Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Zensur

Pass auf, sie woll’n dich kontrollieren,
dich behindern, ausquartieren
aus deiner Gedanken Reich.
Hier, und jetzt, womöglich gleich.

Versuchen dich zu unterdrücken,
sehen ihren Plan missglücken
dich zu formen und zu kneten,
am liebsten möchten sie dich treten.

Hassen deine Äußerungen,
war’n sie allzu sehr gelungen,
über ihre Machenschaften,
was sie ordentlich erschreckt,
und sie fühl’n sich aufgedeckt.

Streichen deine Publizierung
restriktiv in ihrer Führung.
Nutzen staatliche Instanzen
mittels Druck, durch ihre Schranzen.

Massenmedien, frei zugänglich,
eingeschränkt und unverfänglich
in neuen Kontext gepresst,
wie’s beliebt, so steht es fest.

Den Diskurs zu kontrollieren,
Wettbewerb zu suspendieren,
jedes Mittel ist erlaubt,
wird an der Zensur geschraubt.

Ziel ist es, die bloßen, nackten
Inhalte und ihre Fakten
im Sinne ihres Geist’s vernichten
und hernach dich hinzurichten.

Dazu kommt, dass die Gerichte
die Zensuren und Berichte
über die Zensur verbieten,
weil sie ihr System verrieten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

 

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25124

Brücken

Ein Medley

Nicht jede Brücke dient der Verständigung. Der Verbindung natürlich schon, das ist ihr geografischer Zweck. Die Brücke über den Fluss Ibar in der geteilten Stadt Mitrovica ist solch ein Fall. Mitrovica liegt zwischen Serbien und dem Kosovo. Sie ist nur für Fußgänger geöffnet. Die kosovarische Regierung will sie auch für Autos öffnen, doch die Serben in Mitrovica sind dagegen.

Die Brücke

Ich fahre über die Brücke.
Ich weiß nicht, über welche,
ich weiß nicht, wo ich bin.
Links und rechts ist das Meer.
Schon lange bewege ich mich über diese Brücke.
Ich fahre und fahre, die Brücke nimmt kein Ende.
Nie, wird mir jetzt klar, werde ich sie verlassen.

In der kommenden Miniatur sorgt die Brücke für das Ende.

Suicide

Zu viel ist passiert. Du willst das Leben hinter dir lassen. Es ist Frühling, aber du bist in Kanada, wo der Frühling noch ein Winter ist. Der Fluss ist von einer dicken geschlossenen Eisschicht bedeckt. Du gehst bis zum Scheitelpunkt der Brücke und springst. Es passiert, wie du es dir vorgestellt hast. Du durchschlägst das Eis. Der Fluss nimmt dich mit. Jetzt bist du unter dem Eis gefangen, keine Ohnmacht hat dich betäubt. Du ertrinkst, ob du es schlussendlich wolltest oder nicht, du ertrinkst.
Dies ist eine wahre Geschichte. Das Mädchen hieß Nadia Kajouji. Sie starb mit achtzehn.

In der folgenden Miniatur bildet die Brücke die Stadt.

Trier an der Mosel

Es war im Sommer 1992. Ich fuhr mit dem Auto nach England. Die erste Nacht verbrachte ich in Trier. Zu Fuß suchte ich nachts ein paar Lokale auf, in einem blieb ich länger, in dem mir eine Frau, die für RTL, damals noch in Luxemburg, dafür steht das L, arbeitete, erzählte, wie leid es ihr tue, dass Roy Black gestorben war. Zurück ging ich dann durch einen Teil der Altstadt und über eine Brücke, die sich über einen Fluss spannte, von dem ich gar nicht wusste, wie er heißt. Ein Fluss ist immer gut, besonders vor dem Schlafengehen. Er nimmt mich mit, er nimmt mich mit.

Ich hatte eine sehr nette und hübsche Kollegin, als ich in den 1990er-Jahren in Oberösterreich arbeitete. Sie wurde Ivi genannt, in Wirklichkeit war ihr Name länger. Sie stammte aus Mostar, der Brückenstadt, deren Wahrzeichen die stari most, die Alte Brücke über die Neretva war und ist. Sie wurde im innerjugoslawischen Krieg zerstört, wieder aufgebaut und 2004 eröffnet. Ivi hatte verschiedene Arbeitsplätze, an einem hatte sie einen Marienaltar errichtet. Ihr war es wichtig, der Messe folgen zu können. Einige ihrer Freunde sind im Krieg gestorben, erzählte sie mir.

