Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Schüttler 2025

Ihre Schüttler sind herzlich willkommen: redaktion@verdichtet.at

Woche 52: Vor den Feiertagen
wird’s im Weihnachtsland dichter
und im Geschäft beim Tand lichter.
(Carmen Rosina)

Woche 51: Biersommelier bei der Analyse
The stout ending
was outstanding.
(Christoph Kempter)

Woche 50: Tierische Erkenntnis
Es gibt gar keinen schwarzen Wein,
vermeldet laut das Warzenschwein.
(Christoph Kempter)

Woche 49: Wunschvorstellung
Er träumt von der Ex sehnlich,
intensiv und sexähnlich.
(Christoph Kempter und Carmen Rosina)

Woche 48: Straßenbaufehler
Wenn ich hier beim Planen patz’,
wird daraus ein Pannenplatz.
(Carmen Rosina)

Woche 47: Zum Schreiben seiner Songs
nahm Bob Dylan
top Pillen.
(Christoph Kempter)

Woche 46: Zwei Tüftler am Werk, letzterer abgeklärt
„Ich glaub fast, du hast es bald!“
„Wenn es passt, dann passt es halt.“
(Carmen Rosina)

Woche 45: Das Magermodel beim Fotoshooting
Ich seh den Bauchlosen
mit Lauch posen.
(Christoph Kempter)

Woche 44: Folgenschwere Verkostung
Nach dem letzten Probeessen
muss den Bund ich obepressen.
(Carmen Rosina)

Woche 43: Der lyrische Handwerker im Selbstgespräch
Während noch das Dach er maß,
sprach er leis: „Nun mach er das.“
(Carmen Rosina)

Woche 42: Dakar
Ich war in der Hauptstadt,
wo es viel g’staubt hat.
(Christoph Kempter)

Woche 41: Das Video setzte sich nicht durch
Es gewann der virale
Rivale.
(Christoph Kempter)

Woche 40: Ausrede des Gourmetkaters
Dass ich nach den Meisen angel,
liegt allein am Eisenmangel.
(Christoph Kempter)

Woche 39: Spot on
Wart, bis ich die Lampen richt,
dann stehst du schön im Rampenlicht.
(Christoph Kempter)

Woche 38: Mafiöse Analyse
Er sagt dem Paten: „Das is
unsere Datenbasis.“
(Christoph Kempter)

Woche 37: Hitzige Debatte
Der Ton wurde da rau,
es grenzte an Radau.
(Carmen Rosina)

Woche 36: Kulinarisch versiert
Der Kater sagt im Sheba-Laden,
es könne niemals Leber schaden.
(Christoph Kempter)

Woche 35: Genug gebaggert
Wenn ich mich jetzt ins Beisl hau,
wird’s nichts mit dem Häuslbau.
(Christoph Kempter)

Woche 34: Engländer in der Konditorei
Öffnet eure Schnalle, Briten!
Dort vorne gibt es pralle Schnitten.
(Christoph Kempter)

Woche 33: Urlaub in Kanada
Der Holzfäller fragt die Touristen, ob sie über wilde Bären
eh im Bilde wären.
(Christoph Kempter)

Woche 32: Zu viele Nacktschnecken …
Es kam der Tag, als die Laufenten
sich auflehnten.
(Carmen Rosina)

Woche 31: Nachtaktiver Kater
Treibt’s der Mutz bunter,
dann bin ich putzmunter.
(Christoph Kempter)

Woche 30: Der Vollkornbäcker zum Koch
Schmeiß a Korn
in Kaiserschmorn!
(Christoph Kempter)

Woche 29: Cooler Feuchttücherdiebstahl
Ich hab mich mit dem Wisch erfrischt,
dabei wurd ich frisch erwischt.
(Christoph Kempter)

Woche 28: Abflug
Die Fliegen, die am Floß liegen,
könnten schon mal losfliegen.
(Christoph Kempter)

Woche 27: Falscher Verdacht
Schmuggel hat der Zoll erwogen,
doch dafür ist sie zu wohlerzogen.
(Christoph Kempter)

Woche 26: Essen im Grünen
Nur im Garten leuchtet Dill greller
als am Grillteller.
(Christoph Kempter)

Woche 25: Bayrischer Segler
Es kunnt des Meer ned rauer sei,
des is a echte Sauerei!
(Christoph Kempter)

Woche 24: Untalentierter Koch
Es schmeckte auch die Pasta mies,
das Essen war kein Masterpiece.
(Christoph Kempter)

Woche 23: Seemannsfrust
Wie der heute spinnt, der Kiel!
Das Steuern ist kein Kinderspiel.
(Christoph Kempter)

Woche 22: Unleistbare USA
Erspar mir doch den Zollfight:
Ich arbeit eh schon Vollzeit!
(Christoph Kempter)

Woche 21: Truthennen im Rampenlicht
Was für jede Pute gilt:
Auf Insta zählt das gute Bild.
(Christoph Kempter)

Woche 20: Liebe geht durch den Magen
Isst du beim Date von Tinder Quiche,
sitzt bald wer am Kindertisch.
(Christoph Kempter)

Woche 19: Eltern beim Einkauf, gedankenverloren
Vergessen sie den Pizzakäs,
sind daheim die Kids a bes.
(Christoph Kempter)

Woche 18: Jäger auf Abwegen, mit dem Mofa unterwegs in die Wachau
Anstatt zur Pirsch glühte
er zur Kirschblüte.
(Christoph Kempter)

Woche 17: Der Inseljunggeselle
Toni ist der Eilandfreier
und brät am Strand die Freilandeier.
(Christoph Kempter)

Woche 16: Er schnupperte am Spinat
Das waren seine gesunden
Sekunden.
(Christoph Kempter)

Woche 15: Die Politikerin
Sie war eine ehrliche Haut
und bugsierte sich ins herrliche Out.
(Christoph Kempter)

Woche 14: Märzenswunsch
Es kündigt an der Frost der Iden
hoffentlich den Osterfrieden.
(Christoph Kempter)

Woche 13: Kirchenflohmarkt
Lass uns schnell zum Küster laufen
und dort einen Lüster kaufen!
(Carmen Rosina)

