulten VW-Bus rumkurven und tagein tagaus Hans Söllner hören.

Nun ja, wie gesagt: Hier in diesem idyllischen kleinen Ort begann meine Karriere. Als ich sechzehn war bekam ich von meiner Mutter zu Weihnachten eine Gitarre – natürlich eine Konzertgitarre, mit Nylonsaiten. Absolut uncool für einen 16-Jährigen. Deshalb landete die Gitarre erstmal auch in der Ecke, wo sie monatelang fast unberührt verweilte. Monate später verspürte ich plötzlich den Drang, schnellstmöglich die lebenswichtigen (und vorhin bereits erwähnten) paar Akkorde zu lernen, damit ich am Lagerfeuer mit dem Anspielen diverser Klassiker auftrumpfen und die Mädels unseres Dorfes beeindrucken konnte. G, D, C und E-Moll. Später dann auch E-Dur und A-Moll. Das reichte um die der Allgemeinheit bekannten Klassiker aufzuspielen: Fendrich, Ambros, STS und dann noch ein paar englischsprachige Schlager – Beatles, Dylan, Young. Und natürlich Reim, immer wieder Reim. Matthias Reim. Verdammt ich lieb dich. Die Mädels kreischen, die Jungs jaulen. Und ich war Gott. Für viereinhalb Minuten. Am Lagerfeuer.
Beeindruckt zeigte sich auch Herbert, ein in der katholischen Jugend sehr aktiver und ebenfalls musikalischer Schönling aus dem Nachbardorf. Herbert hatte Klavier gelernt, spielte aber auch Gitarre. Besser als ich. Er beherrschte sogar den Barrégriff und war mir somit um vieles voraus.
Herbert war auf der Suche nach Mitgliedern für eine Band, vor allem auch nach Gesangstalenten. Meine „Reimerei“ dürfte Eindruck hinterlassen haben: Eines Tages fragte er mich ob ich denn Lust hätte in die geplante Formation mit einzusteigen. Was für eine Frage – und wie ich Lust hatte! Eine Band!! Hier in der Provinz!! Waaahnsinn! DER Traumboy für alle Mädels!

Wenige Wochen später fanden wir uns wieder, im alten Saal des örtlichen Pfarrheims. Wir probten für unseren ersten Auftritt, eine rhythmische Messe mit einem sehr gewagten Programm, unter anderem bestehend aus Liedern von „Jesus Christ Superstar“ und „Hair“. Vor allem Letzteres hatte es uns angetan – „Let the Sunshine in“ entpuppte sich als unsere Hymne! Textlich so einfach, dass selbst die nicht der englischen Sprache mächtigen Einwohner mitsingen konnten: „Läät se sannschaain! Läät se sannschaain in!“

Nach dem erwartungsgemäß großen Erfolg unserer rhythmischen Messe (abgesehen von ein paar alteingesessenen, stockkonservativen Einwohnern, die irgendetwas von Hippies und „N-Wort“-Musik dahermurmelten) kam auch bald die erste Anfrage: Wir bekamen die große Ehre am jährlichen Dorffest aufzutreten! Da ging quasi ein kleiner Traum für mich und uns in Erfüllung. Selbst meine Mutter erzählte es jedem Menschen, dass ihr geliebter und musikalisch so begabter Junge mit seiner neuen Band am Dorffest auftreten wird. – „Na wie heißt denn die Band?“
Tja. Wie heißt denn die Band … ein großes und äußerst schnell zu lösendes Problem stand somit an. Schließlich musste auf den Plakaten der Name der neuen Local Heroes stehen.
Also fanden wir uns beim Kirchenwirt ein, um uns – neugierig von allen Seiten beobachtet – in der ersten, offiziell angesetzten Bandsitzung über einen Bandnamen Gedanken zu machen.
Sehr schnell war klar, dass er irgendetwas mit unserer Hymne zu tun haben musste. Irgendjemand schlug dann einfach „Haar“ als Bandnamen vor. „Haar“? Klar, warum nicht? Lag doch so nah.
Erste Zweifel kamen uns, als wir uns vorstellten, wie der prall gefüllte Raiffeisensaal im Nachbarort (dies war der nächste Step unseres Masterplans) nach unserer Hymne (die mit dem „Sannschain“) euphorisch und lautstark uns zurück auf die Bühne fordern würde: „Haar! Haar! Haar!“

Das klang einerseits nach Kater Karlos Lachen, andererseits auch nach gar nichts. Vor allem, wo doch in unseren Breitengraden das rollende R sehr stark verbreitet ist. Das kann man den Leuten doch nicht antun: „HaaRR! HaaRR!“. Da musste was anderes her.
Und so begannen wir alles Mögliche mit dem Haar zu kombinieren. Mein grenzgeniales „Haarität“ wurde leider abgelehnt, ebenso (und Gottseidank) auch das „Haaribo“ unseres Schlagzeugers Günter. Herbert konnte sich durchsetzen (klar, er war ja auch quasi Bandleader) und so wurde aus der eben noch namenlosen Gruppe die Band

HAARIG.

Sinnlos zu erwähnen, dass unser Auftritt am Dorffest zu einem überaus großen Erfolg wurde. Manche sprachen von einem Meilenstein, vor allem die Bandmitglieder. Dass die meisten Leute akustisch nichts verstehen konnten, weil unsere zusammengebastelte Anlage – kombiniert mit einem billigen blaufarbigen Mikrophon einer ebenso billigen Stereoanlage – nur brummte und jegliche Frequenzen oberhalb 1000 Hertz quasi gar nicht oder kaum vorhanden waren … nun, diesen Aspekt ignorierten wir einfach. Der erste Schritt zur Welteroberung war getan und wir genossen das omnipräsente Schulterklopfen der darauffolgenden Wochen.

Ein paar Monate später löste sich in einem Nachbarort die Konkurrenzband auf. Der Name der Band ist mir nicht hängengeblieben, ist auch völlig nebensächlich. Aus heutiger Sicht. Damals war das ein großes Ding – in etwa vergleichbar mit dem großen Britpop-Battle zwischen Oasis und Blur. Mindestens. Die Auftrittsmöglichkeiten waren in der Gegend äußerst rar, und unsere Konkurrenten hatten einen großen Trumpf im Ärmel: Sie verfügten über eine Anlage! Inklusive eines Mischpults mit vielen bunten Knöpfen. Ein Traum. Nachdem sich die Band auflöste, musste sie natürlich auch ihren Traum von Anlage verkaufen – und da waren wir am Zug! Überglücklich unterschrieben wir den Kaufvertrag, schleppten und luden die übergroßen Boxen in den Kleinbus von Herberts Vater. Dass uns unsere ehemaligen Konkurrenten gewaltig über den Tisch zogen, war uns damals nicht bewusst. Hauptsache, wir konnten ab sofort Konzerte geben, wo und wann immer wir wollten.
Und vor allem die Anlage für diverse Parties in der Umgebung verleihen, für eine lächerliche Leihgebühr eines unbeschränkten Getränkekonsums aller Bandmitglieder. Und ich bot mich auch noch gleich als DJ an – wiederum eine gute Gelegenheit Mädels zu beindrucken. Dachte ich zumindest.
Irgendwann hatte ich dann auch keine Lust mehr, ständig „Summer of 69“ und andere abgedroschene Gassenhauer aufzulegen. Ich dachte ja, ich könnte der Jugend der Provinz kulturtechnisch weiterhelfen und ihren Musikgeschmack prägen. Mit „Wonderwall“ klappte das noch einigermaßen, bei „Common People“ von Pulp stiegen sie schon alle aus. Forget it.

Von hier an nutzte ich das neue revolutionäre Medium Minidisc, um bereits im Vorfeld 74-minütige Playlists zu erstellen. Wünsche wurden kaum noch erfüllt, der DJ betrank sich währenddessen an der Bar oder hinter seinem Pult.

Einen Sommer später widmeten wir uns dem nächsten Meilenstein: Unsere erste Demokassette sollte entstehen!! In der Zwischenzeit hatte ich begonnen, mit meinen viereinhalb Akkorden Songs zu schreiben. Besser gesagt: Adaptionen von meinen Lieblingsbands – hier ein Schuss Lennon, da eine Prise McCartney, dort ein wenig Neil Young. Die Texte waren natürlich zutiefst tragische TeenageralltagsproblemOden. Generation X, mehr muss man wohl nicht sagen.
Im Nachbarort, einer stattlichen Marktgemeinde, gab es einen audiotechnisch versierten Typen, der sowohl über ein kleines Mehrspuraufnahmegerät als auch „richtig gute Studiomikros“ verfügte. Er borgte uns für ein paar Tage sein ganzes Equipment – Zeit genug, um eine 5-Track-Demokassette einzuspielen. Dachten wir zumindest.
Unser Schlagzeuger scheiterte gleich mal an der ersten Hürde – dem laufenden Metronom, in tontechnischen Kreisen schlicht und einfach „Click“ genannt. Und so eierte er sich erstmal einen halben Tag durch die Songs und fluchte was das Zeug hielt. Die hochsommerlichen Außentemperaturen trugen ebenfalls ihren Teil bei, und dass unser temporäres Studio – der ehemalige Proberaum der Musikkapelle, im ersten Stock des Feuerwehrhauses – auch noch südlich lag, machte die Situation ebenfalls nicht besser. Wir leerten literweise Eisteepackungen – abwechselnd Pfirsich und Zitrone.
Nach einer mühsamen Woche des Aufnehmens dann die Erkenntnis, dass der Weltruhm weiter in die Ferne gerückt war, kaum noch erkennbar am Horizont, denn Weltruhm hat in erster Linie auch mit Weltklasse zu tun, und von Weltklasse waren wir noch weit entfernt, und hier untertreibe ich sogar gewaltig. Abschließend übergaben wir das ADAT-Band (ein digitales Band, das aussieht wie eine VHS-Kassette) zum Abmischen der Songs an unseren Hobbytonmeister. Das große, erwartete Wunder passierte bei diesem Vorgang leider auch nicht und so blieb es bei einer, in erster Linie für die Bemusterung von Veranstaltern, reinen Demokassette.

