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Greta und Hans

Hans und Greta wuchsen in einem kleinen, von dichten Wäldern umgebenen Dorf auf. Ihre Familien lebten auf benachbarten Höfen, auf welchen sie Vieh züchteten. Sie waren rechtschaffene Leute, die mit allen Menschen im Dorf gut auskamen. Dies war auch notwendig, denn ihr Dorf war so abgelegen, dass nur selten ein Fremder dorthin gelangte. Zwistigkeiten oder gar Streit galt es also zu vermeiden.
Sie wuchsen gemeinsam auf, saßen im einzigen Klassenzimmer der Volksschule nebeneinander und verbrachten auch ihre Freizeit zusammen. Nach der letzten Klasse folgten sie dem Wunsch ihrer Familien und blieben auf den Gehöften ihrer Eltern, um alles Wissenswerte für das Leben als Bauer und Bäuerin zu erlernen.
Sie waren zufrieden und freuten sich auf die Zukunft, die vor ihnen lag und die mit jedem Tag rosiger zu werden schien. Bald trafen sie sich nämlich nicht mehr bloß, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, sondern weil in ihnen das Verlangen wuchs, den anderen Menschen zu sehen und ihm nahe zu sein. Sie hatten zarte Bande zueinander geknüpft und nach dem ersten Kuss im Alter von sechzehn Jahren waren sie sich sicher, dass sie einander liebten.

Umso tragischer war das, was ihnen widerfahren sollte.
Zwei Wochen nach dem ersten Kuss verschwand Hans. Das ganze Dorf suchte nach ihm, doch ohne Erfolg. Greta ging von Haus zu Haus und fragte jeden Ortsansässigen, ob er ihren Freund gesehen hätte, doch die Antwort war stets die selbe: “Nein, Greta. Tut mir leid.”
Ihr fiel auf, dass seine Familie sein Verschwinden weit weniger tragisch nahm als sie selbst es tat. Seine Eltern waren ihr gegenüber reserviert, sagten bloß: “Wir wissen doch auch nicht, wo er ist. Mach dir nichts draus – du wirst einen neuen Freund finden.”
Erst konnte sich Greta keinen Reim auf diese Gefühlskälte machen; als die Großmutter ihres Freundes sie jedoch an der Hand in ihr Häuschen zog und aufklärte, begann sie zu verstehen.

“Es scheint, dass es an der Zeit ist, dich einzuweihen”, begann die Alte ohne Umschweife. “Hans ist weg und er wird es bleiben.”
“Aber-”, stotterte Greta, den Tränen nahe. “Warum?”
“Auf unserer Familie lastet ein uralter Fluch. Aus jeder Generation befällt er ein Kind. Vor Hans war der jüngere Bruder seines Vaters an der Reihe.” Sie räusperte sich und sagte mit tonloser Stimme: “Er wurde nie wieder gesehen. Vor zwei Wochen war der Mond voll, da hat er Hans zu dem gemacht, was er jetzt ist.”
“Was ist er jetzt?”, rief Greta.
Die Alte ging nicht auf die Frage ein. Sie sah das Mädchen mit düsterem Blick an und meinte: “Was, glaubst du, ist der Grund, dass es in den Wäldern so gut wie kein Wild mehr gibt?”
“Sie wollen mir doch nicht etwa weismachen, dass Hans als Einsiedler im Wald lebt und sich von Rehen und Wildschweinen ernährt!”
“Ein Einsiedler ist ein Mensch, Greta. Hans ist keiner mehr.”
Greta sprang auf.
“Das kann ich nicht glauben!”, rief sie und eilte zur Türe.
“Es ist nicht wichtig, was du glaubst, mein Kind. Halte dich bloß vom Wald fern!”

Greta dachte nicht daran, dies zu tun. Obwohl die Dämmerung hereinbrach, lief sie tief in den dunklen Wald und rief nach Hans.
Es war still im Wald. Kein Vogel gab einen Laut von sich, das Geräusch der Blätter der Bäume, die vom Wind bewegt wurden, war das einzige, das an Gretas Ohren drang.
Plötzlich hörte sie Zweige brechen. Etwas kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Instinktiv suchte sie hinter dem Stamm einer alten Buche Schutz, doch Hans hatte sie bereits gesehen.
Er blieb zwei Meter vor ihr stehen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Greta hatte Angst, doch ging sie zu ihm, umarmte ihn – und machte einen Satz nach hinten.
Es war zum einen der Geruch, den er verströmte, er roch wie ein nasser Hund, zum anderen hatte sie sein zerrissenes Hemd bemerkt, unter dessen Fetzen tiefe Wunden auf seiner Brust zu sehen waren, die von mächtigen Klauen herzurühren schienen.
“Hans, was ist mit dir geschehen?”, rief sie entsetzt.
Er gab einige undefinierbare Laute von sich, und sie zog, um ihn besser verstehen zu können, seine Hände von seinem Gesicht. Es war kreidebleich, die Wangen waren eingefallen und seine Kiefer waren verformt, als wären sie gewachsen und wieder geschrumpft. Greta erschrak erst, doch als sie in seine Augen blickte, wurde sie von Panik ergriffen.
Seine Augen hatten zwar noch die selbe grüne Farbe, die sie so geliebt hatte, doch lag nichts Menschliches mehr in ihnen.
“Mein Gott, Hans!”, stammelte sie, doch Gott hatte diesen Wald längst verlassen.
Er sah sie an und knurrte mehr als dass er sprach: “Nun – Wolf.”
Greta lief so schnell sie konnte aus dem Wald, sperrte sich in ihrem Zimmer ein und zog die Bettdecke über ihren Kopf.

Etwas Unmenschliches hatte von Hans Besitz ergriffen, und Greta wusste das.
“Hans ist verflucht”, sagte seine Großmutter, als Greta ihr am nächsten Vormittag von der Begegnung im Wald erzählte. Sie packte Gretas Hand und rief: “Du darfst nie wieder in den Wald gehen, hörst du! Er würde dich in Stücke reißen, so wie es mein Sohn bei seinem-” Sie stockte, doch Greta wusste, was sie sagen wollte.
“Gibt es denn keine Erlösung von diesem Fluch?”, fragte sie verzweifelt.
Die Alte legte ihre Stirn in Falten und zögerte ihre Antwort hinaus.
“Nun?”, fragte das Mädchen ungeduldig.
“Es gibt eine Möglichkeit, doch ist sie sehr gefährlich für den Menschen, der den Verfluchten retten möchte.”
“Welche?”
“Man muss sich der Bestie bei Vollmond bis auf einen Meter nähern und ihr einen Pflock mit silberner Spitze ins Herz stoßen.”
“Nein!”, rief Greta entsetzt.
“Doch, mein Kind. Dies ist die einzige Möglichkeit, Hans zu befreien.”
“Was geschieht dann mit ihm?”
“Er nimmt seine menschliche Gestalt wieder an und kann beerdigt werden. Damit ist der Fluch für alle Zeit aufgehoben.”
Greta schluchzte.
“Das werde ich niemals machen!”
“Das weiß ich doch, Greta”, sagte die Alte mit listigem Blick. “Es wäre aber das Beste, sowohl für dich als auch für Hans. Er würde seinen Frieden finden, und du müsstest nicht den Rest deines Lebens an den Wolf denken, den du nicht erlöst hast.”
Sie zog einen Pflock unter dem Tisch hervor.
“Mein Mann hat ihn für unseren Sohn angefertigt, aber-”, ihr versagte die Stimme.
“Was ist geschehen?”, fragte Greta leise.
“Man fand den Pflock neben der grausam zugerichteten Leiche meines Mannes.”
“Sollte ich mich dazu durchringen können, Hans zu erlösen -”
“Ja?” Die Alte war plötzlich hellwach.
“Was, wenn die Sache danebengeht?”
“In diesem Fall kannst du bloß zu Gott beten, dass Hans dich tötet.”
“Wie bitte?”
“Keine Angst, du wirst nicht lange leiden, glaub mir.”
“Und wenn er mich nicht tötet, sondern bloß verletzt?”
“Dann wirst du eine Bestie werden, so wie er.”
Greta dachte einige Minuten lang nach, dann streckte sie ihren Arm aus und sagte: “Den Pflock, bitte.”
“Das ist die richtige Entscheidung, mein Kind”, sagte die Greisin und küsste Greta auf die Stirn.
Greta ging nach Hause und versteckte den Pflock.

Als es dunkel wurde, ging sie in den Wald zu der Stelle, an der sie Hans am Vortag getroffen hatte und rief nach ihm.
Wieder hörte sie das rasch näherkommende Brechen von Zweigen, doch hielt die Bestie in einigem Abstand inne. Sie konnte Hans nicht sehen, hörte bloß sein kehliges Knurren, das ihr jedoch keine Furcht einflößte.
“Hans, ich habe mit deiner Großmutter gesprochen”, rief sie.
Knurren war seine Antwort.
“Ich weiß nun einen Weg, wie du deinen Frieden finden kannst.”
Er gab keinen Laut von sich.
“Ich komme zu dir, wenn der Mond voll ist. Hier, an dieser Stelle, treffen wir uns.”
Hans knurrte zweimal, was Greta als Zustimmung wertete.

Die folgenden Tage bis zum nächsten Vollmond verbrachte Greta in großer innerlicher Aufregung. Sie dachte unablässig an Hans und ihre gemeinsam verbrachten Tage, und schließlich entschloss sie sich, das zu tun, was ihrem Freund Glück bringen würde.
Ihrer Familie konnte sie natürlich nichts davon erzählen, ebensowenig wie anderen Menschen aus dem Dorf. Sprachen ihre Eltern von Hans, so gab sie sich reserviert und sagte, dass er wohl in einem anderen Dorf sein Glück gefunden hätte.
Sie verrichtete die ihr zugewiesenen Tätigkeiten auf dem Hof gewissenhaft, jedoch ohne mit dem Herzen bei der Sache zu sein.

Am Tag des Vollmondes besuchte sie die Großmutter ihres Freundes.
“Ich habe den Pflock gut versteckt. Heute Nacht werde ich ihn holen und in den Wald gehen.”
Die Alte strahlte vor Freude.
“Du musst aber achtgeben, Greta! Hans ist nicht mehr der, den du gekannt hast. Bei der ersten Gelegenheit wird er dich anfallen, und dann ist es um dich geschehen!”
“Das weiß ich.”
“Ich wünsche dir alles Gute, mein Kind.”
“Danke”, seufzte Greta und verließ das Häuschen.

Um Mitternacht rief Greta nach Hans. Sie wartete auf das Brechen von Zweigen auf dem Waldboden, doch der Wald blieb still. Eine Wolke gab den Mond frei, da hörte sie Zweige brechen, nur wenige Meter hinter sich. Sie wandte sich, den Pflock in der Hand, um und erblickte den größten Wolf, den sie je gesehen hatte.
Die Augen, aus welchen Hans sie anstarrte, ließen sie frösteln. Es lag nichts Menschliches mehr in ihnen, sie waren schwarz, so schwarz wie das Fell der Bestie. Der Wolf knurrte, dann öffnete er sein mit riesigen Reißzähnen bewehrtes Maul und ließ ein ohrenbetäubendes Geheul ertönen.
Greta stand vor dem Biest, hielt diesem die silberne Spitze vor die Schnauze und sagte mit fester Stimme: “Dieser Pflock könnte dich töten.”
Der Wolf knurrte.
“Doch das wird er nicht tun”, fuhr sie fort und schleuderte die Waffe von sich.
Hans sah dem im Mondschein davonfliegenden Silber nach und hörte auf zu knurren.
Das Mädchen setzte sich auf den Boden und sah zum Wolf auf.
“Du kannst mich töten, Hans”, sagte Greta mit ruhiger Stimme, in der keine Furcht lag. “Du kannst mich jedoch auch zu deiner Gefährtin machen.”
Der Werwolf reagierte nicht.
Greta entblößte ihre rechte Schulter und hauchte: “Beiß mich, aber sei vorsichtig!”
Als Hans seine Zähne im Fleisch seiner Freundin vergrub, fiel diese in eine tiefe Ohnmacht.

