Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Kuckuck

Der Kuckuck fiel vom Baum herab
Du fängst ihn auf, wenn auch nur knapp
Er muss sich gar nicht viel bewegen
Du fängst ihn auf – auf allen Wegen!

Der Specht, der hat sich arg verklopft
Er ist ja leider schwer verkopft
Du richtest ihm die Wirbelglieder
Siehe da, da klopft er wieder!

Ein Has’ steckt in der Hasenfalle
Du liebst die Hasen, liebst sie alle
Löst mit Vorsicht seine Pfote
Sei du nun, Has’, der Freiheit Bote!

Ein Freund der Freiheit ging verloren
Du fasstest ihn an beiden Ohren
Und schenk’st ihm so ein neues Leben!

Und sollte dir je was gescheh’n
Wird er ruckzuck bei dir steh’n
Und fängt dich auf – auf allen Wegen!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26165

Reisenotizen China (Sechuan und Yünnan)

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Es ist ein riesiges Land mit vielen, vielen Menschen und ich frage mich, ob ich einen kleinen Teil für das Ganze stehen lassen darf. Sei es drum, ich bin nicht die Erste, die dieses Land über den Kamm geschoren hat …

Laotse hat wohl nicht zufällig sein Tao schon vor langer Zeit ins reine Land mitgenommen, als ob er geahnt hätte, dass sich Mao dereinst auf Tao schlecht reimen würde.

Was aber kulturrevolutionärem Einstampfen zum Trotz zu finden ist, ist eine uralte Harmonie zwischen Gebautem und Gewachsenem, wenn es denn die Wirren der Geschichte der letzten Jahrhunderte überdauert hat.

Die lieblichen Landschaften Yünnans erheben sich immer noch genauso zart zum Himmel wie aus alten Seidenmalereien.

Die fünf Elemente mundeten vorzüglich, solange sie nicht aus sichtbar massakrierten Lebewesen gekocht waren. (Ich denke da zum Beispiel an Fast-Food-Stände mit frittierten Entenköpfen.)

Manches erscheint mir hier bizarr wie eine einzige Verzerrung von allem. Hier fand ich oft Harmonie übertrieben und Mäßigung untertrieben.

Selten habe ich Wüsten so blumenreich beschrieben gehört und ehemalige Blumenreiche so konsequent verwüstet gesehen.

Die Sehnsüchte und Begehrlichkeiten, die ich wahrgenommen habe, sind andererseits doch wie überall. Sie verströmten nur ein anderes, manchmal für mich ungewöhnlich starkes Aroma.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26167

Reisenotizen Pomo-Reservat

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Amerika ohne indigenes Territorium ist wie Suppe ohne Salz. Wer kennt schon die Pomo, die im Mittelwesten ihren Platz durch Handel mit getrockneten Algen festigten, die sie im Pazifik ernteten und ins Landesinnere brachten? Sie bieten Touristen keine Shows an, sondern bemühen sich lieber Stück für Stück legal zurückzuholen, was ihnen gestohlen wurde. Eines ihrer Reservate liegt an einem von zwei natürlichen Boraxseen, die es auf dieser Welt gibt: nahe der sogenannten Klapperschlangeninsel des Clearlake, auf der die gefangenen Reptilien ausgesetzt werden, von der sie aber nur zehn Meter zurück zum Ufer zu schwimmen haben.

Die eingezäunten Gebiete der Reservatbewohner wirken bei erstem Blick wie ein geschwächter Körper, der laufend am Leben erhalten wird.

Das Wort Indianer stamme von Columbus’ Beschreibung der Leute, die er vorfand. Er habe als Italiener nicht gut spanisch gekonnt, so nannte er sie Una gente in dios. Menschen in Gott. Es sei eine perfekte und edle Bezeichnung, meinte George Carlin. Dieses Zitat ist im Büro des weiblichen Pomo-Chiefs an ihren Aktenschrank gepinnt. So sehen sie sich also selber.

Mir blutet das Herz, indigene Kulturen und Sprachen verschwinden zu sehen, obwohl die meisten Stammesgemeinschaften alles Mögliche tun, dies zu verhindern. Ich halte Traditionen und deren Überlieferung für wichtig. Nicht, um sich von anderen abzugrenzen, sondern um an der Mitgestaltung der Gesamtheit aller Lebenswelten konstruktiv teilhaben zu können.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26166

Die Himmelsreisen des Träumers

Auf einer Wiese liegend betrachte ich die Gestalten des Himmels.
Sie verändern dauernd ihre Formen und Farben,
der Wind des Frühlings bringt sie in unbekannte Welten.

In meinen Träumen folge ich ihnen,
dabei gelange ich an besondere Orte in meiner Erinnerung.
Mein jüngeres Ich betrachte ich wohlwollend
und lächle über seine Sorgen,
weil sie mir heute teilweise fremd erscheinen.

Zur gleichen Zeit fühle ich mich beobachtet,
als ich mich umsehen will, blenden mich die Sonnenstrahlen,
sie vertreiben meinen Tagtraum.
Ich glaube, ein fernes Lachen zu vernehmen,
doch hier wispern nur die Blätter der Bäume.

Dario Schrittweise dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26162

Eukalyptus

Ein Anstieg, steil in Serpentinen,
soll dem Hotelgast dazu dienen,
nachdem er diesen hat erklommen,
in seinem Zimmer anzukommen.

Nach kurzer Zeit schon wird Routine
das Gehen auf der Serpentine.
Doch plötzlich über mir ein Ast,
der gar nicht zur Routine passt.