Viel passiert ist dann allerdings auch nicht, aber zumindest wurden wir zu einem Bandcontest in die Hauptstadt geladen. Was heißt geladen – wir durften uns bewerben und gleichzeitig dem Veranstalter ein gewisses Kontingent an Karten abnehmen. Dem Bewerbungsbogen lag noch ein Informationsblatt bei, in dem teilnehmenden Bands vorgerechnet wurde, wie sie denn mit diesem Kontingent Geld machen konnten.
Nämlich indem sie die ohnehin schon viel zu teuren Tickets nochmals um den doppelten Preis an ihre Fans – also Freunde, deren Freunde und vielleicht nochmals deren Freunde – verkauften. Ein vollkommen dämliches System, mit dem diverse Clubs junge unerfahrene Bands ködern, um ihre Hütten an konzertfreien Tagen auszulasten und damit auch noch der Öffentlichkeit verkaufen, dass sie dabei die Nachwuchsmusikszene unterstützen!
Und auch wir waren so blöd und fielen drauf rein, und dachten noch dazu, wir hätten Chancen auf die zweite Runde und eventuell auch noch auf das Finale.
Nun, nachdem wir in dem Laden ankamen, die Belegschaft und auch die Juroren sahen – da wussten wir, dass die Konkurrenzbands bedeutend mehr Chancen hatten und wir mit unserem angloamerikanischen Alternativepop (so bezeichnete man seinerzeit die Art von Musik die wir machten – später änderte man ständig die Kategorien, obwohl sich die Musik kaum veränderte) völlig fehl am Platze waren. Das restliche Programm bestand nämlich ausschließlich aus Metalbands, wo langhaarige Typen in enormer Geschwindigkeit versuchten, möglichst viele Riffs und Töne auf ihren Sechs- und Viersaitern innerhalb einer Minute zu platzieren, während ihre Sänger grunzten und grölten, was das Zeug hielt und die Schlagzeuger auf ihre überdimensionalen Drumsets (wofür zum Teufel braucht man fünf oder sechs Toms?) einprügelten. Und die Nonstopdoppelbassdrumkickerei löste zudem beinahe Herzrhythmusstörungen aus.
Wie auch immer das passiert sein mag – wir landeten trotz allem auf dem zweiten Platz. Was zwar bedeutete, dass wir für die nächste Runde nicht nach Wien reisen durften, allerdings doch genügend Grund war, unseren „Erfolg“ feuchtfröhlich zu feiern.

Dies war das letzte musikalische Erfolgserlebnis, oder überhaupt Erlebnis der „haarigen“ Bande. Für unseren Schlagzeuger ist’s vorerst mal vorbei mit haarig, dem seine Haare wurden nämlich um einen beträchtlichen Teil gekürzt. Der trägt nun auch den Trademarkschnitt vom „Url-Sepp“, allerdings nicht freiwillig, sondern aufgrund einer Einladung zum Wehrdienst.
Herbert studiert seit ein paar Monaten in Graz, Hauptstadt der Steiermark, dem selbsternannten „grünen Herz Österreichs“. Die traditionellen Sonntagsproben fallen somit weg, da er früh genug die Reise antreten muss. Früher als eigentlich sein müsste. Die Steiermark und Oberösterreich trennt eine Gebirgskette, die man zwar bereits durchbrochen hatte und durch die diverse Tunnel führen. Die zu nutzen kostet allerdings Maut, und so entschlossen sich die armen Studenten, den Tunnel großräumig zu umfahren, um die in etwa hundert Schilling zu sparen. Dies kostet ihnen zwar zwei Stunden ihres Sonntags (und in schneereichen Monaten auch einiges an Nerven), für das ersparte Geld kann sich aber die gesamte Fahrgemeinschaft eine Runde Bier spendieren und das ist doch eindeutig ein wesentlicher Punkt, der für die Umfahrung spricht.

Und ich? Ich sitze in meinem knallroten Ford Escort, auf der A1 kurz nach Loosdorf, und frage mich gerade, wie ich denn ohne Stadtplan mein Ziel finden soll? Erstmal abwarten, wird schon werden.
Ich lasse St. Pölten hinter mir und durchquere anschließend zum ersten und mit Sicherheit nicht letzten Mal den Wienerwald.
Die leiernde Oasis-Kassette musste inzwischen dem Radio weichen, wegen Verkehrsfunk und so. Der seit kurzem zum reinen Formatradio mutierte größte Sender des Landes spielt die neue Single von Paul McCartney. Klingt wie Electric Light Orchestra für Arme, inklusive eines furchtbaren Gitarrensolos mittendrin. Warum schneidet denn dies bitte niemand raus? Normalerweise müssen doch Gitarrensoli immer daran glauben, wenn ein Song nicht ins Formatradioformat passt. Aber wer erwartet denn bitte von Herrn McCartney noch irgendwelche musikalischen Wundertaten? Nach dem Verbrechen im Zuge der Beatles-Anthology-Veröffentlichung, dem aufgepeppten Demo eines Songs von John Lennon, den dieser zu Recht niemals veröffentlicht hatte.
Während ich mich noch über dieses Stück Scheiße (welches uns der staatliche, also von Steuergeldern finanzierte Sender als einen der „größten Hits der 70er, 80er und 90er“ verkaufen möchte) ärgere, taucht vor mir die Ortstafel auf … W I E N. Here we are!
Ein paar hundert Meter weiter entdecke ich eine Tankstelle, gleich daneben ein hoffentlich rettendes Infoschild. Nachdem ich meinen Escort mit bleihaltiger Flüssigkeit gefüllt habe, wandere ich zur Infostelle, wo ich auch sogleich von einer freundlichen Dame begrüßt werde. Auf meine Frage drückt sie mir einen kleinen Stadtplan in die Hand, ein übergroßes Manner-Logo erklärt dann auch warum dieser gratis ist. Ich erfreue mich an meiner Errungenschaft, die Dame lächelt mir nochmal zu und wünscht einen „schönen Aufenthalt in Wien“.
Glücklich und zufrieden latsche ich zurück zum Auto. Die Sache mit den Vorurteilen werde ich wohl noch etwas überdenken müssen.

Bernhard Eder
Links: www.bernhardeder.net, Blog

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 14066

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text teilweise im Original belassen.)

 

 

Die Insel des Glücks, strahlend

In dem Moment, als mich der automatische Newsfeed meines Handys stumm vibrierend über den Beschluss Premierminister Abes, wieder in die Kernenergie einzusteigen, informiert, zerplatzt ein einsamer Regentropfen auf meiner Wange. Monoton tosend zerbricht Welle auf Welle an den Tetrapoden unter einem Himmel, so stählern grau, dass ich kaum noch den Horizont auszumachen vermag, vor mir nur fahle Weite.

Meine zu groß geratene Umhängetasche fest an mich drückend, immer mehr Schlagseite bekommend, stapfe ich zwischen den schneeweißen Containerreihen hindurch den staubigen Weg hinab, erst suchend, dann findend; einer der gleichförmigen Kästen mit zu wenig Fenstern, aber je einer Miniterrasse und einem Klimaanlagenquader beherbergt die Übergangswohnung meines Onkels und meiner Tante. Heiser ächzend bleibe ich an der Tür stehen, verschnaufe noch, als Tante Keiko mir schon zuvorkommt und ihr Gesicht sich lächelnd in mein Blickfeld schiebt. In ihren Zügen erkenne ich, wie lange wir einander schon nicht mehr gesehen haben, aber ihr Lachen und ihre Augen sind klar wie eh und je. Durch einen engen Gang, vorbei an winzigen Räumen, liebevoll vollgestopft, folge ich ihrer kleinen Gestalt, erschöpft auf ihre Fragen zur Anreise antwortend, ins Wohnzimmer.
Bis unter die Decke fast reichen die hölzernen Stellagen mit Pflanzen, unverkennbar Tantchens Handschrift, saftig grüne Blätter, Blüten in allen erdenklichen Farben und der Geruch von frischer Erde lassen mich beinahe wanken. Auch hier versteckt sich in mancher Ecke, auf Kästen und hinter dem Sofa ein Karton und entlarvt alles als Provisorium.
Inmitten all dessen hockt klein und etwas verloren, fast als wäre er ein Teil der aufgetürmten Einrichtung, in sich zusammengesunken Onkel Kenji am zeitungsbedeckten Wohnzimmertisch. Beinahe hätte ich ihn in diesem geordneten Chaos übersehen, blass und grau wirkt sein Gesicht auf mich im harten Kontrast zum leuchtenden Grün um ihn. Er lächelt müde und Goro, ein grauschwarzer Fellball auf seinem Schoß, hebt verschlafen den Kopf, das goldene Glöckchen um seinen Hals erklingt leise, er blickt mich aus kaum geöffneten, schlitzförmigen Augen prüfend an. Noch einmal ein helles Klingeln und Goro, der mich für ungefährlich befunden hat, schläft weiter.
Irgendwo am Weg muss Tantchen wie immer nach Tee gefragt haben, und ich habe wohl automatisch bejaht, denn völlig unvermittelt taucht sie nun wieder mit einem Tablett mit Tee und Keksen auf, ohne dass ich ihr Verschwinden davor überhaupt bemerkt habe. Behände schiebt sie einen Zeitungsberg auf dem Tisch mit der linken Hand zur Seite, stapelt auch noch zwei, drei vor Onkelchen liegende dünne Büchlein oben auf, bevor sie vor mir, Onkel Kenji und sich Tee und Kekse platziert, beiläufig ihm seine leere Keramiktasse aus der Hand nehmend, an die er sich bis jetzt geklammert hat. Als Tante Keiko sie zwischen mir und sich am Boden abstellt, rieche ich für einen kurzen Moment den scharfen Dunst von Sake.
Lange unterhalten wir uns, über dies und das, geflissentlich das eine, die letzten zwei Jahre beherrschende Thema umschiffend. Vieles wollen Tantchens muntere Augen wissen, wie es mir denn ergangen sei, in der langen Zeit, wie lang wohl genau?, seit unserem letzten Treffen und auch den anderen, zu lange schon konnte man einander nicht mehr sehen, sind wir uns einig, während Tante Keikos frischer Tee mich einmal mehr begeistert und ich nebenbei gedankenverloren an einem etwas zu süßen Keks knabbere. Hinter Onkel Kenji, der wenig spricht, mehr grummelt, dennoch stets lächelt und zustimmend nickt, wenn ihn mein oder Tantchens fragender Blick trifft, sehe ich durch die blitzblank geputzte Terrassentür, wie die Zeit vergeht. Der Weg, der auf der Rückseite des Containerhäuschens liegt, sieht jenem davor zum Verwechseln ähnlich und während es draußen immer später wird, queren nur zwei- oder dreimal andere Menschen, grau, langsam und bedächtig, den Boden fixierend als würden sie mühsam nach etwas Verlorenem suchen, mein schmales Blickrechteck.

