Archiv der Kategorie: Michael Timoschek

Ich bin peinlich rein

Ich bin achtundvierzig Jahre alt und Semiakademiker, was impliziert, dass ich mein Studium der Ausbreitungswissenschaften an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität nicht zur Gänze, vielmehr zur Hälfte abgeschlossen habe, um präzise zu sein, ich lege nämlich Wert auf Präzision, studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber, eine, wie ich fürwahr sagen darf, grässliche, weil überaus gefährliche Spezies, sowohl für Menschen als auch für Tiere, deren Gebiet, also das der Ausbreitung dieser grässlichen Bestien, sich stetig erweitert; während ich diese Zeilen zu Papier bringe, kann es gut sein, und ich bin mir beinahe sicher, dass es sich bezüglich der Ausbreitung so verhält, dass es größer wird.
Aus diesem Grund darf ich mich bloß D. Sascha Smirnovskaya nennen, und nicht Dr. Sascha Smirnovskaya, aber dies sei bloß nebenbei erwähnt.

Der Schwarzrussische Blaufelleber sieht aus wie ein gewöhnliches Wildschwein mit hellblauen Borsten, doch ist er weitaus gefährlicher, denn die ihm innewohnende naturgegebene, also prinzipielle, Angriffslust lässt das Tier in Harnisch geraten, sobald es anderer Lebewesen, also auch Menschen ansichtig wird (es gibt Erzählungen, allerdings stammen diese von in ruralen Gegenden domizilierten Menschen – aus diesem Grund halte ich sie für frei erfunden -, dass diese Tiere selbst beim Anblick von Blumen und jungen Bäumen in Harnisch geraten). Dann gebärdet sich der Schwarzrussische Blaufelleber in der Tat grässlich, dann meint er es ernst, todernst.

In achtzig Prozent der dokumentierten Fälle mit menschlichen Verlusten, also in welchen Menschen zu Tode kamen, konnte die Identität der Menschen lediglich vermittels DNA-Abgleich ermittelt werden, denn Schwarzrussische Blaufelleber pflegen ihre Opfer, aus der Sicht der Tiere dürfte es sich um Beute handeln, zur Gänze aufzufressen (bis auf das Gelenk des linken Fußes, welches ihnen, aus welchem Grund auch immer, geschmacklich nicht zusagen dürfte – aus diesem Grund ist ein DNA-Abgleich möglich. Üblicherweise wird bei getöteten Haus- oder Nutztieren auf einen DNA-Abgleich verzichtet.).

Wie gesagt studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber hinsichtlich der Möglichkeiten der Verringerung der Gefahren für Menschen, Haus- und Nutztiere, jedoch sah ich mich gezwungen, mein Studium als Semistudium weiterzuführen und als solches zu Ende zu bringen, denn ich brachte es nicht fertig, die für die Erlangung der Doktorwürde unbedingt erforderlichen Beobachtungen und Versuche im Habitat der Schwarzrussischen Blaufelleber, also in der freien Natur zu machen und durchzuführen, denn jedes Mal, wenn ich eines solchen Tieres ansichtig wurde, geriet ICH in Harnisch. Mich ekelte und ekelt noch immer vor der Unreinheit der hellblauen Borsten dieser Bestien.
Ich bin nämlich peinlich rein!

Der Hang, oder besser Drang, oder noch besser, weil präzise, Zwang zur Reinheit ist mir immanent. Meine Großmutter hatte sich verschiedene Arten von Haustieren gehalten, die als klein gelten konnten. Kaninchen, Hühner, Tauben und Meerbachen (eine dem Meerschweinchen nah verwandte Art, welche sich in schwarzrussischen Kochtöpfen höchster Beliebtheit erfreut) – zur Verwendung in der Küche. Ich fand – und finde immer noch – diese Tiere grässlich, da sie mir als nicht rein erschienen und erscheinen. In ihren Käfigen lagen ihre Haare und Federn neben ihren Exkrementen auf dem Boden herum, und die Tiere mittendrin.
Ich nehme an, dass sich mein Zwang zur Reinheit beim Anblick dieser Tiere in ihren Käfigen ausgebildet hat. Ich wollte ja die von meiner Großmutter aus dem Fleisch dieser Tiere zubereiteten Speisen, die, das muss ich zugeben, köstlich ausgesehen und herrlich geduftet hatten, verzehren – allein, ich konnte es nicht. Der Gedanke an die Käfige ließ mich die Nahrungsaufnahme verweigern.

Fisch aß und esse ich immer gerne. Die weiße Farbe des Fleisches des Schwarzrussischen Wespensalmlers, nachdem dieser von seiner schwarz-gelb gestreiften und mit giftigen Stacheln bewehrten Haut befreit wurde, vermittelt mir das Gefühl, etwas Reines zu mir zu nehmen. Ich liebe das Fleisch dieses Fisches, jedoch ungewürzt und bloß in Wasser gekocht. Es ist nicht so, dass ich nicht versucht hätte, ihm mit Pfeffer und anderen Gewürzen zu ein wenig mehr Geschmack zu verhelfen, doch war das Fleisch des Fisches danach nicht mehr reinweiß. Die Pfefferstückchen nahmen sich wie winzige Verunreinigungen aus, die Teilchen der übrigen Gewürze ebenfalls. Ich musste den Fisch wegwerfen.

Es ist nicht so, dass ich mich bloß vom Fleisch des Schwarzrussischen Wespensalmlers ernähre. Ich habe nichts gegen Fleisch einzuwenden. Ich esse gerne ein saftiges Steak, welches ich scharf anbrate, jedoch nicht in Öl, sondern in einer geringen Menge Wasser. Öl würde unter Umständen Rückstände auf dem Fleisch belassen, die farblich unmöglich zu seinem Grundton passen können, also brate ich meine Steaks stets in Wasser an.
Wasser halte ich ohnehin für das wertvollste, weil die Reinheit am wenigsten beeinträchtigende Element in der Küche. Ich koche, gare, frittiere und brate stets mit Wasser, jedoch bloß eine Zutat auf einmal, um die Reinheit nicht zu gefährden.
Verlangt mich beispielsweise nach Steak mit gekochten Fisolen, so brate ich das Fleisch in Wasser an, verzehre es – natürlich ungewürzt -, hernach koche und verzehre ich die Fisolen; dies, um die Reinheit auf dem Teller nicht zu gefährden.

Ich möchte nun nicht den Eindruck erwecken, ich wäre verrückt, gemeingefährlich oder gar pedantisch. Das bin ich nämlich – natürlich – nicht!
Es ist nicht so, dass ich stets blütenreinweiß gewandet durch die Gegend laufe. Ich besitze Kleidung in verschiedenen Farben wie Weiß, Reinweiß, Blütenweiß, aber auch Schwarz, Dunkel- und Hellblau sowie – hierbei handelt es sich um ein Geschenk meines Verwandten Wladimir Suffkopp; er ist Vizesekretär des schwarzrussischen Vizeministers für Fragen der Schwarzrussischen Kleiderordnung – Rosarot.
Wie Sie sich sicherlich vorstellen können (oder denken werden), stehe ich bezüglich Kleidungsstücken in der jeweiligen angeführten Farbe in Vollausstattung, von der Badehose bis zum Skianzug. Ich trage stets Kleidungsstücke von derselben Farbe, denn ich möchte die Reinheit meines Erscheinungsbildes hinsichtlich Farbe nicht durch die Hereinnahme eines anderen Farbtons trüben oder gar vernichten. Besonders grässlich ist es, also besonders großen Graus bereitet es mir, wenn ich, beim Essen beispielsweise, kleckere oder gar fremdbekleckert werde.

Über diese besondere Grässlichkeit habe ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Großvetter Dr. Igor Kushkurow, er ist das Genie in meiner Familie, gesprochen. Großvetter Igor forscht zurzeit an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität zur Frage (der Studienauftrag ist in diesem Fall als Frage formuliert) “Sinn oder Unsinn? – Die Balzrituale männlicher Schwarzrussischer Zwergkopflemminge und ihre Intention, die ohnehin stets zur geschlechtlichen Vereinigung freudig bereiten weiblichen Genossen dieser Art zur geschlechtlichen Vereinigung zu bewegen.” Großvetter Igor erklärte mir, dass die Anzahl der weiblichen Schwarzrussischen Zwergkopflemminge, die im Laufe ihres Lebens unumkehrbare geschlechtliche Neigungen zu den weiblichen (sic!) Genossen ihrer Art entwickeln, bei mittlerweile neunundachtzig Prozent liegt. Er hat mir das Ergebnis seiner Forschungstätigkeit mitgeteilt, obwohl diese Studio offiziell erst in drei Jahren abgeschlossen sein wird (dem gemächlich tröpfelnden Geldhahn des schwarzrussischen Ministeriums für militärische, polizeiliche und universitäre Angelegenheiten würde Dank gebühren, meinte Dr. Kushkurow bitter): ie weiblichen Schwarzrussischen Zwergkopflemminge entwickeln gleichgeschlechtliche Tendenzen, da sich die männlichen Genossen ihrer Art für gewöhnlich den Großteil ihrer Lebenszeit (fünfundneunzig Prozent der Zeit!) auf der Balz befinden und somit naturgemäß bei Weitem zu wenig Energie haben, sich im dem Fall, dass sie zum Zug kommen, auf eine Art und Weise zu gerieren, die männlichen Genossen ihrer Art nun einmal gut anstünde (Großvetter Igor sprach von ‘libidinös-phallischer Dysfunktion’ – ich weiß nicht, was er damit meinte).

Ich sprach also vor gut zwei Jahren mit Großvetter Igor über die Grässlichkeit eigen- oder – noch schlimmer, da aufgezwungen! – fremdbekleckerter Kleidung. Da mein Großvetter mich gut kennt, wusste er, wie wichtig mir eine Lösung dieses schwerwiegenden Problems war (die erste Variante zur Lösung, die er mir vorschlug, nämlich das bekleckerte Kleidungsstück in die Waschmaschine zu legen und diese in Gang zu setzen, war selbstverständlich von mir abgelehnt worden. Was, wenn an der Stelle des Flecks eine ausgewaschen erscheinende Textilstelle sichtbar würde, also von Rosarot zu ausgewaschenem Hellrosarot zum Beispiel? – Nein! Ein noch viel größerer Graus!), nahm er sich gerne zwei Wochen Zeit, um sich einen Überblick über die Gesamtsituation zu verschaffen. Danke, Igor! Und Nastrovje!
Er teilte mir mit, dass in meinem Fall (er sprach von supranasal und auch irgendwas von Subillumination – ich weiß nicht, was er meinte) wohl der Einsatz der sogenannten ‘Fleckenschere’ die beste Lösung wäre. Seit diesem Tag trage ich eine Fleckenschere mit mir; mit ihr schneide ich Flecken einfach aus meiner Kleidung heraus. So bleibt mein farbliches Erscheinungsbild stets rein.

Sie werden jetzt denken, dass ich mit Löchern in meiner Kleidung, die meine nackte Haut, die naturgemäß weder rosafarben noch schwarz ist, zum Vorschein bringen, durch die Straßen laufe – weit gefehlt! Es ist vielmehr so, dass ich stets mehrere Schichten an Kleidung übereinander trage. Wird beispielsweise meine Hose bekleckert und schneide ich den Fleck dann aus ihr heraus, so ist keine Veränderung in meinem farblichen Erscheinungsbild feststellbar, denn unter meiner Hose trage ich stets eine lange Unterhose. Durch das Tragen mehrerer Schichten übereinander bin ich also stets auf der sicheren Seite.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht |Inventarnummer: 17119

Wohnzimmer

Heute Morgen erwachte ich auf der Bank in meinem Wohnzimmer.
Sie ist mit braunem Leder überzogen und bietet einigen Menschen Platz. Eigentlich bietet sie recht vielen Menschen Platz.

Ich verfüge über drei Tische vor meiner Bank. Zwei von ihnen sind rund, einer rechteckig und alle haben sie steinerne Tischplatten. Die beiden runden sind so dimensioniert, dass man bequem an ihnen essen kann, selbst mehrere Personen finden ausreichend Platz dafür.
Der rechteckige Tisch ist als Esstisch für eine Person gut geeignet, zwei dagegen finden nur unter Aufbietung bester Tischmanieren und großer Toleranz den anderen gegenüber in ihm einen geeigneten Esstisch.
Den beiden runden Tischen ist jeweils ein hölzerner Stuhl ohne Armauflagen vorangestellt, dem rechteckigen deren zwei. Auf jedem Tisch befindet sich ein Aschenbecher ohne Aufdruck, beispielsweise eines Firmennamens, und über jedem Tisch hängt eine runde Lampe alten Stils, die von einer Fünfzehn-Watt-Birne illuminiert wird.

Die Lampen sind mit schwenkbaren Auslegern an der Wand befestigt. Das Wohnzimmer verfügt über fünf Fenster. Diese sind vertikal zu öffnen, also Schiebefenster. Zu beiden Seiten jedes Fensters befindet sich ein zylinderförmiges Gewicht, das erlaubt, die Fenster millimetergenau so weit zu öffnen, wie es gerade erforderlich ist. Die Fensterrahmen bestehen aus Mahagoni, so wie der Rahmen einer der drei Türen des Wohnzimmers. Die beiden anderen Türen sind aus Glas gefertigt.