Kurz bevor ich die Firma verließ, hörte ich, das Ivi heiraten müsse. Tatsächlich müsse. Dabei hatte sie mir stets erzählt, dass ihr Freund ihr auf die Nerven ginge. Was soll man dazu sagen? Ivi machte sich rar. Ich sah sie kein einziges Mal mehr.

Seltsam, seltsam, das geträumte Gedicht, in dem die Brücke vorkommt.

 

Nur geträumt und nicht erlebt

Ich warf eine Stoffpuppe von der Brücke.
Ich weiß nicht warum.
Nur geträumt und nicht erlebt.
Der Richter war ich über zwei Angeklagte.
Ich konnte kein Urteil fällen.
Nur geträumt und nicht erlebt.
Der kleine König war ich,
den sie auf einer Stange trugen,
die in seinen Körper ragte.
Nur geträumt und nicht erlebt.
Die Logik gilt nur für die Wirklichkeit.
Im Traum rechnet man mit Bildern statt Zahlen.

Nun kommt eine Erinnerungsgeschichte.

Things to Come

Der junge Mann zog die braune Wildlederjacke über. Es war gegen 23 Uhr, Anfang Oktober, er hatte viel gearbeitet und wollte hinaus, noch ein bisschen Leben erfahren vor dem Schlaf. Es war das Jahr 1986. Die Menschen begegneten sich noch wirklich statt auf Bildschirmen, man ging physisch aufeinander zu, deshalb verließ er die Wohnung, die im Haus lag, und das Haus. Die Wildlederjacke hatte er von seinem Vater übernommen. Sie war ihm an den Ärmeln etwas zu lang, sein Vater war um vier Zentimeter größer als er. Sie sah irgendwie brav aus, wahrscheinlich hatte sie der Vater beim Freizeitprogramm von Symposien in Ostländern verwendet, wo getrunken wurde und man sich, vorsichtig noch – wegen des Kommunismus, annäherte. Viel mehr als ein paar Bierflecken wird die Jacke wohl nicht abbekommen haben. Sie war in einem sehr guten Zustand, und bevor seine Mutter sie zur Caritas gab, frage der junge Mann, ob er sie haben könne. Na, und heute trug er sie eben. Die Jacke war warm, und das brauchte er auch, denn der Herbst war schon fortgeschritten, kaum noch Blätter auf den Bäumen, wie man im Mondlicht sah, und von Laternen beleuchtet. Der junge Mann ging über den Gehsteig.

Der Gehsteig wurde von einer Leiste aus Stein straßenseitig begrenzt. Was würde der Gehsteig jetzt denken, wenn er das könnte? Vielleicht: Okay, jetzt geht dieser junge Mann auf mir. Es ist doch schon spät. Warum bleibt er nicht zuhause und geht bald ins Bett? Aber so ist das eben: Allein daran, dass der Gehsteig dies denken würde, merkt man, dass er kein lebendiges Leben ist, er sieht nicht, dass ein junger Mann Action braucht. Er ist Horden von Schülerinnen und Schüler gewohnt, die Schule ist nur 50 Meter geradeaus, ein Gymnasium, kleine Füße, große Füße, offene Schuhe im Sommer, Winterstiefel, alle gehen sie über den Gehsteig. Und dann auch Leute mittleren Alters und Omas und Opas, die brauchen länger zur Fortbewegung, und sie passen auf, wenn Eis auf dem Gehsteig ist, alte Knochen heilen schlecht, das ist bekannt. Was habe ich doch schon alles erlebt, würde der Gehsteig denken, falls er denken könnte, Ohrfeigen von eifersüchtigen jungen Frauen, ihren Freunden gegeben, Liebesschwüre von eben diesen Freunden. Manche nützten, manche nicht. Schneller Lauf von jemandem, der bedrängt wird, jemand, der ihm folgt. Als Gehsteig hat man viel Frequenz, viel Verkehr, auf jeden Fall.