Als auch Tante Keiko bemerkt, wie dunkel es bereits geworden ist und sich erhebt, um die unpassend hoch hängende Lampe über uns einzuschalten, werden die staubigen Pfade nur noch vom fahlen Licht einiger verstreuter kleiner Laternen erleuchtet. Sich für ihre Neugier, die uns so lange beschäftigt hielt, entschuldigend, verschwindet ihre zierliche Figur leise wippend schon bald darauf, noch während ich beteuere, dass dem doch so nicht sei, mit dem Versprechen eines warmen Abendessens in die enge Küche, mein Hilfsangebot sanft, aber doch entschieden ablehnend.
Während aus dem Nebenraum fröhliches Geklimper und allerlei Kochgeräusche zu uns dringen, fällt mir erst jetzt auf, dass der Fernseher hinter mir eingeschaltet ist und ein flackerndes Licht auf den Boden wirft. Onkel Kenjis gutmütiger Blick wandert immer wieder zum stumm flimmernden Kasten in der Zimmerecke, der ein Programm zeigt, dessen tieferer Sinn sich mir nicht wirklich erschließt. Viele lachende Gesichter, grotesk verzerrt traurige sind auch dabei, unruhig und quietschbunt ist das Bild, mit ein paar Gewinnern und noch viel mehr Verlierern, so scheint es und ich habe das Gefühl, dass der Fernseher es trotz seiner Tonlosigkeit schafft zu lärmen.
„Ausmachen?“, zieht Onkelchens ruhige Stimme meine Aufmerksamkeit auf sich. Abwehrend wende ich mich ihm wieder zu und versuche angestrengt, in meinem Gedächtnis ein Bild des früheren Onkel Kenji an die Oberfläche zu bewegen, um es mit dem vor mir sitzenden zu vergleichen. Ich bin überzeugt, ihn anders in Erinnerung gehabt zu haben, aber es fällt mir schwer, festzumachen, was sich verändert hat. Seine Kleidung wirft formlose Falten an ihn, wie an einen drahtigen Kleiderständer, schmaler scheint er, kleiner auch, in sich zusammengesackt, vielleicht einfach nur älter? Dann aber bleibt mein Blick an seinen Haaren hängen, oder besser gesagt, an dem schütteren, grauen Rest, der von dem noch übriggeblieben ist, woran meine Schwestern und ich uns als Kinder so oft festhielten, unter Onkelchens lachenden Schmerzbekundungen, als er uns auf den Schultern durch den riesigen Garten und das ganze stets nach frischen Tatamimatten und Holz riechende Haus trug. Sein Gesicht hellt sich auf, als er meine Gedanken errät, und uns scherzhaft die Schuld an seinem dünnen Haar in die Schuhe schiebt. Mit der Nase auf dem kalten Boden entschuldige ich mich, übertrieben ernsthaft, während Onkel Kenji belustigt auch noch dem Alter oder dem Stress eine Teilschuld aufbürdet. Mir aber schießt noch ein anderes begründendes Oder durch den Kopf, ein unaussprechliches, zusammen mit  Kriegsbildern namenlosen Grauens, doch ich schlucke es trotzig hinunter und zwinge ein hohles Lachen dazu, auf meinem Gesicht zu verharren.
Eine warme, würzig duftende Wolke weht zusammen mit Tante Keiko, um deren Beine nun auch Goro bettelnd tänzelt, und dem Abendessen aus der Küche zu uns. Bis spät abends noch sitzen wir beieinander, je später es wird, umso stiller werden wir Frauen, ernst und müde wird Tantchens Blick, schwerer auch die sorgfältigen Bewegungen, mit denen sie die Falten ihres schlichten Filzrockes glattstreicht, und umso gelöster wird Onkelchen, der mehr zu trinken scheint, als zu essen und trotzdem nüchtern klingt. Mit glänzenden Augen erzählt er von seinen Kühen, die er früher hatte, von deren Milch er lebte und seine Familie ernährte, von ihren lustigen Namen und all ihren Besonderheiten, vom unvergleichlichen Wohlgeschmack eigener, frischer Milch. Üppig war es nicht, das Leben, aber doch sehr glücklich, meint er versonnen zur Wand, hinter der ich die Vergangenheit vermute, und erzählt von all den Festtagsköstlichkeiten, die sie sich damals gerne gönnten. Ein nachgiebiges Lächeln schleicht über sein Gesicht, auch über Tantchens, kaum merklich, doch dann verfinstert sich sein verhangener Blick, wird hart, und Tante Keiko greift lautlos nach seiner dürren Hand. „Aber jetzt ist das vorbei“, schließt er, trinkt hastig den letzten Rest seines Glases aus, das dann überlaut in der Stille zwischen uns auf dem Tisch wieder aufsetzt, unsanft geweckt schaut auch Goro auf. Onkel Kenji starrt ins Leere, kurz nur, bevor er umständlich aufsteht, der Tisch, auf den er sich stützen muss, ächzt an seiner statt und schlurfend verschwindet er im Badezimmer, dem dunklen Flur Unverständliches zumurmelnd.
Bald darauf schlüpfe ich unter die dicke Decke auf meinem Sofabett und ahne jetzt schon, dass mir zu warm werden wird. Mein Kopf fühlt sich müde an, das Einschlafen aber fällt mir schwer. Bleich dringt mattes Licht von draußen herein und Tante Keikos Ersatzgrün wirft groteske Schatten an die bebilderten und doch kahlen Wände. Hinter geschlossenen Augenlidern taucht der verwirrte Ausdruck meiner Arbeitskollegin auf, die sehr überrascht war zu hören, wohin ich fahren würde, mehr noch, dass es solche Orte, Notunterkünfte, Übergangswohnungen, mehr als zwei Jahre nach dem Unglück immer noch gab. War denn nicht schon lange wieder alles gut und sauber, schien sie zu fragen, verräterische Mimik hinter ihrem Einwegkaffeebecherrand versteckend, nicht einmal dreihundert Kilometer entfernt, nicht als einzige.
Langsam sinke ich in einen wirren Schlaf, voll von verzerrten Erinnerungen an Tantchens Paradiesgarten, die steile Treppe in Großmütterchens Haus, die wir Kinder immer auf allen Vieren, oft um die Wette, erklommen und Onkelchens Kuhstall mit all seinem Muhen. Erst spät merke ich, dass ein Geräusch, unverwandt, leise erst, nach und nach alles übertönt, bis es ohrenbetäubend wird und mich aus meiner seichten Ruhe reißt.
Heiß ist es, stickig und schwarz. Wie die Trommeln des Jumanji-Spiels, die mich als Kind bis in den Schlaf verfolgt haben, war es nun ein bedrohliches Knarzen und Knattern, eigentlich Sicherheit bringen wollend, das aus dem Gedächtnis in meine Träume hineinschwappte. Die bleierne Stille danach lässt meine schlaftrunkenen Gedanken gegen wattierte Polsterwände, die Grenzen des Möglichen, rasen und stumm zu Boden fallen.

Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen treiben mich schon früh zu Tantchens morgendlichem Küchengeklimper, dessen sorgenvollem Verstummen ich bei meinem Eintreten sogleich seine Unschuld versichern muss. Während im Wasserglas munter eine Brausetablette auf und ab hüpft, sprudelnd immer mehr zerfallend, plätschert Tante Keikos Wegbeschreibung für meine heutige Fahrt in das friedliche Prickeln vor mir.
Später bin ich zu früh dran und muss warten, bis mein Leihwagen auch bereit für mich ist. Also vertrete ich mir etwas die Beine in dem, was nun denselben Namen trägt wie das Dorf, in dem ich früher so oft meine Sommer verbrachte, sorglos, in dem nie etwas zu passieren schien, und das dennoch ganz woanders liegt, eingemeindet in der Fremde, noch nicht einmal entfernt daran erinnernd, einer Pappkulisse nicht unähnlich. Während mein Blick am umzäunten Spielplatz eines Kindergartens hängenbleibt, frage ich mich, ob ein Ort nicht viel mehr durch seine Örtlichkeit bestimmt wird als durch seine letztendlich ja doch fluktuierende Bewohnerschaft, kann aber keine Antwort finden. In der sanften Frühlingssonne glänzen die metallenen Gerüste der leeren Schaukeln und Rutschen und die Mauer aus unzähligen, in hilfloser Ohnmacht aufgereihten Plastikflaschen voller Wasser am Rande des Spielplatzzaunes wirft flimmernde Lichtreflexionen in den Sand, wie zur Ablenkung vor dem, was sie schützend absorbieren soll, spielerisch tanzend, als hinter mit Buntpapierblumen und Seidenpapierschmetterlingen beklebten Fenstern lachendes Kinderstimmengewirr hervordringt. Ein Schwarm kleiner bunter Gestalten stürmt in den Garten, die mahnenden Rufe hinter sich, „Aber nicht zu lange!“, „Nicht mehr als zwanzig Minuten!“, kaum hörend. An jedem kleinen Hälschen baumelt ein kaltes Kettchen, dessen steriler Anhänger misst, ständig, Tag und Nacht, misst, was sich ja doch nicht abhalten lässt, wovon ein dürrer Arzt mit treuem Blick dann folgsam alle paar Monate besorgten Mütterohren erklärt, dass es völlig unbedenklich sei, auch wenn auf den stummen Mütterzungen tausend berechtigte Ängste liegen. Die Kinder aber wissen nichts von Grenzwerten und ihren angeordneten Erhöhungen, sie können nur vage erahnen, welche formlose Furcht hinter den Augen ihrer Mütter nistet und darum noch unbekümmert spielen und singen, mit klaren Stimmchen, fast so wie auch wir es taten, wenn auch mehr drinnen als draußen und unter ständigen Nicht-Hinweisen, „Kagome, Kagome, der Vogel im Käfig, wann nur, wann wird er hinauskönnen?“, schallt es durch das eingezäunte Gärtlein.

Gehorsam trägt mein kleines Gefährt mich durch zu leere Straßen, ausdruckslos nickt die kleine hölzerne Akabeko am Armaturenbrett meinen Gedanken zu, während aus blauem Himmel, wolkenlos, die Sonne herablächelt auf zu fröhliche Hinweisschilder mit den obligaten Lasst-uns-Aufforderungen. Zu viele flackernde rote Zahlen auf mattschwarzem Messgerätgrund, an zu vielen Ecken lauernd versuchen sie das Unberechenbare zu berechnen, lassen nicht vergessen, womit eingemauerte Asphaltplätze mit blauen und schwarzen Müllsackbergen unheimlich drohen, gleich wie malerisch die Blumen und Bäume auch blühen mögen, hier in dieser Präfektur, deren Name doch eigentlich „Insel des Glücks“ bedeutet. Jetzt aber scheint er nur noch Hohn zu sein, heute möchte niemand mehr die samtigen, rosafarbenen Pfirsiche und knackigen, grünen Bohnenschoten essen, von denen meine bunten Schulbücher mit grinsenden Figürchen mir noch beibrachten, dass die Region für sie berühmt sei, sie verrotten an den knorrigen Ästen, die sich unter ihrer betäubend süßlich riechenden Last krümmen. Ein Grauen jenseits des Begreiflichen hat hier alles durchdrungen und übrig bleibt nur eine bizarr schöne, fruchtbare Hülle des Früheren, von tief innen heraus verfaulend.
Bald schon lasse ich alle bekannten Wege hinter mir, folge den verschlungenen Routenempfehlungen von Onkel Kenjis Freund Naoto, auf Waldwegen, über Stock und Stein, um dorthin zu gelangen, wo man nicht hinzuwollen hat, in die Sperrzone, aus der nur Todesangst die Menschen trieb, viele, meist ältere, nur an ihren ebenso verseuchten Rand, tagein, tagaus hoffnungsvoll zurückblickend, der Furcht nur mit dem stummen Mut der Verzweiflung trotzend, an Orte verbannt, an denen sie noch nicht einmal sterben wollen. Tantchen hat mir von Herrn Naoto erzählt, mir Fotos von früher gezeigt, auf denen auch er, ein kleiner stämmiger Mann mit freundlichem Lachen und festem Blick, mit anderen Bauern des Dorfes zu sehen war. In dem, was manche für abgestumpfte Dummheit und andere für bewundernswerte Selbstlosigkeit halten, ist er dort geblieben, wo sonst keiner mehr bleiben konnte und beschloss, jene aus ihrem Leid zu retten, für die die hilflose Regierung nur sinnlosen Tod, Notschlachtung, als Erlösung verordnete. Er befreite und sammelte die lebenden Tiere um sich, begrub die toten, sah die Hölle in den Augen elend verhungernder Rinder, denen nicht mehr zu helfen war, eingesperrt in verlassenen Ställen, hörte ihre schwächer werdenden Rufe, durfte Wunder des Überlebens, musste aber auch vergeblich an ausgemergelten Eutern schon fast verendeter Muttertiere und zitzenähnlichen Seilen nuckelnde Kälber zwischen den Kadavern ihrer Artgenossen mitansehen.
Und so lebt er nun, umgeben von einem bunten Reigen verschiedenster Tiere, Rinder, Katzen, Hunde, Strauße, in einem strahlenden Garten Eden, verboten sind hier alle Früchte, nicht nur eine, untrinkbar auch das Wasser, drohend die Einsamkeit, ein Tantalos ohne Sünde.
Übergroß flankiert allerorts wuchernde Vegetation meine Fahrt über Straßen, die bald völlig intakt, bald ins Nichts führend einfach abbrechen, vorbei an früher ernährenden Äckern, in denen jetzt nutzlos gewordene Autowracks, zerdrückt und scheibenlos, ruhen. Kilometerweit ins Landesinnere gespült zerreißen die gestrandeten Überreste von größeren und kleineren Schiffen aus den Häfen entlang der Küste die Einöde um sich, bauen sich lautlos mahnend vor mir auf, surreal gegen jede Sinnhaftigkeit, auf freiem Feld, halb auf den zerplatzten Asphalt gestürzt, von der Witterung gezeichnete Zivilisationsskelette.
Später lasse ich mein Wägelchen stehen, will die letzte Strecke zu meinem Ziel zu Fuß zurücklegen, durch den Erinnerungsort so vieler Sommer meiner Kindheit, den Heimatort meiner Mutter und auch Tante Keikos, die als älteste der Schwestern hier geblieben war, die Eltern versorgend, den Hof mit den Kühen übernehmend. In manchen der Straßenzüge, durch die ich schweigend streiche, sind nur noch Ruinen der Gebäude übriggeblieben, kalt und leer starren sie mich an, den Verfall einrahmende Betonskulpturen, doch in anderen beschleicht mich für einen kurzen Moment sogar das Gefühl, nur ein etwas zu starker Wind wäre über das Dorf hinweggebraust. In den Schaufenstern der Bäckerei liegen die frischen Brote von vor zwei Jahren, bedeckt mit einem samtenen grünen Flaum, und ein zu Boden gerutschtes Schild, fein säuberlich mit Hand beschrieben, dekoriert mit getrockneten Blumen, bietet das Tagesangebot vom 11. März, drei Melonenbrötchen zum Preis von zweien, feil. Schutt und Scherben bedecken viele der Gehsteige, manche Schaufenster sind zerborsten, Hecken und Farne sprießen in ungekannte Höhen, aus aufgeplatzter Straßenhaut wuchert es grün, blühend um unbewegte Autos herum. An größeren Kreuzungen blinken verwaiste Ampeln in ihren Kabelnetzen ins Leere und in einigen Gärten entdecke ich die Körper einst geliebter Haustiere zu Fellumrissen und abgenagten Gerippen verkommen, das Glöckchen am Schulrucksack eines Kindes, ordentlich an die Wand der Veranda gestellt zurückgelassen, ausgebleicht von unbarmherziger Sonne, fleckig vom Regen, klingelt leise im Wind.
Vier Jahre zuvor hatte Onkel Kenji das Haus erst erneuert, viel Mühe und Arbeit, freilich auch Geld, in die Renovierung und die Erweiterung des Stalls gesteckt, in dessen Dunkelheit meine Schritte nun hohl verklingen und nicht einmal der Geruch mehr an seinen Zweck erinnert, kühl glänzen die Stahlverstrebungen im fahl einfallenden Tageslicht. Selbst nach dem Unglück wollte er nicht aufgeben, tat es nicht, erst, doch wer würde diese Milch noch kaufen wollen? Nach und nach musste er all seine geliebten Kühe schlachten, bis keine einzige mehr übrig geblieben war und auch er Grund und Willen zum Dableiben verloren hatte, sein Durchhalten, das er immer zu einer Tugend erklärt hatte, zur Macht, war zur Ohnmacht geworden. Auch Tantchens Garten ist jeder Form entwachsen, unablässig weiterblühend. Schwer nur lässt sich der kalte Schlüssel im Schloss drehen. Drinnen ist vieles genauso geblieben, wie ich es in Erinnerung hatte, im Wohnzimmer steht noch immer jener große Tisch, unter dessen wohlig warmer Kotatsudecke wir zum Neujahrsfest alle unsere Beine drängten, während Großmutter geduldig für all ihre Enkel Mikan schälte und Großvater, im Sitzen eingenickt, japsend schnarchte. Manches harrt abgedeckt der Wiederkehr seiner Besitzer, vergeblich wohl, und während ich zwischen unendlich vielen Erinnerungen nach jenen Dingen suche, die ich gebeten worden war mitzubringen, Kimonos meiner Mutter, Fotos meiner Familie, wächst die Stille um mich herum immer weiter an, bedrohlich ohrenbetäubend unerträglich werdend, und beinahe über meine eigenen Füße stolpernd haste ich abschiedslos zurück zu meinem Wagen.
Unter einem roten Himmel über schattigen Reisfeldrechtecken rase ich dem Schweigen der finsteren Nacht entgegen, bemerke selbst erst spät meine Anspannung, meine seit Stunden flache Atmung, wage nicht durchzuatmen, denn in dieser Welt ist der Schrecken geruchlos, er stinkt ebenso wenig wie Geld, nicht spürbar, unsichtbar und doch überall, in der Erde, den Wassern, den Winden. Er verbreitet sich wie ein Baum, der sprießt, in feinen und feinsten Verästelungen, wie auf Japanpapier ausgelaufene Tusche, immer weiter. In Ermangelung eines Endlagers haben wir unseren eigenen Lebensraum zum finalen Endlager gemacht.
Als ich die Containersiedlung wieder erreiche, proben deren ergraute Bewohner im harten Licht der Straßenlaternen, umringt von erbarmungsloser Schwärze, ein letztes Mal für das morgige Fest, singen mit müden Stimmen, tanzen mit schweren Gliedern und ich begreife, dass auch Traditionen von innen heraus verfaulen können.

