Sowohl der Autor der Aufzeichnungen als auch die Aufzeichnungen selbst sind selbstverständlich erdacht. So stellt er sich vor, er wäre vor genau zwanzig Jahren in einem Italienischkurs gesessen, der ihn zwar nach einiger Zeit gelangweilt hätte, rückblickend aber doch eine der wichtigsten Momente seines Lebens gewesen ist.
Eine kleine Nebensächlichkeit durchbrach diese Langeweile: eine Kursteilnehmerin, die alleine in der letzten Reihe saß, und zu der ich immer wieder hinüberblickte.
So weit die Banalität. Das kann natürlich vielen geschehen, dass du irgendwo hinkommst, nichts Besseres mit dir anzufangen weißt und dann dein Blick schweift und irgendwo hängenbleibt.
Aus irgendeinem Grund saß ich dann einmal in der ersten Reihe. Das war zunächst auch nichts Besonderes. Aber dann geschah das Unerwartete. Die andere Teilnehmerin setzte sich unmittelbar neben mich, bat mich, für sie das nächste Mal mitzuschreiben, und gab mir zum Schluss auch ihre E-Mail-Adresse.
Hier könnte die Erzählung zu Ende sein und eventuell ihr Happy End gefunden haben. Das tat sie aber nicht. Stattdessen versuche ich zu erzählen, wie es weitergegangen ist:
Ich schrieb ihr eine pflichtgemäße E-Mail mit den Hausaufgaben der letzten Stunde. Sie antwortete mir und bedankte sich. Da mir der Kurs nicht sonderlich gefiel und ich Angst vor dem Nichtbestehen der Klausur hatte, meldete ich mich ab.
Und hier beginnt die Spurensuche: Warum fühlte ich mich nun auf einmal so pflichtbewusst, dass ich ihr nichts Privates geschrieben und die Adresse sogar gleich danach in meinem Postfach gelöscht hatte?
Der erste Grund war natürlich, dass ich mich ertappt gefühlt hatte und für den Fall gegenseitigen Interesses nicht vorbereitet gewesen war.
Der zweite Grund war natürlich das Fachliche: Schnell habe ich gemerkt, dass ich am Italienischen keine so große Lust empfand und ich zudem annahm, dass sich die andere Teilnehmerin brennend dafür interessierte. Ihr etwas vorzuspielen, empfand ich als unehrlich.
Der dritte Grund ist gleichzeitig der schwierigste. Beim besten Willen verstand ich nicht, was mich damals blockiert hatte. Nenne man es Schicksal oder Vorsehung oder was-auch-immer.
Nun präsentiert sich der Autor selbst und seine Anschauungsweise und möchte gewissermaßen die Gründe verständlich machen, warum er in unserer Mitte aufgetreten ist und hat auftreten müssen. Er meint, es sei letztendlich Sache der Lesenden, der Geschichte einen Schluss zu verleihen.
Michael Bauer
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