Der junge Mann rauchte eine Zigarette, während er ging. Er passierte die Schule, ging beim Heim mit dem großen Garten, wo er früher öfters mit Freunden auf kleine Tore Fußball gespielt hatte, vorbei und kam zum Kanal, dem er bis zu seinem Ende folgte, was vielleicht 300 Meter waren, dann ging er die Brücke entlang und dann links, Richtung Innenstadt. Erst gestern war er in der Nacht mit P. unterwegs gewesen, eine junge Frau, auf die er schon viele Jahre scharf gewesen war, lange schwarze Haare, braune Augen, ein weicher Mund, und unheimlich frauliche Bewegungen, sie war schön, sie war interessant, sie redeten, tranken, und gingen, sie gingen weit, er ging mit ihr nach Hause, aber nicht hinauf, sondern sie verabredeten, dass er sie übermorgen, also von dieser Nacht morgen, von der Abendschule abholen würde. Es gab nur Berührungen, aber allein die waren supertoll. Naja, jetzt war die nächste Nacht, und der junge Mann steuerte eine Bar an. Er dachte im Moment nicht an P., für einen jungen Mann ist das normal, so ist das Leben eines jungen Mannes, jeder Tag ist ein anderer und einzigartig, und birgt immer wieder eine neue Chance.

Er überquerte eine tagsüber starkbefahrene Straße, jetzt war natürlich nicht so viel los, aber der junge Mann ging erst los, als die Fußgängerampel Grün zeigte. Rot heißt warten, grün heißt gehen. Noch ein paar Schritte, da war das Lokal. Zum Draußensitzen war es zu kühl. In der Nähe des Eingangs standen zwei Jugendliche und besprachen etwas. Das Lokal gab es seit etwa zehn Jahren. Es hatte also keine lange Vergangenheit. Aber natürlich hat ein Lokal, wenn es dazu fähig wäre, immer viel zu erzählen, Alkoholabstürze, Polizeirazzien, Freundschaften, die geschlossen werden, Streitereien, und Liebesbande, ganz besonders Liebesbande, die geknüpft werden. Das Lokal verfügte über einen ersten Stock, dort stand ein Billardtisch. Der Wirt hatte das Lokal gepachtet und auf eigene Kosten eingerichtet. Er hatte sich darauf eingelassen, dass viele seiner Kunden anschrieben.

Das Lokal konnte sich nur an diesen Wirten erinnern. Damit lag es richtig, es gab nämlich nur diesen. Es wurde gute Musik gespielt, Rock und New Wave, manchmal etwas Punk, gerne Nina Hagen. Die Abstimmung war gut, die Übergänge passten. Der Wirt legte selbst auf. Er wäre fast als professioneller DJ durchgegangen. Aber er war ein kontroversieller Typ, entweder er mochte einen, oder er konnte einen nicht leiden. Sympathie und Antipathie beruhen ja so gut wie immer auf Gegenseitigkeit – es war auch umgekehrt so, entweder man mochte ihn, oder man konnte ihn nicht ausstehen. Der junge Mann stand ihm nicht gut zu Gesicht, und umgekehrt war es genauso, trotzdem war dieses Lokal für den jungen Mann fast immer das erste, das er besuchte, wenn er ausging – weil: Erstens – es war das näheste, zweitens – die Musik war gut, drittens – der Bierpreis war niedrig. Also: Der junge Mann betrat das Lokal. Das Lokal sah, wie der junge Mann es betrat. Er bestellte ein Bier, ein großes natürlich, das muss man nicht dazusagen. Das Lokal sah, wie der junge Mann ein großes Bier bestellte. Der Wirt grunzte irgendetwas und stellte es auf das Stehtischchen. Genau: Das ist noch zu sagen – im Erdgeschoß gab es ausschließlich Stehtischchen. Im Lokal waren nicht allzu viele Leute.

Ungefähr etwas mehr als einen Meter entfernt bekam eine junge Frau gerade ihr bestelltes Baguette. Sie war nicht mehr ganz nüchtern. Der junge Mann kannte sie seit geraumer Zeit. Sie sah sehr gut aus und war gescheit, gefürchtet wegen ihres spitzen Mundwerks. Vor ungefähr zwei Monaten redeten sie hier, dann verabschiedete sie sich und ließ ihn einfach stehen. Das war dem jungen Mann noch nie passiert. Jetzt sah sie zu ihm hinüber und fragte: „Willst du auch etwas davon?“ Er verneinte, aber er stellte sich zu ihr. Und das Lokal sah, dass sie sich nahekamen, ziemlich nahe, dann zahlte der junge Mann, und sie zogen weiter. Aber dass sie ein Paar wurden, später einen Sohn bekamen und heirateten, das wusste das Lokal nicht mehr, dazu war es zu weit weg. Ob P. am nächsten Tag gewartet hat? Lange sicherlich nicht.