Nach drei Tagen erwachte sie orientierungslos in einer Höhle. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, doch ihr Geruchssinn funktionierte einwandfrei. Unsicher ging sie durch die Höhle, die erfüllt war vom Geruch der unzähligen Skelette von Rehen und Wildschweinen, die überall herumlagen.
Ein schwacher Lichtschein wies ihr den Weg nach draußen. Vor der Höhle setzte sie sich auf den Boden und atmete die klare Morgenluft tief ein. Dabei stieg ihr ihr eigener Geruch in die Nase. Sie roch wie ein nasser Hund.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 16133

Das lange und glückliche Leben des Franz Rieser

An einem sonnigen Frühlingstag im Jahr 2013 verließ Franz Rieser sein Haus. Er versperrte die Eingangstüre und setzte sich auf die rustikale Holzbank vor seinem Heim. »Murli, Minka!«, sagte er halblaut, doch laut genug, dass seine beiden Katzen ihn hören konnten. Sie sprangen zu ihm auf die Bank und schnurrten vor Behaglichkeit, während er sie streichelte.
Zehn Minuten später küsste er die Katzen auf ihre Köpfe und verließ sein Grundstück. Mit langsamen Schritten mühte er sich den kleinen Hügel hinter seinem Haus hinauf. ›Es wäre besser gewesen, einen richtigen Spazierstock zu nehmen‹, dachte er. ›Dieses schwere Ding taugt nicht zur Gehhilfe.‹

Auf der Kuppe des Hügels stand ein Apfelbaum in voller Blüte.
Unter diesem Baum ließ Franz Rieser sich nieder. Er hatte ihn vor vielen Jahrzehnten gemeinsam mit Maria, seiner Ehefrau, gepflanzt. Er saß, seinen Rücken an den Baumstamm gelehnt, im Gras. Seine rechte Hand hielt einen zylindrischen Gegenstand, diesen betrachtete er. Er drehte ihn zwischen seinen Fingern und fühlte, wie er langsam wärmer wurde. Dann zuckte Franz Rieser mit seinen Schultern und schob den Zylinder in die linke der beiden für ihn vorgesehenen Öffnungen.

So saß er da und dachte über sein Leben nach, welches nun schon dreiundneunzig Jahre andauerte und, von zwei Ereignissen des Unglücks abgesehen, glücklich verlaufen war. Naturgemäß, wie das bei vielen Menschen so ist, kamen ihm diese beiden Ereignisse zuerst in den Sinn.
Das erste von beiden war der Michael gewesen, sein Sohn. Dieser war im Alter von vierunddreißig Jahren in Wien gestorben. In einer kalten Novembernacht im Jahre 1974 war der Michael in die Donau gestürzt und ertrunken. Lange Zeit hatten Franz und Maria keine Erklärung für den Tod ihres Sohnes finden können. Der Michael war ein hervorragender Schwimmer gewesen, also hätte er nicht ertrinken müssen. Monika, seine um drei Jahre jüngere Schwester, hatte ihren Eltern oft gesagt: »Ich bin mir sicher, dass der Michael jemanden in der Donau hat treiben sehen. Und da konnte er eben nicht anders, als ins Wasser zu springen, um diesem Menschen das Leben zu retten. Ihr wisst ja, was für eine hilfsbereite Art er gehabt hat. Und dabei, bei diesem Versuch zu helfen, ist er umgekommen.«

Maria Rieser hatte sich leichter mit dieser Erklärung zufriedengeben können als ihr Mann.
Dieser war eigens nach Wien gefahren, drei Wochen nach dem Begräbnis seines Sohnes, und hatte sich in dessen Umfeld umgehört. Was er damals erfahren hatte, behielt er stets für sich, denn er wollte seine geliebte Ehefrau nicht mit Dingen belasten, die nicht mehr zu ändern waren, und Monika, Michaels geliebte Schwester, wollte er auch nicht verstören.

Er hatte mit sämtlichen Freunden seines Sohnes gesprochen und Folgendes erfahren: Der Michael war die Monate vor seinem Tod sehr unglücklich gewesen. Ein paar Freunde sprachen von todtraurig, einer gar von ärztlich diagnostizierten Depressionen. Der Alkohol war in seinen letzten Monaten das einzige Lebenselixier des Michael gewesen, erfuhr er weiters, Seelentröster und wohl auch Schlafmittel. Der Grund für diese Verzweiflung wäre wohl eine Frau gewesen, sagte man ihm, aber Genaueres erfuhr Franz Rieser nicht, natürlich aus dem Grund der Diskretion.
All das, was er erzählt bekommen hatte, sagte ihm, dass der Michael mitnichten das Leben einer anderen Person hatte retten wollen, sondern dass er seiner gequälten Seele wenigstens durch seinen Tod den Frieden hatte schenken wollen, den diese im lebendigen Michael nicht mehr hatte finden können.

Wie er so dasaß, an den Baum gelehnt und an seinen Sohn denkend, stiegen ihm die Tränen in die Augen.
›Wenn er doch nur gesagt hätte, dass ihn etwas quält‹, dachte er, ›dann hätte ich ihm doch helfen können. Dann hätte sich der Bub nicht umbringen müssen. Aber er hat ja nie etwas gesagt.‹ Er weinte stumm vor sich hin. ›Er hat nie etwas Vernünftiges gemacht, der Michael‹, dachte er weiters, ›keine Arbeit hat er gehabt, und eine eigene Familie auch nicht. Aber er hat es immer geschafft, wenigstens irgendwie durchzukommen. Vielleicht hätte seine letzte Idee, es mit dem Schreiben zu versuchen, zum Erfolg geführt. Wenn er nur durchgehalten hätte. Ach, was denke ich da? So war es eben. Schad um den Bub.‹
Monika, das zweite Kind von Maria und Franz Rieser, hatte stets entsprochen und die ihr gestellten Aufgaben aufs Beste erledigt. Sie hatte Medizin studiert und arbeitete als Hautärztin in Graz. Sie war mit einem Notar verheiratet und hatte zwei wohlgeratene Töchter, welche selbst jeweils zwei Kinder zur Welt gebracht hatten.

Am Tag vor diesem Frühlingstag im Jahr 2013 hatte Franz Rieser mit seiner Tochter telefoniert. »Monika«, hatte er sie gefragt, »was soll ich der Mama von dir ausrichten?«
»Papa«, hatte sie geantwortet, »es wird noch eine lange Zeit dauern, bis du die Mama wieder triffst!«
»Wenn ich sie treffe, ganz egal wann das sein wird: Was soll ich ihr sagen?«
»Bitte sag ihr, dass es uns allen gut geht und dass wir sie vermissen.«
»Das werde ich. Soll ich ihr noch etwas sagen?«
»Ja. Sag ihr, dass ich erkannt habe, dass sie recht hatte.«
»Womit hatte sie recht?«
»Sie hat immer gesagt, dass zwei Menschen oder Dinge, die zusammengehören, stets beisammen sein müssen.«
»Ja, das hat die Mama oft gesagt.«

Und sie hatte es nicht bloß gesagt, Maria Rieser hatte nach diesen Worten gelebt, so wie auch ihr Ehemann.
Von Kindesbeinen an hatten sie sich gekannt, waren sie doch auf benachbarten Bauernhöfen aufgewachsen. Sie waren im selben Jahr, 1920, geboren worden, bloß drei Wochen trennten ihre Geburtstage. Sie hatten die selbe Klasse in der Volksschule besucht, und danach auch in der Hauptschule nebeneinander gesessen.
Maria hatte eine Lehre zur Schneiderin abgeschlossen, Franz eine zum Tischler, doch hatten sie ihre Berufe nie zum Gelderwerb ausgeübt, denn Franz Rieser war es, als einzigem Kind seiner Eltern, bestimmt, den Hof seiner Familie zu übernehmen.

Im Alter von sechzehn Jahren waren die beiden eine, zunächst heimliche, Beziehung eingegangen, die bis zu Marias Tod Bestand hatte, und sogar über diesen hinaus, denn Franz hätte niemals zugelassen, dass eine andere Frau als seine Maria neben ihm liegt. Auch fühlte er sich zu alt dazu.
Sobald sie volljährig geworden waren, hatten sie geheiratet, und im Alter von zwanzig Jahren hatte Maria Michael und drei Jahre später Monika zur Welt gebracht. Vom Zweiten Weltkrieg waren sie verschont geblieben. Franz Rieser hatte es durch verwandtschaftliche Beziehungen so einrichten können, dass er nicht an die Front musste, und in der kleinen Ortschaft im steirischen Hügelland fand der Krieg so gut wie nicht statt.

Franz führte den Hof seiner Familie vorbildlich. Er sorgte gut für das Vieh, und mit der Zeit wurde der Hof immer größer. Neue Ställe wurden erbaut, Obstgärten von benachbarten Gehöften übernommen, und bald galt das Ehepaar Rieser als reich.
Und in der Tat, Sorgen hatte es keine. Franz liebte seine Arbeit, und so verwundert es nicht, dass er sie gut verrichtete. Er konnte es sich leisten, ein großes und ertragreiches Jagdrevier mit vielfältigem Wildbestand zu pachten und wurde ein begeisterter und eifriger Jäger.

Seine Ehefrau widmete sich den Kindern, die beide das Gymnasium des Nachbarortes besuchten. Monika lernte gut und maturierte mit Auszeichnung, der Michael musste zwei Klassen wiederholen und legte seine Matura mit Ach und Krach ab. Monika studierte dann Medizin in Graz und der Michael Kunst in Wien. Jedoch brach er sein Studium nach wenigen Semestern ab und lebte vorwiegend von dem Geld, das ihm von seinen Eltern überwiesen wurde.
Auf Urlaub fuhr die Familie Rieser selten, und wenn doch, dann bloß für wenige Tage nach Italien. Selbst als längst Knechte und Mägde auf dem Hof beschäftigt und die Kinder aus dem Haus waren, gönnten sich Maria und Franz keinen langen Urlaub.
Sie waren sich eben selbst genug. »Das Wichtigste ist, dass wir stets beisammen bleiben«, hatte Maria oft gesagt. »Und das können wir zu Hause genauso gut wie in Spanien oder auf den Malediven.« Und Franz hatte ihr dann stets beigepflichtet.
In all den Jahrzehnten ihrer Ehe hatte es keine einzige Nacht gegeben, die sie nicht nebeneinander verbracht hatten. Und es hatte niemals Streit gegeben, noch nicht einmal Zank. Kein Ohr der Welt hätte von einem bösen Wort zwischen den Eheleuten Rieser berichten können, denn kein solches war jemals gefallen.

Franz Rieser saß unter dem blühenden Apfelbaum und dachte an seine Maria. Wieder weinte er stumm.
Vor genau einem Jahr war Maria Rieser gestorben.
Sie war ohne erkennbare Anzeichen einer Krankheit an seiner Seite eingeschlafen. Aufwachen hatte er alleine müssen.
Er griff in die Tasche seiner Jacke und zog einen weiteren zylindrischen Gegenstand heraus. Auch dieser wurde in seiner Hand bald warm, so warm, wie es ihm ums Herz war beim Denken an Maria.
›Ach, meine Maria‹, dachte er, ›vor genau einem Jahr bist du gegangen. Wie geht es dir? Und wie geht es dem Michael? Ist er bei dir? Ich habe dir heute Blumen auf dein Grab gelegt. Und nachgedacht. Schon bald werde ich wieder an deiner Seite sein.‹ So dachte er, während er den Blick fest auf den Gegenstand in seiner Hand gerichtet hielt.

Nicht nur, dass sie niemals voneinander getrennt geschlafen hatten, man sah Franz und Maria Rieser bloß zu zweit in der Öffentlichkeit. Die raren Besuche der Dorfkirche standen sie gemeinsam durch, auch die seltenen Einkehren in das teurere und bessere Gasthaus des Ortes fanden gemeinsam statt. Sie hatten sich nicht absichtlich vom Dorfleben ferngehalten, es hatte sich einfach so ergeben, dass sie die meiste Zeit auf ihrem Hof zubrachten. Gastfreundlich, das waren sie. Wann immer jemand aus dem Dorf auf ihren Hof kam, wurde dieser Mensch großzügig bewirtet, oft mit Gerichten aus Wildfleisch, das Franz von seinen zahlreichen Jagdausflügen mit nach Hause brachte.
So war es auch nach dem Begräbnis des Michael. Beinahe alle Dorfbewohner waren auf den Hof der Riesers gekommen, um ihr Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen, denn trotz ihrer sehr privaten Lebensführung waren diese im Ort hochgeachtete Leute. Und alle wurden sie bewirtet, obwohl der Michael vielen von ihnen als Sonderling gegolten hatte, zu dem man besser Abstand hielt. Und des Michaels Eltern hatten das genau gewusst.