Der Boden aus Stein ist von unten beheizbar, die Wände und ein Teil der Decke sind leicht ockergelb. Der andere Teil der Decke ist von dunkel weinroter Farbe. Drei der vier Wände tragen Spiegel mit runden Lampen, welche in die oberen Leisten der hölzernen Spiegelrahmen eingelassen sind. In einer Ecke des Raumes ist ein Fernsehgerät angebracht, und zwei Stumme Diener befinden sich ebenfalls im Wohnzimmer.

In der Mitte, also im Zentrum des Wohnzimmers, steht eine Bar. Die Form dieser Bar greift die der Kolonnaden des Petersdoms in Rom auf, natürlich maßstäblich verkleinert.
Die Höhe der Bar ist so bemessen, dass bequem an ihr gestanden, gesessen, sowie auf ihr gegessen und geschlafen werden kann. Sie verfügt über einen Umlauf aus Messing, der sowohl im Sitzen als auch im Stehen eine angenehme Auflage für einen Fuß oder beide Füße bietet, sowie über vier Barstühle. Die Bar wird von einer zu tief hängenden roten Lampe erleuchtet, die auch in ein Boudoir  passen würde. Die Bar ist mit Flaschen sowie Gläsern verschiedener Art beräumt, eine Kaffeemaschine und eine Zapfanlage für Bier und Sodawasser fehlen ebenso wenig wie eine Musikanlage und ein Gläserspülgerät.

Ich habe mich für ein Wohnzimmer mit Bar entschieden, da ich so stets mit Getränken versorgt bin. Ich pflege nämlich meiner Arbeit im Wohnzimmer nachzugehen.
In diesem erwachte ich heute und war eingesperrt, denn die Türe nach draußen war verschlossen und ich ohne Schlüssel. Ich sah aus den Fenstern und etliche Menschen auf der Straße. Ich fühlte mich nicht weggesperrt, eher frei. Und glücklich, sehr glücklich sogar.
Ich nahm eine kleine Flasche Weichselsaft aus einer der Kühlladen der Bar, zündete mir eine Zigarette an und schaltete das Fernsehgerät ein, um zu erfahren, was sich im Laufe der Nacht auf der Welt zugetragen hatte. Abgesehen von gewöhnlichen Vorgängen wie Morden, Vergewaltigungen und Kriegen hatte sich nichts ereignet. Ich selbst hatte keine mich persönlich betreffenden Neuigkeiten zu gewärtigen, hatte keine Kurznachrichten erhalten und auch keine Anrufe nicht beantwortet.

Ich schlenderte im Wohnzimmer umher, rauchte und beobachtete einen Pennbruder, der die Straße nach Münzen abzusuchen schien. Anzunehmenderweise um diese leichter zu entdecken, bewegte er sich auf allen Vieren. Ich brühte mir einen Kaffee und verrichtete meine Notdurft. Nachdem ich vom Abort zurückgekehrt war, lehnte ich an der Bar in meinem Wohnzimmer und beobachtete Straßenszenen durch die Fenster.
Alte Frauen schleppten schwer an ihren Einkaufstaschen, ein Polizist drohte einem Afrikaner mit erhobener Hand offensichtlich Maulschellen an und ein junger Mann verfolgte eine ebenso junge Frau. Nachdem er sie eingeholt hatte, packte er sie am Oberarm und verabreichte ihr zwei offenkundig kraftvolle Ohrfeigen. Die junge Frau flehte ihn erkennbar an, kein weiteres Mal zuzuschlagen, doch ihr Begleiter hatte, wie ich bemerkte, keine große Lust, ihrer Bitte nachzukommen. Kein guter Start für die junge Frau in einen Julitag, der sonnig zu werden versprach.

Ich gähnte und überlegte, mich wieder auf die Bank im Wohnzimmer zu legen und noch einige Minuten zu dösen, als dessen Türe aufgesperrt und geöffnet wurde. Eine Frau mittleren Alters betrat das Wohnzimmer und forderte mich nonverbal, dafür mit bösem Blick auf, dieses auf der Stelle zu verlassen. Ihrer Kleidung konnte ich ansehen, dass sie mein Wohnzimmer zu reinigen gedachte. Widerwillig kam ich ihrer Aufforderung nach und wankte auf die Straße.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17118

Provokation

1

Am Anfang war es ein Streit, nicht einmal ein Kampf, geschweige denn ein Krieg. Begonnen hatte die Sache, die sich zwischen Anna und Martin zu einem vernichtenden Krieg auswachsen sollte, als beide dreiundzwanzig Jahre alt waren.
Sie hatten einander vier Jahre zuvor kennengelernt, auf einem Fest auf dem Campus der Universität, an der sie studierten. Anna hatte damals gerade ihr Psychologiestudium begonnen, Martin mit Betriebswirtschaft. Es war eines dieser Feste, die sich dadurch auszeichneten, dass die Lampions tief hingen und die Gläser in die Höhe gehoben wurden. Dieses spezielle Fest fand in einer Vollmondnacht statt. Die Gläser reichten zwar nicht ganz bis an die Lampions heran, doch der Mond und die allgemeine Berauschung hatten zur Folge, dass nur die Allerhässlichsten alleine nach Hause gehen mussten.

Martin hatte Anna angesprochen und sie keck gefragt, ob sie am nächsten Morgen alleine aufwachen wollte.
Sie hatte nur wenige Sekunden um zu entscheiden, welche von zwei Möglichkeiten sie wählen sollte: eine Ohrfeige oder ein Tanz, verbunden mit einem Kuss und einer gemeinsam verbrachten Nacht.
Am nächsten Morgen führten sie ein langes Gespräch über ihre beruflichen und privaten Ziele und kamen überein, es miteinander zu versuchen.

Vier Jahre lang ging das gut, sie kamen auf der Universität gut voran, und auch privat schien alles nach Plan zu laufen. Sie nahmen einander als gegeben, als selbstverständlich wahr.
Eines Tages jedoch brach das Eis, welches das Schweigen über kleine Unzulänglichkeiten des Partners gewesen war, explosionsartig auf. Eine achtlos in die Ecke des Schlafzimmers geworfene Socke Martins war der Zündfunke.
Anna nahm die Socke zum Anlass, ihn mit harschen Worten auf seine sämtlichen Versäumnisse im Haushalt aufmerksam zu machen, derer er sich ihrer Ansicht nach schuldig gemacht hatte.
Martin war erst verdutzt, dann gekränkt, und schließlich verärgert. Er wies sie in ebenso scharfen Worten auf ihre Unzulänglichkeiten hin und auch dafür zurecht.
Zwei Tage lang sprachen sie bloß das Nötigste miteinander, dann setzten sie sich zusammen und sprachen sich aus.
Friede war wieder eingekehrt, doch in jedem von ihnen blieb etwas von diesem Zerwürfnis zurück. In Anna war es der unterschwellig weiterbohrende Ärger über seine Unordentlichkeit, und in Martin blieb der Stachel der Verletzung zurück, so plötzlich und seiner Meinung nach grundlos angeherrscht worden zu sein.

2

Claudia, die Tochter von Anna und Martin, war fünf Jahre alt, als sie sich an der Klinge eines Küchenmessers in den Daumen schnitt. Ihr Vater war an diesem Abend für sie verantwortlich, denn Anna war mit Freundinnen ausgegangen, um auf ihren zwei Wochen zurückliegenden dreiunddreißigsten Geburtstag anzustoßen.
Er desinfizierte die Wunde und wickelte Gaze um sie, sodass sie zuverlässig vor Schmutz geschützt war.
Gegen zweiundzwanzig Uhr kam Anna in angeheitertem Zustand nach Hause. Sie schlich ins Kinderzimmer, um ihrer Tochter einen Kuss zu geben. Unglücklicherweise stieß sie mit dem Fuß an einen Sessel und Claudia erwachte. Stolz zeigte sie ihrer Mutter den eingebundenen Daumen. Anna fragte wie das geschehen wäre, und Claudia teilte ihr mit, dass Martin sie mit dem Messer hatte hantieren lassen.
Die Ohrfeige, die Martin aus dem Schlaf riss, war erst der Anfang.

Anna schlug auf ihn ein und warf ihm vor, das Leben ihrer Tochter vorsätzlich zu gefährden. Martin wehrte sich nicht mit Körperkraft, und nachdem seine Frau aufgehört hatte, ihn zu schlagen, fuhr er sie an. Was sie sich denn einbildete, ihm so etwas zu unterstellen, brüllte er. Kinder würden sich nun einmal von Zeit zu Zeit verletzen, das gehörte zum Aufwachsen.
Der Streit zog sich über eine volle Woche hin, erst dann konnten Anna und Martin wieder eine vernünftige Gesprächsbasis finden.
Ihr Eheleben jedoch hatte erheblichen Schaden genommen.

Martin war vom Gewaltausbruch seiner Frau dermaßen eingeschüchtert, dass er sich ihr kaum körperlich zu nähern wagte. Anna wollte dies auch gar nicht. Sie blockte seine Annäherungsversuche ab und machte es sich zur Angewohnheit, im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen. Jedes Mal, wenn Martin sie flehentlich bat, die Dinge doch wieder so werden zu lassen wie sie einst gewesen waren, lächelte sie bloß milde und schüttelte den Kopf.
Eines Abends sprach Martin das Thema Trennung an, da rastete Anna erneut aus. Niemals würde sie sich von ihm trennen, rief sie. Er wäre ein Teil ihres Lebens, einmal gebrauchte sie sogar das Wort Besitz, und sie würde ihn eher töten, als ihn ziehen zu lassen.
Martin war schockiert. Er fragte sie, ob sie das ernst meinte, und als sie bejahte, hatte er zum ersten Mal wirklich Angst vor ihr.
Claudias Wunde verheilte so gut, dass nach zwei Wochen keine Narbe mehr zu sehen war.

3

Im Alter von achtzehn Jahren schloss Claudia das Gymnasium mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Anna und Martin lebten danach alleine in ihrer Wohnung, denn ihre Tochter hatte sich für ein Studium in Amerika entschieden. Am Tag nach Claudias Abreise begannen die Dinge aus dem Ruder zu laufen.
Waren Anna und Martin durch die Anwesenheit ihres Kindes noch gezwungen gewesen, wenigstens ein wenig Anstand im Umgang miteinander zu wahren, so konnten sie nun, da sie zu zweit waren, ihren aufgestauten Gefühlen freien Lauf lassen.
Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stichelte sie gegen ihn. Diese Sticheleien waren oft durchsetzt von Suggestivfragen und versteckten Anspielungen – als Psychologin kamen ihr diese leicht über die Lippen.

Martin fand keinen probaten Weg, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Als Betriebswirt war er es gewöhnt, die Dinge nüchtern zu analysieren und sachlich zu diskutieren. Jedes Mal, wenn er ansetzte, genau dies zu tun, hörte sie ihm mit einer Miene zu, in der aufgesetzte Geduld lag. Dadurch vermittelte sie ihm das Gefühl, ein lästiger Patient in einer Therapiestunde zu sein, ein hoffnungsloser Fall, den sie bloß aufgrund ihres Langmutes anhörte – oder weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatte.
Er kam sich so vor, wie sie ihn behandelte – wie ein Tölpel. Tatsachen, welche erwachsene, intelligente Menschen in wenigen Minuten besprochen gehabt hätten, breitete sie wortreich vor ihm aus, wie vor einem uneinsichtigen Kind, und stets endeten ihre Ausführungen mit der Phrase, dass er das eben Gehörte doch verstehen müsste.

Damit versuchte sie ihn zur Weißglut zu treiben, und Martin wusste das. Er fragte sich oft, was ihre Beweggründe dafür sein mochten, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen.
Er fragte auch Anna einige Male, was sie mit ihren Provokationen bezweckte, doch antwortete sie stets mit triumphierenden Blicken, Worte kamen nicht aus ihrem Mund. Eines Tages, nachdem sie ihm wieder einmal gesagt hatte, dass er ihre Sichtweise doch verstehen müsste und er bloß stumm dagesessen und sie angestarrt hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Er nahm die Ohrfeige stoisch zur Kenntnis, wie er es immer machte, doch etwas in ihrem Blick irritierte ihn. Hatte sie bislang bei solchen Gelegenheiten wütend dreingeblickt, so tat sie dies nun auffordernd, als würde sie seine Reaktion erwarten. Martin indes reagierte nicht.

4

Acht Jahre später sollte sich das ändern.
Sie hatten ihre Wohnung in Zonen aufgeteilt und diese mit Klebeband kenntlich gemacht. Die Sanitärräume und die Küche waren, ebenso wie die Diele, beiden erlaubtes Gebiet, das Wohnzimmer hingegen war streng aufgeteilt. Dies hatte ganze drei Tage Bestand.
Claudia hatte sich überraschend angesagt, ihr Ehemann und ihr Baby kamen auch mit.
Anna und Martin entfernten die Klebebänder und mussten, als sie sich dabei in die Augen sahen, unwillkürlich lachen.
Claudia blieb eine Woche und danach ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Anna und Martin arbeiteten am Tage, und an den Abenden stritten sie.
Anna schlug Martin noch einige Male ins Gesicht, und eines Tages kam er der Aufforderung in ihrem Blick nach. Er schlug zurück. Es war keine allzu feste Ohrfeige, die er ihr verabreichte, doch reichte sie aus, um Anna zu der mit Zufriedenheit geäußerten Feststellung zu bewegen, dass er nach so vielen Jahren endlich aus sich herausgegangen wäre.
Doch es waren zu viele Jahre gewesen. Martin konnte an diesem Abend nicht mehr aufhören, sie zu schlagen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17117

Das Feuer oder die Kerze

Eine Kerze kannst du natürlich ausblasen.

