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Das Totenmahl

Liebe Constance!

Da ich dich telefonisch nicht erreiche, schreibe ich dir ganz einfach. Ich muss zugeben, ein völlig neues Gefühl. Ich brauche nicht zu versuchen, mir deine Stimme vorzustellen, denn ich höre sie andauernd in mir, sie ist mir in all den Jahren zu vertraut geworden, dies solltest du wissen. Nach anfänglichem Entsetzen über deine schriftliche Nachricht, du würdest nun in Paris bleiben, es sind nun einige Tage vergangen, habe ich mich so weit gefasst, dass ich in der Lage bin, dir meine Situation zu schildern, in die du mich durch deine, eine für mich völlig neue Seite an dir, ungezügelte Triebhaftigkeit gebracht hast, oder Liebe, wie du es nennst, und möchte dir mitteilen, dass ich beabsichtige, mich von dir zu trennen, weil ich die augenblickliche Situation nicht länger ertragen kann.
Wenn ich mir vorstelle, dass dich dieser breitschultrige Affe Tag und Nacht berührt, wohl mehr noch, empfinde ich Ekel und Wut gleichzeitig und bezweifle zutiefst, dich je wieder unvorein-genommen in die Arme schließen und dich lieben zu können, wie ich es bisher getan habe. Vielleicht war ich all die Jahre auch nur ein Spielzeug für dich, welches du jetzt, dessen überdrüssig geworden, ganz einfach weggeworfen hast.

Ich kann den Sinn unserer Beziehung nicht mehr erkennen und denke, dass dies der beste Weg für uns beide sein wird. Wenn du zurückkommst, werde ich nicht mehr in unserer Wohnung sein. Meine Bücher, die Regale und den Fernseher nehme ich mit, schließlich sind sie mein Eigentum und so gut wie alles, was ich vorläufig brauche. Bezüglich der Wohnung, des Autos und all der anderen Sachen können wir uns über Klaus verständigen, den ich als Anwalt kontaktieren werde. Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich ihn damit beauftrage. Wenn mich mein siebter Sinn nicht im Stich lässt, warst du ja einmal sehr eng mit ihm befreundet. Ich ersuche dich lediglich, unsere finanziellen Angelegenheiten mit deiner Bank so zu regeln, dass du die Hälfte unseres gemeinsamen Kredites nunmehr wieder auf dich umschreiben lässt.

Ich habe dir sonst nichts mehr zu sagen, als dass ich von ungeheurem Schmerz über das jähe Ende unserer Gemeinsamkeiten wie gelähmt bin, unfähig, jetzt noch länger darüber nachzudenken. Neunzehn Jahre sind schließlich nicht irgendwas. Ich wünsche dir nicht zuletzt, dass du das, was wir in diesen Jahren gemeinsam erlebt und genossen haben, nicht gegen minder Qualitatives eintauschen musst und dich die Wahl, die du nun getroffen hast, nicht eines Tages reut. In Liebe … Arno hatte diese Worte mit dem Tintenkiller wieder ausgelöscht und durch „In Freundschaft, Arno“ ersetzt. Er wollte eigentlich „dein Arno“ schreiben, aber plötzlich war ihm bewusst, dass er nicht mehr „ihr Arno“ war.

Merkwürdig, dachte er, es störte ihn jetzt gar nicht so sehr, dass sie ihn so plötzlich verlassen hatte. Eine Lüge? Zum Selbstschutz? Immerhin, sie war ja bereits zweimal wieder zurückgekommen, seit sie mit diesem… Lächerliches Theater! Eine Affäre eben. Käme in den besten Familien vor, versuchte er sich einzureden. Aber diesmal? Er konnte sich nicht erklären, was sie diesmal für eine Show abzuziehen gedachte. Dabei hatte er sie stets für eine kluge Frau gehalten, für eine gebildete, beinahe zu berechnende Frau. Zu berechnend! Eine mit Anstand und Moral. Nein? Und wenn schon. Einen Arno Schmidt verlässt man eben nicht, durchfuhr es ihn, obwohl er dem Wahrheitsgehalt solcher und ähnlicher Aussagen selbst kaum große Bedeutung beimaß.

Plötzlich fiel ihm seine eigene kurze Liaison mit Clara ein, die mit dem Nitrogeschmack auf den Lippen und dem gelenkigen Körper. Armins Schwester. Und überhaupt, er hatte eine Menge zu tun gehabt, mit Schwestern von Freunden und so, überlegte er. Mochte wohl alles eine Frage der Gelegenheit sein. Und erst Lissi Radner! Aber nein, da war nichts. Wie denn auch? Wegen mangelnder Erotik. Du liebe Zeit! Wie schnell doch dieses Leben ablief. Die ist auch älter geworden, überlegte er, und dachte voll Grauen an die peinliche Szene in einem Lokal im Zuge des Totenmahls im September, wo sie ihn, so ganz ohne Vorwarnung und ohne jeglichen für ihn ersichtlichen Grund öffentlich bloßgestellt hatte. Blöde Kuh!
Er wäre ganz einfach anders geworden, überlegte er, während dieser Zeit, irgendwie anders. Jetzt wäre er nicht mehr so wie damals vor Abhängigkeit und Sehnsucht nach Constance gestorben, vor lauter Demütigung durch ihr Verhältnis mit diesem Franzosen abgestumpft, apathisch, irgendwie am Ende. Anfangs vielleicht, ja. Da hatte er noch gekämpft um sie. Aber jetzt? Sinnlos. Es wäre ihm gleichgültig, wie die Sache sich entwickeln mochte, beschloss er für sich. Und er dachte an ihre zahlreichen Briefe, die er bis jetzt von ihr bekommen hatte, und die Worte darin, die ihm wie Eisen im Fleisch steckten.

Die Briefe! Wo hab ich die Briefe nur hingeräumt, überlegte Arno fieberhaft. Ich weiß, dass du vor Sehnsucht vergehst, begannen die ersten Worte in einem davon, und … so wie ich hier vor Schmerz zerrissen bin, in Paris, zerrissen zwischen dir und ihm … ach, er war ja doch betroffen. Arno fühlte sich betroffen, ja, gleichzeitig aber auch getroffen, sich selbst einen Spiegel vorhalten zu müssen, in dem er zu erkennen glaubte, seine eigene Ehrlichkeit in Frage stellen zu müssen. War nicht ein solcher Mensch, der seine Fehler und Schwächen offen und ehrlich zugab, der bessere Mensch? War Constance in ihren Verfehlungen und ihrem Schmerz darüber nicht ehrlicher als er selbst in seinen Vorwürfen ihr gegenüber? Da waren noch seine kleinen Spielchen mit Clara, mit Marion, mit Lea und weiß Gott noch mit wem?
In diesem Augenblick hasste er sich! Er hasste sich für seine Kleinbürgerlichkeit, für seine Ängstlichkeit, für seinen Irrglauben, dieses Leben hier würde ewig dauern und würde sich ohne sein Zutun, etwas an seiner eigenen Situation ändern zu wollen, zum Besseren wenden. Lächerlich das alles!, raunte er vor sich hin.
Er würde sich dem Gespräch mit Constance stellen müssen, ob er nun wollte oder nicht. Jetzt, wenn sie bloß da wäre, dachte er. Gleich! Sofort! Er war ja doch immer bloß auf der Flucht gewesen. Oder besser mit Lea mit dem letzten Geld in den Süden fahren? Und danach? Vielleicht käme Constance inzwischen zurück? Schwachsinn!

Bald kam das neue Jahr. Und die Aussichten waren nicht gerade rosig. Schließlich war Rezession angesagt. Kurzarbeit lag in der Luft, gar keine bei ihm. Noch. Vielleicht würde es etwas mit dem Roman. Diesen Roman müsste er schreiben, sagte er zu sich ja immer. Die Idee ließ ihn nicht los. Was sei er doch für ein heilloser Träumer!, haderte er mit sich.
Ich muss es ihr sagen, dass ich für ihren persönlichen Jammer keine Zeit mehr habe. Ich verreise ganz einfach. I can’t feel her on my skin … dabei lächelte er, als er sich dabei ertappte, diese Melodie leise vor sich hin zu pfeifen, ganz von selber, unbewusst.
Größe haben, wäre gefragt. Größe. Die Größe, hinzugehen und ihr zu sagen, schön, dass du wieder da bist, wenn sie hier wäre. Wenn sie bloß hier wäre! Ist was passiert? Du musst wissen, ich verreise, mit … Vielleicht würde sie ihm schon gleich zu Beginn ins Wort fallen? Dann würde sie erzählen, wieso sie überhaupt wieder zurückgekommen wäre und so weiter. Seine Gehirnmühle mahlte und mahlte.

Und im Übrigen, was war falsch daran gewesen, neulich mit Marion ins Bett zu gehen? Schließlich lebten sie zu der Zeit sozusagen getrennt voneinander. Hätte er auf Constance warten sollen, bis sie wiederkam? Vielleicht, bis zum jüngsten Tag? Ach Quatsch!

Arno dachte an sein bereits begonnenes Manuskript, diesen kümmerlichen Versuch, sprachliche Divergenzen seiner subjektiven Wahrnehmung umzusetzen, jener tiefen Betroffenheit, den Vorgängen zwischen ihm und seiner unmittelbaren Beziehung zur Außenwelt ein sprachliches Gesicht zu geben, wie er das nannte. Ein schlechter Liebesroman würde es werden, sonst nichts. Leicht durchschaubare Mischszenen zwischen ihm und seinem eigenen Versagen, Constance das zu bieten, was sie offenbar woanders suchte.
Zielloser Aktionismus vertrackter, diametral auseinanderlaufender Lebensläufe im Visier eines psychotisch-neurotischen Blindgängers, der drauf und dran war, mit seinen ungewollten Liebesabenteuern das Chaos zu perfektionieren, wo er doch nur eines im Sinn hatte, mit Constance ein normales Leben zu führen. Er würde hineingehen zu ihr, wenn sie jetzt da wäre, sicher. Sie würden über alles reden und danach würde man dann die großen Dinge angehen. Sie die ihren, er die seinen.
Und er selbst nahm sich vor, dabei ganz locker darüberzustehen, ohne sich gleich zu fragen, was anders geworden wäre, wenn … Wir sind doch nicht so wie die andern, die sich bloß verlieben und dann weiterwandern, verhallte Udo Lindenberg in ihm.

Aber dann …. ach ja, dieses Totenmahl, durchzuckte ihn die Erinnerung zum wiederholten Mal. War doch längst Vergangenheit. Arno starrte Löcher in die Luft. Wie war das gleich noch damals? Das Rad war heute nicht zu stoppen! Er war gerade noch rechtzeitig eingetroffen, in dem kleinen Lokal am Hauptplatz, um wenigstens das „Totenmahl“ nicht zu versäumen. Der Verstorbene war längst erfolgreich in die Gruft versenkt worden, worin Stiefvater und tatsächliche Mutter schon seit geraumer Zeit ruhten, alles in allem höchst unkonventionell, mit Getute und Geblase von New-Orleans-Blues untermalt, wie ihm zu Ohren gekommen war. Arno betrat soeben das kleine Kaffeehaus, in dem die Trauergäste den Abschied ihres lieben Freunds begossen, wobei er, als Zuspätkommender, Anekdoten zu lauschen gedachte, die sich um den Verblichenen rankten, aber auch, um alte Freunde wiederzutreffen, auch Freundinnen, von denen er überzeugt war, dass sie es auch noch immer waren.
Gleich am ersten Tisch begrüßte ihn die Organisatorin dieses Himmelfahrtsevents mit einem sanften Kuss, den Arno nur zu gerne erwiderte. Caro Ass, Arnos ziemlich bester Freund und Beichtvater, wenn man so wollte, winkte aus der hintersten Ecke, der Leibesfülle halber kaum zu übersehen. Arno begann, all die zahlreichen Gesichter abzuklappern, blickte in bekannte und unbekannte Augenpaare, mit dem Gefühl, absolut nichts zu versäumen, wenn er deren Besitzer auch nicht alle gleich begrüßte, um sich diesen eventuell auch zu einem späteren Zeitpunkt widmen zu können.

Wer aber war der frisch Verblichene? Nun, der Tote war ein Mann der ersten Stunde der aufbrechenden 68er, Theresianums-Zögling, danach erst DJ, dann Fahrlehrer, schließlich Künstler und Lebenskünstler mit wenig Geschick in beiden Disziplinen. Immerhin passiver Aktivist des aktiven Widerstandes gegen das Establishment, gegen den Konservativismus, gegen die Heuchelei, gegen die Präpotenz und die Dummheit, gegen jede Art von Verherrlichung des Krieges oder dessen Herbeireden, einer, der im Kampf in der Errichtung seiner freidenkerischen Windmühlen gefallen war, von deren sich im Winde drehenden Flügeln er sich Kühlung seines Lebens- wie auch Liebeskummers erhofft hatte.
Rein optisch gesehen scheinbarer Klon zwischen Peter Fonda und Chris Kristofferson, schlohweiße Mähne mit dazupassendem Vollbart, Ray-Ban-Brille in Gold mit großen Gläsern. Dass der Abgang dieses lieben Freundes schmerzte, der bisweilen auch unbequem sein konnte, wenn man die Finger in seine Wunden legte oder nicht damit hinterm Berg hielt, seiner immer wieder aufgewärmten Geschichten müde zu sein, war allen bewusst, wie auch die Tatsache, dass sein konsequentes Sitzenbleiben, zum Überdruss für alle Beteiligten, oftmals die Nacht zum Tag gemacht hatte.
Doch nur wenige wussten um seine wahre Leidenschaft, die Malerei. Eingeweihte hingegen schätzten ihn als wenngleich ruhmlosen, doch äußerst geheimen Rat der Pinselkunst. (In diesem Land musste man erst tot sein, um Lorbeeren in so einer Disziplin zu erlangen, oder man hatte Beziehungen.) Immerhin, er hatte einige Semester an der Akademie absolviert, doch dann hatte ihn das Schicksal mit List in die Welt des Profanen katapultiert und es sich zur Aufgabe gemacht, ihn stets mit Gewalt von dem fernzuhalten, wovon er glaubte, dass es seine Bestimmung sei.
Vielleicht war er ganz einfach zu bescheiden im Umgang mit seiner Begabung und hatte es nicht verstanden, sich zu verkaufen?

Im Gegensatz zu ihm pflegte in seinem Heimatort manch Hobbykünstler großmannsüchtig sich die Lorbeeren selbst aufs Haupt zu drücken und mit sinnigen Sprüchen wie, „Hier wohnt die Kunst“ über dem Hauseingang zu protzen, was in Vorübergehenden wiederum die Ahnung nähren mochte, dass in diesem Hause wohl eher der Kitsch als die Kunst zu Hause wäre, oder besser gesagt, nur ihr Phänomen, in Form der Verkennung ästhetischer Sinnzusammenhänge, als verwesendes Ornament sozusagen, als unverfälschter Ausdruck des Verfalls aller Kultur zur Massenkultur in der Moderne.
Denn heute, da das Bewusstsein der Herrschenden mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginne, zergehe die Spannung von Kultur und Kitsch, sagt Adorno zu Recht. Kunst sei nicht zuletzt das Schöne wie auch die Wahrheit. Alles andere sei Schein. Es sei schon ein Stück Wahrheit, die der Künstler einfängt, auch wenn es lediglich der Abglanz derselben und mit unterschiedlicher Akzentsetzung ein Spiel mit den letzten Dingen ist und er damit doch gewissermaßen ein Endspiel erreicht, das nicht bloß erbauen und gefällig sein will. Eine Wirklichkeit also, die in schöner Weise verschleiert, Wirklichkeit aber erst dadurch sichtbar macht, hat einen gewissen Anteil am Schönen als auch am Hässlichen.
Form und Inhalt unterscheiden sie und lassen alles an ihr sehen und erahnen, an dieser Kunst. Nichts jedoch ist wirklicher als das Unwirkliche in der Kunst. Kunst ist also konkret ein schöpferischer Prozess mit Anspruch auf das Unaussprechliche, Unendliche, Unfassbare und Unbegreifbare. Und davon abgesehen, wer könne überhaupt für mehr als eine bestimmte Gruppe bestimmen, was Kunst denn überhaupt sei?

Wie auch immer. Böse Zungen behaupteten, das dahingeschiedene verkannte Genie hätte sich zu Tode gesoffen. Mitnichten. Enteignet, ausgenützt und hintergangen, längst unter Beobachtung der Behörden, noch dazu vor den Augen einer Supermarktkassiererin gestürzt, hatte er nicht nur sich selbst, sondern auch eine daraus resultierende Embolie mühsam mit nach Hause geschleppt, vor der sein Geist und Körper schließlich endgültig kapitulierten.

Dass aber das Ableben dieses guten Freundes nicht bloß in Arnos geistiger Registratur im Kanon der Erinnerungen ausgerechnet beinahe zeitgleich mit dem spektakulär tödlichen Blechsalat eines unverwechselbaren, seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit an der Nase herumführenden Politgurus und Spitzbuben zusammenfallen würde, einem jener Gutmenschen, die alles besser wussten, durchtrieben, verlogen und betrügerisch und der jetzt womöglich am Himmelstor flehend „Ich bidde um Einlass, hicks! Wo gibt’s hier für kleine Jungs?“, lallen mochte, stieß ihm höchst sauer auf.
Arno sah sich erst einmal um und wandte sich schließlich den anwesenden Gästen zu.

