Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Yin und Yang im Jahr 2099

Yins Tod war ein Unfall. Bedauernswert, aber leider nicht ganz zu vermeiden. Generalmajorin Yins Geheimhaltungscode war eventuell mit einer feindlichen Malware infiziert oder der ISR, der Interne-Sicherheits-Roboter, hatte ein falsches Signal erhalten. Fest steht, dass er dreimal auf Yin geschossen und sie lebensgefährlich verletzt hatte.

Die Generalmajorin war eine außerordentlich gute Ministerin für Intergalaktische Beziehungen gewesen, aber unersetzlich war in diesen Tagen natürlich niemand mehr. Die KI, die ihre Nachfolge antreten sollte, ‚stand‘ schon seit langem bereit.

Dennoch wurde Yins IT-Privatsekretär, Oberleutnant Philipp Dick, angewiesen, alle relevanten Informationen aus dem Gehirn der Generalmajorin zu extrahieren. Diese wurde so lange künstlich am Leben gehalten. Dick hatte seine Aufgabe fast erledigt, da bekam er unerwartet Besuch von Yins Adjutanten, Major Altmeier.

„Ehm, Philipp“, begann er zögernd, „kann ich dich kurz mal sprechen?“

„Ja, Moment! Lass mich gerade noch die letzten Geheimcodes aus dem Gehirn unserer Chefin runterladen. Dann können wir ihren Exitus freigeben.“

„Halt, stopp! Bevor du das tust, habe ich einen Vorschlag. Eine Bitte!“ Altmeier suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. Dann setzte er noch einmal von vorn an: „Hast du mal an ihren Ehemann, den ehrenwerten Herrn Yang, gedacht? Der kommt nächste Woche von seiner einjährigen Marsexpedition zurück. Der Schock …“

„Ja, verstehe. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Ich dachte mir, dass du fix auch das private Gedächtnis runterladen könntest. Ich meine, einschließlich Empathie und das Empfinden von Zuneigung und so.“

Als Philipp schwieg, fuhr Altmeier fort: „Du könntest alles an unsere Roboterabteilung übergeben. Die würde dann Madame Yin nachbauen, sodass der Ehemann nichts merkt.“

Philipp schaute Altmeier nachdenklich an: „Und wer soll die Kosten dafür übernehmen?“

„Selbstverständlich ich“, antwortete Altmeier. „Ich habe Yin, ich meine der Generalmajorin viel zu verdanken.“

***

Gesagt, getan. Bei der Rückkehr von Flottenadmiral Yang stand der fertige Roboter am Rande der Landebahn. Nach erfolgtem Akklimatisierungsprogramm schloss Yang „seine“ Yin freudestrahlend in die Arme und fuhr mit ihr nach Hause. Dort lief aber alles aus dem Ruder. Geplant gewesen war, dass das Roboterpersonal die beiden mit maximaler Freundlichkeit bedienen und ihnen ein Candle Light Dinner herrichten sollte. Doch dann tauschten alle Roboter im Haus lediglich ein paar Daten aus. Denn ihnen war die Sache sonnenklar: Nicht nur Madame Yin, sondern auch ihr Ehemann war eine Fälschung. – Auch Flottenadmiral Yang war während seiner Marsmission verstorben und von seinen Freunden dort originalgetreu ersetzt worden.

***

Stattdessen bereiteten die Hausroboter für beide eine Trauerfeier vor. Zu dieser erschienen die wenigen verbliebenen menschlichen Freunde. Kein Satz der Ansprache, kein Wort der Gebete, die eine eigens dafür entwickelte KI zu diesem Anlass sprach, war fehl am Platz oder übertrieben. Breiten Raum nahmen die Lebensgeschichten des beruflich so erfolgreichen Ehepaars ein. Dennoch war keiner der Menschen gerührt. Sie bewegte im Fortgehen eine andere Frage. Der älteste Freund der beiden formulierte sie so: „Angenommen einer von beiden, also Yin oder Yang, wären noch menschlich gewesen: Wann hätte er oder sie die Täuschung bemerkt?“

 

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26059

 

 

Morgendliche Selbstbefragung

„Guten Morgen mein Herz, was willst du mir heute sagen?“
„Poch, poch.“
„Nicht mehr? Ist das alles, >>poch, poch<<? Verstehe ich dich richtig?“
„Poch, poch.“
„Begehrst du etwas … wonach steht dir der Sinn?“
„Poch, poch … poch, poch …“ (Und so weiter.)
„Aha. Du willst also einfach mein Alltagsleben mit mir fortsetzen: Frühstücken und so.“
Poch, poch, poch … poch, poch POCH*!