Ja, das kann ich. Und genau das habe ich auch vor zu tun.

Aber du wirst, du kannst es nicht fertigbringen, ein Feuer auszublasen.

Ist das nicht dasselbe?

Nein, das ist nicht dasselbe. Überhaupt nicht!

Ich sehe das anders.

Dann erkläre mir bitte, wie du die Sache siehst.

Ich sehe sie folgendermaßen: Wenn eine Kerze erlischt, wenn sie ausgeblasen wird, ist alles, was in dieser Kerze war, weg, fortgeblasen.

Und was ist das, ›alles‹?

Na, ihr Licht, das sie abgibt, ihr Schein, der das erleuchtet, was sich in ihrem Umkreis, in ihrem Lichtfeld befindet, ist weg. Einfach weg, verschwunden. Und die Wärme, die sie abstrahlt, die ist natürlich auch weg.

Und was ist dann noch übrig?

Rauch, der sich bald verzieht. Dunkelheit. Und natürlich Kälte.

Du hast etwas vergessen.

Was?

Den Stumpen der Kerze. Der ist auch noch da.

Ja, ein Fragment. Erkaltet, verrußt und oftmals unförmig, wenigstens an der oberen Seite, dort, wo die Hitze der Flamme das Wachs verformt hat. Wo sie den ursprünglich glatten Rand weggeschmolzen hat.

Unförmig – ein gutes Wort. Wie ein lebloses Lebewesen.

Du sagst es.

Und? Ist sie ein erstrebenswerter Zustand, die Unförmigkeit?

Dieser Zustand lässt sich letzten Endes nicht vermeiden. Am Ende, wenn alles vorbei ist, ist doch jeder und alles unförmig. Das geht gar nicht anders.

Das ist richtig. Jedoch sollte diese Unförmigkeit erst dann eintreten, nachdem alles auf natürliche Art und Weise geendet hat.

Oftmals ist es aber so, dass sie viel früher eintritt.

Ja, durch Abnützung, Materialermüdung, mutwillige Zerstörung, Krankheit und andere Umstände.

Eintreten wird dieser Zustand dennoch unweigerlich.

Bei Menschen darf er aber nicht vor der Zeit eintreten!

Ist es nicht jedem Menschen von Geburt an freigestellt, den Zeitpunkt des Eintretens dieses Zustands selbst festzulegen?

Du meinst, sich auszusuchen, wann genau er einzutreten hat?

Ja.

Aber was soll es bringen, diesen Zustand selbst herbeizuführen?

Sehr viel. Freiheit, das Ende einer Krankheit, ein Zeichen des Protests setzen.

Protest? Wogegen denn?

Gegen Umstände, die ein einzelnes Individuum nicht ändern kann.

Und wenn die Kerze dieses Menschen erloschen ist? Ändern sich dann die Umstände oder Zustände, gegen die er protestiert hat?

Natürlich!

Nein! Das ist einfach falsch! Diese Person hat dann zwar mit den Umständen nichts mehr zu schaffen, muss nicht mehr unter ihnen leiden, doch sind sie weiterhin vorhanden. Bloß diese eine Person kann sie nicht mehr wahrnehmen.

Das ist doch schon was!

Aber für alle anderen Menschen ändern sie sich doch nicht dadurch, dass einer von ihnen sein Licht zum Verlöschen gebracht hat!

Das stimmt, doch dieser eine Mensch hat dann seine Ruhe.

Aber das Feuer brennt weiter. Das ganz große, alles verschlingende Feuer, es wird nicht, es kann nicht ausgehen, bloß weil das Feuer einer Kerze verloschen ist. Was ist denn mit den Menschen, die sich anzünden, sich also selbst zu Kerzen machen?

Die haben dann ihren Frieden.

Aber ändert das etwas an den Zuständen, derentwegen sie sich verbrennen?

Nein, nicht wirklich.

Eben. Also, ich frage dich direkt heraus: Glaubst du wirklich, dass du das Feuer der Oberflächlichkeit und der Ignoranz zum Ausgehen bringen kannst, oder wirst, indem du deine eigene Kerze ausbläst?

Nein, ich weiß, dass ich das nicht kann.

Warum hast du dann vor, dein Licht auszublasen?

Um meine Ruhe und meinen Frieden zu haben. Und natürlich um ein Zeichen zu setzen.

Ein Zeichen? Wogegen?

Gegen die Oberflächlichkeit und die Ignoranz natürlich.

Aber die wird es nach dir weiterhin geben, sie werden weiterexistieren. Die Tat des Märtyrers, die du vorhast, wird an dieser Tatsache nichts ändern, wie du selbst sagst!

Wenigstens setze ich ein Zeichen dagegen!

Eines, das mit dem größten aller Risiken behaftet ist!

Warum?

Weil noch etwas kommen könnte!

Was sollte denn noch kommen?

Etwas Schönes vielleicht?

Das wäre möglich, so etwas könnte noch kommen.

Dann warte noch ab! Deine Kerze kannst du zu einem späteren Zeitpunkt immer noch ausblasen. Außerdem würde später vielleicht dichterer Rauch vom Stumpen deiner Kerze aufsteigen als der gegenwärtig dünne des verzweifelten Märtyrers.

Das stimmt, ich kann es später auch noch tun.

Es erfüllt mich mit Freude, dass du die Sache mittlerweile auch so zu sehen scheinst.

Ich mache anderen Menschen eben gerne eine Freude.

Möchtest du mir eine weitere machen?

Ja. Was soll ich tun?

Nimm die Pistole von deiner Schläfe und gib sie mir.

Bitte sehr.

Danke. Sag, warum ist sie nicht geladen?

Ich war mir eben selbst nicht sicher, ob der Rauch, der von meinem Stumpen aufsteigen würde, dicht genug wäre.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17085

Renoviert

Ich lebe und arbeite in Wien. Um präzise zu sein in der Innenstadt, also im ersten Bezirk.
Ich lebe und arbeite dort in einer geräumigen Wohnung, der eine Dachterrasse angeschlossen ist. Das Haus, in dem sich meine Wohnung befindet, ist alt, was die Bausubstanz anlangt, doch wurde es vor einigen Jahren aufwendig renoviert, sodass es durchaus als wieder schön bezeichnet werden kann. Die Wohnung steht in meinem Eigentum. Ich habe sie von meinem Vater geerbt, er war Manager in der Waffenindustrie und dementsprechend vermögend.

Man kann sagen, dass ich kein Problem mit Geld habe, denn mein Vater hat mir, nachdem er sich suizidiert hatte, eine Masse Geld hinterlassen.
Ich habe auch kein Problem mit Geschmack. In meiner modern eingerichteten Wohnung hängen Werke von Kippenberger, Büttner und Kiefer, um nur eine geringe Anzahl der Künstler zu nennen, deren Werke ich liebe und besitze.
Ich habe auch kein Problem mit der Politik, mit Frauen, Männern oder gar mir selbst. Eigentlich habe ich gar kein, nicht ein einziges, Problem.

Ich bin sehr gerne zuhause. Meine Ehefrau, sie ist im selben Alter wie ich, also dreiundfünfzig Jahre alt, hat ihre Karriere als Cellistin beendet und hält sich, so wie ich, die meiste Zeit in der Wohnung auf. An warmen sonnigen Tagen ist sie oft eingeölt auf der Dachterrasse anzutreffen.
Unsere beiden gemeinsamen Kinder, wir haben einen Sohn, er studiert Architektur und ist homosexuell, sowie eine Tochter, sie studiert Medizin und befindet sich seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr im Status der Mutterschaft, leben nicht mehr in Wien.

Von der Dachterrasse, welche meine Ehefrau gerne sardinenhaft eingeölt zu beliegen pflegt, habe ich klarerweise einen guten Überblick. Ich sehe, was sich in dieser Stadt verändert, welche Gebäude errichtet, welche abgerissen oder renoviert, und welche ausgebaut werden, also in die Höhe wachsen.
In der Straße, in der mein Wohnhaus gen Himmel ragt, wurde erst kürzlich ein Haus renoviert. Es wurde verschönert, was seine Fassade angeht, und um gleich drei Etagen aufgestockt. Die beiden ersten Etagen, vom Niveau der Straße ausgehend, werden von italienischen und französischen Modehäusern belegt, die sich dort Boutiquen eingerichtet haben. Die darüberliegenden Stockwerke werden als Büroräume genutzt, ein Buchverlag und eine Agentur für angebliche Models haben sich dort eingemietet. In den drei hinzugefügten, also den obersten Etagen befinden sich exklusive Wohnungen.

Die oberste Etage ist klarerweise die mit den exklusivsten, sprich teuersten Wohnungen. Dort wohnen sehr reiche Menschen. Die Renovierung und Aufstockung dieses Hauses hat, wie mir schnell bewusst wurde, eine Veränderung nach sich gezogen, und zwar eine offensichtlich ebenso andauernde wie irreversible.
Die Straße, in der mein Wohnhaus liegt, hat sich verändert, das Leben in der nächsten Umgebung meines Wohnhauses ist anders geworden, nur leider nicht besser. Ich bin geneigt festzustellen, dass der sprichwörtliche Charme dieser Straße verlorengegangen ist. Sie ist beinahe klinisch rein geworden.
Ich möchte ein Beispiel anführen: Vormals war es so, dass ein bestimmter Clochard stets vor dem kürzlich renovierten Haus gesessen, und oftmals auch gelegen hatte. Der Wechsel aus der sitzenden in die liegende Position dürfte ursächlich mit der Flasche Schnaps, die der Clochard niemals aus der Hand legte, in Zusammenhang gestanden haben. Ich habe ihm etliche Flaschen besten Vodkas geschenkt.

Ich trinke selbst nicht, keinen Tropfen, doch kann ich verstehen, wenn ein Mensch trinkt. Ich wollte, dass der arme Mann den besten Vodka trinkt, da ich stets und bei allem großen Wert auf Qualität lege.
Der Sandler hatte niemanden gestört – dort wo sich nun die Boutiquen befinden, hatten sich zuvor bloß ungenutzte Räume befunden. Um präzise zu sein, muss ich erwähnen, dass er doch einen Menschen gestört hatte. Ich wurde Zeuge, wie er eines Vormittages von einem Mitglied des Kameradschaftsbundes als Faulpelz und grässliches Element bezeichnet wurde. Dass der Mann ein Mitglied des Kameradschaftsbundes war, konnte ich bloß an dem Abzeichen erkennen, welches er an seiner Trachtenjacke befestigt hatte, denn der Mann hatte keine Fahne vor sich. Ich denke, dass der Grund hierfür die Frühe des Tages war. Dem Obdachlosen waren diese Anwürfe übrigens gleichgültig.

Nun sehe ich junge Frauen vor den Schaufenstern stehen und posieren. Sie stehen vor den Auslagen, tragen Taschen, die den in den Boutiquen feilgebotenen zum Verwechseln ähnlich sehen, und lassen sich von ihren Freundinnen mit Mobiltelefonen ablichten, wie sie stolz grinsend, als wären sie Stammkundinnen dieser Geschäfte, vor dem teuren Tand in den Auslagen posieren. Deren Scheiben sind stets blitzblank abgezogen, gleich ob eine Fliege sich auf ihnen verewigt oder eine Hummel vor ihnen posiert. Die Straße hat sich wahrlich verändert, das kann man schon so sagen.

An der Fassade des Hauses, das dem kürzlich renovierten gegenübersteht, lehnen oft junge Männer in abgewetzten Jacken und nicht maßgefertigten Schuhen. Sie tragen ihr Haupthaar bevorzugt halblang und ihre Bärte, so ihnen welche wachsen, haben die merkwürdigsten Formen. Es handelt sich offenkundig um junge, vielleicht sogar aufstrebende Literaten. Das ersehe ich aus der Tatsache, dass sie entweder lesend, rauchend oder in Notizheften oder auf losen Blättern Papier schreibend dort lehnen. Sie warten darauf, so scheint es, vom Leiter des Verlags in dessen Räumlichkeiten gebeten zu werden, um dort ihre großen schriftstellerischen Karrieren beginnen zu lassen.
Sind sie nicht in Papier vertieft, geben sie sich der Prokrastination, zugegeben einer schwachen Form derselben, hin, indem sie die jungen Frauen beim Posieren beobachten. Die Mienen der Autoren machen offenkundig, dass sie die jungen Frauen für durchaus interessant halten.
Ich, so sagt meine Ehefrau, setze stets dieselbe Miene auf, wenn ich eine Herde auf der Weide beobachte.

Ab und zu betreten Gruppen von jungen attraktiven Frauen das Haus. Bei diesen Frauen, meist osteuropäischer Provenienz, wie den vielen Worten, die sie wechseln, unschwer zu entnehmen ist, handelt es sich um die bereits erwähnten angeblichen Models. Das Wort angeblich verwende ich aus Gründen der Diskretion, denn einmal hatte eine dieser Frauen ihre Handtasche fallen lassen und deren Inhalt lag verstreut auf dem Gehsteig vor dem kürzlich renovierten Haus. Ich eilte zu ihr, um ihr beim Einsammeln ihrer Habseligkeiten zu helfen und musste feststellen, dass ich die Kontrollkarte einer Dirne in Händen hielt. Ich habe es diskreterweise unterlassen, die junge Frau auf ihre Tätigkeit anzusprechen und nehme an, dass ihr mein Schweigen recht war.

