Schlagwort-Archiv: Lesebissen

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Herbstbeginn

Die Marktgemeinde Hollstein stand vor einem Scheideweg, dessen einzuschlagende Richtung gänzlich in der Hand von drei Menschen lag. Die Hollsteiner wussten davon noch nichts, sondern ließen sich in den Abendstunden jenes warmen Septembertages an der Seepromenade treiben, begleitet von den Klängen der örtlichen, preisgekrönten Musikkapelle. Später gesellte man sich im Strandbad auf den Bierbänken zueinander, aß belegte Brote oder Bratwurst und trank allerlei Alkoholisches, bis die Gelsen zu lästig wurden und das Bier zur Neige ging.

Wie jedes Jahr am 21. September, feierte man den Einzug des Herbstes sowie den Abgang der Touristen, die jeden Sommer mehr und jeden Sommer etwas ungehobelter wurden. Vereinzelt trotteten noch einige von ihnen herum, fotografierten den Sonnenuntergang oder die Mädchen im Dirndl, die Tabletts mit zehn Halben trugen, als wären nur zwei darauf. Eine Gruppe Asiaten hatte sich den Tisch direkt neben der Musik gesichert und klatschte jeden Schlager begeistert mit.

Als besondere Spezialität wurde, wie bei jedem noch so kleinen Dorffest, die Kaszuzler serviert. Entweder im Ganzen oder als daumendicke Scheiben auf einem Holzbrett, daneben Senf, Kren und ein Kornwecken. Zu Weihnachten kam die Kaszuzler neben der Leberpastete und zu Ostern zum Frühstück mit frisch gekochten Eiern auf den Tisch. Auch als Pizzabelag war sie unschlagbar: Die „Kaszuzler Pizza“ war der Verkaufsrenner beim Wirt am Dorfplatz. Was wäre der Herbsteinzug ohne Kaszuzler? Was wäre Hollstein ohne Kaszuzler?

Die Kaszuzler ist eine sogenannte Rohwurst, deren Zutaten als auch Herstellungsprozess ein allgemein bekanntes Geheimnis in Hollstein und Umgebung waren. Gewürze und Muskelfleisch im Fleischwolf dreimal durchgedreht und mit Käsespezialitäten aller Art verfeinert. Dann genau 66 Minuten über Eichenholz geräuchert. So viel wusste man – nicht zuletzt durch einen teuren Werbespot, der zur besten Sendezeit im ORF lief und in dem eine berühmte Wiener Schauspielerin aus einer berühmten Wiener Schauspieldynastie herzhaft in die Wurst biss.

Die Kaszuzlerei lag am Rande des Dorfes und war ein modernes Gebäude auf einer kleinen Anhöhe. Davor fünfzig Auto- und zehn Busparkplätze und ein großer Kinderspielplatz mit Streichelzoo. Im Erdgeschoß ein Café mit Seeblick und eine Theke, an der man sechzehn verschiedene Arten von Kaszuzler zu unterschiedlichsten Preisen erwerben konnte. Es gab Putenkaszuzler und vegane Kaszuzler mit Tofu und Soja, Kaszuzler mit Emmentaler, Gouda und Mozzarella sowie allerlei Mischformen.

Im selben Gebäude befand sich ein interaktives Museum, in dem Kinder und Erwachsene sich sowohl über Herkunft und Haltung der Tiere als auch über Produktionsbedingungen auf unterhaltsamste Weise informieren konnten. Über die genauen Details der Schlachtung (den eigentlichen Sinn einer Metzgerei) schwieg man sich allerdings aus – nur dass sie „human“ erfolgte, was auch immer das hieß.

Dahinter, einige hundert Meter entfernt, lag die Produktionshalle. Eine von zwanzig in ganz Österreich. Natürlich produzierte man hier nicht nur das Original, sondern auch andere Wurstwaren und Fleischspezialitäten, deren Verpackungen jedoch immer das Siegel der Kaszuzler trugen: ein roter Kreis mit einem gelben Quadrat darin.

Die Anfänge der Kaszuzler waren folgende: Aloisyus Gerstner und Innocentia Habermann heirateten 1918, gleich nach Kriegsende. Der Bub übernahm die Metzgerei von Hubert Habermann, Innocentias Vater, im Dezember 1921, nachdem dieser aus nicht überlieferten Gründen das Zeitliche gesegnet hatte. Vielleicht war‘s ein Schlaganfall, vielleicht ein klug geplanter und eiskalt ausgeführter Mord? Da waren den Fantasien der Hollsteiner keine Grenzen gesetzt.

Ein halbes Jahr später gab es jedenfalls die ersten Aufzeichnungen über die Kaszuzler. Ein Produkt, das durch die Freundschaft mit einer nahegelegenen Käserei entstanden war. Die Käserei gab es bald nicht mehr, aber das tat der Erfolgsgeschichte der Zuzla, wie sie die Einheimischen liebevoll nannten, keinen Abbruch.

Namensgeber, so die Überlieferung, war Karl der Erste, letzter Kaiser von Österreich. Als dieser inkognito mit seinem Auto durch Österreich Richtung Ungarn fuhr, machte er in Hollstein halt und kehrte in die Metzgerei am Dorfplatz ein, um sich eine Jause zu gönnen. Das relativ neue Produkt wurde ihm, mit einer Halben Bier und einer Semmel, serviert. Begeistert von dessen Geschmack rief er aus: Da könnt‘ ich den ganzen Tag dran zuzeln, so fein ist das! Dass die Daten nicht ganz mit den offiziellen Reiseaufzeichnungen von Karl dem Ersten übereinstimmten, tat der Popularität dieser Geschichte keinen Abbruch. So gilt bis heute die Kaszuzler als Exportschlager von Hollstein, weit über die Grenzen Europas hinaus.

Anna Innocentia Gerstner-Junker feierte am 21. September ihren neunundzwanzigsten Geburtstag mit einer Flasche Wein im Beisein ihres 94-jährigen Großvaters, der zu Beginn wie immer über die Russen schimpfte, nach zwei Achterl Wein plötzlich ganz ruhig wurde und nach einem weiteren im Rollstuhl schnarchte. In der Villa der Gerstners, nur zweihundert Meter Luftlinie von der Produktionsstätte, hatte Anna Innocentia immer ihre Kindheitssommer verbracht. Außer ihrem Großvater, zwei Pflegerinnen und einem Gärtner wohnte niemand mehr darin.  Sie besaß nun selbst einen Prachtbau auf der anderen Seite des Sees, dessen dem See zugewandte Seite fast gänzlich aus Glas bestand. Rundherum vier Hektar Grund, abgegrenzt durch eine Betonmauer.

Anna Innocentia hatte allen Grund zu feiern. Morgen würden die Verhandlungen für eine bevorstehende Fusion der Kaszuzlerei mit einem chinesischen Unternehmen beginnen. Während ihr Großvater von einer der Pflegerinnen vorsichtig aus dem Zimmer gerollt wurde, stand Anna auf, ging zum Fenster, öffnete es und sog die kühle Nachtluft ein. Vom See her wehte die Musik der Hollsteiner Kapelle, die gerade Moon River ausklingen ließ.

Irgendwo dort unten beim Fest, in der Gruppe der Asiaten, die so fleißig im Takt der Musik klatschten, saß Meng Li, CEO von Kapsui, einer chinesischen Lebensmittelfirma. Einen Tisch weiter saß Julian Angelmaier, seines Zeichens Bürgermeister von Hollstein und Verhandlungsführer im Namen seiner Schäfchen, die noch nichts von ihrem Schicksal wussten. Sie prosteten sich im Schein der bunten Lichterketten heimlich zu. Der Herbst hatte begonnen.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19106

Fräulein der Früchte

Fräulein der vielen Früchte.
Schmecken so anders wie süß.
Wenn ich einmal in sie reinbeiße,
kann ich nicht mehr von ihnen lassen.
Schon jetzt doch brauch ich dich so sehr
wie der Fisch das Meer,
wie die Wolke den Wind.

Drei Früchte

Drei Früchte

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19072

Internet

Papua-Neuguinea. Die letzten Menschenfresser. Das Opfer ist ein weißer Mann. Er ist verschnürt und geknebelt. Gwob und Qualip legen los.