›Du warst die einzige Frau, die ich geliebt habe. Kein Schrei, keine Träne kann die Tiefe des Lochs ausdrücken, das dein Fortgehen in mich gerissen hat‹, dachte Franz Rieser. Das Objekt in seiner Hand war nun mehr als nur warm. Es war heiß, ganz so, als drängte die Hitze aus ihm heraus. Und Franz fühlte diese Hitze. Sie begann nämlich, von seiner Handfläche ausgehend, sich in ihm auszubreiten, immer näher kam sie seinem Herzen. ›Vorige Woche habe ich das Geld vom Verkauf des Hofes der Monika überwiesen. Selbst unsere Enkelkinder sind nun befreit von Geldsorgen. Und das ihr Leben lang, wenn sie geschickt mit dem Geld umgehen.‹

Zwei Monate nach dem Tod seiner Ehefrau hatte Franz Rieser den großen Hof verkauft und sich bloß ein kleines Haus am südlichen Rande des Anwesens behalten. Der Besitzer des örtlichen Sägewerks hatte eine sehr große Summe bezahlt und zugesichert, worauf Franz bestanden hatte, nämlich dass sämtliche Mägde und Knechte ihre Arbeitsstellen behalten durften.
Er hatte es in dem großen Haus, das er mit seiner Frau bewohnt hatte, nicht mehr ausgehalten. Jeder einzelne Einrichtungsgegenstand erinnerte ihn an sie, mit jedem Winkel eines jeden Raumes waren Erinnerungen verbunden, und zwar ausschließlich schöne.
Er, der in seinem ganzen Leben niemals eine andere Frau als seine Maria geküsst hatte, der niemals auch nur einen einzigen Gedanken darauf verschwendet hatte, einer anderen Frau die Füße zu streicheln, hätte unmöglich weiter in diesem Haus leben können. Noch dazu, wo ihr Geruch in jedem Zimmer deutlich wahrzunehmen war.
›Die Möbel habe ich den Knechten und den Mägden geschenkt. Sie werden sie in Ehren halten. Ich habe die Monika gefragt, ob sie etwas davon brauchen kann, doch bis auf ein paar Tischtücher, die du genäht hast, hat sie nichts davon brauchen können, und ihre Kinder auch nicht.‹
Er hatte sein kleines Haus mit neuen Möbeln eingerichtet, die günstig aber formschön waren, denn er hatte es nicht übers Herz gebracht, Dinge, die ihn an seine Frau erinnert hätten, mitzunehmen.

Dieses eine Jahr, dieses exakt eine Jahr, nach Marias Tod war das schlimmste im Leben des Franz Rieser gewesen.
Nach ihrer Beerdigung, an welcher eine große Zahl an Menschen teilgenommen hatte, hatte er sich um den Verkauf des Hofes gekümmert. Danach war er in ein tiefes seelisches Loch gefallen.
Er hatte jeden Tag bis zur Mittagszeit im Bett gelegen, jedoch keineswegs schlafend, sondern hellwach und in Gedanken versunken. Allein, er wusste oftmals selbst nicht, woran er dachte. Natürlich dachte er oft an Maria. Diese Gedanken waren die einzigen, die für seine Seele greifbar waren, denn jedes Mal, wenn sie wieder verschwinden wollten, hielt diese sie fest und zerrte sie zurück in den Fokus seiner Wahrnehmung.
Dann stand er auf, versorgte Murli und Minka, die Katzen, und bereitete sich ein kärgliches Mittagsmahl zu, meist bloß Suppe und ein Stück Schwarzbrot. An den Nachmittagen spazierte er oft über seinen ehemaligen Hof und unterhielt sich mit den dort arbeitenden Menschen, bevor er, schon am frühen Abend, ermattet zu Bett ging.

Monika, seine Tochter, war viele Male aus Graz gekommen, um ihrem Vater Gesellschaft zu leisten. Wenn es das Wetter zuließ, saßen sie auf der Holzbank vor seinem Haus und sprachen über Verschiedenes.
»Ich wünschte, ich wäre bereits wieder bei der Mama.« Diesen Satz musste Monika oft hören und auch ertragen.
»Papa«, pflegte sie dann zu sagen, »der Augenblick wird kommen, in dem du wieder bei der Mama bist. So wie er eines Tages auch für mich kommen wird, dich und die Mama wiederzusehen. Und den Michael.« Den letzten Satz sagte sie oft seufzend.

Eines Tages erzählte Franz Rieser seiner Tochter, was er vor vielen Jahrzehnten in Wien über die letzten Monate im Leben des Michael erfahren hatte.
Monika brach daraufhin in Tränen aus, aber es waren keine Tränen der Trauer, sondern solche der Befreiung. »Papa«, schluchzte sie, »ich habe es immer gewusst, dass der Michael sich umgebracht hat.« Das Wort ›gewusst‹ schrie sie beinahe heraus.
»Wie, du hast es gewusst?« fragte Franz erstaunt.
»In seiner Wohngemeinschaft gab es dieses eine Mädchen. Sie hat mich angerufen, nachdem der Michael gesprungen ist. Auf dem Küchentisch hatte er einen Brief für mich hinterlassen. Darin steht, dass er seine Schatten nicht mehr aushält. Und dass ich euch nichts davon erzählen darf, dass es Selbstmord war. Weil er euch nicht noch mehr belasten wollte.«
Franz legte seine Hand auf die seiner Tochter, sah ihr lange in die Augen und flüsterte: »Ich habe es auch gewusst. Ich hatte zwar keinen Beweis, aber tief in mir habe ich es gewusst.« Dann lagen sie sich in den Armen, minutenlang und weinend.

An diesem Frühlingstag im Jahr 2013, unter einem blühenden Apfelbaum sitzend, wusste Franz Rieser, dass er zu seiner Maria gehen wollte und auch würde.
›Meine Maria, du hattest recht‹, dachte er. ›Was zusammengehört, muss zusammenbleiben. Und das gilt auch für die Seelen. Zwei Seelen, die zusammengehören, müssen wieder zusammenkommen. In wenigen Augenblicken sind wir wieder vereint, du, der Michael und ich.‹

Ein letztes Mal blickte Franz Rieser auf die Schrotpatrone, die er in seiner Hand hielt, dann schob er sie in den rechten Lauf und spannte beide Hähne.
Als Monika hörte, was vorgefallen war, dachte sie: ›Leb wohl, Papa. Und sag der Mama bitte, dass sie recht hatte.‹

Michael Timoschek

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Ich treibe Schabernack

Ich gebe es zu: Mir ist der Drang, Schabernack zu treiben, immanent. Bereits in meinen ersten Lebensjahren konnte ich nicht anders, ich musste Schabernack treiben.

Ich wurde vor dreiundvierzig Jahren, acht Monaten und fünf Tagen in Schwarzrussland geboren. In Petrovsklam, um präzise zu sein. Meine Familie war reich, heute ist sie das immer noch, mein Vater, der Intellektuelle der Familie, arbeitete für den schwarzrussischen Geheimdienst DAP. Er war kein gewöhnlicher Agent, er war Oberst. Sein Aufgabenbereich war die strenge Kontrolle der Vorräte an Schwarzrussischer Erdschlacke sowie die Überwachung der Förderung von Schwarzrussischen Bernsteinsaphiren, ein lediglich in Schwarzrussland vorkommender – mein Vater nannte ihn endemisch (er war fürwahr ein Intellektueller!)- Pilzedelstein. Die Bezeichnung Pilzedelstein ist durchaus zutreffend, denn der Schwarzrussische Bernsteinsaphir vermehrt sich vermittels Sporen. Die Aufgabe meines Vaters bestand in der Überwachung der Förderung dieser beiden für Schwarzrussland so wichtigen Bodenschätze, er hatte sicherzustellen, dass kein Milliliter Erdschlacke und kein Gramm Bernsteinsaphir gestohlen wurde. Ertappte Diebe pflegte mein Vater Schwarzrussischen Weißamseln vorzuwerfen, was den äußerst grässlichen Tod dieser Diebe zur Folge hatte, denn diese Vögel sind, was ihren Blutdurst und ihre Angriffslust anlangt, wohl nur mit dem Schwarzrussischen Wolfskarpfen zu vergleichen, auch dieser ist eine gefährliche Bestie, die es ernst meint. Nachdem diese Bodenschätze äußerst wertvoll sind, ist es wohl nicht verwunderlich, dass mein Vater, der auf sie achtzugeben hatte, steinreich wurde – und das in weniger als zwei Jahren!

Ich muss jedoch festhalten, dass ich trotz des Reichtums meiner Familie eine als normal zu bezeichnende Kindheit hatte – bis auf meinen Zwang zum Schabernack eben. Meine Großmutter, ich hielt mich oft in ihrem schlossähnlichen Gartenhaus auf, erfreute sich an und widmete sich der Zucht von Schwarzrussischen Wüstenhühnern, eine Art Vogel, die mir stets ein Dorn im Auge war, denn ich erachte diese Vögel schlicht für sowohl dumm als auch hässlich. Jedenfalls, diese Hühnervögel waren das Ziel -oder die Opfer – des ersten Schabernacks, an den ich mich erinnern kann. Ich war nämlich dahintergekommen, dass die geringe Intelligenz dieser Vögel nicht dadurch zu steigern war, ihnen aus den Büchern Dmitri Boristranks – er ist der größte schwarzrussische Autor – vorzulesen, also wollte ich wenigstens ihr äußeres Erscheinungsbild ästhetischer gestalten.
Ich betäubte die vier Hähne meiner Großmutter mit Äther und dann legte ich los. Ich kürzte ihnen die Schwanzfedern und lackierte ihre Krallen mit dem rosafarbenen Nagellack meiner Großmutter. Danach legte ich die Hähne paarweise aufeinander und verließ das Gehege, das in etwa die Größe eines Fußballplatzes hatte. Als die Hähne aus ihrer Betäubung erwachten, begannen sie sogleich, sich zu paaren, jedoch untereinander, also Hähne mit Hähnen. Ich vermute, dass ihr verändertes – verbessertes, behübschtes – äußeres Erscheinungsbild sie auf eine Art und Weise beeinflusst hat, die ihnen die Großartigkeit der Liebe unter männlichen Wesen vor Augen – oder vor die rosafarbenen Krallen – geführt hat. Nun, die weitere Zucht dieser Vögel war meiner Großmutter nicht mehr möglich, denn fortan blieben die Hähne unter sich. Meine Großmutter verübelte mir diesen Schabernack nicht, sie war der Ansicht, dass Jungs eben Jungs wären.

Mein Bruder Dimitar war keineswegs so nachsichtig mit mir, nachdem ich ihn schabernackiert hatte. Dimitar ist sieben Jahre älter als ich, was bedeutet, dass er entsprechend früher als ich zu pubertieren begonnen hatte, und leitet heute die Stabsstelle für Fragen zur allgemeinen Geschlechtsmoral der schwarzrussisch-orthodoxen Glaubensfirma. Ich hatte in einem der von ihm bewohnten Räume in der palastartigen Behausung unserer Familie eine wirklich sehr große Zahl an Zeitschriften entdeckt, wie alleinstehende Männer sie, wie ich heute zu wissen glaube, gerne durchblättern, um auf, wie man sagt, andere Gedanken zu kommen.
Unaufgeregt, ich befand mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht in pubertärem Stadium, blätterte ich in den Zeitschriften meines Bruders und stellte hoch verwundert fest, dass sie beinahe ausschließlich aus Fotografien, welchen ab und an zotige Zeichnungen folgten, bestanden. Auf diesen Fotografien waren üblicherweise eine unbekleidete Frau und ein weiß besockter Mann zu sehen, die sich gegenseitig (und oftmals sogar gleichzeitig!) fellationierten respektive cunnilinguierten, um schließlich die Handlung des Sex zu vollziehen.

Ich war erschrocken und von meinem Bruder enttäuscht. Wie konnte er bloß Gefallen an zotigen Zeichnungen und Fotografien finden? So was hatte ich nicht erwartet. Dennoch beschloss ich, ihm das Betrachten der von ihm offenkundig geschätzten Bilder nicht zu verunmöglichen, also übermalte ich lediglich die auf den Fotografien gut erkennbaren – oftmals sogar durch das Stilmittel der Nahaufnahme! – Blößen der Frauen (die der Männer machte ich nicht unkenntlich) mit schwarzer Tinte bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz. Am nächsten Tag eilte mein Bruder in sein, wie er es zu nennen pflegte, Lernzimmer und versperrte die Tür des Raumes hinter sich. Zwei Minuten vergingen, dann kam Dimitar mit hochrotem Kopf aus seinem, wie er es nannte, Lernzimmer gestürmt und lief, meinen Vornamen, Michail, brüllend durch den Palast unserer Eltern.
Ich erkannte, dass sich mein Bruder in einer Art Notstandszustand befinden musste und eilte zu ihm, um ihm zu helfen. Er packte mich, schüttelte mich und brüllte etwas von Präonanist und unterstellter Homoerotik. Als ich zu meiner Rechtfertigung (ich ahnte, dass der Notstandszustand meines Bruders etwas mit seinen Zeitschriften zu tun haben musste) vorbrachte, dass ich doch bloß die Blößen der Frauen auf den Fotografien übermalt, die der Männer jedoch nicht angetastet hätte, geriet mein Bruder noch grässlicher in Harnisch. Er schlug mich und brüllte dabei, dass sein Schatz nun wertlos geworden wäre.
Zu meinem großen Glück betrat in diesem Augenblick unsere Mutter den Raum. Ich legte ihr, sie war eine Frau von strenger Moral und hoher Sittlichkeit, den Sachverhalt dar und verriet ihr, wo in seinem, wie er es nannte, Lernzimmer mein Bruder seinen, wie er sich ausdrückte, Schatz gelagert hatte. Unsere Mutter nahm diesen Schatz in Augenschein, zählte dessen Bestandteile gewissenhaft, sie kam auf zweihundertzweiundsiebzig Zeitschriften, dann geriet sie in Harnisch und befahl mir, das Lernzimmer meines Bruders zu verlassen. Zwei Wochen später war mein Bruder Dimitar immer noch böse auf mich.