Woche 12: Der Eiszapfen erwacht
Wenn ich schon beim Gähnen tau,
wird’s Frühling bald im Tennengau.
(Christoph Kempter)

Woche 11: Lehrerin in der Baumschule
„Was ist los?
Ast, lies wos!“
(Christoph Kempter)

Woche 10: 0,0 Promille
Wenn i mit meim Roller kum,
trinke ich kein Cola-Rum.
(Christoph Kempter)

Woche 9: Müde Fische sind …
schwimmarm
im Schwarm.
(Carmen Rosina)

Woche 8: Urlaubsgedanken
„Und was hat dein Tag gebracht?“
„Ich hab nur an Prag gedacht.“
(Christoph Kempter)

Woche 7: Gravity
Astronauten verzichten auf irdisches Schwere-Leben,
indem sie in der Leere schweben.
(Christoph Kempter)

Woche 6: Bettruhe
Ich sing heut ein paar Wiegenlieder.
Schau, die Kinder liegen wieder.
(Christoph Kempter)

Woche 5: Speckmadentrauma
Wenn ich mich durch die Quiche fräse,
treff ich nur auf Frischkäse.
(Christoph Kempter)

Woche 4: Mittelalterlicher Jahrmarkt
Sie lesen aus dem Handteller
und wollen für den Tand Heller!
(Carmen Rosina)

Woche 3: Arme Vegetarier
Zum Essen wird es Äste geben.
Für die Gäste eben.
(Christoph Kempter)

Woche 2: Daneben
Ich werd’ den armen Stockschützen
Dann bei seinem Schock stützen.
(Christoph Kempter)

Woche 1: Halluzinogen
Wow, sind diese Schnösel breit!
Sie glauben, dass es Brösel schneit.
(Carmen Rosina)

Ecce Homo

Ach Gott, es bleibt für immer sichtbar,
grässlich sieht das manchmal aus.
Und es ist durch nichts vernichtbar,
schon gar nicht durch: Radier das aus!

Verdeckt das Ding den Leberfleck,
erschwert es bloß die Diagnose.
Durch Beten geht es auch nicht weg
und tarnt sich frech als Dermatose.

Es bleibt, auch wenn du es nicht willst,
auf ewig an dir kleben.
Auch wenn du es mit Feuer grillst,
es ist deins, so wie das Leben.

In Mode ist der alte Brauch,
von Grönland bis zum Feuerland.
Auf Arm und Kopf, bis hin zum Bauch.
auf Fuß, und Rücken und der Hand.

Klassisch oft, als Herz und Adler,
mal ist ein Anker mit dabei.
Ein Segelschiff, nicht aber Paddler,
symbolisiert den Traum von frei.

Mutig stach sich einst der Ritter,
zum Schutz ein Kreuz tief in sein Fell.
Und dacht’, im Morgenland wär’s bitter,
stürbe man dort und käm in d’Höll.

Was aber ficht die Jungen heut’,
sich derart zu malträtieren?
Tattoos, und Piercings, is’das g’scheit,
damit den Body auffrisieren?

Der eine sieht als Kunstwerk sich,
der and’re tut’s aus Mode.
Als Ausdruck, schaut, das bin ja ich!
Oder spirituell? Aus Angst vorm Tode?

Der Seemann hat es und der Rocker,
der Punk und auch die Punkerin.
Das alles reißt mich nicht vom Hocker,
weil ich dageg’n allergisch bin.

Auch aus Protest, das wäre möglich.
Als Ausdruck gegen das Normierte.
Doch manches zeigt sich oftmals kläglich,
was schlecht geplant, nur wohl passierte.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 25197

Die kleine Stadt an der Moldau

Eines Tages las ich von der früheren jüdischen Gemeinde in dem kleinen Ort Rosenberg – tschechisch Rožmberk –, der idyllisch an der Moldau liegt, überragt von der Burg. Bald darauf fuhr ich mit dem Auto hin. Ich nahm Elsbeth mit, die auch daran interessiert war, den Ort und den kleinen jüdischen Friedhof kennen­zulernen. Sie ist eine zarte Frau, die den Eindruck erweckt, als wäre sie aus Papier oder einem anderen Leicht­stoff und als könnte sie schon ein sanfter Hauch davonschweben lassen. Wenn es darauf an­kommt, kann sie allerdings ziemlich hartnäckig, fast widerspenstig sein. Dann schmollt sie lange.

Hat man die Eichenalleen an der Moldau erreicht, wird die Fahrt nach Ro­senberg romantisch, wie über­haupt die Fahrt bis Krumau. Smetana klingt im Ohr, und die Wellen der Moldau scheinen sich nach seiner Leitmelodie und deren Rhythmus zu bewegen. Die an­gesichts des kleinen Ortes große Burg Rosenberg übt eine fast autoritäre Dominanz aus. Der Ort selbst scheint ausgestorben und menschenleer bis auf Autos, die nach Krumau weiter­fahren, und Radfahrer, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor allem aus Österreich und Deutsch­land in ihren Taucheranzü­gen ähnelnden Bekleidungen über die Straßen fe­gen. Sonst sieht man dort nur we­nige Menschen, Einheimische scheinen sich kaum blicken zu las­sen, sie bleiben in ihren Häu­sern und kleinen Gärten. Und in der Moldau bewegen sich die Paddelboote, Rafter und Ka­jakfahrer.

Der Friedhof liegt links neben der Straße in Richtung Krumau, etwas nach Ro­senberg, und er fällt, wenn man ohne Kenntnis vorbeifährt, gewiss niemandem auf. Oberhalb des Friedhofs konnte ich parken, und ich wunderte mich, dass dort ein Auto stand, hatte ich doch Elsbeth und mich für die einzigen interessierten Besucher gehalten. Wir konn­ten von oben auf den Friedhof schauen und sahen einen Mann, korpulent und nicht sehr groß, mit einer Kappe oder einer Schirmmütze, keiner Kippa – aber vielleicht diente sie als Kippaersatz –, eine alte Frau und zwei Kinder, auf die der Friedhof of­fensicht­lich keinen Eindruck als Ort des Innehaltens oder der Besinnung machte. Sie lie­fen herum und spielten Fangen. Der Mann mahnte sie mehrmals laut zur Ruhe, seine Sprache ver­stand ich nicht, erkannte aber, dass es weder Deutsch noch Englisch war.