*Wofür soll ich denn sonst schlagen, als fürs Leben, du begriffsstutziges Wesen?

 

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26058

Nicht um den Block

Wenn sie dich sehen, die Behörden,
wie du da aufsteigst, sagt mein Herzblatt streng,
sie dich herunterholen werden,
und dann wird’s für dich echt eng.

Heiße Greise, die beim Geh’n schon wanken,
fahr’n mit ihrer Harley um den Block.
Bloß ein wenig, um zu tanken?
Ne, darauf hab’n die keinen Bock.

Einmal laut durch enge Gassen,
man gibt am Gashahn kräftig Saft.
Raus auf die belebten Straßen,
ein letztes Mal, mit voller Kraft.

So steht sie da, im hellen Schein,
chromblitzend, blank und feuerrot.
Metallic funkelnd muss sie sein,
und vollgetankt, eh Stillstand droht.

Vorbei an einer Herde Kühe,
die steh’n am Gatter stumm und schau’n.
Absteigen geht zwar mit Mühe,
doch die sind schwarz, gefleckt und braun.

Derweil der heiße Ofen knattert,
nimmt man eine Nase voll,
während dein rotes Halstuch flattert,
vom Geruch, von Kuh und Erde. Toll!

Dann aufgestiegen, Erste rein,
und weiter geht die wilde Fahrt.
Hügel, Wiesen, die sind dein,
für kurze Zeit, im Sonnenschein.

Der Auspuff! Klappen in den Kamin geknallt!
Raus aus dem Ort, wo dich nichts stört.
Die Dämpfer weg, auf dass es schallt!
Dann bist du wer, wenn man dich hört.

Wer nie ein solches Pferd geritten
und nie in diesem Sattel saß,
dem sag ich, es ist unumstritten,
es gibt keinen größ’ren Spaß!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26057

Archiv Jänner 2026

31.1.26: Norbert Johannes Prenner: Paradox
31.1.26: Johannes Tosin: Meiner Sonne Licht
24.1.26: Frank Joussen: Die Blumen am Mittelmeer
24.1.26: Norbert Johannes Prenner: Die Freiheit, die wer meint?
24.1.26: Bernd Watzka: Die eierlegende Wollmilchsau
24.1.26: Robert Müller: max, der Bauherr – Endlich fertig
24.1.26: Johannes Tosin: „Weg!“
18.1.26: Claudia Dvoracek-Iby: Der Marillenbaum
18.1.26: Frank Joussen: Rudern Richtung Syrakus
18.1.26: Tim Tensfeld: Fisch-Haiku
18.1.26: Bernd Watzka: Das Gummibärchen
18.1.26: Norbert Johannes Prenner: Frutti di mare
18.1.26: Michael Bauer: Ilusión realista
18.1.26: Johannes Tosin: Gesinnungspolizei
10.1.26: Tim Tensfeld: Wal-Haiku
10.1.26: Carmen Rosina: Du bist eine tolle Frau, aber …
10.1.26: Norbert Johannes Prenner: Gegenwehr
10.1.26: Bernd Watzka: Die Würmer von der „Farm der Tiere“
10.1.26: Johannes Tosin: Transparency
4.1.26: Tim Tensfeld: Blüten-Haiku
4.1.26: Dario Schrittweise: Innig
4.1.26: Norbert Johannes Prenner: Au Backe
4.1.26: Bernd Watzka: Der Bundesadler
4.1.26: Johannes Tosin: Gesicht

Paradox

Ich will, wie’s ist, dass alles bleibt,
hab keine Lust auf Neues,
das Schabernack mit mir bloß treibt.
Ertrag mein Schicksal gern, mein treues.

