Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Reif für die Insel

Welt, sag, geht’s noch etwas schneller?
In mir dreht sich alles durcheinand’.
Ich dachte, durch den Fortschritt würd’ es heller
vor der dunklen Arbeitsweltenwand?

Hieß nicht, digitalisieren, Zeitersparnis, oder irr ich?
War doch als Erleichterung gedacht.
Nichts von dem, stattdessen schwirr ich
schlaf- und ziellos durch die Nacht.

Jonglier mit meinen drei, vier Bällen,
mit Job und Haushalt um die Wett’.
Genervt, gestresst in allen Fällen,
wie ich so durch die Gegend jett.

Das Tempo passt nicht zum Gefühl,
es rast die Welt, wir rasen mit.
Wenn ich in meinem Inn’ren wühl,
merk ich, ich halte nicht mehr Schritt.

Die Bällchen gleiten aus den Händen,
wollen hinunter, nicht hinauf.
Ich merk, hier will mein Streben enden,
mein Inn’res sagt, dann hör doch auf!

Infolge bin ich stressbeschleunigt,
überlastet und erledigt.
Ich seh ein, das g’hört bereinigt,
denn ich bin total geschädigt.

Wie soll ich bloß mein Gleichgewicht
und meine inn’re Ruhe finden?
So weitertun, das bringt es nicht.
Den heilend’ Ausblick will ergründen.

Eh’ Herzinfarkt und Blutgerinnsel,
seh ich mir Hoffnung widerfahr’n.
Schon überreif gar für die Insel,
les ich der Reis’ Geschäftsgebar’n.

Sechs Wochen, wenn nicht gar ein Jahr,
bietet ein Unternehmen an.
Verpflegung, Unterkunft sogar,
da muss ich hin, da bleib ich dran.

Wenn dort vor Langeweil’ ich sterbe,
das ist mir alles einerlei.
Und wenn vielleicht ich dort verderbe,
So sag ich mir, es sei, wie’s sei.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25132

A Real Angel

Etwas Obst, vielleicht? Ein Tortenstück, die Imperiale?
Ach nein, ich denk, es reicht. Die Dinge, geniale,
ich warte, wie sie sich entscheiden,
und möcht Gedanken über alle Regeln meiden.

Heute, am Samstag, muss jede Arbeit ruh’n.
Ich hab beschlossen, ich will heut überhaupt nichts tun.
Doch keinen Schabbat kennt der Jammer,
er quält und verfolgt dich bis in deine Kammer.

Wenn alle schweigen, frage ich, meist irgendwann.
Dann öffne ich die Tür und ich beginn im Jetzt.
Mach mir Gedanken, wann das alles wohl begann?
Und dann, was war? Was hat dich so verletzt?

Verschloss’ne Türen lassen sich nicht deuten.
Dann hör ich ihnen zu, diesen bedauernswerten Leuten.
Ich geh zurück, und schau, wie weit wir kommen.
Scheint jeder, ganz für sich, von seinem Elend eingenommen.

Einer, der die Grenzen stört, der stört auch seine eig’nen.
Er stört sich selbst, und das kann er schwer leugnen.
Es liegen alle so, wie sie sich betten.
Allein, ich kann nur einen nach dem andern retten.

Bin stets zur Stell’, ich fahre auch nicht fort.
Probleme bleiben, sie wechseln nie den Ort.
Nun ja, ich weiß, nicht alle woll’n zu mir, als Kapazunder.
Viele von ihnen seh’n in mir das Prominenten-Wunder.

Die Langweiligen haben mich niemals interessiert,
ich finde die Meschuggen wundervoll.
Normalsein ist, was mich am meisten irritiert,
ich find die Komplizierten wirklich toll.

Man sagt, der Kopf, der weiß, jedoch der Bauch versteht.
Beides auf einmal ist, was überhaupt nicht geht.
Versteh’n, das ist nicht gleich mit Wissen.
Und ohne Gott kann gar nichts gehen müssen.

Nur er kann alle Dinge richtig machen.
Aus Fehlern lernt man, was nicht funktioniert.
Natürlich machen Menschen Fehler, und so Sachen,
und darauf hoffen wir, dass er sie korrigiert.

Die Kunst ist die, sich für die anderen zu freuen,
und nicht fürs Ego ganz allein.
Das Ego ist’s, das oft im Wege steht,
und lässt das Gute oftmals nicht herein.

Im Unerlaubten steckt, was allzu oft vergraben ist,
dort musst du suchen, woher du kommst und wer du bist.
Die Ursachen, die haben alle einen Grund,
den musst du finden, sonst wirst du nicht gesund.

Gewohnheiten sind nicht nur gut, manchmal sogar schlecht.
Genau die abzulegen, denk ich, das wär recht.
Die Frage stellt sich meist jedoch, nur wie?
Und das Erwachsenwerden? Ich glaub, das lern ich nie.

So lebt ein jeder bloß in seiner eig’nen Welt.
Und jeder, wie er kann und wie es ihm gefällt.
Wie geht es dir? Du hast nicht etwa Sorgen?
Mir geht es gut, und wenn nicht heut’, dann eher morgen.

Dieser Text ist Frau Dr. Erika Freeman gewidmet, deren
Lebensgeschichte in Dirk Stermanns Roman nachzulesen ist:
«Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen.»

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25133

Die Zeitungsenten

Bekannt ist er dafür, dass er ständig Flausen im Kopf hat.

Oft hat er erzählt, dass seine Lieblingsbeschäftigung Zeitungsenten füttern sei, was ihm den Ruf einbrachte, dass er keinen Docht in seiner Lampe hat.

Amüsant für die meisten Bekannten seiner Umgebung ist, dass er sich in einer Ecke seines Gartens einen kleinen Teich angelegt hat, um seine Zeitungsenten anzulocken!

Oft sitzt er stundenlang mit einem Riesenstapel an Zeitungen, die er penibel durchstöbert.

Man fragte ihn auch, ob ihm das auf Dauer nicht zu teuer wäre?

Dies verneinte er stets mit Empörung und der Antwort, dass dies doch seine Lieblingsbeschäftigung sei!

Auf seine Zeitungsenten wartet er jedoch immer noch vergeblich.

Erst nach einem kleinen Lottogewinn soll sich sein Zustand wieder gebessert haben.

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25131

Seelentanz

Ist wirklich schon so viel Zeit vergangen?

Über meine plötzliche Verunsicherung und die regelmäßig wiederkehrenden Unvorhersehbarkeiten des Lebens staunend, setze ich mich an einen fein gedeckten Tisch am Meer und stelle fest, dass ich doch nicht vor allem gefeit bin, auch nach den vielen Jahren nicht.

