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Der Deutschtrainer

Ihr Leut’, ich habe einen schweren Stand!
Kommen Fremde in unser Land,
lern’ ich ihnen erst Manieren
und danach das Diskutieren.

Am Anfang steht zunächst das Grüßen,
weil das alle können müssen.
In der Nacht oder bei Tage,
gegrüßt muss werden, keine Frage.

Ich höre, wie ihr bei euch grüßt,
Salam Alaikum, weil ihr müsst.
Guten Morgen heißt sabach,
hört man, seid ihr morgens wach.
Ist man fremd, dann sagt man Sie,
Servus sagt man, kenn ich die.

Oh Gott, sagt man, geht etwas schief,
Allah ruft ihr, wenn was schlecht lief.

Es suchen Schutz beim Himmelvater
Weltliche nicht nur, auch Pater.
Trotzdem kommt man ziemlich schnell
in den Himmel oder d’Höll.

Jetzt steh’n wir hier in der Künetten
und müssen uns mit Deutsch abgfretten.
Zuerst einmal das Alphabet,
dann schau’n wir, ob das eh schon geht.

Schwarz und gelb, das sind die Wespen.
Dunkelblau hernach die Zwetschken.
Schweine braten heißt hier grillen,
seit Neuestem heißt Nichtstun chillen.

Joggen meint, man ist gelaufen,
shoppen tut man statt einkaufen.
Ist was fertig, sagt man gar,
da wirst deppert! Wirklich wahr.

Bei euch färbt man die Haar’ mit Henna,
stirbt man, kommt man in die Dschenna.
Wenn ich von euch nun einer bin,
sagt Achmed, und ich wäre hin,
kriegte ich, bei euch im Himmel,
siebzehn Frau’n und einen Schimmel.
Da tät’ ich sagen, eine reicht,
und ohne Schimmel kann ich leicht.
Siebzehn Frauen! Muss schon bitten!
And’re Länder, and’re Sitten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25116

Der große Wohltäter

Gestern trug man ihn zu Grabe, ohne große Ehren.
Und nicht am Willen lag es, ihm sie zu verwehren.
Im Stillen ward’ er, hierorts, leis’ zu Grab getragen.
Ein großer Mann, das darf man wahrlich über diesen sagen.

Erfinder war er keiner, und auch kein Weltverbesserer,
so einfach war er, herzensgut, und sonst auch kein Besessener.
Sein Wunsch, alles ins rechte Licht zu rücken.
Es lag ihm fern, womöglich alle zu beglücken.

War’s angebracht, hielt er den Mund und hielt auch keine Reden.
Kein unnütz’ Wort, es lag ihm mehr am Geben.
Hat nichts entworfen oder gar erfunden,
wollt’ gern der andern heimlich’ Wunsch ergründen.

Nie war sein Ding, über and’re zu bestimmen.
Er wollte nie zu hohe Berge selbst erklimmen.
Nahm weder teil an Treffen noch Konferenzen,
und nie versetzte er den Stein an fremden Grenzen.

Hat lieber geschwiegen, als selber große Reden zu halten.
Nie von sich reden machen, nichts zwischen ihm und andern spalten.
Kein Reporter musst’ ihn je besuchen.
Kein Kommentator wegen ihm Termine buchen.
Nur ein einzig’ Mal hat man von ihm vernommen,
sei er, der gold’nen Hochzeit wegen, in ein Wochenblatt gekommen.

Vor Bewund’rung steh’n wir, ehrfurchtsvoll beseelt,
an dieser Bahre hier und hör’n, was man von ihm erzählt.
Ein Mann, der vieles unterlassen hat, bei Gott, jedoch nicht lahm,
weil er vor lauter Pflichterfüllung zu gar nichts and’rem kam.

Da war seine Familie, die Kinder und der Garten.
Bäume pflanzen, Steuern zahl’n, auf bess’re Zeiten warten.
Nur selten war Gelegenheit, ein Gläschen Wein zu trinken,
nach der Arbeit, die getan. Die Sonne schon im Sinken.

Vielleicht deshalb ein großer Mann, ein Vorbild für die Jungen?
Eher von anno dazumal, hätt’ man ein Lied auf ihn gesungen.
Was soll auf seinem Denkmal stehn? Dem Wohltäter der Menschheit?
Der niemanden gequält, verletzt oder vielleicht gelangweilt.
Heut reicht es kaum zum Denkmal hin, was wird denn so erwartet?
Der Mann, der war zu gut, zu brav, ja, beinah schon entartet.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25115

Der Wirrer

„Alles vergebens!“, brüllt der Wirrer in die Stille der Nacht. „Es hat keinen Sinn mehr! Ich bin eine Null, ein Nichts, ein Niemand! Ich mache Schluss! Jetzt! Sofort! Ende! Finito!“

Anne und Jan, beide soeben im Begriff einzuschlafen, schrecken hoch und lauschen dem verzweifelten Monolog ihres Wohnungsnachbarn. Anne knipst das Licht an und flüstert: „Sollen wir die Rettung rufen? Nicht, dass der Ernst macht mit einem Suizi – …“

„Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!“, schreit der Wirrer nebenan.

Jan steht auf und schlüpft in seine Hose. „Ich klopfe mal bei ihm an.“

„Aber es ist doch schon nach Mitternacht“, sagt Anne, doch Jan geht kommentarlos aus der Wohnung.

„Und? Was war? Hat er dir geöffnet?“, fragt sie gespannt, als er sich kurze Zeit später wieder ins Bett legt und das Licht ausschaltet.

