Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Wenn es im Kopf rumpelt

Draußen rumpeln gummiharte Räder über einen Gehsteig. Das Echo pocht an die Wirbelfortsätze meines Rückgrats. Meine Ohren langweilen sich, weil sie schon zu oft dieses Geräusch gehört haben: Ein Skater fährt über die karierte Topographie des Pflasters heim.

Ach übrigens:
Kann man einen hilfreichen Satz wie ein Pflaster über zerrissene Gedanken kleben?

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H. (Foto und Text)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26104

Alltagshelden

Die sind Helden, die durch Mut
bewiesen haben, sie war’n gut.
Wer aus der Masse sich erhoben,
den wollen wir besonders loben.

Ein Risiko ging mancher ein,
zu helfen, um ein Mensch zu sein.
Selbstlos steht des and’ren Wohl
über dem eig’nen, wenn es soll.

Die Tat, die nennt sich vorbildhaft,
die’s über das Normale schafft.
Doch nicht bloß der Kugel wegen,
Helden werden durch den Degen
oder auch durch Muskelkraft
zu dem, was sie sind, gemacht.

Der Mensch verleiht auf dieser Welt
solchem Tod den Status Held.
Aber was ist mit den vielen,
die krepieren an Gefühlen?
Die durch Schänden, Kränken, Denunzieren,
Ehrabschneiden, Attackieren
sterben, weil sie resignieren?

Jemand, der/die mit letzter Kraft
den Kampf gegen den Tod nicht schafft?
An den Folgen schwerer Krankheit
oder Schäden aus der Kindheit
Schmerzen leidet, nachts und tags?
Helden sind sie, des Alltags!

Man würdigt Alltagshelden nicht,
auf Sockeln nicht, nicht im Gedicht.
Und niemals wird ein Platz benannt
nach wem, dem/der das Herz verbrannt.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26093

 

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Tagebuch Georg D. 13.3.2026

Liebes Tagebuch!

Jetzt ist mir schon wieder etwas passiert. Ich habe meinen Führerschein abgeben müssen, wegen einer Lappalie.

Ich war unterwegs und plötzlich habe ich Hunger bekommen. Also bin ich zu einem McDonald’s gefahren und habe mich hineingesetzt. Nach drei Cheeseburgern und einer Cola wollte ich weiterfahren, da habe ich bemerkt, dass ein Kindergeburtstag beim Schachtelwirt im Gange war.

Die Kinder waren lieb, die Mütter schön, und so habe ich mich dazuges(t)ellt. Es war auch wirklich sehr lustig. Als mich jedoch die kleine Maria, das Geburtstagskind, nach einem Geschenk gefragt hat, und ich nichts für sie hatte, war sie traurig. Ich war auch traurig und fragte sie, ob sie einen Cheeseburger wollte, doch sie lehnte ab.
Da kam mir eine gute Idee.
Ich fragte sie, ob sie eine Art Puzzle spielen wollte, und sie bejahte.

Also ging ich zu meinem Wagen, holte mein Jagdgewehr heraus, zerlegte es neben dem Auto und ging mit den Teilen wieder nach drinnen.
Die Kinder waren begeistert und versuchten, das Gewehr zusammenzubauen, und auch die Mütter blickten verzückt auf den schönen Lauf in meiner Hand.

Nach einer halben Stunde hatten die Kinder es geschafft, und ich applaudierte und verließ das Lokal.
Im Auto dachte ich an die Dinge, die mir in letzter Zeit widerfahren sind.

Dass der linxlinke Babler mich aus der Partei werfen hat lassen! Du liest schon richtig, liebes Tagebuch! Für den Babler ist mir jeder Buchstab zu viel!

Und dann dachte ich an die Sache mit dem Gewehr, das ich habe im Auto liegen lassen.

Plötzlich erschrak ich. Ich hatte mein Gewehr beim Mäci gelassen und wusste nicht, ob sich nicht vielleicht doch eine Patrone in der Kammer befand.
In einer Pannenbucht atmete ich tief durch und analysierte die Situation.

