Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Rehe im Weizenfeld

Große, braune Augen,
Sinnbild für Schönheit und Unschuld,
blicken mich an, nur einen Augenblick lang.
Dann flieht das Reh, springt grazil
über goldene Ähren,
die sich sanft
in der Sommerbrise wiegen.

Stunden vorher,
kurz nach Anbruch der Morgendämmerung,
zog mein Sohn los mit seinen Drohnen,
um Rehkitze zu suchen,
um letztlich drei zu finden,
die sich im Weizenfeld versteckt hatten,
all diese Schönheit, all diese Unschuld
vor dem Mähdrescher zu retten.

Wohingegen ich nicht mehr tun kann,
als all das aufzuschreiben,
um diese Bilder zu bewahren.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26171

Ich warte auf die Sonne

Ich warte auf die Sonne.
Wenn sie aufgeht, habe ich die Nacht überstanden,
wieder einmal, ohne zu schlafen.

Abwechselnd Kaffees und Energy Drinks, dazu Zigaretten,
Computer und das WM-Spiel Paraguay gegen Frankreich,
das Frankreich 1:0 gewann.

Ich warte auf die Sonne.
Noch ist es tiefe Nacht.
Aber mit jeder Zeile, die ich hier schreibe, komme ich ihr näher.

Die neue Sonne

Die neue Sonne

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26178

Am 2. Juli 2026 um 14 Uhr

Ich sehe nach oben.
Die Sonne ist hinter das Haus gewandert.
Vor mir scheint ihr Licht.
Dahinter liegt der Schatten des Waldes.

Ich höre den Nachbarbuben und verschiedene Vogellaute.
Ein Zitronenfalter flattert.
am 2. Juli 2026 um 14 Uhr.
Ich bin recht zufrieden.

Der nachbarliche Wald mit dem abgebrochenen Ast

Der nachbarliche Wald mit dem abgebrochenen Ast

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26177

Die erste Schrift

Wir leben in der Steinzeit, bis Christi Geburt werden 4700 Jahre vergehen. Wir wohnen in gedrungenen Hütten, die meisten in einem Familienverband, manche aber, so wie ich, sind allein. Die anerkanntesten Mitglieder unserer Dorfgemeinschaft sind die besten Jäger. Es gibt noch Wollhaarmammuts. Wenn unsere Jäger ein solches erlegen, haben wir lange Zeit zu essen. Gern richten wir dann auch Feste aus, mit einfacher Musik und Tanz und meinen Vorträgen, ich bin nämlich der Künstler unseres Dorfs, da ich für die Jagd zu feig und für das Sammeln und den Ackerbau zu faul bin, was ich natürlich niemandem sage.

Einmal kam mir eine Idee. Ich hatte gerade ein längliches Holzstück in der Hand, das am Ende brannte. Ich löschte das Feuer, das zu Kohle wurde. Damit zeichnete ich Kringel auf ein größeres, flaches Holzstück. Auf diese Art könnte ich meine Vorträge für die zukünftigen Menschen festhalten. Ich nannte diesen Zusammenhang der Kringel „Schrift“.

Ich erzählte unserem Dorfvorsteher von meiner Erfindung, worauf er sagte: „Das hast du sehr gut gemacht, Knut. Es freut mich ja immer sehr, wenn du beim Festfeuer über meine Ruhmestaten berichtest. Und du meinst wirklich, auch unsere Nachkommen könnten davon erfahren? Was müssten sie dazu tun?“

„Verehrter Harald“, entgegnete ich, „es ist dieserart: Sie müssen dafür „lesen“ lernen.“ „Lesen?“, fragte der Dorfvorsteher. „So ist es“, fuhr ich fort. „Lesen bedeutet, meine Schrift zu verstehen.“ „Ist das aufwendig“, fragte der Dorfvorsteher. „Eher schon“, erwiderte ich, „meine Schrift ist auch noch nicht fertig entwickelt.“ „Das klingt sehr interessant, kluger Knut, doch wir brauchen die Jungs und Mädchen für die Feldarbeit und das Beerensammeln, hast du daran gedacht?“, fragte er. „Ja schon“, sagte ich, „ich weiß, dass das Entziffern einer Schrift Zeit benötigt und kompliziert ist.“

„Gut“, sagte Harald, der Dorfvorsteher, „dein Projekt klingt toll, aber wir sollten es um 1300 Jahre verschieben. Jetzt sind wir noch nicht entwickelt genug, um es umzusetzen. Ich zolle dir großes Lob, Knut. Beim nächsten Festmahl bekommst du das beste Stück vom Wild, du wirst auf dem Ehrenplatz sitzen und neben dir unsere hübsche unverheiratete Astrid.“

Und genau so geschah es. Inzwischen haben Astrid und ich zwei Buben und ein Mädchen und bewohnen die extravaganteste Hütte des Dorfes.

Das etwas unscharfe Foto des Steinzeitpaares im Reptilienzoo Happ

Das etwas unscharfe Foto des Steinzeitpaares im Reptilienzoo Happ

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26176

B100

Die Autobahnauffahrt übersehen und weiter die Bundesstraße genommen.
Das Land besteht aus Grün und Blau – Wäldern, Flüssen und Seen.
Die Freizeitrocker sind hier mit ihren Harleys auf Urlaub.
Sie machen fast den ganzen Krach im sonst stillen Land,
wo man nur schaut und aufs Denken vergisst,
die alten Wehrkirchen sucht an den mystischen Plätzen.