Aber was wäre das Leben ohne neue Herausforderungen, mit denen wir wachsen können? Ohne seine permanente Wellenbewegung?

Fast ärgert es mich, dass ich mich so unvorbereitet in Sicherheit gewiegt hatte. Dass ich wieder einmal dachte, es wäre das Ziel, obwohl es nur eine Rast war.

Der Platz am Kopfende des Tisches ist für mich vorgesehen. Der besondere Moment verlangt nach einem gebührenden Fest mit außergewöhnlichen Gästen. So habe ich mir für heute etwas Originelles überlegt. Etwas, das mich dazu bringt, kurz innezuhalten und die gelebten Jahre mit ein wenig Abstand betrachtet noch einmal in Zeitlupe an mir vorüberziehen zu lassen. Um dann der Gegenwart, dem Hier und Jetzt und dem eigenen Selbst die verdiente Wertschätzung schenken zu können. Aus tiefster Seele und mit wachem Geist.

Für einen Abend lang die Zeit anhalten. Den Wellengang stoppen und den Wind einbremsen. Das Weiteratmen vergessen. Ausgewählte Lebensszenen einfrieren und mit veränderten Augen betrachten. Alle Fühler ausstrecken und auf Empfang stellen. Sich bereitmachen für die höchste Stufe der Berührbarkeit. Das Herzfeuer, das ein wärmendes Licht spendet, lichterloh brennen und knistern lassen. Bevor sich die Erde breitlächelnd weiterdreht.

Am Horizont tauchen sie auf. Noch sind ihre Erscheinungen miteinander verwoben, verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Doch mit jedem Schritt in meine Richtung werden ihre Formen klarer, eindeutiger. Aus einem pastelligen Farbgemisch kristallisieren sich die Umrisse dreier Frauen heraus. Ihre langen Gewänder, vom Wind umspielt, berühren sich nur zufällig und verhüllen zuverlässig ihre Körper, sodass ich meine unruhig flackernden Augen auf das Wesentliche richten kann.

Vor Aufregung tanzt mein Herz, während ich die unkontrolliert zuckenden Füße tief in den Sand bohre, um sie zur Rast zu zwingen. Doch schon im nächsten Moment rüge ich mich dafür. Was ist so schlimm daran, dass meine Nervosität offensichtlich ist? Sie gehört zu mir. Ebenso wie meine Freude, meine Angst und meine Neugier auf den heutigen Abend. „Also lass sie zu“, ermahne ich mich, während ich mit zittrigen Händen die Champagnergläser fülle und mich dann erwartungsvoll aufrichte, um meine Gäste feierlich zu empfangen. Denn sie sind nur noch wenige Schritte von mir entfernt.

Eine Dame in Weiß, eine in Schwarz und die dritte in schillerndem Bunt. Ich kann direkt in ihre Augen sehen, die darauf brennen, mir schonungslos ihre Geschichten zu erzählen. Jede für sich ist mit Haut und Haar bereit, meine kaum noch zu bremsende Neugier zu stillen, die wie ein junges, umherspringendes Fohlen all meine Kraft in Anspruch nimmt, um sich zähmen zu lassen.

Höflich weise ich den Damen einen Platz an dem fürstlich gedeckten Tisch zu. Etwas zögerlich setzen sie sich. Mit Bedacht und sacht, anmutig lächelnd. Das Meer tönt ungewohnt sphärisch und unterstützt ein Fühlen anderer Welten. Seelenräume öffnen sich. Die Sonne, die bereits ihren Untergang vorbereitet, beschenkt uns mit einem magischen Licht, das sich bereitwillig von unseren Gläsern einfangen lässt. Mit einem vornehmen Kopfnicken prosten wir uns zu, nachdem jede einzelne Falte der langen Gewänder darauf bestand, sorgfältig glattgestrichen zu werden. Die anschließende Stille unterstreicht mit feiner, gerader Linie die Bedeutsamkeit unseres Zusammentreffens. Bietet noch kurz die Gelegenheit, frischen Atem zu holen, um dann ehrfürchtig die erste Seite in der Geschichte, die das Leben schrieb, aufzuschlagen und vorzutragen.

Und das Meer glitzert zauberhaft. Bringt sich in Position, um aufmerksam zu lauschen und in sich aufzusaugen. Seit Urzeiten daran gewöhnt, Geheimnisse für sich zu behalten.

Dann ist es endlich so weit, und das Abenteuer beginnt. Feinsinnig höre ich zu. Bewegungslos, fassungslos, beglückt, bestürzt. Bemüht, neben einer derart mächtigen Beeindruckung meinen Atem fließen zu lassen. Meine eigene Vergangenheit packt mich an den Schultern, krallt ihre Nägel in mein Fleisch und zieht mich erbarmungslos in ihren Bann.

Zunächst ergreift die Frau in Weiß das Wort. Mit ihr verbindet mich die kürzeste Zeit. Und dennoch kenne ich sie in- und auswendig. Wie ein oft gelesenes Buch, das nicht mehr überrascht. Jedes einzelne Detail, das sie in ihrem Monolog von innen nach außen kehrt, ist mir vertraut. Ihre Geschichte saugt mich an wie ein Schlupfloch im All, und ich muss an mich halten, um dem überirdisch starken Sog nicht nachzugeben, spüre ich doch unter ihren Füßen kein Fundament, keinen Boden, der ihr Halt geben könnte. Auch unter den schwersten Bedingungen, verzweifelt und mit aller Macht den verführerisch süßen Saft im Außen zu trinken, anstatt sich aus dem eigenen Selbst zu nähren, das ist lebensnotwendig für sie. Bis heute hat sie es nicht geschafft, einen festen Platz in ihrer Familie einzunehmen, was ihr die Basis für einen eigenen Weg stiehlt.

Doch hat sie Erfolg damit, sich selbst nicht anzunehmen. So kann sie sich mit aller Kraft auf ihre Arbeit als Ärztin stürzen, ist ungemein fleißig, verfolgt ehrgeizig ihre Ziele und füttert die Seele mit verdienter Anerkennung. Kann allein das mit Glück erfüllen?

Sie ist gut, in dem was sie tut, zweifellos. Die Beste weit und breit. Es ist ihre besondere Spezialität, für ein wenig Halt alles zu geben. Sich im Außen feste Anker zu setzen, an denen auch der stärkste Sturm nicht rütteln kann. Nur hat sie auf ihrem Erfolgsweg den Kontakt zu ihrer Seele verloren, spürt nicht, dass ihr das Essen, das sie ihr reicht, nicht bekommt, weil es zu fett ist. Dass sie sich nach etwas ganz anderem sehnt. Denn die Qualität kommt aus Ich lebe! und nicht aus Ich muss!