In den neu hinzugebauten obersten drei Etagen, die sehr teuren Wohnungen Raum bieten, leben Menschen, die über sehr viel Geld verfügen. Das erkenne ich an den sündhaft teuren Automobilen, welchen diese Menschen entsteigen, um in das Haus zu gehen.
Sie haben es nicht mehr nötig, sich in Designeranzüge zu zwängen. Sie lieben vielmehr Sportanzüge aus Deutschland, deren obligatorische Streifen perfekt zu oligarchischem Goldkettenbehang passen. Diese Herren haben die Angewohnheit, ihre Töchter, manchmal auch ihre Enkeltöchter, stets an der Hand zu führen. Allerdings möchte ich erwähnen, dass diese jungen Frauen stets tipptopp gekleidet sind. Ich vermute, dass sie eifrige Kundinnen der Boutiquen sind, die unter den Wohnungen ihrer Großväter und Väter gelegen sind.
Wenn die teuren Autos dieser Herren vorfahren und ihre Besitzer aus ihnen steigen, räumen die vor den Schaufenstern posierenden jungen Frauen schnell den Gehsteig. Ich vermute, dass sie den reichen Herren, ihren Töchtern und Enkeltöchtern, sowie den diese stets begleitenden Gepäckträgern mit massigem Körperbau, kurz geschorenem Haupthaar, grimmigem Blick und ausgebeulten Sakkos Platz machen möchten, schlicht aus Freundlichkeit.

Die angehenden Autoren lassen sich nicht von den reichen Herren und deren Anhang beeindrucken, sie gehen weiter ihrer jeweiligen Beschäftigung nach.
Ich habe den Clochard gesehen. Er sitzt nun drei Straßen weiter vor einem ungenutzten Erdgeschoss. Ich habe ihm bereits eine neue Flasche besten Vodkas geschenkt. Ich habe erfahren, dass in der Straße, in der der Pennbruder nun sitzt oder liegt, eine Dachgeschosswohnung mit angeschlossener Dachterrasse frei wird. Ich muss mit meiner Ehefrau darüber sprechen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 17097

Wandern

Samstagmorgen. Ich konnte nicht weiterschlafen. Gudrun hatte das Bett, in dem wir die letzten fünf Nächte verbracht hatten, früh verlassen. Ich stieg aus dem warmen weichen Bett, welches an Wärme und Weichheit gewinnt, wenn sie ebenfalls darin liegt, ging in die Küche, küsste sie, brühte mir einen Kaffee, rauchte eine Zigarette mit ihr auf dem Balkon, verrichtete dann meine Notdurft und stellte mich unter die Dusche.

Gudrun fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihr zum Haus ihres Vaters zu fahren, es würden Fotos angefertigt werden von den Mitgliedern der Familie zum Zweck der Behübschung der Einladungen für das bevorstehende Gartenfest. Ich bejahte, fuhr mit ihr (um präzise zu sein, fuhr sie mit mir – ich befinde mich nicht in Besitz einer Fahrerlaubnis), ihrem Bruder Clemens und dessen Freundin Kathi zum Haus ihres Vaters, vermied, allzu hingebungsvoll, was großflächig miteinschließt, von Lara, dem Familienhund, abgeleckt zu werden (das freundliche Wesen eines Hundes ist für Menschen überaus angenehm – Allergiker weinen in diesem Fall aus vor Freude strahlenden Augen) und durfte mit auf ein Foto, natürlich gemeinsam mit der Tochter des Hauses.

Nach dem Verzehr von Grünzeug (auf Gudruns Seite) und Fischsuppe (auf meiner) auf in den Süden. Die Fahrt ereignislos, die Musik eher die dunkle – was heißt unerwiderte oder verlorene – Liebe be-, aus- und fallweise das Lebenslicht zu Ende leuchtend; das undefinierbare Gefühl, das einen beschleicht, wenn man Lieder hört, die einen Ausweg be- und ausleuchten, den man selbst unzählige Male in Betracht gezogen hat.
Einige kleine Ortschaften, sogenannten ‘Kaffs’ nicht unähnlich, sogar noch schlimmer als das Kaff, das mich hervorgebracht hat, Werbebanner auf den übermannshohen Umfriedungen aus Maschendraht für die örtlichen Sportplätze (meist handelt es sich bei diesen um Fußballplätze, die sich durch eine Rasenqualität auszeichnen, die der von Übungsgolfplätzen nicht unähnlich ist, auf welchen blutige Anfänger Abschläge üben. Es ist nun nicht so, dass der Rasen an den in einem Gehege für Erdmännchen gemahnt. Gott bewahre! – Aber beinahe…).

Die Werbebanner machen, logisch, Werbung. Nicht für Rolex, Apple oder Mercedes Benz, vielmehr für örtliche Gewerbebetriebe. ‘Frisör Sabine’ ist beispielsweise in ruraler Gegend oft zu lesen. (Ich kenne durchaus Frauen, die Sabine heißen, doch keine von ihnen geht dem Beruf der Frisörin nach. Offenkundig verhält es sich in ländlicher Gegend – und Gesellschaft – vulgo Provinz – so, dass der Berufsstand in den Augenblicken festgelegt wird, in welchen die Taufkerze entzündet und dem Säugling geweihtes Wasser über den Kopf gegossen wird. Ein weiblicher Säugling, der den Namen Sabine erhält, ist, so sieht es aus, auf den Beruf Frisörin abonniert, während ein männlicher, der Manfred getauft wird, sein Leben allem Anschein nach entweder auf einem Rohbau, um diesen fertigzustellen oder in diesem zu wohnen und zu trinken, oder, wenn er motorisiert ist, auf einem Gabelstapler zuzubringen hat. – Ich persönlich würde diese Berufsbestimmung vermittels Vornamen als ‘Das Gesetz der Provinz’ bezeichnen.)

Gleinstätten – ein erster Höhepunkt! Die durch den Ort führende Straße ist zweifarbig. Zum einen ist sie in der als gewöhnlich – also normal – zu bezeichnenden Farbe von Asphalt gehalten. Zum anderen ist sie – und das ist das Außergewöhnliche – in Teilen von ockergelber Farbe. Noch heute frage ich mich, was es mit dieser Zweifarbigkeit auf sich hat. Die Antwort, die mir als erste durch den Kopf schoss (es handelt sich um eine Art ‘Rauschparcours’ für die bekanntermaßen notorisch dem Alkohol zusprechende Landbevölkerung: Auf dem Weg vom Gasthaus in das traute Eigenheim gilt es – selbstverständlich ohne zu mogeln! -, sich an folgende Vorgabe zu halten: Die dunklen Stellen der Straße durch den Ort dürfen auf allen Vieren zurückgelegt werden, während der trinkende – oder getrunken habende – Gleinstättener die hellen Stellen aufrechten Gangs hinter sich zu bringen hat), halte ich nach reiflicher Überlegung für unbefriedigend. Auch andere Antworten bringen mich nicht weiter bei der Frage nach dem Sinn der Zweifarbigkeit dieses Straßenabschnitts.
Vielleicht hat der Gleinstättener Bürgermeister auch einfach eine Wette verloren, oder der wohl größte ortsansässige Betrieb plant, sämtliche Straßen nach und nach in eine Art (vielfarbiges?) Schachbrett zu verwandeln, um auf diese Art und Weise den durch den Ort fahrenden staunenden Nicht-Gleinstättenern die Vielfalt an Farben darzulegen, in der seine Dachziegel zu fertigen er in der Lage ist.

Gleinstätten – ein zweiter Höhepunkt! Gleinstätten verfügt über einen See! Nun ist dieser nicht so groß wie andere Binnengewässer, aber dennoch groß genug, um an dessen Ufer (geschätzte Ufer-Gesamtlänge: 150 – 200 Meter!) ein sogenanntes ‘Uferfest’ auszurichten. (Ich persönlich fühlte mich beim Anblick dieses Gewässers an eine von Dachsen ausgehobene Grube erinnert. – Nicht an einen Dachsbau, in welchem diese Tiere zu schlafen und ihren Nachwuchs auf die Freuden und Fährnisse seines zukünftigen Lebens als Dachse vorzubereiten pflegen. – Der Gleinstättener ‘See’ erinnerte mich vielmehr an die Grube, die die reinlichen Dachse ein wenig abseits ihres Baus ausheben.) Jedenfalls, es wird am Ufer ein Uferfest zelebriert.

Die beiden Tretboote, die auf diesem Gewässer bequem, also ohne zu kollidieren, ihre Kreissegmente ziehen können, werden, so nehme ich an, anlässlich dieses Großereignisses mit Werbebannern beklebt werden. (Eines mit dem Schriftzug des örtlichen Ziegelwerks und vielleicht mit dem Logo des örtlichen Dachdeckers – ’Meister Hannes deckt am besten!’ -, das andere anzunehmenderweise mit Werbung für Bier – ’Murauer Bier wünscht Gleinstätten – einen Abend, einen netten!’) Ich werde nicht die Gelegenheit haben, diesem Uferfest beizuwohnen, und insgeheim bedaure ich diesen Umstand. Ich würde gerne Frisörin Sabine beobachten, wie sie Staplerfahrer/Hauserbauer und -besetzer/Trinker Manfred die neuesten Frisurentrends aus Paris näherbringt, auch würde ich gerne Manfreds Blick sehen, ob er Sabine enerviert in die Augen oder freudig erregt auf ihr Dekollete blickt. Auch Meister Hannes würde mich interessieren, wie er der Köchin und Haushälterin – in Personalunion! – des örtlichen Pfarrers seine Erfahrung und Leidenschaft bezüglich des Deckens schmackhaft macht.

St. Ulrich im Greith – die(!) ‘Museumsstadt’! Eine Ausstellung, Dali bis Picasso, die, nun ja, ganz nett ist. Eine Vielzahl an ‘Hauptwerken’ dieser Künstler ist zu bestaunen und auch zu bewundern. Eine in offensichtlich mühevoller kunsthistorischer Kleinarbeit zusammengetragene Sammlung von Drucken (hätte der Sammler Konzertflügel oder Streich- oder andere Saiteninstrumente hergestellt, anstatt Saiten zu produzieren – wie würde sich die Sammlung dann wohl präsentieren? Und wo?). Auch ein Giacometti ist dabei. (Auf Papier, was offenbar haltbarer als Bronze ist.) Ebenso wie einige unaufgeregte Werke von Warhol, die gut in jedes Schlafzimmer passen würden (Junge Frau, Sie haben Schwierigkeiten einzuschlafen? Kein Problem! Besuchen Sie mein Schlafzimmer, sehen Sie sich meine Bilder von Warhol an und ich verspreche Ihnen …).
Da ich nicht die Zeit hatte, mich auf die in der Ausstellung gezeigten Werke, hinsichtlich ihrer Bedeutung und Bestimmung in kunsthistorischem Sinn, vorzubereiten, musste ich Gudrun, was mir grässlich unangenehm und sogar peinlich war, gestehen, dass ich ihr die Werke nicht erklären konnte.

Danach begaben wir uns auf Wanderschaft. Zwölf Kilometer sollte uns die Wanderroute über Ast und Stein, Hügel hinauf und wieder hinab führen. Sie in Wanderschuhen, die ohne Weiteres auch zum Bergsteigen geeignet sind, ich in den Feldschuhen der französischen Fremdenlegion (Ehrensache).
Der Waldweg, der vom ersten Teich (es handelt sich bei sämtlichen Teichen entlang des Wanderwegs, der ‘roten Route’, um solche, die der Aufzucht von Fischen verschiedener Art dienen – selbstverständlich zur späteren Verwendung in der Küche oder auf dem Grillrost im Garten) wegführt, war auf seiner linken Seite bestanden von einer geringen, doch für zwei Personen beinahe ausreichenden Anzahl Eierschwammerl, die ich sogleich an mich nehmen musste (der alte Pilzesammler in mir wurde in dem Augenblick des Erkennens, was da am Wegesrand wuchs, zu neuem Leben erweckt).
Mangels eines Behältnisses, wie Korb, Plastik- oder Stoffsack, entledigte ich mich meines T-Shirts, das ich unter meinem (grün-weiß karierten – ich bin Steirer!) Hemd trug, verknotete dessen Ärmel und den Rundkragen (Gudruns Expertise, was die Einsatzmöglichkeiten eines gewöhnlichen Haargummis anlangt, ist nicht hoch genug einzuschätzen) und legte die kleinen gelben Waldgewächse in den improvisierten Stoffsack. Wir hielten es in weiterer Folge so, dass sie auf dem Waldweg wanderte, während ich mich einige Meter von ihr entfernt auf einem steilen Waldhang nach Pilzen suchend vorwärts bewegte. Ich fand an diesem Tag keine weiteren Pilze.

Stets den Blick auf den Boden (Pilze!) gerichtet, folgten wir dem roten Pfeil, der uns zum nächsten führte, dieser wiederum führte uns zum übernächsten usw. Gestärkt von Grünzeug und Fischsuppe und begünstigt vom Wetter (obgleich ein Tag in der Mitte des Sommers, war die Temperatur nicht zu hoch, auch wurde die Sonne von Wolken, die wie Regenwolken aussahen, ihr Nass aber für sich behielten, daran gehindert, die bisweilen unerbittliche Intensität ihrer dehydrierenden Strahlen auf unsere Körper loszulassen), wanderten wir weiter.

