Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Memento vivere

Sich nicht in Sorgen zu verlieren,
in Aufschieben und Funktionieren.
Leben ist nicht bloße Pflicht.
Lebe, und vergiss das nicht!

Jedoch bedenke, nichts währt ewig,
mach dir das zunächst bewusst
und verfolge es zielstrebig,
dass du erst mal leben musst.

Überlass dein teures Leben
nicht der Gewohnheit und dem Frust.
Verleg es besser nicht auf morgen,
sondern leb es jetzt, mit Lust.

Und aufgrund der Lebensdauer,
der begrenzten, schau genauer,
trenne Wichtiges von dem,
was dir höchst unangenehm.

Nutz den Tag, der schnell vergeht,
wenn unverhofft sich Glück einstellt.
Verdränge und vergiss, was quält,
das dein Leben nicht erhellt.

Mache deine Leidenschaft,
zu leben, dir als Eigenschaft.
Schade ist’s, den Tag verschwenden,
und ihn ungenützt beenden.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenne

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26151

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1972er Cortina

Der Himmel ist im Winter von einer ganz besonderen Bläue, wie sie nur dieser Jahreszeit zu eigen ist.

In der Zeit vor Weihnachten traf ich meinen Halbfreund Robert wieder, der inzwischen in den Vorbereitungen auf die Feiertage versunken war. Zu meiner Überraschung holte er mich mit einem relativ ungewöhnlichen Gefährt ab. „Das ist ein 1972er Cortina, ein Fahrzeug, wie es nur damals gebaut werden konnte. Amerikanisches Styling, englischer Motor, italienischer Name. Anfangs machte ich mir nichts aus Autos, aber später, so um das Jahr 2016, wuchs meine Nostalgie für die 1970er Jahre“, sagte er. Ich entgegnete ihm, dass ich das merkwürdig fände, da er zu dieser Zeit noch gar nicht geboren war, überlegte aber, ob ich selbst schon einmal für etwas Nostalgie empfunden hätte. „Jetzt, wo du es sagst, fällt mir ein, dass ich alte Filme aus den USA sehr mochte. Und das auch erst nach einer Zeit, in der ich – um es mit Pathos zu sagen – das Sehen gelernt hatte.“

Robert, der inzwischen das Fahrzeug gestartet hatte, um mit mir einen Ausflug zu machen, hörte mir gerade nur zu, ohne mich zu unterbrechen. Während ich um Worte für meinen nächsten Satz rang, fiel mir auf, dass das Interieur des Wagens den Zeitgeist verkörperte, der mir an den Filmen so gut gefiel: das etwas betulich Biedere, das einem andererseits auch das Gefühl von Geborgenheit und heiler Welt gab.

„Das Sehen lernen“, setzte ich meinen letzten Gedanken fort, „ist etwas, was sich bei mir mit der Zeit ergeben hat. Etwa mit der andächtigen Betrachtung des Himmels während einer Kaffeepause oder auch dem Fotografieren scheinbar belangloser Gegenstände wie dem eines Serviettenspenders in einer Eisdiele.“

„Das ist ein Sehen, das übrigens durch die amerikanische Kultur konditioniert worden ist“, sagte Robert, „wir alle denken, wenn wir von Sonnenuntergängen sprechen, an Bilder aus amerikanischen Western oder wenn wir – um deinen Gedanken wieder aufzunehmen – Serviettenspender sehen, an die Arbeiten der Fotorealisten. Ich möchte dem gerne hinzufügen, dass wir für solche Bilder umso empfänglicher sind, wenn wir einen gewissen Hunger danach verspüren.“ „Das klingt ja interessant“, unterbrach ich ihn. „Könntest du vielleicht einmal ein Beispiel dafür nennen?“ „Beispiele dafür wären ein Western am Freitagabend nach einer erschöpfenden Arbeitswoche oder die langersehnte Mittagspause in einem Diner. So etwas macht uns achtsamer für die kleinen, aber essentiellen Dinge des Lebens.“ „So wie im Zen?“, entgegnete ich. „Ja, so ähnlich könnte man es beschreiben.“