Gwob: Was meinst du, kochen oder braten?

Qualip: Besser kochen, würde ich sagen. Vielleicht hat er irgendwelche Bakterien. Kochen ist da sicherer.

Grunzgeräusche des Opfers.

Gwob: Er ist so fett. Glaubst du, er passt überhaupt in den Topf?

Qualip: Ich denke schon. Aber wenn nicht, schneiden wir ihn halt zurecht.

Grunzgeräusche des Opfers.

Gwob: Gesund sieht er nicht aus. Ich hoffe, uns wird nicht von ihm schlecht.

Qualip: Wir haben schon andere Kaliber verdrückt, und sie haben uns nicht geschadet. Denk doch an den mit den Eiterbeulen.

Gwob: Okay, du hast Recht. Sag mal, weißt du, wie er gefüttert wurde?

Qualip: Gegessen, er hat selbst gegessen.

Gwob: Und was?

Qualip: Naja, Fast Food hauptsächlich.

Gwob: Fast Food, wasisndas?

Qualip: Burger. Du weißt schon, Fleischlaibchen in Sesamwecken.

Gwob: Nein, ich weiß nicht. Aber woher weißt du das? Das möchte ich jetzt wissen.

Qualip: Na, Internet.

Gwob: Internet?

Qualip: Ja, auf dem Notebook mit der Kurbel von unserem letzten Opfer.

Fußball im Internet

Fußball im Internet

Gwob: Dem Missionar?

Qualip: Genau.

Gwob: Jetzt hör mal. Wir sind eines der letzten unentdeckten Naturvölker der Welt. Wir beten Waldgeister und die Sonnengöttin an. Wir haben keine Elektrizität, kein fließendes Wasser und keine Ärzte. Wir haben nicht einmal eine Schrift. Und du hast Internet?

Qualip: So ist es. Sag mal, du hast doch auch schon Hunger. Machen wir uns an die Arbeit.

Gwob: Betäubung?

Qualip: Nein, wir brauchen unsere Kräuter selbst. Und Alkohol kennen wir ja nicht.

Grunzgeräusche des Opfers.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19066

Wie das Blut in die Orange kam

Ein Marmeladenmärchen

Auf der Halbinsel Krim wachsen seit Menschengedenken Orangen und Granatäpfel friedlich nebeneinander. Wie auch Mandarinen, Oliven, Weintrauben, Kirschen, Äpfel, Birnen, Feigen, Pfirsiche, Marillen, Nüsse, Mandeln, Pistazien, Physalis, Quitten, Erdbeeren und all die anderen Früchte und Kräuter. Schon den alten Völkern galt die Krim als ein Garten Eden. Aber es gab einmal eine schlimme Zeit. Die Orange und der Granatapfel gerieten in Streit darüber, wer die schönste Frucht sei, die älteste, die köstlichste, die echteste, die nützlichste, also die Urfrucht, die Urmutter oder der Urvater der Krim. Alle Obstsorten schlossen sich entweder der einen oder der anderen Partei an, und so spaltete sich die vermischte Fruchtgemeinschaft in zwei verfeindete Lager. Gegenseitige Unabhängigkeitserklärungen da und dort. Sie rissen einander die Wurzeln aus und vertrieben die anderen. So begann der sagenhafte Obstkrieg, an dem die Krim fast zugrunde gegangen wäre.

Was hatte zu diesem Streit geführt? In den Tälern zwischen dem Karadag, Ai-Todor und Ai-Petri hatte sich herumgesprochen, dass sich die Tatarenprinzessin Liwadija-Oreanda zur Hochzeit das schönste Obst der Krim wünschte. Wer sich zur Wahl stellte, sollte in den goldenen Palast von Bachtschissarei kommen. Ihr Bräutigam, der junge Khan Tschufut-Kale, hat sich als Geschenk das schönste Tier gewünscht. Der weiße Hirsch machte das Rennen, die Tiere waren klüger gewesen und hatten den Wettstreit friedlich entschieden.
Unter den Früchten glaubte sich die selbstbewusste Orange persönlich angesprochen und machte sich mit ihrer Gefolgschaft auf den Weg zum Palast. Der Granatapfel fühlte sich immer schon als der König der Früchte und hatte die selbe Idee. Aber im Tal des Ai-Todor kam es zu einem Zwischenfall. Die Orange traf auf den Granatapfel, beide hatten viele Anhänger um sich geschart. An der engsten Stelle, beim Wasserfall Ajudag am Abhang des Ai-Petri trafen die beiden Heere aufeinander. Die Schlucht des Ajudag ist hier so schmal und wild, dass keiner an dem anderen vorbeikommt. Eine Schlacht scheint unausweichlich.

Die Orange baut sich am Rande des Felsbeckens auf, in das der Wasserfall stürzt und ruft kämpferisch:
- He, du hässliche Lederhaut! Du Fetzenschädl! Komm her, trau dich! Wie kommst du dazu, dich für die schönste Frucht zu halten? Du wächst auf einem struppigen Besenstrauch oder höchstens auf einem Krüppelbaum in schlechter Erde und blühst völlig unscheinbar. Du schaust nicht viel mehr gleich als eine Heckenrose. Nicht einmal die Esel mögen deine Blätter rupfen! Höchstens die Kojoten pinkeln an deinen Stamm. Was ist das gegen die Schönheit meines Wuchses und meiner Blätter, und erst der himmlische Duft meiner Blüten! Mit mir träumt sich die halbe Welt in den Süden. Ich bin das Symbol ihres Südens, ich bin ihr Süden! Deine Haut ist ungenießbar, und innen bestehst du nur aus bitteren Fasern und Körndlzeug. Die kann man nicht beißen und nicht schlucken. Zum Auszutzeln zu sauer, nur zum Ausspucken. Pfui Teufel, du bist zu nichts nutze. Wie kannst du dir nur einbilden, dass die Prinzessin gerade dich wählen wird?

Der Zickenkrieg ist voll entbrannt.

Darauf der Granatapfel, auch nicht mundfaul:
- Na, red nicht so einen Blödsinn! Deine Schale mag niemand essen, nicht einmal die Tiere. Die lassen dich liegen und auf der Erde verrotten. Schönheit, pah, zu deiner eingedellten, grieseligen Haut sagt ja die ganze Welt Orangenhaut oder so grauslich medizinisch Cellulite. Manche halten das gar für eine Krankheit und lassen sich operieren, absaugen und implantieren. Damit wirst du bei der jungen, schönen Prinzessin nicht ankommen. Dein Fleisch ist zu sauer, als dass es ein Genuss wäre, weder auf der Zunge noch am Gaumen.
Immer und überall nur von Säure verzogene Gesichter. Und erst die Mühen des Abschälens. Brrrr, wie schmutzig und klebrig man sich da die Finger macht. Deswegen nehmen dich die meisten mit einer Maschine aus und sind nur hinter deinem Juice her. Hahaha, und von Kernen musst gerade du nicht reden. Alle suckeln nur darum herum und spucken. Wie unappetitlich! Mit meinem Saft dagegen haben schon die ältesten Völker ihre Stoffe, Felle und Häute gefärbt. Und die Höhlen ausgemalt. Hach, du mit deinem armseligen Vitamin C, ich habe alle diese Vitamine von 1 bis 12 und einige noch von A bis D. Und noch viel mehr!
Mit meinem Saft im Magen kann man essen und trinken, so viel man will, ohne satt oder betrunken zu werden.

Jetzt sind sie sich gleich an Beschimpfungen und Beleidigungen.
Unter den Anhängern der beiden kommt es in der engen Schlucht zur Unruhe und zu einem argen Gedränge. Für wen sollten sie sein? Und warum? Sie fuchteln mit ihren Waffen, schreien so wild bravooo oder buuuhh, dass sie durcheinander kullern und die sensibelsten unter ihnen schlimme Dellen abkriegen. Die kleinen, weichen Erdbeeren und Kirschen gehen als Erste unter, dann die zarte Physalis, die Mandeln werden am Boden zertreten, Marillen, Feigen und Pfirsiche, alles kugelt übereinander und zerquetscht sich aneinander. Äpfel und Birnen werden zwischen den griechischen Walnüssen und Melonen zermalmt. Nur die holzharte Quitte übersteht das Gemetzel einigermaßen unbeschadet. Aber die will ohnedies niemand, so kollert sie ins Abseits und bleibt am Grund des Beckens liegen. Ein grässlicher Anblick, dieses Schlachtenbummlergetümmel! Zermatschkert alles. Schon liegt Fäulnis in der Luft. Die Lage wird so bedrohlich, dass abzusehen ist: Wenn alle zusammen zu einem ungenießbaren Mus werden, genießen das nur noch die Wespen und Schmeißfliegen.

