Verwirklichung

Sonja begann zu schreiben. Sie hatte keine Erfahrung mit Schreiben oder mit Kindern. Dennoch begann sie, eine Erzählung für Kinder zu schreiben. Über Tage hatte sie sich die Handlung ihrer Erzählung zurechtgelegt. Sie sollte von Mark handeln, einem Menschen, der im Wald von einem aus dem Nichts auftauchenden schwarzen Wolf verfolgt wird. Mark kann sich das Auftauchen der Bestie nicht erklären und versucht, ihr zu entkommen.

‘Mark ging durch den von Buchen bestandenen Wald, es war der achtzehnte März, als der Waldboden vor ihm eine riesige und grässlich anzusehende Bestie freigab.’
So lautete der erste Satz der Erzählung. Sonja tippte ihn in ihren Computer und fühlte Beklommenheit. Nicht die Art Beklommenheit, die sie aus verschiedenen Gründen schon gefühlt hatte. Es war eine grauenhafte Art von Beklommenheit, so eine hatte sie nie zuvor gefühlt.

Sie saß in ihrer geräumigen Altbauwohnung mit hohen Decken vor ihrem Computer und versuchte, dem ersten Satz einen zweiten hintanzustellen. Logischerweise kannte sie dessen Inhalt. Sie hatte ihn im Kopf, wusste, aus welchen Worten er zu bestehen hatte, auch über die Syntax war sie sich im Klaren, doch konnte sie den Satz nicht schreiben.

Sie fühlte grauenvolle Beklommenheit, wollte sich an jemanden lehnen, sich in die Arme dieses Jemand fallen lassen. Allein, es war niemand anwesend. Sie war alleine.
Ihr langjähriger Freund hatte sie verlassen, als Grund hierfür hatte er ihre Oberflächlichkeit angeführt.
Sie presste ihren Oberkörper in die weiche Lederpolsterung ihres Schreibtischstuhls, um zumindest irgendeine Art von Halt zu finden. Sonja fühlte Grauen, als ob ein schwarzer Wolf jeden Augenblick vom Parkettboden freigegeben werden würde.

Sie wollte telefonieren. Jemand anrufen und mit ihm reden. Doch aus zwei Gründen konnte sie nicht. Zum einen lag ihr Mobiltelefon etwa einen Meter von ihr entfernt auf der Tischplatte, Sonja jedoch erschien dieser Meter wie  deren  fünf. Somit war ihr Telefon unerreichbar.
Zum anderen hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wen sie anrufen sollte. Allen ihren Freundinnen und Freunden hatte sie sich als lebenslustige, stets positiv denkende Person präsentiert. Sie  hatte  nicht  gelogen,  hatte  sich  ihnen  schlicht so präsentiert, wie sie sich selbst gesehen hatte. Stets hatte sie es abgelehnt, Gedanken und Gefühle zuzulassen, die nicht lebenslustig oder die negativ waren. Diese passten schlicht nicht in das Bild, das Sonja von sich selbst hatte. Nun jemand anzurufen und von dem Grauen zu erzählen, brachte sie nicht fertig.

Sie versuchte, mit den wenigen und unzureichenden Mitteln einer diesbezüglich unerfahrenen Person, die Ursache des Grauens auszumachen, doch konnte sie es nicht. Sie beschloss, an einem Punkt der Erzählung weiterzuschreiben, an dem der schwarze Wolf keine allzu große Rolle spielte.
‘Mark hatte sich von Frida losgesagt. Er wollte sie niemals wieder sehen, nie wieder mit ihr sprechen. Er hatte sich gesagt: ‘Die Sache mit dieser Verrückten ist für mich abgeschlossen!’ Der Nachteil dabei war, dass Mark nun alleine im Wald stand. Nun, da er Frida am dringendsten gebraucht hätte, war sie weg. ‘Was auch immer du machst, mach es gut!’, hatten seine letzten Worte an sie gelautet.’

Sonja tippte die Sätze in ihren Computer. Dann begann sie zu weinen. Dicke Tränen rannen in großer Zahl ihre Wangen hinab. Sie erkannte, dass sie sich selbst an dieser Stelle ihrer Erzählung porträtiert hatte. Denn sie hatte sich auf die selbe Art und Weise verhalten. Sie hatte die Person aus ihrem Leben ausgeschlossen, die als einzige jederzeit zu ihr geeilt wäre, um sie in den Arm zu nehmen. Sie dachte daran, diese Person anzurufen, doch hatte sie deren Nummer aus dem Speicher ihres Telefons, das gefühlt bloß noch anderthalb Meter entfernt vor ihr lag, gelöscht. Sonja verfluchte sich dafür, anderen Menschen gegenüber so verschlossen gewesen zu sein.