„Weißt du übrigens noch etwas?“, fuhr er fort. „Ja, lass es mich hören“, erwiderte ich.
„Als dieses Fahrzeug, in dem wir uns jetzt fortbewegen, präsentiert wurde, war das amerikanisierte Styling noch etwas Ungewöhnliches. Und weißt du, was der Hersteller getan hat?“, fragte mich Robert. „Etwa das Aussehen wieder europäisiert?“, mutmaßte ich. „Nein, die haben sich etwas viel Klügeres einfallen lassen. Nämlich eine Werbekampagne mit dem Slogan ‚The closer you look, the better it looks‘, so dass – um es mit deinen Worten zu sagen – die Kunden das Sehen gelernt haben.“

Für den Rest der Fahrt schwiegen wir uns an und genossen die Fahrt in Roberts 1972er Cortina. Dann fiel mir ein weiterer Gedanke ein, was ich mit den beschriebenen Gegenständen verbinde.

„Weißt du …“, begann ich zaghaft, „Weißt du, was mir von damals noch in Erinnerung geblieben ist? Als ich im Frühjahr 2007 in einem kleinen American Diner saß, öffnete sich für einen Moment die Tür zu den Räumen des Personals und heraus kam eine junge, freundliche Bedienung, die mir sehr gefiel und die mich anlächelte. Aber ich wusste leider nicht, wie ich mit ihr in Kontakt treten konnte.“

„Das ist immer schwierig, gerade wenn es sich um das Verhältnis zwischen einem Gast und einer Bedienung handelt. Die gewöhnlichen Höflichkeitsfloskeln sind da in der Regel zu abgedroschen und eine romantische Bemerkung wäre fast wieder zu aufdringlich.“ Robert konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn, dann setzte er zur Antwort an: „Aber sicher wirst du noch einen Weg finden, dieser Situation von damals einen Sinn zu geben. Übrigens, wir sind gleich am Ziel, bei einem kleinen Adventmarkt in einem Dorf.“

Als wir ankamen, war alles verschneit, aber Robert hatte es nicht schwer, einen Parkplatz zu finden. Wir stiegen aus und mich überraschte das satte, mechanische Geräusch, das das Schließen der Türen verursachte.

„Das sah jetzt aus wie in einem Film“, rief uns jemand zu, der vor einer Glühweinhütte stand. „Ein sehr schönes Kompliment“, entgegnete ihm Robert. „Wie sind Sie denn darauf gekommen?“, fuhr er interessiert fort. „Ich dachte an den Wagen. So etwas sieht man heute nur noch in Filmen. Und mit einem modernen Fahrzeug wirkt das Ganze so unspektakulär“, bekam er zur Antwort. Da setzte ich mit einem Gedanken ein, den ich schon auf der ganzen Fahrt gesponnen hatte. „Wenn es für Sie wie im Film gewesen ist. Könnten Sie uns dann wenigstens erzählen, wie dieser Film ausgeht?“ Von diesem Moment an begann die Person zu fabulieren.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26147

 

Und immer ist nie

Immer ist alles hell und immer ist alles Sommer und
Immer ist alles leicht und alles leicht träge und
Immer ist alles und nichts und immer ist da ein Ich und
Nie ist da ein Du und
Nie ist da ein Wir

Immer liege ich und immer liege ich am Strand und
Immer liege ich inmitten der Sachen deines Sommers und
Immer liege ich zwischen deinem Flip und deinem Flop und
Nie liege ich allein und
Nie liege ich mit dir

Immer bist du im Meer und immer bist du bei den Möwen und
Immer bist du auf Booten und barfuß und wahnsinnig schön und
Immer bist du Eis holen und Muscheln und den Sommer und
Nie bist du hier und
Nie bist du bei mir

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26146

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Annäherung an Schnittkes St. Florian

Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hieß der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte.
In der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke St. Florian genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. Sie habe zwei Freikarten bekommen, aber ihr Mann Matthäus sei verhindert, er müsse seiner Funktion als Diakon nachkommen. Und, setzte sie fort, sie habe gleich an mich gedacht, weil sie wisse, dass mich Musik nicht bloß interessiere, sondern dass ich dafür auch Leidenschaft zeige.
Das stimmte. Ich zögerte nur kurz, weil ich im Kopf überschlug, ob ich an diesem Sonntag Zeit hatte, dann schaute ich zur Sicherheit in meinem Stehkalender nach, ob ich etwas eingetragen hatte. Da stand nichts, also stimmte ich zu und bedankte mich bei Konstanze, dass sie an mich gedacht hatte.
Ich fragte sie, ob sie mit dem Zug nach Linz komme. Sie bejahte. Sie sage mir noch die genaue Zeit, und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Auto vom Bahnhof abholen würde, dann könnten wir in St. Florian vor dem Konzert einige Zeit verbringen und je nach dem Wetter spazieren gehen oder einkehren oder beides. Ich stimmte zu.
Ich fragte mich, wie Konstanze nach dem Konzert nach Hause nach D. oder nach Lambach, wo ihr Elternhaus stand, kommen würde, und befürchtete, dass sie daran dachte, bei mir zu übernachten, was mich unangenehm berührt hätte. Als hätte sie sich an meinem Unbehagen ein paar Sekunden erfreut, sagte sie, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, sie appelliere nicht an meine Gastfreundschaft. Sie nehme ein Gästezimmer im Stift und habe am Montag in der Diözese in Linz zu tun. Eine Kollegin aus St. Florian nehme sie nach Linz mit. Sie lachte und sagte, sie spüre meine Erleichterung, und ich war in der Tat erleichtert.

Ich holte Konstanze am Sonntagnachmittag vom Linzer Hauptbahnhof ab. Sie trug ein festliches Dirndlkleid, das ich von früher kannte, und sie hatte einen kleinen Koffer mit den Utensilien für die Übernachtung im Stift bei sich. Wir fuhren ein Stück auf der Autobahn, dann auf der Straße bis in den Markt. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 1970er Jahre ein paar Mal mit meinem Vater mit der Florianerbahn von Ebelsberg in den Markt gefahren war und wir im Stift das eine oder andere Orgelkonzert gehört hatten. Die romantische Bahn stellte man 1973 ein. Viel später, mein Vater war schon lange tot, hatte ich im Marmorsaal des Stifts ein Violinkonzert mit Lidia Baich gehört. Sie hatte Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 gegeben, und ich war sowohl von der musikalischen Darbietung als auch von der Attraktivität der Geigerin angetan.

Bald nach dem Verlassen der Autobahn erstand das Stift, das sich diskret in die Landschaft fügt, vor unseren Augen. Es wird von Augustiner Chorherren bewirtschaftet, die altern, sterben, aber kaum Nachfolger finden. So teilen sich wachsende Aufgaben auf immer weniger Chorherren auf. Parkplätze gab es um das Stift noch genug, wie üblich würden die Besucher erst knapp vor dem Konzert anreisen und nach Parkplätzen suchen, je näher beim Stift, desto besser, damit sie so wenig wie möglich zu Fuß gehen mussten. Der Himmel war bedeckt, aber es regnete nicht, nur manchmal riss die Wolkendecke auf und ließ die Sonne hervorschauen. Die Temperatur war angenehm für einen Aufenthalt im Freien, und so beschlossen wir, uns zunächst im Literaturgarten die Füße zu vertreten. Dieser kleine Garten, mit Blumen und Pflanzen dicht bewachsen, lag ganz nahe beim Stift und war dessen ehemaliger Gemüse- und Gewürzgarten. Man hatte kleine Schilder in die Beete gesteckt, die die Pflanzen benannten, Tontafeln trugen vorwiegend religiöse Sentenzen, von Augustinus etwa, auch Adalbert Stifter mischte sich ein. Neben einer Büste Anton Bruckners gab es eine Tontafel mit einem Zitat, das man Bruckner zuschrieb: „Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“ Tulpen waren die dominierenden Blumen. Zwischen den Gewächsen öffnete sich der Blick auf die Landschaft, und aus den unterschiedlichen Grüntönen leuchtete der Raps. Sein kräftiges Gelb blendete beinahe.