– Wo bist du denn gewesen, fragte ihn Lissi Radner, und versetzte dabei ihre blau geschatteten Basedow-Augen in gefährliche Rotationen. Arno, von dem jähen Angriff überrumpelt, murmelte irgendeine Ausrede, mit der sie sich zufriedengeben sollte. Die gute Lissi. Und er stellte sich vor, sie und seine Gattin Constance, in einer Klosterschule bei den Töchtern des göttlichen Heiland! Eigentlich unvorstellbar! Arno musste lachen. Vor fünfunddreißig Jahren! Mein Gott, wie die Zeit verging! Und sie hinterließ deutliche Spuren, nicht nur in den Gesichtern, sondern auch in den Seelen und Organen.
– Hab nicht wegkönnen, wiederholte Arno eher so für sich, Ersatz für eine deutliche hörbare Antwort. Zu viele Gesichter gleichzeitig!
Lissis Frage wäre ja ohnehin bloß rhetorischer Natur gewesen, denn, ohne Arnos Antwort abzuwarten, fuhr sie zu ihren Tischnachbarn fort:
– Was ich mitmache, mit meinen Herzrhythmusstörungen, das kann sich kein Mensch vorstellen, jammerte Lissi und zündete sich die nächste Zigarette an, um Platz für den nächsten Hustenanfall zu schaffen. An ihrer kaum zu übersehenden Art simulierter Entspanntheit las Arno den Stand ihres Alkoholpegels ab. Zumindest das fünfte Glas, diagnostizierte er so für sich. Ein rein empirischer Erfahrungswert.
– Und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie berührend dieses Begräbnis war, fuhr Lissi fort. Es waren nur seine besten Freunde hier. Er hatte ja sonst niemanden mehr, nur uns. Und die…
Die Organisatorin fiel ihr ins Wort. Schließlich ging es um ihr Ding:
– Stimmt! Ich habe alles daran gesetzt, dass er das bekommt, was er sich gewünscht hätte, sagte sie. Und diese Band! Gott und die Welt habe ich angerufen, damit die am Grab spielen. Ein Sousaphon haben sie auch gehabt, wie in .. also, wie damals in New Orleans eben. Er war ja schließlich selbst mit, vor einigen Jahren. Wir hatten eine CD für ihn aufgenommen, die wir über einen Lautsprecher abgespielt haben. Irre, sag ich dir, einfach irre. Unser Pfarrer hat sofort den Blues gekriegt. So ein Begräbnis haben die Leute hier noch nicht erlebt!

Arno nickte ungläubig. Er wählte ein Bier und einen Schinken-Käse-Toast als Totenmahl, der allerdings nie bei ihm ankommen sollte.
Lissi nippte stetig an ihrem Weinglas. Es war laut hier drinnen und verraucht, von garantiert an die dreißig, vierzig Leuten verursacht. Ein bunter Haufen. Der Richter, der auf teure Autos stand, der Versicherungsvertreter, der gerne Jurist geworden wäre, der Lebensmittelvertreter, der besser Gartenarchitekt hätte werden sollen, der Diplomkaufmann, der nichts zu kaufen hatte, ein Fernfahrer ohne Führerschein, weil man ihm den wegen Trunkenheit am Steuer abgenommen hatte, eine Verführerin, die Arno damals nicht wirklich hatte verführen können, aber beabsichtigt hatte, dies eines Tages nachzuholen, eine pädagogisch gebildete Kampftrinkerin, die nie aufgab, anzuecken, eine Kindergärtnerin mit Migräne, ein durch die Last der Jahre aus den Fugen geratenes Möchtegernmannequin und weiß Gott wer noch alles hier anwesend war.
Arno stützte seinen Kopf in die Hand, Ellenbogen auf dem kleinen, runden Tisch vor ihm und hörte aufmerksam zu. Lissi und die Organisatorin standen plötzlich auf, sich ruhelos von einem Tisch zum anderen begebend, um nichts zu versäumen, was hier und dort gesprochen wurde. Schließlich sah man sich nicht alle Tage. Arno ging an die Bar, wo der Richter und der Vertreter saßen, um ein wenig Smalltalk zu treiben.

– Alter Freund, begrüßte ihn der Richter, lass dich küssen. Sie fielen sich in die Arme.
– Lange nicht gesehen, altes Haus, konterte Arno freudig. Der Richter, der sich die letzten Jahre so rar gemacht hatte in diesem illustren Kreis, sei es, um mit angeseheneren Leuten zu verkehren, sei es aus Bequemlichkeit, niemand wusste es so genau, bestellte eine Runde für alle. Sie plauderten über dies und das, über Aktienkurse, über Innenpolitik, über die Pension, die nach einer der ausgesprochen fiesesten und hinterhältigsten Politaktionen in diesem Lande für alle in weite Ferne gerückt schien. Hinter ihnen Lissi und die Organisatorin. Beide schon ein wenig vom Alkohol gezeichnet, letztere das rabenschwarz gefärbte Haar devastiert, dies in wilden Strähnen ins Gesicht hängend, die Zunge noch bewegungsuntüchtiger als zuvor, jedoch durch nichts zum Stillstand zu bringen. Da plötzlich brach es heraus, das lange Angestaute, Zurückgehaltene, wie ein Gewittersturm:
– Ach übrigens, das wollte ich dir schon lange sagen, dich hab ich ja ohnehin nie leiden können!, schmetterte Lissi heraus in Richtung Organisatorin, die sich völlig überrascht ihr ruckartig zuwandte und in Abwehrhaltung verharrte.
– Das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit, konterte diese und fuhr sich mit ihren Spinnenfingern durch die wirre Mähne, von vorn nach hinten, um die glühenden Augen für den Zweikampf freizulegen.

Arno und die anderen drehten sich nach ihnen um. Was? Wie? Was sollte das denn werden?
– Nur dass du Bescheid weißt, ich habe dich stets als arrogant, präpotent und unnahbar empfunden, fügte Lissi hinzu. Und überhaupt, dass du diesen Mann bekommen hast, vergönne ich dir schon überhaupt nicht. Immerhin war er einer aus unserem Freundes- und Alterskreis. Auf den hatten wir Anspruch. Und dann bist du gekommen und hast … hast ganz einfach … aber so eine wie du, die kriegt ja immer alles, was? Betretenes Schweigen aller.

– Damit du es nur weißt, ich habe dich von Anfang an unsympathisch gefunden. Du repräsentierst für mich nichts als den Vorwurf und den Frust schlechthin!, schmetterte die Organisatorin dazwischen. Und dass ich den Mann gekriegt habe, den ich wollte, geht dich gar nichts an!, zischte sie giftig und holte rasselnd Atem, Zigarette in der einen, das Weinglas in der anderen.

Arno begann zu ahnen, was hier ablaufen würde und ging friedensengelgleich langsam auf die beiden zu.
– Was ist denn in euch gefahren? Selbstfindungstrip heute, oder was?
Genau das hätte er besser vermieden, denn kaum waren die Worte über seine Lippen gekommen, nahm ihn Lissi auch schon in die Mangel.
– Du hast es ja nötig, hier einen Auftritt zu inszenieren!, herrschte sie ihn an. Das Ex-Mannequin lachte höhnisch. Mit dir bin ich ohnehin noch nicht fertig. Könntest du überhaupt versuchen, mit uns einmal normal zu reden? Ja? Schaffst du das? Du Halbintellektueller, du … erinnerst du dich an die Geburtstagsfeier damals? Den ganzen Abend hast du damit zugebracht, uns lauthals zu signalisieren, wer du nicht jetzt bist, du… du Doktor du! Du Doktor!, wiederholte sie in einem fort.
Und sie verunglimpfte diesen akademischen Grad bewusst genussvoll mundartlich zu „Doukta“. Arno stand da wie angewurzelt. Meinte sie ihn? Meinte sie wirklich ihn? Er konnte sich an keine Geburtstagsfeier erinnern, wo sie anwesend gewesen wäre, und dass er wegen seiner erworbenen akademischen Ehren so ein Theater gemacht hätte, auch nicht.
Zugegeben, ein wenig stolz war er gewesen, schon, war ja schließlich nicht irgendwas, ein Haufen Arbeit und Stress, aber … so wie Lissi das darstellte, konnte es nicht gewesen sein. Das war einfach nicht er. Arno zuckte mit den Schultern und sagte, es täte ihm leid, wenn das ihr Eindruck gewesen sei.

Überhaupt schien es in letzter Zeit schick zu sein, ihn zu schikanieren, dachte Arno. Arrogant wäre er, sagen die einen. War ihm nicht bewusst. Leichte Beute wäre er, der Älterwerdende, für Bürokraten, die an ihm herumzunörgeln begannen, ihn hinausmobben wollten, aus Neid und Missgunst. Er war in letzter Zeit einige Male länger krank gewesen.
Kunststück, man war ja auch nicht mehr der Jüngste. In Teilkarenz wollte man ihn verbannen, ihn um seinen Vertrag prellen, ihn mit unlauteren Mitteln unter Druck setzen und Unterschriften und Zusagen von ihm erpressen. Aber da kannten sie ihn schlecht.
Auch wenn er schon etwas wackelig war, sein Kampfgeist war ungebremst und sein Widerstand gegen Ungerechtigkeiten ungebrochen. Ein „Rolling Stone“, ein „Let´s spend the night together“, ein „I can get no Satisfaction“, ein „This ist the end“ wäre er immer noch! Nicht ein „Hundertjähriger“, wie die „Migräne“ heimlich von ihm hinter seinem Rücken behauptete, weil er immer so früh nach Hause ging, müde war, erschöpft, des Lebens manchmal überdrüssig.

Insgeheim aber begann Arno irgendwie zum ersten Mal an der gesunden Wahrnehmung seiner Person in Relation durch sich selbst und im Vergleich durch Dritte zu zweifeln.
– Red ganz einfach normal mit uns!, bedrängte Lissi ihn weiter.
– Aber, was hab ich denn gesagt, um Himmels Willen?, fragte Arno beinahe hilflos.
– Du sollst nur normal mit uns reden, ganz einfach!, wiederholte sie stereotyp, sog heftig an ihrer Zigarette und goss sich Weißwein gespritzt in die Kehle.
– Aber, aber, ich sag ja gar nichts!, beteuerte Arno, was hast du bloß?
– Was ich hab? Du hättest dich hören sollen damals!, tobte sie förmlich aus lauter Lust an der augenblicklich günstigen Chance zur metaphysischen Überhöhung dieses offensichtlich lang herbeigesehnten willkommenen Konfliktes.

Damals, damals! Das war Jahre her, ärgerte sich Arno. Ich bin doch kein überheblicher Mensch, nicht jetzt, und damals auch nicht gewesen, Blödsinn, durchfuhr es Arno und er verstand die Welt nicht mehr. Möglicherweise war er noch zu tief in seinem Vokabularium gesteckt, Fachausdrücke, vielleicht ein paar zu viel, aber das wäre vorbei bitte! So normal wie er schien ihm keiner hier. Oder täuschte er sich in sich selbst?
– Das stimmt, genau! Finde ich auch!, fiel nun auch die Organisatorin über ihn her, von der er niemals gedacht hätte, dass auch sie … jetzt verstand er gar nichts mehr. Und das Küsschen von vorhin? War das bloß Routine? Macht man eben so, nicht? Aber hinterm Rücken wird schon das Messer gewetzt.
Ja, sind hier alle bescheuert!, kam es Arno über die Lippen. Was war denn mit denen los? Von Lissi war man ja gewohnt, dass sie alles schlechtredete, was andere gemacht hatten. Alles kleinzureden, das war typisch für jene, wo sie herkam. Nichts gelten lassen, was andere erreicht hatten, ein Menschenschlag, von Neid und Missgunst geprägt, verhängnisvolles Relikt geistiger Ohnmacht ihrer Vorfahren. Aber die Organisatorin? Also, das war wirklich ein starkes Stück! Von Lissi hätte er auch mehr erwartet. Aber da konnte man eben nichts dran ändern! All die Jahre der persönlichen Entwicklung und des positiven Fremdeinflusses waren offensichtlich nicht in der Lage, den krankhaften Infantilismus in ihr zu verdrängen und diesen wenigstens durch rudimentäre Ansätze einer bislang zu vermissenden Reife zu ersetzen.

Anstatt ihr jedoch zu zeigen, wie schäbig er sich vorkam, in aller Öffentlichkeit gemaßregelt worden zu sein, nahm er die besoffene Lissi strategisch berechnend in die Arme und sagte:
– Weißt du, du solltest nicht so streng mit mir sein!, und küsste sie auf den Mund, was zur Folge hatte, dass sie ein wenig unsicher wurde und zumindest lächelte, so irritiert war sie von der unerwarteten Reaktion Arnos, der sich sicherheitshalber wieder den staunenden Freunden an der Bar zuwandte, um an diesem Abend zu retten, was noch zu retten war, während er fühlte, wie seine sorgfältig für sich ausgearbeitete Scheinwelt immer mehr und mehr im Sog des Boulevards zu versinken drohte.
Warum hatte es ihn bloß hierher gezogen? Um sich ein blaues Auge zu holen? Und er beschloss, dass es für ihn kein nächstes Mal mit diesen Leuten geben würde. So bestimmt nicht mehr! Wie Caro Ass dies hier ertragen konnte, war ihm ein Rätsel. Und er musste an Constance denken und daran, dass sie mit dem französischen Gorilla, ihrem Geliebten, und damit musste er auch noch fertigwerden, vielleicht eben beim Diner saß, oder schlimmer noch …. woraufhin er fürchterlich wütend wurde, sich jedoch bezwang und diese Stätte der Demütigung eher verließ als er vorgehabt hatte, alleine.
Oder doch nicht ganz? Denn kurz vor ihm hatten Lissi und das Mannequin offensichtlich bereits denselben Gedanken gehabt, oder war es für sie eine wohlüberlegte Notwendigkeit gewesen, rechtzeitig zu verschwinden? Denn Lissi torkelte und taumelte trotz Mannequins gereichtem Arm als Henkel derart bedenklich, dass sie für zwei Meter vorwärts einen Meter links und rechts zusätzlich Raum benötigte, um überhaupt noch vorwärts zu gelangen. Alle Achtung!

Ach, diesen Roman müsste er jetzt endlich zu Ende schreiben! Und auch über all den Mist hier einen Roman schreiben!, dachte er. Schon beim Hinausgehen legte er sich im Geiste zurecht, wie er sich selbst als seine eigene Romanfigur anlegen würde, an die er sich, rasch auf dem altersschwachen Dell hineingetippt, ja längst herangewagt hatte. Diesen einen Roman, den er zügig vollenden wollte, wenn nur die Zeiten für ihn wieder besser würden. Und er, darin Hauptfigur in seiner Rolle als Erlebender. Einer, nämlich dieser seltsamen Welt, sich selbst zeichnend, einer, der zum Verfassen verklärter Biografien neigte, skurrilen Zufallsgeschichten ausgeliefert war, dem paradoxe Anekdoten nachhangen, der in melodramatische Beziehungskisten verstrickt und unausweichlichen Schicksalsschlägen ausgeliefert war. Er selbst, mittendrin, voll von Ironie und mythomanischen Tagträumereien geplagt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 15073

Der Wohlstandstrinker

Während ich zwischendurch an einem Glas Single Malt nippe, krame ich in meinen Büchern und Manuskripten. Übrigens nicht uninteressant, der Geschmack, angenehm duftendes Bouquet … ist es Birne? Walnuss oder Eiche? Oder gar alles zusammen? Ein wirklich geschmeidiger Single Malt, zwölf Jahre im Sherryfass gelagert, atmet er weiters ein würziges Arom von Honig und frischen Pfirsichtönen aus. Im Finish vielleicht noch beerig, dazu etwas harzig getönt. Na, der Fantasie sind gottlob kaum Grenzen gesetzt.
Also, wie bereits gesagt, während ich hier bei einem Glas Whisky sitze, muss ich unweigerlich an Dichter und Schriftsteller denken, die nicht nur über den Alkoholismus geschrieben haben, sondern selbst mehr oder weniger dem Alkoholgenuss durchaus nicht abgeneigt waren, wie beispielsweise Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe, Joseph Roth oder D. H. Lawrence, um nur einige zu nennen.
Und dreht man die Zeit ein wenig zurück, finden sich jede Menge begnadeter dichtender Schluckspechte schon in der Antike. Getrunken ist auf dieser Welt offensichtlich immer schon worden. Gedichtet auch. Wer schreibt, der trinkt auch, heißt es. Ein dichtender Chinese, Li Tai-Bo, einige Jahrhunderte vor Christi Geburt, kam im Rausch zu Tode, als er das Spiegelbild des Mondes umarmen wollte. Anakreon, griechischer Textkünstler, fand sich in der Rolle – besser betrunken am Boden als tot – bestens besetzt.

