Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Nicht kindergartentauglich

Ich war nicht kindergartentauglich.

Ich versuchte, mich zu erinnern, warum, und nach einiger Zeit stiegen die Gedanken in meinem Gedächtnis hoch.

Es war Hochsommer. Ich muss um die fünf Jahre alt gewesen sein. Die Kindergärtnerinnen hatten ein großes Plantschbecken aufgebaut, in dem wir Kinder nackt saßen, manche machten Schwimmbewegungen, nackt war damals noch akzeptiert, Jungens und Mädchen gemeinsam – ich sage Jungens statt Buben, da dies in Deutschland stattfand.

Mir war das viel zu wenig Action. Irgendwann überkam es mich und ich machte eine Arschbombe mit Anlauf in den Pool, mitten in die Kinder hinein.

Das war es dann für mich mit dem Kindergarten.

Das Schmetterlingsfenster im Kindergarten des Diözesanhauses

Das Schmetterlingsfenster im Kindergarten des Diözesanhauses

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26205

 

Reisenotizen Nürnberg

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Kaiserlicher geht es nicht mehr. Alleine für ihren Anblick sei der Stadt der erste Preis für altehrwürdige Schönheit zuerkannt.

Wer sich wie ich in einem einstündigen Referat über die staufische Doppelkapelle eine der ersten Meriten der Kunstgeschichte erworben hat, darf das.

Allerdings ist mir seither klar, dass ich Mittelalter- und Ritternostalgie gegenüber stets skeptisch bleiben würde. Ich ziehe Gemütlichkeit schlechten hygienischen Verhältnissen wie kalten Burgmauern, Obst und Gemüse den Schlachtplatten und Gleichberechtigung der Frauen dem Minnefirlefanz vor. Man könnte mich allerdings mit den hiesigen Lebkuchen bestechen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26194

Reisenotizen Heidelberg

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Heidelberg hätte ich gerne unbefangen kennengelernt, doch das war mir verwehrt, weil ich meinen krebskranken Partner zu einer der weltweit besten Spezialkliniken für Pankreaskarzinome begleitete. Vielleicht schützte mich das vor den üblichen Heidelberg-Sentimentalitäten.

Was sich im Neckar spiegelte, wirkte auf mich wohltuend, und dass in dieser altehrwürdigen Universitätsstadt eine eigene literarische romantische Richtung erschaffen wurde, spricht für sich.

Königin Silvia von Schweden, eine gebürtige Heidelbergerin, scheint in ihrer Rolle wohl die besten hiesigen Eigenschaften zu verkörpern, die ich auch in der Klinik erfuhr:  Ordentlichkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit.

Ich fand sogar, dass die dortigen Radwege ähnliche Qualitäten widerspiegelten. Kein einziger von ihnen geriet in Konflikt mit Gehwegen und Autorouten …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26193

Reisenotizen Hamburg

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Tor zum Norden: eine Art Venedig, durch das nachts heimlich Putztrupps mit Kübeln schleichen, damit es am nächsten Tag zwar nicht zu Blankenese, aber doch eben blitzblank gerät.

Ich kam nie in die Nähe des Kiezes und die Elbphilharmonie gab es noch nicht; die Speicherstadt allerdings ragt so beeindruckend auf, dass sie unerreichte Sehenswürdigkeiten wettmacht. Vehement wetteifern hier Wasser, Erde, Luft und – in Backsteine eingebrannt – Feuer miteinander.

Ein Ort, der Macht und Reichtum durch Seehandel errungen hat, verlangt mir immer Respekt ab. Dass es Menschen aufs Meer zieht und stets gezogen hat, kann ich gut nachempfinden: eine feuchte Brise Salzgeruch, Brandungsrauschen, Nebelhörner, Möwengeschrei in einer großen Stadt mit einem Hafen wie ein Bollwerk gegen die Urkräfte der Elemente; dazu Aussicht auf Wohlstand würden sogar aus mir, Binnenländerin und Landratte, zumindest eine Schiffsratte machen. Wunderbar, dass ausgerechnet norddeutscher Dialekt Hansepathos konterkariert, werden doch S und T, obwohl an Wortanfängen zu neuem Laut vereint, getrennt ausgesprochen.