Der Granatapfel rückt bedrohlich näher, aufgeblasen in seiner Lederhaut und die verblühte Krone spitz aufgerichtet wie der Kamm eines Kampfhahns. Er versucht, die Orange zum Wasserbecken zu drängen und stößt immer wieder mit seiner Kampfkrone auf die Orange ein.
Noch eine Runde.
- Ätsch, und schwimmen kannst du auch nicht. Du saufst dich voll und gehst unter. Dann kommt nur noch der Hai für dich in Frage. Und der schluckt dich auch nur, weil er dich für eine Plastikflasche von Frucade hält. Das war‘s dann mit Bachtschissarei.
Er lacht höhnisch.
- Ich mit meiner Lederhaut, ja genau deswegen, kann einen ganzen Ozean überqueren und noch immer trocken an Land gehen. Die Indianer und Maori haben mit mir Fußballweltmeisterschaften gespielt. Und gewonnen, schau, ich bin immer noch da.
Nun zieht er das letzte, das unterste Register:
Und erst dein lächerlicher Name – O-r-a-n-g-e! So was Dummes, Ausländisches, kann doch keiner aussprechen.

Die Orange hat im Moment keine passende Antwort und keine Beleidigung parat, kann aber wegen ihrer Kugelgestalt gerade noch den Angriffen des Granats ausweichen. Da passiert es – sie strauchelt und stößt sich so stark am Beckenrand, dass ihre Haut eine tiefe Delle bekommt. Unwillkürlich gibt sie einige Spritzer aus ihrer Schale ab und trifft damit den Granatapfel. Sie sind so scharf und sauer, dass seine Haut sofort hässliche schwarze Flecken bekommt und platzt. Da quillt alles Körndlzeugs aus ihm heraus wie aus einer Blunzen und breitet sich ungustiös am Beckenrand aus.
Das ist ein Schock, ein heilsamer, der die Wende herbeiführt. Für eine Sekunde schauen sie sich selbst an, dann einander und fallen in eine Starre.
Wie lange, das weiß keiner und wird auch nicht herauszufinden sein.
- Lädiert, hässlich, gaga, kaka, zum Wegschmeißen. Wenn wir so weitermachen, sind wir alle Verlierer und höchstens Futter für Fliegen, Wespen und Würmer – so etwas Ähnliches muss ihnen durch den Kopf geschossen sein. Freiwillig Loser sein, also das geht gar nicht.
Es fällt ihnen gleichzeitig auf, dass sie beide, so übel zugerichtet, wie sie sind, nicht in den Palast gelassen werden, schon gar nicht vor das Angesicht der Prinzessin Liwadija-Oreanda.

Von der schönsten Frucht als Hochzeitsgeschenk kann keine Rede mehr sein. Sie überlegen, besinnen sich und kühlen ihre Kampfeswut im eiskalten Wasser des Ajudag. Auf dem Ai-Todor und dem Ai-Petri liegt auch im Sommer Schnee. Das Wasser hat nur sechs Grad über Null und ist so mineralhaltig, dass sich alle Wunden sofort schließen. Das Naturbecken heißt deswegen im tatarischen Volksmund „Brunnen der ewigen Jugend“. Der ganze weibliche Hofstaat von Bachtschissarei nimmt hier seine täglichen Bäder. Die Soldaten der Khans haben auf der anderen Seite des Ai-Petri einen ähnlichen Jungbrunnen „Für den Ewigkrieger“. In den Quellbecken des Grishaf bei Alushta baden sie ihre weltberühmten Pferde, mit denen die mächtigen Eroberer Tschingis Khan und Kublai Khahn mit der Goldenen Horde zwei Drittel der damaligen Welt erobert haben.

Als sie wieder an Land steigen, beschließen die Orange und der Granatapfel, dass sie etwas vom Besten, das sie so reichlich haben, dem anderen abgeben könnten. So schenkt die Orange dem Granatapfel etwas von ihrem Zucker, der Granatapfel gibt der Orange einen Teil seines roten Saftes ab. So kam der Granatapfel zu seiner Süße und die Orange zu ihrer Blutfarbe. Beide waren zufrieden mit diesem Austausch. Hand in Hand wanderten sie weiter durch das Tal des Ajudag bis zum tausendminarettigen Palast von Bachtschissarei.
Die Palastwachen waren beeindruckt von ihrer Schönheit und ließen sie passieren. Diener in rotgoldenen Rüstungen geleiteten sie in die Kemenate der Prinzessin Liwadija-Oeranda. Diese klatschte vor Freude in die Hände, dass sie auf einem so weiten und schwierigen Weg zu ihr gekommen waren und nahm beide auf. Da wurde sie noch liebreizender als das Märchen von ihr schon erzählte. Warum soll nur eine die schönste Frucht sein? Die Krim ist doch so reich an vielen guten Dingen.

Sie kühlte die Früchte im klaren Wasser des weißmarmornen Tränenbrunnens, sodass sie immer frisch und köstlich blieben. Die Orange versüßte von nun an das Leben der Krimtschaner, der Granatapfel gab ihnen unüberwindliche Kraft. Von Liwadija-Oreanda heißt es seither, dass sie die klügste Tatarenprinzessin war, die je gelebt hat. Zusammen mit ihrem Mann, dem Khan Tschufut-Kale, herrschte sie viele Jahre über die Krim und machte sie noch schöner und reicher.
Im Park von Bachtschissarei ließ sie auf der einen Seite des Ajudag einen Garten mit blutroten Orangen anlegen, auf der anderen einen mit süßen Granatäpfeln. Bis zu ihrem Lebensende liebte es Liwadija-Oreanda, mit ihren Hofdamen im Schatten der Bäume spazieren zu gehen, sich dort abzukühlen und ihrem Säuseln der Blätter zuzuhören. Wenn man genau hinhörte, klang es wie das Plätschern eines Brunnens, wenn Wind aufkam, wie das Rauschen eines Wasserfalls.
Die schönsten Vögel und Schmetterlinge der Krim ließen sich hier nieder, Khan Tshufut-Kale begründete eine Herde von weißen Hirschen, die alle auf den Namen Diana hörten und ein Horn zwischen dem Geweih trugen.

So blieb die Krim nach dem Obstkrieg geeint, und alle Menschen, Früchte und Tiere lebten fortan glücklich und in Frieden miteinander.

Ich habe gerade Blutorangen und Granatäpfel zu einer Marmelade verarbeitet, mein Geheimrezept gegen Verkühlungen.
Ich widme dieses von mir erdachte Märchen meinem lieben Nachbarn Carlos Sanchez, der mich gerade mit seiner Wunder-Zauber-Hühnchen-Gemüsesuppe gesund zu machen versucht.

31.1.18, 15h18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 18151

Flotte Lotte oder Ein Beitrag zur Kulturentwicklung Russlands

Seit Tamara zuletzt bei mir zu Besuch war, revolutioniert eine Flotte Lotte das Leben in Russland. Zumindest in Moskau, zumindest das Leben von Tamara.
Ich kenne die Flotte Lotte noch nicht lange und hatte von Anfang an eine Abneigung gegen sie entwickelt. Meine aus Berlin stammende Freundin Helga nannte mich mit Spitznamen Flotte Lotte, weil ich mich schnell bewege, schnell rede, schnell esse, schnell schlafe, schnell denke – alles schnell.
Aber es vergehen noch ungefähr 35 Jahre, bis ich eine Flotte Lotte kaufe.