Ach ja, der Alkohol! Tröster und Mörder in einer Gestalt. Was ist nicht alles geschrieben worden im Suff? Was wurde nicht schon alles über das Trinken geschrieben? Würde man zu einer literarischen Verkostung von Trunkenheitsliteratur geladen, präsentierte sich diese wohl in einer Unmenge „alkoholhaltiger“ Leseproben. Vielleicht sollte man sich die Menükarte einer solchen Verkostung einmal genauer ansehen?
Da gibt es Bücher über die Weinkunde, über Etiketten, ja sogar Weinatlanten, die einen mit Tralala in die Welt des  vergorenen Traubensaftes führen. Wieder andere verweisen dezent auf teils verborgene Weinpfade, auf Whiskytrails oder historische Bierreisen, allesamt begehrte Pilgerstätten gepflegten Säuferdaseins. Jedes (hoch)prozentige Getränk hat mittlerweile seinen „Oskar“, wird prämiert, gepriesen und gefördert und in eigens dafür geschaffenen Seminaren wird man darüber belehrt, wie man leert.

Ist das normal? Ist die Sauferei nicht gesellschaftsgefährdend? Sind wir bereits ein Volk der weichen Birnen? Angeblich trinkt jeder Vierte unter uns professionell. Das heißt, pro Kopf und Leber zum Beispiel 256 Liter Bier im Jahresdurchschnitt. Da ist vom Wein noch gar nicht die Rede. Ganz zu schweigen vom Schnapserl.
Aber damit nicht gleich alles so schrecklich ungesund und sündhaft klingt, geben wir den Gläsern, aus denen wir ihn trinken, den verwerflichen Saft, gerne verniedlichende Namen wie Krügerl, Seiderl, Vierterl, Achterl, Glaserl oder Stamperl. Nicht zu vergessen eine beinahe völlig verschwindende Größe unter den Gläsern, die echte Profis kaum wählen, der Pfiff, oder noch kleiner, das Pfifferl. Nein nein nein nein! Das ist etwas für betagte Damen oder den älteren Herren. Ein Amateurgebinde quasi.
Der echte Trinker hat seine Halbe, seine Maß, sein Krügel, sein Seidl oder sein Viertel, alle ohne das verharmlosende „r“ vorm letzten Konsonanten. Ohnehin bloß Schnickschnack für Heimlichtrinker.
Zur Definition des Zustandes danach werden Vergleiche aus dem Tierreich herangezogen, um ihn anschaulich zu beschreiben, wie etwa einen „Affen“ haben, einen „Spitz“ oder „Bären“. Manch einer hat eine „Sau“, einen „Esel“ oder ganz einfach „Kälber“ oder „Gänse“. Wem das zu exotisch ist, kann sich ja mit „Dampf“, „Flieger“, „Fahne“ oder mit „einen in der Krone haben“ begnügen. Man gießt sich entweder „einen auf die Lampe“ oder auch „hinter die Binde“. Im Prinzip kommt es auf dasselbe heraus. Oder kurz gesagt, ganz gleich wie, das Ergebnis hinterher ist immer eindeutig. Besoffen, berauscht, fett, trunken oder schlicht und einfach voll, abgefüllt, zu.

Ich frage mich oft, was hat die Menschheit dazu gebracht, sich seit Jahrhunderten wenn nicht schon länger, Alkoholisches so mir nichts dir nichts hineinzuschütten? Liegen die Ursachen darin, die Welt nicht mehr verstanden zu haben, im Epochenwechsel etwa? Haben die politischen oder sozialen Verhältnisse dazu geführt? Waren die römischen Galeeren oder die kolumbus´schen Koggen maßgeblich an der weltweiten Verteilung von Wein- oder Rumrationen beteiligt? Ist den Menschen Guttenbergs Massendruckerei zu rasch zu Kopf gestiegen oder hat man bloß aus Jux und Tollerei gesoffen?
Vielleicht war die Erringung neuer geistiger Werteskalen ausschlaggebend, um der Trunksucht den geeigneten Teppich zu legen? Die Menschheit fühlte sich überfordert und griff zum Glas, damit sie das alles ertrug. Zugegeben, die neue Rolle des Bürgertums als Kulturträger war sicherlich auch nicht leicht zu ertragen. Worum sollte man sich nicht noch kümmern?

Dann darf man aber auch nicht den Aufschwung der Städte vergessen, den des Handels, des Gewerbes und Handwerkes und damit eng verbunden die Geldwirtschaft. Schließlich musste so ein Rausch ja auch bezahlt werden. Wie hätte denn der Wirt sonst überlebt?
Und viele drängte es vom Dorf ins Stadtleben. Dort schien die Gesellschaft in soziale Unordnung zu geraten, was wiederum dem Griff zum Becher förderlich war, wie Beispiele aus Quellen, die sich mit dem Laster der Trunksucht beschäftigten, bestätigen.
Natürlich wollte man vorerst nichts beschönigen, durchaus nicht. Die Literatur bahnte sich ihren Weg über die Satire zum Alkoholproblem, über Schriften zur Bekämpfung dieser Untugend bis hin zur Glorifizierung des alkoholischen Getränkes. Und zur neuen Geistigkeit der Reformation schienen geistige Getränke recht gut zu passen, wenn man sich ein wenig im 16. Jahrhundert umsieht. Ganz klar, der Mensch war verunsichert. Das wirkte sich auf die Lebensgewohnheiten aus, die sicher nicht nur Freude verhießen, sondern ebenso Leid und Verzweiflung zum Inhalt hatten.
Einer der Arbeitstage, die für das Gesinde, für die Lehrlinge wie auch für die Gesellen, die Bediensteten, Hilfskräfte und Lohnarbeiter frühmorgens nach der Morgensuppe begannen und sieben bis fünfzehn Stunden dauerten, hieß bezeichnenderweise „blauer Montag“, hatte aber mit „Blau-Sein“ nichts gemeinsam. Vielmehr ging er auf den alten Brauch, den Handwerksgesellen am Montag freizugeben, zurück. Ob dies aus logischer Konsequenz geschah, weil die Typen am Montag ihren Dampf vom Wochenende ausschlafen mussten, sei dahingestellt.

Daneben jedoch blühte das Leben, und diejenigen, die es sich leisten konnten, bis zum heutigen Tag kein Unterschied, frönten dem guten Essen und Trinken, der Geselligkeit, dem Spiel, der Jagd, aber auch dem Müßiggang, der Völlerei, dem Luxus wie auch der Wonne und dem Genusse bei Festen wie dem Vogelschießen und der Weinernte, ebenso wie anlässlich privater Feste, Zunftfeste oder an Reichstagen.
Wer von uns kennt den Brauch ums Zutrinken nicht aus eigener Erfahrung, um den Ruhm der Trinkfestigkeit und die Unsitte, den anderen unter den Tisch zu trinken? Besoffenheit galt durchaus nicht als diffamierend. Und es gab genug Tavernen und Schenken, in denen auf ständische Art schrankenlos gesoffen wurde.
Verdächtig derjenige, der nicht trank. Arglistig und gar von niederem Wert sei dieser. Sauf, hieß es, als allmächtiger Abgott, wer auch immer diesen Spruch in die Welt gesetzt hat. Ein Schelm, der behauptet, Martin Luther selbst hätte das verbreitet.
Das Kammergericht hatte wegen der Trunksucht jedenfalls genug zu tun. Delikte von Gotteslästerung bis hin zum Totschlag gehörten zum Alltag. Die Sauferei mündete in Ehebruch, säte Zwietracht unter die Menschen und führte zu Meuterei und Verrat.

Aber, was wäre der Mensch schon ohne Laster? Die Laster sind den Tugenden beigemischt, wie die Gifte der Arznei. Unsere Intelligenz verbindet sie und mäßigt sie, und bedient sich ihrer mit Nutzen gegen die Übel des Daseins. Schließlich erwarten uns die Laster auf dem Weg unseres Lebens wie Herbergen, bei denen wir unbedingt einkehren müssen. Man muss daher zutiefst bezweifeln, dass wir sie aus Erfahrung meiden würden, wenn uns vergönnt wäre, den Weg unseres Lebens zumindest zweimal zu gehen, steht irgendwo.

Doch was die einen gutheißen, verdammen die anderen. Im Alten Testament ist vom beseligenden Getränk des Weines die Rede. Im Neuen Testament gibt es den Vergleich vom Weinstock und der Rebe. Wir verehren Weinheilige und Schutzpatrone, etwa die Traubenmadonnen.
Sind Sie Buddhist oder Moslem, kriegen Sie mit dem Alkohol ein Problem. Aber wir Trinker haben für alles eine Erklärung, die mit dem Alkoholgenuss zu tun hat. Ist etwa Wein im Manne, ist der Verstand in der Kanne. Oder, beim Trunk geht die Zunge auf Stelzen. Denken Sie an den Dorfrichter Adam bei Kleist. Es ist der Wein, der die Zunge erst geschickt macht, den Käse zu schmecken. Ein anderer: Süß getrunken, sauer bezahlt. Klingt echt hart. Nicht zu vergessen, ein guter Trunk macht Alte jung! Und die Römer? Die alten Römer? Waren auch nicht ohne. In vino veritas, Sie erinnern sich? Verachten Sie mir die Germanen nicht! Frankenwein, Krankenwein. Na bitte! Oder Rheinwein, fein Wein! Noch so ein sinniger Spruch, Neckar Wein, schlecker Wein. Der Reim ist nicht ganz rein, hoffentlich ist es der Wein.
Und schon wieder Herr Luther, wenn´s stimmt, red, was wahr ist, iss, was gar ist, trink, was klar ist. Dazu ist nichts zu sagen.

Nun, es muss nicht immer Wein sein, wenn gereimt wird. Wie wär´s einmal mit Bier? Riecht es aus dem Schrank nach Bier, weiß der Bauer, der Knecht war hier. Kein Wunder also, wenn manche von uns schlaftrunken sind, wissensdurstig, von Rachedurst getrieben, im Liebes- oder Siegesrausch sind. Dem Kellner geben wir auf alle Fälle Trinkgeld. Jedoch, wer trunken wird, ist schuldig, nicht der Wein.
Mitunter vermögen Trinksprüche oft recht praktische Bereiche anzusprechen, wenn es da heißt, sauf, dass dir die Nase glüht, rot wie ein Furunkel, dass sie dir als Lampe dient, in des Lebens Dunkel!
Der akademische Mensch hält zuweilen sehr viel von solchen Philosophien, wie alte Studentenlieder beweisen: Um den Jammer zu vertreiben, will dir ein Rezept verschreiben, oft schon hat es zugetroffen, es wird immer fortgesoffen. Oder wie der Großvater meines lieben ungarischen Freundes zu sagen pflegte, Alkohol wäre in kleinen Mengen Medizin, in großen Mengen Medikament. Wenn da noch jemand von maßvollem Trinken spricht, kann es sich dabei nur um einen Widerspruch per se handeln. Die kalten Schauer können einem bei dem Gedanken hinunterlaufen. Wie ein bekanntes Sinngedicht auch bestätigt: Denn es frieret selbst im wärmsten Rock der Säufer und der Hurenbock!

Wenn ich es recht bedenke, ist es gar kein so großes Problem, an eine ordentliche Flasche Schnaps heranzukommen, auch wenn der Säckel noch so leer ist. Um zehn Euro bekommt man schon einen brauchbaren Obstler, Weinbrand oder Whiskey. Zugegeben, der gepflegte Trinker leistet sich natürlich teureren Stoff. Schließlich geht es um Geschmack, um Stil und Tradition. Nicht zuletzt auch um die Gesellschaftsfähigkeit. Ich mache jetzt eine kleine Schreibpause und nehme einen Schluck von meinem Glas. Nach kurzer Zeit werde ich versuchen, meinen Zustand zu analysieren. Ja, ich merke bereits, wie der Alkohol wirkt. Wohlige Wärme durchzieht meine Magengegend und entspannt meine Muskeln. Immerhin sitze ich schon eine geraume Weile vor dem Laptop und tippe. Ich gehöre noch nicht zu den Schnelltrinkern, die bereits am Morgen ihre Ration hinunterkippen müssen, um überhaupt einmal die Kaffeeschale ruhig halten zu können. Daher komme ich mit einer Flasche eine gute Woche durch. Der zweite Schluck bereits hebt mein Selbstwertgefühl in kürzester Zeit enorm. Ich setze das Glas ab. Nun werde ich versuchen, im Text fortzufahren.

Ich krame in einer alten Mitschrift aus meiner Studienzeit, die sich mit Trunkenheitsliteratur auseinandersetzte. Beim Lesen entsinne ich mich der hervorragend beschriebenen Wirtshausszenen Seyfried Helblings, Pflichtliteratur damals, einem Spielmann in der Nähe Zwettls gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Ein geübter Schreiber, der gegen den allgemeinen Sittenverfall und aufkommende Modetorheiten wettert und versucht, dem Leser mit seinen Schriften eine Art Spiegel vorzuhalten, damit er sich darin in seinen Irrtümern erkennen und womöglich bessern möge.
Den Leuten einen Spiegel vorhalten erwies sich stets als probates Mittel, die Menschheit vor Gefahren und Dummheiten bewahren zu wollen. Damit stand er nicht allein da. Ein gewisser Berthold von Regensburg, 1272 verstorben, steht ihm um nichts nach und fordert in seinen Predigten wortgewaltig die mangelnde Besinnung der Menschen auf sich selbst. Es ist eine Zeit, in der die Moralsatire eine Blütezeit erlebt und sich höchst moralisch an den Lastern und der Liederlichkeiten der Epoche versucht.
Und Weltverbesserer gab es damals genug. Ich finde einen Hugo von Trimberg und den Meister Renauß, Meister ironischer Lehrgedichte, etwa „Des Teufels Netz“, worin es um den Wein und die Liebe geht. Die literarischen Inhalte beziehen sich oft auf opulentes Essen wie sechsgängige Menüs, Trinken aus voluminösen zinnernen Kannen, das Spiel und die Jagd. Und nicht zuletzt standen die ausgeprägtesten Leidenschaften der damaligen Zeit eng im Zusammenhang mit dem maßlosen Genuss von Alkohol. Eigentlich nicht viel anders als heutzutage, vom Zinn einmal abgesehen.

Offensichtlich waren die Folgen des Alkoholmissbrauchs den Behörden irgendwann einmal zu viel geworden, sodass man sich 1512, unter der Regentschaft von Karl dem V., dazu entschloss, ein Reichsgesetz gegen das Saufen zu verordnen, welches Trunkenbolde mit hohen Strafen belegen sollte. Nebenbei wurde auch gleich ein anderes Gesetz verschärft, nämlich der Tötungsparagraf. Wesentlich höher bestraft sollte werden, wer einen Weinbauern tötete. Für passionierte Trinker ein nachvollziehbarer Schritt der Justizbehörde, oder? Schlimm stand es auch um den Schankwirt, wenn er dabei erwischt wurde, dass sein Wein verwässert war. In diesem Falle drohte das höchst ungesunde Eingemauertwerden bei lebendigem Leibe.

Dabei fällt mir ein Satz ein, ohne zu wissen, von wem er stammt: Jugend ist Trunkenheit ohne Wein. War das von Goethe? Aus dem westöstlichen Diwan? Ich weiß es nicht mehr. Nun, da ich nicht mehr jung bin, muss ich zusehen, wodurch ich trunken werden könnte. Ab einem gewissen Alter scheidet Trunkenheit durch Liebe aus. Also gieße ich einen weiteren kleinen Schluck aus der Flasche in mein Glas und setze es an die Lippen.
Wie ich eingangs schon betonte, zähle ich mich selbst zu den sogenannten Genusstrinkern, oder bilde mir zumindest ein, es zu sein. Sollte ich mich einmal über etwas oder jemanden geärgert haben, mir etwas gegen den Strich gegangen sein, kann es schon einmal vorkommen, dass so ein Tatbestand unvorhergesehenerweise einen etwas größeren Schluck zur Folge haben kann. Überdies wage ich seit einer Begegnung mit einem Facharzt der Geriatrie, auch wenn sie schon etwas länger zurückliegt und rein zufällig bei einem Heurigen in Wien Grinzing stattgefunden hat, ohne meinen stets mit Whisky gefüllten Flachmann kaum einen Schritt mehr außer Hauses.
Hat mir nicht jener Spezialist auf eindrucksvollste Weise von seiner eigenen Erfahrung mit einem plötzlichen Herzinfarkt erzählt, den er mit einem ordentlichen Schluck aus seiner Brustflasche soweit in den Griff gebracht hatte, dass er aus diesem Grund nicht zum pathologischen Fall wurde? Unter diesem äußerst beruhigenden Eindruck erlaube ich mir, rein präventiv versteht sich, noch einen Kleinen zu genehmigen. Schließlich weiß man ja nie!

So eine Alkoholsucht hat eigentlich etwas Furchtbares und Abschreckendes. Als Kind schon hatte ich eine Heidenangst vor Betrunkenen entwickelt, wenn manchmal welche sogar am hellichten Tag vor unserem Gartenzaun vorbeitorkelten, vor sich hinlallend, singend oder lauthals herumbrüllend. Einer von ihnen, stets mit einem alten Hanfseil ausgerüstet, um damit zum Nordpol aufzubrechen, soll von einem Blitz gestreift und in der Folge um den Verstand gebracht worden sein. Dieses Erlebnis habe ihn zum Säufer gemacht.
Unbestätigten Tratschereien zufolge hatte es jedoch gar keines Blitzes bedurft, vielmehr habe der Gute immer schon gesoffen. Ein berührendes Menschenschicksal! In diesem Zusammenhang fällt dann schon einmal der Begriff Elendsalkoholismus.