„Ja, einen Türspalt. Als ich ihm erklärte, dass wir uns Sorgen um ihn machen, hat er irgendetwas von einer höchst komplizierten Arbeit gestottert, die ihm seit Monaten den Schlaf raubt und über die er sich vorhin leider lautstark geärgert hat. Er lässt sich bei dir entschuldigen, hat nicht geahnt, dass die Mauern im Haus so dünnwandig sind.“

„Der Wirrer und Arbeit?!“, schüttelt Anne, hellwach und aufrecht im Dunkeln in ihrem Bett sitzend, den Kopf. „Nie im Leben – der arbeitet doch nichts! Ich frage mich echt, wie er sich die teure Miete leisten kann. – Oder hast du ihn jemals in den drei Monaten, seit er hier wohnt, untertags außer Haus gehen sehen? Aber stell dir vor, was mir die Fuchs vom dritten Stock erzählt hat. Als sie gestern gegen vier Uhr früh mit ihrem inkontinenten Hund rausmusste, ist draußen der Wirrer an ihr vorbeigehastet und hat laut Schimpfwörter und Zahlen vor sich hingebrabbelt. Die Fuchs hat er nicht mal registriert. Also mit dem stimmt etwas ganz und gar nicht.“

Jan gähnt. „Er ist halt ein Eigenbrötler. Einer von vielen. Nicht unser Problem, Anne.“

„Aber er könnte ein Problem für uns werden, Jan!“, gerät Anne in Fahrt. „Hör zu: Die alte Kozmann vom ersten Stock hat mitgekriegt, dass er sich täglich Essen liefern lässt. Das ist doch nicht normal! Der Wirrer ist sicher noch keine fünfzig und nicht bettlägerig. Auch der Pecker vom Erdgeschoß findet ihn äußerst dubios. Er hat ihn einige Male gesehen, als er unten seine Post aus dem Briefkasten holte. Immer machte der Wirrer einen sehr ungepflegten und äußerst nervösen Eindruck, hat er gesagt. Weißt du, was die Kozmann, der Pecker und ich vermuten? – Dass der Wirrer direkt von der Psychiatrie ausgerechnet in unser Haus eingezogen ist. Wir sollten etwas unternehmen, bevor etwas Schlimmes passiert. Was meinst du, Jan?“

Jan schnarcht leise.

Drei Tage später, als Anne mit Einkäufen bepackt das Haus betritt, kommt ihr der Wirrer entgegen, und Anne fällt vor Überraschung eine Tasche aus der Hand. Der Wirrer trägt nämlich einen eleganten hellen Anzug und eine Krawatte. Er ist rasiert, und sogar sein strubbliges Haar wirkt geordneter als sonst.

„Guten Tag“, nickt er freundlich, als er, lässig an ihr vorbeigehend, das Haus verlässt, und diesmal ist Anne diejenige, die nicht grüßt, so perplex ist sie von der Wirrer-Verwandlung.

Die Hausmeisterin, Frau Sauer, wäscht gerade schnaufend die Stufen des Stiegenhauses.

„Frau Sauer, sagen Sie, haben Sie soeben den Herrn Wirrer gesehen?“, fragt Anne.

Die Hausmeisterin wischt sich den Schweiß von der Stirn und verdreht vielsagend die Augen.

„Und ob! Er war ja auch nicht zu übersehen, unser feiner Herr Wirrer!“ Und Anne und die Hausmeisterin schütteln zuerst synchron ihre Köpfe, bevor sie sie aufgeregt flüsternd zueinander neigen.

„Die Sauer und ich vermuten eine massive Persönlichkeitsstörung“, überfällt Anne Jan, als sie ihm abends die Wohnungstür öffnet.

„Wer ist die Sauer? Und wer die massive Persönlichkeitsstörung?“, seufzt Jan müde. „Lass mich doch bitte erst mal reinkommen.“

Und während Anne die verblüffende Metamorphose ihres Nachbarn schildert, lässt sich Jan aufs Sofa fallen, schenkt sich ein großzügiges Glas Wein ein und schaltet den Fernseher ein.

„Die Sauer, du und ich – wir drei werden morgen den Wirrer aufsuchen und ein ernstes Wort mit ihm reden. Weißt du, ich fühle mich nicht mehr sicher, seit er neben uns – “

„Das gibt’s doch nicht! Schau, Anne, das ist doch –“

Jan zeigt auf den Bildschirm. Anne schaut hin und traut ihren Augen nicht. Da sitzt doch tatsächlich der Wirrer vis-à-vis von Max Redeweis, einem der bekanntesten Moderatoren des Landes. Mittendrin in einem Live-Interview. Max Redeweis gratuliert soeben ehrfürchtig Herrn Dr. Dr. Georg Wirrer dazu, den Code eines mathematischen Rätsels, an welchem renommierte Experten jahrelang gescheitert sind, geknackt zu haben. Auf die Bitte des Moderators hin erläutert der Wirrer seinen Code-Knack-Prozess, wobei Anne und Jan schon zu Beginn geistig aussteigen müssen. Als Max Redeweis danach den Wirrer diskret über sein Privatleben befragt, erzählt der Wirrer, dass er geschieden und vor wenigen Monaten umgezogen sei. Und dann schaut und spricht er plötzlich Anne und Jan direkt aus dem Fernseher an:

„Falls meine Nachbarn mich jetzt zufällig sehen, möchte ich mich in aller Form für mein unmögliches Verhalten entschuldigen. Wenn ich einem mathematischen Problem auf der Spur bin, befinde ich mich wie im Rausch, bin kaum ansprechbar. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in dieser Zeit richtiggehend verwahrlose, die Nacht zum Tag mache, laute Selbstgespräche führe, und tja, im Eifer des Gefechts auch schimpfe und fluche. Darum kann ich mir lebhaft vorstellen, was völlig zu Recht über mich getratscht worden ist.“

Annes Handy läutet. Hektisch schaltet sie auf Lautsprecher. Die aufgeregte, sich überschlagende Stimme der Frau Sauer erschallt:

„Haben S’ auch den Wirrer im Fernsehen gesehen? Ich sage Ihnen, kein Wort glaube ich dem! Ein Dr. Dr. soll der sein?! Ha! Auf seinem Türschild steht nur G. Wirrer. Ein Hochstapler ist der! Ich fühle mich verpflichtet, das sofort dem ORF zu melden. Was meinen Sie?!“

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25114

Der blinde Fleck, Metaphern und Glühwürmchen

Über das Unsichtbare und die Macht des Lichts

Tief vergraben in den unbewussten Sphären unserer Wahrnehmung liegt er – jener Fleck, den keiner sehen kann. Ein unsichtbarer Akteur, der im Verborgenen wirkt, wie ein Gangsterboss, der seine Identität zu schützen weiß. Jeder trägt ihn in sich: diesen inneren Widersacher, der still unsere Sicht verzerrt – und uns schon oft zum Feind geworden ist.