Im Schwarzrussischen Staatsgymnasium, das ich auf Wunsch meiner Familie zu besuchen hatte, schabernackierte ich meinen Professor der Biologie. Ich war dazu auserkoren worden, einen Vortrag über den Schwarzrussischen Nachtklauengreifer zu halten, eine Art Eule, bloß viel gefährlicher, denn bei einer Flügelspannweite von fünfeinhalb Metern bringt es dieses Tier leicht (und gerne!) fertig, Schwarzrussische Bachpferdstuten durch die Luft zu tragen und in seinem Horst, dessen Grundgerüst durchaus aus Teilen von Schienen der Staatlichen Schwarzrussischen Kupferbahn bestehen kann, an seinen Nachwuchs zu verfüttern. In der Sammlung ausgestopfter schwarzrussischer Tiere, die mein Gymnasium unterhielt, hatte sich naturgemäß auch ein Exemplar des Nachtklauengreifers befunden, doch wollte ich dieses keinesfalls als Anschauungsobjekt während meines Vortrags heranziehen. Ich ging also tief in den Wald, wo ich bald einen Horst dieses Vogels ausfindig machte. In einer ebenso kühnen wie lebensgefährlichen akrobatischen Aktion betäubte ich das adulte Tier mit Äther, wie ich es schon mit den Hähnen meiner Großmutter gemacht hatte, und setzte den betäubten Vogel auf den Tisch meines Professors der Biologie.
Niemand im Klassenzimmer bemerkte, dass da ein lebender, lediglich betäubter Nachtklauengreifer saß. Anfangs ging alles gut, ich hielt meinen Vortrag, demonstrierte am Schnabel und an den Krallen des betäubten Vogels die Gefährlichkeit der Wesen dieser Art und hätte ihn betäubt in seinen Horst zurücksetzen können. Doch das Tier erwachte vor der Zeit aus seiner Betäubung. Der Nachtklauengreifer blickte auf die sechsundzwanzig Kinder und den einen erwachsenen Menschen im Klassenzimmer, die vor Schreck erstarrt waren, und wusste offensichtlich nicht, wie er reagieren sollte. Also reagierte er auf die einzige seinem Wesen entsprechende Art und Weise, indem er in Harnisch geriet. Dabei gebärdete er sich derart grässlich, dass ich mich noch heute frage, warum keiner der siebenundzwanzig Menschen im Klassenzimmer zu Tode kam.
Eine großzügige Spende meiner Familie an das Gymnasium ließ die Sache zeitnah in Vergessenheit geraten, auch der Professor der Biologie durfte an der Schule verbleiben. Er bekam einen grauen Arbeitsmantel ausgehändigt, humanerweise mit dem Hinweis, dass er sich dieses Mantels selbstverständlich entledigen durfte, wenn er den Rasen vor dem Gymnasium zu mähen hatte.

Ich halte es für essenziell zu erwähnen, dass ich auf dem Kronleuchter der Gottesfurcht nicht das hellste Licht bin. Ich hatte meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag zelebriert. Da meine Familie sehr reich ist, hatte ich eine Vielzahl an jungen Frauen in die palastartige Behausung meiner Eltern bestellt und mich mit jeder einzelnen dieser jungen Frauen in mein Schlafgemach zurückgezogen (mit einer zweimal, mit einer anderen sogar dreimal), was sowohl den jungen Frauen als auch mir großen Spaß bereitet hatte.
Der Zufall wollte es, dass der Großpatriarch der schwarzrussisch-orthodoxen Glaubensfirma am darauffolgenden Tag auf dem Hauptplatz der Hauptstadt das alljährliche öffentliche Bekennen der Sünden abhielt. Ich bat die jungen Frauen, einen weiteren Tag mit mir zu verbringen und dort auf dem Hauptplatz ihre Sünden öffentlich zu bekennen. Sie entsprachen meiner Bitte bereitwillig, denn ich bin reich, und ich fuhr mit ihnen in drei eigens angemieteten Bussen zum Hauptplatz. Das Bekennen war bereits in vollem Gang, als wir dort eintrafen. Nachdem ich mir nie etwas zuschulden kommen lasse, verzichtete ich darauf, in das mir vor die Nase gehaltene Mikrofon zu sprechen und gab dieses an die erste der jungen Frauen weiter und forderte sie auf, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen und gänzlich ungeniert ihre Sünden des vergangenen Jahres zu bekennen.

Als diese erste der jungen Frauen begann, ihre Sünden zu bekennen, erhob sich sowohl Raunen als auch Murren in den Reihen der braven schwarzrussischen Bürger, denn sie nahm sich in der Tat kein Blatt vor den Mund. Dem Großpatriarchen stieg das Blut zu Kopf, dann entwich es diesem wieder, dann stieg es wieder hoch, was sich als farblicher Kontrast zu seiner rosafarbenen Kutte schlicht köstlich ausnahm. Als die zehnte der jungen Frauen an der Reihe war, herrschte bloß peinlich berührtes Schweigen, lediglich das Knacken der Fingerglieder des Großpatriarchen war zu vernehmen – ich vermute, er war zu diesem Zeitpunkt bereits in Harnisch geraten. Als die letzte der jungen Frauen das explizite Aufzählen ihrer Sünden beendet hatte, war sein Antlitz purpurrot angelaufen, und seine zitternden Hände waren zu Fäusten geballt. Niemand auf dem Platz sagte ein Wort. Ich war hochvergnügt und musste plötzlich lachen. Ich lachte jedoch nicht wirklich – vielmehr prustete ich los. Die Augen aller Menschen auf dem Platz waren auf mich gerichtet, und ich machte mich mit den jungen Frauen auf den Weg zu den Bussen. Ich hatte den Großpatriarchen lehrbuchmäßig schabernackiert.

Gestern hat mich mein Vetter Wladimir Stiernoff besucht, er hatte seinen erst kürzlich erworbenen Hund dabei. Bei diesem Hund handelt es sich um ein Exemplar der Rasse Schwarzrussischer Flohwinscher. Hunde dieser Rasse erreichen eine maximale Schulterhöhe von zehn Zentimetern. Es trifft sich gut, dass ich vor drei Tagen Ratten entdeckt habe, die sich in meinem Park eingenistet haben. Vor zwei Tagen konnte ich drei dieser Ratten fangen. Diese drei Ratten sind männlichen Geschlechts, so wie der Hund meines Vetters. Seit Stunden überlege ich, wie ich den Hund den Ratten näherbringen kann. Sofern überhaupt noch vorhanden, dürfte der rosafarbene Nagellack meiner Großmutter eingetrocknet und somit für meine Zwecke ungeeignet sein. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass ich eine Lösung für dieses Problem finden werde …

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 16134

Mittelstand und Mittelstrand

Die Österreicher haben, mit wenigen Ausnahmen, gelernt, ihren Unmut über die Politiker des eigenen Landes durch eine Veränderung ihres Wahlverhaltens zu äußern. Dass sie hierbei eine starke Tendenz nach weit rechts erkennen lassen, ist legitim, schließlich machen sie ihre Kreuzchen beim Spitzenkandidaten einer im Parlament vertretenen Partei, jedoch zeugt es ebenso wenig von Selbsterkenntnis wie von ökonomischem Weitblick.
Es ist nichts anderes als eine Protesthandlung, gleich der eines Welpen. Sie mag auf den ersten Blick verständlich erscheinen, doch nötigt der Welpe seine Halter und nicht zuletzt sich selbst, auf einem verunreinigten Teppich zu gehen.
Die Ursache des Malheurs ist, wie so oft, ein Irrtum.

Viele Jahre wurde den Menschen, die eine evidente oder vermutliche Inklination zum rechten Rand haben, über die Medien ausgerichtet, dass sie den neuen Mittelstand dieses Landes bildeten.
Und, seien wir ehrlich, welcher Mensch fühlt sich nicht in seinem, gleich wie beschaffenen, Dasein bestätigt, wenn er erfährt, dass er ein Teil der Mitte der Gesellschaft ist?
Er hat die selben Sorgen wie die anderen Angehörigen des neuen Mittelstandes. Alle paar Jahre einen neuen unterklassigen gebrauchten deutschen sogenannten Mittelklassewagen erstehen zu können – das eint ebenso wie der Drang, sich auf dem mittleren Badestrand eines ägyptischen All-inclusive-Hotels die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Wenn alle die Strände links und rechts des mittleren meiden, wird das schon seinen Grund haben.
Der Mensch von Welt und neuem Mittelstand achtet darauf, das neueste Smartphone zu besitzen und ist stets vielkanalig empfangsbereit, um nichts Relevantes zu verpassen. Seine Freunde, in den sozialen Netzwerken zwangsläufig zahlreicher als im realen Leben, leiten Meldungen weiter, posten Fotos und eigene geistige Ergüsse, die ihn in seinen Ansichten bestärken. Das ist nur logisch – schließlich wären sie nicht seine virtuellen Kumpane, würden sie Dinge von sich geben, die dem, was er hören und lesen möchte, diametral gegenüberstehen.

Weil er mit den Regierenden unzufrieden ist, wählt er einfach den Mann, der seiner und der Ansicht seiner Freunde nach der Erlöser Österreichs sein wird. Dieser ist kein Freund von Menschen mit Migrationshintergrund. Sie würden den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen.
Der Mensch des neuen Mittelstandes hat Angst vor Ausländern, weil der fesche Politiker ihm ständig, oft laut schreiend, mitteilt, dass diese gefährlich wären. Ob die Putzfrau seines Stammlokals Ausländerin ist, kümmert ihn nicht, denn er besucht das Gasthaus oder die Diskothek stets in den Abendstunden, und geputzt wird dort am Morgen.
Dann wird der Oppositionelle Bundeskanzler und tatsächlich ist von einem Tag auf den anderen alles anders im Staate Österreich.

In Windeseile werden die Ministerien umgefärbt, und auch in staatsnahe Betriebe werden Männer gesetzt, die ihre Ideologie auf der Zunge, im Herzen und auf der Wange tragen.
Die Warnungen der Intellektuellen erreichen zwar die Ohren der neuen Mittelständler, lösen sich jedoch zwischen diesen im Nichts auf. Dass Österreich innerhalb der Europäischen Union isoliert ist, stört die neuen Machthaber nicht – sie sind viel zu beschäftigt, ihre eigenen Leute an den Trog zu führen, und dies in einer Aura aus beinhartem Neoliberalismus, gepaart mit alter Deutschtümelei.
Bald erkennt der Mensch des neuen Mittelstandes, dass er in einen Angehörigen der nun neuesten Mitte transformiert wurde.

Das neue gebrauchte Auto geht sich nicht mehr aus, das Smartphone ist zu alt, um darauf die neuesten Serien in halbwegs guter Qualität anschauen zu können, und der mittlere Strand des Hotels ist für Menschen reserviert, die dem Mittelstand anderer Länder angehören und es sich immer noch leisten können, dort zu liegen.
Was wird er also tun?
Er geht auf die Straße und fordert mehr Geld, doch es ist keines da. Nun sieht er ein, welche Dummheit er begangen hat, diesen Politiker zu wählen.
Plötzlich ist er den Mitbürgern, die eine andere politische Einstellung haben, nicht mehr übel gesonnen. Er biedert sich ihnen vielmehr an, verweist darauf, dass sie nur gemeinsam den Staat sanieren könnten.
Es gibt Neuwahlen und eine neue Regierung. Sie verspricht, die Ordnung wieder herzustellen.