Das Gegenteil davon ist wahrscheinlich der Wohlstandsalkoholismus, denke ich. Dazu zähle ich mich. Wenn mir jemand an seinem Geburtstag ein Glas anbietet, nehme ich es artig und auch noch ein zweites, wenn es sein muss. Schließlich möchte ich nicht unhöflich erscheinen. Und vielleicht noch ein drittes, wenn es der Anstand, oder besser gesagt mein Zustand, erlaubt. Man trinkt eben gemeinsam auf sein oder ihr Wohl. Natürlich auch auf mein eigenes, oder das der Anwesenden, der Nachbarn, der Menschen auf der Straße und so weiter, es findet sich immer irgendein Anlass zum Zuprosten.
Arm angewinkelt, in die Pupille geschaut und runter damit! Alles eine Frage der Tisch- oder Stehtischsitten. Lehrhafte Tischsittenliteratur, Benimmbücher oder Anstandsliteratur gibt es schließlich seit dem 12. Jahrhundert, dazu bestimmt, sie auswendig zu beherrschen und sich ihrer Anweisungen zu bedienen, wenn es der Anstand gebietet.

Unter anderen hat auch der allen bekannte Hans Sachs eine solche Anleitung verfasst. Wer hingegen mehr auf Derbes steht, sollte zu Sebastian Brants „Narrenschiff“ greifen. Dort ist man in bester Gesellschaft, so, wie sie nicht sein sollte. Brandt kürt darin seinen Starprotagonisten, den „Grobian“, zum Schutzpatron aller Säufer. Durch ihn sollte der ahnungslosen Menschheit wieder einmal der berühmte Spiegel vorgehalten und die Narren in ihrer unendlich ausgeprägten Vielfalt als Sünder bekehrt werden. Auch nicht zu verachten ist „Der Weinschwelg“, um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden. Handelt von einem Typen, der dem Suff quasi alles opfert.
Um die Liste der Saufliteratur zu vervollständigen, darf dabei „Der Weinschlund“ vom Stricker nicht fehlen, ebenso ein Werk mit dem Arbeitstitel im Genitiv, „Der Wiener Meerfahrt“, auch so um 1260 bis 80 entstanden. Nicht zu vergessen Meier Helmbrechts „Wernher der Gärtner“, oder „Der Welsche Gast“, Literatur, dazu berufen, mit ihrem mahnenden Fingerzeig auf die dringende Notwendigkeit moralischer Besserung hinzuweisen. Man weiß über die Folgen der Trunksucht Bescheid und warnt vor den Schäden an Leib und Seele, an Besitz und nicht zuletzt an der Ehre. Ludwig Uhland macht das Laster des Alkohols zum Leitmotiv in seinen Schlummer- und Trinkliedern und setzt damit dem Wein als Sorgenbrecher und Freudenspender zugleich ein literarisches Denkmal.

Ich hingegen frage mich, ob mein eigenes Wohlstandstrinken so hin und wieder nicht doch schon Konflikttrinken ist? Ein Schluck bloß, um mir psychische Erleichterung zu schaffen, wenn dir die heimische Politik so aus der Hüfte heraus plötzlich zweieinhalb Jahre mehr bis zur Pension aufbrummt oder sie dir die nächste Nulllohnrunde orakelt. Wenn sich über Nacht die Prämie meiner mühsam zusammengekratzten Bausparverträge halbiert. Ja dann … im Gegenzug ließe sich vielleicht auch bei anderen Gelegenheiten etwas mehr von dem Zeug saufen, gar anlässlich eines lustigen Festes? Man verliert bei dieser Art des Trinkens ja nicht gleich die Kontrolle über sich. Eventuell lässt man sich in so einem Fall leichter dazu hinreißen, noch in derselben Nacht eine zornige Mail an seine Interessenvertretung zu senden, in der man sich nach Herzenslust über deren Unfähigkeit auslässt und die sofortige Kündigung bei derselben in den Raum stellt, weil man sich nicht vertreten fühlt?
Wer weiß? Bin ich also jetzt seelisch und körperlich schon abhängig vom Freudenspender? Vom Sorgenbrecher? Eines kann ich vorläufig zumindest mit Sicherheit ausschließen, nämlich Spiegeltrinker zu sein. Gewohnheitsmäßig das gewisse Quantum in mich hineinzuschütten und den Alkoholgehalt gleichmäßig in mir aufrechtzuerhalten. Quartalsmäßiges Saufen, also mit periodischen totalen Umfallern und so, kann ich mir ohnehin nicht leisten. Das würde der Kreislauf nicht mehr verzeihen. Und überdies möchte ich am nächsten Tag auch noch Lust auf das Zeug haben, was nach einer totalen „Sonnenfinsternis“ nicht immer stimmig erscheint. Also belasse ich es bei Alltagssorgen bedecken, Stimmung heben oder „warum soll ich mir nicht hin und wieder was Gutes tun“.
Auch bilde ich mir ein, die vorprogrammierten Gedächtnislücken ausschließlich auf mein fortgeschrittenes Alter zurückzuführen. Schließlich muss ich ein Leben lang schon eine Menge unsinniges Zeug in meinem geplagten Gehirn speichern. Da kann schon mal die eine oder andere Info ausbleiben. Rätselhaft bleibt, warum ich mich oft an das letzte Glas des Vorabends nicht mehr erinnern kann.

Beim Blättern in meinen Aufzeichnungen stoße ich auf den Satiriker und Franziskanermönch Thomas Murner, der einen Vergleich seiner Fachkompetenz mit Martin Luther durchaus nicht zu scheuen brauchte, hatte ich damals aufgeschrieben. Murner wollte es seinem Vorbild Sebastian Brandt gerne gleichtun und auf dessen Erfolgswelle mitreiten. Aus heutiger Sicht wäre er ein Plagiateur, würde man sagen, wo er doch bereits im Vorwort von Brandt abgeschrieben haben soll. Mehrfacher Doktor der Theologie und Juristerei? Da ließe sich sicher noch was Unrechtes finden, wie die Erfahrung der jüngsten Vergangenheit gezeigt hat, nicht wahr? Nun, wollen wir es heute dabei belassen.
Wortgewaltig und als Seelsorger mit der volkstümlichen Ausdrucksweise vertraut, schreibt er in eindrucksvollen einprägsamen Redewendungen satirisch Provokantes, wobei er es sich nicht verkneifen kann, den allgemeinen Sittenverfall vom „Füllen und Prassen“ zu verdammen. Im Gegensatz zum sogenannten Spiegeltrinker also ein Spiegelschreiber.
Dagegen nimmt sich ein Werk eines Herrn Obsopeus zum Thema Alkohol, ich hoffe, dass ich den Namen richtig geschrieben habe, endlich einmal ein wenig positiver aus, wenn er über die Entfaltung des Maßhaltens schreibt und den Trinker zum Genießer werden lässt.

Nach all den Wasserpredigern tut es richtig gut, wenn endlich einer einmal nicht gegen die schädlichen Folgen des Alkoholkonsums wettert, finde ich und greife zum Glas, in dem nur noch ein trauriges Tröpfchen goldfarbenen Gerstenbrandes sein kümmerliches Dasein fristet. Diesen Zustand wollen wir sogleich bereinigen, indem ich etwas aus dieser sympathischen Flasche vor mir nachschenke. Und hast du es nicht gesehen, kann man in Grimms Märchen oftmals lesen, flöße ich mir flugs etwas von der Medizin ein, die ich manchmal benötige, um besser durch den Tag zu kommen, wenn Seele oder gar Kreislauf irritiert scheinen. Alles jedoch mit dem Vorbehalt auf Prävention. Und da es noch nicht so spät ist, dem allabendlichen Ritual zu folgen, den Dämmerschoppen zu nehmen, benenne ich diesen hier den Trunkenheitsliteraturnachmittagserinnerungsdrink, damit das Kind einen Namen hat und ich eine Entschuldigung. Hört sich an, als würde ich andauernd an Alkoholisches denken. Da kann ich nur drüber lachen!

Um noch einmal auf den Obsopeus zu kommen und sein äußerst sympathisches Werk über die Kunst des Trinkens, in welchem er Bacchus zum Schutzpatron der Säufer, den sogenannten Bacchanten, hochstilisiert, jedoch trotz allem zum Maßhalten rät wie auch zur richtigen Wahl derjenigen Menschen, mit denen man sich bei Speis und Trank umgibt. Er warnt vor raschem Trunkensein, indem man diesem mittels ausreichender Nahrung entgegenwirke. Zu allererst müsste man einmal ein Fundament schaffen, eine Grundlage, hat auch einer meiner Bekannten stets gemeint, vielleicht ergänzt durch den Verzehr von Rettich, getrockneten Feigen oder bitteren Mandeln.
Ein persischer Freund hat mir immer von Trinkgelagen an einem bestimmten See im Iran erzählt, wo man es hervorragend verstanden haben soll, professionell zu feiern. Vor der Revolution versteht sich. Bier, erzählte er, Wein und so weiter, waren nicht genug. Whisky musste es sein. Dabei schmunzelte er vielsagend. Hatte man zu viel getrunken, nahm man etwas Saft vom Granatapfel zu sich. Danach konnte man wieder hervorragend weitersaufen, hatte er hinzugefügt. Man lagerte dazu auf eigens dafür mitgebrachten Teppichen, die man am Seeufer ausgelegt hatte. Und brach dann unweigerlich einmal der Sonntagabend an, hieß es, gehen Sie nicht am Sonntag, bleiben Sie bis Montag. Ich war fasziniert und habe ihn noch Jahre später immer wieder gebeten, mir doch wieder von seinen Festen zu erzählen.

Doch noch einmal zurück zum Obsopeus. In seinem zweiten Buch erzählt er vom Garten der Mäßigkeit, von Tanz und Speisen, von mäßigem Spiel, und er warnt eindringlich vor der Unmäßigkeit beim Trunke, welche den Menschen zum Tier werden ließe, welches sich mit anderen herumprügle. Künstlich müsse man trinken, heißt es hier, sich in der Kunst des Trinkens üben, wobei er empfiehlt, dem Wein etwas Wasser beizugeben, ein Gedanke, zu dem ich mich nicht weiter äußern möchte.
Wenngleich es sich bei dieser Literatur immerhin um ein eher mäßigendes Medium im Umgang mit der Sauferei handelte, hatte der Klerus trotzdem ein scharfes Auge darauf und die Prediger wurden angewiesen, eindringlich vor den verheerenden Folgen des Alkoholmissbrauchs zu warnen. Der Bürger sollte die moralischen, sozialen und politischen Folgen der Trunksucht bedenken, welche die Menschheit zum Kriege verleiten würde, zu Bauernkriegen, zu Kriegserklärungen im Rausch, zu Diebstahl, Totschlag und Misshandlungen. Säuferleben ende am Galgen oder in der Prostitution, hieß es.
Es bedürfe sachlicher Ratschläge. Man nannte Fürsten als Vorbilder und warnte gleichzeitig vor den Folgen des Jüngsten Tages, wenn immer mehr im Glas als im Wasser ertrinken würden. Gescheh‘n in einer Zeit, als fahrende Kaufleute gerade Auerbachs Keller und Hof so über die Maßen lobten. Nun, eine zeitgemäße Predigt gegen das Laster des Alkoholmissbrauchs könnte zum aktuellen Zeitpunkt etwa so aussehen: Sie wissen, dass die regelmäßige Einnahme alkoholischer Getränke heutzutage in alle sozialen Schichten Einzug gehalten hat. Aufgrund dieser Tatsache warnen wir eindringlich vor übermäßigem Genuss geistiger Getränke hinsichtlich der drohenden Abhängigkeit von Alkoholika, welcher nicht zuletzt zu diversen neurologischen Erkrankungen führen kann. Durch regelmäßige Alkoholzufuhr erhöht sich in der Folge das Risiko für Sie, physische und psychische Schäden zu erleiden, enorm. Beachten Sie daher die Ihnen zuträgliche Tagesdosis genau, die bei Männern zwischen 20 bis 24, bei Frauen hingegen schon bei 10 bis 12 Gramm liegt. Bedenken Sie überdies, diese Menge nicht täglich zu konsumieren.
Bereits der geringste Rauschzustand hat psychopathologische wie auch neurologische Auswirkungen auf Ihren Organismus. Unterbewerten Sie nicht den bereits nach den ersten Schlucken auftretenden leichten Erregungszustand und vermeiden Sie jede weitere Trübung Ihres Bewusstseins durch die fortgesetzte Einnahme alkoholischer Substanzen, die vorerst zur Ermüdung, in weiterer Folge sogar bis zum Koma führen kann.

Nach dem Durchlesen meiner letzten Zeilen muss ich mir eingestehen, dass ich in dieser besonderen Sache äußerst wenig Talent zum Prediger zeige. Obendrein hat das viele Lesen meine Augen müde gemacht, und während ich mich einem langen Gähnen voll und ganz hingebe, prüfe ich den Pegelstand in meinem Whiskyglas über einen ganz bestimmten Augenwinkel, wobei ich feststelle, dass dieser wieder einmal mehr ziemlich stark gesunken ist. Ich überlege daher, ob ich nicht vielleicht noch etwas Medizin zugießen sollte?
In solchen Momenten habe ich auch stets mein Rauchgerät in der Nähe, denn genau dann erfasst mich zumeist der innere Wunsch, ein Trieb beinahe schon, nach meiner Pfeife italienischer Provenienz in der rechten Rocktasche zu greifen, um diese aus ihrem dumpfen Gefängnis zu befreien. Leidenschaftlich ertasten meine Finger die rustizierte Struktur des Pfeifenkopfes, geübter und durch die Jahre hindurch ritualisierter Berührungsablauf. Wenn es ums Design ging, scheint den Italienern von jeher stets das Hervorragendste zu gelingen, seien es Autos, Kleidung oder was sonst noch alles.
Ich schätze diese Pfeife ganz besonders und werde nicht müde, sie zu bewundern, sie täglich erneut zu ertasten und in ihren Konturen zu erfahren, nicht zuletzt auch ihrer anthrazitfarbenen Tönung wegen, die in mir etwas wie die Wehmut eines verlorenen und plötzlich wiedergewonnenen Horizontes auszulösen vermag. Oft schon hervorgerufen durch eine kleine, unscheinbare Farbauslassung am Ende des Holms. Die nussbraun schimmernde Lasur oder der hölzerne Urgrund, dazu angetan, in mir jene süße Ahnung zu entlocken, wenngleich auch nur auf Dauer des Bruchteils einer Sekunde. Und das allein durch einen schmalen Streifen hellen Holzes zwischen dieser Stelle und dem Rest glänzendem Dunkel wie undurchdringlicher Steinkohle.
Ich habe sie erst vor Kurzem geraucht und es ist noch genügend Tabak darin vorhanden. Geübt ziehe ich das silberne Feuerzeug aus der schmalen Öffnung meines englischen Gilets, in der hehren Absicht, das pechschwarze Kraut darin erneut zu entflammen, welches, kaum mit dem Feuer in Berührung, sich in seinem Schmerz sogleich aufbäumt, um kurz darauf rubinrot zu erglühen. Nun gilt es, die Intensität des Brandes zu bezähmen, die Rauchschwaden auf ein Minimum zu reduzieren, die Hitze auf ein erträgliches Maß einzudämmen, denn nur so kann sich die angenehme Süße, das eigenwillige Bukett seines Aromas und der vollkommene Charakter dieser Mixtur aus hellem Virginia und dunklem Perique seinen Weg durch das Labyrinth meiner vom Whisky abgehärteten Geschmackspapillen suchen.

All das geschieht stets in der Hoffnung, für stabile und zumindest für eine bestimmte Zeit nachhaltige Entwicklung der sich gleichmäßig ausbreitenden Glut zu sorgen. Diese zu bezähmen und zu hegen ist mein Ziel, des Pfeifenrauchers innigstes Bestreben allgemein. Gleichzeitig aber liegt der tiefere Sinn in der Ausprägung einer Disziplinierung, wie bereits erwähnt, die Gifte, die ja wie Laster den Tugenden beigemischt scheinen, zu mäßigen, um sich ihrer, gewissermaßen als Trost im ständigen Kampf gegen die Übel des Daseins, zu bedienen.
Ich blase schwere Rauchwolken vor mich hin und bin verzückt vom Flair des Duftes. Wenngleich selber rauchen leider auch verminderte Wahrnehmung der Raumnote bedeutet. Die Raumnote ist es, die sich dem Passivraucher wesentlich intensiver, gleichsam als der wahre Charakter des Aromas in seiner ursprünglichsten Form offenbart. Intensiver als man selbst in der Lage ist, sie zu erfahren. Eine Tatsache, wenn auch bedauerlich. Aber es stört mich nicht weiter, habe ich doch immerhin das individuelle Vergnügen warmen, wohlgeformten Holzes in meinen Händen.