Vor mir sitzt eine Frau, die vor lauter Pflichterfüllung nicht in die Lebendigkeit kommt und sich in der Fürsorge anderer verliert. Die sich nicht erlaubt, zu atmen und wichtig zu sein. Gefühlsregungen wie Freude oder Wut, die sich vor langer Zeit viel Mühe gaben, durch ihr schweres, gut gesichertes Lebenstor einzutreten, waren viel zu lästig, zogen und zerrten unerbittlich an ihrer starren Form und wurden längst in die Wüste verbannt. Ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht durfte noch nie in voller Blüte stehen, zeigt sich regungslos und fahl. Ihre Lippen schmal und ohne Schwung, die Augen müde, ausdruckslos. Haben verlernt zu strahlen. Die Anstrengung, mit der sie jeden einzigen Tag lebt, steht ihr mitten ins Gesicht geschrieben. Ihr Vertrauen in die eigene Kraft wurde nie aus dem Dornröschenschlaf geholt, sodass sie sich im Beruf immer wieder neu beweisen muss. Bis zur körperlichen Erschöpfung.

Sie opfert sich bedingungslos auf, wird von anderen ausgelaugt und ausgenutzt. Wie an einer Weißwurst zutzeln sie an ihr, trinken eigennützig den fremden Lebenssaft, bedienen sich ungefragt und schamlos. Bis nur noch eine ausgetrocknete, poröse Hülle bleibt.

Und trotzdem kann sie das Schicksal nicht abwenden. Denn nur, wer sich selbst in seinem Wert spürt, kann dem anderen wahrhaft helfen. Nur so kann ich die unreflektierte, selbstzerstörende Anpassung abschütteln, kann ureigene Erfahrungen machen, handeln und daraus Kraft schöpfen. Grenzen setzen und eigene Bedürfnisse achten. Verantwortung für mich selbst ergreifen, um das Glück zu spüren. Meiner Seele begegnen und sie mit vitaminreicher Kost verwöhnen. Gesund bleiben. Seelisch wie körperlich.

Plötzlich überkommt mich ein Frösteln. Mir bleibt die Luft weg, meine Füße suchen den Boden. Ich muss kurz aufstehen, um sie wieder zu fühlen, drehe meinen Körper zum Meer und atme es ein. Erfrische mich daran, um mich nicht in meiner Berührbarkeit zu verlieren. Zu sehr bin ich mit der Frau in Weiß verwoben, zu sehr fühle ich wie sie. Das, was sie am Leben behindert, habe ich mit großer Anstrengung überwunden. Denn uns verbindet ein und derselbe Stamm. Unsere weit verzweigten Äste wachsen gar nicht fern voneinander, berühren sich manchmal sogar. Doch meine Wunden sind erst frisch verheilt. Ich muss sie in ihrer Gegenwart schützen, damit sie nicht wieder aufbrechen. Deshalb bin ich erleichtert, als sie aufsteht und leise geht.

Das Meer leckt mit salziger Zunge über den Strand, wobei es fast unseren Tisch berührt. Unmittelbar erweckt es den Anschein, als wolle es sich an unserem Gespräch, auf dessen Fortgang es brennt, beteiligen. Schließlich hat es auch eine Menge zu sagen. Dann kräuselt es die Lippen, schwappt kraftvoll zurück und entscheidet sich dafür, seiner Rolle als aufmerksamer Zuhörer treu zu bleiben. Für eine gute Weile beobachte ich sein Wellenspiel, das nur allmählich gleichmäßiger wird. Bis ein glatter See entsteht, dessen aufkeimendes Funkeln in der Tiefe verborgene Kräfte vermuten lässt. Erleichtert gestattete ich der von dort ausgehenden Ruhe, auch in mir Platz zu nehmen und sich verschwenderisch zu verströmen, sodass ich nach und nach meine ursprüngliche Fassung zurückerlange und mich, in energetischer Höchstform befindend, wieder meinen Gästen zuwenden kann.

Freundlich lächele ich ihnen zu und ermutige die Frau in schillerndem Bunt, das Wort zu ergreifen. Ihre Augen, die ebenso strahlen wie ihr Gewand, sind fest auf mich gerichtet. „Erzähl mir von dir!“, fordere ich sie ungeduldig auf, während ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie die Frau in Weiß in etwa zwanzig Meter Entfernung im Sand Platz nimmt, den schmalen Rücken zu uns gewandt.

„Ich lebe meinen größten Traum und leite eine Schule im Osten Afrikas“, beginnt die Frau in Bunt vorsichtig. „Die Bildung der Mädchen liegt mir ganz besonders am Herzen.“ Dabei verrät das Aufblitzen in ihren Augen, wie glücklich sie darüber ist. Erleichtert atme ich die angestaute Anspannung aus und sauge das Glück mit einem extrabreiten Strohhalm ein. Bis tief in meine Seele, die aufgeregt den festen, eisernen Mantel, der sich während der letzten Erzählung über sie legte, abwirft. Genüsslich streckt sie sich aus und beginnt dann, den neu gewonnenen Raum einnehmend, ausgelassen zu tanzen.
Bestätigt durch die positive Wirkung ihrer Worte, führt die Frau in Bunt ihren Bericht fort. „Nach einer abrupten Trennung von meinem Mann, die mir sehr zusetzte, weil sie alles Dagewesene umkehrte, wohnte ich zum ersten Mal allein und lernte in kleinen Schritten, dass die Verbindung zu mir selbst das Wichtigste im Leben ist. Das Einzige, das ich nicht verlieren kann. Ich erhielt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni, der mich beruflich weiterbrachte, und unterrichtete danach drei Jahre an einer Deutschen Schule in Südafrika. Dort lernte ich eine junge Frau kennen, die mich in ihr Heimatdorf einlud. Und so ergab eins das andere.“

Die Frau in Schwarz blickt sie ein wenig verächtlich von der Seite an. Ich bemerke, wie sich ihre Fingernägel in ihrem hochgeschlossenen Gewand, das einem bereits beim bloßen Anblick die Luft zum Atmen nimmt, vergraben. Ihre Mundwinkel unverändert nach unten gezogen und die schmalen Strichlippen fest aufeinandergepresst, schnappt sie plötzlich panisch nach Luft, nachdem zuvor keineswegs zu beobachten war, dass sie überhaupt atmete. „Sie nimmt sich selbst nicht an. Ihr Atem ist gefangen und weiß nicht, wo er hingehört“, denke ich still bei mir. „Schlimmer noch, sie geht mit aller Kraft gegen sich selbst und vergiftet damit ihren Körper und ihre Seele. Das blockiert ihr Wachsen.“ Und die fröhlich tanzende Seele in mir wird massiv in ihre Schranken gewiesen, während die Frau in Schwarz bereits mit verbitterter Stimme weiterspricht. „Nicht jeder wird vom Leben mit derartig verlockenden Angeboten beschenkt“, bemerkt sie, ohne sich die Mühe zu machen, den aufflackernden Neid in sich zu unterdrücken.