Elsbeth und ich betraten den Friedhof und waren gleich bei der Gruppe, so klein ist das Gelände, vielleicht dreißig mal dreißig Meter, nicht viel mehr. Wir kamen ins Gespräch, der Mann sprach eng­lisch mit uns. Wir stellten uns vor. Er heiße Charlie Kalech, sagte der Mann, und die Frau an seiner Seite sei seine Mutter, die seit einigen Jahren in Kalifornien lebe, ursprünglich aber aus dieser Gegend komme. Charlie setzte fort, er lebe mit seiner Familie in Israel, und die beiden Kin­der, die keine Ruhe gäben, seien seine Söhne. Die beiden sprächen Hebrä­isch, das heutige Alltagshebräisch oder Neu­heb­räisch, das man in Israel spreche, Ivrit heiße es.

Jetzt war mir klar, warum mir die Wörter, die ich bei unserer Annäherung gehört hatte, fremd gewesen waren. In der Schule lernten seine Söhne Englisch, sagte Charlie. Viel­leicht lasse er sie Deutsch lernen, die Sprache ihrer Großmutter, seiner Mutter. Was ihn hier­her führe, fragte ich ihn. Das Grab, vor dem er stehe, sagte Charlie Kalech, trage den Na­men Holzbauer, und so habe seine Mutter mit ihrem Mädchennamen geheißen. Ihre und somit seine Vorfahren seien hier begraben. Mir war der Name Holzbauer, der einen kaum an einen jüdischen Zusammenhang denken ließ und an mehreren Grabsteinen zu lesen war, gleich aufge­fallen, zumal einige mit mir befreundete Leute die­sen Namen tragen, ohne jüdi­scher Her­kunft zu sein, zu­mindest nicht meines Wissens. Seine Mutter, setzte Charlie fort, sei zur Zeit des Ein­marsches der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei ein Mädchen von etwa zehn Jah­ren gewesen. Sie stamme aus Oberhaid, dem tschechischen Horní Dvořiště, und habe mit ihrer Familie flüchten müssen, besser gesagt, sie hätten gerade noch flüchten können. Sie landete schließlich in New Jersey, arbeitete als Haushaltshilfe, lernte ihren Mann kennen, den sie bald heiratete.

Die alte Frau, die einen sehr rüstigen Eindruck machte, sprach – falls sie Charlie zu Wort kommen ließ – noch ungebrochen Deutsch mit uns, sie sprach ein paar Brocken des deutschen Dialekts, den vielleicht einige sehr alte Leute Südböhmens noch heute beherrschen und mit dem es wohl die eine oder andere Überschneidung im nördlichen Mühlviertel gibt, kaum mit Ak­zent. Über ein paar ihrer Wendungen, an die sie sich erinnerte, lachten wir, zum Großteil aber spra­chen wir englisch, damit Charlie folgen konnte. Einmal im Jahr, meist im Sommer, komme sie hierher in die Gegend ihrer Herkunft, sagte Charlies Mutter, immer mit ihrem Sohn, sie besuche den Friedhof, wo ihre Vorfahren liegen, und ihren Geburtsort Oberhaid, den sie habe verlassen müssen. Diesmal hätten sie ihre Enkel mitgenommen, deren Inter­esse an der Historie, nicht nur an der genealogischen, mit Si­cherheit noch erwa­chen werde, wenn sie erwachsen und erst recht, wenn sie älter seien. Char­lie hinge­gen habe immer – schon in den Vereinigten Staaten, später in Israel – großes Interesse an der Familiengeschichte und an der Geschichte dieser Gegend gezeigt. Ihr Mann, Charlies Vater, sei vor einigen Jahren gestorben. So habe sie die Grausamkeit der Ge­schichte in die Vereinigten Staaten versetzt und ei­ner Welt entrissen, die sie, wären die Zeiten ruhig verlaufen, wohl kaum verlassen hätte.

Charlie sei in New Jer­sey zur Schule ge­gangen, habe in New York studiert, dann habe er ein zionisti­sches Bewusstsein entwi­ckelt. Nein, das habe er schon früher gehabt, aber nach dem Studium habe er es umge­setzt und sei nach Israel gegangen, wo er in Jerusalem eine Inter­netfirma aufgebaut habe, etwas, wovon sie gar nichts verstehe. Dazu sei sie zu alt. Charlie sei ein gemachter Mann, man könne sagen, er sei reich, sagte die Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes sei sie von New Jersey nach Kalifornien gezogen, wegen des milderen Klimas.

Die Kinder hielten mit dem Herumlaufen inne, unser Kommen hatte ihre Neugier geweckt und sie hatten sich zu uns gesellt, vielleicht konnten sie einige Wörter der Unterhaltung in englischer Sprache verstehen. Charlie fragte mich, warum wir den kleinen jüdischen Friedhof besuchten. Elsbeth schwieg, nicht so sehr wegen ihrer Schüchternheit, sondern weil sie kaum englisch sprechen konnte und gesprochenes Englisch nicht verstand.

Ich setzte Charlie die Gründe unseres Interesses auseinander, etwa meines an der Geschichte der Familie und der Firma Spitz, die – in Linz gegründet – zu einem weltweit bekannten Unternehmen für Getränke und Lebensmittel geworden war. Und die Geschehnisse im Nationalsozialismus bedürften immer noch einer Aufarbeitung, da es kaum eine Region gebe, die nicht kontaminiert sei. Dieses Interesse, das ich mit Elsbeth teile, habe mich einer verschwundenen, einer ausgelöschten Welt nahegebracht. Dabei stoße man, wenn man sich im regionalen Bereich bewege, unweiger­lich auf Rosenberg, auf den kleinen Friedhof und Reste ei­nes älteren im Ort, den ich noch nicht kenne.

Charlie fragte mich, ob ich ihm Informationen zum Judentum in Südböhmen und Linz zukommen lassen könne. Er gab mir eine Visitenkarte mit seiner E-Mail-Adresse. Die Visitenkarte bestätigte, dass Charlie ein Unternehmen für Internet-Services in Israel hatte, in Jeru­salem genauer gesagt. Später recherchierte ich im Inter­net und fand den Auftritt von Charlies Firma.