Liebe ist doch das schönste, das es gibt. Es macht den Menschen zum Menschen. Die vielen Sicherheitsschlösser an der Brücke machen sie schwer. Il ponte degli innamorati. Wie lange wird die Liebe zwischen A + D halten? Vielleicht nur ein paar Wochen, aber sie hat sich manifestiert, und es sind wunderschöne Wochen, unverwechselbare.

 

In Wasser und Luft                                                           

Ich reiche dir meine Hand.
Du lebst im Wasser,
mein Element ist die Luft.
Wie können wir gemeinsam leben?
Auch wenn wir einander noch so wollen,
Liebe baut Brücken,
aber nicht solche.
Du wirst mein Wassergedanken bleiben
und ich dein Wunsch vom Fliegen.

Jetzt kommt eine Pause, Zeit, um die Eindrücke sacken zu lassen. Waren es nicht vielfältige? Aber es geht weiter, es geht immer weiter. Demnächst.

Graffito Schädel mit OX und gekreuzten Knochen mit Aufschrift VAMPOMA

Graffito Schädel mit OX und gekreuzten Knochen mit Aufschrift VAMPOMA

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25123

Zwei belanglose Geschichten

Eins

Manchmal denke ich noch an damals, es muss ein Sommertag gewesen sein, zu Beginn der 2010er Jahre. Ich stieg in Heiligenstadt in die U4 und sah, dass eine junge Frau links von mir Platz nahm. Von ihr ist mir in Erinnerung geblieben, dass sie sich gleich auf die erste freie Bank hinter der Tür setzte und dass ihre Wangen rot waren. Ob ich sie damals angesprochen habe, weiß ich nicht, und wenn ja, dann sicher nur etwas Belangloses. Ich könnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob es eine Touristin oder eine Wienerin gewesen ist. Sie wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen, wenn nicht ihr Kleidungsstil dem einer guten Bekannten ähnlich gewesen wäre. Wohin sie fuhr, weiß ich leider nicht.

 

Zwei

An einem warmen Sommertag kam ich aus dem vierten Bezirk zurück. An einer Ampel sah ich eine junge Frau in Plateausandalen, die über die Straße ging. Dabei waren die Bässe aus einem vor der Ampel stehenden Auto zu hören. Die junge Frau schien im Rhythmus dieser Musik über die Straße zu gehen und stieg in die U4 in der Kettenbrückengasse ein. Ich weiß nicht, warum ich ein solches Glück hatte, aber sie stieg gemeinsam mit mir an der Haltestelle Friedensbrücke aus. Als sie die Station verließ, ging sie wieder bei einer Ampel über die Straße. Diesmal fehlte mir die Musik. Aber ich spürte ein kleines Glücksgefühl, sie in einem anderen Bezirk noch einmal sehen zu dürfen.

Ich bin mir bewusst, dass es so viele Menschen gibt, die nur an einem einzigen Tag die U4 benützen. Und ich weiß auch, wie flüchtig die Begegnungen der Menschen zueinander in der U-Bahn sind. Rückblickend hätte ich gerne den beiden Frauen etwas Nettes gesagt, aber ein ungeschriebenes Gesetz hält die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf Distanz.

Natürlich weiß ich auch nicht, ob es den beiden Frauen gefallen hätte, angesprochen zu werden.

Gerne hätte ich ihnen aber die Wertschätzung zuteilwerden lassen, die sie verdient haben.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25122

 

 

 

 

 

 

Dasein voller Lücken

Ein Leben voller Lücken,
mit Ecken und Kanten versehen,
ohne unsere Schwächen zu verstehen,
was kann uns damit glücken?

Mängel, Haken und Ösen,
ist das die Wurzel alles Bösen?
Können wir am Ende nur noch träumen
und dabei unser wahres Glück versäumen?