Auf der Suche nach dem Sinn
ist mir ein Widersinn gekeimt,
am Sinnlosen der Welt, und bin
mir klar, ’s ist ungereimt.

Ich kann dem Leid nichts abgewinnen,
denn unerklärbar ist sein Stand.
Wie kann ein liebend Gott ersinnen,
solch Widerspruch in Einklang bringen?
Der Mensch, im Elend, ist verbannt.

Der Aberwitz, der springt dich an,
an jeder Ecke, trostlos, nackt.
Toll fährt er mit uns Achterbahn,
so wie er uns tagtäglich packt.

Dabei muss man noch dankbar sein,
schlafen, arbeiten und essen.
Nichts Neues von der Front, ich mein,
scheint alles schon mal dagewesen.

Ich denk, vergeblich ist mein Streben
nach dem Sinn in einer Welt,
in der vergänglich ist das Leben
und nur die Hoffnung sie erhellt.

Sinnlos, sich dagegen aufzulehnen,
was durch den Tod besiegelt ist.
Es hilft kein Wünschen und kein Sehnen.
Schicksalhaft ist seine Frist.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26056

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Die Freiheit, die wer meint?

Wer klopfet an, so unvermut’?
Es ist die Freiheit, höchstes Gut!
Dann lasst sie herein,
sie soll uns Leitsatz uns’rer Zukunft sein.

Verpflichtet uns zum Schutz der Heimat,
zu unserer Identität.
Befolgen wir der Zeiten Rat,
frei sein, ehe die Welt noch untergeht.

Der Rechtsstaat bürgt für Sicherheit,
wir teilen Ziel und Wert gemeinsam,
bis hin in alle Ewigkeit.
Drum steht zusammen, bleibt nicht einsam!

Familie heißt Frau und Mann,
als Stütze der Gesellschaft.
Und ihre Kinder führ’n voran
das Land, durch deren Jugend Kraft.

Auf Leistung, da wird stets geachtet,
wem was gehört, das wird geschützt.
Als unentbehrlich wird betrachtet,
alles, was der Gemeinschaft nützt.

Ist jemand krank, wird er versorgt
und schnell wieder gesund gemacht.
Unsere Geduld wir nicht verborgt,
auch wenn es rundum kracht.

Und auch die Wissenschaft ist frei,
unsere Kultur und Kunst begehrt.
Wer Anteil nimmt, ist mit dabei,
der Zugang niemandem verwehrt.

Selbstbewusst die Interessen,
in die Welt hinausgetragen.
Verantwortungsvoll unterdessen,
niemals diese hinterfragen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26055

 

 

 

 

max, der Bauherr – Endlich fertig

Aus der Wiener Häuslbauer-Serie

max, der Bauherr, hatte es geschafft: Das Haus war fertig!!! Endlose Jahre der Grundstückssuche, der Würgerei mit den Kreditraten, der Planung und des mühsamen Stein-auf-Stein-Legens lagen hinter ihm. Gebaut hatte er größtenteils selbst, mit „erweiterter Nachbarschaftshilfe“ – und natürlich mit Hilfe von Verwandten und Freunden, denn jeder, der ihm am Wochenende als Maurer, Helfer, Elektriker oder Installateur gegen „Spesenersatz“ geholfen hatte, war mit der Zeit sein Freund geworden.

Was hatte es nicht für Schwierigkeiten gegeben: ewiger Geldmangel, chronische Überarbeitung (max freute sich jeden Sonntag aufs Büro, denn nach einem starken Tag Betonmischen oder Ziegelschleppen hatten seine Bandscheiben locker eine Woche Erholung gebraucht, bis er sich die Schuhe wieder schmerzfrei anziehen konnte), Ärger mit der Gemeinde, dem Baustoffhändler, den Handwerkern, die oft genug aussichtslose Terminkoordination, die er immer wieder mit der Geduld eines Stehaufmanderls irgendwie geschafft hatte – er wollte gar nicht mehr daran denken. Die gehabten Schmerzen sind die schönsten – aber nun aus, Schluss damit. Es war ihm mit Gottes Hilfe (denn es grenzte mehrmals an ein Wunder, dass alles doch noch geklappt hatte) gelungen, ein durchaus brauchbares und hübsches kleines Einfamilienhaus auf die Beine oder besser aufs selbstgegossene Fundament zu stellen. Ein Marathonläufer in der Zielgeraden ist ein ausgeschlafener Beamter gegen einen Häuslbauer, der fertig geworden ist. Alle Materialreste und sogar die Mischmaschine hatte max bereits an andere Leidensgenossen verschenkt, er konnte nichts mehr davon sehen.