Doch einmal ins Bewusstsein gerückt, steht er plötzlich ganz oben auf der Liste persönlicher Prioritäten. Reflektierte Menschen machen ihn sich zunutze: als Katalysator für Wachstum, als Anlass zur Veränderung von Verhalten oder Perspektiven – ja, manchmal ganzer Weltbilder. Wer ihn erkennt, dem öffnen sich mitunter Türen zu neuen inneren Welten.

Andere hingegen ziehen es vor, blind zu bleiben. Denn ist es nicht verlockend, sich selbst Ego-gekrönt im Zentrum aller Geschehnisse zu wähnen? Zu glauben, dass die ersehnte Aufmerksamkeit der anderen aus der eigenen Größe erwachsen ist? Doch der Fall ist tief, wenn die Bühne – gezimmert aus Brettern der Ignoranz und Fehleinschätzung – in sich zusammenstürzt. Dann endet die Inszenierung abrupt, nicht selten befeuert von einem müden, desillusionierten Publikum. Der Vorhang fällt – und mit ihm der vermeintliche Held.

So menschlich dieser blinde Fleck auch ist, so dämonisch wirkt er in den Händen jener, die ihn bewusst einsetzen. Manipulation, Machtgewinn – oft auf Kosten derer, die nicht sehen wollen. Doch leider, so scheint es, ist die Anzahl der Blinden größer als jene der Sehenden. Und damit ist nicht das tatsächliche Sehvermögen gemeint, sondern die klare Sicht nach innen.

Es fehlt an Lichtquellen, die diesen Blick ermöglichen, die das Versteck des Flecks aufdecken. Doch nicht immer braucht es große Leuchttürme. Oft genügt schon das kleine Licht eines Glühwürmchens – wenn es zur rechten Zeit den Weg weist.

Diese Glühwürmchen sind Momente der Selbsterkenntnis. Sie erscheinen blitzartig, verweilen kaum länger als eine Millisekunde – und reichen doch, um ein inneres Leuchtfeuer zu entzünden. Ein Gedanke entsteht, der Zeit hat zu wachsen. Und mit ihm wächst die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel der Erkenntnis zu betrachten.

Ein Bild formt sich – aus Puzzleteilen, Erinnerungen, Einsichten. Am Ende steht kein lautes Erwachen. Nur ein stilles Verstehen – und das Verschwinden eines Schattens, der zu lange die Optik verzerrt hat. Zurück bleibt Klarheit. Und vielleicht ein kleines Glühwürmchen, das glücklich lächelt.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25113

Le vrai amour³

Eins

Kurz vor Weihnachten überquerte ich in der Stadt eine Ampelkreuzung. Zwischen den teuren Geländeautos stand ein alter japanischer Kleinwagen. Das Fahrzeug war sehr gepflegt und hatte keine Beule. Am Kennzeichen sah ich, dass es den weiten Weg aus Bukarest zurückgelegt hatte.
Als ich einen Blick durch die Windschutzscheibe erhaschte, sah ich ein Ehepaar, einen Mann am Fahrersitz und eine Frau am Beifahrersitz. Beide waren gut gekleidet, die Frau trug einen Hut und einen eleganten Mantel.
Wie armselig kamen mir danach die großen SUV vor.

Zwei

In einer Radiosendung rief eine Frau zum Thema „Unangenehme Erlebnisse“ an. Sie erzählte selbstbewusst, dass sie bei einem Spaziergang mit ihrem Mann Durchfall bekam. Sie sah eine Sporthalle, zu der sie ging. Als sie eintreten wollte, bemerkte sie, dass die Tür abgeschlossen war. Da sie nicht wollte, dass es in die Hose geht, setzte sie sich an die Hauswand. Als der Radiomoderator einwarf: „Hatten Sie keine Angst, das Ihrem Mann zu erzählen? Hat er geschimpft?“, entgegnete sie: „Ach was, ich habe einen sehr lieben Mann. Er gab mir einen Kuss und scherzte, ich hätte auch ein Gen von einem Hund.“

Drei

Die Klassenbeste bekam in einer Lateinschularbeit in der Oberstufe einmal „Ungenügend“. Mich verwunderte das sehr und ich fühlte mich – wenn ich ehrlich sein darf – auch etwas erleichtert. Ein paar Tage später erzählte sie davon, wie ihre Eltern reagiert hatten. Ich wusste, dass es an meiner Schule gute Schüler gab, die schon bei einer Eins minus in Tränen ausbrachen. Die Reaktion der Eltern war folgende: Der Vater der Schülerin holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und die Familie stieß an. Dabei sagte er: „Wenn meine Tochter einmal ein Ungenügend hat, muss das gefeiert werden.“

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25112

Wacht auf, wacht auf!

Milliarden können es nicht schaffen,
hört, und staunt, von einem Affen,
sich von diesem zu befreien?
Wenn’s nicht wahr wär, echt zum Schreien.
Ein Phänomen nur, und das zählt:
Gottverdammte Männerwelt!

Lassen uns tyrannisieren,
schlagen, treten, schikanieren,
von ehemals Spitzeln und korrupten,
wie sich später bald entpuppten,
Geisteskranken und Agenten,
spiel’n mitunter Präsidenten.
Ist er erst einmal gewählt,
keiner sein Versprechen hält!
Gottverdammte Männerwelt!