Wir Menschen sind alles andere als perfekt,
doch das macht unser Dasein bunt, nicht defekt,
darum gibt es keinen Grund für Trauer oder Groll,
leben wir optimistisch und hoffnungsvoll.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25121

Rapunzel

Im finstern Wald,
da wohnt ein altes Weib
mit einem schönen Garten.
Und wenn’s im Frühjahr nicht zu kalt,
hat sie dort Zwiebel und Salat.
Sonst braucht man von ihr nichts erwarten.
Das eine sag ich euch.

Einmal, da stiehlt der Nachbar ihr
ein wenig von dem grünen Zeuch.
Sein Pech, die Alte war schon munter,
als in den Beeten er herumgezischt,
mit einem Messer.
Da hat sie ihn erwischt.
Hätt’ er’s im Geschäft gekauft,
wär’s für ihn besser.

Die Alte aber, und ich will nicht lügen,
fordert für diese Tat das erste Kind,
sollt’ er mit seiner Frau einmal eins kriegen.

Die Wahrheit lässt sich nicht verbiegen,
warum nicht gar!
Das Schicksal will’s,
schon übers Jahr geschieht’s,
dass diese eine Tochter kriegen.

Die Zeit verrinnt, der Alten Wille
ward durchgesetzt.
In ihrem Garten wächst jetzt Dille.
Die Eltern waren bass entsetzt.

Die Greisin sperrt das junge Wurm,
weil’s ihr zu schön,
in einen Turm.

Da kam, nach einer guten Weil,
ein Prinz vorbei.
Der hört das Mädchen singen,
und denkt, der müsst ich mal ein Blümchen bringen.

Da sieht er, wie ’ne alte Frau,
emporklettert an diesem Bau,
hinauf zu jener schönen Maid,
so flink und rasch, es is’ ’ne Freud.
Und wisst ihr auch, wie dies geschah?
Entlang an ihrem langen Haar!

Der Prinz, kaum ist er noch zu halten,
und, wie er’s gehört hat von der Alten,
he, du, ich will dich ja nicht drängen,
ruft er hinauf,
lass doch dein Haar mal runterhängen.

Nur leider bleibt die Zeit nicht stecken,
ich sag euch, es ist zum Verrecken!
Nix da, mir zieht’s die Augen ausernand’,
schon winkt sie ab mit einer Hand.
Heut wird’s nichts mehr, ich bitt’ dich, geh!
Und was du willst, das weiß ich eh!

Das ist wirklich unerträglich!
Hinaufklettern scheint echt unmöglich.
Doch was ihn so irre stiert,
die hat sich glatt die Haar rasiert!

Und zu sich selber sagt der Prinz,
du bist verrückt, du spinnst!
Dann jammert er, zum Herzerweichen,
da bleibt mir nur noch eins, mich schleichen.
Und sein Blick erhebt vom Boden
sich enttäuscht zu ihr nach oben.
Mit der Glatze und dem Schopf!
Was bin ich für ein armer Tropf!
Jetzt ist wirklich alles hin,
Das gibt’s ja nicht! ’Ne Punkerin!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow| Inventarnummer: 25120

Archiv Mai 2025

24.5.25: Norbert Johannes Prenner: In die Rente
24.5.25: Michael Bauer: Le vrai amour³
24.5.25: Johannes Tosin: Elefant
24.5.25: Norbert Johannes Prenner: Der große Wohltäter
24.5.25: Johannes Tosin: Schneewittchen
18.5.25: Norbert Johannes Prenner: Jonny and Maggie
18.5.25: Verena Tretter: Christas Comeback
18.5.25: Norbert Johannes Prenner: Wacht auf, wacht auf!
18.5.25: Johannes Tosin: Zettel
18.5.25: Michael Bauer: Blockade
18.5.25: Johannes Tosin: Sand unter den Hufen
11.5.25: Frank Joussen: Vom Lesen und vom Sterben
11.5.25: Dario Schrittweise: Die geschenkte Zeit
11.5.25: Johannes Tosin: Zwischen Hölle und Himmel
11.5.25: Johannes Tosin: Ausblick
3.5.25: Michael Timoschek: Steiermärkisches Kulturwürstchen
3.5.25: Johannes Tosin: Der Himmel ist leer
3.5.25: Johannes Tosin: Rüsselkäfer

Von den blauen Bergen kommen wir

Ach, was für eine schöne Zeit!
Das begreifen wir erst heut.
Wie auch immer, viel’ Skandale
prägten viel zu oft die Male.
Hat Cartoonisten reich gemacht,
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Was wirklich war, das übertrifft
der künstlerische Zeichenstift
in spitzer Reproduktion.
Und wahr ist’s doch, na und, wenn schon?