Die Landschaft war (und ist!) wunderschön. Mir schien, als würden sich zwei, drei Familien je einen Hügel samt darunterliegendem Tal teilen, denn allzu viele Häuser gibt es dort nicht. Die zahlreichen Teiche für die Fischzucht, an den Rändern der Wäldchen oder in der Mitte von Wiesen gelegen, fügten sich harmonisch in das Gesamterscheinungsbild der Landschaft (ich bin, obgleich ich nicht zur Schwärmerei neige, versucht zu sagen: in die Idylle). (Ich vermute, dass ich dieses Bild der Idylle dem Eindruck der Harmonie zu verdanken habe, den das satte Grün der Nadel- und Laubbäume, das der Wiesen und das grüne Wasser der Fischteiche in mir hervorriefen. Oder, dies vermutlich in größerem Ausmaß, weil ich, oft Hand in Hand mit meiner Freundin, diese Landschaft durchwanderte. – Ich glaube, dass dies der Hauptgrund ist.)

Die Menschen, die in dieser Gegend wohnen (ich denke, dass das Ergebnis aus der Anzahl der Menschen zum Quadrat in etwa die Anzahl der dort lebenden Katzen ergibt – dies nur am Rande, ich mag Katzen nicht besonders, doch akzeptiere ich sie), sind nett. Sie grüßen freundlich und lächeln dabei (ob diese Freundlichkeit in ihrer natürlichen Veranlagung begründet liegt, oder ob sie bloß hintanhalten wollen, von ihren Nachbarn beim Nichtgrüßen oder gar Unfreundlich-Dreinblicken beobachtet zu werden – um hernach von diesen ‘ausgerichtet’ zu werden, also eine schlechte Nachrede ‘angehängt’ zu bekommen -, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch als stets positiv denkender Mensch gehe ich davon aus, dass diese Hügel- und Talbewohner von Natur aus friedlich und in gewissem Maße auch zutraulich sind).

Ich muss festhalten, dass auch Gudrun und ich stets entgegenkommend gegrüßt haben (wenn man in ein fremdes Habitat eindringt ist es besser, sich so zu verhalten) und uns zutraulich gaben – die Hunde haben es uns gedankt und sich ebenso friedfertig gegeben (bis auf einen – der hat uns verbellt! Ich denke jedoch, dass ich dies dem Hund nicht verübeln darf. – Je näher ein Hund nämlich, hinsichtlich Körperbau und/oder äußerem Erscheinungsbild, einer Ratte steht, desto ausgeprägter ist sein Hang zum Kläffen).

In einem der Teiche schwamm eine große Zahl an Goldfischen. Ich erkannte sogleich (jedoch bin ich mir heute nicht mehr so sicher, dass meine Theorie richtig ist), dass es sich bei diesen Goldfischen, die ja mit Karpfen verwandt sind und somit eigentlich genießbar sein sollten, um die Hauptingredienz des ‘Luxustellers’ handeln musste, der, so nehme ich an, auf dem Gleinstättener Uferfest den zahlungskräftigen Gleinstättener Großbürgern serviert werden würde. (Sabine und Manfred dürften sich mit gewöhnlichen Karpfen begnügen, also solchen ohne Epidermis aus Gold; dafür erhalten sie nach dem Verzehr des gewöhnlichen Karpfens eine kostenlose innerliche Schlammpackung. – Auch nicht schlecht!)

Gudrun und ich sprachen viel miteinander, wir redeten über vieles, küssten uns oft, wobei (aus meiner Sicht) dem Küssen eines verschwitzten Gesichts und Halses, noch dazu wenn man die durchaus anstrengende und schweißtreibende Tätigkeit des Wanderns über Ast und Stein gemeinsam ausführt, der eine somit, zu einem gewissen Grad zumindest, mitverantwortlich für das Schwitzen des anderen ist, eine hocherotische Komponente innewohnt.

Aus ornithologischer (ich war, und bin, immer gut bei Vögeln) Sicht war die Wanderung unergiebig. Ich konnte Gudrun einen vorbeifliegenden Terzel der Gattung Turmfalke zeigen, doch da diese kleinen Greifvögel die Tendenz haben, sich in schnellem Flug fortzubewegen, wenn sie nicht im sogenannten ‘Rüttelflug’ in der Luft ‘stehen’, um nach Beutetieren Ausschau zu halten, war dieses Vergnügen verständlicherweise von kurzer Dauer. Sie, die um meine Liebe zu Greifvögeln weiß, freute sich für mich, dass ich wenigstens einen Greifvogel zu Gesicht bekam, was wiederum mich sehr freute und auch rührte.

Einen Augenblick lang sah ich die Silhouette eines Mäusebussards, ich hörte auch die Rufe des Vogels, ebenso die seiner Partnerin oder seines Partners, doch war er verschwunden (wahrscheinlich hatte er sich auf einem Ast eines Baumes in dem Waldstück, über dem er gekreist war, niedergelassen), bevor ich ihn meiner Freundin hatte zeigen können. Einen Fasan erkannte ich an seinem Ruf, doch wir konnten ihn nicht sehen.
Ein Reh bekamen wir dafür zu Gesicht, doch als es mich sah (vor Gudrun hatte es mit Sicherheit keine Furcht gehabt – sie ist Veganerin), wurde ihm offenkundig bewusst, dass es von einem Karnivoren beäugt wurde, der große Stücke auf die Leber von Rehen hält, und es flüchtete.

Wir gingen und vergingen uns, wir kamen zu einem Bauernhof, vor dem nicht ganz billige Autos aus verschiedenen Teilen des Landes geparkt waren (dieser Umstand ließ mich vermuten, dass es nicht bloß ein Bauernhof, sondern auch eine Pension war und ist), eine Musikgruppe bot gar grässliche volkstümliche Schlagermusik dar, und aus dem Stall des Bauernhofs drang das Geschrei von Schweinen. Dieses Geschrei wirkte auf uns wie Lautäußerungen, die von Tieren ausgestoßen wurden, die den eigenen Tod vor Augen hatten (beispielsweise wenn ein Schwein sieht, wie seinem Mitschwein ein Messer an die Kehle gesetzt wird, schlicht um es zu schlachten).
Gudrun isst kein Fleisch, ich schon, somit war ihr dieses Geschrei unheimlich, dies konnte ich dem Blick entnehmen, den sie mir zuwarf, selbst mir war nicht allzu wohl bei dem Gedanken, was in diesem Stall vor sich gehen mochte. Ich habe überhaupt kein Problem, den Tod von Tieren in Kauf zu nehmen, damit Menschen (also auch ich) Fleisch auf dem Teller haben, doch unmittelbarer Ohrenzeuge muss ich nun wirklich nicht sein.

Wir gingen mit schnellen Schritten weiter und – vergingen uns. Wir gingen eine, man kann es beinahe so nennen, Ellipse und kamen (nur dieses Mal – logisch – von der anderen Seite) wieder zu dem Bauernhof mit dem Schweinegeschrei. Dieses hatte sich in der Zwischenzeit gelegt, es war in eine Art zufriedenes Grunzen übergegangen, was uns vermuten ließ, dass die Schweine keine Angst vor dem Tod gehabt, sondern dass sie es vielmehr nicht mehr hatten erwarten können (zum Futter für die Menschen würden sie zu einem anderen, späteren Zeitpunkt werden), gefüttert zu werden.

Die volkstümlichen Musikanten gaben ein weiteres Lied zum Besten (Der Edeltraud, der hat noch nie vorm Zipf gegraut – oder so was in der Art), wir fragten nach dem Weg, erkannten, dass wir einen roten Pfeil schlicht übersehen hatten (dieser Pfeil ist aber auch wirklich unprofessionell platziert! Folgendes an den Setzer dieses Pfeils: Nicht genügend, setzen!) und waren wieder auf dem richtigen Weg.
Am Ufer des Teichs, der in der Nähe des Schweinegeschreihofs ausgehoben war, standen zwei Sessel, die nirgendwo sonst auf dieser Welt noch hätten Verwendung finden können, sie waren alt, ihr metallenes Gestänge rostig an den Stellen, an welchen die schützende Lackschicht abgeblättert war, doch waren sie uns zwei willkommene Sitzgelegenheiten; wir ließen uns nieder, tranken aus unseren mit auf die Wanderung genommenen Flaschen, rauchten und küssten uns.

Wir setzten unsere Wanderung entlang der roten Route fort. Auf einer vor Kurzem gemähten Wiese sahen wir in einiger Entfernung einen sich offensichtlich auf der Suche nach Nahrung befindenden Steinmarder, ein an sich schon kleines (und durch die Entfernung noch kleiner erscheinendes) Raubtier, und ich fragte mich, natürlich ohne Gudrun meine Überlegung mitzuteilen – ich wollte sie nicht schockieren oder nachdenklich (oder gar traurig) machen -, wie es denn mit den Kragen der Wintermäntel der dort wohnenden Damen aussieht (ob das wirklich alles Kunstpelz ist?).

Nach einer weiteren Verirrung (an den Setzer der roten Pfeile: ein weiteres Mal: Nicht genügend, setzen!) kamen wir zum Ausgangspunkt unserer Wanderung über zwölf Kilometer, rauchten, tranken (Gudrun fällt das Rauchen schwer, wenn sie keine Flüssigkeit aufnimmt), küssten uns, verstauten die Eierschwammerl im Kofferraum ihres Wagens und machen uns auf den Rückweg aus der Hochprovinz nach Graz.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 17096

 

Ein einsames Gespräch

Was starrst du mich so an?

Was ist? Was?

Antworte mir!

Sag etwas. Bitte!

Seit Wochen sprichst du nicht mit mir.

Ich bin deine Frau. Du sollst mit mir reden. Du musst!

Weißt du noch, welch gute Gespräche wir früher geführt haben?

Wir haben nächtelang geredet.

Über alles. Einfach alles.

Was hat sich geändert?

Ich bin immer noch dieselbe Frau. Deine Frau.

Ich liebe dich doch!

Wie an dem Tag, als wir uns kennengelernt haben.

Seit mehr als sechs Wochen sprichst du nicht mit mir!

Sag, liebst du mich eigentlich noch?

Nicht einmal jetzt sagst du etwas!

Früher warst du kommunikativer. Und liebevoller.

Denkst du etwa an eine andere Frau?

Ich weiß, ich kann dir keine Kinder schenken.

Aber das habe ich dir zu Beginn unserer Beziehung gesagt.

Und du hast gesagt, dass das kein Problem ist.

Sag was. Rede mit mir. Bitte!

Du isst auch nicht mehr.

Wann hast du zum letzten Mal was gegessen?

Jeden Tag koche ich ein Gericht, von dem ich weiß, dass es dir schmeckt.

Und du isst nichts! Jeden Tag muss ich die Hälfte wegwerfen.

Ach, es ist schlimm mit dir. Willst du mich überhaupt noch?

Seit Wochen hast du mich nicht mehr berührt.

Kein Kuss, kein Streicheln, kein Beischlaf.

Findest du mich denn gar nicht mehr anziehend?

Jedenfalls lasse ich mich nicht gehen!

So wie viele Frauen in meinem Alter.

Und so wie du!

Du hast schon recht gehört!

Jeden Tag mache ich mich für dich schön. Und was tust du?

Du lässt dich gehen! Wann hast du dich das letzte Mal rasiert?

Wann hast du dir zum letzten Mal die Haare gewaschen? Wann die Zähne geputzt?

Du siehst aus wie ein Penner!

Und du riechst auch so. Wenn nicht schlimmer!

Du stinkst! Wenigstens nicht mehr nach Bier und Schnaps.

Ich bin ja glücklich darüber, dass du nicht mehr säufst.

Trotzdem stinkst du. Wie ein nasser Hund.

Nein, wie ein Iltis! Und du hast auch schon Krallen wie ein solcher.

Wann hast du dir das letzte Mal die Fingernägel geschnitten?

Ich liebe dich sehr, aber in diesem Zustand widerst du mich an.

Seit Wochen kann ich meine Freundinnen nicht einladen.

Ich kann ihnen doch nicht zumuten, dich so zu sehen.

Ich will mich nicht für dich schämen müssen!

Früher warst du ein attraktiver Mann.

Und ein gepflegter. Und heute?

Wann hast du zuletzt die Kleidung gewechselt?

Vor Wochen, möchte man meinen.

Nein, so geht es nicht weiter. Ich liebe dich, aber so kann es nicht weitergehen.

Ich habe alles versucht. Wirklich alles! Was soll ich denn noch tun?

Dass ich dir vorgestern ein Büschel Haare ausgerissen habe, tut mir leid.

Du hast nicht einmal reagiert. Keinen Ton hast du von dir gegeben.

Gestern erst habe ich sechzehn Fliegen auf deinem Kopf erschlagen. Sechzehn!

Ich weiß nicht mehr weiter! So kann es nicht weitergehen. Ich muss mich von dir trennen.

Ja, das muss ich tun. Um mich selbst zu schützen.

Glaube aber nicht, dass ich das Haus verlassen werde!

Du wirst das Haus verlassen!

Ich werde dir dabei helfen. Weil ich dich immer noch liebe.

Ich gehe dabei sogar so weit, dich zu tragen.

Ich trage dich in den Garten. Noch heute Nacht.