Kriminelle Kleptokraten,
die das eig’ne Volk verraten.
Lügen, stehlen und missbrauchen,
die, wenn’s eng wird, untertauchen.
Blutrünstig, korrupt und mies,
wählt sie nicht, sind alle fies!

Unreif wär’n die Leut’, sag’n die,
starke Führung brauchen sie.
Prügel müsst dem Volk verschreiben,
die nicht hergehör’n, vertreiben.
Mag ertragen, wem’s gefällt.
Gottverdammte Männerwelt.

Dann also schnallt die Gürtel enger,
macht den Kerlen Angst und bänger,
werft sie auf die Scheiterhaufen,
haltet sie, lasst sie nicht laufen!
Tut ihnen dasselbe an,
das, was sie euch angetan.

Lasst sie eure Schmerzen spüren,
die ihnen schon längst gebühren,
so, wie sie euch oft gepeinigt,
gehasst, gefoltert und gesteinigt.
Hängt sie auf, am nächsten Ast,
so viele von ihnen, bis es passt!

Herunter dort vom gold’nen Sessel,
legt sie allesamt in Fessel!

Heraus aus der gold’nen Limousin’,
Vetter, Onkel und Cousin
Zündet diesen Haufen an,
dass er nichts mehr anstell’n kann.

Das Lametta reißt herunter,
Kopf ins Wasser, taucht sie unter.
wie sie es mit euch getan.
Bloß nicht zaudern, spuckt sie an.
Prügelt sie, bis dass es gellt!
Gottverdammte Männerwelt!

Selbst der Wunsch nach Macht den Kindern,
wäre besser zu verhindern.
Schon die Kinder spielen Krieg,
krank machend verfluchter Sieg!

Vorbilder sind weder Schiller,
Goethe nicht, sondern Godzilla.
Irgendein brutaler Scheiß,
und einer, der alles besser weiß.
Immer Macht und Ruhm und Geld:
Gottverdammte Männerwelt!

Worte auf Papier verschwendet,
all die Jahre, nichts beendet.
Alles fängt von Neuem an,
weil man sich nichts merken kann.
Einerseits zu blöd zum Lesen,
dann so tun, wär nichts gewesen.
Weil der Mensch nicht anders kann,
fängt er stets von vorne an,
der, dumm gebor’n und nichts behält,
in der verdammten Männerwelt.

So sucht nach geistigen Eliten,
solche, die euch Hoffnung bieten,
selbstlos, klug und auch gerecht!
Einen mit Bildung und Gefühl,
keinen, der macht, was nur er will!

Und seht euch vor, wen ihr anheuert,
nicht wieder einen, schwanzgesteuert,
mit viel Muskeln, ohne Hirn!
Bietet solchen jäh die Stirn!

Frauen schätzen Leib und Leben,
weil sie es sind, die’s schließlich geben.
Nichts davon versteht ein Mann,
weil er sich’s nicht vorstell’n kann.
Foltern Frauen oder morden,
rücksichtslos, wie Männerhorden?
Die Welt bedroh’n, zu lange schon,
bloß Kerle, voll Testosteron.
Wir brauchen wen, der zu uns hält,
nicht die verdammte Männerwelt!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25110

 

 

 

 

 

 

Christas Comeback

Redaktioneller Hinweis an alle, die (chronologische) Ordnung lieben:
Dieses Comeback hat eine Vorgeschichte.

 

Einleitung

Guten Abend und willkommen. Oder besser gesagt: willkommen zurück.

Wir erinnern uns an Weihnachten vor drei Jahren … Damals waren wir Teil einer ganz besonderen Selbsthilfegruppe  – für benachteiligte Weihnachtsdekorationen. Vielleicht haben Sie noch Christas Stimme im Ohr: drall, prall und mit einer erstaunlichen Portion Selbstironie. Eine Weihnachtskugel im Dauereinsatz fürs Füllmaterial, stets übersehen, aber nie zu überhören, wenn sie einmal zu sprechen begann.

Christa, die Christbaumkugel: Sie war nicht irgendein Dekoteil aus Plastik, sondern ein Wesen mit Haltung, Humor und einem erstaunlich klaren Blick auf das stille Elend des benachteiligten weihnachtlichen Behangs. Ihre Worte klangen wie ein Manifest für all jene, die zwar glänzen, aber nie gesehen werden. Christas letztes Spotlight war ein letzter Abschied unserer Protagonistin, bevor sie sich – hängend am Weihnachtsbaum – entschlossen der nächstgelegenen Kerze zuwandte.

Heute nun, meine Damen und Herren, kehrt Christa zurück.
Nicht zum ersten Mal, wohlgemerkt. Denn Christa ist eine Wiedergeborene im besten Sinne: ursprünglich ein Plastiksackerl mit tragender Funktion, dann eine Kugel mit Glanzanspruch – nun eine Form, die selbst sie noch nicht ganz versteht. Aber eines ist sicher: Das Universum hat sie nicht vergessen. Und es hat Humor.

Wiedergeboren in neuem Glanz, selbstverständlich plastikbasiert – denn wahre Unvergänglichkeit ist nun mal kein Nebenprodukt der Natur, sondern des Polyethylens. Wer braucht schon Zellulose, wenn man charismatische Chemie sein kann?
Nicht mehr an den Baum gehängt, sondern im Zentrum der Aufmerksamkeit – und das ganz ohne Bio-Siegel. Nicht mehr nur beobachtet, sondern bestaunt. Nicht mehr nur geschmückt – sondern gebraucht.

Lassen Sie uns gemeinsam hören, was aus ihr wurde. Und was aus uns werden könnte, wenn wir uns trauen, ein bisschen mehr zu leuchten, auch jenseits der Lichterkette.

 

Und nun: Christas Comeback

Kapitel 1: Wiedergeburt

Als ich zu Bewusstsein kam, war alles dunkel. Dann: ein Rascheln, gedämpfte Stimmen, ein Lichtschein, der sich vorsichtig durch eine Ritze tastete. Ich stand, geborgen in einer samtgefütterten Box und man präsentierte mich auf einem Podest, das sich langsam drehte. Ich war nicht mehr nur verpackt, ich war inszeniert. Das war neu …

Am unteren Rand meiner Verpackung stand in großen schwarzen Lettern

„The Boss“.