Wer auf der sel’gen, uns’rer Insel,
in den Achtzigern gelebt,
vom „Alles super ist“-Gewinsel
weiß, man hat nach Höherem gestrebt.

Soziale Sicherheit und Wohlstand
prägten lange Zeit das Land,
bis, weg’n der Defizite,
dies mit einem Mal verschwand.

Beschäftigungsrekorde weg, Neurosen!
Düst’re Arbeitsmarktprognosen.
Der Schuldenstand im Praktischen, normativ,
die Kraft des Faktischen.
Ach, was für eine schöne Zeit!
Willkommen in der Wirklichkeit.

Loyalitätsbedingt dem Alten
muss man den Staat nun neu gestalten.
Es stampft und dampft, die nicht ganz vife
Populär-Lokomotive.

Von Krisen zeigt das Land, geprägt, sich
liberal sozial zersägt.
Die grüne Au wird zum Konflikt,
das Land zur Skandalrepublik.

Waluliso predigt mahnend
Frieden!, weil schon Unheil ahnend.

Den Wein, den panscht der Winzer listig,
ihn trinkt kein Mensch mehr, weil er mistig.
Ein Reiter sitzt am hohen Ross
Und rüttelt stark am Opfermythos.

Ein neuer Geist irrt jetzt umher.
Den alten Weg, den gibt’s nicht mehr.
Zunehmend wird man jetzt globaler,
medial und digitaler.

Der Privatisierung heller Schein
dringt in die Politik hinein.
Medien stören Prominente
im intimen Ambiente.
Skandale nehmen ihren Lauf,
der Journalismus deckt sie auf.
Das Budget wird immer dünner,
jedoch das Parlament wird grüner.

Alles frönt dem Hedonismus,
der Yuppie zählt zum Organismus
erfolgsgewohnter Börsianer.
Die Hofreitschul’ zeigt Lipizzaner.
Alles happy, alles da,
weil I am from Austria.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25118

 

 

 

CARTOON EINFÜGEN

In die Rente

Was soll ich euch am besten sagen,
ein Leben lang muss man sich plagen
bis dass man in die Rente kann.
Egal, ob Frau oder ob Mann.

Wenn ich euch sag,
ich arbeit wie ein Pferd bei Tag
und an der Kassa bis zur Nacht,
so dass mir oft die Schwarte kracht.
Und danach steh ich am Ofen,
Nachtmahl kochen, und dann pofen.
Schuften, bis man nimmer kann.
Wann fängt endlich Leben an?
Da war, nach Reinkarnation,
ich ein Kamel wohl lange schon!

Politiker sind feine Leut’.
Hab’n die kein Geld im Säckel heut,
fällt ihnen nichts and’res ein,
als: Ihr müsst’s länger fleißig sein.
Als läg bei uns allen der Grund,
als wär’n wir schuld am Schuldenschlund.
Drum, Rentenalter rasch anheben.
Was haben wir dann noch vom Leben?

So haben sich über die Zeit
ganz falsche Zahl’n von selbst verbreit’.
Was machen die paar Jahr’ schon aus?
Dafür kommt wieder Geld ins Haus.

Zwar nicht bei uns, vielleicht bei denen,
Dienstwagen bloß zu erwähnen.
Fahren froh durchs ganze Land,
krieg’n zehnfach mehr auf ihre Hand,
als man sonst für die Arbeit kriegt.
Möglich, dass man uns belügt?

Die Idee aus schlauen Köpfen,
Rentner wären leicht zu schröpfen!
Im Wissen, wo die Mäuse nisten,
den Zaster hol von Pensionisten.

Ich hab einmal einen gekannt,
für alle sei der stets gerannt.
Nachdem er sagt, auch für die Kleinen,
bin ich erwacht. Es ist zum Weinen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 25117