Eine Ruhe breitete sich in uns aus, die uns angesichts des Konzerts innere Kraft sammeln ließ. Nach einer Weile der Kontemplation regte Konstanze an, in der Stiftsgärtnerei auf Kaffee und Mehlspeise einzukehren. Das Café der Stiftsgärtnerei lag zu ebener Erde eines großen Gewächshauses. Es war ein Gartengroßmarkt, und die Leute stellten die ausgewählten Blumen und Pflanzen in Einkaufswagen, die sie scheppernd ins Café fuhren. Eis schleckende Kinder liefen umher. Eine olivgrüne Decke schützte ein auf einem Podest stehendes Klavier, davor zeigte ein Plakat das nächste Konzert mit leichten Melodien an. Wir saßen zwischen exotischen Pflanzen, als wären wir in der Südsee, die Blätter einer Palme oder eines Strauches kitzelten uns im Gesicht. Zwischen den Gewächsen schauten manchmal Figuren nach antiken Vorbildern und mit künstlicher Patina hervor. Es war heiß, und die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugte ein lokales tropisches Klima, das einem den Schweiß aus den Poren trieb. Einige Sitzgelegenheiten gab es draußen im Freien, um einen Springbrunnen herum und vor einem Pavillon. Sie waren alle besetzt. Der Springbrunnen plätscherte laut und übertönte jede Unterhaltung, saß man in seiner Nähe. Die exotische Umgebung im Gewächshaus und das intensive Vogelgezwitscher ließen uns wie an einem entfernten Ort fühlen. Nur das Meer fehlte oder wenigstens der Blick darauf von der Hotelterrasse.

Langsam war es an der Zeit, uns in die Stiftskirche zu begeben. Wir erhielten jeder ein Programmheft, das ich aufmerksam durchlas, unterbrochen von der einen oder anderen Unterhaltung mit Konstanze. Schnittke hatte 1977 die Stiftskirche St. Florian besucht. Der Zugang zu Bruckners Grabstätte war schon geschlossen. Er hörte damals einen unsichtbaren Chor, der die Abendmesse sang. Er nannte sie eine missa invisibilis. Die Kirche, der unsichtbare Chor, das Geheimnisvolle des Raums beeindruckten ihn so sehr, dass er für einen Kompositionsauftrag des BBC Symphony Orchestra auf Anregung Gennadij Roshdestvenskys ein Werk zu Ehren Anton Bruckners und St. Florians schuf, seine 2. Sinfonie, die er St. Florian nannte und nach der Messordnung strukturierte. In Erinnerung an den unsichtbaren Chor hatte er eine gleichsam unsichtbare Messe komponiert, eine sakrale Sinfonie für ein großes Orchester vor einem Choralhintergrund. Der Charakter dieser Messe ist zurückhaltend, macht sich meist nur am Anfang eines Satzes bemerkbar. So tritt zum Gregorianischen Choral das Orchester hinzu, das eigenständig ist und mit dem Choral nicht direkt etwas zu tun hat, sondern dessen Weiterführung ist, zitierte das Programmheft Schnittke.