Ich habe dort ein Loch gegraben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17085

Verwirklichung

Sonja begann zu schreiben. Sie hatte keine Erfahrung mit Schreiben oder mit Kindern. Dennoch begann sie, eine Erzählung für Kinder zu schreiben. Über Tage hatte sie sich die Handlung ihrer Erzählung zurechtgelegt. Sie sollte von Mark handeln, einem Menschen, der im Wald von einem aus dem Nichts auftauchenden schwarzen Wolf verfolgt wird. Mark kann sich das Auftauchen der Bestie nicht erklären und versucht, ihr zu entkommen.

‘Mark ging durch den von Buchen bestandenen Wald, es war der achtzehnte März, als der Waldboden vor ihm eine riesige und grässlich anzusehende Bestie freigab.’
So lautete der erste Satz der Erzählung. Sonja tippte ihn in ihren Computer und fühlte Beklommenheit. Nicht die Art Beklommenheit, die sie aus verschiedenen Gründen schon gefühlt hatte. Es war eine grauenhafte Art von Beklommenheit, so eine hatte sie nie zuvor gefühlt.

Sie saß in ihrer geräumigen Altbauwohnung mit hohen Decken vor ihrem Computer und versuchte, dem ersten Satz einen zweiten hintanzustellen. Logischerweise kannte sie dessen Inhalt. Sie hatte ihn im Kopf, wusste, aus welchen Worten er zu bestehen hatte, auch über die Syntax war sie sich im Klaren, doch konnte sie den Satz nicht schreiben.

Sie fühlte grauenvolle Beklommenheit, wollte sich an jemanden lehnen, sich in die Arme dieses Jemand fallen lassen. Allein, es war niemand anwesend. Sie war alleine.
Ihr langjähriger Freund hatte sie verlassen, als Grund hierfür hatte er ihre Oberflächlichkeit angeführt.
Sie presste ihren Oberkörper in die weiche Lederpolsterung ihres Schreibtischstuhls, um zumindest irgendeine Art von Halt zu finden. Sonja fühlte Grauen, als ob ein schwarzer Wolf jeden Augenblick vom Parkettboden freigegeben werden würde.

Sie wollte telefonieren. Jemand anrufen und mit ihm reden. Doch aus zwei Gründen konnte sie nicht. Zum einen lag ihr Mobiltelefon etwa einen Meter von ihr entfernt auf der Tischplatte, Sonja jedoch erschien dieser Meter wie  deren  fünf. Somit war ihr Telefon unerreichbar.
Zum anderen hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wen sie anrufen sollte. Allen ihren Freundinnen und Freunden hatte sie sich als lebenslustige, stets positiv denkende Person präsentiert. Sie  hatte  nicht  gelogen,  hatte  sich  ihnen  schlicht so präsentiert, wie sie sich selbst gesehen hatte. Stets hatte sie es abgelehnt, Gedanken und Gefühle zuzulassen, die nicht lebenslustig oder die negativ waren. Diese passten schlicht nicht in das Bild, das Sonja von sich selbst hatte. Nun jemand anzurufen und von dem Grauen zu erzählen, brachte sie nicht fertig.

Sie versuchte, mit den wenigen und unzureichenden Mitteln einer diesbezüglich unerfahrenen Person, die Ursache des Grauens auszumachen, doch konnte sie es nicht. Sie beschloss, an einem Punkt der Erzählung weiterzuschreiben, an dem der schwarze Wolf keine allzu große Rolle spielte.
‘Mark hatte sich von Frida losgesagt. Er wollte sie niemals wieder sehen, nie wieder mit ihr sprechen. Er hatte sich gesagt: ‘Die Sache mit dieser Verrückten ist für mich abgeschlossen!’ Der Nachteil dabei war, dass Mark nun alleine im Wald stand. Nun, da er Frida am dringendsten gebraucht hätte, war sie weg. ‘Was auch immer du machst, mach es gut!’, hatten seine letzten Worte an sie gelautet.’

Sonja tippte die Sätze in ihren Computer. Dann begann sie zu weinen. Dicke Tränen rannen in großer Zahl ihre Wangen hinab. Sie erkannte, dass sie sich selbst an dieser Stelle ihrer Erzählung porträtiert hatte. Denn sie hatte sich auf die selbe Art und Weise verhalten. Sie hatte die Person aus ihrem Leben ausgeschlossen, die als einzige jederzeit zu ihr geeilt wäre, um sie in den Arm zu nehmen. Sie dachte daran, diese Person anzurufen, doch hatte sie deren Nummer aus dem Speicher ihres Telefons, das gefühlt bloß noch anderthalb Meter entfernt vor ihr lag, gelöscht. Sonja verfluchte sich dafür, anderen Menschen gegenüber so verschlossen gewesen zu sein.

Um sich abzulenken, übersetzte sie den eben geschriebenen Absatz ins Englische. Da sie studierte Dolmetscherin war, fiel ihr dies allzu leicht und brachte sie nicht auf andere Gedanken. Sie zwang sich, langsam zu atmen und eine weitere Passage ihrer  Erzählung  einzutippen.
‘Ein  schwarzer  Bussard  mit orangen Augen stieß herab und landete auf seiner Schulter. Mark sah den Vogel an, erschrocken, doch nicht ängstlich, und sagte: ‘Nun, Bussard, wie geht es weiter?’ Der Raubvogel sah ihm lange in die Augen und antwortete: ‘Du, Mark, willst dem Wolf entkommen. Ich kann dir dabei helfen. Doch wisse: Mein Preis ist hoch!’ ‘Was, Bussard, verlangst du für deine Hilfe?’ ‘Deine Zukunft, Mark.’ Mark sah den schwarzen Vogel fragend an. Er verstand nicht, was der Bussard meinte. ‘Künftig wirst du mein Gefährte sein.’ ‘Wie soll ich das verstehen?’ ‘Ich werde dich vor dem Wolf retten, und danach lasse ich dich nicht alleine ziehen. Ich werde dir Sicherheit und Halt geben. Dafür bleibst du bei mir.’ ‘Aber das­’’

Wieder weinte Sonja. Sie meinte, tapsende Laute zu vernehmen, wie von den Pfoten eines großen Hundes. In diese Laute mischte sich das Kratzen, das lange Krallen auf hölzernen Böden verursachen. Sonja wandte sich langsam um, sah in die Richtung, aus der die Geräusche zu kommen schienen und erwartete, einen riesigen Wolf zu sehen. Sie zitterte vor Angst, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Allein, es befand sich kein Wolf im Raum. Sie war alleine.
Sie schloss die Augen und erwartete, das Heulen der eingebildeten Bestie zu vernehmen, doch der Raum war erfüllt von Stille. Von tiefer Stille, die lediglich von ihrem schnellen Atem durchbrochen wurde. Sonja zwang sich ein weiteres Mal zum ruhigen Atemholen und beschloss, den letzten Satz ihrer Erzählung für Kinder einzutippen.
‘Mark und der schwarze Bussard verbrachten viele Jahre gemeinsam, der schwarze Wolf war besiegt.’

Sonja war erleichtert, diese positiven Worte niederschreiben und auf dem Bildschirm ihres Computers lesen zu können. Sie hatte ihre Erzählung zu einem guten Ende gebracht, auch wenn sie tatsächlich erst wenige Sätze geschrieben hatte.
Sie ging in ihre unaufgeräumte Küche, um sich einen Kaffee zu brühen, dann setzte sie sich mit der Tasse in der Hand guten Mutes wieder vor ihren Computer. Sie beschloss, nun die gesamte Erzählung einzutippen.
Sie las den ersten Satz, wollte eben den zweiten, den Folgesatz, beginnen, als sie ein ohrenbetäubendes Geheul vernahm, das sich hinter ihr erhob. Dieses Geheul wurde von kehligem Knurren unterbrochen, so böse und Unheil sowie Tod verheißend, dass Sonja erstarrte. In der Hoffnung, wieder bloß den leeren Raum zu sehen, blickte sie über ihre Schulter. Da sah sie ihn.

Ein riesiger schwarzer Wolf stand im Raum und heulte. Dann knurrte er aus tiefer Kehle. Sein Fell war verklebt, Sonja erkannte, von Blut, seine Augen waren von funkelndem Grün, und seine Reißzähne rot von Blut und Fetzen von Fleisch. Und der Wolf war nicht alleine gekommen.
Um seinen Hals lag eine aus scharfkantigen Gliedern zusammengesetzte Kette, deren Ende eine menschliche Gestalt in Händen hielt. Sonja erkannte die Gestalt sofort. Es handelte sich um Mark, den Helden ihrer Erzählung. Sein Erscheinungsbild glich dem, das sie vor ihrem geistigen Auge gehabt hatte, als sie ihn erschaffen, ihn sich ausgedacht hatte. Als sie jedoch ihrem Helden in die Augen sah, erkannte sie, dass diese nicht grün waren, wie sie sie  sich ausgemalt hatte. Sie waren schwarz. Glanzlos schwarz, aus ihnen sprach der Tod.

Sonja wollte etwas sagen, doch sie brachte keine Silbe über ihre Lippen. Sie schloss die Augen, hoffte, die Gestalten wären weg, wenn sie sie wieder öffnete. Doch sie blieben. Und sie kamen näher. Sonja wusste keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage.
Sie sprang auf und lief zum Fenster des Zimmers. Sie öffnete es, stieg auf das Fensterbrett und sah nach unten. Ihre Wohnung befand sich im vierten Stockwerk. Sie wandte sich um, hoffte, die Gestalten wären verschwunden. Waren sie aber nicht. Sonja sprang aus dem Fenster. Sie dachte, dies war ihr letzter Gedanke, noch an einen schwarzen Bussard, der sie retten würde. Allein, die Uhr zeigte zweiundzwanzig Uhr dreizehn an.
Und Bussarde sind tagaktiv.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17084

Konfrontation im Salzamt

1

Der Mann war unbemerkt in den Raum gekommen. Er hatte die Eingangstüre geräuschlos geöffnet und wieder geschlossen. Er stand eine Minute regungslos im Raum, dann wandte er sich um, kam an meinen Tisch und sagte: „Ist niemand hier?“
Damit meinte er, dass keine Kellnerin hinter der Bar stand und Dienst versah, und ihm dies offensichtlich missfiel.
„Das Mädchen schreibt gerade die Speisekarte“, gab ich zur Antwort.
Mein Freund Peter, der an meinem Tisch saß, musterte den Mann aufmerksamer, als er es für gewöhnlich bei fremden Menschen machte.
„Ich warte“, sagte der Mann, wandte sich zur Bar und steckte sich eine Zigarette an.

Peter sah mich fragend an. Sein Blick, das erkannte ich sofort, diente bloß einem Zweck. Ich schüttelte den Kopf und gab ihm damit zu verstehen, dass ich den Mann nicht kannte. Da ich in diesem Restaurant, das Salzamt heißt, Stammgast bin, war Peter davon ausgegangen, dass ich den Fremden kennen müsste.
Dieser stand an der Bar, sog den Rauch ein, presste ihn mit merklichem Genuss wieder aus seiner Lunge und sah sich im Raum um.
Er war um die fünfzig Jahre alt, etwa einen Meter achtzig groß und trug sein graues Haar akkurat kurz geschnitten. Seine Kleidung war von der Sorte, die man nicht in gewöhnlichen Geschäften kauft. Sie war maßgeschneidert, wie auch seine schwarzen Lederschuhe Maßanfertigungen waren. Trotz des offensichtlich hohen Preises seiner Ausstattung wirkte er keineswegs abgehoben, sondern leger. Er trug eine lockere Haltung zur Schau, die aus seinem Inneren kam und nicht aufgesetzt war, das merkte ich sofort.

„Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?“ Die Kellnerin war mit der Speisekarte fertig und in den Raum zurückgekommen, in dem sie Dienst tat.
„Guten Abend, Fräulein“, sagte der Mann freundlich. „Ich möchte einen Tisch für Donnerstag reservieren. Wir werden fünf Personen sein. Zwanzig Uhr wäre ideal.“
Das Mädchen trug die Reservierung in den eigens dafür bereitliegenden Kalender ein.
„Vielen Dank. Bis Donnerstag“, sagte er und machte sich auf den Weg zur Türe. Bevor er sie öffnete, blickte er mich an und zwinkerte mir zu. „Wir sehen uns, Michael“, sagte er, dann verließ er das Salzamt.
Nachdem er gegangen war, sagte mein Freund Peter: „Ich dachte, du kennst ihn nicht.“
„Ich – kenne – ihn – auch – nicht“, sagte ich leise und langsam.

Es hatte etwas in den Augen dieses Mannes gelegen, als er mich das zweite Mal angesprochen hatte, das mich beunruhigte. War er beim ersten Mal freundlich gewesen und hatte ein gutmütiger, beinahe warmer Blick seine Augen erleuchtet, so hatte seine Stimme kurz darauf einen bösen, kalten Ton angenommen. Weit mehr noch als seine Stimme hatte mich der Ausdruck in seinen Augen irritiert, und sogar verängstigt.
In diesen Augen hatte etwas gelegen, das ich nie zuvor gesehen hatte. Es war ein beinahe animalischer Ausdruck, etwas Unmenschliches, das zum freundlichen Blick von vorhin nicht gepasst hatte.
Außerdem hatte dieser Mensch meinen Namen gekannt, obwohl ich nicht damit angesprochen worden war, weder von der Kellnerin noch von meinem Freund.