Charlies Söhne hatten ihre Neugier an den fremden Personen längst gestillt, Charlie oder seine Mutter mussten sie wieder regelmäßig ermahnen, sich der Würde des Ortes gemäß zu betragen. Das hatte kurze Zeit Erfolg, dann liefen sie wieder lär­mend umher. Schließlich verabschiedeten wir uns, und ich versicherte Charlie, ihm Informationen zu schicken.

Ich fuhr mit Elsbeth nach Rosenberg zurück. Wir spazierten in dem kleinen Ort, der von der Burg und der Straße nach Krumau dominiert wird und verlassen und trist wirkte. Nur selten ließ sich ein Auto sehen, auch die Radfahrer hielten sich zurück. Parallel zur Straße nach Krumau, aber höher gelegen, verlief eine Gasse, der entlang früher ein kleiner jüdi­scher Bereich lag, und in einem Garten erkannte man einige Relikte jüdischer Gräber. Als wir auf den zentralen Platz zurückkehrten, sahen wir in einiger Entfernung Charlie Kalech, wie er sich, sprachlich unterstützt von seiner Mutter, mit jemandem an der Haustür unterhielt. Die Mutter konnte neben Deutsch wahrscheinlich noch ein paar Brocken Tschechisch, wahrscheinlich genug, um die Kommunikation ihres Sohnes mit den Einheimischen zu unterstützen.

Einige Tage nach meiner Rückkehr schickte ich Charlie via E-Mail mehrere Hinweise und Dokumente und wies ihn auf einen Historiker der Universität Linz hin, Michael John, der sich unter anderem mit jüdischer Geschichte befasste, etwa mit Enteignungen, Arisierungen und Restitutionsfragen. Charlie antwortete mir, einige Ge­schäftsleute, die er kenne und die ihre Wurzeln in Rosenberg und der weiteren Umge­bung hätten, wollten der Geschichte des Dorfes intensiver nachgehen, im Besonderen der jüdischen. Eine Veröffentlichung sei geplant. Erfahren habe ich darüber nichts, aber vielleicht kommt noch etwas, falls Charlie Zeit dafür findet und nicht vergisst. Wenn ich zu lange warten muss, erinnere ich ihn.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25198

Das Verschwinden der schönen Rose

 

1480 – 1990
Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende

Es fing recht banal an: Giorgione Faltrelli di Montemarche erwachte ungewohnt schweißgebadet und setzte sich mit einem Ruck auf, so dass der Baldachin über seinem Kopf erzitterte und das Holzgestell seiner Schlafstätte unversehens ächzte. Der Weg vom Liegen zum Sitzen war nicht weit gewesen, die damals üblichen Polsterberge hatten ihn ohnedies in Steillage schlafen lassen. Ihm hatte von grauen, moosüberwachsenen Ruinen geträumt, die sich im zähem, mahlendem Zeitstrom den schroffen Felsformationen der Gebirgszüge des Monte Falterona angeglichen hatten. Dieses Gebirgsmassiv bot seiner Stammburg Rückendeckung, welche sich zwischen dem Berg und dem Casentiner Tal befand und von durchaus dichten Kastanienwäldern umringt war. Bestürzt erkannte er in den Ruinen die Überreste seines ehemals praktisch unzerstörbaren Heims, welches schon gut seit Generationen Angriffen, Erdbeben und Unwettern getrotzt hatte. Auf einer Felserhebung, an die sich vereinzelt ein paar zähe Büsche klammerten, hatte sich bis zu jenem fatalen Traum sein Bergfried schier unverwüstlich aufgetürmt!

Giorgione, Sohn des ehrenwerten Conte Nicolo Faltrelli, war eben der Jugend entwachsen (die in seiner Epoche bloß eineinhalb Jahrzehnte währte), ein hübscher kräftiger junger Mann mit rötlich braunen, sauber geschnittenen Haaren. Der heftige Traum jedoch hatte zur Folge gehabt, dass sein Haupthaar mehr einem von Hagel verwüstetem Feld als dem akkuraten Pagenkopf eines toskanischen Edelmannes seiner Zeit, des ausgehenden Quattrocento, glich.

Jenseits des Rundbogenfensters seines Schlafgemaches dämmerte es und die Vögel zwitscherten um die Wette den Frühlingshimmel an. Als es an der kräftig gemaserten Nussholztür klopfte, strich er sein wadenlanges weißes Leinenhemd vorsorglich glatt. Als angehender Ritter, allerdings einer der letzten seiner Art, befolgte er die ihm gebotenen Anstandsregeln, sich keine Blößen zu geben.

Seine in die Jahre gekommene Amme, deren Rundungen die beinahe verflossenen drei Lebensjahrzehnte besonders aus ihrem Mondgesicht plätteten, betrat schlurfend, in einem sauberen, steifen, selbstzufrieden knisternden braunen Kittel mit einer Kanne und einem Becher in der Hand das Schlafgemach des jungen Adeligen.

„Guten Morgen mein Herr“, schnarrte sie, „Eure kuhwarme Milch. Vergesst mir nicht, wie Euer Herr Vater aufgetragen, euch ansehnlich herzurichten.“ Dann kicherte sie verschämt. „Seine Durchlaucht Ivo di Selvascuro ist mit seinem Töchterchen eingetroffen. Ein properes Ding. Hihi!“ Sie zog ihre rundlichen Schultern hoch und erglühte unter ihrer Dienstbotenhaube.

Giorgione räusperte sich, was wie eine ungeschmierte Wagendeichsel klang, und winkte schlaff ab. „Schon gut, schon gut.“

Die Amme verstand und machte sich im Rückwärtsgang fort.

„Cara Mamma Cibo, es langweilt mich“, murmelte er der Verschwundenen nach. Was er wohl mit der dreizehnjährigen kleinen Selvascuro anfangen solle? Wahrscheinlich könne sie leidlich sticken, etwas lesen und schreiben, aber: Mit dieser unbekannten Lebensform zu kommunizieren, und dass er so ein fragiles Wesen auf seine geliebten Jagden mitnehmen könne, konnte er sich nicht vorstellen.