Nur wenige Plätze blieben frei. Die Leute redeten miteinander, meist leise, viele flüsterten angesichts der Aura der Stiftskirche. Dann betraten der Dirigent und die Solisten den Kirchenraum, es folgte das Orchester. Einige Instrumente und Stimmen nahmen ihren Platz auf der Empore ein. Ein letztes kollektives Räuspern und Husten kamen auf, das Publikum gab diesem Reflex noch hastig Raum, während das Orchester die Instrumente stimmte. Dann kehrte Stille ein und alle warteten auf das Einsetzen der Instrumente, auf den Beginn des 1. Satzes, des Kyrie. Eine gleichsam himmlische Klangfolge entstand, ich empfand sie in der Tat so, als sänken die Klänge vom Himmel herab. Die sechs Sätze entfalteten sich im mystischen Raum der Stiftskirche. Nach dem Kyrie das Gloria, gefolgt vom Credo, dem Crucifixus, dem Sanctus Benedictus und schließlich dem Agnus Dei. Die Stimmen des Chors und des Countertenors erreichten mein Ohr, verzauberten mich. Letzterer – gleichsam dem Himmel näher – sang auf der Empore, für mich war er unsichtbar wie früher der unsichtbare Chor, der Schnittke beeindruckt hatte. Es wirkte, als käme die Stimme, nachdem sie zur Erde gesunken war, aus dem Kirchenraum selbst, losgelöst von einem menschlichen Ursprung. Der Gregorianische Choral bemächtigte sich nach und nach des sakralen Raums, und die Mystik des Mittelalters ergriff von der Stiftskirche Besitz.
Da mischte sich, zunächst nahezu unhörbar, dann sanft anschwellend, eine virtuose orchestrale Melodik ein, die langsam an Kraft gewann und schließlich wie ein Gewitter explodierte. Ich blickte kurz zu Konstanze, die versunken der Musik lauschte und das musikalische Gewitter, da war ich mir sicher, wie den Unwillen Gottes fühlte, und selbst ich, der sich als Atheisten, höchstens als Agnostiker sieht, bekam beinahe Angst, der göttliche Zorn könnte sich wegen meines Unglaubens über mir entladen und, ohne Rücksicht auf die zahlreichen gottesfürchtigen Menschen, die Stiftskirche zum Bersten bringen und die Menschen unter sich begraben. Und für einen Augenblick flammte Zweifel in mir auf ob meines Atheismus angesichts der räumlichen Macht der Stiftskirche, angesichts der überwältigten schweigenden Menschen und angesichts des Geheimnisses, der Mystik und der Wucht der Schnittkeschen Musik.
Ich spürte die Wirkung dieser sakralen Musik, ihrer religiösen Sprache noch lange, nicht nur emotional, auch körperlich, sie erschöpfte mich, sie schmerzte, als hätte ich eine physische Anstrengung überstanden. Und es blieb nach dem Konzert, nach diesem Erlebnis der musikalischen Totalität eine Betroffenheit, die Schnittkes 2. Sinfonie in mir, in Konstanze, in den stillen Menschen erzeugt hatte und die parallel zur Vernunft bestand und sich nur langsam verflüchtigte.

Konstanze und ich waren wie die meisten lauschenden Menschen ergriffen. Wir schwiegen, Worte wären der Sinfonie nicht gerecht geworden. Konstanze war erschöpft und wollte sich gleich ins Gästezimmer zurückziehen. Wir verabschiedeten uns, und Konstanze sagte, wir sollten uns bald wiedersehen. Ich nickte. Ich hatte noch die Rückfahrt vor mir, bei der ich aufpassen musste, nicht zu sehr im Schnittkeschen Kosmos zu verharren, um dem Verkehr gewachsen zu sein.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 26144

Besucher

Hinweis der Redaktion:
Dieser Text kann verstörend wirken, er thematisiert psychische Ausnahmesituationen.

 

„Warum kommst du mich eigentlich so oft besuchen? Wir waren doch nie befreundet, oder?“ Mario sieht mich nicht an, blickt vielmehr angestrengt aus dem Fenster, hinunter auf die gepflegten Grünflächen und die schmalen, gewundenen Kieswege der weitläufigen Spitalsanlage. Seine raue Stimme ist leise und lauernd. Vorsicht bei derart beiläufig gestellten Fragen!
Ich krame in meinem Rucksack, tue, als ob ich ihn nicht gehört hätte.
„War er heute Nacht wieder bei dir?“, erkundige ich mich sachlich.
Mario schweigt eine lange Minute, dann richtet er seinen dunklen, stechenden Blick auf mich.
„Siehst du ja!“, schnaubt er düster und hebt anklagend seinen linken Arm. Seine Mundwinkel zucken. Zwei frische hellrote Einschnitte verlaufen zwischen alten, verblassten vom Handgelenk bis zum Ellbogen.
„Er hat wieder verlangt, dass ich mich schneide. Teile meinen Schmerz, sagt er immer. Seine Stimme – seine bloße Gegenwart ist so beängstigend, unerträglich – dieses kalte, blaue Licht, eiskalt …“

Mario verstummt, setzt sich auf den Rand seines Bettes, krümmt den Rücken, schlägt die Arme um seinen Oberkörper, wiegt sich langsam hin und her.
„Du denkst wirklich, dass er real ist? Woher kommt er und warum ausgerechnet zu dir? Was will er von dir?“
Ich erschrecke, die so oft zurückgedrängten Fragen sind nun einfach aus mir herausgesprudelt.
„Weißt du, woher du kommst und ob du real bist?“, überschlägt sich Marios Stimme sogleich vor Ärger. „Ich weiß nicht, was oder wer er ist und warum er solche Macht über mich besitzt, dass ich mich sogar verletze, wenn er es mir befiehlt. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht! Ich weiß auch nicht, warum er zu mir kommt – und weiß genauso wenig, warum du andauernd zu mir kommst! Na, sag schon, Felix, warum bist du hier?“