Der erst neue, dann neueste Mittelstand findet sich dort wieder, wo er ökonomisch und intellektuell hingehört, und ist froh, dass alle Staatsbürger gemeinsam die Last zu tragen haben, die die abgewählten Machthaber dem Land durch wirtschaftliche Unwissenheit, Egoismus und Nepotismus aufgebürdet haben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16103

Ein Stück Papier

Gestern saß ich in meiner Stammbuchhandlung und blätterte in einem Buch von Joseph Roth, den ich sehr schätze.
Die Tür ging auf und eine Familie betrat den Laden. Der Mann war westlich gekleidet, seine Frau trug ein langes Kleid und war verschleiert, zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, hielten ihre Hände. Ich schenkte den Menschen keine Beachtung und las einige Sätze in verschiedenen Essays und Reportagen Roths. „Was ist ein Mensch ohne Papiere? Weniger als Papier ohne einen Menschen.” Dieser Satz brachte mich zum Nachdenken.
„Wie”, fragte ich mich, „wird diese Familie in Anbetracht der gegenwärtigen Situation in Europa wahrgenommen? Werden diese Menschen als potenzielle Gefahr angesehen, oder werden ihnen Respekt und Mitmenschlichkeit entgegengebracht?” Ich legte das Buch zur Seite und beobachtete die Situation an der Kasse, wo der Mann der Aushilfskraft dahinter in gebrochenem Deutsch verständlich zu machen versuchte, dass er einen Stadtplan von Graz erwerben wollte, um problemlos die Standorte diverser sozialer Einrichtungen ermitteln zu können.

Die Körpersprache der Angestellten, die ich noch nie in der Buchhandlung arbeiten gesehen hatte und die von einem Schildchen auf ihrer Bluse als Hilde ausgewiesen wurde, ließ deutlich erkennen, dass sie keine Freude daran hatte, sich mit offenkundig vor einem Krieg geflohenen Menschen abgeben zu müssen. Sie hatte zwar die freundlichste Miene aufgesetzt, zu der sie in dieser Situation wohl fähig war, doch ihre blauen Augen blickten kalt auf die Kundschaft und sie sprach absichtlich in so schlechtem Deutsch, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass sie den Mann spöttisch nachäffte.
Ich blieb im bequemen Ledersessel sitzen und dachte mir: „Was gehen mich die Probleme dieses Mannes, sich verständlich zu machen, an? Jeder Mensch muss selbst sehen, dass er zurande kommt.” Diese Überzeugung hatte ich mein ganzes Leben lang, also neundreißig Jahre.

Der Mann, der sich im Laufe der Diskussion mit Hilde als Flüchtling zu erkennen gab, hatte sehr wohl bemerkt, dass die junge Frau ihm nicht gewogen war, und wandte sich an seine Ehefrau, die, da ihre Hände in denen ihrer Kinder lagen, mit dem Kopf in Richtung Tür deutete. Ich wandte meinen Blick von der Szene ab und richtete ihn auf die Buchrücken, die mich umgaben. Ich sah Werke von Faulkner und Hemingway in den Regalen, dann die Fitzgeralds, meines Lieblingsautors.
Das kleine Mädchen begann zu weinen, einerseits, weil es die unschöne Szene mitbekam, und andererseits, weil es von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde und nicht von Neugierde getrieben durch den Laden laufen konnte. Da fiel mir ein Satz von Fitzgerald ein: „Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.”

Plötzlich überdachte ich meine Überzeugung, dass jeder Mensch sich selbst zu helfen habe. Mir wurde bewusst, dass ich mich in einer Höhle befand, und das ganze sechs Jahre vor meinem fünfundvierzigsten Geburtstag. Ich war erschrocken über den Menschen, zu dem ich mich entwickelt hatte, und musste handeln.
Also erhob ich mich aus dem Sessel, ging zu der Familie und kaufte einen Stadtplan von Graz, welchen ich dem Mann gab, und wünschte ihm auf Französisch viel Glück in der Steiermark. Das Ehepaar bedankte sich sehr herzlich, und bevor ich die Buchhandlung verließ, riet ich Hilde, künftig ausschließlich mit ihrem Papagei in bemüht schlechtem Deutsch zu sprechen, denn der Vogel wäre wohl das einzige Lebewesen, das von ihr etwas lernen könnte.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16109

Noch Kinder

‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’
Dieser Satz von F. Scott Fitzgerald ist sowohl tiefe Erkenntnis über das Wesen des Menschen, als auch Aufforderung, den eigenen Standort von Zeit zu Zeit infrage zu stellen und seine Standpunkte gegebenenfalls nachzujustieren, wie es Alois Pichler in dieser Erzählung macht.

Es war ein Morgen wie jeder andere im Leben von Alois Pichler. Er erwachte um neun Uhr, stellte den Wecker ab und ging in den Stall, um nach seinen Schweinen zu sehen. Nachdem er sie versorgt hatte, ging er zum Gartentor, öffnete seinen Briefkasten und nahm die Zeitung heraus. Dann brühte er sich eine große Tasse starken Kaffee und begann mit der Lektüre.
Seit ihn seine Frau sieben Jahre zuvor verlassen und die gemeinsamen Kinder mitgenommen hatte, lebte er alleine auf seinem Bauernhof in Weintarg, einem kleinen Dorf in der Nähe der steirischen Landeshauptstadt Graz. Er hatte ihn von seinen Eltern übernommen und führte ihn so gut es ging, und alle paar Jahre hatte er genug Geld gespart, um sich einen neuen Geländewagen kaufen zu können.

Die Schlagzeile auf der Titelseite ließ ihn erstarren. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt, und er fragte sich, ob diese Wallungen vom Obstler herrühren konnten, den er am Abend zuvor überreichlich genossen hatte.
„Nein, das kann nicht sein”, brummte er. Schnaps hatte er immer gut vertragen.
Aus diesem Umstand schloss er, dass die Schlagzeile ‘Flüchtlinge: Weintarg bekommt Asylzentrum’ ihn aufgeregt haben musste.
„So etwas!”, rief er in den Raum, in dem er alleine saß. „Jetzt kommen die Ausländer zu uns! Nun müssen wir uns warm anziehen!”
Da es ein warmer Vormittag im September war, verzichtete er darauf und ging barfuß und in kurzen Hosen auf seinem Grundstück auf und ab.
‘Ich habe ja nichts gegen Ausländer!’, dachte er immer wieder. ‘Aber diese Fremden sind nicht von hier!’

Er beschloss, zum Gemeindeamt zu fahren und die Sache mit Franz Möstl, dem Bürgermeister, zu besprechen. Wichtige Angelegenheiten klärte Alois stets an oberster Stelle, und da Möstl sein Freund und Trinkkumpan war, war er zuversichtlich, dass seine Intervention das Asylantenheim würde verhindern können.
„Es tut mir leid, Alois, aber da ist nichts zu machen. In diesem Fall beginnt die Befehlskette im Innenministerium und endet hier bei mir”, sagte Möstl.
„Wie kannst du so etwas nur zulassen, Franz?”, rief Pichler, packte den Bürgermeister an den Schultern und schüttelte ihn.
„Mir sind die Hände gebunden”, stöhnte der Politiker und befreite sich aus dem Griff seines Freundes. „Warte erst mal ab, Alois. So schlimm wird es schon nicht werden.”
„Nein, sicherlich nicht”, spottete Pichler. „Es wird noch schlimmer werden!”
„Trink erst mal einen Obstler”, meinte Möstl und stellte eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch.
Nachdem sie einander zugeprostet und ihre Gläser in einem Zug geleert hatten, fuhr er fort: „Übermorgen findet in der Mehrzweckhalle ein Informationsabend zu diesem Thema statt. Da werden alle Fragen beantwortet.”
„Ach, das bringt doch nichts”, seufzte Alois, nahm die Flasche und füllte die Gläser wieder an.
„Du wirst gut mit den neuen Mitbürgern auskommen, Alois”, prophezeite der Bürgermeister zum Abschied.

Wieder auf seinem Hof, bereitete Pichler einen zünftigen Grenadiermarsch zu, seine Leibspeise. Während er aß, dachte er an die seinem Dorf bevorstehende Prüfung und kam zu dem Schluss, dass sich ‘das Ganze nicht ausgehen’ konnte.
Dennoch nahm er am Informationsabend teil. Er saß in der ersten Reihe und lauschte den Ausführungen Franz Möstls. Nachdem dieser fertig gesprochen hatte, forderte er die Anwesenden auf, ihre Meinung zu äußern oder Fragen zu stellen.
Erst wagte niemand, dies zu tun. Dann erhob sich Alois und die Augen aller waren auf ihn gerichtet.
Er errötete und stammelte: „Ich möchte nach Hause gehen, und dazu muss ich eben aufstehen.”
Der ganze Saal begann zu lachen, dann lachte auch Alois und stolzierte in seinem besten Steireranzug aus der Mehrzweckhalle.

Mit den Dorfbewohnern sprach Pichler selten. Er galt in Weintarg als Sonderling, dem man besser nicht zu nahe kam. Schließlich war ihm die Frau davongelaufen und hatte sogar die Kinder mitgenommen. Er musste also ein wenigstens einigermaßen schlechter Mensch sein.
Dass sich das Ehepaar Pichler schlicht auseinandergelebt und die Notbremse gezogen hatte, damit die Kinder nicht leiden mussten, wusste niemand außer Franz Möstl. Alois hatte es nie für notwendig erachtet, den Leuten den wahren Sachverhalt zu erläutern, denn was diese dachten und redeten, war ihm gleichgültig, und Franz hatte sich zur Trennung seines Freundes aus Gründen der Diskretion nie geäußert.

Drei Wochen später kamen die Flüchtlinge.
Sie wurden in einem leerstehenden Gebäude neben der Volksschule untergebracht, das den fünfundzwanzig Menschen genug Platz bot, sodass die vier Familien auch räumlich beisammenbleiben konnten.
‘Was hätte die Gemeinde mit diesem Gebäude alles machen können!’, dachte Pichler und malte sich aus, welchem anderen Zweck das seit Jahren leerstehende Gebäude hätte dienen können. Er wusste, dass es sich um ein schönes Bauwerk handelte, doch konnte er sich nicht mehr an dessen Farbe erinnern, so lange hatte er es weder gesehen noch daran gedacht.

Er fuhr zum Kaufhaus, um Lebensmittel für das Wochenende einzukaufen. Als er in der Schlange vor der Kasse stand und sich umdrehte um zu sehen, wer hinter ihm wartete, sah er ein Ehepaar mit drei quengelnden Kindern. Er erkannte sofort, dass es sich um Flüchtlinge handelte.
‘Jetzt habe ich sie im Rücken’, dachte er, und als er seinen Blick wieder nach vorn richtete: ‘Um Gottes Willen! Die alte Frau Egger erzählt der Kassiererin wieder von ihren Enkelkindern. Das dauert jetzt sicherlich eine halbe Stunde.’
Die drei Kinder hinter ihm wurden immer unruhiger und Frau Egger immer redseliger. Da wurde Alois Pichler zornig.
„Frau Egger!”, rief er. „Erzählen Sie schon wieder von den Kindern Ihrer Tochter?”
Die Angesprochene sah ihn an und erschrak, doch wandte sie sich wieder der Kassenkraft zu.
Alois ließ nicht locker.
„Wann wird denn Ihre Enkeltochter anfangen, in Graz als Tänzerin zu arbeiten, so wie ihre Mutter?”
Frau Egger zog schnell einen Geldschein hervor, bezahlte ihren Einkauf und verließ mit hochrotem Kopf den Laden.

Die Kinder hinter Alois hatten inzwischen zu weinen begonnen und deren Eltern wurden der Lage nicht Herr, denn sie waren zum ersten Mal in Österreich und darüber hinaus in diesem Geschäft im steirischen Weintarg. Sie waren also verwirrt und unsicher.
Pichler fühlte, dass er etwas tun oder sagen musste. Er ging nach vorn zur Kasse, wo die Süßigkeiten in Regalen lagen, nahm drei Säckchen mit Bonbons und sagte zur Kassiererin: „Die rechnest du bei mir dazu.”
Dann ging er zu den Kindern, drückte jedem ein Säckchen in die Hand und sagte: „Bald könnt ihr dieses Geschäft verlassen.”
Die Kinder hörten auf zu weinen und jedes nahm ein Bonbon aus seiner Tüte und steckte es in den Mund.
Die Eltern gaben Alois die Hand und sagten: „Thank you very much, Sir.”

Ein paar Tage später saß Pichler auf der Holzbank vor seinem Wohnhaus und spielte mit den Kätzchen, die seine Katze kurz zuvor geworfen hatte. Eine Familie ging an seinem Grundstück vorbei. Die beiden kleinen Töchter sahen die jungen Katzen, rissen sich von ihren Eltern los und liefen zu Alois, um auch mit den Tieren zu spielen.
Die Eltern liefen ihnen nach, doch als der Besitzer der Kätzchen ihnen mit einer Handbewegung bedeutete, dass die Kleinen die Tiere ruhig streicheln durften, standen sie fünf Minuten neben ihrem Nachwuchs und sahen diesem zu. Dann zogen sie ihre Töchter von Pichlers Grund, was die Mädchen zum Weinen brachte.
‘Das war wohl eine neue Erfahrung für die fremden Kinder’, dachte Alois. ‘Dort, wo sie herkommen, gibt es wahrscheinlich keine kleinen Katzen – und wenn doch, werden sie bestimmt schnell so groß wie Geparde oder so etwas. Na ja, sie hätten sicher gerne länger mit den Kätzchen gespielt, aber so ist nun einmal das Leben.’