Gut, ein kleines Kind kann ein Gewehr nicht so ohne weiteres bedienen, doch vielleicht eine der Mütter oder eine Kellnerin vom McDonald’s.
Also beschloss ich, zurückzufahren und meine Waffe abzuholen.

Da ich Angst hatte, wegen der Büchse erneut in der Zeitung zu stehen, bin ich eben schnell gefahren.
So schnell, wie es mit einem Mercedes eben geht.

Meinen Porsche habe ich nämlich Nathalie Benko geborgt. Die Arme hat ja nichts mehr, und so soll sie wenigstens nicht mit einem Japaner von einer Adresse zur nächsten reisen müssen.
Ein wenig Dankbarkeit war natürlich auch dabei. Vor allem dem René Benko gegenüber.

Als ich quasi im Waffenverbot gesessen bin, hat er mich großherzig mit auf die Jagd genommen. Ich habe mir eine seiner Büchsen ausborgen dürfen, und mit der Holland & Holland habe ich tatsächlich einen schönen Hirsch erlegt.
Ich frage mich immer noch, warum so viele Leute gesagt haben, dass auf dem Foto mit der Trophäe nicht nur ein Hirsch zu sehen ist …

Auf jeden Fall bin ich schnell gefahren und wurde angehalten. Ein Polizist hat mich angehalten und meine Papiere kontrolliert. Ich glaube, er hat gewusst, wer ich bin, denn er hat meinen Kofferraum kontrolliert und das Handschuhfach auch.
Ich sag es dir, liebes Tagebuch, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes auf einer glühenden Makarov gesessen. Ich glaube, eine nicht registrierte Pistole nennt man ja eine heiße Waffe.

Na ja, jedenfalls hat mich der Polizist weiterfahren lassen, als ich ihm gesagt habe, dass meine kleine Berta beim McDonald’s auf einem Kindergeburtstag ist und dringend abgeholt werden möchte.
Zum Glück gebe ich allen meinen Waffen niedliche Namen. Hätte ich Beretta gesagt, wäre der Mann sicher hellhörig geworden.

Nun habe ich keinen Führerschein mehr, doch das macht nichts. Wenn ich etwas zu erledigen habe, nehme ich einfach meinen neuen Taycan. Das ist ein E-Auto, also geht das zur Not auch ohne Führerschein.

So, liebes Tagebuch, nun muss ich aber weiter.

Ciao, dein Schurliburli

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 26089

Der Tycoon baut kleinere Häuser

Der derzeit im Innsbrucker Gefängnis domizilierte Untersuchungshäftling René B. sieht sich keineswegs als gefallener Immobilientycoon, vielmehr als Errichter kleinerer Häuser.

Er hat in der Gefängnistischlerei eine Ausbildung zum Tischler begonnen.

„Das hat sich so ergeben”, erzählt er freimütig. „Ich saß in meiner Zelle und dachte an meine Weggefährten. Dabei kam mir das Lied ‚Amsel, Drossel, Fink und Star‘ in den Sinn.
Es ist nämlich so, dass ich nur deswegen im Häfen sitze, weil die alle gesungen haben.
Das hat mich auf die Idee gebracht, meine Zeit hier sinnvoll zu nutzen und meine Expertise in der Errichtung von Wohnraum in meine Ausbildung zum Tischler einfließen zu lassen.
Es ist nämlich gar nicht so einfach, ein Vogelhaus zu bauen!”, ruft B., wieder ganz der Entrepreneur, den die Welt kennt.
„Eine Amsel beispielsweise benötigt ein größeres Einflugloch als eine Meise. So wie ein Bentley naturgemäß eine größere Garage braucht als ein Mini!”

Auf die Frage, ob die Konstruktion von Nistkästen so aufwändig sei, dass er die nächsten Jahre damit zubringen werde, diese hohe Kunst zu erlernen, schluckt B., kratzt sich den immer noch gepflegten Dreitagebart am Kinn zurecht und lässt tief in seine Seele blicken:

„Wissen Sie, die kalte Platte hier im Häfen ist natürlich nicht so gut wie die aus dem Schwarzen Kameel. Auch dem Sprudel fehlt hier die Substanz.
Dennoch habe ich große Pläne! Nach den Vogelhäusern werde ich mich in der Kunst des Erbauens von Hundehütten unterweisen lassen. Ein Schäferhund braucht nämlich einen größeren Torbogen als ein Dackel, verstehen Sie?”