Mario fixiert mich aus tief liegenden Augen. Ich versuche, seinem Blick standzuhalten, beginne zu schwitzen. Er weiß es, denke ich, er weiß, dass mich seine Mutter für meine wöchentlichen Besuche bei ihm bezahlt.
„Na hör mal, als ehemalige Schulkameraden ist das doch selbstverständlich.“
Ich stocke unsicher, als Mario plötzlich aufspringt und eine Sekunde später ganz nahe vor mir steht.
„Dann soll es so sein“, flüstert er. „Ein Lügner wie du verdient es nicht anders. Ich habe dich lange genug geschützt.“
Er greift in seine Hosentasche, nimmt etwas heraus und drückt es mir mit zitternden Fingern in meine rechte Hand.
„Dies ist – “, er presst seine Lippen zusammen. „Dies ist von dem blauen Wesen.“
Ein kleines, in Zellophanpapier gewickeltes, eisblaues Bonbon liegt auf meiner Handfläche.
„Hör zu, Felix!“ Marios bleiches Gesicht ist dicht vor mir, seine angsterfüllte Stimme ist kaum hörbar. „Da drinnen – “, sein Zeigefinger tippt kurz auf das Bonbon, „da drinnen ist seine gesamte Energie.“

„Das ist ja sehr praktisch“, sage ich laut, einen Lachreiz unterdrückend. „Dann werde ich seine gesamte Energie sofort vernichten.“
Rasch wickle ich das Bonbon aus dem Papier und nehme es in den Mund. Es schmeckt nach Pfefferminze. Marios Augen weiten sich, er wird noch blasser.
„Was, was tust du nur!“, sagt er matt. „Nun gehörst du ihm, du Vollidiot.“
Er sinkt auf den grauen Teppichboden. Angesichts dieser absurden Situation muss ich heftig lachen. Ich verschlucke mich, das Bonbon bleibt mir in der Kehle stecken. Ich huste und lache, spüre, wie mein Gesicht rot anläuft und mir der Schweiß ausbricht. Ich bekomme keine Luft mehr, gerate in Panik, huste und huste und schaffe es endlich, das Bonbon auszuspucken. Es fällt ausgerechnet Mario auf den Schoß, der gellend zu schreien beginnt, immer hysterischer schreit, nicht zu schreien aufhört, auch nicht, als ich das Bonbon längst von seiner Hose entfernt und in der ganzen Aufregung wieder in meinen Mund befördert habe.
Die Tür wird aufgerissen, eine Krankenschwester stürzt herein, spricht beruhigend auf den brüllenden Mario ein und winkt mir gleichzeitig, zu gehen. Ich nehme meinen Rucksack, verlasse das Zimmer, gehe, so schnell ich kann, den langen Gang entlang, laufe die Treppen hinunter, zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoß – hinaus, nur hinaus …

„Ich habe dir Bücher mitgebracht“, begrüße ich Mario eine Woche später.
Er reagiert nicht, sitzt aufrecht auf seinem Bett und schaut wie bei meinem letzten Besuch aus dem Fenster. Ich lege die Bücher, die mir seine Mutter gegeben hat, auf das Nachtkästchen. Mario schaut mich nun direkt an, auf seinem Gesicht ein Lächeln von solcher Wärme, dass ich erschrecke.
„Danke“, sagt er leise. „Vielleicht kann ich nun wirklich wieder lesen, so wie früher. Seit das blaue Wesen nicht mehr zu mir kommt, fühle ich mich absurderweise schrecklich leer. Vielleicht helfen mir Bücher über diese Leere hinweg.“
Er lehnt sich zurück, an die weiße Wand.
„Bist du mir böse, Felix?“, fragt er kindlich. Tränen laufen ihm über die Wangen.
„Warum sollte ich dir böse sein?“
„Weil ich dir das Bonbon mit seiner Energie darin gegeben habe, weil er mich nun in Ruhe lässt und sicherlich jetzt dich quält! Macht er dir große Angst?“
„Rede keinen Unsinn. Freu dich lieber, dass es dir besser geht! Du wirst sicherlich bald nach Hause dürfen, dein früheres Leben aufnehmen, wieder normal leben können. Um mich mach dir bitte keine Gedanken, da besteht absolut kein Grund.“