Natürlich war der Besuch aus dem Piemont mehr als ein Anstandsbesuch. Er war zum Zwecke der Begutachtung, nein, der Bekanntmachung der Tochter des Hauses als Heiratskandidatin. Da beide Familien befreundet waren und man sonst keine Grafschaft mit Eheschließungsbedarf berücksichtigen musste, war wohl die kleine Bellarosa fix für Giorgione vorgesehen.

Giorgiones Mutter mit dem schönen Namen Viola war geradezu aus dem Häuschen gewesen, dass ihr Sohn sich mit den durchaus vermögenden Selvascuros verbinden sollte. Immerhin war Bellarosas Mutter Sofia ihre Kusine, welche eigentlich aus bäuerlichen Verhältnissen aus dem Val Pellice stammte, allerdings war dort die Landbevölkerung seit Jahrhunderten sowohl mächtig als auch finanzkräftig gewesen und hatte es sogar zur Herrschaft über eine eigene Bauernrepublik gebracht.

Auf der Apenninenhalbinsel war es gerade en vogue, sich Güter und bestenfalls sogar Stadtherrschaften per Verschwägerung einzuverleiben.

Als sich der junge Ehekandidat im Rittersaal einfand, erwarteten ihn seine Eltern an der langen dunklen Eichentafel ungewöhnlich würdevoll, jedoch vom aufsteigenden Geruch aus den Rüstkammern, einer Mischung aus Ammoniak und Schweinefett, umweht. Wenigstens wussten sie die prächtigen Plattenpanzer berühmter toskanischer Machart zu Ehren von Bellarosas Papa, einem Condottiere, mit abgestandenem Urin und Sand geputzt und mit Fett eingelassen und aufpoliert. Geeichte Jungneuzeit-Nasen störte sowas wenig. Die Vögelchen aus Zypern, wie man das beliebteste Parfum der Städter nannte, hatten hier keine Einflugschneise genommen und wurden auch gar nicht vermisst. Sie wären ohnedies vom Rußgeruch, welcher zwei Eisenkandelaber und einen Kronleuchter umwehte, gefressen worden.

Giorgiones Vater war wie immer recht einfach und geradezu farblos gekleidet, allerdings mit einer schweren Silberkette behangen und an den Händen prächtigst beringt, seine Mutter hatte eine ausladende Tracht aus Samt und Seide angelegt, was er ziemlich übertrieben fand. Der Sohn hatte sich an seinen Vater gehalten und sich nach einer raschen Waschung in ein braunes Wams mit engen Beinkleidern geworfen.

Conte Nicolo mochte den Repräsentationsdrang seiner Frau Viola bei derlei Treffen gerne missen, aber die Sitten der Zeit verlangten, dass man sich als Familie offiziellen Besuchern entsprechend adjustiert präsentierte, selbst wenn sie zur Verwandtschaft zählten.

Die bereits von den Reisestrapazen erholten und entsprechend restaurierten Gäste konnten beim Eintreffen durchaus beeindrucken. An der anderen Seite der Tafel ließ sich der düster gewandete Ivo auf dem Ehrenplatz, einem dunklen, reichlich verzierten Eichenstuhl, mit seiner ganzen Gewichtigkeit nieder. Neben seinen ausladenden schwarzen Puffärmeln ging ein kleines, recht lebendiges Püppchen, seine Tochter mit rundlichem Gesichtchen, rosa Wangen und unter einer weißen Mädchenhaube herausquellenden kastanienfarbenen Haarzöpfen beinahe unter, obwohl ihre Zofe sie in ein leuchtend grünes Kleidchen aus Samt und Zendal aus Lucca gesteckt hatte. Die doch eher beschwerliche Reise, die auch durch dichte und nicht ungefährliche Wälder führte, hatte Mama Sofia di Selvascuro vermieden, zumal sie ihre Residenz, das Castel Solelonghi in der Nähe von Asti, persönlich in Schuss halten hatte wollen.

Man sah der Kleinen an, dass sie sich Besseres gewusst hätte, als eine lange beschwerliche Reise zu Pferd anzutreten, um als Verschwägerungspfand feil gehalten zu werden. Ihre braunen Knopfaugen blickten starr geradeaus. Ihren potenziellen Verlobten würdigte sie keines Blickes.

Alle saßen etwas steif an der Tafel. Das schwache Licht, das durch die nicht verhangene obere Fensteröffnung fiel, trug nichts zur Aufheiterung dieser Szene bei. Der Austausch der Höflichkeiten begann entsprechend steif: „Welch eine Freude, Euch so wohlbehalten anzutreffen. Wir hätten es uns nicht verziehen, wenn wir nicht trotz des jugendlichen Alters unserer Kleinen den Weg gescheut hätten. Dass sich unsere Nachkommen recht bald kennenlernen, kann für später nicht schaden.“

„Dass Ihr solch eine zarte Knospe dieser Reise ausgesetzt habt, zeugt von Eurer Freundschaft zu uns“, antwortete der Gastgeber. Ganz geheuer war dem alten Faltrelli di Montemarche nicht dabei, denn derlei Stilblüten pflegte ihm seine Gattin einzuflüstern, die bei derartigen Anlässen das Reden dem Hausherrn zu überlassen hatte. Er drehte sich zu Giorgione. Der machte ein unbeteiligtes Gesicht.

Unter Cinquecento-Teenagern gab es keinen unbefangenen Umgang. Bis zur eigentlichen Hochzeit würde man zu beider Erleichterung noch zuwarten; verbindlich beschlossen war sie ja. Zu baldige Ehearrangements für Kindsvolk waren zwar im ausgehenden 15. Jahrhundert bereits verpönt, doch gewisse Ewiggestrige, und dazu zählten die Selvascuros, ignorierten, was gewinnbringenden Interessen im Weg stand.

Giorgione überließ gelangweilt seine Mimik der Schwerkraft und Bellarosa schien müde zu sein. Anders konnten ihre gesenkten Lider nicht gedeutet werden, war sie doch zu jung, um ihre Augen mit Arroganz zu beschatten.