Das ist ein Gerät, das es in unserem Haushalt nicht gab. Du bist eine Flotte Lotte – ich konnte ich mir nicht vorstellen, dass das als Kompliment gemeint gewesen war. Eher spöttisch, abwertend, irgendetwas nicht besonders Liebenswertes, etwas Albernes. Noch dazu dachte ich, es sei etwas sehr Deutsches, das nur die Deutschen in ihrem Perfektionswahn brauchen, sonst kein Mensch auf der Welt. Ein typisches Vorurteil. Aber einmal lief ich über den Hohen Markt und blieb an dem Haushaltswarengeschäft hängen, das einen ganzen Verkaufswagen mit verschiedenen Modellen von Flotten Lotten zu Ausverkaufspreisen anbot.

So machte ich mich mit der Flotten Lotte bekannt und entschied mich für ein mittelgroßes Exemplar mit drei Einlegescheiben um flotte 29,90 €, sehr stabiler Stahl, gute Statik, praktische Box.
Dann machte ich mich mit der Funktionsweise vertraut, und so wurde die Flotte Lotte ein wichtiger Bestandteil meines Geräteparks. Ja, ich betätigte sie so gerne, dass ich meine Essgewohnheiten immer mehr auf das umstellte, was die Flotte Lotte hervorbringen konnte, Breie, Pürees, Pasteten, Cremesuppen, Marmeladen, Gelees und Chutneys. Nicht einmal das umständliche Säubern, das ich bei anderen Küchengeräten so hasste, machte mir bei ihr etwas aus.
Ich kaufte mir sogar ein Kochbuch Das Beste mit der Flotten Lotte. Langsam wurde daraus eine Leidenschaft, und ich merkte, dass die Flotte Lotte mich zu beherrschen begann. Die Rache des Geräts dafür, dass ich es so lange missachtet hatte. Da ich sie trotz allem zu wenig einsetzen konnte, ging ich dazu über, die haltbaren Dinge in großen Mengen herzustellen, mit denen ich meine Umwelt beschenkte.

Da kam Tamara zu Besuch und sah mich mit der Flotten Lotte hantieren.
Sie war begeistert und hingerissen. Das entspricht vielem in der russischen Küche. Also machte ich einen kurzen Lehrgang mit ihr, bis sie sie leicht zusammensetzen und wieder auseinandernehmen konnte. Auf dieses Weise beglückt, fuhr sie nach Moskau zurück. Seither bekomme ich zufriedene E-Mails mit Berichten über ihre Erfolge, wie sie beneidet werde für ihr Wundergerät, das niemand sonst in ganz Moskau besitzt. Ich habe ihr vorgeschlagen, ein Importgeschäft aufzumachen, da könnte sie endlich reich werden. Aber die Sanktionen gegen Russland verhindern dies bis jetzt.

Und ich denke mir meinen Teil dazu: Diese Großmacht, Atommacht, Weltraummacht, dieses Riesenreich, das so gern zum Weltführer werden möchte, das sich so unendlich erhaben über dem Westen und seiner verfaulenden Moral stehen sieht, bringt es nicht zustande, den Alltag der Menschen – vor allem der Frauen, ein bisschen zu erleichtern und zu erfreuen.

Wie man Erdöl, Erdgas und Kohle, Diamanten, Gold und Uran fördert, ja, aber kein Gedanke an eine Flotte Lotte. So habe ich mit meiner ein bisschen Entwicklungshilfe geleistet.

April 18

Was davor geschah, können Sie hier nachlesen.

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 18138

Wie Tamara die Avocado kennenlernte

Sie war die Lieblings-Deutsch-Dolmetscherin des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow. Er forderte sie persönlich an, wenn er deutsch sprechende Gäste in seiner Stadt empfing, sei es aus Berlin, Zürich oder Wien. Die zuständigen Diplomaten flüsterten dem Polit-Neuling zu, dass es Gepflogenheit sei, dass jede Delegation ihre eigenen Dolmetscher mitbringen würde. Es nützte nichts, der stierköpfige Russe blieb bei seiner Tamara. Niemand ist besser, da können Sie sicher sein. Die kann nicht nur einfach Deutsch, sondern auch Berlinerisch, Schweizerdeutsch und Wienerisch.
Sogar die Schmähs. Alle Episoden und Witze, die Geschichte und die Literatur.

Luschkow war zu seiner Zeit kein Verhandler, sondern ein Durchsetzer, eine Dampfwalze.
Bald sprach sich die Mär über die kleine, zarte, fabelhafte Russin in allen Botschaften und Bürgermeister-Amtsstuben herum: Tamara ist wirklich die Beste! Sie ist klug, hübsch, elegant, charmant, witzig, schnell, diplomatisch, firm in jedem Bereich, bis zu den schnell unübersetzt gelassenen Altherrenwitzen und politisch-historischen Fettnäpfchen. Sie war einfach perfekt. Sie konnte Lippen, Blicke und in der Seele lesen, war Aug und Ohr ihrer Herrschaften, ja es schien fast so, als könnte sie sogar deren Willen lenken.

So kam sie einmal auch an Luschkows Seite nach Wien zum Amtsbruder Helmut Zilk. Der war schon seit seinem ersten Besuch in Russlands Hauptstadt ein Moskau-Fan, und auf Luschkows Übersetzerin freute er sich besonders. Sie war ja nicht nur eine beeidete Dolmetscherin und Übersetzerin, sondern im Hauptberuf Universitätsprofessorin für Linguistik, Translationswissenschaften und interkulturelle Kommunikation, alles ganz neu im Wende-Russland unter Jelzin. Vergesst das KGB, wir suchen uns unsere Leute jetzt selbst aus, nach unserem einfachen menschlichen Empfinden.
In Moskau hatte sie einen guten Ruf als Germanistin und Übersetzerin speziell österreichischer Literatur. Wie vielen Studenten hat sie den Blick auf Österreich und seine Kultur gelenkt, wie viele Diplomarbeiten und Dissertationen zu österreichischen Themen angeregt und Literatur-Übersetzungen veranlasst. Sie kannte Wien und seinen Bewohner wie ihre Handtasche, hatte sie doch lange auch in Wien Russisch unterrichtet.

Nun also der erste Gegenbesuch Luschkows bei seinem Freund Chelmut und dessen charmanter Frau, einer populären Schauspielerin. Am Rollfeld Luschkows angetraute Ehefrau Nadja Baturina zwei Schritte hinter ihm. Die Baufachfrau hat ein Firmenimperium aufgebaut und durfte halb Moskau zubetonieren. Tamara wäre in der Masse der bürgermeisterlichen Entouragen untergegangen, hätte sie Luschkow nicht an seiner Seite festgehalten, eng an ihm Händchen haltend, wie angeschmiedet. Die kugelige, blonde Nadja mit einer Figur wie eine sowjetische Hammerwerferin schritt in der zweiten Reihe, in einem strengen Kostüm wie eine sowjetische Zollbeamtin aus Brest-Litowsk.

Da kam es zum ersten Faux pas, den beileibe nicht Tamara begangen hat und auch nicht verhindern konnte. Nach der der Umarmung des Gastes mit dreifachem Wangenkuss durch moj drug, Chelmut, brachte er das gleiche Ritual bei Tamara an. Beide Entouragen erstarrten zu arktischem Eis, bis der Hausherr schnell reagierte und über Nadjas Hand elegant einen Handkuss andeutete und sie damit nach vorne zog. Die Wiener Bürgermeistersgattin war auch nicht von schlechten Eltern, wie sie elegant den Kartoffelsack umarmte und ihr das eingelernte „Dobro poschalowatj v Venje, dorogije druzja“ – herzlich willkommen in Wien, liebe Freunde – in beide Ohren flötete. Eine Holzflöte. Sie war ja schließlich auch Sängerin. Danach hängte sie sich bei ihr unter und ließ die Herren allein, allein mit Tamara zwischen ihnen. Alles eitel Wonne, das Besuchsprogramm wie immer, aber mit besonders herzlicher Stadtbruderschaft. Wenn man ein bisschen größenwahnsinnig sein wollte, sahen sie den beiden prominenten Paaren ähnlich, die im Frühling in Wien auf Staatsbesuch waren, eine witzige Karikatur dreißig Jahre später und nur auf Bürgermeister-Ebene.

