Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Adina

Kennengelernt habe ich sie im Oktober 2006 in der ersten Stunde des Sprachkurses. Sie saß neben mir und sprach mich unvermittelt an. Dabei wusste sie, dass ich gerade von einem Auslandsaufenthalt zurückgekommen war, und ich war verblüfft, dass sie das wusste, weil es niemanden gegeben hätte, von dem sie es hätte erfahren können.

An ihr Aussehen erinnere ich mich noch, dass sie die Haare lang trug und an diesem Tag eine schöne weiße Jeanshose mit bunten Streifen anhatte.

Ich erfuhr, dass sie im Hauptfach Anglistik studierte, aber nicht, aus welchem Grund sie diesen Sprachkurs besuchte.

An den weiteren Einheiten des Sprachkurses nahm sie nicht mehr teil und ich begegnete ihr auch an anderen Orten nicht mehr.

Ich fand Jahre später ihre Adresse im Internet, zögerte aber zuerst, bis ich ihr dann – einige Jahre später –einen Brief schrieb, in dem ich ihr meine Kontaktdaten mitteilte.

Eine Antwort blieb aus, aber ich sah es schon als Erfolg, dass der Brief nicht retour geschickt worden war.

Sehr viel später möchte ich gerne wissen, was ihre Motivation dafür war mich anzusprechen und ob sie Interesse an mir gezeigt hätte. Im Gedächtnis habe ich diese Begegnung wie eine Miniatur gespeichert, ohne einen genauen Verwendungszweck dafür zu haben.

Adina – ihr Name wie eine Spur, ein Rätsel. Im Internet erfuhr ich – was eine gewisse Unschärfe hat –, dass der Name aus dem Persischen stammt und ein an einem Freitag geborenes Mädchen bezeichnen soll.

Wie ich auch noch später feststellte, hätte ich ihr gerne etwas von mir gegeben als Erinnerung an dieses kurze Gespräch. Dabei fiel mir mein Kugelschreiber mit der Werbeaufschrift Menjačnica Miljun ein, ein kleines Andenken an meinen unlängst beendeten Auslandsaufenthalt, den ich an diesem Tag stolz wie eine Trophäe verwendet hatte.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26187

Gedanken auf Papier

Gedanken auf Papier
sind die Sprache, wenn Reden zu laut ist
und um eine Haltung zu transportieren.

Gedanken auf Papier
sind wie ein Anker
und machen das Unsichtbare im Kopf sichtbar.

Gedanken auf Papier
sind wie ein Echo der Stille
und lassen das Chaos Muster bilden.

Gedanken auf Papier
sind die Gespräche, die wir oft verpassen,
und das Archiv der leisen Stunden.

Gedanken auf Papier
erlauben der Zeit durchzuatmen
und verwandeln Hektik in Rhythmus.

Gedanken auf Papier
sind die Spiegel, die nicht schmeicheln,
und zeigen uns, wer wir im Dunklen sind.

Gedanken auf Papier
schaffen Platz.

Manuela Johanna Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26183

Herlicek – Kühlung

Draußen hat’s fast vierzig Grad,
da kocht von selbst die Marmelad.
Zum Glück hat Herlicek eine Idee,
wie man der Hitze sagt Ade.

Er schlüpft hinein in seine fesche
alte Thermo-Unterwäsche
und füllt sie sogleich, o wie toll,
mit hundert Eiswürfeln – randvoll.

Kühlung braucht er auch in sich drin,
sonst hätt das Ganze keinen Sinn.
Also schenkt er sich munter ein
eisgekühlten Wiener Wein.

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26186

Herlicek – Dürre

Noch trockener als der Wiener Schmäh
sind Parks und Felder – ojemine!
Dürre grassiert in unserer Stadt,
verdursten muss bald jedes Blatt.

Künstlich müssen wir begießen
Blumenbeete und auch Wiesen
mit kostbarem Wiener Wasser.
Doch die Erwärmung, die wird krasser.

„Wenn wir die Dürre woll’n beenden,
muss jeder Bürger etwas spenden“,
sagt unser Herlicek und lacht,
hat einen Plan sich ausgedacht.

Er macht den Anfang (umweltbewusst)
nachts auf der Straße mit breiter Brust.
Er verrichtet dort, man glaubt es kaum,
sein kleines Geschäft bei einem Baum.

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26185

Herlicek – Stadtflucht

Herlicek verlässt die Stadt,
er hat die Hitze einfach satt.
Er setzt sich in die Bundesbahn,
fährt nach Sankt Veit an der Glan.

Was tut er wohl im Kärntner Land?
Der Weg dorthin ist allerhand
(fast vier Stunden von daheim).
Er reiste nur – für diesen Reim.

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26184

Reisenotizen Berlin-Brandenburg

[Hier kommen Sie zur Ausgangsbasis.]

Berlin: Dicke Mauern, die trennen und wieder eingerissen werden, Aufstieg und Fall, alles vor bedeutsamer Kulisse, wo immer irgendetwas bröckelt.

Checkpoint Charlie steht kompakt für den vergeblichen Wunsch fremder Mächte, ein Land zu kontrollieren, indem man die Bewegungen der Menschen überwacht.

Ausgerechnet den Besuch in den Babelsberger Filmstudios bei Potsdam empfand ich als besseres Resümee meiner Eindrücke als irgendeine Sehenswürdigkeit der Hauptstadt. (Der ruckelnde, triefende 1:1-Modellnachbau des Bootes neben dem Original-Set vom Kleinen Muck: preußische Marineverherrlichung neben preußischem Orientalismus.)