Ein herrlicher, mit Kastanien garnierter Wildschweinbraten beendete den Austausch von Floskeln. Nicolo lauschte den nun wieder vernehmbaren Geräuschen von in der Festung ein und ausgehenden Menschen mit Genugtuung, klangen sie doch nach präsentabler Geschäftigkeit. Im Nu entspannten sich wirklich alle und langten heiter zu. Ivo mit ausladender Geste, Viola zwar mit spitzen, aber lustvoll bebenden Fingern, und Bellarosa schien Spaß zu haben, ihre Schwiegermutter in spe zu imitieren.

Der Gastgeber stellte einen Ausritt für den nächsten Tag in Aussicht, um seinen Besitz den Besuchern zu zeigen. Obstgärten und Felder sowie ein Forst wollten im Verlauf eines Halbtagesrittes präsentiert werden, Fasane oder gar ein Damwild waren fürs nächste Bankett mit eingeplant.

Der folgende Morgen hatte an diesem Maientag mit ungewöhnlich warmen Temperaturen aufgewartet. Der Hausherr stellte seinen Gästen die besten Reittiere zur Verfügung. Alle Vorzeichen schienen selbst für als abergläubisch geltende Toskaner hervorragend. Pflanzengrün und Blütenfarben leuchteten miteinander um die Wette. Amseln und Stare unterhielten sich angeregt und ließen sich auch nicht von der lebhaften Reitgesellschaft unterbrechen. Giorgione, Niccolo, Ivo und sogar Bellarosa ritten mit zwei Leuten Gefolge einen Pfad, der in den Felshang geschlagen worden war, hinab. In den Hufschlag der Reittiere mischte sich leises Rauschen vom nahen Bach und Klatschen von Holzpaddeln auf nasse Wäsche. Giorgione musste anerkennen, dass sich Bellarosa im Seitensitz prächtig auf ihrem Zelter hielt. Ein recht steiles Stück musste nun von den nickenden, tapsenden, aber selten stolpernden Rössern überwunden werden, doch bald verlief sich das Gestein in einer buckligen Grasfläche, die ihren Platz erfolgreich gegen Fels und Baum behauptet hatte.

Das Versprechen, einen beschaulichen Ritt genießen zu können, wurde jäh durchkreuzt, als ein unerwarteter Blitz zischend über den Himmel raste. Eben noch durch Baumkronen blitzendes Blau wich zusehends rasenden, finsteren Wolken. Die Reiter legten ihre Schenkel dichter an die Flanken ihrer Rösser und versicherten sich ihrer Zügel. Die Reittiere verdrehten Augen und Ohren, vergeblich nach der Gefahrenquelle und gleichzeitig nach einem Fluchtweg suchend. Die Luft roch fremd, süßlich und schwer, das Himmelsdunkel verdüsterte und erhellte sich zusehends im Stakkato.

Gastgeber Niccolo offerierte eine Jagdhütte in der Nähe. „Da finden wir Zuflucht.“ Ivo verriet mit keiner Miene, dass er trotz seiner Militärkarriere abergläubischer war als der furchtsamste Toskaner, atmete aber sichtbar auf. Giorgione blieb jugendlich lässig, während Bellarosas Köpfchen aufflammte. Ihre Miene zeigte nicht, ob sie sich erschreckt hatte. Schon zausten Windböen die Pferdemähnen und fuhren in die stoffreichen Wämser mit den gestopften Ärmeln. Haare standen ob der geladenen Luft zu Berge und das Reitkleid der Kleinen blähte sich so mächtig auf, dass ihr Vater sich sorgte, sie würde demnächst vom Pferd segeln. Dann donnerte es und darauf folgte der erste heftige Regenguss.

Der sonst so sanfte und etwas träge Zelter Bellarosas scheute, gegen sein phlegmatisches Naturell, äußerst heftig und ging durch. Giorgione riss seinen Rappen unverzüglich herum, dass Wasser aus Mähne und Schweif spritzte und folgte ihr Richtung Wald. Er galoppierte mit aller Kraft; einer der Männer vom Gefolge, der sich ihm an die Fersen geheftet hatte, um ihm beizustehen, kam nicht mehr nach und konnte nurmehr das Verhallen der feucht schmatzenden Galoppschläge auf dem Waldboden hören.

Giorgione, ein kühner, manchmal auch etwas übermütiger Reiter, holte die Fliehenden alsbald ein, bekam das schweißgebadete Pferd an den Zügeln zu fassen, die die Kleine schleifen hatte lassen, um sich an der Mähne festzuhalten.

Als sie sich umsahen, wussten beide nicht mehr, wo sie sich befanden. Sie mussten wohl im Kreis geritten sein, da das Gelände felsig anstieg, vermutete Giorgione. Immerhin fanden die Durchnässten unter einem Steinvorsprung Zuflucht.

Der Cavalliere wollte die Kleine zu sich ziehen, als sie sich dem Griff seiner Hand scheu entwand.

„Fräulein, habt Vertrauen.“

Das Mädchen riss die Augen auf und schüttelte den Kopf: „Die Masca stellt mir nach“, flüsterte sie. Giorgione überhörte zunächst den Namen, den er nicht kannte, war die Masca doch ein piemontesisches Zauberweib, das sich in allerlei Tiere verwandeln konnte. „Ich tu euch gewiss nichts anhaben. Eure Ehre ist die meine.“

„Hier können wir nicht bleiben“, drängte sie und schrie plötzlich laut auf: „Masca, Masca!“ Vor Giorgiones Nase schoss eine schwarze Krähe vorbei und verschwand im Gebüsch.

„Meint ihr etwa den Badalisco?“, fragte er nach. Der toskanische Basilisk trieb sich unten im Casentiner Tal herum, hier herauf würde er doch nicht finden. Immerhin, dieses Mischwesen aus Hahn und Schlange konnte mit seinen Blicken tödlich lähmen.

„Sagt Ihr so hier?“, murmelte sie, ihre schweren, nassen Kleider glattstreichend, während sie sich ruckartig umblickte.

„Ihr braucht schon einen triftigen Grund, warum wir uns dem Unbill des Wetters aussetzen sollen. Mir scheint, Ihr seid ein wenig eigensinnig.“

Bellarosa schwieg, während sich Starkregen über die Landschaft ergoss, unzählige Rinnsale von den Haarspitzen über Kleidung und Pferdeleiber dem Boden zustrebten und die Feuchtigkeit nun sogar begann, alles in Nebelschwaden einzuhüllen.