„Das mag stimmen“, entgegnet die weiße Massai mit ruhiger Stimme und unbeirrbarem Blick. „Doch meine Geschenke konnte ich nur annehmen und verwirklichen, weil ich mich gut darauf vorbereitet hatte“, erklärt sie, ohne überheblich zu wirken. „Als ich nach meiner Trennung allein war, habe ich mir Zeit genommen, um mich mit mir selbst zu verbinden. Das war notwendig, damit sich die Tore für einen neuen Weg öffnen konnten.“

Die Frau in Schwarz horcht interessiert auf und fragt zaghaft nach: „Hattest du denn überhaupt keine Angst vor dem Alleinsein?“ Eine ungewohnt sanfte Nuance in ihrer Stimme verrät, dass sie vom Denken ins Fühlen wechselt, was ihr nur in seltenen Momenten gelingt. Ihre hoch angespannten Nerven beginnen zu zittern, bringen ihren gesamten Körper zum Beben, sodass sie sich kaum noch unter Kontrolle bringt. Sie schämt sich dafür und senkt den Blick, ist sie doch allzu ungeübt darin, das Innerste nach außen zu kehren.

Eigentlich ist sie die Meisterin der Selbstkontrolle. Ihre Gefühle hält sie seit Langem in einem inneren Hochsicherheitstrakt gefangen. Mit bleichen Gesichtern schlummern sie verkümmert und vernachlässigt im finstersten Areal ihrer inneren Räume. Einbetoniert. Fluchtversuche sinnlos.

Ihre Ängste sind oft nicht real. In alten Strukturen kann sie baden und entspannen wie in einem wohlig warmen, sprudelnden Whirlpool, hält krampfhaft an ihnen fest und begibt sich in selbstzerstörerische Abhängigkeiten. Weil sie sich klein fühlt und nur darauf bedacht ist, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, die sich an ihr festsaugen wie selbstsüchtige Zecken. Weil sie sich selbst regelmäßig übersieht, ausradiert wie einen ungenauen Bleistiftstrich. Nachdem ihr Mann sie einst verließ, hüpft sie übergangslos von einer Beziehung zur nächsten, in der sie wie ein armes Pflänzchen verkümmert, weil der Boden ausgetrocknet und nährstoffarm ist. Sie lebt ohne Kontakte, ohne Kinder und ohne Gefühle. Kommt nicht in ihre Kraft und Lebendigkeit. Kann weder am Leben teilhaben noch bei sich selbst sein.

Ich erschrecke vor dieser Frau, die mir erbarmungslos mit allen Zellen spiegelt, was aus mir geworden wäre, hätte ich mich vor Jahren an einer Weggabelung des Lebens anders entschieden. Ein eiskalter Schauer erfasst mich und gibt mir das Gefühl, dass eine ganze Kompanie rühriger Ameisen auf parallel angelegten Straßen mit gefrorenen Füßen über meinen Rücken krabbelt. Fließt unsere Lebensenergie doch durch ein- und dieselben Wurzeln in den gemeinsamen Stamm, der stolz unser weit verzweigtes Astwerk trägt. Auch wenn meine Zweige am entgegengesetzten Ende wachsen, so sind sie doch denen der Frau in Schwarz nicht unähnlich, ja in Teilen sogar mit ihnen identisch, eine gemeinsame Identität formend.

Nach einer längeren Pause, in der jede ihren eigenen Gedanken nachhängt, greift die weiße Massai die von der Frau in Schwarz zuletzt gestellte Frage auf, die noch wie eine Feder in der kühlen Abendluft über uns schwebt. „Natürlich hatte ich Angst“, gesteht sie, „übermächtige Angst sogar. Nur blieb mir in der Situation damals nichts anderes übrig, als die Kraft in mir zu suchen, um die Angst zu überwinden.“

Die Frau in Schwarz erhebt sich. Mit bloßem Auge erkenne ich, dass das Blut in ihren Adern überschäumend aufkocht. Es fällt ihr ungemein schwer, die Käfigtür zu ihren Gefühlen, die wie wild gewordene Schlangen giftig züngelnd den Kopf heben, verschlossen zu halten. „Dann war deine Angst nicht annähernd so groß wie meine. Oder glaubst du, dass deine exotische Wegvariante die bessere ist?“

Der Zorn funkelt aus ihren Augen. Und ein kleines bisschen Genugtuung breitet sich wie ein warmer Sommerregen in ihr aus, hat sie es doch gerade zum ersten Mal geschafft, die Wut nicht gegen sich selbst zu richten. „Was unterscheidet uns denn voneinander? Du hast es im richtigen Moment geschafft, deine Angst zu besiegen. Doch sie ist längst wieder da! Nun isst du dich an deiner ständigen Suche nach dem Besonderen satt und bist, ohne es zu bemerken, jeden Tag dabei, deine Sehnsüchte durch das, was sich außerhalb von dir ereignet, zu erfüllen. Doch tief in deinem Herzen wünschst du dir nichts mehr, als dass deine Seele so bunt schillert wie dein kitschiges Kleid!“

Mit diesen Worten wendet sie sich von uns ab, entledigt sich ihres mächtigen, viel zu eng und zu hoch geschnürten Gewandes und springt kraftvoll in das salzige Nass, das sie weit bis zum Horizont fortträgt und für uns nur noch stecknadelkopfgroß herausblitzen lässt.

Nur wenige Wellenbewegungen später sehe ich, wie die Frau in Weiß aus ihrer Starre herausbricht und ebenfalls in das fast schwarz gefärbte Meer eintaucht, das kurz davor ist, mit dem Dunkel der Nacht eins zu werden. Die weiße Massai blickt mich mit ernsten Augen an und beginnt, unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Ich spüre den starken Sog, den das Meer auch auf sie ausübt. Das unbändige Verlangen, es den anderen beiden gleichzutun, um im Meer wieder mit ihnen zu verschmelzen, erfasst ihren gesamten Körper und lässt sich nicht länger deckeln. In der Gestalt hunderter kleiner Zungen saugen sich die Wellen an ihr fest und ziehen sie ganz sanft zu sich heran. Bis sie sich in den Fluten auflöst.

