Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Die geschenkte Zeit

An jenem denkwürdigen Tag wachte Isidor spät auf. Müde blickte er auf den Wecker auf dem Nachttisch. Der kleine Zeiger erreichte schon 09:43 Uhr. Erschrocken stellte er fest, dass er verschlafen hatte.
Isidor stand auf und rannte ins Bad, um sich zu erfrischen. Nach einer schnellen Dusche putzte er sich die Zähne, zog sich an und nahm seine Aktentasche.
Schon 10:17 Uhr – er musste sofort zum Auto.

Die Müdigkeit war verflogen, jetzt dachte Isidor nur daran, so schnell wie möglich zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Er rannte zum Wagen, den er in der Nähe geparkt hatte, und sprang hinein wie in ein Fluchtfahrzeug. Doch als er versuchte, den Motor zu starten, stotterte dieser nur.
„Lass mich jetzt bitte nicht im Stich!“, bettelte er, doch sein sonst so zuverlässiges Gefährt hustete nur.
Dann muss ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, beschloss er.

Isidor rannte nach Hause und hastete hinunter in den Keller. Dort lehnte sein altes Fahrrad vernachlässigt in einer schummrigen Ecke. Er machte sich daran, das Fahrradschloss zu öffnen. Doch was war das? Die Kette war aus dem Zahnrad gesprungen!
Stimmt, da war etwas, erinnerte er sich, ich wollte ja das Fahrrad nach der letzten Tour reparieren. Hätte ich das bloß nicht vor mir hergeschoben! Dann eben der Bus.

Isidor eilte zur nächsten Bushaltestelle, die zwei Häuserblocks entfernt war. Er wartete fünf Minuten, zehn Minuten, nach fünfzehn Minuten verlor er die Geduld.
Was ist denn heute los? Nicht einmal auf den Bus ist Verlass, ärgerte er sich innerlich. Ohne auf den Fahrplan zu achten, verließ er entnervt die Haltestelle.
Wie es aussah, musste er zu Fuß zur Arbeit gehen. Nun gut – er wollte sich ohnehin wieder mehr bewegen.
Es regnete leicht. Der Asphalt glänzte. In den Pfützen bildeten die Regentropfen kleine Kreise.

Die erste Besprechung des Tages hatte er bereits verpasst. Die Kollegen würden gerade ihren zweiten Kaffee trinken, wenn er ankam. Sie würden den Kopf schütteln, wenn er keuchend und schwitzend zur Tür hereinkäme. Die zweite Besprechung war ebenfalls in Gefahr.
Isidor hatte einen Weg von etwa zwanzig Minuten vor sich. Leider hatte er im Durcheinander nach dem Aufstehen sowohl sein Mobiltelefon als auch seine Armbanduhr zu Hause vergessen. In einer Bäckerei fragte er nach der Uhrzeit.
„Es ist 10:53 Uhr“, antwortete die Verkäuferin. Sie stand hinter der Theke, in der viele verschiedene Gebäckstücke und Brotsorten präsentiert waren.
„Was darf’s denn sein?“
„Nichts, danke. Ich muss dringend zur Arbeit.“
„Ja, ja, die schwer arbeitende Bevölkerung hat es nicht leicht. Vor allem, wenn man arbeiten muss, während andere die Füße hochlegen“, sagte sie verständnisvoll.
„Ja, danke“, erwiderte Isidor, „ich muss dann weiter.“
„Einen schönen Tag noch“, rief die Verkäuferin ihm gut gelaunt hinterher.
„Einen entspannten Tag“, antwortete er und wunderte sich, warum die Frau so viel Verständnis gezeigt hatte.

Heute war doch ein gewöhnlicher Werktag, an dem niemand die Füße hochlegte. War die Verkäuferin komplett durcheinander?
Isidor ging zielstrebig weiter, schaute sich aber genauer um. So etwas, es waren nur wenig Menschen unterwegs. Gar nicht, was er von einem normalen Arbeitstag gewohnt war. Auch der Straßenverkehr war für gewöhnlich dichter. Waren alle Werktätigen schon in ihren Büros und auf den Baustellen?
Er musste jemanden nach dem Tag fragen. Ein älterer Herr im karierten Anzug kam ihm mit einem aufgespannten Regenschirm entgegen.

„Guten Tag, entschuldigen Sie die Störung. Können Sie mir bitte sagen, welchen Wochentag wir heute haben?“
„Heute ist ein Sonntag, guter Mann“, antwortete der Gefragte verdutzt. Isidor lachte schallend.
„Habe ich etwas Witziges gesagt?“, fragte der Mann verwirrt.
„Nein, ganz und gar nicht“, beruhigte ihn der Glückliche. „Sie haben mir den Tag gerettet.“
„Ich verstehe zwar nicht warum, aber es freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte“, sagte der Mann heiter.