Alles lief blendend und wie geschmiert, vieles sicher dank der gewandten Tamara. Das Zilk-Team schmolz dahin und wollte sie zur Wiener Ehrenbürgerin machen, die Luschkow-Begleiter samt Nadja schürten die nächste Intrige. Dabei war es stadtbekannt, dass hinter dem einmaligen Besuch Zilks im Kreml – damals saß Luschkow-Freund Jelzin drin – die Übersetzerin Tamara stand. Dass dem nachmaligen Präsidenten Klestil und seiner Gattin dies versagt blieb, brachte dieses Couple zur Weißglut und die Botschaft zum Routieren. Warum hat der Zilk das bekommen und wir nicht? Da saß aber schon Putin drin. Als Rache bekam er einen Köter geschenkt. Der Kremlherr ließ sich einmal, ihn streichelnd, mit ihm ablichten, dann hielt er es aber mehr mit sibirischen Tigern und Reitpferden.

Dann kam das Bankett am Abend des letzten Tages. Lange, überladene Tische in den Hallen des Rathauses, Kerzen- und Blumenschmuck unter den neugotischen Spitzbögen, vorne auf einer Bühne ein kleines Orchester mit Strauß-Walzern. Zilk hatte sich ausgebeten, dass Tamara gegen alle Regeln der Diplomatie neben ihm saß. Aufgetragen wurde die erste Vorspeise. Die Übersetzerin war wahrlich keine Newcomerin, hatte ihr Stadtoberhaupt schon auf vielen Reisen begleitet, viele Verhandlungen über Städtepartnerschaften übersetzt, viele Gastmähler und tausende Toast-Sprüche überstanden. Aber was diesmal auf ihrem Teller landete, das hatte sie noch nie gesehen. Es war gurkengrün, aber keine Gurke, vielleicht eine unreife Birne? Aber warum war da so viel Grünzeug und Zitrone rundherum? Birne Helene war doch eine Nachspeise und sicher nicht geziert mit Kräutern, Muscheln und Krebsen, dazu Büschel von Petersil, geschnitzte Karotten, Berge von Majonnaise und Kaviar. Eine Wurzel oder eine Frucht? Oder irgendetwas dazwischen?
Wie findet man ein Wort für etwas, was es für sie nicht gab?
Ohne Wort keine Wirklichkeit, das ist das kleine Einmaleins ihres Berufes.
Wenn sich die Wirklichkeiten so sehr unterscheiden, gibt es auch keine Worte mehr.
Oh Gott, was war das? Ein Gewächs, so viel war sicher, kein Kunstprodukt.
Aber war es süß oder sauer? Die Nachspeise zur Vorspeise?

Die Fragen rasten durch ihren normalerweise gut sortierten Kopf. Sekunden wie Jahrhunderte, diese Verzweiflung, sie starrte auf diese ihr unbekannte Mixtur, glotzte sie an wie ein Untier – sie hatte keinen Namen dafür, das Schlimmste, was einer Übersetzerin passieren kann. Sprachlos, wortlos.
Da hob sie vorsichtig den Blick auf den Chelmut neben ihr. Augen rollen, Brauen hochziehen, unmerkliches Zwinkern, mit Mundwinkel zucken – diese Sub-Sprache beherrschte sie und operierte erfolgreich damit. Aber jetzt, angesichts dieser nie gesehen Frucht, war sie am Ende ihrer Weisheit.
Welches Gerät nehmen? Messer, Gabel, Löffel, Fischbesteck, Krabbenschere, Süß- oder Teelöffel? Die Reihen links und rechts vom Teller waren endlos, und vor ihren Augen schwirrte es.
Ja, und so hat sie es mir erzählt, genau so, in diesem Sommer 2017, als Tamara bei mir zu Besuch war, als ich ihr unschuldig so etwas für uns Selbstverständliches wie Avocados vorsetzte.

„Zilk hat die Situation sofort richtig erkannt, ein Genie, ein echter Gentleman, Diplomat höchster Schule, vor allem aber ein Mensch, ein so lieber Mensch. Er hat es nicht zugelassen, dass ich mich blamiere. Weißt du, was es bedeutet hätte, wenn ich Luschkow ... und seine Nadja ... die hatte ja noch weniger Ahnung als ich. Aber sie hatte die Gattin an ihrer Seite. Ich aber sah gar nichts.
Unter der Serviette auf dem Schoß legte mir Zilk seine Hand auf meine.
Ruhig, Schatzi, schau mir genau zu und mach, was ich mache. Dabei neigte er den Kopf aufrecht leicht in meine Richtung und murmelte mir ins linke Ohr.
Befreiende Worte, ich schaute nur noch auf seine Hände und imitierte seine Bewegungen vom Teller zum Mund und wieder zurück, ohne eine Sekunde auf das Übersetzen zu vergessen. Ich wusste nicht, was ich aß, und war nicht sicher, ob es mir schmeckte. Ich kam durch bis zur richtigen Birne Helene, vielleicht war es auch ein anderes Dessert, nicht wichtig. So kam die Avocado zu mir.“

Sie lobte meine Käseplatte mit Avocados und Tomaten, keine heimische Frucht, sondern eine aus Chile, bei Hofer gekauft mit einem Fair-Trade-Gütesiegel. Für Tamara kramte ich die Verpackung aus dem Mülleimer heraus und zeigt ihr, dass sie von der Firma Hass aus den USA stammten.
Hass-Avocados aus Texas. Nur ein Familienname wie Trump, ein Einwanderer aus Deutschland, wie Kraft und Heinz und Ochs. Da waren wir ganz schnell bei der aktuellen Politik. Inzwischen gibt es auch in Russland Avocados, sagt Tamara, aber sie kommen seit den Sanktionen nur noch aus Israel, sie sehen ganz anders aus, wie kleine, braune Kürbisse mit Schnäbeln und schmecken nach absolut goa nix.
Da können wir doch gleich bei unseren russischen Gurken bleiben, die schmecken ohne Wodka, Zwiebel und Schwarzbrot auch nach nichts, riechen aber wenigstens noch nach Erde.

Das war ein schöner, interkultureller Abend.

  1. 8.17

Weiterlesen können Sie hier.

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 18013

Was sind Clementinen?

Einen Tag vor Weihnachten hat mich in meiner Billa-Filiale ein spanhölzernes Steigerl mit CLEMENTINEN (Herkunftsland Spain, kernlos) verführt, obwohl ich nicht genau wusste, was Clementinen sind. Mandarinen, Tangerinen, Nektarinen, Serpentinen, Satsumas kenne ich, Clementinen nicht, schon wieder eine neue Züchtung?
Oh my darling, oh my daarling, oh my daaarling, Clementine! Das Lied mit diesem Refrain haben wir gern geschmettert. Aber die Clementine im Lied ist doch ein ganz anderer Typ?
Die Früchte im Steigerl sehen sehr schön und einladend aus. Eine Verführung, der ultimative Traum vom Süden in unseren lichtarmen Tagen, das Versprechen eines strahlend blauen Himmels, mit Wärme und leichtem Meeresrauschen.

Sie sind etwas größer als Mandarinen und Nektarinen, fast rund, durchgehend knall-orange wie eine Clowns-Perücke, glänzend wie mit Schweinespeck eingeschmiert, geschmückt mit Zweigen und immergrünen Blättern, alles direkt dran an den Früchten, wie gerade selbst vom Baum gepflückt. Die können das, die Kaufverführer aller Nationen.
Wer das macht in Spain, pflegt und erntet, wie und unter welchen Bedingungen, wir wissen es, aber angesichts dieses orange-grünen Versprechens waren alle Vorsätze wie weggewischt, dass ich aus Spain nichts mehr kaufen darf.
Nach all diesen vorbeihuschenden Fragen, Einsprüchen und Überlegungen stelle ich das Körbchen in meinen Wagen.