Die Kühle der Morgendämmerung schleicht durch das geöffnete Fenster und lässt mich für einen Moment frösteln, als Tante Keiko mir hilft, den Kimono zu binden, bleiern lastet der traditionstrunkene Stoff auf meinen Schultern, während ich mein Haar kämme und der schwarze Ballen loser Haare, die ich aus der Bürste ziehe, in meiner linken Hand stetig anwächst.
Die Angst hat den Zeitplan der Schreinfeierlichkeiten gestrafft, sämtliche Stände mit Spielen oder duftenden Imbissen verbannt und so manches festlich gekleidete Gesicht hinter steriles Mundschutzweiß gezwungen. Die Prozession schreitet leise singend, der Kannushi und die Mikos voran, unter den Kirschbäumen der Tempelallee des alten Dorfes zum Schrein, dessen jahrhundertealter Grund, nun da er nur noch einmal im Jahr betreten wird, wohl noch heiliger geworden ist, zu Boden sinken Kirschblüten. Onkelchens Blick neben mir wirkt leer und ich muss an seine ausdruckslose Miene denken, als ich ihn zur Aufheiterung, kläglich scheiternd, aufgekratzt von Erinnerungen berichtend, nach seiner liebsten Erinnerung fragte. „Ich habe keine mehr“, antwortete er tonlos, nach bedrängender Pause, aus eingefallenen Zügen.
Der Kannushi leitet die Zeremonie, der scheppernde Klang der Tempelglocken unterbricht das blaue Meerestosen, aufgereiht zur Rechten und Linken des Altars verbeugen wir uns tief, klatschen zweimal in die hohle Stille, schließen die Augen, sollen beten, doch mein Kopf füllt sich mit grauem Nichts. Fromm versuche ich den Namen Gottes in das Nichts zu schieben, Kami, doch alles, woran ich denken kann, sind die formlosen Laute seines Namens, Ka, Mi, die in dieser Sprache so voller Homonyme, genauso Papier, geduldiges, Haare, in Büscheln ausfallende, oder Obrigkeiten wie die Regierung, den drei Äffchen aus Nikko so ähnlich, meinen können. Noch einmal verbeugen wir uns, das Verklingen der Tempelglocken dauert überlang.
Im bleichen Morgenlicht scheint auch Tantchens ernstes Gesicht ausgemergelt und die matte Vormittagssonne im Rücken, blasse, lange Schatten vor uns, kann auch ich verstehen, warum Vergessen Erlösung wäre, wie sie mir nachsichtig lächelnd, in nervöser Müdigkeit zittrig geworden, sorgsam jedes Pflänzchen gießend, anvertraute.

Der Wind, der zusammen mit der grauen Gischt in den kleinen Hafen gespült wird, ist beißend kalt und schmeckt salzig. Ich vergrabe meine eisigen Hände in den Taschen meiner viel zu dünnen Jacke, schon wieder gewachsenes Gepäck noch fester an mich pressend, beobachte ich das Treiben um mich. Gedrungene Männer verladen mit harten Gesichtern Kisten von einem gerade eingelaufenen Fischerboot an Land, bringen sie nach und nach unter das Vordach der kleinen, etwas heruntergekommenen Hafenhalle. Dort werden die Paletten einzeln gewogen, fangfrische Fische zappeln in ihnen, nach Leben schnappend, während die Arbeiter ausdruckskarg das Geschehen betrachten. Einer aber spürt meinen mitleidsvollen Stadtkindblick und seine verkniffenen Züge entspannen sich etwas, als er mich, eine bereits gewogene Kiste ergreifend, darüber aufklärt, dass diese Fische hier Glück hätten. Sie lägen ohnedies alle über den Grenzwerten, niemand wolle sie essen, auch wenn die Fischer dennoch von TEPCO je nach Gewicht für ihren Fang bezahlt würden.
Irgendwo in meinem Hinterkopf donnert Sisyphos‘ Felsbrocken zu Tale.
Ein mildes Lächeln spielt um seine schmalen, trockenen Lippen, in den klaren Augen etwas trotzige Trauer, als er die sich immer noch windenden Fische mit einem geübten Schwung wieder zurück in den trübe rauschenden Ozean kippt. Mit einem kräftigen Schlag ihrer farblosen Schwanzflossen verschwinden sie ins tiefe Grau.

Sarah Victoria Hoch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 14063

 

Die Sonnenfinsternis vom Mittwoch, 11. August 1999, am Faaker See

Zunächst schien es, alles wäre vergebens gewesen. Das Buchen der Zimmer, die Anreise, der Kauf der Spezialbrillen, das Warten. Dann aber gab es Risse in den Wolken, die, anfangs tief­hängend, als wollten sie bald vom Himmel fallen, sich mehr und mehr darauf besannen, daß hoch oben ihr Platz war. Aus den Rissen wurden blaue Flecken, dann blieb die Sonne längere Zeit sichtbar und wärmte auf. Glaubte man zuerst, es handle sich vielleicht um eine boshafte Täuschung, um das Wecken falscher Hoffnungen, erkannte man bald mit Gewißheit, der Him­mel hatte ein Einsehen. Dabei wäre es in dieser Region gar nicht so wichtig gewesen, handelte es sich doch um eine Randzone der bevorstehenden totalen Sonnenfinsternis. Doch selbst hier wollten sich die Leute die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, Zeugen einiger Mi­nuten Verdunkelung zu werden.

Ich hatte anfangs, noch an diesem Morgen, noch am frühen Vormit­tag, gedacht, mich interessiere das nicht, sollen doch die anderen schauen, mit ihren Spezial­bril­len, die sie den Boulevard-Zeitungen entnommen haben. Ich doch nicht. Aber als es auf­klarte, als das tiefhängende, bauchige Grau sich zurückzog und immer mehr dem Blau des Himmels Platz machte, erwachte auch in mir Interesse. In der Nähe, östlich des Faaker Sees, lag der Tabor, ein Aussichtsberg über das Seegebiet, über die Wälder, die Karawanken im Sü­den. Ein Stück fuhr ich mit dem Auto hinauf, ließ es auf einem kleinen Parkplatz stehen und ging eine kurze steile Strecke zu Fuß. Dann erreichte ich die Restauration am höchsten Punkt.

Obwohl es noch einige Zeit bis zu dem seltenen Ereignis dauerte, waren schon viele Leute da und hatten sich die besten Plätze, die mit der besten Aussicht über die Landschaft und mit Blick in die Sonne, besetzt. Doch es war noch genug frei, sodaß ich einen günstigen Platz, vermeinte ich, fand. Es war noch Zeit. Die wollte ich zum Laben nützen. Nach einigen Minuten bekam ich das Gefühl, ich leide an Inkontinenz. Von meinem Gesäß strahlte eine unangenehme kalte Feuchtigkeit aus, die sich nach unten ausbreitete. Offenbar war die Holz­bank vom nächt­lichen Regen noch mit Nässe durchtränkt, und die Leute, die vor mir gekom­men waren, hatten die Sitzpolster in Besitz genommen und diesen Platz gemieden. Deshalb war er frei geblieben. Schlechter Laune warf ich der Kellnerin den untragbaren Zustand vor. Das junge, vergnügte Mädchen besorgte mir altem Grantscherm einen Polster, der meine Feuchte aufnahm und die nasse Kälte von mir fernhielt. Das hätte mich vielleicht aufgeheitert, doch die Tatsache, auf etwas Eßbares etwa eine halbe Stunde warten zu müssen, machte alles zunichte. Dann wurde ein Tisch frei, der schon längere Zeit der Sonne ausgesetzt gewesen war. Ich stürzte hin. Die Bank war trocken und warm. Ein Fortschritt.