Ein Titel! Was für ein Upgrade!
Früher war ich bloß eine einfache Weihnachtskugel, dazu verdammt, Jahr für Jahr zwischen Lametta und Lichterketten zu baumeln – übersehen, unterschätzt und ignoriert.

Und jetzt? Jetzt hatte ich eine Identität, einen Rang und vielleicht sogar eine Mission!

Meine neue Form war … beeindruckend.
Kraftvoll, stramm und von kunstvollen Linien durchzogen, die sich wie Schicksalsfäden über meine dunkelbraune, nahezu ebenholzfarbene Oberfläche drapierten. Ich fühlte mich monumental und fast ein wenig majestätisch. Man gab mir zwei kugelrunde Pantoffeln mit flacher Unterseite und Saugnäpfen, die stets für einen sicheren Stand sorgen würden, doch das Beste war – mein Helm!

Ein junges Pärchen, das mich zuvor im Laden noch mit einer Mischung aus Erstaunen und Verlangen anstarrte, öffnete ehrfürchtig meine Verpackung. Ihre Augen glänzten. Ihre Finger strichen behutsam über meine Oberfläche, als hätten sie Angst, mich mit einer falschen Geste zu entweihen oder gar zu beleidigen.

Unmittelbar nach diesem ersten Akt der Bewunderung wurde ich gewaschen, eingeölt und immer wieder gepriesen.

Mein Leben hatte eine neue Richtung – und ich, Christa, war bereit, alles dafür zu tun, um meinen neuen Besitzern im Gegenzug für ihre Hingabe die größtmögliche Freude zu bereiten.

(Kurze, triumphierende Pause)

Kapitel 2: Die Spieleabende

Mein erster großer Auftritt kam schneller als erwartet: ein Spieleabend!

Zwar war dieser kein kirchlicher Feiertag – so wie ich es aus früheren Zeiten kannte –, jedoch gab es, was die Kirche betraf, sicherlich auch noch andere Feste, bei denen man so prachtvolle Gegenstände – wie mich – einzusetzen wusste.

Die Wohnung vibrierte von Stimmen, Lachen und dem sanften Klirren von Gläsern. Die Menschen schienen sich auf etwas zu freuen und die Stimmung war gelöst und heiter.

Und dann – die Präsentation:

Ich wurde hochgehoben und wie ein rituelles Werkzeug ins Licht gehalten, sodass alle Gäste meine volle Pracht bewundern konnten. Es folgte Staunen. Kichern. Bewunderung. Eine zierliche Frau gab sogar ein leises Seufzen von sich, was ich als zutiefst wertschätzende Geste verstand.

Als ich endlich zum Einsatz kam, wurde ich entschlossen gepackt, gedreht und in verschiedenste Positionen bewegt. Es glich einem Tanz und jede Bewegung schien bedeutungsvoll zu sein, denn die Reaktionen waren äußerst zufriedenstellend.

Als der Abend ein wenig fortgeschritten war, bekam ich sogar meinen eigenen Lederschmuck!

Man spannte mich in ein System aus Riemen und Schnallen, so kunstvoll, dass ich mich fühlte wie ein Rennpferd-Champion vor dem Start!

Manchmal hörte ich ein zartes Aufkeuchen, ein Lachen, ein genüssliches Seufzen. Es war, als würde ich eine tief verborgene Seite in den Menschen berühren. Ich war der Funke, der das Eis schmelzen ließ. Meine künstlerische Darbietung wurde mehrmals pro Woche aufgeführt, manchmal vor mehr, manchmal vor weniger Publikum, doch eines kann ich Ihnen sagen: Ich war verdammt gut darin!

Kapitel 3: Im Dienste der Freude

Was genau meine Aufgabe war?

Nun … manchmal fragte ich mich, ob es wirklich wichtig war, es zu verstehen.

Es gab keine Anleitung, keinen klaren Zweck, nur Wirkung. Und diese war unverkennbar.
Ich war nun kein bloßes Dekostück mehr. Kein benachteiligter Christbaumbehang ohne jegliche Bedeutung.
In diesem Leben war ich ein Katalysator. Ein Impuls. Ein Statussymbol.

Wo immer ich auftrat, veränderte sich die Stimmung:
Gesichter hellten sich auf, die Menschen öffneten sich und ließen ihre tief verwurzelten Barrikaden fallen. Zugegeben, manchmal auch mit etwas Nachdruck.

So manches Gespräch, das stockend begonnen hatte, geriet durch mich plötzlich in einen nonverbalen Fluss. Ich fühlte mich wie eine Diplomatin, die den Frieden ganzer Nationen garantierte.
Zwar fiel mir auf, dass mir Männer stets mit etwas mehr Ehrfurcht begegneten als Frauen, speziell wenn ich meinen Lederschmuck trug. Doch wie es mit neuen Bekanntschaften so ist, lösten sich die anfänglichen Zweifel meist durch ein vorsichtiges Herantasten in Luft auf. Ich wusste intuitiv, dass man mit Männern behutsamer umgehen musste, denn auch wenn sie nach außen hin hart erschienen, waren sie im Inneren weich und verletzlich.
Frauen hatten da weniger Berührungsängste, denn oft hatte ich das Gefühl, sie begrüßten mich wie einen langersehnten Freund, den sie schon eine Weile vermisst hatten.

Doch beim großen Finale konnte ich – ehrlich gesagt – keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen. Zudem wertete ich nicht, denn schließlich war ich für alle da.

Kapitel 4: Bittersüß

Trotz all meiner Erfolge und meiner umjubelten Auftritte blieb da etwas – eine leise, bittersüße Sehnsucht.