An der Kasse frage ich die Kassierin, was denn Clementinen sind. Ich kenne die Frau schon lange, eine freundliche Frau, der man ihre ostdeutsche Herkunft bei jedem Atemzug anhört. Sie pflegt einen speziellen Humor, etwas rau, aber sie hat für jeden Kunden ein freundliches Wort, lacht gern und trägt immer einen Scherz auf den Lippen. Ich glaube, dort heißt es, sie hat Lippe. Fast Wienerisch. Ich finde es immer noch toll, dass wir Einwanderer aus der früheren DDR in Wien haben. Was da wohl für ein Lebenslauf dahintersteckt? Ich habe mich aber nie danach zu fragen getraut. Schade.
Auf meine Frage nach den Clementinen lacht sie mir offen und schallend ins Gesicht: „Dos frogen S‘ ausgerechnet mich? Wie soll ich dos wissen, Clementinen, hahaha, ich kannte ja bis vor kurzem nitamol Bananen!“ Die Mauerfall-Begrüßungsgeschenke sind lange her, sie hat sie nicht vergessen und ich auch nicht, die Bilder von den von Wessis als Willkommensgeschenk verteilten Bananen. Sie nimmt es ihnen offenbar bis heute nicht übel.
(Herrlich, diese Frau gehört auf eine Bühne mit politischem Kabarett, auf Deutsch KAbarettth oder Comidi.)

Übrigens, bei meinem Clementinen-Steigerl-Kauf habe ich mich völlig übernommen. Ich war über Weihnachten schwer verkühlt, sagte alle Besucher und Besuche ab, nahm nur das Lebensnotwendige zu mir, weil nichts wirklich schmeckte und vor allem die Zitrusfrüchte auf den aufgesprungenen Lippen brannten. Die Schnupfennase und alles drumherum sowieso. Sogar die Hektoliter Tee habe ich nur mit Honig, ohne Zitronen und Clementinen, geschlürft.

Als es mir etwas besser ging, und ich aus den verschlierten Augen herausschauen konnte, schritt ich zur Tat, nachdem diese wunderschönen Clementinen-Darlings jeden Tag mindestens eine neue faulige produzierten. Ich nahm das den Darlings ziemlich übel, hatte ich sie doch farblich mit dem Gedeck, den Gläsern, den Küchenwänden und dem Tischtuch abgestimmt so drapiert, dass keine die andere berührte. Also ziemliche Prinzessinnen auf der Erbse, nicht vertikal wie im Märchen, diese Clementinen.
Oh my darling, Clementine.

Ich griff zum Messer und zerschnipselte die Clementinen samt und sonders, verrührte sie und verkochte und passierte sie gleich zweimal, einmal mit dem Mixstab, dann noch einmal mit der flotten Lotte. Ich versetzte den Brei neben Gelier- noch mit Vanillezucker, mit Ingwer, Gewürznelken, Kardamom und Citronat. Im Übermut fügte ich noch ein kleines Stück Bitterschokolade, Akazienhonig, einen Kaminzauber-Teebeutel, ein paar Rosinen und einen Teelöffel Cognac hinzu. Mehr Gutes fand ich nicht im Haus oder in meinem Schnupfenkopf.

Schließlich konnte ich zwölf Gläschen mit Clementinen-Gelee befüllen und beschriften mit „Clementine, 31.12.16“- der Geburtstag meiner Schwester Hedwig. Wie diese Multi-Kombi-Marmelade wirklich schmeckt, konnte ich noch nicht erforschen. Die Geschmacksknospen sind noch immer beeinträchtigt. Aber sie durchzog die Wohnung mit dem feinen Duft der Sehnsucht nach dem Süden. Das Land der Sehnsucht mit der Seele der Clementinen suchen. Wer nie das Brot mit Tränen aß. Vielleicht dufteten sie sogar bis nach draußen, aber das hätte nur ein gesunder Besucher vor der Tür feststellen können. Mit großem Vergnügen und Genugtuung betrachte ich die Reihe mit den zwölf Gläschen in der Farbe von gesättigtem Bernstein, 44 Millionen Jahre alt. Ich habe das Clementinen-Steigerl verewigt.

Erst als ich mich heute fast vollständig gesund fühlte, ging ich ans Googeln: „Eine Clementine ist eine Hybride zwischen Mandarine und Pomeranze.“ Aha, und was ist eine Pomeranze? Du blöde oder eingebildete Pomerantschn, das war einmal vor undenkbar langen Zeiten ein ländliches Schimpfwort, ich glaube, hauptsächlich zwischen weiblichen Kampfhennen. Ähnlich veraltet wie du Kuh, du Ziege, du Gans. Die bei uns neu angekommene Orange, die Pomeranze als beneidete Konkurrentin des gemeinen Apfels? Der Paradiesapfel. Tussi würde man heute wohl sagen.

Heute ging ich erstmals im neuen Jahr auf die Straße und wollte mich bei der lustigen Kassierin mit einem Gläschen meines Clementinen-Gelees bedanken. Und siehe da, die Billa-Filiale bei mir an der Ecke zur Mozartgasse wurde geschlossen und ist vier Straßenbahnstationen weiter die Wiedner Hauptstraße hinauf übersiedelt. Für mich heute zu weit für dieses junge Jahr und meine schwache Gesundheit.
Irgendwann werde ich es einmal zum Wiedner Gürtel hinauf schaffen.

In der kurz vor Weihnachten eröffneten Spar-Gourmet-Filiale genau gegenüber kaufte ich dann als Eröffnungsangebot ein Körbchen mit Rudolfinen.

2.1.17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 17035

 

 

Die Küche liegt auf der Straße

An einem warmen Nachmittag im Mai des Jahres 2014 ging Peter Gruber den Wiener Donaukanal entlang, um sich die Kunstwerke dort anzusehen. Er hielt zwar nicht viel von Graffiti, doch die Unermüdlichkeit, mit welcher die Sprayer alte Werke übermalten, um neue auf der dann einfarbigen Grundierung zu erschaffen, faszinierte ihn.
‘Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank’, las er auf einem Plakat, das jemand achtlos auf ein Graffito geklebt hatte. Peter schmunzelte, hatte er doch mit der Unersättlichkeit der Banken seine Erfahrungen machen müssen. Selbst als er kein Geld mehr besessen hatte, war er von ihnen verfolgt worden, sowohl gerichtlich als auch persönlich, hatte ihm doch eine Bank tatsächlich einen Geldeintreiber nach Hause geschickt.

Gruber genoss diesen Tag. Er saß auf einer Bank und sah den Schiffen beim Vorbeifahren zu, er beobachtete die Möwen und Kormorane, die sich auf der Wasseroberfläche niederließen, sobald sich diese wieder beruhigt hatte, und auch die Menschen, die in großer Zahl an ihm vorbeischlenderten.
Da er nichts Besseres zu tun hatte, tat er es ihnen gleich und spazierte den Kanal entlang. Die Graffiti wurden weniger, und schließlich gab es keine mehr zu bewundern, also richtete Peter seine Aufmerksamkeit auf den sandigen Streifen neben dem asphaltierten Weg.

Es dauerte nicht lange, und er entdeckte eine Gabel, die jemand achtlos weggeworfen hatte. Sie war zwar aus Metall gefertigt, doch äußerst unsauber gearbeitet. Die Zinken waren stumpf und ihre Kanten nicht abgerundet, doch war sie des Weggeworfenwerdens nicht wert. Peter legte die Gabel in seinen Rucksack, den er beim Spazierengehen stets auf dem Rücken trug.
Er fragte sich, was wohl in Menschen vorgehen mochte, die Gabeln auf Wege warfen, die auch von Kindern und Hunden begangen wurden. Eine alte Frau hatte ihn beobachtet und lobte ihn dafür, dass er die Gabel an sich genommen hatte. Er gehörte offenbar nicht der modernen Wegwerfgesellschaft an.