Immer mehr Schaulus­tige, meist Touristen, wa­ren inzwischen gekommen, standen zum Teil am Geländer. Unten lag der See, grün durch die Spiegelung der ihn umgebenden Wälder in seinem Wasser. Im Süden erhoben sich die Kara­wanken, ungerührt von den Dingen, die kommen sollten, trotzig, archa­isch, schroff. Es kamen noch einige Leute, die keinen Platz mehr fanden und das be­vorstehende Ereignis im Stehen sehen wollten. Die meisten hatten Spezialbrillen mit, die eine gefahr­lose Sicht in die Sonne gewähren sollten, nur einige wenige begnügten sich damit, das was da kommen sollte, mit freiem Auge, ohne Blick in die Sonne, nur die Auswirkungen auf die Landschaft zu begutachten.

Dann be­gann das Ereignis. Bebrillte Gesichter ringsum. Nach und nach wurde das Tageslicht trüber, nicht so wie während der Dämmerung, wo die Sonne sicht­bar bleibt oder hinter Wolken ver­schwindet und die Lichtbrechung und der Einfallswinkel ihrer Strahlen und ihr langsames An­nähern an den Horizont für die Änderung der Lichtver­hältnisse verantwortlich sind. Jetzt aber schob sich der Mond, selbst für die Strahlen der Sonne undurchdringlich, vor sie, hier zwar nicht vollständig, nur partiell, aber immerhin ge­nug, um eine geheimnisvolle Dämmrigkeit ent­stehen zu lassen, eine fast bedrohlich wirkende Dunkelheit, die die Welt für die Zeit ihrer Dauer scheinbar verstummen und stillstehen ließ. Gewiß, die Schaulustigen ließen ihrer Begei­sterung freien Lauf, reichten ihre Brillen weiter, riefen sich gegenseitig ihre Eindrücke zu. Doch das Leben ringsum, das Getier, die Vögel ver­fielen für die wenigen Minuten der Dunkel­heit in Schweigen, und eine merkliche Abkühlung, noch deutlicher spürbar durch den leichten Wind hier oben auf dem Tabor, ließ fast frösteln und erahnen, was ein Verschwinden der Sonne, und sei es nur teilweise, und sei es nur für einige Minuten, ja Sekunden, nach sich zöge. Die Schatten verschwanden, über allem lag die­ses verdeckte dunkle Licht. Selbst die Segel­boote tief unten auf dem See schienen stillzuste­hen, selbst der Autoverkehr hielt inne, sogar die eiligen Lenker ließen sich das seltene Schau­spiel nicht entgehen.

Daß diese mystische Dunkel­heit, solange sie nicht erklärbar gewesen war, als von den Göttern stammend, als Strafe für menschliche Vergehen, als Androhung des Untergangs der Welt betrachtet und empfunden worden war, erschien angesichts des eigenen Erlebens äußerst verständlich. Unser heutiges Erleben erfolgt dagegen mit dem Hintergrund logischer wissenschaftlicher Begründungen und Erklärungen und beraubt das Ereignis seines Charakters als Wunder. Trotzdem wird nicht nur Nostradamus bemüht, und selbst Wissen­schaftler (ehemalige Wissenschaftler?) verfallen in Spekulation und reden den Menschen nach der Seele.

Dann merkte man, wie die Dunkelheit behutsam schwand, wie die Schatten wieder scharf und konturiert wurden, wie das Licht seine für diese Jah­reszeit gewöhnliche Beschaffenheit annahm, wie es warm, wie es schließlich heiß wurde. Die Segelboote setzten ihre Fahrt im Wind fort, die Badenden strömten ins Wasser, die Autos schlängelten sich unten durch die Orte, die Spezialbrillen wurden als Andenken einge­packt oder in den Abfalleimer geworfen. Die Tiere spürten, die kurzzeitige Änderung in der Natur war vorüber, es war heiß wie zuvor. Jetzt hieß es, lange Jahre, Jahrzehnte zu warten, bis die nächste Finsternis die Men­schen stau­nen lassen würde. Irgendwo auf der Erde aber kann man eine solche Finsternis er­leben, sie ist genau berechnet, zeitlich und örtlich, und die Rei­severanstalter bieten sie im Arrange­ment an. Und der vermeintliche Untergang der Welt kann erwartet und ersehnt wer­den. In einer Zeit rationaler Aufklärung scheint es notwendig, einfache Erklärungen mit Untergangs­visionen zu verbrämen, das macht die Ereignisse zu Wundern, gottgewollt oder vom Teufel inszeniert und den Menschen zur Warnung veranstaltet. Dann wird es finster durch die astro­nomische Stellung des Mondes und der Sonne, frostig und still. Für eine kurze Weile herrscht Schweigen.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 14005

Volkers Fahrt

Ja, der Volker, mit dem ist es eine eigene Geschichte, ein Exkurs lohnt sich vermutlich, vielmehr hoffentlich.
Eigentlich wollte er ja gar nicht einsteigen, und ebenso eigentlich war das sein Hauptproblem. Immer alles offen lassen, Optionen sollen Möglichkeiten bleiben und keine Entscheidungen nach sich ziehen, wer also in einen Zug steigt, lässt einen anderen sein, auch einen, der vielleicht erst übermorgen kommen mag und der viel schöner, größer, ansprechender wäre als der jetzige.
So kann man auch das Leben verpassen, meint in großer Sorge seine Mutter. Das mit der Ilse lassen wir jetzt aber lieber. Oder wir kommen darauf zurück, falls die Schreibe auf die Folgen von Alkoholmissbrauch kommen soll(te).

Der Volker also sitzt in diesem vermaledeiten Zug, er fragt sich schon, was das soll, da betritt eine auffallend schöne, leicht verwirrt wirkende Frau das Großraumabteil, sofort bricht ein Blickgewitter über sie herein, sie entscheidet sich schließlich für einen Sitzplatz schräg gegenüber Volker. Dieser winkt den Zurückgelassenen müde aus dem Fenster zu und schon ruckelt es und der Zug fährt ab.
Er, der Schläfrige, sieht mit einigem Neid zu, wie sie ihr einziges Gepäckstück, ein recht großes Kopfkissen, an die Scheibe lehnt und erschöpft die Augen schließt.
Die hat recht, denkt er. Das, was sie gerade braucht, hat sie mit, mehr nicht, keinen unnötigen Ballast.
Er hingegen schleppt immer Unmengen an Möglichkeiten mit sich herum, gewappnet für Vorfälle, die sich nie ereignen mögen, einen monströsen Regenschirm am strahlendsten Frühlingstag hat er sich bis heute nicht verziehen.

Vielleicht hat er auch geschlummert, schwierig zu sagen, der Nacken schmerzt, irgendwie wird er schon einge(k)nickt sein.
Er reibt sich die Augen, die Schöne ist offenbar gerade erwacht, schüttelt sich ein kleines aufreizendes bisschen, streckt ihre langen Glieder und hat plötzlich ein Sandwich in der rechten Hand. Der Polster ist nirgendwo zu sehen.
Sie betrachtet das Brötchen und beißt schließlich mit Appetit hinein, was Volker daran erinnert, dass seine letzte Mahlzeit viele Stunden zurückliegt.

Auch ein Schluck zu trinken wäre gut, denkt er und macht sich auf die Suche nach einem Speisewagen. Die Suche bleibt erfolglos, so kehrt er schließlich um und stürzt fast, als der Zug in eine engere Kurve fährt, weil er damit beschäftigt ist, die Frau anzustarren.
Sie trinkt genüsslich aus einer Wasserflasche, die gekühlt zu sein scheint, wie die Kondenswassertropfen verraten.
Sie muss wohl schneller gewesen sein als er, und in der anderen Richtung erfolgreicher unterwegs.

Sie nach dem Speisewagen zu fragen, traut er sich nicht, diese Erscheinung jagt ihm Ehrfurcht oder gar Angst ein. So geht er in die andere Richtung, doch dort befinden sich außer halbleeren Wagons nur die Lokomotive und eine Toilette.
Hier spritzt er sich einige Hände kaltes Wasser ins Gesicht und atmet tief durch.

Wenig überrascht stellt er fest, dass ihr Platz leer ist, als er in das Abteil zurückkommt.

Es wird Zeit, auszusteigen.

Er sieht Ilse fast schon am Bahnsteig stehen, hört sie beinahe lachen und sagen, er hätte gleich auf sie hören sollen.
Ausgerechnet Ilse!

Carmen Rosina
Text veröffentlicht in: Die Zeitgenossin, Heft 8

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 13019

 

Ahoi.

Also das mit der Martina war sowieso die ärgste Geschichte. Acht Jahre war ich mit ihr zusammen, alle Höhen und Tiefen. Dann verlässt sie mich mit all ihren Sachen von heute auf morgen. Sie hätte endlich eine Wohnung gefunden und den Auszug schon ganz lange im Sinn gehabt, jetzt wäre die passende Gelegenheit und der ideale Tag. Sprach’s, packte ihre Sachen in ihren hellblauen VW-Käfer und fuhr davon. Bei mir natürlich Katzenjammer.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Martina bereits einen anderen. Einer ihrer Kollegen hatte es ihr angetan, der war allerdings verheiratet und der Prozess des Entscheidens gestaltete sich langwieriger als erwartet. Ich hatte auch meine Gespielinnen, doch Martina war mir noch wichtig und ihr ging’s anscheinend ähnlich mit mir. Nach einem Jahr trafen wir uns immer noch zum wöchentlichen Gedankenaustausch.