„Ich muss Euch wohl nötigen. Es ist zu eurem Besten.“

Er versuchte die Zügel, die er Bellarosa gelassen hatte, erneut zu ergreifen, sie aber machte mit dem massiven Ross einen Satz zur Seite und war im nächsten Moment von Gelände und Dunst verschlungen. Er jagte ihr sofort sein Pferd, das beinahe am glitschigen Stein ausglitt, nach. Doch nicht einmal das dampfende Fell ihres Reittieres war noch zu riechen.

Antonia H.

Auszug aus dem Roman „Das Verschwinden der schönen Rose. 1480–1990.
Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende“, der hoffentlich bald erscheinen wird.
Wir danken der Autorin für die Möglichkeit der Vorveröffentlichung
und reichen die Bestelldaten nach, wenn das Werk erschienen ist.

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 25195

Kinder aus Sternenstaub

hinabschauend auf die Lichternester
die unsere Städte sind
enthüllt der Satellitenblick
wir sind eine Rasse von vielen
aber es gibt auch viel Dunkelheit

im „Outback“ stehend
zwischen einem Meteoritenkrater
und dem Kings Canyon
lehren uns das Kreuz des Südens
und all seine funkelnden Freunde
wie unbedeutend wir
Kinder aus Sternenstaub sind



Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25193

Der kleine Mann

Komme ich zurück in meine kleine Wohnung, sieht es dort so aus, wie ich sie verlassen habe. Ich wohne alleine, und niemand hat einen Schlüssel, so kann sich nie etwas in ihr verändert haben. Das Internet auf meinem Desktop-Computer bringt mir die digitale Welt nachhause, aber eben nur die digitale, nicht die echte.

Bin ich unterwegs und komme, was selten genug geschieht, mit einer netten Frau zum Plaudern, begleitet sie mich nicht, weil ich wenig anzubieten habe, kein Geld, keine Güter, kein gutes Aussehen, und ich bringe sie auch nicht zum Lachen. An mir ist nichts Interessantes. Ich bin ein kleiner Mann und führe ein kleines Leben.

Der Mann auf dem Ausleger des Krans auf der PORR-Baustelle in Krumpendorf am 1. Juni 2022
Der Mann auf dem Ausleger des Krans auf der PORR-Baustelle in Krumpendorf am 1. Juni 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 25192

 

Archiv August 2025

30.8.25: Claudia Dvoracek-Iby: Schatzkisten
30.8.25: Frank Joussen: Das Lächeln des Delfins
30.8.25: Bernd Watzka: Mutmaßungen über den Sex von Rehen
30.8.25: Norbert Johannes Prenner: Die Krise
30.8.25: Johannes Tosin: In der Vergangenheit
23.8.25: Frank Joussen: Eine Gestalt aus dem Schatten
23.8.25: Norbert Johannes Prenner: Das Meer
23.8.25: Bernd Watzka: Der gemeine Streuner
23.8.25: Irmgard Tosin und Johannes Tosin: Hildegard und Alex
23.8.25: Norbert Johannes Prenner: Schnitter Tod
23.8.25: Michael Bauer: Die „feinen Leute“
16.8.25: Claudia Dvoracek-Iby: FRIENDS NOT FOOD
16.8.25: Frank Joussen: Eine andere Perspektive
16.8.25: Norbert Johannes Prenner: Das E-Bike
16.8.25: Bernd Watzka: Uhu
16.8.25: Annamaria Bortoletto: Ansichten eines Sonnenschirms
16.8.25: Norbert Johannes Prenner: Plingpling
16.8.25: Johannes Tosin: Gegenweiß
16.8.25: Dario Schrittweise: Nur ein kleiner Tropfen
8.8.25: Bernd Watzka: Die Asiatische Tigermücke
8.8.25: Norbert Johannes Prenner: Und das wäre?
8.8.25: Johannes Tosin: Transit
3.8.25: Bernd Watzka: Ein Strauß namens Johann
3.8.25: Norbert Johannes Prenner: Stadtluft macht frei
3.8.25: Johannes Tosin: Jede Sekunde
3.8.25: Norbert Johannes Prenner: Heimat, fremde Heimat

Das Lächeln des Delfins

um dein Lächeln zu verstehen
junge Holikin
Tochter von Holifin
muss ich den Riesenrochen kennen
und den Hieb seines Schwanzes
der direkt ins Herz trifft
wie das Messer
das den Abschiedsbrief
meiner Geliebten öffnet

auch muss ich die Haie
hier in der Bucht
von Monkey Mia sehen
und die Narben die sie
auf den Flossen deiner Mutter
hinterlassen haben
Tapferkeitsmedaillen
die sie nie wollte
für die ihr nicht
töten würdet
die euch aber
unterscheiden
von allen anderen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25194

Schatzkisten

An einem Sommertag, beim Durchqueren eines Parkes, überfällt sie mich wieder. Unerwartet wie immer. Heute wortwörtlich aus heiterem Himmel. Nach Luft ringend lasse ich mich auf die nächstbeste Bank sinken, nehme unscharf wahr, dass eine kleine, schmale Gestalt im linken Eck der Bank sitzt.

Ich atme so laut und regelmäßig wie mir möglich ein und aus, während ich panisch in meiner Handtasche meine Pillendose suche, als ich eine helle Kinderstimme links von mir fragen höre:

„Warum schnaufst du denn so komisch?“

Endlich finde ich die Dose, öffne sie mit zitternden Händen, entnehme zwei der Pillen und schlucke sie.

„Schenkst du mir auch so ein rosarotes Zuckerl?“ Schon wieder diese Kinderstimme.

Ich trinke meine kleine Wasserflasche in großen Schlucken leer, schaffe es dann, zu murmeln:

„Nein, das sind nämlich Medikamente – keine Zuckerl.“

„Bist du krank? Was hast du denn?“

„Möchtest du nicht spielen gehen?“, frage ich matt und deute mit meinem Kopf vage zu dem eingezäunten Kinderspielplatz gleich gegenüber der Bank, auf der das Kind und ich sitzen.

Es antwortet fröhlich: „Doch! Später dann.“

Ich ringe nach Luft. Wann wirken endlich die Tabletten?!