Zurück bleibe ich. Der einsame, feste Fels in der Brandung. An den Seiten leicht ausgehöhlt, doch in der Mitte stabil. In mir brummen und surren die Worte dieses fantastischen Abends. Wie Musik klingen sie nach. Hinterlassen Spuren in mir, die begriffen werden wollen, damit sie fest ausgetreten und zu sicheren Wegen werden können.

Mit beiden Füßen stehe ich fest auf dem Boden. Die Energie fließt frei durch mich hindurch, macht mich lebendig und offen für den Kontakt mit meiner Seele. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meinen Atem, der mir inneren Freiraum schenkt, meinen Platz und damit Raum im Leben einnehmen lässt. Auf seinem Weg durch meinen Körper nimmt er alle Gefühle auf in seinen Strom, damit sie gelebt werden können. Vielleicht muss man erst einen Teil von sich verlieren, um ihn dann wiederzufinden.

Ich erfahre, handle und entscheide, habe einen offenen und ehrlichen Weg gewählt, in Freiheit und Unabhängigkeit. Ich habe gelernt, Beziehungen einzugehen, ohne mich selbst zu verlieren. Mit schmerzlichen und glückvollen Wegstrecken.

Doch das Lernen geht weiter, es ist nur eine Rast, nicht das Ziel. Mir scheint, dass die Tage wertvoller geworden sind. In goldenes Licht getunkt, in dem die Seele wohnt und ruht.

Besonnen richte ich meinen Blick auf das endlose, bezaubernde Meer. Den Ursprung allen Lebens. Beobachte staunend meine Seele, die zum Rhythmus der Wellen tanzt. Die sich kristallklar und zart schimmernd ihre Bühne erobert. Sich in die Seelen der drei Frauen ebenso bindet wie in das Funkeln des Meeres. Atemberaubend schön.

Gefühle wie Rache und Strafe sind ihr unbekannt. Zu einfach. Zu menschlich. Deshalb habe ich Nachsicht mit mir selbst. Mit all meinen Um- und Irrwegen, die mich zu der geformt haben, die ich heute bin.

Denn die Seele bewertet nicht und verzeiht alles.

Claudia Lüer
Informationen zu Veröffentlichungen und Buchbestellungen

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 25130

 

 

 

Archiv Juni 2025

28.6.25: Norbert Johannes Prenner: Der Wankelwütige
28.6.25: Norbert Johannes Prenner: Jugendgewalt
28.6.25: Johannes Tosin: Neuer Boden
21.6.25: Norbert Johannes Prenner: Wirklichkeiten
21.6.25: Johannes Tosin: Die schwarzen Sterne
21.6.25: Robert Müller: Am Katzentischerl
15.6.25: Antonia Traugott-Hajdu: Der Mann, der seine Stadt rechnete
14.6.25: Johannes Tosin: Die Liebenden
14.6.25: Norbert Johannes Prenner: Zensur
14.6.25: Johannes Tosin: Das Muttermal
8.6.25: Dario Schrittweise: Dasein voller Lücken
8.6.25: Norbert Johannes Prenner: Rapunzel
8.6.25: Johannes Tosin: Das Champions-League-Finale
8.6.25: Michael Bauer: Zwei belanglose Geschichten
8.6.25: Norbert Johannes Prenner: Von den blauen Bergen kommen wir
8.6.25: Johannes Tosin: Nachtschwärmer
1.6.25: Claudia Dvoracek-Iby: Der Wirrer
1.6.25: Verena Tretter: Der blinde Fleck, Metaphern und Glühwürmchen
1.6.25: Norbert Johannes Prenner: Übers Geld
1.6.25: Johannes Tosin: Melange
1.6.25: Norbert Johannes Prenner: Der Deutschtrainer
1.6.25: Johannes Tosin: Bei VW

Der Wankelwütige

Wütend reckt sich auf der Bühnen,
physisch gleicht er einem Hünen.
Geistig stark zurückgeblieben,
Fäuste zeigend, er wird siegen.

Hat uns fast die Nacht gestohlen,
wiederum ganz unverhohlen,
aus mir nichts dir nichts auserkoren,
ein neues Monster uns geboren.

Ein grober Kerl, ungeschlacht,
hievt sich gierig an die Macht.
Erscheint in zweierlei Gestalt,
weltmännisch und durch Gewalt.

Macht kein Hehl aus seinen Fehlern,
heute so und morgen so.
Rechnet ab mit seinen Gegnern.
Die ganze Welt küsst ihm den Po.

Holt Migranten aus den Kellern
und von ungewasch’nen Tellern,
schimpft und schreit, man glaubt es kaum,
Menschen sind für ihn Abschaum.

Entmenschlicht laufend seine Gegner,
in seinen Topf gerät ein jeder,
wo Millionär nebst Anwalt schmurgelt.
Schon von Verhaftung wird gegurgelt.
Unbelehrbar, schroff und barsch
tritt er sie alle in den Arsch.

Was er anfasst, gegenwärtig,
geht in Scherben, nichts wird fertig.
Ist an ungeraden Tagen
auf Putin sauer, wenn Sie fragen.

Grönland, Gaza, Ukraine,
Öl und Erdgas, Pipeline.
Nichts geschieht in Panama,
ebenso bei Kanada.

Zölle steigen ziemlich sehr,
wie hoch, das weiß er selbst nicht mehr.
Der Kerl ist unberechenbar,
rechnen kann er nicht. Wie wahr!

So wie ein Irrlicht, ein globales!
Oh tempora und auch mor(al)es!
Droht mit dem Finger, hoch erhoben,
selbst weiß er nicht, wo unt’ und oben.

Noch scheint kein Mittel ihm entgegen,
kaum will Widerstand sich regen.
Vergeblich mahnen ihn die Leut’
zu politischer Verlässlichkeit.
Niemand weiß, was da noch kommt,
kein Licht zeigt sich am Horizont.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25129

 

Jugendgewalt

Du meinst, Jugendgewalt ist männlich?
Na klar, sieht ihnen wieder ähnlich.
Am häufigsten sind es oft Knaben,
die Probleme mit dem Ego haben.

Sie sind am stärksten, wie man meint,
gruppendynamisch, wenn vereint.

Es lernt ein Junge von der Pike
den Unsinn rasch von seiner Clique.
Doch Einzelgänger, ich sag’s ehrlich,
scheinen mir nicht ungefährlich.