Am Abend dieses Tages saß Alois in seiner guten Stube vor einem Glas und einer Flasche Obstler und dachte an die beiden Mädchen.
Da erinnerte er sich daran, welche Tiere und Geräte er als Kind unbedingt hatte haben wollen, jedoch nicht bekommen hatte, weil seine strengen Eltern stets dagegen gewesen waren.
„Wozu brauchst du einen Hund? Richte doch ein Schwein ab!”, hatte sein Vater oft gesagt.
„Wir hatten auch keinen Computer und sind dennoch erfolgreiche Bauern geworden!”, hatte eine der Standardantworten seiner Mutter gelautet.
„Es sind ja noch Kinder!”, rief Alois. „Kinder, die auf dem Land aufwachsen müssen, in der Steiermark!”
Er trank die Flasche aus und nahm sich vor, am nächsten Tag zu handeln.

Nachdem er seine Ferkel versorgt hatte, fing Alois sämtliche Kätzchen auf seinem Hof ein, setzte sie in einen Karton mit Luftlöchern und legte diesen auf den Beifahrersitz seines Autos. Dann ging er in den Keller und holte ein Dutzend Gläser mit eingelegtem Gemüse, welche er im Kofferraum verstaute.
Er startete den Wagen und fuhr zum Gemeindeamt. Dort sagte er zu seinem Freund, dem Bürgermeister: „Komm, Franz! Wir fahren zu den Flüchtlingen.”
Franz Möstl blickte ihn erschrocken an und fragte: „Was hast du vor, Alois?”
„Ich werde den Menschen etwas schenken.”
Sie fuhren zum Asylzentrum und Alois überreichte den Kindern die Kätzchen und den Erwachsenen die Einmachgläser.
Die Freude bei den Flüchtlingen war riesengroß und Alois Pichler fuhr in dem Wissen, etwas Gutes getan zu haben, zurück zu seinem Hof.
‘Es sind ja noch Kinder’, dachte er. ‘Und auch deren Eltern sollen etwas Vernünftiges zu essen haben.’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16108

Stoßlos

Nachdem ich heute – nach einem Besuch bei meinem Zahnarzt wollte ich mich bewegen, um mein Blut zum ordnungsgemäßen Zirkulieren zu animieren, auf dass es das Narkosemittel rasch abbauen helfen konnte – über die Tuchlauben gegangen war, freute ich mich darauf, die Hofburg geschwind hinter mir lassen zu können.

Es waren nämlich keine von Fremdenführern geleiteten Gruppen von Touristen auszumachen, welche diesen Führern, wie eine Schafherde ihrem Leithammel, auf Schritt und Tritt folgen, und welche ich überaus grässlich finde. Oft genug setzen sich diese Gruppen aus Menschen zusammen, sowohl fremdländischer als auch offensichtlicher ländlicher Provenienz, welchen, ich kann es nicht anders ausdrücken, ein boviner Gesichtsausdruck zu attestieren ist. Es ist nicht so, dass ich mich an Menschen stören würde, welche ein kuhhaftes Äußeres zur Schau tragen, Gott bewahre. Es ist mir wirklich gleichgültig, wie ein Mensch von Mutter Natur erschaffen wurde, oder wie er sich zurechtmacht. Niemand kann etwas für sein Aussehen, und viele Menschen können es sich nun einmal nicht leisten, sich Kleidung zu kaufen, die mir persönlich als wenigstens einigermaßen stilvoll erscheint, oder wollen dies auch nicht, wenn in den Ländern, aus welchen sie nach Österreich kommen, ihr Kleidungsstil nicht bloß gesellschaftlich akzeptiert, sondern üblich ist.

Ich störe mich an diesen Gruppen aus einem gänzlich anderen Grund. Sie hindern mich nämlich am Gehen, und zwar, um präzise zu sein, am Halten meines Schritttempos. Es ist so, dass ich für gewöhnlich schnell gehe. Dieses schnelle Gehen ist zum einen der Sport, den ich am meisten schätze, und der einzige, den ich betreibe, zum anderen ist es die Art und Weise, die ich als die für mich geeignetste erachte, um Inspiration für mein literarisches Schaffen zu finden.
Ich musste mich also durch gleich zwei Touristengruppen kämpfen, welche ich davor nicht gesehen hatte, denn beide befanden sich im Innenhof der Hofburg. Ich drängte mich an den Menschen vorbei und fragte mich, auf wie vielen Fotos ich zu sehen sei, denn ich habe schon vor geraumer Zeit aufgehört, stehenzubleiben, wenn ich Touristen sehe, die sich gegenseitig ablichten, wenn die Linie zwischen Linse und porträtierter Person meinen Weg kreuzt. Doch gäbe es einen Anlass für mich, wirklich sofort stehenzubleiben, um das Gelingen eines Fotos nicht zu gefährden: Nämlich dann, wenn ein Tourist ein eben defäkierendes Fiakerpferd ablichten möchte. Dafür hätte ich Verständnis, ehrlich. Ich halte dieses Motiv eben für in hohem Ausmaß geeignet, als repräsentative Erinnerung an Wien herzuhalten, zumal das Foto in einer Stadt geschossen werden würde, deren innerster Bezirk ständig erfüllt ist vom Geruch der Hinterlassenschaften dieser Pferde.

Ich überquerte die Ringstraße und bog daraufhin links ab, um den Touristen beim Denkmal für die Kaiserin zu entgehen, also wanderte ich der Fassade des Kunsthistorischen Museums entlang.
Eine Rabenkrähe flog etwa fünf Meter vor mir über den Weg. Ich schaute dem Vogel nach, denn ich bin sehr interessiert an der Ornithologie, und stellte fest, dass er keinen Stoß mehr besaß. Der Terminus Stoß bezeichnet im Übrigen das, was gerne als der Schwanz eines Vogels bezeichnet wird. Die Krähe musste ihres Stoßes schon vor einiger Zeit verlustig gegangen sein, denn ihr Flugverhalten war als völlig normal zu bezeichnen.
Ich fragte mich, wie es wohl dazu gekommen sein könnte, dass die Krähe ihren Stoß verloren hatte, doch gelangte ich zu keiner befriedigenden Antwort. Ich wanderte weiter auf meinen angestammten Wegen der Inspiration, also durch den siebenten Bezirk, der mein Lieblingsbezirk in Wien ist, obgleich ich niemanden persönlich kenne, der in diesem Bezirk wohnt, der charakterlich oder intellektuell einigermaßen interessant für mich wäre.

Ich ging also mit zügigen Schritten durch diesen Bezirk und beobachtete aufmerksam die Menschen und Gebäude, denn durch dieses Dinge-auf-mich-einwirken-Lassen habe ich bereits viele Themen erkannt, über die es zu schreiben lohnt und über die ich dann geschrieben habe. Heute jedoch gelang mir das nicht. Ich betrachtete viele Menschen, alleine oder zu mehreren sitzend, gehend oder laufend, und Bauwerke, las im Vorbeigehen Plakate und sonstige Schriften auf ihren Fassaden, doch sah ich nichts und niemanden, der oder das eine Story wert gewesen wäre.
Kurze Zeit nachdem ich den Scheitelpunkt meiner üblichen Runde hinter mich gebracht hatte, erkannte ich, dass ich bereits etwas gesehen hatte, was es wert war, darüber zu schreiben, und zwar nicht auf meiner eigentlichen Runde durch Neubau, sondern beim Kunsthistorischen Museum, nämlich die Rabenkrähe, der der Stoß fehlte. Obgleich ich keine Erklärung für dessen Fehlen hatte finden können, ließ mich der Gedanke an diesen Vogel nicht los. Ich dachte ständig an dieses Bild, das immer noch vor meinem geistigen Auge stand, während ich alles beäugte, was mich umgab.
Es war das Fehlen eines für das Flugverhalten eines Vogels essenziellen Teils, das jedoch ohne Folgen geblieben war.
„Wie kann es sein”, fragte ich mich, „dass ein Wesen seinem Tagesablauf ohne erkennbare Einschränkungen folgen kann, obwohl diesem Wesen eine so wichtige körperliche Voraussetzung dafür abhandengekommen ist? Wie kann man sich so verhalten, obwohl einem, wenigstens in gewisser Weise, der Boden unter den Füßen weggezogen wurde?”

Ich selbst war lange Zeit nicht in der Lage, einem auch nur einigermaßen geregelten Leben nachzugehen. Mein Tagesablauf war sehr wohl geregelt. Aufstehen, Texte in den Computer hämmern, zu Mittag essen, danach weiterhämmern oder fernsehen, schließlich ein Spaziergang und am Ende stand das Schreiben im Salzamt. An vielen Tagen zumindest. An den anderen unterließ ich das Schreiben und trank grässlich viel. Das unkontrollierte Saufen und Nichtschreiben hatte den, durchaus angenehmen, Nebeneffekt, dass ich am Tag darauf keine Texte abzutippen hatte. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen worden, und ich konnte keine Möglichkeit erkennen, somit auch nicht nützen, sie wieder auf diesen zu stellen.
Und doch habe ich den Boden wieder berührt. Es ist nicht so, dass ich mein gesamtes Körpergewicht auf diesen hätte wirken lassen können, um dadurch auf einem sicheren Fundament zu stehen zu kommen, aber Berührungen, wenn auch sanfte, waren immerhin ein Anfang.

Ich erkannte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Rabenkrähe und mir.
Ich weiß natürlich nicht, kann es gar nicht wissen, was der Vogel gefühlt hat, als ihm sein Stoß abhandenkam. Hat er, in einer Art Schockstarre, alles fallenlassen, alles fahrenlassen? Hat er sich zurückgezogen, in die innere Klause, einem Eremiten gleich?
Ich habe so gehandelt.
Nein, das hat die Krähe natürlich nicht gemacht. Ansonsten hätte ich sie heute nicht sehen können. Denn dann wäre sie gestorben, was heißt verendet. Sie wäre schwach geworden, körperlich schwach, und einem Fuchs, Marder oder gefiederten Beutegreifer zum Opfer gefallen. Sie ist ihrem Instinkt gefolgt, der ihr sagte, dass sie weiterkämpfen muss. „Du, Rabenkrähe”, so lauteten anzunehmenderweise seine unhörbaren Worte, „musst trotz deiner nunmehrigen Beeinträchtigung weiterkämpfen und das Fliegen wenigstens so gut wiedererlernen, dass du dir Nahrung suchen kannst, denn sonst stirbst du!”
Die Krähe war, zwar von ihrem Instinkt gesteuert, aber dennoch, vernünftiger als ich, denn ich habe mich in gewissen Phasen zu gewissen Zeiten mit der zeitnahen Endlichkeit meines Lebens abgefunden.

Dass es letzten Endes doch nicht so weit kam, habe ich wohl meinem eigenen Überlebensinstinkt zu verdanken, der erwiesenermaßen bei Weitem schwächer ausgeprägt ist als der von Tieren, ansonsten hätte ich weit weniger Zeit benötigt, um zu erkennen, dass das Leben einfach weitergehen muss.
Denn dessen Ende ist ohnehin unausweichlich. Warum also sollte ein Mensch wie ich, der eine stark ausgeprägte Inklination hat, gegen Handlungen, Ansichten und Verhaltensweisen zu rebellieren, ausgerechnet gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes und die Unklarheit, wann dieser eintreten wird, ankämpfen, indem ich diesen selbst herbeiführe? Das wäre erstens ein zu großes Risiko, denn vielleicht kommt doch noch was, und zweitens wäre es höchst inkohärent in Hinblick auf mein bisheriges stetes rebellisches Verhalten, was zum Beispiel Arbeit anlangt. Denn so grässlich der schwarze Wolf der Depressionen und die Oberflächlichkeit mancher Leute auch waren und sein mögen, an ihnen zugrunde zu gehen, das steht nicht dafür.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 16107

Brief an Felix

Lieber Felix,

Du wurdest im Jahr 2015 geboren. In diesem Jahr befand sich die Welt in einer Krise, deren Ausgang vorherzusagen mir zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen im Salzamt zu Papier bringe, nicht möglich ist.
Ich bin jedoch zuversichtlich, dass an dem Tag, an dem Du diesen Brief liest, die Stabilität wieder eingekehrt ist. Irgendwie ist es immer mit der Welt im Allgemeinen und mit Europa im Speziellen weitergegangen. Du kannst auf jeden Fall dankbar sein, dass Du im Herzen Europas aufwächst, einem nunmehrigen Hort der Menschenrechte und einem althergebrachten der Kunst – und das musst Du auch. Kleinere Störgeräusche gab es immer und wird es immer geben, doch im Großen und Ganzen ist hier ein sicheres und lebenswertes Existieren möglich.