Peter schlenderte weiter und wurde zum ersten Mal in seinem Leben Zeuge eines erbitterten Luftkampfes. Zwei Nebelkrähen, die wohl auf einem der Bäume neben dem Kanal nisteten, hatten offenbar eine gut genährte Taube als ihre Abendmahlzeit auserkoren und machten Jagd auf den kleineren Vogel. Sie stießen immer wieder auf die Taube herab, die ihre Rettung in der Flucht suchte, denn Gelegenheiten in Deckung zu gehen gab es an dieser Stelle keine. Das Ende der Taube schrieb Peter eher einem Unfall zu denn der gewieften Jagdtechnik der Krähen. In offenbar großer Panik schätzte die Taube nämlich sowohl ihre eigene Fluggeschwindigkeit als auch die Distanz zu einem Brückenpfeiler falsch ein und flog gegen diesen.
Peter eilte zu dem verletzten Vogel, hob ihn hoch und wollte gerade ein paar beruhigende Worte sprechen, als dieser sein Leben aushauchte. Er blickte um sich, und da ihn niemand beobachtete, legte er die Taube in seinen Rucksack.

Peter Grubers Jagdfieber war erwacht. Er hatte eine Gabel und eine fette Taube. In Gedanken fertigte er eine Liste von Dingen an, die er nun noch brauchte. Ein Grillrost stand auf dieser Liste an erster Stelle.
Da das Grillen am Donaukanal verboten war, war er gezwungen, sich zur Donauinsel zu begeben. Auf dem Weg dorthin war er ein weiteres Mal vom Glück begünstigt. In einem verrufenen Viertel fand er eine Geldbörse auf dem Gehsteig. Er öffnete sie, und da er in ihrem Inneren keinen Hinweis auf den Besitzer finden konnte, nahm er die einhundertzwanzig Euro, die darin waren, an sich.

Auf der Donauinsel bot sich Peter ein ähnliches Bild wie beim Donaukanal. Viele Menschen spazierten, ließen ihre Hunde frei laufen und einige spielten sogar Fußball. Es gab etliche Grillplätze, die gut besucht waren, und noch mehr Grillende, die ihre zumeist runden Grills selbst mitgebracht hatten. Auf den Rost eines solchen Kugelgrills hatte er es abgesehen. Ein Blick zum Himmel machte ihn sicher, dass das Glück an diesem Tag auf seiner Seite war. Dunkle Wolken am Horizont verhießen Regen, was bedeutete, dass die grillenden Menschen die Insel bald fluchtartig verlassen würden. Er brauchte also bloß abzuwarten, um zu seinem Rost zu kommen.

Den zweiten Posten auf seiner Liste, Grillkohle, würden sie vermutlich ebenfalls zurücklassen, und zwar in einem Papiersack, was bedeutete, dass er genug Material, nämlich Papier, zum Anzünden haben würde.
Nun brauchte er noch ein Messer, um die Taube ausnehmen zu können, ein Feuerzeug oder Streichhölzer und ein paar Gewürze.
Peter Gruber ging zu den Daubeln, fest mit dem Ufer verbundene schwimmende Fischerhütten, und suchte in deren Umgebung das Unterholz nach den noch benötigten Dingen ab. Ein oranges Stanleymesser, das er in der Nähe der dritten Daubel fand, erschien ihm für seine Zwecke ausreichend, zumal die Klinge beinahe neuwertig war. Er entfernte den von Rost befallenen ersten Teil der Abbrechklinge ab und steckte das Messer in die Seitentasche seines Rucksacks.

Kurz dachte er daran, in eine der Hütten einzusteigen, um sich Gewürze zu beschaffen, doch verwarf der diesen Gedanken rasch wieder. Er war zwar arm, aber kein Dieb, und schon gar kein Einbrecher. Er beschloss, mit den Gewürzen bis zum Schluss zu warten. Er hatte zwar das Geld aus der gefundenen Börse bei sich, doch wollte er nicht in einen Supermarkt gehen und Gewürze kaufen - dies hätte Peters Sammlungsergebnis für diesen Tag zu stark beeinflusst.
Er wanderte eine Stunde auf der Donauinsel umher, fand ein Feuerzeug, das zwar wenig Gas in sich hatte, aber noch brauchbar war. Dann setzte ein starker Platzregen ein, und wie von ihm vorausgesehen, verließen die Grillenden die Insel.
Peter fand einen Sack Grillkohle, der noch genügend Brennmaterial für das Grillen der Taube beinhaltete, und einen runden Rost, der auf einigen aufgeschichteten Ziegelsteinen lag.
Zufrieden mit diesem Tag machte er sich auf den Weg in sein Zuhause. Den Rost trug er in seiner linken Hand, den Rest im Rucksack.

Zu Hause erwartete ihn seine Frau, bei und von der er lebte, bereits. Sie stand im Vorzimmer ihrer geräumigen Wohnung und hielt einen großen schwarzen Müllsack geöffnet in ihren Händen.
Seufzend leerte Peter Gruber den Inhalt seines Rucksacks in den Müllsack und warf den Grillrost ebenfalls hinein.
Mit der Information ausgestattet, dass es sich bei ihm um einen unverbesserlichen Geizkragen handelte und er endlich sowohl seinen Therapeuten als auch das Arbeitsamt aufsuchen sollte, folgte er seiner Frau ins Esszimmer, auf dessen Tisch bereits ein dampfender Kalbsbraten stand.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen |Inventarnummer: 17020

 

Dorfgeflüster

Es war eine kalte, neblige Novembernacht, die Greta Schinagl sich ausgesucht hatte, um auf den Kugelberg zu gehen. Dorthin war sie schon immer gegangen, wenn Probleme sie belastet hatten. Die Ruhe, die der Wald ausstrahlte, hatte ihr viele Male dabei geholfen, ihre Gedanken zu ordnen und Lösungen zu finden.
Greta ging durch den Wald und dachte an ihre Tochter Maria, die von allen Mitzi genannt wurde. Diese hatte ihr nur Stunden vor dem Spaziergang eröffnet, dass sie Hans Maier, ihren Verlobten, verlassen und an Peter Meisters Seite wechseln würde.

Greta war bestimmt keine konservative Frau, die eine solche Nachricht aus der Bahn geworfen hätte, doch war Hans Maier nicht Mitzis erster Verlobter gewesen. Zuvor hatte sie Martin Schuster, Alois Möstl und Walter Mierz ihre Verlobungsringe zurückgegeben. Das ganze Dorf wusste über Mitzis Umtriebigkeit in Liebesangelegenheiten Bescheid, und das belastete Greta, die stets um Diskretion bemüht war.
Hinter vorgehaltener Hand wurde Mitzi der Liederlichkeit bezichtigt, auch wenn es natürlich so war, dass sich etliche junge Männer Hoffnungen machten, mit dem attraktiven Fräulein zusammenzukommen.

Als Greta Schinagl sich einer alten Buche näherte, an deren Stamm gelehnt sie gerne verweilte, fühlte sie, dass etwas anders war als sonst. Sie war nicht alleine im Wald. Sie hörte das Brechen von Zweigen auf dem Waldboden und bald sah sie eine kleine Frau auf sich zukommen. Eine Wolke gab den Vollmond frei und sie erkannte, dass es sich bei der Frau um Waltraud Klinger handelte.
Diese war im Dorf als eine Frau bekannt, die über magische Kräfte verfügte. Sie hatte mit ihrer Zauberkunst schon vielen Menschen geholfen, doch hatten die Leute auch Angst vor ihr. Sie fürchteten nämlich, dass Waltraud ihre Magie gegen sie einsetzen könnte, wenngleich die friedliebende Hexe nie in Streitigkeiten verwickelt war.