Inspiriert von der Filmgeschichte wagte ich eine kühne Assoziationscollage, um meine Berlin-Eindrücke einigermaßen unter einen Hut zu bekommen: Marlene Dietrich posiert mit Barbiepuppen in Kreuzberg, der große Fritz spielt statt Querflöte Saxophon in Sanssouci, Reinhard Mey beschallt den Reichstag. (Vielleicht täte der Stadt mehr Leichtigkeit gut?)

Für mich jedenfalls wurde das berühmte wie leidgeprüfte Regierungsgebäude zum augenfälligsten Symbol dafür, dass man im Glashaus nicht mit Steinen schmeißen und schon gar nicht Porzellan zerschlagen sollte.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Berlin Reichstag

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26182

Reisenotizen Schwaben (Alemannengebiete)

[Hier kommen Sie zur Ausgangsbasis.]

Schweiz, Schwaben und Vorarlberg sind für mich (aus der Perspektive des österreichischen Nordens) wie eine Torte samt Füllung und Glasur.

Der erste Blick fällt ja meist auf die Glasur: Härter als Teig und Füllung ist mein Eindruck von ihr dennoch nur scheinbar matt oder gar glatt. DAS Gefühl, durch eine durchaus manchmal wehrhafte Hülle zum delikaten Kern zu gelangen, möchte ich nie mehr missen. Nussig-schokoladiger und ein wenig herber Geschmack mutet durchaus eidgenössisch an.

Der Teig gerät meist fluffig. Dabei darf man bei den Vorarlbergern nie nach Gehör gehen, man muss schon auskosten. (Wer es pikant liebt, könnte sich ja auch an Käse halten, aber ich fange hier nicht an, kleine Brötchen zu backen.)

Schwaben gleicht unterschiedlichen Marmeladeschichten, die sparsam verarbeitet sind und dennoch keine einzige der Qualitäten vermissen lassen, wegen der man diese Frucht gerne nicht nur mit Butterbroten, sondern auch nobel mit Torten kombiniert. Das Allgäu wäre meinen Erfahrungen nach die feinste Konfitüre, mit der man ein Süßgebäck füllen kann.

Ich darf vermuten, dass es sogar rund um den Globus Menschen gibt, die, ohne zu verreisen, auch Ähnliches bei diesem Menschenschlag empfinden könnten. Vielleicht aber passiert das bei allen Begegnungen mit Volksgruppen, die in die Fremde zogen, um dank Zusammenhalt, Zähigkeit und Fleiß ihr Glück zu finden. Dabei an Ale-Mannen (und -Frauen) zu denken, liegt halt gerade nahe.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Tatsächlich die Gegend, wo „Heidi“ spielt.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26181

Ein Untag

Ein Untag, der, kaum hat begonnen,
schon scheint’s dem Morgen echt vermiest.
Dem Kaffee ist gar die Milch geronnen!
Ein Tag, der nicht zu retten ist.

Was ist’s so dunkel?, jetzt sag bloß!
Was ist denn mit der Sonne los?
Nur am Gesims ein leises Klopfen?
Das klingt verdammt nach Regentropfen!

Auch das noch! Unglück, das sich häuft.
Der Tag im Regen mir ersäuft.
Im Zimmer duster, nicht ein Schein.
Und mir fällt nichts zu schreiben ein.

Was kann mir, armem Wurm auf Erden,
an einem Tag wie diesem werden?
Der Löffel fällt mir aus der Hand.
Ein Bild hängt schief, dort an der Wand.

Und am WC, dort tropft der Hahn.
Ich schwör’s, ich hab ihm nichts getan!
Es schließt auch nicht die Kühlschranktüre.
Woll’n sich nicht dreh’n, ihre Scharniere.

Und niemand will etwas von mir.
Nichts will gelingen, jetzt, und hier.
Selbst das geliebte Herz, das rege,
ist fort. Geht seine eig’nen Wege.
Ein Häuflein, das sich Elend nennt,
das bleibt zurück, einsam, und flennt.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at |Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26180

Musik

Mit Musik geht meist einher,
was sie ist und was hört wer?
Will man bloß berieselt werden?
Mit Siegfried bei Wagner sterben?
Satisfaction mit den Stones?
Shake your head and all your bones!

Singt wer oder spielt ganz toll,
sagt man, das ist anspruchsvoll.
Hochberühmte Komponisten
reihen sich in langen Listen.

Manch einem reicht das Grundgerüst,
welches der Bassdrum-Rhythmus ist.
Hi-hats-Snare-Sounds machen Groove,
geächtet sei der, der dies schuf.

Teil der Bildung wär Musik,
so wie Prosa und Lyrik.
Doch nicht Noten bloß allein,
gefühlt erlebt soll Musik sein.

Wer Klang organisiert empfindet,
ein Gefühl damit verbindet,
dem dient, so wie es Sprache kann,
Musik als Ausdrucksform sodann.

Einst hieß es gar, der Musen Kunst,
denn das käm’ vom Können.
Käm’s vom Wollen, hieß’ es Wunst.
Beides wäre streng zu trennen.

Man sagt, Musik kann man versteh’n,
jedoch nicht übersetzen.
Es ist und bleibt ein Phänomen,
mag Sprache durch Gefühl ersetzen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 26179