Ein ebenso weitsichtiger wie vielschichtiger Mann wie René B. hat natürlich auch Pläne für die Zeit nach seiner Haftentlassung.

„Klar habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Wissen Sie, in den Bergen, wo ich mich gerne aufhalte, ist es oft schwer, etwas Passendes zu finden, wenn einen die Natur überkommt. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, ein, natürlich großes, Unternehmen zu gründen, das sich auf die Herstellung von Nebengebäuden spezialisiert.”

Auf die Frage nach seiner Rolle in dem Unternehmen wird René B. unwirsch.

„Na was glauben Sie denn? Ich hoble die Bretter, verbinde sie miteinander, entwerfe und fertige eine ansprechende Sitzgelegenheit und zum Schluss fräse ich ein Herz in die Türe!”

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: möbliert |Inventarnummer: 26088

Die wahre Hölle

Ihr Herrschaften, so tretet ein,
lasst all die Hoffnung fahren.
Wir laden heut’ zum Festspiel ein,
zum Festival des Wahren.

Verloren irr’n, zwischen den Reihen,
Zuseher hinauf zur Galerie.
Da steh’n der Billetteure dreien,
in des Infernos Szenerie.

Und eh die Leute sich’s versehen,
rufen die drei aus einem Munde:
„Kehrt um, für dies Vergehen
büßt ihr, so will’s die Kunde!“

Vor Lachen biegen sich Betrug,
die Wollust und die Bosheit.
Und im Duett auch Hass und Lug.
Der Hölle Schlund klafft dreigeteilt.

Hier im Inferno stechen Wespen,
genauso wie Hornissen.
Es zittern Sünder wie die Espen,
wenn deren Blut und Eiter fließen.

Dort drüben geht es ebenso,
mit Würmern und mit Maden.
Das nennt sich Purgatorio,
zum Mahle ward geladen.

Schon tönet der gemischte Chor.
Der Bläser hell’ Geschmetter,
erreicht das vielgeplagte Ohr.
Wenn’s leiser wär’, wär’s netter.

Durch alle Kreise dieser Hölle
ist Böses kaum zu überbieten,
durchreist man, einfach auf die Schnelle,
der Hölle Qual’n und ihrer Riten.

Links davon drohen Dämonen,
dahinter jammern die Verdammten.
Die Wahrsager eilig betonen,
dass sie die Zukunft glatt verkannten.

Drei Köpfe der Verräter trägt er,
der einst gefall’ne Engel,
auf seinen Schultern, Luzifer,
erfreut an deren Mängeln.

Erst jaulend, schwefeliges Blech.
Dann Stille, komponiert das Schweigen.
Der Schmerz, vernichtend, höllisch, ja gar frech,
begleitet wird von sanftem Geigen.

Die Qual, die durch die Nerven jagt,
wenn Wespen und Hornissen summen.
Die wahre Hölle, wird gesagt, ist,
wo wir voreinand’ verstummen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26092

 

Die Perchtenmaske

Oktober 2003

„Gib sie zurück, auf der Stelle! Ich will dieses unsinnige Ding nicht mehr im Haus haben. Nur Unglück bringt das“, keifte Katharina ihren Mann an. Der machte keine Anstalten dagegen zu reden. Er wusste, dass es nichts bringt, wenn seine Frau begann, sich aufzuregen. Da war es das Beste, sie einfach zu ignorieren.

„Das Klump kommt weg, raus aus unserem Haus. Keiner braucht das. Bringt nix!“

Katharina war so richtig in Fahrt. Der alten Perchtenmaske wohnte anscheinend ein böser Geist inne und sie hatten sich deswegen schon einige Male gestritten. Ständig kam jemand und wollte dieses grässliche Ding zurück. Manche meinten sogar ihrem Mann drohen zu müssen. Der war aber partout nicht zu bewegen, das Ungetüm herzugeben. Seit dieses Unding im Haus war, gab es nur Ärger mit dem hässlichen Stück. Doch je mehr sie dagegen wetterte, desto mehr lobte er die Maske in den Himmel. Sie verstand ihren Mann in diesem Punkt überhaupt nicht.