Was ich mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass Du auf eine gänzlich andere Art und Weise aufwachsen wirst, als meine geliebte Schwester, Deine Mutter, und ich selbst aufwachsen durften.
Nun wirst Du wahrscheinlich schmunzeln, denn unser Aufwachsen wird Dir veraltet, wenn nicht gar archaisch erscheinen. Nun schmunzle auch ich, denn verglichen mit der heutigen Zeit war es das auch. Ich hatte meine erste E-Mail-Adresse im Alter von einundzwanzig Jahren, also, so nehme ich an, zumindest zehn Lebensjahre später als Du.
Du wirst von Kleinkindbeinen an vertraut sein mit modernen Kommunikationsmitteln, wie auch mit dem Internet. Dies ist durchaus zu befürworten: Die Möglichkeit, Informationen binnen Sekunden in mund- oder vielmehr gehirngerechten Happen auf dem Tablet oder Mobiltelefon serviert zu bekommen, ist ebenso begrüßenswert wie verführerisch und wohl auch notwendig.

Jedoch ist nicht alles, was diese drei Adjektive in sich vereint, frei von Gefahren (so wie -fast- alles Gute auch seine negativen Seiten hat – aber das hast Du zu dem Zeitpunkt, an dem Du diesen Text liest, bestimmt schon erfahren müssen).
Ich meine damit keineswegs die Überwachung durch den Staat oder ausländische Geheimdienste oder Augenschäden durch zu lange Interaktion mit einem Display und diesen ganzen Zinnober, denn all das ist unausweichlich und als Tatsache hinzunehmen (bis auf den Augenschaden hoffentlich).
„Was ist ein Mensch ohne Papiere? – Weniger als Papier ohne einen Menschen”, hat Joseph Roth geschrieben.
Heute würde er wohl folgende Worte zu Papier bringen: „Was ist ein Mensch ohne Smartphone? – Weniger als ein Display ohne einen Menschen.”
Joseph Roth war gewiss kein einfacher Mann. Er hatte mit vielen Problemen zu kämpfen und trägt selbst die Hauptschuld an seinem frühen Ableben.
Doch trotz all der Unmenschlichkeit, welcher er ohne sein Zutun ausgesetzt war, und trotz der schlechten Erlebnisse mit anderen Menschen, für die er sehr wohl etwas konnte, hatte er sich eine, nicht nur in der Literatur seltene, Sichtweise bewahrt, und zwar bis, das ist verbürgt, wenigstens zwei Tage vor seinem elenden Tod: die warmherzige Sicht auf die Menschen.
Er hatte die Menschen geliebt, mit all ihren Schwächen, Fehlern und sonstigen Unzulänglichkeiten. Einen charakterlosen Karrieristen hat er mit der selben Empathie porträtiert wie eine leichte Dame oder eine einfache Frau, die nur das Beste für ihr Kind wollte und doch einsam endete.

Du wirst Dich nun fragen, warum ich Joseph Roth in diesem Brief hervorhebe. Nun, lies seine Werke – sie gehören zum Besten, was ich je gelesen habe.
Nein, das ist natürlich nicht der Hauptgrund. Ich will auf gänzlich anderes hinaus.
Die moderne Kommunikationstechnologie ist kein Fluch, doch birgt sie die Gefahr, dass die Menschen in ihrem Denken uniform (gemacht) werden. Sie werden dazu gebracht, im Strom mitzuschwimmen (ich habe einige Male vom ‘Mitlaufen im Geläuf der Lemminge’ geschrieben – aber das ist meine persönliche zynische Sichtweise auf die Gesellschaft).
Du darfst Dich niemals auf das verlassen, was Dir als Wahrheit vorgegaukelt wird. Ich verwende dieses harte Zeitwort bewusst. Natürlich ist es nicht so, dass alles, was im Internet zu lesen steht, eine glatte Lüge ist.
Wenn Du jedoch die dort gefundenen Informationen einseitig betrachtest und sie als selbstverständlich korrekt ansiehst, begibst Du Dich in die Gefahr, Dir ein Urteil zu bilden, ohne die Sachlage kritisch von mehreren Seiten betrachtet zu haben.

Das Leben hält viele Überraschungen bereit, positive wie auch negative. Die guten tut man allzu oft allzu schnell ab, denn der Mensch erwartet (weil er sich dies naturgemäß wünscht), dass ihm Gutes widerfährt.
Doch auch die schlimmen Dinge (die man, ebenfalls naturgemäß, nicht erwartet hat) haben etwas Gutes – glaube mir, ich weiß wovon ich rede.
Dies zu erkennen erfordert Zeit, und somit Geduld. Ich selbst habe diese Geduld über viele Jahre nicht aufbringen können und habe im Augenblick, also im Affekt, reagiert. Sei vernünftiger als ich, lieber Felix, und habe Geduld.
Die richtige Bewertung einer üblen Sache ist immer immer immer erst dann möglich, wenn man nicht mehr inmitten des mit ihr verbundenen innerlichen Sturmes steht, dann, wenn man mit ihr fertiggeworden ist und sie von außen betrachten kann.
Für diese beiden Bewertungen, sowohl für die von Informationen als auch die des Dir Widerfahrenen, braucht es andere Menschen, und zwar solche aus Fleisch und Blut.
Nur sie können Dir die richtigen Ratschläge geben oder neue Sichtweisen aufzeigen. Die ‘Freunde’ oder ‘Follower’ sind schön und gut, doch die persönliche Kommunikation, die von Angesicht zu Angesicht, ist unerlässlich.

Schon heute, zu meiner Zeit, ist es für jeden einfacher (und ich nehme mich da keineswegs aus), auf den ‘Gefällt-mir-Button’ zu klicken oder ‘Tut mir leid für dich’ auf eine Pinnwand zu schreiben, als sich näher mit Umständen oder Tatsachen zu befassen. Damit ist die Sache dann abgehakt.
Warum ich so kritisch über dieses Thema schreibe: Schon heute hat die Unpersönlichkeit Auswüchse angenommen, die mich erschrecken. Ich fürchte jedoch (und bin mir dessen beinahe sicher), dass sich dieses Phänomen in den nächsten Jahren, also wenn Du aufwächst, noch viel weiter ausprägen wird.
Nun bin ich wieder bei Joseph Roth angelangt.
Du musst einen warmherzigen Blick auf die Menschen richten, vor allem auf die in Deinem persönlichen Umfeld.
Jeder von ihnen hat Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten, auch Du. (Ich natürlich auch – Deine Mutter wird Dir eines Tages sicherlich von diesen erzählen.) Dafür darfst Du die Menschen nicht verurteilen, vielmehr musst Du sie so sehen und annehmen, wie sie nun einmal sind.

Diesen warmherzigen Blick wirst Du an dem Tag entwickeln, an dem Du Deine Fehler akzeptierst. Ich meine die ‘Fehler’, die Deinen Charakter, Dein Wesen ausmachen – keineswegs solche, die Du leicht beseitigen kannst (denn die sollst und musst Du beseitigen). Schließlich werden wir nur mitsamt unseren ‘Fehlern’, ‘Schwächen’ und ‘Unzulänglichkeiten’ ehrlich akzeptiert und (im Idealfall) aufrichtig geliebt, sozusagen als Gesamtpaket.
Von ihnen wissen wirst Du klarerweise schon lange vor diesem Tag, doch erst wenn Du sie als Teil von Dir annimmst, wirst Du sagen können: „Ich bin ehrlich zu mir selbst und weiß von meinen Fehlern.” Und dann, glaube mir das, kommt der schönste Moment, nämlich der, wenn Du Dir sagst: „Ich stehe zu mir selbst.”
Ich kann Dir nicht sagen, wann dieser Tag kommt, niemand vermag das, doch er wird kommen.
Spätestens von diesem Tag an wird es Dir dann auch gleichgültig sein, was die ‘Leute’ sagen. Das konnte es Dir zwar bereits am Tag Deiner Geburt sein, denn sie sind und waren nie wichtig, doch ist es manchmal schwer, das Gefiepe der Lemminge zu überhören.

Lieber Felix, ich wünsche Dir auf Deinem Lebensweg nur das Beste in allen Belangen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16106

Ein Knall und doch kein Fall

Das Leben legt manchmal Fallstricke aus, doch nicht jeder Mensch, der von ihnen zu Fall gebracht wird, fällt tief.
Eine Frau zum Beispiel, die von ihrem Liebhaber schwanger wird, daraufhin ihren Ehemann verlässt und fortan glücklich mit Freund und Nachwuchs lebt, ist, wie man sagt, auf die Butterseite gefallen.
Ein Politiker oder Manager, der, damit er nicht noch mehr Schaden anrichten kann, weggelobt wird, indem er Minister oder Aufsichtsrat wird, fällt definitiv nach oben.
Man sieht: Nicht in allen Fällen muss ein in eine Falle Gefallener seine Felle davonschwimmen sehen oder gar an einen Strick denken.

Karl, ein Österreicher von vierzig Jahren, hat noch nie an einen Strick gedacht, und Felle sieht er nur dann nass werden, wenn er den Bisamratten dabei zusieht, wie sie im Bach schwimmen.
Er denkt stets in großen Dimensionen, denn um Kleines schert er sich überhaupt nicht. Es wäre auch unwirtschaftlich, würde er in seiner liebsten Wirkungsstätte, dem Wirtshaus, kleine Biere konsumieren, denn wie jeder Biertrinker weiß, rentiert sich das nicht. Die große Weiße Mischung, die Karl gelegentlich zu sich nimmt, kostet zwar das selbe wie zwei kleine Spritzer, doch da er nun einmal gerne aus großen Gebinden trinkt, hält er es auch mit dem Spritzwein so. Beim Schnaps dürfen es ruhig kleine Gläser sein, denn diese zeichnen sich durch hohe Stabilität aus. Die ist vor allem dann essenziell, wenn Karl zur Bekräftigung des eben Gesagten mit der Faust auf den Tresen haut und zuvor vergessen hat, das Stamperl auf der Theke abzustellen.

Das Gasthaus ist Karls Lieblingsort, wenngleich es dort Fallen gibt, die er besser meidet. Er verhält sich Menschen, die er nicht kennt, gegenüber zurückhaltend, beinahe maulfaul, denn er sucht tunlichst zu vermeiden, dass sie herausfinden, wie er denkt.
Befindet er sich jedoch im Kreise seiner Trinkkumpane, nimmt er schnell Fahrt auf. Er erklärt, was in der Welt schiefläuft, macht bald die daran Schuldigen aus und gerät derart in Harnisch, dass seine Trinkgesellen ängstlich um sich blicken, ob ein Polizist im Raum ist, wenn Karl seine Lösungsvorschläge unterbreitet, was er oft brüllend macht. Dann denkt er manchmal an seinen Großvater, den er bloß aus Erzählungen kennt und von dem Foto, auf dem sein Ahn die gut sitzende schwarze Uniform eines Standartenführers trägt, und seine Augen werden feucht. Er verlässt das Gasthaus und nimmt auf dem Heimweg aus gesundheitlichen Gründen einen Melissengeist ein.

Am nächsten Morgen duscht er und rasiert sich, dann legt er Tracht an und blättert in der größten kleinformatigen Tageszeitung des Landes. Karl liest erst den Politikteil, dann, um sich wieder abzuregen, die Seiten mit den Gebrauchtwagenanzeigen. Er hätte gerne einen Sportwagen, am besten einen deutschen, doch da ihm das Geld für eine solche Anschaffung fehlt, träumt er einfach weiter davon.
Er geht in den Stall und füttert die Kühe und die Schweine. Eine Magd wäre ihm hierbei eine große Hilfe, doch kann er sich nicht vorstellen, mit einer Frau zu arbeiten. Karl hat Probleme mit Frauen, seit ihm seine davongelaufen ist. Sie konnte seine rustikale Wesensart weder schätzen noch verstehen.
Nach der Versorgung seines Viehs trinkt er ein großes Glas Most, und danach ein weiteres. Hierauf pflegt er in sein Schlafzimmer zu gehen und sein Arsenal an Jagdwaffen zu inspizieren. Die Gewehre liegen unter seinem Bett. Sie sind geölt, in Decken eingeschlagen und stets geladen, denn Karl weiß nur zu gut, dass man nie wissen kann.