Und eines ist wohl allen gleich,
im Öffentlichen liegt ihr Reich.
Im Häuslichen begeh’n die Alten
ganz unbemerkt ihre Gewalten.

Angst vor denen haben Frauen,
Ältere werd’n kaum verhauen.
Die Jugend sucht nach ihrem Opfer,
meist unter sich. Hab’n die ‘nen Klopfer?

Und wo des Vaters Ohrfeig’ knallt,
liegt oft der Ursprung der Gewalt.
Familienleben dissonant,
Jugend außer Rand und Band.

In der Schule nur als Gast,
bürgt im Leben leicht für Knast.
Aggressiv und abnormal,
erhöht die Delinquentenzahl.

Mehrfachtäter schaffen leicht,
was so für die Statistik reicht.
In Lebenswelten, schwach erhellten,
Gewalttaten, die dort oft gelten.

Nur allzu groß ist jene Kluft,
die Arm und Reich daneben schuf.
Was kann aus armen Schluckern werden,
bei dieser Konkurrenz auf Erden?
Die Schlinge zieht sich eng zusammen,
bleibt wohl nur eins, sie wegzurammen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25128

 

Wirklichkeiten

Man sagt, dass man nichts wisse,
die Kunst wär’, bloß zu glauben.
Wie’s nach dem Tode weitergeht,
mag uns manchmal die Hoffnung rauben.

In Dunkelheit soll alles enden?
Und in unsern Gliedern stecken,
unaussprechlich, was wir fänden,
in der Apokalypsis Schrecken?

Wie eine and’re Wirklichkeit
scheint uns das Universum fremd.
Unfassbare Erhabenheit,
die Grenzen uns’res Denkens trennt.

Ob es vielleicht nicht doch was gibt,
woran der Mensch sich klammern kann?
Wo rationales Denken siegt,
im Zweifel, gegen des Dunkels Bann?

Im Hoffen auf Gerechtigkeit,
das Tun muss Konsequenzen haben!
Durch Ratio hin zu des Willens Fähigkeit,
sich an der Wahrheit zu laben.

Der heilig’ Geist, als göttliches Substrat,
scheint überflüssig, gibt es nicht schon einen Gott?
Und doch, grenzt nicht, so wie wir glauben,
etwa schon gar an Spott?

Göttlich’ Instrument, du Wissenschaft,
hilf uns, die Welt versteh’n!
Mach, dass wir durch deine Kraft
die zwölf Materienteilchen seh’n!

Und unbemerkt durchs Weltall geistern,
dunkle Stoffe, unverstanden.
Ob die alles zusammenkleistern?
Hier kommt Wissen stark abhanden.

Der leere Raum, zwischen den Sternen,
den Planeten, nah’ und fernen?
Was ist es, das die leere Stätte füllt?
Durch ungeahntes Treiben sich vor uns verhüllt?

Offenbart sich dieser Gott in der Natur?
Bewusstsein, subjektiv, verstehbar nach Gesetzen?
Scheinen schwer begreifbar, nur,
kann Religion diese ersetzen?

Da ist die Welt der Psyche und des Objektiven,
die der Zahlen, Kunst und Theorien.
Sowie auch jene, von Gesetzen, massiven,
durch sie bestimmten Energien.

So kann die Welt, gar durch Ideen,
sich physikalisch stark verformen.
Und durch Geschichten, wie wir seh’n,
Wissen bewahren und erklär’n, nach Normen.

Soziale Wirklichkeiten, denen Wahrheit fehlt,
ein Phänomen, dass viel zu viel dran glauben.
Fake News! Denn das Erfolgsgeheimnis zählt!
Die nützt der Autokrat. Der kann sich viel erlauben.

Im Messbaren zeigt Wissenschaft
in vielem noch Versäumnis,
vergleichbar mit, dem Glauben gleich,
unlösbaren Geheimnis.

Im Jetzt erwarten wir gebannt
die Lösung auf die Fragen,
auf Dinge, die wir nicht erkannt’.
Mag sein, dass man die Antwort erst
im Jenseits uns wird sagen.

Muss man denn alles wörtlich nehmen?
Die Denkweisen war’n mythisch.
Dazwischen liegen tausend Jahre,
von Schriften, und sie sind kryptisch.

Den Armen und den Schwachen helfen.
Gelebte Nächstenliebe.
Spuren des eig’nen Wirkens gelten,
im Leben anderer, wenn sonst nichts bliebe.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at |Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25127

Am Katzentischerl

Eigentlich ist es eine Herabsetzung, am entlegenen kleinen Tisch zu sitzen – man weiß ja schon aus der Bibel, dass an der Tafel strenge Rangordnungen bestehen und eisern eingehalten werden. Wie vieler Überlegungen bedarf es oft, bei großen Feiern alle Gäste zufriedenstellend und sozial verträglich zu platzieren. Und trotz aller Sorgfalt passiert es immer einmal, dass da noch zwei, drei Gäste dazukommen, für die man eben noch einen Tisch ganz hinten zum Ausgang stellt.

Das kann von den dorthin Gesetzten manchmal schon als ein bisserl kränkend empfunden werden. Noch dazu, wenn man die hier zusammengewürfelten Tischgenossen nicht kennt. Also macht man gute Miene zum bösen Spiel, fragt nach der Getränkebestellung, in Gottes Namen und weil man ja nicht unhöflich erscheinen will, den Sitznachbarn oder die Frau vis-à-vis, von wo er/sie her ist und welcher Bezug zum Gastgeber da ist und so.

Und wenn man Glück hat und der andere Gast auch froh ist, jemanden zum Reden zu haben, entwickelt sich oft ein interessantes Gespräch, man kommt einander näher, ein Dritter bringt eine passende Wortspende ein, und dann lacht man auch einmal über einen neuen Witz, während an der großen Tafel das Eis erst langsam zu tauen beginnt. Dann schiebt man noch eine lustige Episode aus dem Urlaub ein: „Jö, Sie kennen auch den Kirchenwirt auf der Tauplitz?“ Und wenn jetzt die Frau vis-à-vis hellauf lacht, blickt die reservierte große Tafelrunde erstaunt und ein bisserl neidisch zum Katzentischerl hinüber, wo keine steife Etikette herrscht und man das tut, wozu ein Fest da ist – nämlich sich bei gutem Futter gut zu unterhalten. Auch am Katzentisch. Miau!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25126

Der Mann, der seine Stadt rechnete

Aron Kurz lebte seit 30 Jahren in seiner Stadt, die wir hier Dönen nennen. Wir tun das, weil weder Aron noch Dönen gewollt hätten, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Aron hatte immer schon einen besonderen Kopf besessen, der Zahlen liebte und besonders viel Ordnung brauchte. Spontaneität wirkte auf Aron wie Hindernisse auf eine Schnecke; beide zogen sich in sich zusammen.

