Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Die erste Schrift

Wir leben in der Steinzeit, bis Christi Geburt werden 4700 Jahre vergehen. Wir wohnen in gedrungenen Hütten, die meisten in einem Familienverband, manche aber, so wie ich, sind allein. Die anerkanntesten Mitglieder unserer Dorfgemeinschaft sind die besten Jäger. Es gibt noch Wollhaarmammuts. Wenn unsere Jäger ein solches erlegen, haben wir lange Zeit zu essen. Gern richten wir dann auch Feste aus, mit einfacher Musik und Tanz und meinen Vorträgen, ich bin nämlich der Künstler unseres Dorfs, da ich für die Jagd zu feig und für das Sammeln und den Ackerbau zu faul bin, was ich natürlich niemandem sage.

Einmal kam mir eine Idee. Ich hatte gerade ein längliches Holzstück in der Hand, das am Ende brannte. Ich löschte das Feuer, das zu Kohle wurde. Damit zeichnete ich Kringel auf ein größeres, flaches Holzstück. Auf diese Art könnte ich meine Vorträge für die zukünftigen Menschen festhalten. Ich nannte diesen Zusammenhang der Kringel „Schrift“.

Ich erzählte unserem Dorfvorsteher von meiner Erfindung, worauf er sagte: „Das hast du sehr gut gemacht, Knut. Es freut mich ja immer sehr, wenn du beim Festfeuer über meine Ruhmestaten berichtest. Und du meinst wirklich, auch unsere Nachkommen könnten davon erfahren? Was müssten sie dazu tun?“

„Verehrter Harald“, entgegnete ich, „es ist dieserart: Sie müssen dafür „lesen“ lernen.“ „Lesen?“, fragte der Dorfvorsteher. „So ist es“, fuhr ich fort. „Lesen bedeutet, meine Schrift zu verstehen.“ „Ist das aufwendig“, fragte der Dorfvorsteher. „Eher schon“, erwiderte ich, „meine Schrift ist auch noch nicht fertig entwickelt.“ „Das klingt sehr interessant, kluger Knut, doch wir brauchen die Jungs und Mädchen für die Feldarbeit und das Beerensammeln, hast du daran gedacht?“, fragte er. „Ja schon“, sagte ich, „ich weiß, dass das Entziffern einer Schrift Zeit benötigt und kompliziert ist.“

„Gut“, sagte Harald, der Dorfvorsteher, „dein Projekt klingt toll, aber wir sollten es um 1300 Jahre verschieben. Jetzt sind wir noch nicht entwickelt genug, um es umzusetzen. Ich zolle dir großes Lob, Knut. Beim nächsten Festmahl bekommst du das beste Stück vom Wild, du wirst auf dem Ehrenplatz sitzen und neben dir unsere hübsche unverheiratete Astrid.“

Und genau so geschah es. Inzwischen haben Astrid und ich zwei Buben und ein Mädchen und bewohnen die extravaganteste Hütte des Dorfes.

Das etwas unscharfe Foto des Steinzeitpaares im Reptilienzoo Happ

Das etwas unscharfe Foto des Steinzeitpaares im Reptilienzoo Happ

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26176

B100

Die Autobahnauffahrt übersehen und weiter die Bundesstraße genommen.
Das Land besteht aus Grün und Blau – Wäldern, Flüssen und Seen.
Die Freizeitrocker sind hier mit ihren Harleys auf Urlaub.
Sie machen fast den ganzen Krach im sonst stillen Land,
wo man nur schaut und aufs Denken vergisst,
die alten Wehrkirchen sucht an den mystischen Plätzen.

Turm der Lorenzenberger Wehrkirche

Turm der Lorenzenberger Wehrkirche

Johannes Tosin (Text)
Michael Tosin (Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26175

Meine Blume

Es steht in den Himmel geschrieben.
Von Flugzeugen gezeichnet.
Schwimmende Wolken,
die sich anhäufen, regnen.

Tausend Tropfen braucht meine Saat zum Keimen.

Sich verflüchtigende Wolken,
die der Sonne Platz machen.

Tausend Strahlen braucht meine Blume zum Wachsen.

Die Saat keimte, meine Blume gedieh.
Erst der Herbstwind zerpflückte sie.

Tausend Schneeflocken deckten ihren wertlosen Stängel zu.