Ich fragte mich manchmal: Wer bin ich wirklich?
Bin ich ein Werkzeug, eine Erfüllungsgehilfin interaktiver Performance-Kunst oder war ich doch ein bisschen Zauber, geführt von zwei Händen?

Vielleicht war ja genau das mein Geheimnis:
Man musste mich nicht erklären. Die Menschen wussten instinktiv, womit sie es zu tun hatten, und man gab mir diese Form, um als sakrales Symbol zu fungieren. Ja, die Menschen waren gläubig und vielleicht war ich ihr Kultobjekt. Und wer weiß, vielleicht würde ich ja sogar irgendwann Kirchenwände zieren?

Auch wollte ich einen eigenen Slogan für mich erfinden. Leider waren „geschüttelt, nicht gerührt“ und „yes we can“ bereits vergeben, so habe ich mich letztendlich für „The Boss – Tiefe, die bleibt“ entschieden, denn für Oberflächlichkeiten hatte ich schließlich wenig übrig.

Aber nun Spaß beiseite – man wird ja wohl noch in aller Bescheidenheit träumen dürfen …

Doch neben all diesen Träumereien und Spekulationen weiß ich eines mit Sicherheit:
Wenn irgendwo das Licht gedimmt wird, langsame Musik erklingt und ein ehrfürchtiges Raunen durch den Raum huscht, dann ist es Zeit für mich, die Bühne zu betreten. Ich bin wieder da, mein Comeback ist gelungen.

 

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25111

Jonny and Maggie

Jonny und Maggie,
verlaufen sich im Wald.
Es ist so finster
und bloody-fuckin’ kalt.

Sie kommen an ein Häuschen,
von Süßigkeiten fein.
Wer mag der Herr wohl,
von dieser Hütte sein?

Hu-hu, da steht
statt ’nem Herrn
ein Weib davor.

Sie lockt die Kinder
heimtückisch vor ihr Tor.

Dann stellt sie sich ganz freundlich,
oh Jonny, welche Not!
Sie will ihn braten,
im Ofen drin, wie Brot.

Sonst noch was, du alte Schlampe,
du kriegst gleich eine auf die Lampe!
Die Maggie zeigt den Mittelfinger.
Und das wär vorerst noch geringer!
Nie und nimmer brätst den Bruder!
Blödes, altes Hexenluder!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 25099

Blockade

Es war damals im Sommer 2006. Ich hatte mich für den Spanischkurs an der Uni entschieden, obwohl meine Motivation dafür noch zu unterschwellig gewesen war. Schnell war auch die erste Stunde vorbei und wir wurden uns gegenseitig vorgestellt. Bei meinen nächsten Besuchen des ordentlich früh beginnenden Kurses sah ich auf der Bank rechts hinter mir eine Studentin, die mir sehr gefiel und zu der ich oft hinüberblickte. Damals hatte ich aber noch nicht den Mut, sie anzusprechen. Es vergingen ein, zwei Monate und die Spanischstunden waren mehr oder weniger dieselben.

Als der Kurs Mitte Mai früh anfing, setzte sich diese junge Frau unvermittelt neben mich, sagte, dass sie nicht in die nächste Stunde kommen könne und ich für sie dann mitschreiben solle. Mit dem Bleistift schrieb sie ihre E-Mail-Adresse auf mein Blatt und verabschiedete sich.

Was dann geschah, weiß ich leider nicht mehr so genau. Ich erinnere mich daran, dass ich ihr eine E-Mail, in der die Hausaufgaben standen, schickte, aber ich erinnere mich nicht mehr an das, was danach geschah.

Auf jeden Fall hätte ich diese junge Frau kennenlernen wollen, aber irgendetwas hielt mich davon ab, sie zu kontaktieren. Da ich mich in dem Kurs unwohl gefühlt hatte, meldete ich mich kurze Zeit danach ab. Ich sah die Studentin noch einmal an einem Abend vor dem Wohnheim, aber meine Blockade verschwand nicht.
Und dann denkst du dir: Wenn du schon einmal die E-Mail-Adresse hast – warum hast du ihr nicht geschrieben? War es Angst vor Zurückweisung? Schüchternheit? Auch heute weiß ich keine Antwort mehr.

Jahre vergingen, und obwohl ich mich später wieder an sie erinnerte, habe ich ihr nicht geschrieben.

Erst nach neun Jahren wieder eine schüchterne E-Mail. Ich erinnere mich noch daran, dass ich danach im Fernsehen eine Folge „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“ sah, als ich gespannt auf eine Antwort wartete.
Aber die Antwort blieb aus.

Später versuchte ich es erneut mit E-Mails, die nun ausführlicher geworden sind. Aber auch sie wurden nicht beantwortet.

Was ich zwischenzeitlich auch noch bemerkte, war, dass sich vieles von dem wiederholte, was ich neun Jahre davor erlebt hatte. Ich wusste, dass ich die Hobbys von damals nach dieser Zeit wieder aufnehmen musste, aber in einer besseren, intellektuelleren Form. Ein Beispiel waren die Western, die ich spät abends im Fernsehen sah und die mir guttaten. Am besten gefielen mir die klassischen US-Western, aber auch einige Italowestern. Ich nahm die Stimmung nun bewusster wahr, und auch die Landschaft und die Sonnenuntergänge, die ich mit denen aus der italienischen Landschaftsmalerei verglich.

Auch das Reisen nahm ich nach einer mehrjährigen Unterbrechung wieder auf. Wie beim Film nahm ich auch im Urlaub Eindrücke viel besser wahr und konnte mehr über die anderen Länder erfahren.

Aber am allermeisten hoffte ich darauf, dass sie sich bei mir melden würde und ich die Jahre, die mir verlorengegangen sind, mit ihr nochmals erleben könnte.
Also entwarf ich ein Szenario, in dem ich ihr etwas über mich und meine Motivation für den Spanischkurs schreiben wollte. Ich könnte auch anführen, dass es mir damals nicht so gut gefallen hat und dass ich – auch etwas überstürzt – den Kurs gewechselt habe. Danach würde ich ihr einen Rat geben, nämlich sich für Kultur zu interessieren, wenn sie es nicht ohnehin schon täte, und ihr von meinen Leseerfahrungen erzählen. Außerdem wollte ich ihr von meinen Vorlieben für Reiseländer – dies waren inzwischen der Ferne Osten und Griechenland geworden – berichten.