Er arbeitete in einem Computerzentrum, was er gerne mochte, weil dort alles seine Ordnung hatte. Das Computerzentrum, wo Aron arbeitete, gehörte zur Stadtverwaltung.

Seine Stadt unterschied sich nicht von anderen Städten, die 200.000 Einwohner hatten, halb in einer Hügellandschaft, halb in einer Ebene lagen, von zwei Flüssen durchschnitten wurden, etwas Industrie und etwas Kultur aufwiesen und langsam mit den Nachbarorten verschmolzen.

Das Stadtbild des IT-Spezialisten hatte für ihn keine sinnlichen Qualitäten, obwohl die Stadt sich in Regen, Sonne und Schnee veränderte. In der Sommersonne schien sie metallisch zu gleißen, unter Wolkenhimmel verschwammen ihre Konturen. Sie roch nach Gummi, Autos, Feuchtigkeit, manchmal auch dumpf und machte die üblichen Geräusche, welche von Sirenen und Baumaschinenlärm durchstoßen wurden. Doch das war für Aron unerheblich, seine Stadt bestand aus Zahlen, aus Bits und Bytes.

Manche Menschen definieren die Stadt durch ihre Bewohner, ihre Ereignisse, ihren Tageslauf. Der Dreißigjährige mit den kurzen karottenroten Haaren, die sich dank der Schermaschine in Reih und Glied befanden und kaum aufgrund eines Kammes ihre Wuchsrichtung veränderten, mit dem glühbirnenförmigen Kopf, dem schlaksigen mittelgroßen Körper und immer ein wenig abwesend wirkenden braunen Augen hatte nur einen Freund und eine Schwester und seine Eltern, die aber woanders lebten. Außerdem gab es eine etwas jüngere braunhaarige Frau, die sich für ihn interessierte. Auch er interessierte sich für sie, aber er dosierte die Begegnungen so, dass sie in seine Ordnung passten.

Die Brünette mit den grünen Augen und dem etwas fülligeren Körper durfte ihn etwa täglich zwischen 18.00 und 19.34 weder persönlich noch per Handy stören, denn da rechnete Aron seine Stadt auf seine Weise aus. Geburt und Tod, Kartoffel- und Fleischverbrauch, allgemeiner Wasserverbrauch, spezieller Wasserverbrauch, Diebstähle, Müllverbrauch, Christbaumverschleiß.

Seine Stadt hatte 174 Frisöre, die 130.000 Liter Wasser pro Tag brauchten, sofern sie einen Durchschnitt von 5 Kunden pro Tag hatten, was wenig war, denn 870 Kunden waren unverhältnismäßig für eine Stadt mit 200.000 Einwohnern. Das verbrauchte Wasser hätte den täglichen Trinkwasserbedarf eines Dorfes von 2.400 Einwohnern gedeckt.

Andererseits, mit Kochen, Waschen und Duschen brauchte eine Person alleine 60 bis 100 Liter, schon weil eine Dusche 16 Liter Wasser pro Minute raussprüht. Das waren für seine Stadt 20 Millionen Liter täglich. Damit würden 100 Menschen ihr ganzes Leben lang nie Durst haben.

Mit dem Wasser spülte seine Stadt etwa 80.000 Tabletten pro Tag runter, vorausgesetzt, jeder nahm durchschnittlich 2 Stück.

Außerdem wusste Aron, dass 30.000 Plastiksackerln oder 600 Kilo am Tag verwendet wurden. 600 Kilo, das produzierte eine Person jährlich an Gesamtmüll.

Arons Verehrerin erfuhr das auch, als sie ihn auf einen Kaffee einlud. Für die Kaffeepause hatte Aron exakt 100 Minuten eingeplant. Weil er nicht besonders gut in Konversation war, unterbreitete er seiner braunhaarigen Schönen seine Ergebnisse und erntete ein Seufzen.

„Das heißt, ich habe in einem Jahr 600 Kilo Mist zur Mülltonne geschleppt?“

„Statistisch gesehen ja.“

Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an, während er anstatt ihrer fragenden Miene nur das dumpfe Geplapper im Hintergrund und das zeitweilige Klappern und Klirren von Geschirr registrierte.

„Angefühlt hat es sich wie 300 Kilo“, legte sie nach.

„Davon kann ich nichts sagen, wie es sich anfühlt.“

„Es wäre schön, wenn ich meinen Mist nicht alleine tragen müsste“, wagte sie ihrer Meinung nach eine Andeutung, sie wolle ihren Haushalt irgendwann mit einem Partner teilen.

Doch Andeutungen verstand Aron nicht. Außerdem war Mist das unromantischste Thema, das man sich vorstellen konnte, um die Kurve zu einem Partnerschaftsangebot zu kratzen.

„Aron, wie viele Menschen heiraten pro Jahr?“

„922. Aber wir haben schon hundert Minuten gesprochen. Ich muss jetzt gehen. Bis nächste Woche zur selben Zeit.“

Wir wissen an diesem Punkt der Ereignisse noch nicht, ob Aarons Treffen mit seiner Braunhaarigen irgendwann zu was anderem führte als zu zahlenmäßigen Erörterungen seiner Stadt. Wir wissen aber, dass die Zahlen für Aron etwas Besonderes waren und dass man sich ihm und seinem Leben am besten nähern konnte, wenn man das berücksichtigte.

Und mehr als seine persönlichen Beziehungen wuchs seine klar quantifizierbare Beziehung zur Stadt.

Sein Leben begriff er als einen geringfügigen prozentualen Anteil an ihr. Wie oft er seine Straßen zur Arbeit und zurück beging, wie viele Autos an ihm vorbeifuhren, wie hell sie in der Nacht leuchtete (etwa ein 12-Tausendstel der Leuchtkraft der Sonne, rechnete er aus).

Diese Berechnungen trug Aron fein säuberlich in ein Heftchen ein.

Doch irgendwann ging ihm auf, dass man die Menschen nicht berechnen konnte. Nicht die Braunhaarige, nicht mal seine eigene Verwandtschaft, und das irritierte ihn.

Und eines Tages kam das Unvermeidliche.

Die Frau, die mit ihm Kaffee trinken ging und sich übrigens Eva nannte, hatte, seiner Ausführungen müde, auf ihn, Aron, persönlich Bezug genommen.