Der Gedanke an im Sand spielende Kinder lässt sich nach solch einer akustischen Wahrnehmung nur schwer aus dem Kopf schlagen. Aber, aus Kindern, die im Sand spielen, kann alles werden. Seefahrer, Modezaren, Münchhausendarsteller oder Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff …

Copyright: Antonia H.

echte Hamburger Möwen

 

Antonia H.
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26192

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Mittagspause

Die Uhr ist aus der Türkei; sie ist das Einzige, was ich aus der Türkei habe, vom Anderen bin ich mir nicht sicher. Diese Uhr haben wir nur angeschafft, weil wir mittags viele Gäste haben, die wieder zur Arbeit müssen. Wozu braucht denn ein Café eine Uhr? Eben! Was arbeiten Sie? Personalverrechnung? Ist sehr fad, oder?

Copyright: Michael Bauer

Copyright: Michael Bauer

Michael Bauer
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortbild | Inventarnummer: 26204

Zurück in die Zukunft

Nun hat die moderne Welt nicht zuletzt ganze Arbeit geleistet.
Und unerbittlich alle Gespenster restlos vertrieben.
Hat ununterbrochen aufgeklärt, doch was ist passiert?
Der Erdling strebt, rundum informiert, begierig nach Zukunft.

Vor neuen Königen wimmelt der Globus, gleich der Antike Helden.
Cäsaren, die eiskalt und blutrünstig handeln.
Nur vorwärts, wir müssen zurück in die Zukunft,
die liegt im Vergang’nen auf ewig begraben.

Die Sehnsucht, nach Hause, ans sichere Ufer,
ins Eig’ne zurück, als folgte sie nächtlicher Blindheit.
Nun soll es so sein, so wie es schon immer längst war.
Denn oben sei oben, und unten bleibt unten.

Als Ziel gilt dem Massenmörder der Ursprung,
beschmutzt gilt die heilige Erde durch Fremde.
Verfall durch Verlockungen westlicher Triebe.
Wie in der Sirenen Gesänge, die Invasoren schlachtet man ab.

Und Sympathisanten, sie alle träumen den ein und denselben Traum.
So wartet, bald herrscht wieder Klarheit und Härte.
Hinein in die Neoantike, die Sehnsucht nach ihr führt euch heim.
Die Odyssee der Moderne hat längst ihr Ende gefunden.

Trieb man zu lang auf dem Meer der enttäuschten Hoffnung?
Der Himmel ward einem versprochen, wie auch des Rücken Wind.
Stattdessen herrscht Ungleichheit glühend wie Fieber,
und dieses erregt allhier die planetarische Furcht.

Das transnationale Gesetz wie den gordischen Knoten durchschlagen!
Von jetzt an gilt das archaische Faustrecht im Zeichen des Wolfes.
Und übrig bleibet der Krieg, als erblicher Vater der Dinge.
Als auch die epische Unfähigkeit zum gemeinsamen Handeln.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26203

Loslassen zu Lebzeiten

Kind, lass deine Mama los.
Du musst, du wirst ja sowieso.
Nur Haare blieben hängen in der kleinen Hand,
dahin war die Geborgenheit.

Sie ging
damals aus der Kindergartentür
und kam zurück
und ging und kam zurück
noch tausend Mal
in meinem Leben.

Und jetzt sagt ein Freund,
was ich seit gestern weiß:
Es geht um Leben und um Tod.
Er sagt mir auch, in Liebe sagt er es:
Lass deine Mama los,
dann wird es leichter.

Leichter?
Böse fast
versteh ich’s nicht.
Dann wär ja davon auszugehen,
dass diese Krankheit sie ins Sterben führt,
während wir alle hoffen?

Wie froh bin ich,
dass ich dann doch versteh.
Noch versteh, während sie
am Leben ist.

Ich lasse meine Mama los
heißt: Ich halt die Liebe nicht mehr fest
in Schmerz und Angst verschlossen.

Dass ich sie gehen lass,
macht meinen Schmerz derweil nicht kleiner,
sondern ganz.

Sonja Steingreß

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 26202

 

 

Herlicek – Klima-Anpassung

Klimaschützer schlagen Alarm,
auch bei uns ist’s viel zu warm.
Wir leiden unter Hitzewellen,
die den Sommer uns vergällen.

Bald gibt’s Palmen, heißen Sand,
wie im fernen Karibik-Land.
40 Grad – das wird die Regel
für Vater, Mutter, Kind und Kegel.

Was soll man tun? Untätigkeit
würd’ verschlimmern unser Leid.
Man muss handeln, und zwar sofort.
Taten zähl’n mehr als jedes Wort!

Herlicek, der Unbeugsame,
ergreift eine Sofortmaßnahme:
„Ich pass mich ans Klima an,
hab schon einen Hitze-Plan.

Ich wechsle im Café Pepito
von Zirbenschnaps auf Mojito
und dann im Café Lambada
von Spritzer auf Pina Colada!“

 

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26201