Jetzt ist die Zeit gekommen, zur Flasche zu greifen und vorsichtig nachzugießen. Bei den 24 Gramm war ich heute schon einmal angelangt, durchschießt mich der Gedanke. Nichtsdestotrotz ziehe ich maßvoll an der Pfeife und nehme einen Schluck vom Glas. Die Harmonie zwischen dem Tabakrauch und dem Whiskygeschmack ist wahrhaft überwältigend. Ja, jetzt spüre ich sie, die Müdigkeit. Meine Beine fühlen sich schwer an, die Eingeweide durchzieht ein warmer Schauer. Jetzt ein Nickerchen wär´ nicht schlecht, denke ich.

Als mein Stapel Manuskriptblätter durch eine unachtsame Bewegung vom Schreibtisch auf den Boden knallt, erwache ich jäh. Der Bildschirm meines Laptops verdunkelt, in Schlafstellung wie ich selbst. Es mochten gut zwei Stunden vergangen sein, die ich in meinem Arbeitssessel dösend verbracht habe. Als ich die Blätter mühsam vom Boden auflese, fällt mein Blick auf einen Buchtitel, „Der vollen Brüder Orden“, und muss hellauf lachen.
Jetzt erinnere ich mich, ja, ich hatte einen Traum gehabt, ich wäre nach einem gewaltigen Rausch erwacht, irgendwann im Mittelalter, so kam es mir zumindest vor, und irgendwo im Gastzimmer einer Schenke. Mein Kopf brummte vom schweren Wein, den ich die Nacht über getrunken hatte. Dennoch bestellte ich eine neue Kanne roten Weines, nachdem mich der Wirt aufmunternd einen treuen Diener Bacchus‘ bezeichnet hatte.
Ich lalle irgendetwas vom Säuferlohn, von Krankheit und dem qualvollen Tod. Ich bin Bacchus, merke ich, inmitten einer illustren Gesellschaft, während mich der Teufel an einer Kette festhält. Um uns herum toben Schweine, Affen und Kälber. Unter den Tischen blöken Schafe, deren Hirten an der Schank stehen und einen Becher nach dem anderen leeren.
Ein Weinspiel ist´s. Eine irrationale Kneipenszene im Wirtshaus „Zur blauen Ente“, wie ich an einem bemalten Holzbalken zu erkennen vermag. Rings um mich all die Tiere, die frei herumlaufen. Komische Typen in merkwürdigen Gewändern, die mir mit ihren Gläsern zuprosten. Einer, der donnernd gegen das Saufen poltert. Drüben in der Ecke ein Pfaffe unter Weinbauern mit blauen Schürzen, die in heftigen Reden den Wein in Schutz nehmen möchten, indem sie seine Vorteile loben. Ich selbst, Gott Bacchus, doziere immer noch über den Säuferlohn, und wie ich mein Reich stets durch die wachsende Zahl meiner Jünger stärke. Täglich würden die Reihen meiner Diener länger.
An der Wand hinter mir hängt ein Holzschnitt, auf dem ich als Kind abgebildet bin, ein Gesetzesbuch in Händen. Soeben geleite ich meine Anhänger zum Teufel hin, eine ausgelassene Gesellschaft, mit Schweinsschädeln, Eselsohren und Gänse- als auch Bärenköpfen. Satan selbst, an dem Treiben höchst erfreut, übt sich in Ratschlägen über das Saufen, und darüber, dass der Wein mehr vermag als der Opfertod Christi. In einer anderen Szene bin ich meiner Gottschaft enthoben und zum gichtigen Alkoholiker degradiert, den Wein anklagend, der letztendlich von seiner Schuld freigesprochen wird.

Ich reibe mir die vom Schlaf noch halb geschlossenen Augen. Ab welchem Zeitpunkt ist man Alkoholiker?, beginne ich mich zu fragen. Die paar Schlucke täglich? Das kann doch nicht sein! Zugegeben, manchmal habe ich die ersten Gläser rasch geleert. Und hat es allzu lang gedauert, bis sich bei mir der gewünschte Effekt eingestellt hat, bin ich umgestiegen. Was das heißt? Nun, vom Wein zum Schnaps, ist doch ganz einfach. Sollte unter meinen Freunden einmal die Rede von der Trunksucht sein, vermeide ich es tunlichst, mich zu outen. Im Gegenteil, ich mache Witze darüber, ziehe die Sauferei ins Lächerliche oder so.

Jetzt brauche ich einen Schluck vom Glas. Ist noch genug drinnen. Ach, ich vergaß, ich hatte ja davor etwas geschlafen. Und überhaupt, was soll das? Ich benehme mich ja so, als hätte ich Schuldgefühle wegen der Sauferei. Obwohl, jeder tut es. Neulich habe ich eine Dokumentation gesehen, über Tiere in den Tropen. Es gab da einen Mangobaum. Die Mangos waren alle überreif und lagen auf dem Boden herum, bereits im Gärungsprozess. Eine Horde Affen hatte sich darüber hergemacht. Die wussten genau, was in diesen Früchten steckt. Und alle waren besoffen. Die einen schlugen Purzelbäume, die anderen bewegten sich im Zickzack oder kugelten ganz einfach auf dem Boden herum. Ziemlich menschlich haben sie ausgesehen in ihrem Dusel. Na und?
Wenn du hier zum Internisten gehst, fragt er dich, trinken Sie? Was muss man antworten, damit man seine Ruhe hat? Gelegentlich. Gut, sagt der dann, aber ihre Leberwerte sind irgendwie auffällig. Womit die Sache oft auch schon beendet ist. Gott sei Dank! Ja ja, natürlich habe ich oft dieses – dieses Verlangen nach mehr. Ich habe alles im Griff. Meine Freunde sehen mich manchmal so sonderbar an, wenn ich das fünfte Bier bestelle. Ich beobachte das immer öfter. Dann sage ich, es wäre meine Sache, nicht? Wenn ich will, höre ich einfach damit auf, verstanden?
Vor zwei Jahren habe ich von heute auf morgen drei Monate keinen Schluck getrunken. Aber derzeit will ich trinken, und es ist mir egal, versteht ihr? Ja, es ärgert mich maßlos, wenn sie sagen, dass ich zu viel trinke. Weil´s nicht stimmt, deshalb! Und dass man am Abend mit mir nichts mehr anfangen kann, sagen sie. Blödsinn. Bin eben zu müde, das ist alles. Interessiert mich eben derzeit nichts. Muss es?
Stattdessen träume ich gerne vor mich hin. Ist das vielleicht verboten? In einer Welt, die so aussieht, wie sie derzeit aussieht? Mit den verdammten Völkermorden in Afrika, am Balkan, im Nahen Osten? Und die Griechen? Die Portugiesen? Die Italiener? Ist das alles nichts? Wer weiß, was noch alles kommt? Da soll man nicht ab und zu einen zu sich nehmen dürfen, wie?

Wie soll man denn die ganze Scheiße aushalten ohne Alkohol? Ein Kiffer will ich ja schließlich nicht werden, oder? Ich schenke ganz einfach nach. Es nervt mich, mich ständig vor anderen rechtfertigen zu müssen, warum ich trinke. Ehrlich! Ich habe mir ein Lager angelegt. Lauter herrliche Dinge. Biere, Whiskies, Gin, Cognac, Port, Wodka und so weiter. Vom Feinsten. Schließlich bin ich ja kein Sozialfall. Ich lache still in mich hinein. Ich gehöre nicht zu den Tetrapack- oder Dopplertrinkern, sage ich mir.
Und meine kleinen Panikattacken zwischendurch gehen niemanden etwas an. Nehm´ ich eben einen Schluck aus dem Flachmann, dann geht´s gleich wieder besser. So ist das eben! Das nimmt mir die Angst. Die Angst vorm Leben, vor der Arbeitslosigkeit, davor, zu versagen. Ist doch gut, dass das so funktioniert, oder? Bloß die Sache mit meinen Augen stört mich etwas. Irgendwie alles verschwommen. Ich versuche, mein Manuskript zu entziffern. Etwas weiter weghalten? Ja, so ist es besser. Ein kleiner Schluck dazwischen.

Mein Traum fällt mir wieder ein. Träume ich eben noch? Keine Ahnung.

Dem Onkel haben sie auch den Alkohol verboten, nach seinem Schlaganfall. Seither lacht er nicht mehr. Sitzt nur mehr teilnahmslos rum, randvoll mit Medikamenten. Beruhigungsmittel oder so. Das macht Sinn. Die Korbflasche dort auf dem Bild zieht mich ungeheuer an, sage ich mir. Warum eigentlich? Chianti müsste drinnen sein. Wie damals, als wir auf dem Gut nahe Siena waren, Ostern neunzehnhundertund? Weiß nicht mehr. Der Gärtner stellte uns jeden Morgen eine solche Flasche, mit Bast umwickelt, vor die Treppe zum Eingang. Vierzehn Volumsprozent Alkohol! Unser Schlummertrunk. Oft kriegte ich nicht einmal das zweite Glas leer, schon war ich sanft entschlummert. Habe die Abendzeche nicht zu Ende gebracht. Was für eine Zeit! Da hat man den Wein aus Potten, aus Pinten, Kelchen, Kellen und Trinkschalen geschält.
Wie komm ich jetzt da drauf? Döse so vor mich hin. Das Manuskript rutscht langsam wieder zu Boden. He, Wirtsknecht, schenk ein! Hundesohn, verdammter! Zu meinen Zechgenossen: „Lasst uns vom Trinken parlieren! Was war zuerst?“, rufe ich, „war´s der Durst oder war´s der Trank?“ Die anderen grölen und jubeln. Nur nicht den Mut sinken lassen. So singt, dass keiner trinke! Und trinkt, dass keiner singe! So ein Schwachsinn! Wo gelöscht wird, muss es gebrannt haben, wie? Was, ein so kleines Glas? Was soll der Fingerhut, mein Freund?
Ein Film schiebt sich vor meine nebelige Erinnerung. Häuptling Fünffässer verhandelt mit dem Whiskyhändler. Er soll ihm drei Wagen Whisky geben, oder er würde ihn nicht passieren lassen. „Holt Orakeljones!“, rufen die Männer. „Ja, holt Orakel, der wird uns sagen, was wir tun sollen!“, schallt es aus der Menge. Der Mann wird geholt. Ein Typ, kahlköpfig, Vollbart, leerer Blick. „Was siehst du?“, fragt einer. „Ja, sag uns, wie der Winter wird!“, fordern ihn die anderen auf. Einer füllt ihm sein Glas mit Whisky. Orakel leert es mit einem Schluck. „Die Bisons fressen wie verrückt. Die Eichhörnchen und Biber sammeln ungewöhnlich viele Vorräte. Oben am Pass liegt bereits der erste Schnee. Wenn wir jetzt keine Wagenlieferung mehr bekommen, müssen wir den Winter über ohne Whisky auskommen!“ Er trinkt ein zweites Glas mit einem Schluck.

Blankes Entsetzen macht sich unter den Männern breit. Ich schrecke hoch. Was? Kein Whisky mehr da? Mühsam rapple ich mich hoch und schiebe meine Hand unter das Regal vorm Fenster. Alles noch da. Fünf Flaschen hier, drei andere lagern im Kleiderschrank. Kein Grund zu Panik. Es ist vorgesorgt. Ich muss mir keine Sorgen machen. Die Kiste Bier ist unten im Kühlschrank eingekühlt. Was soll mir noch passieren? Tabak ist auch genug da. Gerettet! Alles in Ordnung. Alles wird gut. Orakel nimmt jetzt die ganze Flasche. Er hebt sie zum Mund und setzt sie an. „Ich sehe eine Wagenladung Whisky kommen. Fünf, zehn“, er macht eine Pause, trinkt, „zwanzig, dreißig, vierzig Wagenladungen!“ Die Menge jubelt. Ich bin wohl etwas eingenickt. Egal.

Wie ich diese Kerle verstehe, ehrlich, ich mag sie! John Wayne, meine Güte! Ich muss einfach trinken, weil ich zu feige bin, mich auf direktem Wege ins Jenseits zu befördern, oder? Ich lache laut. Oder weil mir der Mut fehlt, mein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Alkohol ist mein Notventil. Mein Ruhekissen. Meine Flucht vor mir selbst. Beim Trinken nehme ich mich aus der Verantwortung, für alles! Und alles wird dabei relativ, nicht mehr so wichtig. Frisst mich nicht so auf wie Alltag, Arbeit, Beruf und solche Sachen. Und ich bin in prominenter Gesellschaft. Die Typen von vorhin Gottfried Keller, E. T. A. Hoffmann und so, später Joseph Roth, Maler wie van Gogh, Henry Miller zum Beispiel. Was, der auch? Oder Oscar Wilde, Churchill mit der dicken Zigarre und so weiter.
Dann kann ich ja noch was trinken, oder? Ich tu´s.

Wo war ich doch gleich? Ah, genau, beim zu kleinen Glas. Schließlich wollen wir Geschirr, bei dem man sich nicht gleich die Zunge anstößt. Ein Glas so groß wie ein Latz. Das ist die Vorstufe zum Wahnsinn, kommt mir in den diffusen Sinn. Der Wirt ist der Best´, ist voller als die Gäst´! Der Wein macht keinen stumm, oder? Holt Wein, wir sollen fröhlich sein! Wir trinken drum den guten Wein, die Sorgen zu vertreiben. Er setzt das Gläschen an den Mund und trinkt es aus bis an den Grund, rezitiere ich.
Ein wenig macht mir meine Zunge Schwierigkeiten, die Worte korrekt zu artikulieren. Aber das kommt von der Müdigkeit. Ich gähne. Da haben wir´s. Schon Zeit fürs Bett? Unmöglich!

Langsam aber sicher habe ich wohl genug, meine ich. Mein Denken fühlt sich an wie in einem dumpfen, tiefen Kanal. Links und rechts fällt mir nichts ein, keine Assoziationen, nichts. Auch gut. Beim Schlafen brauche ich nicht zu denken! Vor mir Dr. Schiwago, wie er mir einen Gummischlauch in den Mund schiebt, obendrauf ein Trichter, in den der Unmengen Wasser aus einem Krug schüttet, in den er vorher ein kleines Fläschchen entleert hatte, welches er aus seiner Instrumententasche genommen hatte. Man will mich gewaltsam ausnüchtern! Eine Magenspülung! Das ist doch alles lächerlich! Ich fühle Wut aufsteigen, gepaart mit Erschöpfungs- und Angstzuständen.
Scheiße! Mir geht´s schlecht. Ich versuche, aufzustehen. Es gelingt nicht. Ich reiße mir die Decke von den Beinen. Ich erwache. Kann mich an nichts erinnern. Wo bin ich eigentlich? Alles dreht sich um mich. Einmal von links nach rechts, dann von vorne nach unten, o Gott o Gott! Ich muss erbrechen!
Jemand ruft nach Butyrophenon. Was soll das sein? Wenn ich längere Zeit nichts trinke, also, das kommt kaum vor, oder? Wenn ich also längere Zeit nichts trinke, beginnen immer meine Hände zu zittern und ich fange an zu schwitzen. Gräulicher Zustand, das! Dann bin ich reizbar wie ein bengalischer Tiger. Ich schlafe unruhig, wenn überhaupt und seit geraumer Zeit kommt mir vor, als wäre ich mir selber fremd. Besonders dann, wenn ich an großen Plätzen stehe, von denen aus ich manchmal nicht mehr weiter weiß. Als hätte ich irgendwie die Orientierung verloren, obwohl ich jeden Tag dort vorbeikomme. So was Dummes!

Ich meine, ich werde alt. Irgendwie verwirrt. Das ist ganz normal. Aber dieses Zittern bereitet mir Sorgen. Unlängst habe ich schon vor dem Frühstück einen kleinen genommen. Danach waren meine Hände ruhig. Na also! Man muss sich nur zu behandeln wissen, sage ich immer. Trotzdem, komische Situation das, wer trinkt, gilt hierzulande gewissermaßen als normal. Trinkst du nicht, betrachten sie dich als abartig.
Ach, dann ist da noch dieses Kribbeln in den Beinen! Ich kratze und kratze schon die längste Zeit und es wird nicht besser! Jetzt werden mir die Augen wieder schwerer und schwerer. Mein Kopf sinkt nach vorne. Nur noch ein letzter kleiner Schluck, einer noch, ein allerletzter.

Wegen der argen Schmerzen in meinen Armen und Beinen fällt es mir schwer, wirklich einzuschlafen. Vielleicht eine Viertelschlaftablette? Mit einem Schluck Whisky wirkt sie viel schneller. Dann brauche ich mich um nichts mehr zu kümmern, bin weg, geh mir selber nicht mehr auf die Nerven, mache Urlaub vom Ich.
Schweißausbrüche und Herzrasen befallen mich. Durch Sehschlitze erkenne ich fahl die Umrisse Udo Lindenbergs, der sich vor mir auf dem Boden windet und in meinen Ohren verklingen seine Worte: Wieder geht ein Tag zu Ende und die Dämmerung zieht rauf, leise zittern ihm die Hände und der Säufermond geht auf … gib mir noch ein kleines Glück, meine Nerven, die sind, ach, die sind heut´ wieder‘ n bisschen schwach…mach mich bitte wieder wach … und der Whisky – der zieht runter und sein Blut wird schnell und warm, und jetzt nimmt ihn Lady Whisky ganz zärtlich in den Arm… lass uns beide, du und ich, erstmal richtig einen saufen… und die Zimmerdecke hebt sich, und die Wände brechen ein, auf dem Boden leere Flaschen, und er wieder so allein… in den Ohren ist ein Sirren und im Herzen ist ein Schlag, alle Fenster klirren, dieses Zimmer ist ein Sarg … aus dem Fenster zu den Sternen nur: Die kann er nicht mehr seh‘n, und in dunkler Wolkenferne scheint fahl der Säufermond… ein Mann lag in seinem Zimmer… mit den Nerven wurd´ es schlimmer… jede Nacht ´ne neue Qual, dieses Leben ist so arm – ferngesteuerte Quälerei, öffne die Flasche Numero drei…

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 15072

 

lost planet

Am fließenden Wasser war sanftes Rauschen, nichts hat die Ruhe gestört. Großblättriger Spender Schatten taucht Grün in schonendes Licht. Bachwasser sprudelt hell seit ewigen Zeiten. Im Blätterwaldreigen wiegen sich Äste zu sanftem Wind. Dort nisten Habicht und Eule und Krähe mit ihrer Brut, geschützt vor sengender Hitze im Sommer, im Winter wärmendes Nest.
Da sprossen noch Blumen ganz wundervoll, durch frisches saftiges Gras.