Und auf einmal merkte ich, dass sich inzwischen in mir etwas verändert hatte. Ich war viel achtsamer geworden. Es überraschte mich, dass mir diese Bekannte einmal unvermittelt zurückschrieb und dabei anmerkte, dass sie sich nicht mehr genau an diese Zeit erinnern könne, es aber schön sei, dass ich ihr so viele positive Gedanken entgegenbrachte. Sie könnte sich gut vorstellen, dass wir uns einmal in einer Eisdiele treffen.

Nach neun Jahren endlich wieder ein Treffen. Ich wusste gar noch nicht genau, worüber ich mit ihr hätte sprechen können, und für den Fall, dass ich in Verlegenheit geriete, überlegte ich schon vorher einige Stichworte. Es waren die bereits erwähnten Themen, aber ich wollte sie auch noch überraschen.

Das Treffen verlief noch schöner, als ich es erwartet hatte. Es überraschte mich doch sehr, dass sie so nachdenklich war und mir recht gab, dass es besser sei, Bücher zu lesen, auch wenn deren Handlung frei erfunden sei, als nur Tratsch weiterzugeben oder Stammtischgespräche über Politik zu führen. Sie erzählte außerdem, dass auch sie sich in dem Spanischkurs nicht wohlgefühlt und ihn im darauffolgenden Semester abgebrochen hatte. Die Jahre darauf waren vom Berufseinstieg geprägt – sehr viel Stress –, aber es gab auch schöne Momente, wie Urlaube.

Auch ich wollte noch darauf eingehen, was ich in den letzten neun Jahren getan hatte, und fasste zusammen, was ich gelernt hatte: „Es ist am wichtigsten, bewusster – auch auf die kleinen, zunächst unscheinbaren Dinge – zuzugehen. Wir lernen bald, nur das Große, Erhabene zu ehren, und wir schätzen andere, alltägliche Erfahrungen, die wir für trivial oder unbedeutend halten, klein und das möchte ich an einem Beispiel zeigen: Wie sehr gefielen mir die Spaziergänge im Hain, die Abende bei einem Film vor dem Fernseher oder auch nur ein Besuch in einem Café, aber vor neun Jahren habe ich das noch nicht so wahrgenommen und wollte lieber etwas Großes erleben. Eine Expedition, möglicherweise. Heute wäre ich glücklich, ich könnte einen Vormittag in der Kleinstadt flanieren und dabei ein paar Kuriositäten in den Schaufenstern entdecken oder mit einigen Menschen ins Gespräch kommen.“ Dabei unterbrach mich meine Gesprächspartnerin und sagte: „Genauso ging es mir auch. Aber ich habe relativ früh schon Erfahrungen gemacht, die mich glücklich gemacht haben – in meiner Arbeit als Pädagogin oder bei Spieleabenden. Da habe ich wirklich einige sehr schöne Stunden erlebt.“

„Eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass sich doch vieles im Laufe der Jahre zum Besseren entwickelt hat. Es war doch meistens übertrieben, zu denken, dass mir doch nichts gelingt, wenn es nur etwas Zeit gebraucht hat, dass sich die Dinge geklärt haben.“  Sie erwiderte: „Das stimmt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so gut deutsch spreche, aber mit der Zeit ist dies von alleine gekommen.“

„Ein Drittes wäre die Nostalgie. Wenn ich alte deutsche Filme aus den 1970er Jahren sehe, empfinde ich eine Sehnsucht nach der Mode und dem Design und möchte gerne wieder in einer Zeit leben, in der ich noch nicht geboren war. Aber es gibt ja zum Glück Schallplattenläden, die diese Sehnsucht etwas stillen können.“ „Oder Vintage-Läden“, warf sie ein. „Dort habe ich selbst schon einige schöne Sachen gefunden.“

Inzwischen fühlte ich dasselbe Behagen, das ich damals gespürt habe. Ich merkte, dass unser Gespräch nun zu einem Ende kommen würde, deshalb kam ich zu meiner Überraschung: „Da ich damals sehr schüchtern gewesen bin, dich aber immer toll fand, möchte ich mit dir etwas unternehmen, sozusagen etwas nachholen, was ich vor neun Jahren mit dir gerne getan hätte.“ „Und was wäre dies?“, fragte sie aufgeregt. „Ich hätte gerne mit dir einen Ausflug in eine andere Stadt gemacht. In keine Großstadt, sondern in eine der Nachbarstädte. Wenn ich mich damals mehr getraut hätte, wäre ich gerne mit dir nach Aschaffenburg gefahren, wir hätten die Stadt besichtigt und es uns in einem Park gemütlich gemacht. Bist du damit einverstanden, dass wir das nach neun Jahren nachholen?“

„Einverstanden!“, sagte sie, dabei spürte ich in ihrem Gesicht so etwas wie Herzenswärme.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25078

Vom Lesen und vom Sterben

„Ich kann das nicht lesen.“ Roberts kleiner Zeigefinger tippte vorwurfsvoll auf die handschriftliche Widmung auf der ersten Seite seiner wunderschön illustrierten Ausgabe von „Grimms Märchen“. Seit er zwei Jahre zuvor in die Grundschule gekommen war, ging er immer davon aus, dass er alles Geschriebene auch lesen konnte. Aber wer kann das schon?