„Was ist los mit dir?“, fragte Peter. „Geht es dir nicht gut?“
Ich atmete tief ein und behielt die Luft zehn Sekunden in mir – das ist meine Art, mit Panikattacken fertigzuwerden. Es funktionierte, ich wurde innerlich wieder ruhig und steckte mir eine Zigarette an.
„Es ist alles in Ordnung, Peter“, gab ich zurück.
„Woher kennt der Mann deinen Namen?“, fragte er, doch ich ging nicht auf seine Frage ein.
„Sag, Peter, hast du seine Augen gesehen, als er sich an der Türe umgedreht und mich angesprochen hat?“
„Natürlich. Sie waren gleich freundlich wie zuvor, als er mit dem Mädchen gesprochen hat.“
„Hast du eine Veränderung in seiner Stimme bemerkt?“
„Nein, habe ich nicht“, sagte er. „Was war denn mit seiner Stimme?“
„Sie war verändert. Sie klang eiskalt.“
„Eiskalt?“, wiederholte Peter verwundert. „Sag, bist du betrunken?“
„Nein, bin ich nicht. Lassen wir das Thema.“

Der Abend nahm den gewohnten Lauf aller Abende im Salzamt. Ich unterhielt mich mit meinem Freund, wir tranken Bier und konnten die Kellnerin dazu überreden, an unserem Tisch Platz zu nehmen.
Peter, der, anders als ich, einer geregelten Arbeit nachging, verließ das Restaurant um Mitternacht, und ich blieb mit dem Mädchen am Tisch sitzen. Nachdem die beiden anderen Stammgäste, die jeden Abend an der Bar stehen, das Lokal verlassen hatten, fasste ich mir ein Herz und fragte die Kellnerin: „Martina, ich möchte nicht neugierig erscheinen, und ich weiß dass mich das nichts angeht, aber ich habe eine Frage.“
„Ja?“, sagte sie und sah mich erwartungsvoll an.
„Hat der Mann, der den Tisch für Donnerstag reserviert hat, seinen Namen genannt?“
„Nein, hat er nicht. Weißt du denn nicht, wie er heißt? Er schien dich jedenfalls zu kennen.“
„Ich kenne ihn aber nicht. Sag, ist dir etwas an seiner Stimme aufgefallen, als er gegangen ist?“
„Nein, gar nichts.“

Zur Sperrstunde verließen wir das Salzamt, und ich ging nach Hause. Dort lag ich noch eine halbe Stunde wach im Bett und zermarterte mir den Kopf, was es mit diesem Mann auf sich haben konnte.
Kurz bevor ich einschlief, beschloss ich, bis Donnerstag nicht mehr an ihn zu denken.

2

Am Donnerstag betrat ich das Salzamt um siebzehn Uhr und setzte mich an meinen Lieblingstisch. Ich schlug mein Schreibheft auf und begann an einer Kurzgeschichte weiterzuschreiben, die ich Tage zuvor begonnen hatte. Claudia hatte Dienst an der Bar, was mir sehr gelegen kam. Sollte sich nämlich Ähnliches zwischen dem Mann und mir ereignen wie vor zwei Tagen, hätte ich eine unvoreingenommene Person bei der Hand.
Ich schrieb bis Viertel vor acht, dann legte ich den Stift weg und wartete auf das Eintreffen des Mannes mit seiner Entourage. Pünktlich um acht betrat er in Begleitung von vier Frauen seines Alters das Restaurant. Er würdigte mich keines Blickes, ließ sich bloß zu einem knappen Gruß an Claudia herab und ging schnurstracks in den Gastraum.

Ich war ein wenig enttäuscht, doch auch erleichtert. Ich versuchte an der Kurzgeschichte weiterzuarbeiten, doch fiel mir nichts ein, das es wert gewesen wäre, niedergeschrieben zu werden. Innerlich fragte ich mich in einem fort, was ich denn erwartet hatte, welche Handlung dieses Mannes.
Gegen zweiundzwanzig Uhr verließ er das Lokal samt seinen Begleiterinnen. Als er an meinem Tisch vorbeikam, legte er wortlos und ohne mich anzusehen eine in der Mitte gefaltete Papierserviette auf diesen.
Ich nahm die Serviette und klappte sie auf. Mit schwarzer Tinte stand darauf geschrieben: ‘Wir sehen uns, Michael Timoschek. Morgen – Salzamt – 21.00 Uhr – alleine!’

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Schrift hatte gleichzeitig etwas Feierliches und etwas Bedrohliches. Feierlich, denn Tinte auf einer Serviette wirkt edel, wie ich finde, und bedrohlich, weil die feinen Verästelungen in schwarzer Farbe, für die die Saugfähigkeit der Papierserviette verantwortlich war, mich an die Äste von dürren, abgestorbenen Büschen erinnerten, jenen auf Friedhöfen gleich, die auf verlassenen, ungepflegten Gräbern wachsen.
Claudia war nicht entgangen, dass der Mann mir eine Nachricht hatte zukommen lassen und dass ich diese gelesen hatte.
„Hat er dir seine Telefonnummer gegeben, Michael?“, fragte sie keck.

Ich faltete die Serviette zweimal und steckte sie in meine Hosentasche. Einen Augenblick lang war ich versucht, ihr die Wahrheit zu sagen, doch dann beschloss ich zu lügen. Ich fürchtete nämlich, die Kellnerin würde die Sache nicht verstehen und mich für endgültig übergeschnappt halten.
„Ja, Claudia, das hat er. Er hat mir auch seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben.“
„Wer ist er?“, fragte sie. „Er scheint reich zu sein.“
„Er ist sogar sehr reich“, fabulierte ich. „Ihm gehört ein großer Verlag, und ich habe ihm einige Manuskripte geschickt.“
„Das ist gut, Michael. Wird er ein Buch von dir herausbringen?“
„Ich hoffe es, Claudia. Morgen treffen wir uns hier und werden wohl wichtige Details besprechen. Es erfordert nämlich viele Gespräche, bis so ein Projekt auf Schiene ist, musst du wissen“, sagte ich.
Ich gab mich erfahren im Literaturbetrieb, obwohl ich kaum Ahnung davon hatte und habe.
„Das freut mich ja so für dich!“, rief sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Zur Feier des Tages geht dein nächstes Bier aufs Haus.“

Ich fühlte mich plötzlich mies. Ich hatte die herzensgute Claudia angelogen, weil ich zu feig war, die Wahrheit zu sagen – und als Lohn für meine Lügen sollte ich ein Freibier erhalten. Es schmeckte ausgezeichnet.
Nachdem ich das Glas ausgetrunken hatte, gesellte ich mich zu den beiden Stammgästen an der Bar und führte ungezwungen Konversation mit ihnen. Ich wollte mich von den Gedanken abbringen, die ständig durch meinen Kopf waberten – Gedanken an den nächsten Abend und an das, was der Mann von mir wollen mochte.

3

Am nächsten Tag konnte ich keine feste Nahrung zu mir nehmen, so aufgeregt war ich. Ich lief in meiner Wohnung umher, ich versuchte es mit einem Spaziergang am Donaukanal, doch nichts half. Ich überlegte, ob es Sinn machen würde, Peter anzurufen und ihn einzuweihen, doch entschied ich mich dagegen. Er hätte mir womöglich unterstellt, die Serviette selbst beschriftet zu haben. Fernsehen half ebenso wenig wie das Bügeln meiner Hemden, also verbrachte ich den Großteil des Tages im Bett und las.

Um zwanzig Uhr betrat ich das Salzamt und setzte mich an meinen Tisch. Brigitte hatte Bardienst. Sie war neu, und wir kannten uns noch nicht gut, also blieb sie an ihrem Platz hinter der Bar und setzte sich nicht zu mir. Dies war mir nur recht, denn ich war innerlich höchst angespannt und wollte meine Ruhe haben.
Um neun Uhr betrat der Mann das Lokal und setzte sich neben mich auf die Bank aus braunem Leder.
Ich schwieg, wollte ihn den Anfang machen lassen.
„Michael Timoschek“, sagte er.
„Und mit wem habe ich die Ehre?“, fragte ich.
„Mit dir selbst“, gab er zurück.

Ich blickte ihn verdutzt an, dann bedeutete ich der Kellnerin, an meinen Tisch zu kommen. Der Mann bestellte Bier. Ich machte ein paar Scherze, als Brigitte das Glas brachte, und sie lachte. Es ging mir nicht darum, das Mädchen zum Lachen zu bringen, ich wollte bloß Zeit gewinnen; Zeit, um mir eine Reaktion auf seinen Satz zu überlegen.
„Okay“, sagte ich und legte einen Tonfall in meine Stimme, als hätte ich es mit einem gefährlichen Irren zu tun, dem man mit Vorsicht begegnen sollte, um ihn nicht zu reizen.
„Schreiben, trinken, um Geld betteln. Das ist dein Leben“, stellte er fest.
„Nun“, mehr konnte ich nicht dazu sagen. Er hatte recht.
„Oberflächlichen Gören nachlaufen, faulenzen, dich in Träumereien verlieren. Auch das ist dein Leben“, fuhr er fort.
Ich schwieg.
„Wo führt das hin?“

Nun sah ich meine Chance gekommen, etwas über den mysteriösen Fremden in Erfahrung zu bringen.
„Ich vermute“, sagte ich, „dass es dahin führen wird, dass ich in etwa fünfzehn Jahren in einem Maßanzug und in Maßschuhen herumlaufen werde.“
Erst lachte er, dann trat wieder der unmenschliche Blick in seine Augen.
„Wer sind Sie?“, fragte ich. „Und woher zum Teufel wissen Sie, wer ich bin?“
„Ich bin Gustav Fischer. Und ich weiß, wer du bist. Ich weiß auch, was du bist.“
„Was bin ich denn?“
„Zur Zeit ein Poète maudit, das bist du.“
„Was sind denn Sie?“
„Ein Mensch, den du viele Jahre lang enttäuscht hast.“

Ich fühlte, wie sich eine gewisse Ungeduld in mir auszubreiten begann. Wenn ich Informationen erhalten möchte, schätze ich es nicht, auf diese warten zu müssen.
„Dann könnte ich auch ebenso gut Vater zu dir sagen“, fauchte ich. Die förmliche Anrede schien mir einfach nicht mehr angebracht. „Mein Alter ist auch von mir enttäuscht.“
„Ich bezweifle, dass er der Einzige in deiner Familie ist.“
Da wurde es mir zu bunt.
„Jetzt pass auf, du Anzugträger!“, sagte ich in aggressivem Ton. „Entweder du sagst mir sofort, wer du bist, oder zu sein glaubst, und was du von mir willst, oder ich zerre dich an deinen Ohren nach draußen!“
„Gemach, Herr Autor, gemach!“, murmelte Gustav Fischer. „Ich habe viele Jahre lang mein Talent vergeudet. Die Tatsache, dass ich heute Kleidung trage, die du dir selbst nach drei Jahren des Sparens nicht leisten könntest, sollte dir zu denken geben.“
„Ach. Und warum?“
„Weil ich eines Tages aufgehört habe, mein Talent zu vergeuden, und dann bin ich erfolgreich geworden.“
„Auf welchem Gebiet, wenn ich fragen darf?“

Es interessierte mich nicht wirklich, in welchem Bereich der Mann tätig war, doch wenn er sich schon dazu berufen fühlte, mir Vorhaltungen zu machen, sollte er wenigstens ein bisschen von sich preisgeben müssen.
„Wirtschaft, Bankvorstand“, sagte er knapp.
„Habe ich bei deiner Bank etwa auch Schulden?“, fragte ich. „Groß wundern würde es mich nicht.“
„Nein, Timoschek, hast du nicht.“
„Was willst du, Fischer?“
„Du bist der Teller, der einen Sprung hat“, begann er. „Der im Regal ganz hinten steht, weil er niemandes Augen mehr zugemutet werden kann, weil er eine Schande für die Familie ist, in deren Haus er steht. Bloß ab und zu holt man ihn hervor, um Speisereste auf ihm abzulegen.“
„Das kenne ich“, sagte ich gelangweilt. „Ich habe den Text gelesen.“
„Du bist der bis zur Krone im Morast versunkene Baum. Kennst du das auch?“
„Nein, aber sprich weiter“, murmelte ich und simulierte Gähnen. „Es klingt überaus interessant.“
„Du träumst von einem guten Auskommen, von Ruhm und Geld. Doch am öftesten träumst du von einer Person, die dich an der Hand aus deinem Morast herausführt.“

Ich schwieg. Gustav Fischers Worte hatten ins Schwarze getroffen.
„Und jedes Mal, wenn du die Hand ausstreckst nach einer solchen Person – was passiert dann?“
„Keine Ahnung“, sagte ich lakonisch. „Ich werde an der Hand herausgeführt?“
„Nein, Timoschek. Es passiert etwas anderes: Dein Traum zerplatzt.“
„Woher willst du wissen, dass es sich wirklich so verhält, Fischer?“
„Das sind doch deine Themen, an welchen du dich abarbeitest. Mit welchen du dein Talent vergeudest. Die dich dazu bringen, zu billigen Tricks und Rhetorik zu greifen.“
„Wie kommst du darauf?“, rief ich entrüstet.