Gestern abends hatte es eine sehr gelungene Fertigstellungs-Grillparty gegeben, wo alle am Werk Beteiligten mit ihren Familien eingeladen waren – das Buffet hatte max vom nächsten Heurigenwirt beistellen lassen, der ihm auch einige Bänke und Tische geliehen hatte. Auch dieser war sein Freund, denn er hatte dem wohlgelittenen langjährigen Stammgast mehrmals mit dem Traktor ausgeholfen, wenn nichts anderes mehr ging. Und um Mitternacht wurden in einem feierlichen Akt symbolisch die letzten Arbeitshandschuhe und die den ganzen Bau gebrauchte, von allerlei Rückständen schon „allein-stehende“ ehemals blaue Latzhose in einem großen Lagerfeuer aus kleingeschnittenem Bauholz verbrannt. Leider fiel dieses ziemlich groß aus, weshalb die von ängstlichen Nachbarn alarmierte Feuerwehr ausrückte, was größere Schwierigkeiten und Kosten verursacht hätte, wenn nicht deren Kommandant der Sohn des befreundeten Heurigenwirten gewesen wäre. Kurzerhand lud max den gesamten Löschzug ein mitzufeiern, was gerne angenommen wurde und neuen Schwung in die fröhliche Party brachte.

Die Kinder schliefen irgendwo in den improvisierten Matratzenlagern, nach und nach folgten deren Mütter, und schlussendlich fielen gegen drei Uhr früh auch die härtesten „Hackler“ todmüde, aber zufrieden zu den Frauen aufs Lager (wenn auch nicht immer zu den eigenen). max hatte vorsorglich einen großen Topf Gulaschsuppe und Brot für das Frühstück bereitgestellt und die Raumpflegerin aus seinem Büro für die morgendliche Kaffeeküche engagiert, sodass sich auch die „Wieder-in-Betriebnahme“ seiner Gäste geordnet vollzog. Alle versicherten ihm, dass dies die schönste Party gewesen wäre, an der sie je teilgenommen hätten, und verabschiedeten sich mit einem scherzhaften „Also bis zur nächsten Baustelle“, und dann war es soweit.

Das Haus stand, es hatte auch die Party unbeschadet überstanden, und nach den „Aufräumungsarbeiten“, die sich bis in den frühen Nachmittag hinzogen, waren alle Spuren getilgt, alles strahlte nagelneu, und auch der schön angelegte Garten war wie aus dem Schöner-Wohnen-Prospekt. Jetzt war es soweit, die Besitzerfreude und der Stolz auf das Selbstgeschaffene, der so lange ersehnte Genuss konnten stattfinden. max und seine Elli waren ganz gerührt, die große Terrassentüre wurde mit einer Girlande geschmückt, und max trug seine Gefährtin in guten und vielen weniger guten Tagen feierlich über seines Hauses Schwelle, küsste sie und sprach die bewegenden Worte: „Und jetzt hätt ich gern an g’scheiten Kaffee mit Schlag und an Guglhupf von deiner Muatter!“ Denn auf das hatte er sich jahrelang gefreut; immer, wenn es ihm schlecht ging (oder er nicht wusste, wie es weitergeht), hatte er sich ausgemalt, wie er künftig auf der Terrasse beim Kaffee sitzen würde und alles wäre geschafft.

Elli nickte und blitzte ihn mit strahlender Zustimmung an: „Jo, ich hab auch schon Zähnd‘ drauf, endlich einmal auf gepflegt und net auf einer dreckich’n Baustell’!“ Auch sie hatte viel entbehren müssen, bis es soweit war. Gemeinsam machten sie die paar Handgriffe in der Küche und trugen alles hinaus, um sich dann die wohlverdiente Jause in der neuen gelb-weiß gestreiften Sitzgarnitur auf der Terrasse schmecken zu lassen. Als krönenden Abschluss holte max eine Flasche Marillenschaumwein aus dem Kühlschrank und sie stießen auf den neuen, schönen Lebensabschnitt ohne schwere, schmutzige Arbeit an.