„Kalt ist es heute“, stellte Waltraud fest.
„Ja, Waltraud, das ist es“, pflichtete ihr Greta bei und seufzte.
„Mitzi hat wohl wieder einen Neuen. Oder bist du aus einem anderen Grund in den Wald gegangen?“
„Ich weiß nicht, was mit meiner Tochter los ist!“, rief Greta.
„Ich könnte dir helfen.“
„Wie denn? Bei Mitzi ist doch Hopfen und Malz verloren!“
„Ich habe einen neuen Zauberspruch formuliert, der deine Tochter auf den rechten Weg zurückbringen wird. Allerdings verlange ich eine Gegenleistung.“
„Ich habe nicht viel Geld, Waltraud, aber was ich dir geben kann, sollst du erhalten.“

Die Hexe winkte ab, Geld interessierte sie nicht. Sie flüsterte in Gretas Ohr, was ihr Hexenlohn werden sollte.
„Nein!“, entfuhr es Greta. „Das Rezept für meine Haferkekse ist ein uraltes Familiengeheimnis. Ich kann es dir einfach nicht geben.“
„Das ist sehr schade, vor allem für deine Tochter.“
„Wofür brauchst du es denn? Du bist doch eine Hexe. Dir muss es doch ein Leichtes sein, dieses Gebäck auf den Tisch zu zaubern.“
„Das mag schon sein, doch hexe ich niemals für mich selbst. Ich finde, dass sich das nicht gehört.“
„Kann ich dir etwas anderes geben?“
„Nein, Greta. Ich will das Rezept. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein - als Gegenleistung dafür, dass Mitzi endlich ein normales Leben führt.“

Greta Schinagl überlegte zwei Minuten, und schließlich willigte sie ein.
Waltraud murmelte den Zauberspruch, während Mitzis Mutter das Rezept auf ein Blatt Papier schrieb, das sie in ihrer Jackentasche gefunden hatte.
Zwei Tage später besuchte Mitzi ihre Mutter.
„Mama, ich habe beschlossen, Hans doch zu heiraten. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, ihn zu verlassen.“
Greta lachte innerlich. Sie wusste sehr wohl, was der Grund für den Sinneswandel ihrer Tochter war.
„Es freut mich sehr, dass du Hans nicht verlässt, Mitzi. Er ist ein netter Mann, und ihr werdet bestimmt glücklich.“

Die Nachricht machte rasch die Runde im Dorf, und von einem Tag auf den anderen wurde nicht mehr schlecht über Mitzi Schinagl geredet.
In Dörfern ist es oft so, dass ein Mensch schnell die Gunst der anderen verliert, doch wenn sich eine Kleinigkeit ändert, wenn er den Vorstellungen der anderen plötzlich entspricht, ist er wieder wohlgelitten - obwohl er derselbe Mensch ist.

Drei Wochen nach der Hochzeit von Mitzi und Hans pochte es an Greta Schinagls Haustüre.
Die Hexe stand davor und rief: „Du hast mich betrogen!“
„Ich habe dich nicht betrogen, Waltraud“, antwortete Greta.
„Doch, das hast du! Die Haferkekse wollen mir einfach nicht gelingen. Du hast mir bestimmt eine Zutat verschwiegen!“
Sie hielt Greta das Rezept vor die Nase. Greta las, was sie geschrieben hatte.
„Es tut mir leid, Waltraud. Ich habe das Rezept so aufgeschrieben, wie meine Großmutter es mir damals überliefert hat.“
„Ich glaube dir nicht!“, rief die Hexe. „Aus diesem Grund sehe ich mich gezwungen, die Wandlung deiner Tochter zum Guten hin rückgängig zu machen.“
„Nein, Waltraud, das darfst du nicht tun! Was soll dann aus dem armen Kind werden?“
„Das ist mir gleichgültig, Greta!“

Die Hexe lief davon, und Greta lag die ganze Nacht wach im Bett. Die Sorge um die Zukunft ihrer Tochter ließ sie keinen Schlaf finden.
Waltraud Klinger machte ihre Ankündigung nicht wahr - wenigstens nicht auf die Art und Weise, die Mitzi in alte Verhaltensmuster hätte zurückfallen lassen.
Mitzi erwachte am nächsten Morgen und lief, nachdem sie ihr Spiegelbild gesehen hatte, zu ihrer Mutter.
„Um Himmels willen! Was ist mit dir geschehen, mein Kind?“, stieß Greta entsetzt hervor, als sie ihre Tochter sah.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Mama“, gab Mitzi sarkastisch zurück. „Mir war eben danach, mir über Nacht einen Buckel wachsen zu lassen. Auch die beiden Warzen auf meiner Nase stehen mir gut, findest du nicht?“
Dann brach sie in Tränen aus.

Greta ergriff ihre Hand.
„Das ist meine Schuld, Mitzi.“
„Was hast du getan, Mama?“
Greta erzählte ihr von dem Abend im Wald.
„Hast du Waltraud denn das richtige Rezept gegeben?“
„Ja, Mitzi, das habe ich. Ich weiß nicht, warum sie es nicht fertigbringt, danach zu backen.“
„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte Mitzi verzweifelt. „So, wie ich aussehe, werde ich zum Gespött des Dorfes!“
„Ich verspreche dir, dass ich eine Lösung finden werde“, sagte Greta Schinagl und verließ das Haus.

Atemlos pochte sie an Waltraud Klingers Türe.
Die Hexe öffnete und sagte: „Gefällt dir deine Tochter, so wie sie nun aussieht?“
„Waltraud“, rief Greta, „ich habe dich nicht betrogen!“
Doch die Hexe hatte kein Interesse daran, das Gespräch weiterzuführen.
„In zwei Tagen kannst du wiederkommen, Greta! Dann sehen wir weiter.“

Mitzis verändertes Aussehen blieb niemandem im Dorf verborgen. Gerüchte machten bald die Runde. Die junge Frau wäre ihrem Verlobten untreu gewesen, und der Fluch die Strafe dafür. Ein anderes besagte, Mitzis Schwiegermutter hätte die Verwandlung bewirkt, um ihr eine Lektion zu erteilen - wofür, das sagte die Person, die das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, nicht dazu.
Zwei Tage später stand Greta Schinagl erneut vor Waltraud Klingers Haustüre.
„Waltraud, bist du nun bereit zu reden?“
„Komm herein, Greta.“

Sie nahmen am Küchentisch Platz, auf welchem die Hexe die Zutaten für die Haferkekse vorbereitet hatte.
„Es wird wohl das Beste sein, wenn du sie vor meinen Augen zubereitest, Greta. Ich werde mir einprägen, was du machst und wie du es machst, und dann backe ich die Kekse vor deinen Augen.“
„Einverstanden“, sagte Greta und machte sich an die Arbeit.
Nachdem die Kekse ausgekühlt waren, kosteten die beiden Frauen davon.
„Sie schmecken so, wie deine Haferkekse immer geschmeckt haben“, stellte Waltraud fest. „Nun backe ich welche.“
Greta sah der Hexe dabei zu, ohne ein Wort zu sagen.
Waltrauds Kekse schmeckten grauenhaft.
„Also, Greta, welchen Fehler habe ich gemacht?“
„Handwerklich hast du alles richtig gemacht, Waltraud.“
„Woran liegt es dann?“
„Du hast die Haferkekse ohne Liebe zubereitet. Alles was man macht, muss man mit Liebe machen. Versuch es noch einmal.“

Die Hexe machte sich erneut ans Werk, und siehe da, diese Kekse schmeckten vorzüglich.
„Wirst du nun den Fluch von Mitzi nehmen?“
„Ja, das werde ich.“
Sie sprach eine magische Formel, und Mitzi war wieder so schön wie sie zuvor gewesen war.
Erneut machten Gerüchte die Runde, doch dieses Mal sorgte Greta Schinagl dafür, dass sie schnell verstummten.

Beinahe alle Dorfbewohner waren im großen Bierzelt auf der Festwiese versammelt, als Greta die Bühne erklomm und folgende Worte an die Anwesenden richtete: „Liebe Mitbürger! Ich weiß, dass ihr euch fragt, was es mit Mitzis Verwandlung und Rückverwandlung auf sich hat. Nun, ich kann euch versichern, dass alles in Ordnung ist.
Ich war erstaunt, wie sehr ihr euch für meine Tochter interessiert habt, und dafür danke ich euch. Nein, bitte seid nicht betreten und senkt eure Blicke nicht! Ich meine das ehrlich. Da habe ich gefühlt, wie viel Liebe in euch steckt. So viel Liebe, wie ihr auf das Erfinden von Gerüchten verwendet habt, habe ich selten erlebt.
Vielen Dank dafür! Ich bin mir nicht sicher, ob sich das gehört, doch habe ich eine Bitte an euch: Legt in Zukunft einfach die selbe Liebe in alles, was ihr macht, also in reale Dinge! Danke!“

Das hatte gesessen. Über Mitzi wurde nicht mehr gesprochen, und auch andere Dorfbewohner und deren Taten wurden nicht mehr zu Zielen des Argwohns, des Spottes oder gar der Lüge.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen |Inventarnummer: 17019