Ich war keineswegs der Meinung, dass ich mein Talent vergeudete.
„Bist du dir eigentlich im Klaren darüber, dass in der Kunst alles erlaubt ist, Gustav Fischer?“, fragte ich zornig.
„Erlaubt ist alles, Timoschek. Aber es ist bei Weitem nicht alles Erlaubte auch gut!“
„Dann erzähl mal, womit du dein Talent vergeudet hast. Nachdem du heute angeblich Bankvorstand bist, kann es bei dir mit dem Talent ja nicht allzu weit hergewesen sein.“
„Das tut hier nichts zur Sache!“, knurrte er und sah mich aus seinen unmenschlichen Augen an, in welchen ich eine gute Portion Verachtung erkannte. „Es geht hier um dich!“
„Na schön!“ Ich gab auf. „Lies mir die Leviten! Sag mir, was du zu sagen hast, Fischer!“
„Du musst aufhören, dein Werk zu verpfuschen!“
„Ja, mit billigen Tricks und Rhetorik. Das hatten wir schon.“
„Warum machst du damit weiter?“
„Womit denn?“ Ich begann die Beherrschung zu verlieren.
„Mit den Tricks und dem Geschwafel!“
„Wo kommt so etwas denn vor?“, rief ich.
„Wo Schachtelsätze bei dir vorkommen? Überall!“

Ich dachte nach. Er hatte recht, doch konnte ich das nicht so einfach zugeben.
„Na und?“
„So etwas will niemand lesen! Und was soll der Schwachsinn mit den Türkentauben?“
Ich schwieg.
„Warum tauchen diese Vögel in so vielen deiner Werke auf? Wahrscheinlich weil du einem Rock nachläufst, der diese Viecher gern hat!“
Ich schwieg weiter.
„Und erst das, was du aus vorgegebenen Themen machst! Ein wenig Fantasie könnte nicht schaden! Nie versuchst du, das Unmögliche möglich zu machen! Die Vermutung, dass der Alkohol nicht ganz unschuldig daran ist, liegt weiß Gott nahe!“, herrschte er mich an.

Die Tatsache, dass ein Fremder mir Vorhaltungen bezüglich meiner Kunst machte, trieb mir die Zornesröte ins Gesicht. Dennoch war ich unfähig, etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen.
„Denk darüber nach, Timoschek! Fantasie und kurze Sätze – mehr braucht es nicht, abgesehen von einer Änderung deiner Lebensführung, und zwar einer radikalen Änderung!“
Der Mann trieb mich zur Weißglut, doch hatte ich seinen Worten nichts entgegenzusetzen.

Ich trank den Rest meines Bieres in einem Zug, erhob mich und drückte der Kellnerin einen Geldschein von ausreichendem Wert in die Hand.
Dann ging ich zum Tisch zurück, sah dem Mann tief in die Augen und wandte mich um. Im Hinausgehen machte ich kehrt, um ihm eine letzte Frage zu stellen.
„Bevor ich gehe, habe ich noch eine Frage an dich“, sagte ich.
„Nur zu!“
„Wer bist du wirklich?“
„Dein Leser.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 17059

 

 

Landluft

Brise 1
Die Zeitungsgeschichte

Der Steirer sitzt am Morgen bei Häferlkaffee und Grammelschmalzbrot am Tisch und arbeitet sich durch die aktuelle Ausgabe der größten kleinformatigen Tageszeitung der Steiermark.
Die Schlagzeile ‘Wütende Kuh tötet Bauer auf der Suche nach Frau’ versetzt ihn in Schrecken.
„Nicht einmal die Kühe …“, sagt er sich.
Als er zu den Todesanzeigen kommt, liest er: ‘Herwig Pachern, aus Edelschrott, 35 Jahre.’ und ‘Edeltraud Puchern, aus Vasoldsberg, 36 Jahre.’ und sagt sich: „Guter Durchschnitt, 37 Jahre.“

Regieanweisung: während er sich der Ermittlung des Durchschnittsalters der beiden vor der Zeit verblichenen Menschen widmet, vernimmt er das Summen einer Fliege. Er sieht das Insekt und erkennt hirschfängerklingenscharf, dass es sich bei diesem um jenes Tier handelt, das seinem Haus seit bereits drei Tagen das Stigma der Unhygiene verleiht. Er zieht also seinen rechten Holzpantoffel aus, klopft zweimal darauf – denn Glück kann der Mensch stets brauchen -, zielt und wirft.
Die Fensterscheibe bricht, und der über einhundert Jahre alte Spruch ‘Deus Semper Maior’ liegt in Scherben auf dem Boden verstreut. Der Steirer ist nun einigermaßen traurig und grunzt entsprechend, hat doch seine Ururgroßmutter, die einst Kleinmagd war und dann durch eine geschickte voreheliche koitale Spätfolge Großbäuerin wurde, das Fenster einsetzen lassen. Der selige Altpfarrer des Dorfes, der von allen immer der ‘Geistreiche’ genannt wurde, und von wenigen zu vorgerückter Stunde der ‘Geistvolle’, hat das Fenster mit den Worten: „Oh Gott! Rette dieses Haus und seine Bewohner!“ geweiht. Bevor sich der Steirer an die Beseitigung der Scherben macht, befestigt er einen hübschen Plastiksack von Kastner und Öhler im nun scheibenlosen Fensterrahmen und brummt: „Der Löwe lacht immer.“

 

Brise 2
Die Vaterschaftsgeschichte

Der über sechzig Jahre alte Steirer denkt sich: ‘Ein Baby wäre schon eine feine Geschichte. So könnte ich ein Leben sich entwickeln sehn. Und einen kleinen Menschen nach meinem Vorbild formen. Mein Mäderl ist eh noch jung, also haben wir beide was davon. Und so gute Gene, wie ich sie habe, müssen weitergereicht werden.’

Regieanweisung: Der Steirer steht vor dem Hormonexperten und denkt sich: ‘Was wird der Herr Doktor mir wohl sagen?’
Der Hormonexperte steht vor dem Steirer und denkt sich: ‘Wieder so ein alter Mann, der kurz vor seinem offensichtlich in Bälde zu erwartenden Ableben selbst aufgegebenes Fruchtbarkeitsterrain zurückgewinnen möchte.’
Der Steirer fragt: „Was wird mich das kosten?“
Der Spezialist antwortet: „Anzunehmenderweise werden die Kosten der Hormonbehandlung höher sein als der Betrag, den Sie für Ihr Kind noch werden ausgeben müssen.“
Der Steirer denkt sich: ‘So ein billiges Kind!’ und sagt: „Passt! Dann mal los!“
Der Spezialist sagt: „Aber natürlich!“ und denkt sich: ‘Ein Prachtexemplar von einem Kunden. Wenn ich Glück habe, benötigt er drei Behandlungen.’

 

Brise 3
Die Zeltfestgeschichte

Der Steirer besucht das Zeltfest in Stiwoll und freut sich auf die Musik der volkstümlichen Gruppe ‘Die Lustigen Buam’.
Er steht an der Bar, trinkt aus einem irdenen Maßkrug der Raiffeisenkasse Stiwoll und betrachtet die anwesenden Frauen. Eine gefällt ihm besonders gut, und er nähert sich ihr mit offensichtlichen Absichten.
Der Gefährte der jungen Frau beginnt zu bellen: „Was willst Du von meiner Vroni? Ein Bier willst du ihr bezahlen, ha? Wart nur, den Kelch dazu kannst du gleich haben!“, und erhebt sich.

Regieanweisung: Vroni bittet ihren Begleiter, den werbenden Steirer nicht körperlich zu schädigen, doch vergebens.
In Stiwoll hat gekelcht zu werden, vor allem, wenn Zeltfest ist.
Vor dem Zelt stellt der Begleiter den Steirer vor die Wahl: „Nase oder Eier?“
Der Angesprochene überlegt, doch zu lange für den Geschmack des Pächters von Fräulein Vroni.
Es setzt zwei Hiebe, und das lange Überlegen hat sich gerächt.
Zur Sicherheit wird ein drittes Mal zugeschlagen, und auch der Magen fährt für eine gewisse Zeit in die Grube ein.

 

Brise 4
Die Studiengeschichte

Der Steirer steht vor der Grazer Universität und will Angewandtes Brauchtum studieren, doch in der Steiermark ist das korrekte Tragen von Lederhose und Dirndlkleid noch keine Studienrichtung.
Er steht in seiner Tracht vor der Alma Mater und lamentiert: „Meine Tracht – Vom Opa gemacht – Sie ist nix wert – Drum bleib ich gschert!“

Regieanweisung: Der Dekan der Fakultät für Kulturanthropologie hört das steirische Lamento und wählt instinktiv die Nummer des Dekans der Fakultät für Soziologie und flüstert in sein Telefon: „Herr Kollege, bitte kommen Sie schnell zum Universitätseingang. Ich denke, wir haben ein Exemplar gefunden, das bestens geeignet ist für unseren Versuch, eigene Studienrichtungen für Randgruppen einzuführen. Ein Prachtexemplar, möchte ich sagen!“

 

Brise 5
Die Jagdgeschichte

Der Steirer hält die Bestie in der Hand, betrachtet ihren Kopf und denkt sich: ‘Du Biest, du kommst auf den Rost! Du ärgerst meine Mutter nicht mehr, dafür werde ich schon sorgen!’

Regieanweisung: Die dem Skimmer des Teiches entnommene Ringelnatter zappelt und züngelt und zischt in der Steirerhand, während deren Besitzer dem Reptil streng in die Augen blickt.
„Bestie“, sagt er dann, „du wirst meiner werten Frau Mama nie wieder die Freude am Baden in ihrem schönen Teich verderben! Um dies sicherzustellen, werde ich dich noch heute grillen!“
Die Schlange sieht ihn an, und auf einmal weiß er, was sie ihm mitteilen möchte: „Großer Steirer, bitte verschone mich! Ich bin noch jung, keine zwanzig Zentimeter lang, also fast noch ein Kind!“
Es entspinnt sich ein Dialog.
„Du bereitest meiner Frau Mama Kummer!“
„Ich bin unschuldig, großer Jäger! Ich wurde von meiner Mutter an diesen Teich geführt.“
„Und meine ekelt sich vor dir!“
„Töte mich nicht! Wenn du mich verschonst, hast du drei Wünsche frei!“
„Gut. Erstens: Mach mir diesen Teich mit Obstler voll!“
„Realistische Wünsche.“
„Dann mit Bier. Aber Gösser!“
„Noch realistischer.“
„Das führt zu nichts! Du wirst sterben!“
„Aber ich könnte eine schöne Schlange werden, die viel Ungeziefer vertilgt.“
Das leuchtet dem Steirer ein, als er vom Vertilgen des Ungeziefers hört.
„Du wirst nie wieder im Teich meiner werten Frau Mama schwimmen! Wenn du Ungeziefer vertilgen willst – nur zu! Merze es aus! Aber bedenke: Ich möchte nicht sehen, wo und wie du das machst!“
„Versprochen. Bin ich nun frei?“
„Ja, bis zu dem Tag, an dem du stirbst. An diesem Tag wirst du nämlich hierher zurückkommen, und deine Haut wird mir ein geziemender Leibriemen werden!“, ruft der Steirer und entlässt die Bestie in die Freiheit.

 

Brise 6
Die Rauschgiftgeschichte

‘Ich rauch ein Gras und bring’s zu was’, denkt sich der Steirer und versucht zum dritten Mal an diesem Abend, sich eine Haschischzigarette zu drehen.
Letzten Endes inhaliert er sein im Grazer Stadtpark gekauftes Haschisch und übergibt sich.

Regieanweisung: Nachdem der steirische Drogenaspirant drei fehlgeschlagene Versuche, einen Joint zu drehen, mit der Zufuhr von insgesamt zehn Doppelstamperln Obstler kompensiert hat und auf diese ursteirische Art und Weise zu einem, wenn auch gut bekannten, Hochgefühl gelangt ist, will er es dennoch wissen.
Er leert schnell eine Dose Gösser und raucht das Rauschgift aus der Dose.
Da das Haschisch sich mit dem ihm bestens bekannten Bier vermischt, geht es ihm erst gut.
Als das Bier jedoch verdampft und das Rauschgift seine Wirkung entfaltet, und weil Steirerblut eben kein Wiesensaft ist, vomiert er in hohem Bogen und ziemlich zielgenau erst auf, dann in seine Haferlschuhe.

 

Brise 7
Die Elektrizitätsgeschichte

Der Steirer trällert bei dem Lied ‘Ja lustig ist’s im Steirer-’, doch -’land’ muss er ohne die Unterstützung seines Kassettenradios singen, da ihm offenbar der Strom abgedreht wurde.
‘So ein Unglück!’, denkt er sich.

Regieanweisung: Er weiß, dass sein Radio ein Batteriefach hat, aber da Batterien mit Strom zu tun haben und ihm der ja abgedreht wurde, geht er zu seinem nunmehr lichtlosen Kühlschrank und holt aus diesem seine Spezialbatterie, nämlich die, die ihn selbst wieder auflädt, und das immer.
Nachdem er allen zehn Zellen dieses Kraftspeichers den Saft, nämlich Gösser Märzen, entnommen hat, schläft er ein.
Als er aufwacht, funktioniert sein Radio wieder und sein Nachbar hat ihm auf dem Jogltisch einen Zettel hinterlassen, auf dem steht: ‘Strom gibt’s wieder – bis sie uns das nächste Mal draufkommen. Also: Angezapft ist wieder – Prost!’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 17060