Und dann sagte die liebende Gattin mitten hinein in maxens blass werdendes Gesicht: „Ich fahr gach in die Wohnung noch ein paar Sachen holen, bist so lieb und hebst derweil die Waschbetonplatten unterm Garten-Wasserhahn um zwei, drei Zentimeter höher, weil da bleibt immer so eine Gatschlacken steh’n!“ Um Gottes Willen, das hieß ja schon wieder die schweren Platten heben (= Kreuzweh), vom Nachbarn einen Kübel Sand erbetteln (er hatte ja weder Arbeitsgewand noch Baumaterial mehr), in der ältesten Jean niederknien, mit Kelle und Wasserwaage herumhantieren und dann alles wieder saubermachen. Und wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel traf max die vernichtende Erkenntnis: Bisher hatte er geschuftet, um ein Haus zu haben. Und nun würde er sein Lebetag für sein Haus weiterarbeiten müssen. Und die einzige Erholung, die langersehnte schöne sorglose Zeit nach Bau-Ende – das war die Dreiviertelstunde beim Kaffee gewesen!

Man muss eine Frau sein, um nicht zu verstehen, warum sich max diesen Abend mit dem restlichen Maurerbier in den Schlaf trinken musste.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 26054

Bisher auf verdichtet.at zu finden

Der Marillenbaum

„Was wollen Sie von mir?“, fragt er misstrauisch die Frau, die, ohne anzuklopfen, in sein Schlafzimmer kommt.

„Nur etwas erzählen“, antwortet sie mit sanfter Stimme. „Darf ich?“

Zögernd nickt er und sie setzt sich zu ihm an den Bettrand.

„Also, ich beginne“, sagt sie, atmet einmal tief ein und aus. „In einem kleinen, sonnengelb gestrichenen Haus lebt ein altes Paar. Anna und Peter. Seit über fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Natürlich haben sie viel zusammen erlebt in dieser langen, langen Zeit. Sehr viel Schönes und auch Schwieriges. Als Anna in jungen Jahren zwei Fehlgeburten erleiden muss, ist Peter ihr ganzer Halt. Und Jahrzehnte später hilft Anna ihrem Peter, so gut sie kann, mit seiner altersbedingten Erkrankung umzugehen.“

„Das ist gut “, sagt er. „Erzählen Sie weiter!“

„Anna und Peter lieben ihren kleinen Garten, in dem ein prächtiger Marillenbaum steht. Und sie sind vernarrt in ihr Haustier, einen lustigen, schwarzen Kater mit grünen Augen.“

„Wie heißt denn der Kater?“, fragt er interessiert.

„Oskar“, antwortet sie.

Er lacht auf.

„Ein schöner Name! Genau so würde ich meinen Kater auch nennen!“

„Oskar klettert oft auf den Marillenbaum. Im Sommer trägt der Baum schwer an seinen vielen Früchten. Und Anna und Peter genießen jeden Morgen ihre selbstgemachte Marillenmarmelade auf ihrem Frühstücksbrot.“

„Ja, ja“, ruft er begeistert, „ich mag Marillenmarmelade auch sehr gerne!“

„Von ihrem Schlafzimmerfenster aus können Anna und Peter den Marillenbaum sehen.“

Verwirrt sieht der Mann die Frau an. Sie nickt ihm zu. Er richtet sich in seinem Bett auf und schaut angestrengt durch die Fensterscheibe gegenüber. Sieht die dichten Zweige und grünen Blätter eines Baumes. Spürt die warme Hand der Frau auf seiner Hand.

„Ist das ein Marillenbaum?“, fragt er aufgeregt.

„Ja“, sagt sie und lächelt.

Und plötzlich blitzt etwas in ihm auf. Ein Name. Eine Erkenntnis.

„Anna“, flüstert er. „Bist du meine Anna?“

„Ja, Peter“, sagt sie.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26050