Noch konnte man Atem holen und brauchte ihn nicht zu erringen, ein Ort voll Glückseligkeit. Es rankten noch Hoffnung und Sehnsucht nach Liebe, die niemals versiegt. Hier eine Quelle, die längst nicht mehr sprudelt, ganz nah bei der Linde, welche längst nicht mehr steht.
Der kühle Wald, der stille, ist einem Parkplatz gewichen und nackte Fassaden ersetzen ersatzlos das Wogen der Wiesen. Das Plätschern des Bächleins ist langsam dem Lärm von Motoren erlegen, die Hoffnung durch Eile und Hast zerstört. Anstelle des Zirpens der Grille ein brummender Vogel in silbernem Alu am Himmel. Die Nacht ist zu hell, durch künstliches Licht, um heute noch Sterne zu sehen, frisst viel zu viel Energie.
Es gibt keine klaren Nächte mehr, wenn Nebel den Himmel verdecken. Und urplötzlich waren da Tröpfchen aus Wasser, die klammern sich lästig an Nasen. Genauso an Lippen und Brauen und an jedes einzelne Haar. Die Hand vor den Augen war kaum noch zu sehen, die Landschaft dahinter verschwommen. Als hätte die Luft eine dichte Gestalt wie zähes Gelee. Und ferne am Horizont vereint sich die Trübung galant mit der Erde, als schmiegte sich Honig auf Butter.

In stiller Erwartung hat Leben so einfach begonnen und rundum schien alles klar, soweit das Auge nur reichte, nichts hat gestört. Rasch wird´s nun diesig, die Sehnsucht im schimmernden Glanz des Mondes verlor sich im Smog aus der Esse. Zurück blieben Träume, ungelebt, Reisende bloß, wasserschwangere Schwebepartikel, zum Platzen bereit, noch ehe ihr Sättigungsgrad ist erreicht! Ruß und Staub verstopfen die wenigen Poren, aus denen der Leib, der geplagte, stets weinte.
Zurückgeblieben ist nichts als Dreck, verantwortungslos hinterlassen. Der Mensch wird zunehmend Opfer pervers vertikaler inverser Bestimmung. Schon bilden sich Tröpfchen überall, erst nur vereinzelt und kaum zu seh‘n. Die sammeln sich stetig, in Gruppen, in Horden, Verbänden, zur Konzentration. Die Folgen sind klar zu erkennen, allein, Spezialisten schau‘n ohnmächtig zu. Und wie steigt das auf! Tropfen um Tropfen, die Luft wird feuchter, je zahlreicher, desto rascher vermehren sie sich.
Wattebauschartig steigt dunkles Gewölk sichtbar auf, schießt unaufhaltsam nach oben. Ein Schwall schwerer Wasser bricht über Köpfe herein, trifft ungeschützt hilfloses Land. Aus gift‘gen Nebeln steigt siedender Dampf, knallheißer Sümpfe wallende Brunst. Schmorend Blendwerk fetter Dünste breitet sich überall aus. Schwefelgelb kochender Saft nährt fürsorglich ausströmend dünstend Gebild´.

Auf verlorenem Posten mahnen verzweifelt Instanzen vergeblich zur Einsicht. Die, die´s angeht, wollen das Läuten, das stumme, der dunstigen Glocke nicht hören. Ätzender Smog verbietet der Sonne den fahlen Strahl, verhüllt sie in apokalyptisches Dunkel. Alarm ist orange, man bleibt in den Häusern, trotz Maske wird Atmen zur Qual. Vor stechend brennenden Augen verschwimmen Konturen, verschmelzen Wahrzeichen sinnlosen Prunks.
Der Tag wird zur Nacht, in feuchttrüben Nebeln stecken still Limousinen im dampfenden Stau, hupen verzweifelt. Zerklüftete Lungen, geplagte, brennen in dicker Morgenluft, wenn Augen in beißenden Tränen liegen, atmen den tödlichen Cocktail aus Staub und Oxyden. Der Wind will nicht weh´n, gewährt nicht den Abzug der tödlichen Gase. Ein schmieriger Schleier hängt über der Stadt, prall vor Ozon, verursacht panische Atemnot, Kopfschmerz kommt schlagartig in Mode.

Politik fordert reuig Verbote, sich wandelndes Klima wird langsam bewusst. Nasen rinnen, Augen triefen, Fremdkörper verursachen Hustenreiz. Schon hebt sich das Zwerchfell, der Brustmuskel spannt sich, Luft entweicht ruckartig, keuchender Husten. Rachen und Kehlkopf entzünden sich heftig und pfeifend entflieht, gefährlich verengt und mühsam gepresst, spärlich, der schwer errungene Atem. In Bronchien sammelt sich zähflüssig Schleim, behindert den Luftstrom, der Leben bedeutet. Pneumologische Spirometer vermessen akribisch kraftlose Lungen. Verzweifelte Ärzte rufen zum Handeln, dass man was tut.
Man setzt auf Verbote, doch Asche verdunkelt den Himmel. Ruß und Qualm in die Luft geblasen, ohne Kontrolle, jahrzehntelang! Was kann dieser blaue Planet noch verkraften? Unter tropisch feuchtem Glassturz vegetiert blasses Leben mit hängenden Köpfen. Rufe nach Zeiten der Vorindustrie verhallen im Schock der Bedeutung.
Bloß weil das Pferd zu langsam war, hat man das Dampfross erfunden, und auch den Strom und den Diesel. Zum Zweck rationalen Erringens und um den Vorteil der Produktion zerstören Eliten Balancen der Ökologie.
Jetzt wird man die Geister, die man gerufen, nicht los. Ein Flehen um Beistand der Götter erstickt im leblosen Keim um den Glauben. Wann endet letztendlich das Sengen, das Brennen, das Roden, der Raubbau, das Rennen ums Kapital?
Gefragt wären Taten, nicht endlose Worte, denn sinnlose Reden beseitigen nicht das Problem. Verdammt zum Leben raumzeitlich molekularer Verdunstung dräuen die Tage im Düstern, die endlos erscheinen in ödem Gelände verlorener Welt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 15054

Die Krise 3 – Der Deal

Wer den Ort kannte, Zwicklingsau oder Hintertupfing, das blieb sich gleich, Kaffs wie diese gleichen einander wie ein Ei dem anderen, mochte unschwer feststellen, wie sich in den letzten Jahren eine zunehmende Rechtslastigkeit und Ausländerfeindlichkeit zu etablieren begonnen hatte. Man zeigte sich ängstlich gegenüber den wenigen muslimischen Gemeindearbeitern und gewissen unberechenbaren Einflüssen von außen.
In der Kommunalpolitik transformierten notwendige Entscheidungen oftmals zugunsten schwammiger Unentschlossenheit. Im Zweifel saß man Probleme eben aus.
Gesetzmäßigkeiten einer Soap-Opera hielten Einzug in viele Bereiche des politischen und alltäglichen Lebens. Die Grundhaltung blieb ernst. Seltene Scherze galten mitunter als rettender Ausbruch allgemeiner Bedrücktheit, häufig bemühtes geistiges Relikt aus dem Reich des Unbewussten.
Man versuchte damit, Konflikte zu verkleinern und lächerlich zu machen, um sie mit Hilfe der Zeit aus dem Gedächtnis bewusster Wahrnehmung zu drängen. Nicht zuletzt erzeugten sie nebenher einen gewissen Lustgewinn. Auf diese Weise konnte man sich auch leichter über seine eigene dunkle Vergangenheit hinwegsetzen. Man wurde dadurch sozusagen unverletzlich, in gewisser Weise auch für einen Augenblick zum Gewinner, wenn man auch sonst eine Niete war. Und wenn dann gelacht wurde, widerfuhr einem eine Art Seelentrost, über den man für einen Moment lang die Tatsache vergessen konnte, in was für einer beschissenen kleinen Welt man eigentlich lebte.

Vor allem aber durfte man hier eines nicht, nämlich leidenschaftlich und mit Hirn politisieren. Diese Tatsache war Rembert Mirando bekannt, ebenso wie ihm auch bewusst war, dass seine berufliche Doppelaktion dem Neid der Bürgerinnen und Bürger in diesem kleinen Ort ausreichend Nahrung geben würde. Aber er würde sich nicht darum kümmern, hatte er beschlossen, obwohl der Gemeinderat der Meinung war, dass Doppeleinkommen, egal welcher Art, in Krisenzeiten für den sozialen Frieden des Ortes längerfristig nicht zuträglich sein würden. Aber was für den Bürgermeister recht und billig war, schließlich saß dieser in zahllosen Aufsichtsräten und hatte mehr als vier Einkommen, sollte es doch immerhin auch für ihn sein, denn er hatte ja bloß zwei.

Ein Gespräch Rembert Mirandos mit dem Bürgermeister war relativ glimpflich, wenn auch nicht ohne dessen gewohnte Cholerik verlaufen. Wie weit er mit Escortin sei, wollte dieser wissen und wann man mit dem Geld rechnen könne? Mirando musste die ganze Zeit über an Anica Escortin denken und daran, was letzte Nacht zwischen ihr und ihm passiert war. Das stärkte ihm den Rücken, indem er den Bürgermeister zunächst ein wenig zappeln ließ, ehe er ihm eine Antwort auf seine Frage gab, dass es eben noch ein wenig Diplomatie erfordern würde, bis es so weit wäre, die Sache aber kurz vor dem Abschluss stünde.

Ob er sich nicht vorstellen könne, dass es pressierte, fragte ihn der Bürgermeister. Schließlich ginge es derzeit um jeden Cent und vor allen Dingen auch um seine Karriere, Remberts Karriere, fügte er hinzu, wenn dieser jemals Mandatar werden wolle. Niemand in der Gemeinde könne einsehen, warum man noch mehr Schulden machen solle, um eine Krise zu bekämpfen. Man müsse die Bautätigkeit ankurbeln, und zwar jetzt, wo die Auftragsvergabe erleichtert werde und die Grenzen für die freie Vergabe von Bau- und Infrastrukturaufträgen angehoben würden.
Und man müsse die Arbeitslosen endlich aus den Wirtshäusern und Deutschkursen holen. Und schließlich müsse man den einzigen Autohändler im Ort unterstützen. Daher bräuchte die Partei schließlich einen Haufen Geld, um das alles umzusetzen. Und das würde ohne einen Zuschuss so nicht gehen. Und dafür wäre Escortin eben unentbehrlich.
Rembert hob den Kopf. Den Autohändler?, fragte er. Natürlich, oder ob er wolle, dass der Betrieb zusperren solle? Rembert schüttelte den Kopf. Er, der Ortschef, könne schließlich nichts dafür, dass niemand ein neues Auto kaufe. Man könne es in Zeiten wie diesen auch niemandem übel nehmen, sein sauer verdientes Geld in ein Auto zu stecken, nicht wahr? Das sah auch Rembert ein. Er fürchte, dass niemand so recht wisse, was derzeit die richtige Wirtschaftspolitik sei, sagte dieser. Ein selten kluger Satz. Da habe er auch wieder Recht, bestätigte der Bürgermeister.

Aber wenn man schon den Autohändler unterstütze, warum nicht auch den einzigen Metzger, dem jetzt das Aus drohe, wo doch im Ort erst vor Kurzem drei Supermärkte eröffnet hatten, die so zentral lagen, dass sie von allen Bewohnern zu Fuß in der gleichen kurzen Zeit zu erreichen waren.
Und Rembert dachte an die entzückende Tochter des Metzgers, die ihn immer so freundlich bediente, auch wenn er bloß rasch nach einer Wurstsemmel verlangt hatte. Erfreuen würde man sich an ihrem Anblick wohl noch dürfen, nicht mehr. Schließlich war er verheiratet und seine Gattin im Ort wohlangesehen, nicht nur als Pädagogin. Aber die Tochter des Metzgers legte ihm auch immer, wenn er darum gebeten hatte, gerne einen Kranz Blutwurst zurück, wenn frisch geschlachtet worden war. Und dieses Privileg hatte nicht ein jeder.
Und wenn er ihr einen Witz erzählte, meist einen unanständigen, dann lachte sie ganz besonders laut und das gefiel Rembert Mirando sehr und hob sein Selbstwertgefühl. Vielleicht konnte er ja eines Tages doch noch geheim bei ihr landen? Wer konnte es wissen? Es würde ja niemand erfahren. Wenn er schon zwei Jobs hätte, warum nicht auch zwei Frauen? Alle VIPs lebten so, dachte Mirando insgeheim.

Wenn er den Metzger unterstützte, schwächte er die Fleischhändler in den Supermärkten, entgegnete der Bürgermeister heftig, wobei er im Gesicht rot anlief, als er an die hohen Schmiergelder dachte, die er damals von den Eigentümern erhalten hatte, um die geeigneten Gemeindegründe für die Flächenwidmung zu organisieren.

Dass der Autohändler im Ort bliebe, hätte Symbolcharakter, sagte er dann. An dem Zustand, wie schlecht oder gut es diesem ginge, könne die Bevölkerung die Gesundheit der heimischen Wirtschaft ablesen und würde weniger hysterisch reagieren, wenn schon der eine oder andere zusperren müsse, was ja auch bereits der Fall war. Es bliebe ihnen gar nichts anderes übrig, als so wie bisher weiterzuwursteln, das sei ihm doch klar, sagte er, und sah Mirando prüfend an. Selbstverständlich, bestätigte dieser, konnte er doch nicht anderer Meinung sein als sein Dienstgeber.

Und was er ihm schon längst sagen wollte, ganz nebenbei, dass Frauen, in der Wirtschaft oder gar Politik, zu schade wären für so einen Job. Der Bürgermeister grinste, als er das sagte. Und Mirando solle sich das merken. Führungspositionen wären ganz einfach nicht für Frauen geschaffen. Im Übrigen würde er ihm verzeihen, dass er damals Fräulein Mileva so vehement für sein eigenes Büro begehrt hatte. Der wahre Grund, warum er sich anfangs so sehr gegen diese Veränderung im Gemeindeamt ausgesprochen hatte, sei der gewesen, dass er sie gerne für sich selbst beansprucht hätte, ihres Äußeren wegen, betonte er und grinste.
Niemand würde das besser verstehen als er, meinte Mirando rasch, und er dachte an die stets leicht geöffneten Schenkel Charlotte Milevas unter ihrem Schreibtisch, obwohl man wegen ihrer stärkeren Oberschenkel eben sonst nichts zu sehen bekam. Nicht einmal die Farbe ihrer Höschen hatte er bisher erkennen können.

Damit schien das Gespräch zwischen Mirando und dem Bürgermeister beendet. Bevor dieser jedoch gehen wollte, fragte ihn der Ortschef plötzlich, ob er auch zu denen gehörte, die sich gegen eine Adaptierung des alten Gutshofes für die Sozialfälle des Ortes aussprechen werde? Gegen das Projekt gäbe es ja bereits massiven Widerstand seitens der Bevölkerung.

Mirando überlegte eine Weile. Bei so einer Frage hieß es vorsichtig sein, weil man nie wissen konnte, auf welcher Seite man sich befand, wenn man einmal seine Meinung gesagt hatte. Daher richtete er eine Gegenfrage an den Bürgermeister, ob dieser glaube, was sinnvoller sei, nämlich die ortsbekannten Alkoholiker jede Nacht aufsammeln zu lassen, oder sie sozusagen in sicherem Gewahrsam zu wissen? Und dafür wäre der Gutshof nicht nur wegen seiner strategischen Lage, er befand sich gegenüber der hiesigen Polizeistation, sondern auch wegen der geeigneten Bausubstanz ein echt großartiger Wurf. Der Bürgermeister hustete vernehmlich, gab sich aber mit einem kurzen Nicken zufrieden, ohne weitere Worte darüber zu verlieren.