„Was hast du denn für eine Krankheit?“

„Angst“, höre ich mich nun tatsächlich ungewollt antworten, und denke, dass ‚Panikattacke‘ ein unmögliches, ein hässliches Wort ist, ein Wort, das ein Kind wohl nicht verstehen würde.

Schweigen nun im linken Bank-Eck. Dann rückt das Kind näher zu mir. Sehr nahe. Aus den Augenwinkeln sehe ich lange hellblonde Haarsträhnen, ein blaugeblümtes Kleid.

„Du hast bestimmt keine Schatzkiste bei dir, stimmt’s?“, flüstert es neben mir.

Warum quält mich ausgerechnet jetzt, in meinem miserablen Zustand, dieses nervige Kind mit lästigen Fragen?

„Hast du eine Schatzkiste in deiner Tasche?“, insistiert das Mädchen.

Erschöpft schüttle ich meinen Kopf.

„Siehst du!“, ruft es triumphierend. „Darum hast du Angst! Weil du keine Schatzkiste mithast!“

„Schau!“ Ich sehe, wie das Mädchen einen bunten Rucksack auf ihren Schoß nimmt, darin herumkramt und etwas herausnimmt. Dann hält sie mir direkt eine kleine Holzkiste vors Gesicht.

„Das ist meine Schatzkiste.“ Feierlich öffnet sie die Kiste. Ich sehe blaue Knöpfe darin. „Das sind Knöpfe von Mamis Kleid. Das Kleid hat meine Mami am allerliebsten angezogen, als ich noch in ihrem Bauch drinnen war. Meine Mami und ich haben alle Knöpfe runtergeschnitten und in die Schatzkiste gelegt. Es sind 15 Knöpfe. Mami hat gesagt, jeder von den Knöpfen ist ein Sim- Simbol dafür, wie lieb sie mich hat. Wenn ich traurig bin oder Angst habe, soll ich die Knöpfe anschauen und angreifen, dann werde ich keine Angst mehr haben und nicht mehr traurig sein. Das hat Mami gesagt.“

Zum Glück wirken die Tabletten endlich. Ich fühle mich etwas besser.

„Eine schöne Idee von deiner Mami“, sage ich.

„Ja! Und weißt du, ich habe noch andere Schatzkisten von meiner Mami zuhause. Eine mit Briefen von ihr. Die kann ich aber noch nicht lesen. Und eine mit Fotos. Und eine mit Muscheln vom Strand –“

„Deine Mami hat dich sehr lieb. Du hast großes Glück“, stoppe ich erschöpft ihren Redeschwall.

„Ja!“, lacht das Mädchen glücklich.

Dann schaut sie mich aus großen grünen Augen ernst an.

„Hat deine Mami dich denn nicht lieb? Hast du kein großes Glück? Hast du keine Schatzkisten von ihr bekommen?“

Ungewollt drängen sich in mir blitzartig hässliche Szenen von früher – Schläge, Streit, lieblose Blicke und Worte – auf. Ich schüttle den Kopf.

„Hast du überhaupt von irgendjemandem eine Schatzkiste bekommen?“, ruft das Mädchen nun entsetzt.

„Nein“, sage ich. Und bevor ich erklären kann, dass das kein Problem für mich ist, kommt eine junge, blonde Frau schimpfend auf die Kleine neben mir zu: „Ronja, was fällt dir ein! Mache das nie wieder! Ich habe dich auf dem Spielplatz gesucht! Du kannst doch nicht einfach weglaufen!“

„Aber ich bin doch nicht weggelaufen! Ich bin hier gesessen“, verteidigt sich das Mädchen.

Die blonde Frau seufzt, sagt dann: „Ach, komm – wir gehen jetzt einkaufen und besprechen das unterwegs.“

„Ja, aber warte – gleich – ich muss noch ganz schnell etwas machen!“, springt das Kind auf und läuft auf den Spielplatz.

„Beeile dich, Ronja!“, ruft ihr die Frau nach.

„Jaa -a!“

Nochmals seufzend setzt sich die junge Frau auf die Bank neben mich, schweigt. Endlich spüre ich die volle Wirkung der Tabletten, ich fühle mich ruhiger innerlich. Es ist nur mehr der übliche diffuse Angstrest, der nie verschwindet, der immer da ist, in mir.

Ich bin imstande, zu sagen: „Ihre Tochter hat so liebevoll von Ihnen gesprochen, mir eine Schatzkiste gezeigt – “

„Ronja ist nicht meine Tochter“, unterbricht mich die Frau.

„Ach –“, sage ich verwirrt.

„Meine Schwester ist vor knapp einem halben Jahr gestorben. An Darmkrebs. Seitdem lebt ihre Kleine bei mir. Ronjas Vater hat sich vertschüsst, als sie noch nicht mal geboren war.“

Ich kann nichts sagen, muss das eben Gehörte erst verarbeiten.

Und da läuft Ronja mit roten Wangen auf uns zu, ihr bunter Rucksack hüpft auf ihrem Rücken auf und ab, in ihrer rechten Hand hält sie eine grüne Jausenbox.

„Okay, Ronja, dann gehen wir jetzt endlich“, sagt die junge Frau, steht auf, nickt mir zu und geht den Kiesweg voraus.

Ronja stellt sich dicht vor mich und legt mir die grüne Box auf den Schoß.

„Für dich!“, sagt sie feierlich. „Das ist deine Schatzkiste. Damit du keine Angst mehr hast. Ich habe echt schöne Sachen auf dem Spielplatz gefunden. Obwohl ich nur so wenig Zeit zum Suchen hatte.“

Sie winkt mir vergnügt zu und läuft ihrer Tante nach.

„Danke, Ronja!“, rufe ich ihr nach, gerührt und perplex. „Ich freue mich! Sehr!“

Sie dreht sich noch einmal zu mir um, strahlt übers ganze Gesicht. Dann greift sie nach der Hand ihrer Tante, und ich sehe ihnen nach, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden sind, die beiden, Hand in Hand, die Kleine hüpfend und plappernd, immer wieder zu ihrer Tante aufsehend. Meine Hände liegen auf meiner grünen Schatzkiste. Keine Spur von Angst ist mehr in mir.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 25191