„Aron, immer sprichst du von Zahlen. Von deiner Stadt in Zahlen. Wann sprichst du von dir? Können wir sogar nicht auch einmal von uns sprechen?“

Das verschreckte den Mann, der sich deshalb so an seine Zahlen klammerte, weil er allem, das nicht auf eine numerische Größe reduzierbar war, zutiefst misstraute. Damit konnte er nicht umgehen.

Eva hatte seine Grenzen überschritten. Sie merkte es erst, als sie Arons verkrampftes Gesicht sah. Dass dieser seltsam korrekte zahlenbesessene Mann nicht anders konnte, ahnte sie. Aber dass er so heftig reagierte, überraschte sie, die bisher keinem Menschen mit einem so speziell arbeitenden Gehirn begegnet war.

Alles in Zahlen zu fassen, zu quantifizieren, war ja grundsätzlich auch ein Männerding.

Doch ihr Kaffeepausenpartner tat etwas Unübliches. In der 87. Minute sprang er auf, schnappte seinen Mantel und verließ die Kantine der Stadtverwaltung, wo die beiden ihr Heißgetränk einzunehmen pflegten.

Eva blieb überrascht sitzen. Sie blieb sogar noch 20 Minuten vor ihrem erkalteten Kaffee sitzen, weil sie nun ihrerseits nicht einordnen konnte, was passierte.

Fassung zu gewinnen, dazu brauchte Aron mehr als seine Wegstrecke nach Hause. Er wusste nur, er wollte durchaus wieder die Gewohnheit, mit dieser Frau Kaffee trinken zu gehen, aufnehmen, wenn er sich eingekriegt und stabilisiert hatte. Dass er diese Gewohnheit des gemeinsamen Koffeinkonsums jetzt schon misste, war ein Ausdruck dessen, dass er Eva durchaus positiv zugetan war. Alleine, dass er ihr Zeit eingeräumt hatte, die sie miteinander verbrachten, war ein Indikator dafür. Auch, dass der Verlust dieser Gewohnheit ihn mit einem Bangen erfüllte, das über die Befürchtung hinauswuchs, seinen Tagesplan neu auffüllen zu müssen, er sorgte sich sogar, die Gegenwart dieser Frau nie wieder zu erfahren.

Es war also ein Weg zu finden, mit ihr zu sprechen, ohne dass sie auf dramatische Weise erneut plötzlich Verbindliches oder gar Persönliches einforderte. Er musste vielleicht unter Umständen die Möglichkeit zulassen, diesen Aspekt wohldosiert den Begegnungen hinzuzufügen.

Zu Hause setzte er sich an seinen Tisch, nahm eines der sorgfältig aufeinandergestapelten Heftchen, in denen er seine Stadt rechnerisch festgehalten hatte, und suchte in all den statistischen Zahlen etwas Zwischenmenschliches, etwas Persönliches. Denn all diese Zahlen mussten doch in ihrer Generalisierung auch etwas Individuelles geborgen haben. Tatsächlich war er gezwungen, mehrere Hefte auf einmal zu nehmen, zu öffnen, zu überfliegen, zu schließen und wieder fein säuberlich auf ihren fest bestimmten Platz im Stapel zu legen.

Etwas, worüber er Eva berichten konnte und das ihre Beziehung ins Lot brachte, war nicht so leicht zu finden, genauso wie etwas, das vielleicht auch so etwas wie eine Beziehung von zwei Menschen in einer Stadt ausdrückte.

Zwischen 18.00 und 19.34 Uhr war für solche Recherchen nicht viel Zeit. Tage vergingen ohne Ergebnis, ohne die Gewohnheit, mit Frau Eva Kaffee zu trinken oder gar einen neuen Schritt zu wagen. Er war sich schmerzlich bewusst, dass es eine Veränderung geben musste.

Nach drei Wochen war es so weit. Genau 15 Minuten vor Dienstschluss wählte er mit seinem Amtstelefon das Amtstelefon von Frau Eva an.

„Hallo, Frau Eva.“

„Hallo Aron.“

„Frau Eva, ich bedaure, dass ich überstürzt weggelaufen bin.“

„Du bist nicht nur das. Ich habe lange nichts von dir gehört. Ist das das Ende unserer Kaffeetreffen?“

„Das möchte ich nicht. Ich habe eine Lösung gesucht. Eine Lösung, auch anders mit Ihnen zu sprechen.“

„Oh, ist das so schwer für dich?“

„Ja. Ich sage es nicht gerne, aber ich bin als Autist klassifiziert. Ich kann nächstes Mal gerne erklären, was das ist. Aber Sie sollten wissen, dass meine neurologische Spezifikation eine wesentliche Rolle in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen spielt. Sie verlangt Ordnung und Absehbarkeit.“

„Hat es was mit deiner Vernarrtheit in Zahlen zu tun?“

„Ja auch. Zahlen geben mir Sicherheit. Spontane Gefühle, abrupte Wendungen verunsichern mich zutiefst.“

Eine Pause von gut zwei Minuten trat ein. Sie wurde ihm nur um weniges leichter, weil er ihre Atemzüge zählen konnte, die sich nicht auf die Minute genau ausgingen.

„Gut, wir können ja uns einmal treffen. Dann erzähl mehr.“

Zum ersten Mal merkte Aron, dass er die Asymmetrie der persönlichen Anrede als störend empfand. Er musste sich also auch zurechtlegen, das Sie und das Du in ein Gleichgewicht zu bringen. Aber zuerst brauchte er eine Lösung, auch seine Beziehung zur Stadt, zur Arbeit zu den Zahlen und zu persönlichen Interaktionen in Einklang zu bringen.

Arons Lösung mag für Außenstehende verblüffend wirken. Sie würde möglicherweise auch sein Leben beeinflussen.

Wochenlang hatte er danach gesucht. Und dann subtrahierte er sich und Eva aus den Berechnungen. Zahlenmäßig würde das nicht ins Gewicht fallen. Etwa 20 Millionen Liter weniger 200 Liter Wasser. Oder die 0,34 Plastiksackerl, die er und Eva durchschnittlich pro Tag brauchten und welche die 30.000 dieser Stadt nicht erheblich dezimierten.

Aber, es war für Aron ein erster Schritt, das Unberechenbare des Menschlichen zuzulassen. In statistisch unerheblichen Dimensionen, versteht sich. Er konnte sich nun beruhigt mehr auf Eva einlassen.

An das Chaos, das dieses Verhalten auslösen würde, wenn jeder so handelte wie er, verschwendete er keinen einzigen Gedanken.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25125