In der Stadt hätten sie ganz andere Probleme, nutzte Mirando rasch die Gelegenheit, sich beim Bürgermeister Respekt für sein Wissen zu verschaffen. Was wären die paar Trunkenbolde und Inzüchtler hier schon gegen die Radler-Rowdys, die rücksichtslosen Autofahrer und Fußgänger, die stets ohne links und rechts zu schauen, plötzlich die Fahrbahnen unsicher machten? Gott sei Dank habe man hier keine U-Bahn und damit auch nicht die ganze Beschwerdeflut wegen des verbotenen Verzehrs stinkender Kebabs oder Pizzas und ständigem Handygequatsche im Personenverkehr. Und die Horden undisziplinierter Jugendlicher, die obendrein noch dazu die Füße auf den Sitzbänken hätten! So weit wäre man hier noch lange nicht und im Übrigen würde es hier nie so weit kommen.
Der Bürgermeister aber sagte nur, ja ja ja und das wäre alles für heute. Rembert hatte verstanden und verabschiedete sich.

An einem dieser zahllosen grauen Morgen, welche sich seit vergangenem Oktober beharrlich weigerten, um keinen Preis auch nur einem einzigen, wenn auch bloß zwielichtigen Sonnentag zu weichen, machte sich Rembert Mirando daran, einen unaufschiebbaren Termin mit Denis Escortin in dessen unaufhörlich florierendem Imperium wahrzunehmen. Mirando fürchtete diesen Tag, seit ihn der Bürgermeister eigens für ihn erfunden zu haben schien.
Vor allem aber fürchtete er, mit seinem Angebot bei Escortin abzublitzen, trotz seiner positiven Andeutungen damals bei der Vernissage. Und dies wäre sein eigenes politisches Ende gewesen. Jedoch so leicht gab er sich nicht geschlagen. Hatte ihm nicht dessen Gattin Anica nach einer Nacht voller Freudenspenden auf den Kopf zugesagt, sie werde die Sache mit ihrem Hasen schon für ihn einfädeln?
Schließlich hatten sie seine treuherzigen Blicke nicht kalt gelassen, als er ihrem blaugrünen Stahlblick begegnet war und ihr zartrosa Lippenstift silbern glänzende Spuren auf seinen Wangen hinterlassen hatte, wie sie Schnecken zu machen pflegten, wenn sie über die Gräser glitten.
Anica Escortin, eine Frau, die Männer um den Finger wickeln konnte wie ihren Seidenschal, oder wie Spinnen, die geschickt mit ihrem Faden zu hantieren vermochten, freilich in der Absicht, irgendwann auch zu töten. Und ihr Gatte bemerkte nichts. Vielleicht wollte er auch gar nichts bemerken, weil er klüger war als andere dachten?

Rembert parkte seinen Kleinwagen neben Escortins schwarzer, überdimensionaler Limousine. Allein die Höhe der Reifen dieses Wagens reichte ihm bis über die Knie. Als er ausgestiegen war, fühlte er sich plötzlich genauso klein und unwichtig wie sein eigenes Fahrzeug. Die Knie begannen ihm zu zittern, die Kehle trocknete aus, die Krawatte würgte ihn, die neuen Schuhe, die er nur zu besonderen Anlässen trug, drückten wie verrückt.
Aber man konnte nichts ändern und das verfluchte Schicksal musste seinen verdammten Lauf nehmen. Unsicher stieg er die Treppen zum Eingang der Luxusvilla empor. Dort fasste er sich für einen Moment lang, um kurz und heftig durchzuatmen, ehe er den messingenen Knopf der Klingel betätigte. Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Zu lang wäre schlecht, weil dies Penetranz signalisieren könnte.
Escortin neigte zu cholerischen Gefühlsausbrüchen, ähnlich wie der Bürgermeister. Und beide hatten dieselben blutroten Köpfe. Zu kurz wäre ebenso schlecht, weil sich dahinter zu viel Respekt verbergen könnte. Also galt es, eine Art Mitteldruck zu finden. Bei einer unbekannten Klingel gar nicht so leicht. Mirando war ja gelernter Musiker. Jedes Klavier reagierte anders. Warum nicht auch jede Klingel?
Der Türöffner schnarrte. Doch Escortin selbst öffnete ihm nicht. Die Türe ging von ganz alleine auf. Kein gutes Zeichen, dachte Mirando. Er trat ein und sah sich vorsichtig um. Er möge doch weiterkommen, donnerte Escortin plötzlich von irgendeinem Zimmer heraus. Mirando nahm seinen ganzen Mut zusammen. Da erschien der Hausherr höchstpersönlich im Türrahmen eines kleinen Seitenraumes. Was für eine Erscheinung! Der Mann musste gut und gern geschätzte einhundertfünzig Kilo wiegen, durchfuhr es Mirando. Es gab eine Brückenwaage im Ort, durchfuhr es ihn, auf der man die Stiere wog, ehe sie…

Da wäre er also, meinte Mirando und reichte Escortin die Hand.
Ja ja ja, es wäre schon gut und hier herein möchte er kommen und sich setzen. Mirando folgte wie ein Hund dem Herrn. Platz, sagte Escortin. Oder hatte Rembert das „Bitte-nehmen-Sie“ überhört? Es ging alles so schnell. Überbreite Ledergarnitur. An den Wänden geschmacklose nichtssagende Ölgemälde unbekannter Meister.
Wasser oder was anderes, fragte Escortin. Gar nichts, danke. Mirando hatte seine kleine schwarze Aktenmappe geöffnet. Der übertriebene Schwung seiner Bewegung, der Entschlossenheit mimen sollte, war zu heftig ausgefallen, sodass die darin befindlichen vorbereiteten Papiere herausgerutscht waren und nun verstreut vor Escortins Schreibtisch lagen. Dieser verzog bloß den Mund, sagte aber nichts.
Mirando sank auf beide Knie. In dieser Stellung las er die Blätter rasch auf, während Escortin kopfschüttelnd auf ihn herabblickte und Mirando von unten zu ihm hoch.
Alles war bloß eine Frage der Fallhöhe, wie immer im Leben.

Escortin wurde ungeduldig. Man solle endlich zur Sache kommen, meinte er. Der Bürgermeister beabsichtige, die Bautätigkeit anzuregen. Das sollte er wirklich tun, grinste Escortin, indem er ihm das Grundstück oben auf der Wasserwiese überlassen möge. Über die Auftragsvergabe für die Bebauung desselben brauche er sich dann keine Sorge mehr zu machen, dafür würde er selbst sorgen, lachte Escortin verschleimt und kehlig.
Eine Zigarre wurde fällig. Der Qualm, den Escortin beim Anzünden verursachte, ließ Mirando für Escortin beinahe unsichtbar werden. Jedoch genau diese Botschaft sollte Rembert übermitteln. Also zückte er eines der Papiere und hob es siegessicher empor, damit fächelnd, nicht zuletzt auch, um die Rauchwolke vor ihm etwas zu lichten.
Er solle ihm das Papier zeigen, befahl Escortin. Rembert reichte es artig über den Tisch. Escortin nahm es entgegen und glotzte durch seine Lesebrille, die wie ein verirrtes Insekt auf dessen Nasenspitze saß, starr auf den Text. Er atmete schwer, während er ebenso damit beschäftigt war, den sich ständig bildenden Rauch aus seinem Mund loszuwerden, in dem die Zigarre wie ein Fremdkörper steckte. Beinahe wie eine Art Bombe, mit einer unsichtbaren Zündschnur versehen, die gloste, umschlossen von seinen zerklüfteten groben Lippen und Gefahr im Verzug signalisierte. Wenn er an ihr zog, klappten die Wangen wie automatisch nach innen und wölbten sich danach wieder zu ihrem Normalzustand auf. Immer ein und aus, wie die Kontraktionen einer Seegurke auf dem Meeresgrund.
Schön schön, grunzte Escortin schließlich. Geben Sie mir die anderen Sachen! Was ist mit dem Geld? Wohin soll ich überweisen?, fragte er etwas mürrisch.
Rembert Mirando erhob sich affenartig aus seinem Folterstuhl und fuhr mit seinem Zeigefinger auf das kleinere Blatt, auf dem die Kontonummer der Gemeindekasse angegeben war. Auf dieses Konto möge er die geschätzte Summe von … äh, Rembert räusperte sich, er wagte den Betrag nicht auszusprechen, überweisen, wenn es Recht wäre.

Es wäre schon gut, und der Betrag würde heute noch überwiesen, erwiderte der zentnerschwere Unternehmer und setzte seine Unterschrift kratzend unter die bezeichnete Stelle, auf die Remberts zittriger spitzer Finger gewiesen hatte, der schon ganz rot war vom Druck, den er damit auf das Blatt Papier am Schreibtisch ausgeübt hatte. Doch noch ehe Escortin zu schreiben begonnen hatte, nahm er ihn rasch von dort weg, um nur ja nicht im Wege zu sein auf der wunderbaren Reise zu seinem eigenen fulminanten Sieg.
Das wäre ja ganz einfach gegangen, atmete Mirando erleichtert auf und nahm das nun unterzeichnete Versprechen, der Partei eine außerordentliche Zuwendung in der Höhe von huntertfünfzigtausend Euro zu gewähren, rasch an sich, welches er sogleich in seine Aktentasche schob, in der Angst, Escortin könnte es sich doch noch anders überlegen.

So, junger Freund, das hätten wir erledigt, rieb sich Escortin die fetten Hände. Ob sonst noch was wäre? Aber es war nichts und Rembert Mirando bedankte sich im Namen der Gemeinde für die überaus gütige Geste und das Wohlwollen, welches Escortin nun der Partei wie auch der Gemeinde entgegengebracht hätte.
Eine Lüge! Jene merkwürdige Form der Höflichkeit des ewigen Auf und Ab zwischen dem, was man sagen muss und eigentlich nicht sagen darf.
Mirando dachte, wie froh er sei, dass der alte Sack das Geld herausgerückt hatte und dass er endlich verschwinden konnte, denn jetzt stünde seiner eigenen Karriere als politischer Mandatar nichts mehr im Wege.
Der Bürgermeister würde ihn upgraden müssen, Fräulein Mileva dürfte nicht mehr sein Zimmer betreten, ohne vorher anzuklopfen, und wenn man ihn sprechen wollte, gäbe es eine genaue Reihung derjenigen, die vorgelassen werden wollten.
Und er würde sie warten lassen. Und wie er sie alle würde warten lassen! Alle. Dieses Gefühl kostete er jetzt schon aus. Rembert Mirando träumte im Wachen, dass sich von nun an sein ganzes Leben komplett verändern würde.

Als er bei seinem Wagen angelangt war und ihn kurz betrachtete, kam ihm dieser eigentlich gar nicht mehr so klein vor. Den Kopf in den Nacken geworfen setzte er sich ans Steuer. Er wandte seinen Blick nach rechts, zum Seitenfenster, wo das gesamte Sichtfeld aus dem linken Vorderrad von Escortins Limousine bestand. Mirando startete rasch und fuhr den Kiesweg hinab.

Die Parteispende Denis Escortins hatte zur Folge, dass sich die Spirale um die Aktivitäten zur Erschließung eines neu umzuwidmenden Grundstückes an einer Stelle, die für Normalsterbliche weder zu erwerben noch zur Erlangung der Baugenehmigung möglich gewesen wäre, zu drehen begann. Ablehnende Gutachten verschwanden in Schubladen, aus denen sie nie mehr auftauchten. Interventionen von Strom- und Gasgesellschaften wurden so hingebogen, dass man darauf verwiesen hatte, in näherer Zukunft dort ohnehin eine gemeinnützige Genossenschaftssiedlung errichten zu wollen, um so die weit außerhalb des Ortes anzulegenden Zuleitungen zu rechtfertigen.
Der Bürgermeister höchstpersönlich ordnete an, verfügte, machte denjenigen, die Einwände vorbrachten, Versprechungen, die er am Ende nicht hielt und beauftragte Mirando, obwohl jener bloß in der Kulturabteilung saß, mit der Aufgabe, sich über die Fortschritte um die Erschließung von Escortins neuem Grundstück zu erkundigen und ihn auf dem Laufenden zu halten. Mirando wuchs zu ungeahnter Größe. Jetzt könnte er auch seiner Gattin einmal Paroli bieten, die immer so wichtigtat und in gewissem Sinne auch wichtiger war als er.

Rembert Mirando war in seinem Element. Er hatte sich neu eingekleidet. Selbstverständlich hielt er Schwarz für die Repräsentation seiner Position angemessen. So uniformiert stolzierte er aufrechten Ganges, nicht zu hastig, mit entsprechender Würde durch den Ort und die Menge der KirchenbankreserviererInnen bemerkte allesamt, dass er nun etwas darstellen mochte und grüßte ihn von da an ehrfürchtiger als vorher.
Man fand bald heraus, dass man über ihn, wo er doch so gute Beziehungen zum Bürgermeister hatte, einiges erreichen konnte, was so nicht erreichbar gewesen wäre. Etwa die Genehmigung eines illegalen Zubaus, oder die Zulassung eines Brunnens für die WC-Spülung, um der hohen Wasserrechnung zu entgehen.
Und immer brachte man etwas mit, wenn man zu Mirando kam. Außer dem üblichen Sekt oder teureren Rotwein auch Rabattscheine verschiedener Betriebe oder Supermärkte, Eintrittskarten und manchmal auch Bares. Rembert Mirando ließ alles unauffällig in eine Schublade seines Schreibtisches gleiten, die versperrbar war. Schließlich konnte man nicht wissen, wer hier hereinkam, wenn er nicht da war, abgesehen vom Reinigungspersonal, welches von einer Firma in der Stadt gestellt wurde und ausschließlich aus Südost-Migrantinnen bestand.
Alles in allem Vorgänge, die überall gang und gäbe waren und zu denen auch anderswo geschwiegen und denen so der Anschein des Selbstverständlichen und der Respektabilität verliehen wurde, was zur Folge hatte, dass das Sensorium zur Wahrnehmung derartiger getarnter Gegengeschäfte nicht gerade sensibilisiert, sondern eher abgenutzt wurde. Die wenigen Prominenten im Ort, allen voran Denis Escortin samt Gattin, waren ohnehin nie um die eine oder andere Intervention verlegen, wenn es aufgrund einer Verkehrsstrafe oder eines sonstigen Delikts galt, einen Erlass oder eine Herabsetzung ihrer Strafe zu bewirken, obwohl man über die kleine finanzielle Einbuße sicherlich erhaben gewesen wäre. Es war ganz einfach die reine Lust am Prominentsein, die sie dazu bewog, Einspruch zu erheben, um sich damit noch deutlicher vom Pöbel abzuheben, der Sanktionen widerspruchslos hinnehmen musste.

Fräulein Mileva, Mirandos Sekretärin, hatte von nun an noch mehr zu tun als bisher und war darüber gar nicht glücklich. Ja, sie überlegte sogar manchmal, ob sie nicht um Teilzeit ansuchen oder gar den Job wechseln sollte. Mirando arbeitete nur noch selten in seinem Büro und delegierte so ziemlich alles an seine Sekretärin. Er war nicht erreichbar, kam und ging wann er wollte, und wenn er da war, erzählte er wie immer unanständige frauenfeindliche Witze, zu denen er meistens selber am lautesten lachte. Die Kolleginnen und Kollegen tuschelten über ihn, dass er sich in unbeobachteten Momenten angeblich seine Witze selbst erzählte und danach lauthals darüber lachte.

Als ihn der Abgeordnete Meier einmal auf die aktuelle Krise angesprochen hatte, soll Mirando gesagt haben, es sei alles halb so schlimm. Gewiss, man spräche so gemeinhin von einer solchen, jedoch deute alles darauf hin, dass man vor einer großen Herausforderung stünde und diese nutzen müsse. Er, Rembert Mirando, sehe darin überdies seine persönliche große Chance als politischer Mandatar kommen und begrüße die Krise, vor der man nicht verharren solle wie das Kaninchen vor der Schlange. Man müsse nach vorne sehen, betonte er, und dürfe sich nicht an ihrem üblen Beigeschmack stoßen, den sie mitunter zu haben schien, so, als ob einem die Hände gebunden wären. Das wäre glatter Defätismus.
Am Wirtschaftshorizont könne man bereits Anzeichen erkennen, dass es bald wieder aufwärts ginge. Bis dahin würde man der heimischen Wirtschaft unter die Arme greifen, und dabei grinste er bis zu den Ohren, weil er an Escortin dachte und daran, dass er die Sache mit dessen Grundstück auch ein wenig für sich werde nützen können, auch wenn er noch nicht genau wusste, wie. Und nach einer kleinen Pause, die er dem Abgeordneten gönnte, der bereits tief bereut hatte, Mirando jemals eine Frage gestellt zu haben, fuhr er fort, dass man nicht sinnlose Strukturen unterstützen würde, sondern punktgenaue Strategien einsetzen werde. Zack! Das hatte gesessen.