„Du hast Recht“, sagte ich, „das ist auf eine alte, schwierig zu lesende Art geschrieben. Es lautet: Für Robertchen, mit Liebe – deine Oma Gertrude.“

„Ich kann mich nicht an sie erinnern! Wie sah sie aus?“

„Sie hatte ein sehr altes, gütiges Gesicht. Lange Haare, die hinten in einem Knoten zusammengehalten wurden – aber zwei oder drei kleine Strähnen wollten sich einfach nicht bändigen lassen und fielen ihr immer ins Gesicht.“

„Okay. Und wann hat sie mir dieses Buch geschenkt?“

„Ja, weißt du, das war eins meiner Lieblingsbücher, als ich so alt war wie du, und sie hat mir immer daraus vorgelesen. Sie war eine super Vorleserin!“

„Warum kann sie dann nicht kommen und mir etwas vorlesen? Du hast immer so wenig Zeit!“

„Schau mal, sie ist gestorben, als du erst zwei Jahre alt warst. Deshalb kannst du dich auch nicht mehr an sie erinnern. Aber sie hat dich sehr liebgehabt.“

„Was ist denn passiert? Wo war sie, als sie …?“

„Sie hat früher immer bei uns gewohnt, in dem großen Zimmer oben, das jetzt Mamas Arbeitszimmer ist. Aber als sie zu schwach geworden war, ging sie in ein Heim für alte Menschen. Da ist sie gestorben.“

Der kleine Robert fing an zu weinen. Ich weiß bis heute nicht, ob er vor der schwarzen Wand des Todes zurückgeschreckt war, die er niemals zuvor gesehen hatte, oder ob er schon dazu in der Lage war, eine Vorstellung von Altenheimen mit ihrer Einsamkeit zu entwickeln. Vielleicht hatte er von beidem eine ungefähre Ahnung bekommen. Oder kam in ihm eine nebulöse Erinnerung auf – vielleicht durch unvorsichtig gemachte Bemerkungen in der Vergangenheit – von dem Tag, an dem sie allein starb?

Wir waren bei ihr im Heim gewesen. Es war Karneval in Deutschland. Alle waren wir für den Rosenmontagszug verkleidet – Robertchen in seinem weißen Clownskostüm mit einem winzigen roten Punkt auf seiner Nase –, als sie uns anriefen. Meine Frau und ich fuhren schnell zum Heim, es war nicht weit. Wir luden Robertchen und seinen Buggy aus dem Auto und hasteten in das Zimmer, in dem sie seit dem Tod meines Großvaters allein wohnte. Sie hatte Fieber, war aber geistig ganz klar. Sobald Robertchen auf dem Arm meiner Frau in den Raum kam, fixierte sie ihn.

„Robertchen, Robertchen, komm her zu deiner Urgroßoma!“

Robert konnte mit seinen kleinen Armen nicht bis zu ihr hin reichen, deshalb musste ich ihm den Teddy in den Arm legen, den sie ihm unbedingt hatte geben wollen.

„Frau Schmitz macht diese schönen Teddys. Wisst ihr, die alte Dame, die dement ist und immer ihre Unterwäsche über ihren Kleidern anzieht. Sie ist eine gute, alte Seele. Ich hatte diesen hier schon vor Monaten bestellt, und jetzt ist er fertig!“

Der Teddy war groß und weich, und Robert fing sofort an, ihn ein bisschen auf und ab zu schütteln; dann untersuchte er sein Gesicht. Meine Oma schien erleichtert. Dann erzählte sie uns von der bösen Erkältung, die sie nicht loswerden konnte, und meinte, dieser Winter käme ihr endlos vor. Sie fragte auch nach unseren Aktivitäten zu Karneval, aber dann wurde sie wieder aufgeregt.

„Es ist schon spät, oder? Ist es nicht längst Zeit für Robertchens Mittagsschläfchen?“

Wir versuchten abzuwiegeln, sie zu beruhigen. Aber etwas in ihrer Stimme hatte Robert verunsichert, und er fing an zu greinen. Das passte gar nicht zu ihm, aber die ganze Atmosphäre in dem halbdunklen Zimmer mit dem Krankenhausgeruch und den gedämpften Stimmen kam ihm wohl nicht ganz geheuer vor.

„Ja, du hast Recht. Weißt du, was wir machen? – Wir fahren schnell nach Hause und kommen wieder, sobald er seinen Mittagsschlaf gehalten hat.“

Aber Robert verhielt sich weiterhin unnormal. Erst aß er viel langsamer als sonst und spuckte die Hälfte des Essens sofort wieder aus. Dann wollte und wollte er nicht einschlafen. Ich erzählte ihm irgendeine blöde Geschichte oder sang ihm ein dummes Gute-Nacht-Lied vor; ich erinnere mich nicht mehr so genau. Endlich schlief er ein – und wachte lange Zeit nicht mehr auf.

Stunden später – Robert hatten wir inzwischen zur Nachbarin gebracht – gingen meine Frau und ich den gleichen düsteren Flur bis zu ihrer Tür. Sie stand offen. Die Nonnen knieten auf dem blankgescheuerten Linoleum, und Omas ehemalige Verkäuferin, die ich noch nie leiden gemocht hatte, sagte: „Sie ist tot.“

„Weißt du, wenn deine Urgroßoma mir etwas vorlas, war das immer wie Urlaub. Oder wie ein schöner Sommertag – angefüllt mit dem Geruch vom frischem Heu, dem Summen von Bienen, dem Geschmack von Erdbeeren. Ein endloser, wunderschöner Urlaubstag.“

Ich überflog das Inhaltsverzeichnis mit all seinen lustigen und grimmigen Geschichten.

„Und wenn sie zu Ende gelesen hatte, habe ich mich immer nur an den Anfang der Geschichte erinnert, niemals an das Ende.“

Robert war während meiner Reminiszenzen seltsam still geworden. Dann nahm er behutsam meine Hand von der Inschrift und deutete mit meinem Zeigefinger auf das kleine Bild zu „Schneewittchen“.

„Okay, Papa. Es ist okay. Wollen wir jetzt lesen?“

Frank Joussen
aus „Kleinkrieg und Frieden„, hrsg. von Frank Joußen/D.C. Hubbard

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 25109