Dann kam mir die Idee mit dem gemeinsamen Segeltörn. Frauen, die bei solchen Plänen nicht Reißaus nehmen, sind rar gesät. Martina wollte ihrem neuen Freund gegenüber wohl so was wie ein deutliches Statement abgeben, was sie von seiner Zögerlichkeit hielt, und so geschah’s eines schönen Sommertages, dass meine Ex und ich in Poreč gemeinsam eine weißglänzende chice 14m-Yacht bestiegen und bei allerbestem Wind Richtung Rovinj ablegten.

In der Vergangenheit über Jahre ein eingespieltes Gespann beim Binnensegeln am Attersee, erwies sich das Teamwork mit Martina auf der Adria als tückisch. Bei nahezu perfekten Windbedingungen konnte ich mein Bedürfnis nach Abenteuer in Schräglage voll ausleben, so manch gewagte Wende ließ das Adrenalin nur so in meine Adern sprudeln. Die Abende mit Martina sollten die Reise krönen, mit einem Glas Rotwein kuschelig an Deck den Sonnenuntergang genießen, ja, so stellte ich mir das vor.

Am ersten Abend hatte ich mir noch nicht viel dabei gedacht, aber alle weiteren verliefen völlig ähnlich! Ich gebe ja zu, das Segeln selbst war schon recht aufregend, da ich ziemlich an meine Grenzen als Skipper ging. Okay, auch an die der Yacht. Und ja, ganz besonders an die meiner Segelpartnerin. Meine Manöver, wilden Halsen und extreme Schräglagen hatten ihr so zugesetzt, dass sie sich abends nach dem Essen aufs Sofa setzte, dabei aber (sitzend!) augenblicklich in komatösen Tiefschlaf fiel, aus dem sie erst am nächsten Morgen wieder erwachte. Mir blieb einzig, sie in eine bequeme Schlafposition zu bringen und freundschaftlich zuzudecken. Sonnenuntergang und Wein waren somit mir allein vorbehalten, der Romantikfaktor demgemäß bescheiden.

„Klar zum Wenden. Nimm die Fockschot von der Winsch.“

Mit der erwarteten Gefühlsdichte an Bord war es also nicht weit her. Aber das war noch nicht alles. Die Stimmung wurde von Tag zu Tag angespannter. Martina verweigerte, bei stürmischem Seegang aus der Kajüte an Deck zu kommen, wo doch jede Landratte weiß, dass genau dort das Schlingern am größten ist und vom Magen am schlechtesten toleriert wird. Um auf eine plötzliche Schlagseite des Bootes optimal zu reagieren, hätte sie außerdem im Luv an der Reling sitzen müssen. Bei ziemlich starken Wellen und extremer Krängung des Bootes saß diese Frau also eines Tages unter Deck und aß ein halbes Kilo Kirschen, um sich abzulenken, die Kerne spuckte sie in den Plastiksack zurück, der die Früchte vorher beinhaltet hatte. Davon hatte ich natürlich keine Ahnung, denn ich kämpfte währenddessen mit den wild gewordenen Elementen. Gar nicht so leicht für eine einzelne Person, eine Halse bei Starkwind durchzuführen, aber die Freude, das Bootsheck durch den Wind gehen zu lassen, übertraf die Ängste. Wir entfernten uns rasch vom Land.

So einen Sturm wollte ich nutzen, die Geschwindigkeit reizte mich, das gebe ich zu. Als Martina plötzlich den Kopf bei der Kajütentür hinausstreckte, war sie schon ganz grünlich-weiß im Gesicht. „Mir ist schlecht“, schrie sie mir durch die Gischt entgegen. „Komm an Deck, hier ist es besser!“, war meine Antwort, die ihren schreckensgeweiteten Augen entgegenschlug. Sie hatte meine Worte aber wegen des tosenden Windes offensichtlich nicht verstanden, denn sie zog sich wieder zurück. Gerade als ich entschied, klein beizugeben und die Segel zu reffen, die ärgsten Böen vorüberziehen zu lassen und damit die Situation zu entspannen, legte der Wind sich von selbst. Es wurde rasch ruhiger, ja, die Uhrzeit passte, die abendliche Flaute ging erfolgreich gegen den Sturm in Opposition.

Martina hatte sich unten in der Kabine inzwischen mehrfach in den Plastiksack mit den Kirschkernen übergeben und kam nun schwankend aber sichtlich befreit an Deck und lehnte sich erschöpft an die Backbord-Reling.

Der Wind war mittlerweile völlig abgeflaut. Zurück an Land würde uns also nur mehr der Motor bringen, den ich daraufhin startete. Eigentlich stümperhaft, denn ein guter Skipper sollte vor der Flaute mit Windkraft einfahren. Wir tuckerten also langsam vorwärts und ich konnte mich meiner blassen Partnerin widmen. Diese verknotete gerade den Plastiksack mit der roten Masse und schleuderte ihn kurz entschlossen ins Meer. Wohlgemerkt zielgenau vor den Bug platziert und wirklich mit Verve. Wir steuerten direkt darauf zu, setzten darüber hinweg, der Motor geriet ins Stottern und erstarb schließlich mit einem unangenehmen Röcheln.

Ich musste schlucken und hielt kurz die Luft an. Wir waren bei völliger Windstille und ohne Motor nahe gefährlicher Untiefen mit zerklüfteten, spitzen, teilweise aus dem Wasser ragenden Klippen unterwegs. Wobei „unterwegs“ jedenfalls übertrieben war, denn wir trieben unterdessen langsam dahin, ohne Einfluss auf unsere Fahrtrichtung nehmen zu können.

Ich entschied mich, zu tauchen und nach dem Motor zu sehen, das Meer war spiegelglatt, ich ging keine Gefahr ein. Meine Ahnung wurde prompt bestätigt, der weiße Plastiksack hatte sich mitsamt seiner unappetitlichen Füllung um den Schiffspropeller gewunden und den Motor abgewürgt. Erst nach eineinhalb Stunden gelang es mir, mit einem Stanley-Messer das Plastik von der Schraube zu schneiden und diese wieder freizulegen. Mit einer tiefen Schnittwunde an der linken Hand kletterte ich erschöpft aus dem Wasser.

Der Motor ließ sich nicht wieder starten.

Es wurde bereits dämmrig, die Yacht war den Felsen gefährlich nahe gekommen und ich ernsthaft kurz davor, über Funk ein „Mayday“ abzusetzen, als es schließlich nach vielen Fehlversuchen doch noch gelang, die Maschine wieder flott zu kriegen.

Unsere Fahrt abzubrechen stand zwar im Raum, wir waren aber beide so erleichtert, uns selbst aus dieser prekären Situation befreit zu haben, dass wir den Rest der Fahrt doch noch in halbwegs gelöster Stimmung absolvierten. Allerdings erwies diese sich als die letzte unserer gemeinsamen Reisen.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 13001

 

 

Fieberphantasien im Pullmann-Abteil

Meinem ein bisschen versnobten damaligen Begleiter, einem jungakademischen Psychologen, kam es gerade recht, einer reiseunerfahrenen jungen Frau wie mir zu zeigen, wie man Reiseabenteuern souverän begegnet. Handtellergroße Kakerlaken auf dem Klobrett, doppelt zur Unterschrift vorgelegte Kreditkartenbelege und der Mietwagen, dessen Pneu die Luft nur bis zum nächsten Stadtviertel halten konnte, fallen unter die Rubrik touristische Kümmernisse allgemeinüblicher Natur und damit bei nervenstarken westeuropäischen Touristen nicht weiter ins Gewicht.

Auf die kolportierte Überlegenheit des Mannes vertrauend, konkret auf die meines damaligen Freundes, ließ ich mich also vom Kauf dieses Zugtickets nach Mexiko City überzeugen.
Mein Psychologe, der übrigens verbal und nonverbal eine beginnende Magen-Darm-Verstimmung ankündigte, erklärte mir, dass wir ein so genanntes Pullman-Abteil gebucht hätten; er wusste oder erfand gut, welche bedeutenden Menschen in diesem komfortablen Abteil bereits gereist seien. Der Charme des 19. Jahrhunderts war nicht nur optisch präsent, nein, den ein Jahrhundert lang benützten Polsterbänken haftete auch ein ganz besonderer Geruch an. Drei Stunden sollte laut Fahrplan die Fahrt in die Hauptstadt dauern.
Auf halber Strecke – wir hatten gerade unseren Reiseproviant verzehrt – ging plötzlich gar nichts mehr; der Zug blieb ruckartig auf freier Strecke stehen. Meine Frage an den mexikanischen Schaffner nach der Ursache unseres abrupten Stopps wurde mystisch lächelnd mit Schulterzucken quittiert. Wir befanden uns mitten auf freiem Acker, links und rechts nur trockene braune Erde, keine Siedlungen, keine Menschen, keine Straßen.

Die zuvor noch leichten Anzeichen einer Magen-Darm-Verstimmung meines Begleiters wichen ausgeprägten Beschwerden. Natürlich waren wir vage darauf vorbereitet, dass auch uns Montezumas Rache ereilen würde, aber ausgerechnet jetzt und hier? Die Toiletten aus dem vorigen Jahrhundert verloren schnell ihren viel gepriesenen Charme. Zu den eruptiven Emissionen meines Freundes gesellte sich innerhalb der nächsten beiden Stunden sehr hohes Fieber – unser unfreiwilliger Aufenthalt zog sich hin.
Unsere Getränkevorräte waren erschöpft, es war extrem heiß und stickig in unserem Abteil, auch durch Öffnen der Fenster und Türen kam kein lindernder Luftzug zustande; mein Freund transpirierte und ich aus Angst um ihn nicht minder, denn er lag mittlerweile mit hochrotem Gesicht auf dem Bett und konnte ganz entgegen seine Natur keinen zusammenhängenden Satz mehr sprechen. Er hatte Durst, wir hatten Durst; das Wasser aus der Leitung war gerade gut genug für einen Umschlag auf seine fiebrige Stirn.