„Ist es sehr schlimm für dich?“, weint Mario.
„Was meinst du? Es ist alles in Ordnung.“
„Lüge nicht!“, schreit Mario.
„Ich lüge nicht“, lüge ich.
Mario fasst mich grob am linken Handgelenk, zerrt mir den Ärmel meines Pullovers hinauf. Fassungslos starrt er auf meinen Unterarm.
„Keine Schnitte?“, stammelt er. „Er verlangt nicht von dir, dich zu verletzen?“
„Bitte, vergiss diesen blauen Geist, er existiert nicht.“
Mario hört auf zu weinen, sein Gesichtsausdruck wird hart. Er lässt meinen Arm los.
„Ich möchte, dass du nie wieder zu mir kommst“, sagt er, geht zur Tür und öffnet sie weit. „Geh jetzt!“
Als ich nicht sofort reagiere, zischt er: „Verschwinde endlich, du verdammter Lügner!“

Ich verlasse das Krankenhaus, kaufe mir in der Spitalsapotheke noch eine Heil- und Wundsalbe. Die frischen Messereinschnitte an meinen Oberschenkeln schmerzen ein wenig, wenn beim Gehen der raue Hosenstoff an ihnen reibt.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26142

Ohne Reue

Hatte man denn Mut genug,
für das eig’ne Leben?
Hat man, was erwartet wurde,
von einem, and’ren auch gegeben?

Oder hat man dieses Leben gar
nicht so geführt, wie man es wollte?
Nun ist es beinah schon vorbei,
es fragt sich bloß, was man noch sollte?

Für vieles ist es schon zu spät,
und ungenützt blieb manche Stunde.
Die Zeit, die zeigt in ihrem Bilde,
so viele Träume, unerfüllte.

War’s nicht an Arbeit viel zu viel?
Zu wenig Zeit für Spaß und Spiel?
Nie Zeit genug für die Gemeinschaft,
oft nur Hass, und Neid und Feindschaft?

Da war die Angst, Gefühl zu zeigen
und manchmal zum Konflikt zu neigen.
Dies und viele and’re Sachen,
die zu nichts führ’n und die krank machen.

Für Freundschaft blieb meist wenig Zeit.
Und hat man das nicht längst bereut?
Kontakte, die verloren gingen,
weg’n scheinbar wichtigeren Dingen.

Ein Vorfall, der sich aufgezwängt,
der hat das Glück stark eingeschränkt,
man hatte es wohl nicht bedacht,
und sich dadurch unfrei gemacht.

Durch die Gewohnheiten, die alten,
konnte man kaum was gestalten.
Anstatt den Moment genießen,
ließ man sich’s durch sie verdrießen.

Die Angst vor einer jähen Wende
birgt keinen Anfang, mehr das Ende.
Dann droht, wo es recht einsam wäre,
das Nichts, und es bleibt nur noch Leere.


Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26143

Herlicek – Im Beisl

Die Sonne scheint, die Hitze naht –
da wird es in der Amtsstube fad
Lustiger ist’s im Beisl ums Eck
für’n ausgehfreudigen Herlicek

Sein Boss ist krank, lässt ihn in Ruh;
ausgebüxt ist Herlicek im Nu
Darauf trinkt er und schenkt sich ein
kräftigen Burgenländer Wein

Plötzlich geht die Türe auf –
’s Schicksal, das nimmt seinen Lauf:
Ein neuer Gast ist eingetreten,
und der schaut etwas betreten

Er zögert, zaudert, soll er’s wagen?
Hoch aufgestellt sein Mantelkragen
Unser Herlicek scheut wie ein Ross
der Neuankömmling ist – sein Boss!

(Nachsatz)
Man tut, als würd man sich nicht kennen,
so können beide den Wein sich gönnen

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26141