Willy reichte es jetzt. Er wollte seiner Frau soeben eine passende Antwort geben, als es an der Haustüre läutete. Ein wenig verstört blickte sich das Ehepaar an. Wer kam am Samstag um diese Uhrzeit, um halb neun in der Früh, vorbei? Katharina zuckte nichts wissend die Schultern. Willy erhob sich und ging zur Tür, um zu sehen, wer das war. Katharina hatte sich inzwischen etwas beruhigt und räumte das Frühstücksgeschirr vom Tisch in die Geschirrspülmaschine.

Sie verstaute das übrig gebliebene Essen im Kühlschrank und in den Küchenschränken. Von draußen hörte sie unverständliches Gemurmel und dann ein lautes „Nein!“ rufen.

„Willy, wer ist denn da?“, rief Katharina in Richtung Vorhaus. Dann hörte sie einen Schuss. Erstarrt blieb sie vor der Türe zum Vorhaus stehen. Was war da los? Sie legte das Geschirrtuch auf einen der Küchenschränke. Langsam und mit zittrigen Fingern öffnete sie vorsichtig die Küchentüre und lugte durch den Spalt. Alles war still. Ein leichter Windzug wehte durch den Vorraum, weil die Haustüre noch offenstand. Katharina ging langsam über den Teppich zum Schuhschrank, der sich neben der Eingangstüre befand. Es war niemand zu sehen. Hin zur Straße hörte sie noch ein Geräusch von hastig davoneilenden Schritten, konnte aber nichts erkennen. Willy saß auf der zweiten Stufe der Stiege zum ersten Stock, angelehnt an die Mauer, die Augen weit geöffnet. Er rührte sich nicht. „Willy?“, fragte Katharina. Keine Antwort.

„Willy, was ist mit dir?“

Katharina beugte sich zu ihrem Mann und berührte ihn leicht an der Schulter. Darauf fiel er im Zeitlupentempo auf die andere Seite, wo er mit dem Kopf am Schmiedeeisengeländer der Stiege hängen blieb. Jetzt sah Katharina die blutverschmierte Stelle an der Wand, welche von Willy‘s Kopf stammte. Auf der Stirn bemerkte sie ein rundes schwarz-rotes Etwas. Ein kleines rotes Rinnsal bahnte sich seinen Weg entlang der Wange hin zum Hals. Katharina stand mit weitaufgerissenen Augen vor ihrem Mann und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Der wird doch nicht tot sein! Es brauten sich dunkelschwarze Wolken in ihrem Kopf zusammen.

„Neeeeeiiiin!“ Ihr Schrei durchflog die Umgebung. Die Vögel in den Bäumen stoben erschrocken auseinander.

Gabriele Grausgruber

Auszug aus dem zweiten Regionalkrimi der Autorin:
„Die Perchtenmaske“ kann in jeder Buchhandlung, beim Innsalz-Verlag
oder über die Website www.grausgruber-gaby.com bestellt werden.

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26090

 

Archiv März 2026

29.3.26: Norbert Johannes Prenner: Das mit der Zeit
29.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Urlaubsziel
29.3.26: Johannes Tosin: Die vernünftige Tat
29.3.26: Johannes Tosin: Replikantin
21.3.26: Frank Joussen: Die Blüte der Magnolie
21.3.26: Johannes Tosin: Luft
21.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Millionenshow
21.3.26: Johannes Tosin: Die Stadt der tausend Fragen
15.3.26: Sonja Steingreß: Heute nicht
15.3.26: Frank Joussen: Manch eine Hollywoodnacht
15.3.26: Antonia H.: Pi-Gedicht
15.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Anstoßen auf die Inflation
15.3.26: Johannes Tosin: Bildstörung
15.3.26: Johannes Tosin: Dreaming
7.3.26: Bernd Watzka: Herlicek – Kleine Freuden des Lebens
7.3.26: Johannes Tosin: Auf der Welt
7.3.26: Johannes Tosin: Nichts Gutes