Der Schaffner spazierte mit dem Zugführer rauchend und wild gestikulierend außen am Zug entlang und nichts deutete auf eine baldige Weiterfahrt hin. Meine Frage nach Getränken verneinte er bedauernd; und nein, ein Arzt sei nicht im Zug. Immerhin war genug Klopapier vorrätig. Ein launiger Mitreisender im Nachbarabteil bot mir statt Wasser zur Beseitigung unserer „bad vibrations“ Kokain, auf das ich dankend verzichtete.
Zwischen erotischen Fieberphantasien, zu deren Realisierung mein deaktivierter Geliebter – Montezuma sei’s gedankt – zu schwach war und geräuschvollen Aufenthalten im Pullman-Klo verging die Zeit dann doch irgendwie kurzweilig bis zur Weiterfahrt.
Nach neunstündiger „Fahrt“ erreichten wir die mitternächtliche Hauptstadt. Ich war in diesen Stunden von der unbedarften zur routinierten Reisenden gealtert, nahm meinen Rucksack auf den Rücken, seinen auf die rechte Schulter, mit der linken stützte ich meinen kranken Freund, brüllte mit Nachdruck erfolgreich nach einem Taxi, korrigierte spanisch stotternd dessen Fahrtroute, und wir erreichten mit halbtägiger Verspätung unser Hotel, wo mit Arzt, Salzkeksen und Bier mein Liebster nach einigen Tagen voll wiederhergestellt war.

Das Histörchen mit den erotischen Fieberphantasien diente übrigens noch eine Zeitlang der spektakulären Erbauung unseres Bekanntenkreises, bis mein Freund – ganz Psychologe – das einfach meiner Phantasie zuschrieb. Letzteres stand aber nicht wirklich in ursächlichem Zusammenhang zu unserer bald darauf erfolgten Trennung.

Michaela Swoboda

Text veröffentlicht in:  Der Spiegel

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 13012

 

 

Ah & Oh!

Der Zug war voll und ganz knapp erwischten wir noch zwei Sitzplätze. Uns gegenüber so ein smarter Thirtysomething. Ein Anzugträger mit stylischer Hornbrille, iPad und iPod. Er telefonierte, warf uns beiden Mädchen einen knappen grüßenden Blick zu.

Kathrin und ich wollten unsere Seminararbeit über das Kartellrecht in der EU vorbereiten und starteten beflissen unsere Notebooks. Mussten aber notgedrungen unserem Gegenüber beim Telefonieren zuhören.

„Ja, ja, genau, Sie sagen es, ein lifestyliges Wohnaccessoire. Wie der Radiowecker, exakt. So sehen es unsere Kunden. Kann durchaus am Kaminsims stehen und als moderne Skulptur durchgehen. D‘accord, für den Swiss Design Award sind alle 39 Produkte unseres Portfolios nominiert worden und 8 davon haben eine Auszeichnung erhalten. Kein Geld, aber unser globales Ansehen ist gestärkt. Es bescheinigt uns höchste Designkompetenz. Die puristische Linienführung hat die Juroren überzeugt. In der Kategorie „Outdoor, Sport und Hobby” konnten wir reüssieren, besonders die herausragenden Detaillösungen wurden lobend erwähnt.“

Er sprach einigermaßen laut und für sein Umfeld deutlich vernehmbar. Kathrin warf mir einen genervten Blick zu und flüsterte: „Mann, muss der wichtig sein!“ Endlich beendete er sein Telefonat.
Gerade als wir uns auf unsere Arbeiten konzentrierten, ging es wieder los. „Herr Leitner, das ist schön. Gerne, ich freue mich auf Ihre Bestellung. Würden Sie uns die Daten per eMail schicken? Ja, in allen aktuellen Trendfarben, eiscremefarben bis verchromt. Und – nicht zu vergessen – alle multifunktional. Danke, ja, das finde ich auch, richtig cooles Design. Ha! D’accord! Unbedingt! Für sie und für ihn. Ähem, Ringe. Sie verstehen?“

Ich beugte mich ein wenig nach vorne, um auf die Unterlagen unseres Gegenübers blicken zu können. Eine Hochglanzbroschüre, irgendein lila- und weißfarbenes Kunststoffprodukt war darauf zu erkennen, etwa in Form und Größe einer Computer Mouse. Die Webadresse war auch zu sehen und ich tippte in meinen Browser www.ah-toys.com ein, riss die Augen auf und ließ Kathrin an meiner Entdeckung teilhaben. Das nächste Telefonat ließ nicht lange auf sich warten.

„Frau Bergmann, hallo. Ja bitte, die Presseaussendung. D‘accord, schreiben Sie doch einfach „Die einzigartige Formensprache der Kollektion schreibt Geschichte.“ Und „Revolution im gesamten Lifestyle-Sektor“. Klotzen statt Kleckern. Ja, sehr gut, schreiben Sie „hoch entwickelte Designkultur“.

Der gute Mann war laut www.ah-toys.com der Chefdesigner einer Firma, die sich der Herstellung von Erotik-Toys widmete. Mit großen Augen und wachsendem Interesse klickten wir uns durch das Angebot. Es gab Rings, Lay-Ons, Bullets, Rabbits und Exemplare aus Glas zu erwerben, manche sogar „remote controlled“. Gefertigt wurde meist aus Silikon, bleifrei und abgerundet für die bequeme Handhabung. Wir erfuhren, dass die feste Oberfläche maximale Vibration überträgt und die Bedientasten leicht zu erreichen und darüber hinaus beleuchtet seien. Das USB-Ladekabel war inkludiert, was uns recht nebensächlich erschien angesichts der weiteren Beschreibungen: Für die Dusche geeignet. Kraftvoller Motor. 7 Programme. Flüsterleise.

Der nächste Anrufer erwies sich als kritisch: „Was sagen Sie da, den unterkühlten Sex-Appeal eines Smartphones? So würde ich das nicht sehen. Die Produkte sehen zugegeben sehr clean aus, sehr minimalistisch, aber doch auch chic. Ein Lifestyle-Accessoire für den anspruchsvollen, designorientierten Menschen. Die Produkte bieten zudem maximalen Gestaltungsspielraum. D‘accord, made in Switzerland. State of the Art, High-End-Design. Ja, ich melde mich nächste Woche bei Ihnen.“

Kathrin und ich betrachteten fasziniert die puristisch, nur auf das Produkt reduzierten, computeranimierten Videos. Allerhöchster Anspruch an Ästhetik und Leistung. Attraktive Preise. Hohe Funktionalität. Ergonomische und intuitive Handhabung. Produktgarantie für 15 Jahre. Gesundheitlich unbedenkliche Materialien garantieren allerhöchste Qualität und eine gefahrlose Benutzung.

Unser Gegenüber erklärte jemandem, der es wissen wollte, am Telefon: „Einer aktuellen Studie zufolge gibt es weltweit 108 Millionen Nutzerinnen, pro Jahr werden  50 bis 60 Millionen Stück verkauft. Das Marktvolumen für das Jahr 2020 wird auf einen jährlichen Umsatz von mindestens 15 Milliarden US-Dollar geschätzt. Wir haben uns bereits 16 eigene Patente weltweit gesichert.“

Beim nächsten Anruf senkte der Herr Chefdesigner deutlich die Stimme: „Ja, Mutti, salü. Ich sitze im Zug und habe gleich eine Geschäftsbesprechung via Skype. Ich habe nur ganz kurz Zeit. Was meinst du denn damit? Meine Erzeugnisse irritieren dich? Sie verkaufen sich wie warme Semmeln. Es gibt einfach Menschen, die in allen Lebensbereichen Design und Perfektion suchen. Manche kaufen das ganze Sortiment. Ja, so wie andere Frauen Handtaschen sammeln. Oder Manolos.
Muttchen, so hör doch auf, es sind innovative Produkte in außergewöhnlichem Design, und sie sind für jedermann erschwinglich. Krisensicher? Natürlich, die Nachfrage steigt ständig, es gibt Zahlen, dass solche Produkte neben Schokolade und Antidepressiva zu den wenigen Gütern gehörten, die während der Weltwirtschaftskrise steigende Absatzzahlen zu verzeichnen hatten. Umso mehr jetzt!
Mutti, diese Artikel gehören einfach zum alltäglichen Leben und zur Steigerung und Erhaltung des eigenen Wohlbefindens dazu. Wie bitte, das wirst du mich doch nicht ernstlich fragen, Mutter! Ich muss jetzt gleich aufhören.“
Er flüsterte mittlerweile beinahe und über seinem Mund waren kleine Schweißtröpfchen sichtbar. „Mutti, Mutti, nein, das will ich jetzt nicht hören und wissen. Wir haben einen Online-Shop, bitte nutze ihn. Ja, sicher steht da „für alle Personen von 18 bis 80 Jahren“. Klar, also auch für Tante Hilde. Das steht dir frei, aber bitte über den Shop! Du, ich muss jetzt, salü!“

Er seufzte erleichtert auf und riskierte einen Blick auf uns. Kathrin und ich grinsten den armen Mann recht ungeniert an, und er zog daraufhin kurz die Augenbrauen hoch und sich anschließend mit seinem Mobilbüro in den Speisewagen zurück. Aufs Kartellrecht konnten wir uns danach nicht mehr konzentrieren.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 13003