Turm der Lorenzenberger Wehrkirche

Turm der Lorenzenberger Wehrkirche

Johannes Tosin (Text)
Michael Tosin (Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26175

Meine Blume

Es steht in den Himmel geschrieben.
Von Flugzeugen gezeichnet.
Schwimmende Wolken,
die sich anhäufen, regnen.

Tausend Tropfen braucht meine Saat zum Keimen.

Sich verflüchtigende Wolken,
die der Sonne Platz machen.

Tausend Strahlen braucht meine Blume zum Wachsen.

Die Saat keimte, meine Blume gedieh.
Erst der Herbstwind zerpflückte sie.

Tausend Schneeflocken deckten ihren wertlosen Stängel zu.

Gräser mit Haaren und die alte Pusteblume am 21. September 2022

Gräser mit Haaren und die alte Pusteblume am 21. September 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26173

Big Apple

Und ich war, irgendwann einmal,
auch in Amerika.
Und schon im Flieger haben wir gelacht,
und füll’n den Fragebogen aus. Was haben die gedacht?

Woher ich komme, aus dem Süden oder Norden?
Und was ich überhaupt und eigentlich hier will?
Den Präsidenten wollen Sie ermorden?
Na gut, ich kreuze alles an, das alles klingt ja wirklich ziemlich schrill.

Gleich neben uns, da sitzt ein Ehepaar aus Brooklyn.
Wollten zum allerletzten Mal die Heimat seh’n.
Aunt Mary und ihr Mann, der alte Ed.
Bin noch nicht hin, meint er, sein Darmausgang wär’ künstlich.
Ich staune, darauf lächelt er verschmitzt und sagt, das geht.

Hey Junge, sagen die zu meinem Sohn,
der Flug wird lang, wir hoffen du hast schon
bemerkt, dass es da vorn sogar ein Movie gibt?
Na klar, sagt er, das habe ich natürlich längst schon mitgekriegt.

Wir sind in New York schließlich weich gelandet
und sind im Radisson Hotel am Central Park gestrandet.
Der Jetlag war enorm, wir hab’n den Nachmittag verschlafen
und in der Nacht die Typen unten angeseh’n, die scharfen.
Denn knapp nach Mitternacht wechselt am Park die Szene,
da klappern dir vor Staunen glatt die Zähne.

Am nächsten Morgen steh’n wir in ’ner langen Schlange,
in einem Drogeriemarkt an der Kassa wirklich lange.
Doch plötzlich ruft der Cashier ziemlich laut,
pass auf, da is’n Kerl neb’n dir, der klaut!

Ich dreh mich um, da läuft er schon zur Türe,
davor da steht ein dicker Bulle Schmiere.
Ich zähle panisch meine paar Ein-Dollar-Scheine.
Davon fehlt keiner. Na ja, ihr wisst natürlich schon, wie ich das meine.

Nachdem der Schrecken endlich überstanden war,
seh’n wir uns gleich ein wenig von Manhattan an, na klar.
Vom Hochseh’n an den Wolkenkratzern schmerzt der Nacken,
den langen Weg zum Central-Park-Zoo werden wir auch packen.

Im Empire-State-Building geht ein irrer schneller Lift,
da wirst du echt im Affentempo hochgehievt.
Und jeden Sonntag macht dort King-Kong seinen Dienst,
erschreckt die Leute fast zu Tode, doch er grinst.

Der Mensch, der lebt nicht nur von schlechter Luft allein,
drum geh’n wir in ein China-Restaurant in China-Town hinein.
Das liegt da unten tief in einem dunklen Kellerloch,
wo eben eine Ratte schnell in eine Kiste kroch.

In Macy’s Toyshop werd’n die Augen meines Jungen groß,
als sich der megastarke Eindruck über ihn ergoss.
Da gibt es Flugzeuge und Stofftiere so groß wie echt,
und dass er keines davon hat, ist wirklich ungerecht.

Auf einem ausgedienten Kriegsschiff in der Sonne spielen wir
und stell’n uns vor, wir wär’n der Captain und der Kanonier.
Das Ding, das ist so ungeheuer riesig.
Da schlägt das Wetter um und es wird langsam diesig.

Die Freiheitsstatue, die lassen wir nicht aus,
und schau’n von ihr ganz oben lang aus ihren Augen raus.
Der Blick reicht weiter als bloß bis zum Hafen hin,
sodass ich von dem Panorama überwältigt bin.

Nur schad’, die schönste Zeit am raschesten vergeht,
ich sag zu meinem Jungen, jetzt komm, es ist schon spät.
Denn leider müssen wir noch heut am Airport sein.
Hat alles mal ein Ende und wir müssen heim.


Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26172

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Kuckuck

Der Kuckuck fiel vom Baum herab
Du fängst ihn auf, wenn auch nur knapp
Er muss sich gar nicht viel bewegen
Du fängst ihn auf – auf allen Wegen!

Der Specht, der hat sich arg verklopft
Er ist ja leider schwer verkopft
Du richtest ihm die Wirbelglieder
Siehe da, da klopft er wieder!

Ein Has’ steckt in der Hasenfalle
Du liebst die Hasen, liebst sie alle
Löst mit Vorsicht seine Pfote
Sei du nun, Has’, der Freiheit Bote!

Ein Freund der Freiheit ging verloren
Du fasstest ihn an beiden Ohren
Und schenk’st ihm so ein neues Leben!

Und sollte dir je was gescheh’n
Wird er ruckzuck bei dir steh’n
Und fängt dich auf – auf allen Wegen!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26165