Isidor kaufte sich in einer Eisdiele zwei Kugeln Erdbeereis. Der Regen hatte aufgehört. Hinter den grauen Wolken trat schüchtern die Sonne hervor. Isidor spazierte mit dem Eis fröhlich in einen Park und setzte sich auf eine Bank. Seine Aktentasche legte er neben sich. In seiner Nähe führte eine Ente ihre watschelnden Küken zum Teich. Er lehnte sich zurück, genoss sein Eis und freute sich über die geschenkte Zeit.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

aus: „Kaleidoskopische Welten: Kurzgeschichten, Miniaturen und szenische Texte

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 25108

Archiv April 2025

26.4.25: Norbert Johannes Prenner: Durchhalten
26.4.25: Norbert Johannes Prenner: Fälschung
26.4.25: Carmen Rosina: Susi, die KI, redet mit Paul, dem Chef
26.4.25: Claudia Lüer: Neues Licht
26.4.25: Cornelia Hell: Freundschaft Plus
26.4.25: Johannes Tosin: Im Jahr 2024 in Möderndorf
26.4.25: Johannes Tosin: Stein und Kohle
20.4.25: Michael Timoschek: (F)Eiernockerln mit grünem Salat
20.4.25: Johannes Tosin: Graviton
20.4.25: Norbert Johannes Prenner: Wenn …
20.4.25: Johannes Tosin: Der Zähler
20.4.25: Michael Bauer: Erinnertes, Geschriebenes
12.4.25: Cornelia Hell: Ein alter Freund
12.4.25: Johannes Tosin: Fort von hier
12.4.25: Norbert Johannes Prenner: Unter Verdacht
12.4.25: Johannes Tosin: Getreide
5.4.25: Bernd Remsing: Morgen
5.4.25: Frank Joussen: Die Wohlgerüche deines Gartens
5.4.25: Norbert Johannes Prenner: Unordnung
5.4.25: Cornelia Hell: Angsthase adieu
5.4.25: Johannes Tosin: Meerrettich
5.4.25: Wilfried Ledolter: In der Teebox
5.4.25: Johannes Tosin: Die Roboter-Gegenwart

Denkt die Frau

Wo bist du, wenn du nicht bei mir bist?
Machst du Überstunden?
Viel Arbeit mit deiner Sekretärin, ja?
Aber ich kenne das: Würde ich mich vor das Bürogebäude stellen,
wären alle Fenster schwarz.
Erzähl mir nichts, erzähl mir nichts,
aber frag ich dich?, nein ich frag dich nicht.
Wer bin ich denn, dass ich dir nachspioniere?
Nein, so weit bin ich nicht, lang noch nicht.
Doch warum denk ich an dich?
Es tut mir doch nicht gut, überhaupt nicht gut.
Ich werd Folgendes tun: Ich zeichne dich auf ein Blatt Papier
und radiere dich dann aus.
Von dir wird nichts bleiben,
und ich werde aufgehört haben, an dich zu denken.

Der Krokodilradiergummi

Der Krokodilradiergummi

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25107

In der Vergangenheit

Ich kann den Mann angreifen,
aber ihn wegzustoßen oder ihn zu mir zu ziehen ist unmöglich.
Das Bild von ihm zittert.
Denn der Mann ist nicht bei mir, sondern nur sein Bild,
und das liegt in der Vergangenheit.

Die Eisenbahnunterführungen in der Villacher Straße bei Schneefall am 23. Januar 2023, von Westen gesehen

Die Eisenbahnunterführungen in der Villacher Straße bei Schneefall am 23. Januar 2023, von Westen gesehen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25105

Neuer Boden

Wohin gehst du, wenn du stirbst?
Tritt dein Fuß auf neuen Boden,
oder löst du dich auf,
langsam, indem du dich immer mehr von deinem Körper entfremdest,
oder blitzartig, wo du in winzige Teilchen zerfällst, die restlos verschwinden?
Du wirst es wissen, wenn es an der Zeit ist.

Die Beach Party am 10. Juli 2020 auf der Wörthersee-Ostbucht

Die Beach Party am 10. Juli 2020 auf der Wörthersee-Ostbucht

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25104

Das Muttermal

Das Muttermal ist nun auf ihrem anderen Fuß. Es liegt genau seitenverkehrt. Das ist nicht sie! Aber auch als Kopie nehme ich sie liebend gern.