Gräser mit Haaren und die alte Pusteblume am 21. September 2022

Gräser mit Haaren und die alte Pusteblume am 21. September 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26173

Sauerstoff

In den Tanks meines Raumanzugs sind nur noch zwei Prozent Sauerstoff. Bei meinem derzeitigen Verbrauch komme ich damit vier Minuten aus. Bis zur Marsstation sind es fünf Komma zwei Kilometer. Diese Daten teilt mir der Computer in meinem Helm mit.

Ich bin allein und zu Fuß unterwegs. Würde ich laufen, stiege mein Sauerstoffverbrauch. Ich würde im Stress sterben. Sterben muss ich sowieso. Ich werde mich an Ort und Stelle niederlegen und an etwas Schönes denken, bis mich der Tod ereilt.

Der Tod auf PR-Tour - 13. September 2023 - BLACK COMEDY mit MARIO KUTTNIG

Der Tod auf PR-Tour – 13. September 2023 – BLACK COMEDY mit MARIO KUTTNIG

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26148

Im braun-orangen Traum

Ich war im braun-orangen Traum. Der Flur zu meiner Wohnung hatte einen braunen Teppichboden und orange Wände, wie in den 1960er-Jahren, aber den schlechten. Die Wohnung war klein und stark benützt. Ich arbeitete irgendetwas Einfaches. Ich lebte dort in einer Industriestadt. Es hätte Leoben sein können, wo ich tatsächlich fünf Jahre lang war. Diese Stadt trug aber keinen Namen. Gelegentlich gab es Partys mit meinen Kollegen, die allesamt eine fahle Gesichtsfarbe hatten. Niemand war hier glücklich, ich ganz bestimmt nicht.

Ich war sehr froh, als ich erwachte.

Leerer Raum mit Beschriftungen und 1960er-Küchenwand bei DARK CITY

Leerer Raum mit Beschriftungen und 1960er-Küchenwand bei DARK CITY

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: möbliert | Inventarnummer: 26132

Der Vater sitzt da

Als ich so sieben Jahre alt war und in der zweiten Volksschulklasse, fragte ich einmal meinen Vater, wieso er mit überkreuzten Beinen dasitze. „Es ist bequem“, antwortete er, „aber das darf man erst, wenn man erwachsen ist.“

Ich dachte, seltsam, doch ich glaubte ihm, natürlich glaubte ich ihm. Glaubt man seinem Vater nicht alles, wenn man ein noch junges Kind ist?

Die Frau mit dem Turban sitzt mit überkreuzten Beinen im Fenster

Die Frau mit dem Turban sitzt mit überkreuzten Beinen im Fenster

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26108

Zurück in der Steinzeit

Hinterhalt, Aufklärung, Desinformation, auf Kriegswirtschaft umstellen, gezielte Tötungen, Drohnenangriffe. Wo sind wir gelandet? Wäre die Technik nicht so fortgeschritten, könnte es im Zweiten Weltkrieg sein. Die Zeit läuft nun beschleunigt rückwärts. In einem Monat sind wir im 14. Jahrhundert und in einem halben Jahr zurück in der Steinzeit, wo ein Nachbar den anderen mit einer Keule erschlägt und seine Frau raubt.

Dinosaurier und Steinzeitbub mit Keule

Dinosaurier und Steinzeitbub mit Keule

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26107

Der Sünder

Ich steh dir bei, wenn du in Not bist.
Du bist nicht alleine, ich bin stets an deiner Seite,
ich begleite dich überallhin.
Du musst mir nichts dafür geben.
Mein Lohn ist, dass ich durch meine Hilfe meine Sünden abbaue
und nach meinem Tod der Hölle entgehe.
Ich bin also nicht ganz uneigennützig, auch wenn es so aussieht.

Die weiße Puppenhölle*

Die weiße Puppenhölle*

* aufgenommen von Johannes Tosin am 4. November 2021 bei einer Ausstellung in der Alpen-Adria-Galerie am Theaterplatz 3 in Klagenfurt am Wörthersee (Urheberschaft des Kunstwerks wird gern ergänzt, danke für Hinweise)

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26099

Die Erinnerung an Gerald

Gerald war die reine Lebensfreude. Ich erinnere mich, wie er auf dem Bauernhof draußen stand, eine Zigarette rauchte und sagte: „Hach, was für ein schöner Tag!“, während die warme Frühlingssonne auf ihn schien. Er war so sorglos, so völlig unbekümmert, das war seine intuitive Strategie. Er war sehr schlau und erzählte gerne Witzchen. Alles nahm er wolkengleich leicht. Er selbst war sein Mittelpunkt, aber das ist doch bei jedem so, nicht?

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26105