Um sich abzulenken, übersetzte sie den eben geschriebenen Absatz ins Englische. Da sie studierte Dolmetscherin war, fiel ihr dies allzu leicht und brachte sie nicht auf andere Gedanken. Sie zwang sich, langsam zu atmen und eine weitere Passage ihrer  Erzählung  einzutippen.
‘Ein  schwarzer  Bussard  mit orangen Augen stieß herab und landete auf seiner Schulter. Mark sah den Vogel an, erschrocken, doch nicht ängstlich, und sagte: ‘Nun, Bussard, wie geht es weiter?’ Der Raubvogel sah ihm lange in die Augen und antwortete: ‘Du, Mark, willst dem Wolf entkommen. Ich kann dir dabei helfen. Doch wisse: Mein Preis ist hoch!’ ‘Was, Bussard, verlangst du für deine Hilfe?’ ‘Deine Zukunft, Mark.’ Mark sah den schwarzen Vogel fragend an. Er verstand nicht, was der Bussard meinte. ‘Künftig wirst du mein Gefährte sein.’ ‘Wie soll ich das verstehen?’ ‘Ich werde dich vor dem Wolf retten, und danach lasse ich dich nicht alleine ziehen. Ich werde dir Sicherheit und Halt geben. Dafür bleibst du bei mir.’ ‘Aber das­’’

Wieder weinte Sonja. Sie meinte, tapsende Laute zu vernehmen, wie von den Pfoten eines großen Hundes. In diese Laute mischte sich das Kratzen, das lange Krallen auf hölzernen Böden verursachen. Sonja wandte sich langsam um, sah in die Richtung, aus der die Geräusche zu kommen schienen und erwartete, einen riesigen Wolf zu sehen. Sie zitterte vor Angst, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Allein, es befand sich kein Wolf im Raum. Sie war alleine.
Sie schloss die Augen und erwartete, das Heulen der eingebildeten Bestie zu vernehmen, doch der Raum war erfüllt von Stille. Von tiefer Stille, die lediglich von ihrem schnellen Atem durchbrochen wurde. Sonja zwang sich ein weiteres Mal zum ruhigen Atemholen und beschloss, den letzten Satz ihrer Erzählung für Kinder einzutippen.
‘Mark und der schwarze Bussard verbrachten viele Jahre gemeinsam, der schwarze Wolf war besiegt.’

Sonja war erleichtert, diese positiven Worte niederschreiben und auf dem Bildschirm ihres Computers lesen zu können. Sie hatte ihre Erzählung zu einem guten Ende gebracht, auch wenn sie tatsächlich erst wenige Sätze geschrieben hatte.
Sie ging in ihre unaufgeräumte Küche, um sich einen Kaffee zu brühen, dann setzte sie sich mit der Tasse in der Hand guten Mutes wieder vor ihren Computer. Sie beschloss, nun die gesamte Erzählung einzutippen.
Sie las den ersten Satz, wollte eben den zweiten, den Folgesatz, beginnen, als sie ein ohrenbetäubendes Geheul vernahm, das sich hinter ihr erhob. Dieses Geheul wurde von kehligem Knurren unterbrochen, so böse und Unheil sowie Tod verheißend, dass Sonja erstarrte. In der Hoffnung, wieder bloß den leeren Raum zu sehen, blickte sie über ihre Schulter. Da sah sie ihn.

Ein riesiger schwarzer Wolf stand im Raum und heulte. Dann knurrte er aus tiefer Kehle. Sein Fell war verklebt, Sonja erkannte, von Blut, seine Augen waren von funkelndem Grün, und seine Reißzähne rot von Blut und Fetzen von Fleisch. Und der Wolf war nicht alleine gekommen.
Um seinen Hals lag eine aus scharfkantigen Gliedern zusammengesetzte Kette, deren Ende eine menschliche Gestalt in Händen hielt. Sonja erkannte die Gestalt sofort. Es handelte sich um Mark, den Helden ihrer Erzählung. Sein Erscheinungsbild glich dem, das sie vor ihrem geistigen Auge gehabt hatte, als sie ihn erschaffen, ihn sich ausgedacht hatte. Als sie jedoch ihrem Helden in die Augen sah, erkannte sie, dass diese nicht grün waren, wie sie sie  sich ausgemalt hatte. Sie waren schwarz. Glanzlos schwarz, aus ihnen sprach der Tod.

Sonja wollte etwas sagen, doch sie brachte keine Silbe über ihre Lippen. Sie schloss die Augen, hoffte, die Gestalten wären weg, wenn sie sie wieder öffnete. Doch sie blieben. Und sie kamen näher. Sonja wusste keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage.
Sie sprang auf und lief zum Fenster des Zimmers. Sie öffnete es, stieg auf das Fensterbrett und sah nach unten. Ihre Wohnung befand sich im vierten Stockwerk. Sie wandte sich um, hoffte, die Gestalten wären verschwunden. Waren sie aber nicht. Sonja sprang aus dem Fenster. Sie dachte, dies war ihr letzter Gedanke, noch an einen schwarzen Bussard, der sie retten würde. Allein, die Uhr zeigte zweiundzwanzig Uhr dreizehn an.
Und Bussarde sind tagaktiv.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17084

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