„Komm zu mir, mein Schatz! Wir werden eine schöne Zeit haben“, sage ich zu ihr. „Bei mir wird es dir an nichts fehlen.“

Die junge Frau mit Tasche und Schlapfen

Die junge Frau mit Tasche und Schlapfen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25103

Die schwarzen Sterne

Die Dunkelheit kommt früher, und sie bleibt länger.
Bis nur noch sie am Himmel sein wird.
Die schwarze Sonne steigt und sinkt.
Ebenso wie der schwarze Mond über den Himmel wandert, der sich in jeder Nacht verändert.
Und die schwarzen Sterne geben Kälte statt Wärme.

Die weiß-schwarze Uhr am Praterstern zeigt 20 Uhr 21

Die weiß-schwarze Uhr am Praterstern zeigt 20 Uhr 21

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 25102

Steiermärkisches Kulturwürstchen

„Das geht sich alles aus“, dachte ich mir, als ich vor dem Grazer Landhaus stand, in dem der Landtag Steiermark seine Sitzungen abhält. „Natürlich ist dessen Zusammensetzung keine Idealbesetzung, aber eine Demokratie muss das aushalten.“
Ich zündete mir eine Zigarette an und blies den blauen Rauch weg von mir, als ich von hinten angerempelt wurde.
„Kannst du nicht aufpassen, du linke Bazille?“, rief der sichtlich verärgerte Mann mit der markanten Narbe auf der Wange, während er seinen azurfarbenen Schal, den er bei seiner Rempelei verloren hatte, vom Boden aufhob.
Ich entschuldigte mich sofort, denn ich hatte Angst, dass er mir auch eine Narbe verpassen würde.
„Schau dass du Meter gewinnst, du Würstchen!“, riet er mir. „Am besten, du gehst zum Griesplatz und isst dort dein Kebap!“

Ich war sprachlos. Wie konnte mich dieser Mann als Linken identifizieren? Bei einer weiteren Zigarette dachte ich darüber nach, und bald wusste ich es: Es war mein Schal!
Ich trug einen rot-schwarz gestreiften Schal, denn ich bin Fußballfan, doch diesem Menschen erschien ich wohl wie ein überzeugter Großkoalitionär, für ihn war ich also offensichtlich ein Linksradikaler. Ich erkannte, dass die blaue Farbe seines Schals wohl nicht dem Ausdruck seiner großen Liebe zu Italiens Fußball geschuldet war.
Die Erwähnung des Kebaps erklärte ich mir anfangs mit meiner Leibesfülle, die ein Hinweis auf den Genuss einer Vielzahl dieser Köstlichkeiten sein könnte; jedoch nur, wenn man mit meinen kulinarischen Vorlieben vertraut ist, was der Mann nicht sein konnte.

Ich ging eine Runde um das Landhaus und dachte darüber nach. Plötzlich stand die Erklärung für die Erwähnung des Griesplatzes und des Fast Foods vor meinen Augen.
Als junger Mensch musste er Furchtbares erlebt haben, das bewies die offenbar seit vielen Jahren verheilte Narbe auf seiner Wange. „Wahrscheinlich ist der arme Mensch mit etwas Scharfem wie einem Kebapmesser angegriffen und verletzt worden, während er in der Nacht in einem Lokal auf dem Griesplatz war“, dachte ich. „Vielleicht hält er aus diesem Grund nichts von Kebap.“
Diese Theorie hielt ich für glaubhaft.

Dass er mich Würstchen genannt hatte, ließ mich vermuten, dass er gerade an den Verzehr eines solchen gedacht hatte, als er mit mir zusammenstieß. Mit seinen glasigen Augen und dem leicht rötlichen Teint machte er auf mich den Eindruck, ein Mann zu sein, der einem fetttriefenden, mit Schweinefleisch, Speck und Zwiebeln gefüllten Darm selten abgeneigt war und mit Lammfleisch, Gemüse und Fladenbrot wenig anfangen konnte.
„In der Steiermark wird es nun ruppiger zugehen“, dachte ich mir.
„Dieser Herr ist der beste Beweis dafür. Solche Menschen werden von ihresgleichen dazu auserkoren, die neue sogenannte Elite zu spielen. Bis sie eben wieder abgewählt werden, nachdem sie sich am Trog sättigen konnten. Und was soll aus Kunst und Kultur werden? Lederhosengejodel und heimattümliche Dichtung statt gehobener Kultur? Aufsteirern und absahnen statt Dezenz und Integrität? Wir werden sehen.“

„Schau, dass du Meter gewinnst“, hat der Mann zu mir gesagt. Ich denke, dass viele und vieles in der Steiermark keine Meter mehr haben. Subventionen werden gekürzt oder gestrichen, einiges wird sich dann vielleicht nicht mehr ausgehen, doch eines wird sich ausgehen: Wir werden, während wir auf bessere Zeiten hoffen, hinschauen, und zwar ganz genau!

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25100