Ein tragischer Unfall mit einer Schusswaffe hatte das Leben seines Vaters vorzeitig beendet. Dem Alten hatte es gar nicht gefallen, von seinem Sohn im Jagdrevier um Geld angebettelt zu werden, also hatte er Karls Ansinnen schroff zurückgewiesen. Dieser geriet in Rage, und nachdem sich zwei Schüsse aus seiner einläufigen Flinte gelöst hatten, war er sich sicher, dass er das Geld erhalten würde.
Der Kommissar, der den Unfall bearbeitete, versuchte Karl eine Falle zu stellen, doch dieser fiel nicht hinein. Nach dem Tod seines Vaters fuhr er mit allen zweiundzwanzig Gewehren in den Wald und gab Schüsse aus ihnen ab, sodass es der Polizei unmöglich war festzustellen, durch welche Waffe der Alte zu Tode gekommen war.

Mit Menschen fremdländischer Herkunft hat es Karl nicht so. Sie passen einfach nicht in das Bild, das er vor seinem geistigen Auge hat. Im Zentrum dieses Bildes befindet sich sein Stammlokal, in welches Ausländer niemals einkehren, und das soll, wenn es nach Karl geht, auch so bleiben. Schließlich wird der Boden dieses schönen Ortes jeden Tag von der ungarischen Raumpflegerin aufs Penibelste gekehrt.

Karl liest keine Bücher, aber er weiß dass es Schriftsteller gibt und dass diese schreiben. Gelegentlich nimmt er an kulturellen Veranstaltungen teil, zum Beispiel wenn der Kameradschaftsbund, der Karl selbstverständlich zu seinen Mitgliedern zählen darf, die Einweihung einer neuen Fahne zelebriert. Dann gibt es zu essen und auch zu trinken, und endlich tragen alle Anwesenden ihre Fahnen zu dem Tisch, auf dem die neue Fahne liegt, beugen sich über diese und loben mit schweren Zungen die Kunstfertigkeit, mit welcher das Ritterkreuz gestickt wurde. Da Karl im Gasthaus oft gesagt wird, dass er eine laute und schöne Stimme hat, lässt er diese gerne erklingen und bleibt im Vereinshaus, bis die Fahne weggeräumt ist und der gesellige, der musikalische Teil des Abends beginnt. Dann werden die schweren und blickdichten Vorhänge, die keinen Ton nach draußen dringen lassen und keinen Blick nach drinnen, zugezogen und Karl stimmt ein paar aus der Mode gekommene Lieder über geschlossene Reihen, die Untreue aller und die Insel Kreta an.

Er hat oft Zeit, großen Gedanken nachzuhängen. Er sinniert gerne über eine generelle Neuordnung des Staates Österreich unter der Führung von Generälen. So würde wieder Zucht getrieben und Ordnung einkehren. Wehrdienstverweigerer könnten, an den Pranger gekettet, beschimpft werden und die Grenzen würden dichtgemacht. Karl würde liebend gerne Dienst an der Grenze versehen, doch da er seinen Präsenzdienst nicht ableisten durfte, bleibt ihm diese hehre Aufgabe verwehrt.
Er wurde für untauglich erklärt, nie durfte er sich als Soldat fühlen. Seine Augen wären zu schlecht, hatte er seinen Eltern erzählt.
Die Jagdprüfung legte er mit Bravour ab, womit er das vernichtende Urteil der Militärpsychologin ad absurdum führte, dass er keinesfalls eine Schusswaffe in Händen halten sollte.

Karl ist ein guter Jäger. Jedes Mal, wenn er in sein Revier fährt, kommt er mit Beute zurück. Am liebsten erlegt er Habichte, doch da diese Raubvögel selten und außerdem schwer zu erwischen sind, muss er sich oft mit einem Falken oder Bussard zufriedengeben. Da er darauf achtet, dass nicht zu viele Beutegreifer, wie Füchse oder Dachse, in seinem Wald ihr Unwesen treiben, hat er zahlreiche Fallen ausgelegt, welche ihm einen schönen Ertrag an Fellen einbringen. So besitzt Karl acht Fuchskappen für die kalte Jahreszeit, welche seinen Kopf warmhalten, während eines seiner fünf Katzenfelle seinem Wanst wohlige Wärme spendet.

Karl isst für sein Leben gerne Schweinsbraten aus Bauchfleisch. Das Brechen der im Backrohr kross gegrillten Schwarte ist ihm Lebenselixier und Daseinsbestätigung gleichermaßen. Der austretende Saft lässt ihn auf Beilagen wie Reis oder Salat vergessen, und er bestellt sich oft eine zweite Portion Bauchbraten. Dieses Gericht lässt ihn die Mühe vergessen, die ihm das Streichen von kühlschrankkaltem Grammelschmalz auf sein Frühstücksbrot bereitet hat, und macht ihn zugleich sicher, sich eine solide Unterlage für den Abend zuzuführen. Hin und wieder isst Karl Gemüse, vor allem Essiggurken, die er auf ein Brot mit Hartwurst legt, oder Silberzwiebel, die er neben dieses legt. In der Zeitung liest er gerne die Reklame von Supermärkten, weil er weiß, dass seine bevorzugten Gemüsesorten oft verbilligt sind.

Karl ist kein begnadeter Sportler, dafür aber begeistertes Mitglied des Turnerbundes. Es bereitet ihm Freude zu sehen, dass sich bereits kleine Kinder für die Ideale des Turnvaters begeistern lassen. Sein Herz macht Freudensprünge, wenn seine Augen Knirpse beobachten, wie sie sich an den Geräten versuchen, ganz in weiß gekleidet, mit lediglich drei Buchstaben in Frakturschrift als Farbtupfer. Einmal im Jahr, beim Bergturnfest, feiern sich die Turner und Karl feiert mit. Nach dem Ende der Wettkämpfe, wenn die Sportlichen keine roten Wangen mehr haben, und die Backen von Karl und den übrigen Zuschauern immer roter werden, wenn die Sonne ihre letzten warmen Stahlen auf die Szenerie fallen lässt und die Polizisten weg sind, gefällt es allen, dass er seine Stimme ertönen lässt und die Lieder, die er beim Kameradschaftsbund so gerne singt, anstimmt, und alle stimmen sie ein.

In seinem Umfeld ist Karl ein geachteter Mann. Er wird für die Art, wie er sein Leben lebt, bewundert. Etwaige kritische Bemerkungen diesbezüglich wischt er weg wie Bier auf dem Tresen, das einem überschäumenden Glas entkommen konnte. Seine Überzeugungen sind kein Fels in der Brandung, vielmehr sind sie so stark in seinem Leben verankert wie eine hunderte Jahre alte Eiche auf einem Hügel, und wer sich daran reibt, gilt Karl als Borstenvieh. Es wäre sinnlos, Karl eine Falle zu stellen, er würde nicht hineinfallen, bloß hineintappen. Beim Inspizieren der Falle würde lediglich sein Fußabdruck auffallen. Karl wird auffällig, wenn er glaubt, er selbst sein zu dürfen, doch das fällt nicht auf.
Karl ist Österreicher.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 16105

Rückblick eines Priesters

Mein Name ist Pater Reinhard Puswald, ich bin dreiundachtzig Jahre alt und diktiere meinem Mitbruder Pater Franziskus Gruber diese Worte, während ich auf meinem Sterbebett liege. Sie sollen mein Vermächtnis sein und sind möglicherweise dazu angetan, jungen Ordensmitgliedern einen Eindruck zu vermitteln, worauf es meiner Ansicht nach beim Priesterberuf ankommt.
Ich sage bewusst Beruf, denn bei aller Wertschätzung der Berufung, die jeder von uns zu Beginn seiner Ordenslaufbahn verspürt, handelt es sich letztlich um nichts anderes als um einen Beruf, den wir bis zum Ende unseres Lebens ausführen wollen.

Als ich im Alter von neunzehn Jahren in den Zisterzienserorden eingetreten bin, lag ein Leben voller Unruhe hinter mir, eines, das geprägt war von Trunkenheit, kurzlebigen Beziehungen zu Frauen und der Frage nach dem Sinn meines Daseins.
Dennoch fiel es mir leicht, all diesen Trubel hinter mir zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, eines, das von Disziplin, Pflichterfüllung und der Liebe zu meinen Mitmenschen und zu Gott erfüllt war.
Aus Egon Puswald wurde Pater Reinhard.
Von einem Tag auf den anderen war ich ein geachteter Mann, denn ich trug die Tracht meines Ordens. Zu einem akzeptierten Gottesmann wurde ich jedoch erst viele Jahre später, als die Menschen erkannten, dass es mir ernst war mit dem, was ich sagte und machte, und vor allem, nachdem ich mir selbst die Torheiten meiner jungen Jahre vergeben hatte.

Das Leben im Kloster hielt viele Aufgaben und Pflichten für mich bereit. Die meisten von diesen bereiteten mir Freude, ein paar nahm ich als gegeben hin und nur sehr wenige bereiteten mir ernstlich Kummer.
Früh am Morgen aufzustehen und sich zum Gebet zu versammeln, fiel mir anfangs schwer, doch nach einer gewissen Zeit erkannte ich, dass der Mensch einfach mehr vom Tage hat, wenn er diesen zeitig beginnt. Das Gebet, in welchem ich früher inbrünstig Zwiesprache mit Gott zu halten glaubte, wurde über die Jahre eine Art Meditation, ein wiederkehrender Anlass, in mich zu gehen, innezuhalten und mich meines Standortes zu besinnen, um meine Standpunkte gegebenenfalls nachjustieren zu können.
Es war oftmals notwendig, diese Standpunkte zu ändern, denn der Beruf des Priesters bringt es mit sich, dass man mit Menschen arbeitet, und Menschen ändern ihre Denkweisen und ihr Handeln. Dies trifft auf alle Menschen zu, also auch auf uns Mönche.

Ich hatte, als ich Pfarrer eines kleinen Dorfes wurde, mit unterschiedlichen Charakteren zu tun. Vielen von diesen konnte ich tatsächlich eine Hilfestellung bei der Lösung ihrer Probleme geben, zum Beispiel wenn ihre Verwandten verstorben waren oder durch die Beichte. Im Zuge des Bußsakraments offenbarten sie nicht bloß ihre begangenen Sünden, sondern erzählten mir von ihren innerlichen Problemen. Früher war es so, dass der Pfarrer ein Stück weit die Arbeit verrichten musste, und dies, so der Idealfall, auch tun wollte, für die heute ein Therapeut zuständig ist.
Ich versuchte nach Kräften, diesen Menschen zu helfen, auch wenn ich dabei etliche Male an die Grenzen meiner eigenen Belastbarkeit stieß oder gestoßen wurde. Ich bekenne, dass ich bei mehreren Gelegenheiten nicht anders handeln konnte, als die betreffenden Menschen mit deutlichen Worten darauf hinzuweisen, dass für ihre Probleme, und vor allem die Schwere, in der diese zutage traten, das Gespräch mit einem Priester nicht ausreichen konnte und sie so schnell wie möglich professionelle medizinische Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

Im Falle einer jungen Frau versagte ich und machte mir über viele Jahre Vorwürfe, dass ich eine Mitschuld an ihrem Tod tragen würde. Irgendwann belastete mich dieser Todesfall nicht mehr, denn ich hatte erkannt, dass ich meinem Beruf entsprechend, und somit richtig, gehandelt hatte. Auch wenn es meine Berufung war, und immer noch ist, den Menschen zu helfen, so ist es allein aus Gründen des Selbstschutzes unerlässlich, die Grenzen, die mein Beruf mir setzt, zu akzeptieren und einzuhalten.

Diese Grenzen gibt es natürlich auch im Zusammenleben mit meinen Mitbrüdern. Ich habe es genossen, mit sehr unterschiedlichen Menschen zu leben. Mit den meisten hatte ich ein gutes Auskommen in allen Belangen. Wir zogen an einem Strang und hatten Verständnis für die Eigenheiten und Schwächen, die jeder von uns hatte und hat. Selbst als Mitbrüder Väter wurden, hielten wir zu ihnen und sorgten dafür, dass es ihren Kindern an nichts fehlte.
Mit den Oberen meiner Diözese geriet ich einige Male aneinander, doch nachdem mir klargeworden war, dass sie in ihrem Beruf gefangen waren, kommentierte ich die Ränke, die sie schmiedeten und die von politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Interessen durchsetzt waren, nicht länger und ließ sie gewähren.

Heute bin ich alt und krank, doch habe ich das Glück, sagen zu können, dass ich ein gutes Leben hatte. Ich habe gelernt, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind, und auch dass es Dinge gibt, die der Glaube allein nicht zurechtrücken kann.
Ich bedaure, dass ich mich nicht stärker dafür eingesetzt habe, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden dürfen, doch bin ich mir sicher, dass meine jungen Mitbrüder die Courage haben werden, diese Grenze zu sprengen, der ich mich aus Gründen der damaligen Weltanschauung innerhalb der katholischen Kirche kaum zu nähern wagte.
Ich weiß nicht, wie viele Tage auf Erden mir noch gegeben sind, doch werde ich mit der Gewissheit einschlafen, dass mein Dasein nicht vergebens war.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 16104