Ein Eukalyptus an der Biegung
verursacht die fatale Fügung.
Genau in Höhe meiner Stirn,
da hängt das Ding, vor meinem Hirn.

Den Ast, bin ganz darauf versessen,
ihn abzuschneiden. Schwer zu vergessen.
Ich denk, wenn mir nichts and’res bliebe,
dann frag ich mich, ob ich’s verschiebe?

Zunächst versuch ich es mit Bücken.
Das geht ganz schön an meinen Rücken.
Ein andermal geh seitlich dran vorbei.
Mühsam! Verdammte Schweinerei!

Meltemi heißt der Sturm, man glaubt es nicht,
er peitscht den Ast mir mitten ins Gesicht.
Und jedes Mal versuch ich auszuweichen,
mit Güte scheint’s, ist hier nichts zu erreichen.

Dem faulen Gärtner gilt mein ganzer Grant,
hab mir den Kopf schon mehrmals angerannt.
Es nervt der Eukalyptus hier auf Mykonos!
Zum Henker mit Apollon und Dionysos!

Doch irgendwann in einer dunklen Nacht,
ganz heimlich ward die üble Tat vollbracht.
Als Tatwaffe, ein scharfes Messer,
entwendet vom Buffet. Jetzt geht es besser.
Mit einem Wort, der Ast ist abgeschnitten,
nun geh ich aufrecht, direkt drunter, in der Mitten!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26163

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Archiv Juni 2026

27.6.26: Norbert Johannes Prenner: nachtdanachschwer
27.6.26: Antonia H.: Reisenotizen Ausgangsbasis
27.6.26: Antonia H.: Reisenotizen Amerika
27.6.26: Johannes Tosin: Origami
27.6.26: Bernd Watzka: Herlicek – Italien daheim
27.6.26: Robert Müller: Der schlaue Feigling
27.6.26: Johannes Tosin: Der böse Traum
21.6.26: Norbert Johannes Prenner: Memento vivere
21.6.26: Robert Müller: Abschied von Wien
21.6.26: Johannes Tosin: Dein Ziel
21.6.26: Bernd Watzka: Herlicek – Urlaub im Süden
21.6.26: Johannes Tosin: Der junge Schafhirte
14.6.26: Claudia Dvoracek-Iby: Und immer ist nie
14.6.26: Norbert Johannes Prenner: Ohne Reue
14.6.26: Michael Bauer: 1972er Cortina
14.6.26: Bernd Watzka: Herlicek – Im Beisl
14.6.26: Johannes Tosin: Wanderer
14.6.26: Johannes Tosin: Sternenfahrer
7.6.26: Tom Schwericke: Schriftenmeer
7.6.26: Claudia Dvoracek-Iby: Besucher
7.6.26: Antonia H.: Denke? Danke!
7.6.26: Günther Androsch: Annäherung an Schnittkes St. Florian
7.6.26: Norbert Johannes Prenner: Unsicher
7.6.26: Johannes Tosin: Katze
7.6.26: Bernd Watzka: Herlicek – Nachts im Park
7.6.26: Johannes Tosin: Das Gottesurteil

Der schlaue Feigling

Es war ein schöner Ausflug nach Stoob im Burgenland. Durch das Dörfchen mit seinem Blumenschmuck und den schönen, eigenwillig ausgestalteten Häusern war angenehm zu flanieren, bis hinter einem halbhohen Drahtzaun ein kleiner Hund auftauchte, der den harmlos
vorbeigehenden Sebastian zähnefletschend verbellte und nebenher lief in der klaren Absicht, den unerwünschten Besucher auf ein Netzleiberl zu zerreißen, wenn nur dieser hinderliche Zaun nicht wäre.

Sebastian ging ruhig weiter, diese Handvoll Hund nicht einmal ignorierend, bis auf einmal – der Zaun weg war! Das elektrische Rolltor vor der Hauseinfahrt war offen – und da standen sich Sebastian und der vorhin noch so aggressive, nunmehr Schock-erstarrte kleine Köter unmittelbar gegenüber.

Nun hätte er sich ja auf Sebastian stürzen und ihn zerbeißen, zerreißen müssen – während Sebastian mitleidig hinuntersah und überlegte, dass bei einem tatsächlichen Angriff ein mittlerer Fußtritt die Situation bereinigt hätte. Bis der schlaue Hund einen Meter zurück hinter den Zaun lief und von dort wieder seine Drohung hinausbellte.
Aber nicht sehr überzeugend, denn sowohl Sebastian als auch der Hund wussten, dass es ein strategisches Rückzugsgefecht war.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26162

Reisenotizen New York

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„Wenn du es dort schaffst, schaffst du es überall“, wie Frank Sinatra singt, geht mir am Gluteus maximus vorbei. Mein Lieblings-New-York ist das eines Sonntagmorgens im August. Da wird es geradezu beschaulich und mystisch, weil die Luftfeuchtigkeit die Skyline gnädig in Nebel hüllt.

Ich schätze, Beton- und Glastürme sowie Wolkenkratzerschluchten zählen ebenso wenig zu meinem Biotop wie getriebene Menschenmassen zu meinem Habitat.

Der Central Park ist eine Betongusslandschaft, aber eine, die immerhin noch hübsch anzusehen ist.

Und so verbleibe ich mit dem Gedanken, dass es mir reicht, dass King Kong an der Spitze des Empire State Buildings war. Es ist ihm ja nicht gut bekommen, was hätte ich dann sonst Großes versäumt?

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26160