Loslassen zu Lebzeiten

Kind, lass deine Mama los.
Du musst, du wirst ja sowieso.
Nur Haare blieben hängen in der kleinen Hand,
dahin war die Geborgenheit.

Sie ging
damals aus der Kindergartentür
und kam zurück
und ging und kam zurück
noch tausend Mal
in meinem Leben.

Und jetzt sagt ein Freund,
was ich seit gestern weiß:
Es geht um Leben und um Tod.
Er sagt mir auch, in Liebe sagt er es:
Lass deine Mama los,
dann wird es leichter.

Leichter?
Böse fast
versteh ich’s nicht.
Dann wär ja davon auszugehen,
dass diese Krankheit sie ins Sterben führt,
während wir alle hoffen?

Wie froh bin ich,
dass ich dann doch versteh.
Noch versteh, während sie
am Leben ist.

Ich lasse meine Mama los
heißt: Ich halt die Liebe nicht mehr fest
in Schmerz und Angst verschlossen.

Dass ich sie gehen lass,
macht meinen Schmerz derweil nicht kleiner,
sondern ganz.

Sonja Steingreß

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 26202

 

 

4 Gedanken zu „Loslassen zu Lebzeiten

  1. Frank Joussen

    Ein sehr schön geschriebenes Gedicht, dass einem, der selber Kinder und Enkelkinder hat, das Herz zerreißt, aber auch von großer Lebens-Weisheit zeugt.
    Vielen Dank dafür!

    Antworten

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