Der Abgeordnete Meier sei in Eile. Eine Frage wolle er trotzdem noch beantwortet wissen, nämlich die, ob man weiter Schulden machen werde, wo doch strenger Sparkurs angesagt sei? Ja, man werde sehr wohl Schulden machen müssen, sagte Mirando. Das machten die Privaten ja auch. Und überdies würde die Wirtschaft sonst den Bach hinuntergehen. Jedoch unterstütze man nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern nur dort, wo es sich lohnen, wo es nachhaltig sein würde, wenn er wisse, was er meine. Und Rembert lachte abermals, so ganz für sich.
Der Abgeordnete nickte bloß. Sie sehen also keine Krise, alles im Griff? Rembert baute sich vor Meier auf. Der Abgeordnete sagte nichts. Was denn mit den Arbeitslosen geschehe?, fragte er nach einer Nachdenkpause. Er hätte von einem Sozialprojekt gehört hier im Ort.
Keine Sorge, sie ermöglichten auch das Unmögliche, antwortete Mirando flink. Sie investierten in alle Bereiche gleichzeitig, müsse er wissen, Arbeitsplätze, Wirtschaft, Infrastruktur. Davon könne man anderswo nur träumen. Der Abgeordnete schien beeindruckt. Mirando dachte an den Taktstock. Wieder einmal schwang er ihn hoch über den Köpfen der staunenden Zuhörer, Fräulein Milevas und dem des Abgeordneten Meier. Ob der Finanzchef da mitspielte, wollte Meier wissen? Das verstünde sich von selbst, erwiderte Mirando selbstbewusst, schließlich sei es ja nicht dessen eigenes Geld, und er lachte zynisch, als er dies gesagt hatte.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15053

Das Verhör

In einer stürmischen Gewitternacht entdeckt das Stubenmädchen eines privaten Kurheimes, Fräulein Trixi, beim abendlichen Zimmerdurchgang die Leiche einer älteren Pflegebedürftigen. Wurde sie erstickt? Womöglich mit einem Polster? Während sich die übrigen Gäste im Salon des Hauses beim Bridgespiel vergnügen, ruft man unterdessen diskret Polizei und Rettung. Ein Kommissar wird noch in derselben Nacht zur Untersuchung des Falles abgestellt. Kommissar Braumüller beginnt sein Verhör konsequent und nimmt sich systematisch jeden vor, der ihm verdächtig erscheint. Sein Hauptverdacht gilt nicht zuletzt dem Gatten der Ermordeten, der überdies noch mit seiner Geliebten in ein und demselben Hause weilt, wie auch einer gewissen Frau Trinks, die er durch seine konsequenten Fragen in die Enge zu treiben versucht.

„Frau Trinks“, fragte Braumüller, „waren Sie an diesem Abend im Zimmer von Frau Rabitsch oder nicht?“ Die Trinks stockte, und flüsterte nach längerem Warten ein leises „ Ja“. „Na bitte, also drüben waren Sie bei ihr, das steht wohl jetzt eindeutig fest.“ Der Kommissar zündete sich die nächste Zigarette an. Jetzt wurde Professor Ebner wieder etwas munterer. Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und hob zögernd die Hand, als ob er etwas sagen wollte, reine Gewohnheit, ein ewiger Schulmann eben.
Aber der Kommissar bemerkte es nicht. Er inhalierte in tiefen Zügen und rannte wieder auf und ab, stoppte jäh vor einer Topfpalme, die als Raumteiler diente und kehrte wieder um. Hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig. „Hm! Was könnte das zu bedeuten haben“, fuhr der Kommissar fort, und diesmal fixierte er die Trinks mit stechendem Blick, „Frau Trinks, wenn eine Person, die mit einem Polster erstickt werden soll, ihre Hände nicht in Abwehrstellung gegen den Polster erhebt, sondern die Hände so hält, als wollte sie dem Täter dabei noch behilflich sein, den Polster sozusagen von oben her noch zu sich heran drückt?“
Sybilla Trinks starrte ihn lange an und sagte nichts. „Frau Trinks, ich habe Sie etwas gefragt?“ Braumüller ließ nicht locker. Professor Ebner fiel vor innerer Erregung beinahe vom Stuhl. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, schnappte nach Luft wie ein frisch gefangener Karpfen und sein Gesicht glühte förmlich und war blutrot. „Ich bin kein Kriminalist“, sagte Sybilla Trinks plötzlich zögernd. „Sind Sie nicht, ich weiß. Aber ich bin einer. Und ich könnte daraus Verschiedenes schließen. Aber ich tue es nicht. Ich stelle es einfach in den Raum – einfach in den Raum, ja!“

Es folgte eine unerträgliche Stille, in der Professor Ebner Moll ansah, Moll den Professor. Traunstein beobachtete beide. Manon hatte die Augen geschlossen und döste so vor sich hin. Die Maar blickte beinahe siegessicher und mit hoch erhobenem Haupt zu Sybilla Trinks hinüber, während Irene Hase unentwegt in ihren kleinen, rosafarbenen Schminkspiegel starrte. Fräulein Trixi sah unruhig von einem zum anderen und verstand die Welt nicht mehr. Von draußen hörte man eine Nachtigall schlagen und von weiter her ein Käuzchen rufen. Unüberhörbar – die Pendeluhr.
Der Kommissar sah auf seine eigene Uhr und seufzte. Aber seine Gedanken waren schon wieder ganz wo anders, denn schließlich war er ja hier nicht zur Kur. Er ging auf Manon zu. „Schlafen Sie schon, junger Mann?“, fragte er. Manon, aus seinem kurzen Nickerchen gerissen, stammelte ein „Nein, nein“. „Gut. Ich möchte von Ihnen noch etwas wissen. Haben Sie jemals mit Herrn Rabitsch gesprochen? So – Belangloses, muss gar nicht wichtig gewesen sein?“ Manon fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes, dunkles Haar. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Dann dachte er an den Vortrag, den ihm Rabitsch gehalten hatte. Er zögerte noch. „Haben Sie, oder haben Sie nicht?“, fragte Braumüller erbarmungslos. „Herr Rabitsch hat schon …“ „Was?“, fragte der Kommissar ungeduldig. „Na, er hat mich – äh, er hat mir die Situation am Arbeitsmarkt erklärt.“
„Was waren Sie von Beruf?“, fragte der Kommissar Rabitsch. „Ich? Ich war Prokurist in einer Lebensmittelfirma.“ „Wie lange ist das her?“ „Ungefähr – zwanzig Jahre“, sagte Rabitsch. „Da sind Sie eigentlich weg vom Fenster, was?“, lachte Braumüller. „Wie kommen Sie in diese beratende Funktion, würde mich interessieren?“ Rabitsch war grantig, das sah man ihm an. „Nun, ich lese Zeitung“, sagte er, ohne seinen Ärger zu verheimlichen. „Zeitung lesen Sie? Glauben Sie, dass Ihnen das die notwendige Legitimation gewährt, Arbeitsmarktberichte abzugeben?“, grinste der Kommissar. Die anderen schmunzelten. „Was hat er noch gesagt?“, erkundigte sich Braumüller bei Manon. „Ja, irgendwie hat er gemeint, dass die jungen Leute heutzutage nichts mehr angreifen wollen, und gleich viel Geld verdienen wollen und so. Und er hat auch gesagt, dass er und Frau Maar die Sonne und das Meer lieben.

Das war alles.“ Braumüller zog eine Zigarette aus der Packung, zündete sie an, und blies den Rauch in kleinen Wölkchen vor sich her. „Wer nicht, Herrschaften, wer nicht, was?“, meinte er. „Aber leider, heute sind wir hier, und nicht in – Bibione! Dorthin fahren Sie ja so gerne, Herr – Rabitsch?“ Braumüller hob die Brauen und sah Rabitsch scharf an. „Das soll ja nicht gerade gratis sein, wie ich immer höre. Unsereiner kann sich das nicht leisten“, sagte er mit leiser Stimme. „Mit einer kleinen Rente ist das überdies nicht möglich. Darf ich fragen, wer Ihre Reisen zu finanzieren pflegt?“
Rabitsch begann sich aufzuplustern wie ein Truthahn. „Ich glaube nicht, dass das für Sie von Belang ist“, meinte erbost. „Oh doch, lieber Herr, das ist sehr wohl von Belang für mich. Frau Maar, bezahlen Sie das, wenn ich so frei sein darf?“, wandte er sich an die Geliebte Rabitschs. Sie wurde rot wie eine Tomate. „Nein. Ja, natürlich. Also, halb halb“, stotterte sie. „Hervorragend, das war wieder eine Antwort! Darf ich es mir jetzt aussuchen, wie die Sache liegt, oder was?“
Jetzt setzte sich Rabitsch in Position. „Natürlich bezahle ich das, das ist doch selbstverständlich.“ „Sie sind ja schließlich der Gentleman, ich verstehe. Die Rechnungen hier in der Pension bezahlt alle Ihre Gattin, soweit ich das in der kurzen Zeit feststellen konnte. Sie sind also von ihr eingeladen, wenn ich das richtig verstehe, oder?“ Rabitsch zerknüllte nur sein Taschentuch mit den Buchstaben B.R. „Ich habe geerbt“, sagte er plötzlich. „Schön für Sie. Und von wem, wenn man fragen darf?“
„Dürfen Sie nicht!“, sagte Rabitsch schlagfertig. „Gut! Ich habe in Ihrem Zimmer eine Dokumentenmappe gefunden. Darin befindet sich unter anderem auch ein Testament Ihrer Gattin.“ Rabitsch wurde noch eine Stufe blasser.
Die anderen hoben ruckartig ihre Köpfe. Professor Ebner wollte schon seine Hand heben, ließ sie aber wieder sinken. „Haben Sie dazu eine Order?“, fragte Rabitsch erbost. „Ich brauche keine Order. In so einem Fall darf ich alles, beinahe alles“, brummte Braumüller. „Ich habe in dieser Mappe hochinteressante Dinge entdeckt, Herr – Rabitsch!“, fuhr der Kommissar fort. „Und welche, wenn erlaubt ist, zu fragen?“, zischte er. „Nun, Sie sind darin beispielsweise in einer Ablebensversicherung als Universalerbe eingesetzt, Herr Rabitsch!“
Dieser Satz fuhr wie ein Donnerschlag in die Runde ein. Rabitsch war aufgesprungen. „Was wollen Sie damit sagen?“, fragte er ganz langsam, gepresst. Alle anderen redeten heftig aufeinander ein. Der Kommissar schien den allgemeinen Aufruhr aufs Höchste zu genießen und sog genüsslich an seiner Zigarette, die beinahe schon bis zum Filter glühte. „Was, zum Donnerwetter, soll das? Was bezwecken Sie mit dieser Bemerkung? Wollen Sie mich hier als – Mörder bloßstellen, wie? Ich möchte sofort meinen Anwalt anrufen! Jetzt! Mitten in der Nacht! Das ist unerhört, was ich mir hier bieten lassen muss! Unerhört!“

Er ging jetzt aufgeregt auf und ab, zu aufgebracht, um seinen Platz beizubehalten. „Beruhigen Sie sich wieder, Herr Rabitsch. Ich habe doch gar nichts gesagt, außer, dass ich dieses Dokument vorgefunden habe. Sonst nichts! Was regen Sie sich denn so künstlich auf?“ „Soll ich nicht? Soll ich mich nicht aufregen? Sie legen mir ja förmlich in den Mund, dass ich es gewesen sein muss, oder etwa nicht? Jetzt haben Sie Ihr verdammtes Indiz! Jetzt haben Sie es gefunden! Darauf wollten Sie doch von Anfang an hinaus, nicht wahr?“
Braumüller dämpfte seelenruhig seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Noch ist hier niemand schuldig gesprochen, ja? Stellen wir das einmal fest. Wie Sie sehen konnten, ist die Wirkung dieser Mitteilung nicht ganz unbemerkt geblieben“, meinte der Kommissar ostentativ. „Eine unerhörte Bloßstellung, das! In diesem Haus kann ich mich ja nicht mehr sehen lassen!“, tobte Rabitsch und zog an seiner Schalkrawatte, um sich etwas Luft zu verschaffen. „Nun verlieren Sie doch nicht gleich die Contenance“, riet ihm Graf Traunstein, „das ist ja unerträglich, welcher nervlichen Belastung man uns hier aussetzt. Schließlich sind wir allesamt nicht gesund und zur Rehabilitation hier. Ich würde sagen, man sollte dieses Verhör am Tage anberaumen, das muss man sich ja nicht gefallen lassen, nicht wahr?“
Da schien Kommissar Braumüller auf einmal etwas verunsichert, ob er nicht doch zu weit gegangen war. „Vielleicht haben Sie recht, Herr – Traunstein“, sagte er, „ich brauche nicht mehr lange. Morgen ist ja auch noch ein Tag, ja, Sie haben völlig recht.“ Er verschränkte seine Arme über dem Sakko mit den Lederflecken an den Ärmeln und schickte sich an, wieder seinen Marsch zu beginnen, hin zur Topfpalme, wieder zurück bis zum Sofa und so fort.

Die Anwesenden verdrehten enerviert die Augen. „Man bietet hier alle Arten von Massagen an, höre ich. Bäder, Moorbäder, Schönheitspackungen. Gesichts- und Körperbehandlungen oder – Vital-Pakete und so ein Zeug. Waren Sie schon einmal in der Gradieranlage?“, fragte Braumüller Rabitsch. „Was soll das jetzt? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, sagte dieser verunsichert. „Nur so. Ich wollte fragen, welche Art von Behandlungen Sie hier machen.“ „Keine“, antwortete Rabitsch kurz. „Warum nicht?“ „Weil ich nicht krank bin, deshalb. Ich bin mit meiner Gattin hierher gefahren, damit ich für sie …“. „Herr Rabitsch“, lächelte der Kommissar plötzlich, „Sie haben mit Ihrer Gattin doch hier gar nichts zu tun. Sie wohnen in einem anderen Zimmer, Sie gehen tagsüber ihre Wege und spielen des Nachts hier herunten Karten und geben sich dem Gesellschaftsleben hin. Wieso sind Sie nicht woanders hingefahren? Ihre Frau braucht Sie ja gar nicht?“
„Sie sind wirklich unverschämt“, sagte Rabitsch und wandte sich von ihm ab. „Ja, ja. Das ist so meine Natur. Gegenüber der Gradieranlage ist ein Reisebüro. Im Zimmer von Frau Maar liegen zwei Karten für eine Schiffsreise. Ich denke, es war eine Kreuzfahrt. So genau habe ich es nicht gelesen. Und wenn ich mich nicht getäuscht habe, dann fahren Sie morgen ab. Ist das richtig? Ihre Frau bleibt aber noch zwei Wochen. Allein, wie ich annehme? Oder?“ Rabitsch sagte nichts.

Linda Maar rieb sich die müden Augen mit den Fingern beider Hände. „Wann werden Sie fahren?“, fragte Braumüller, „es ist ziemlich weit bis Genua. Sie nehmen doch Ihr Auto, nicht wahr? Es ist noch kein Jahr alt. Hat Ihnen das Ihre Gattin zum Geburtstag geschenkt? Für das aufopfernde Verhalten ihr gegenüber?“, ätzte der Kommissar. „Pff!“, machte Rabitsch. „Also gut. Das gehört nicht hierher. Ich weise Sie allerdings darauf hin, dass Sie ab sofort den Ort nicht zu verlassen und sich alle zwei Stunden im Kommissariat zu melden haben. Ist das klar?“
Rabitsch kochte vor Wut. Aber er nickte zustimmend. Die Maar schluchzte einmal kurz auf.

Moll bemerkte ein anderes Plakat, ebenfalls in Türnähe. Die Jagd- und Naturausstellung wäre ab jetzt täglich geöffnet, oben, auf der Alm. Das könnte er morgen schaffen, nach dem Gang um den See. Wenn man doch endlich schlafen gehen könnte! Professor Ebner bat, austreten zu dürfen. Das kam dem Kommissar sehr gelegen und er ging gleich mit ihm. So trat eine Weile Ruhe ein im Salon. Rabitsch wich den Blicken der anderen unentwegt aus. Der Graf flüsterte etwas mit Frau Hase. Die Trinks gähnte gelangweilt vor sich hin. Die architektonische Pracht des postromantischen Salons begann unter der Müdigkeit seiner Betrachter immer mehr zu verblassen und die Faszination des von dunklen Holzbalken umgebenen Kamins schwand mit jedem Schlag der dominierenden Pendeluhr, die ihm den Rang abzulaufen begann.
Da betraten Ebner und der Kommissar wieder den Salon. Ebner setzte sich artig, erleichtert, als hätte er eben gebeichtet. Aber vielleicht war es auch nur wegen des Wasserlassens. Kommissar Braumüller stellte sich provozierend in die Mitte des Raumes, hüstelte ein wenig und griff dann in seine Rocktasche, um sich abermals eine Zigarette zu angeln und sie anzuzünden. „Frau – äh, Frau Trinks“, begann der Kommissar. Moll spitzte die Ohren. Hatte der Professor irgendetwas Dummes gesagt, da draußen? Das sähe ihm ähnlich, dachte er.

„Ich habe noch eine kleine Frage an Sie.“ Sybilla Trinks sah ihn erwartungsvoll an. „Finden Sie, dass es richtig ist, das Leben eines Menschen nicht um jeden Preis zu erhalten, oder sagen wir, zu verlängern, wenn beispielsweise – nehmen wir einmal an, ja? Wenn also beispielsweise der Leidenszustand des oder der Kranken nicht mehr, äh – behoben werden kann? Wenn das Leben zur Qual geworden ist, ja, nicht mehr lebenswert ist? Frau Trinks?“ Der Kommissar sah sie lange und ganz genau an. Sybilla Trinks verzog keine Miene. Sie dachte nach, was sie antworten sollte. Braumüller ließ ihr diesmal Zeit. Viel Zeit. Schließlich gab sie ihm folgende Antwort: „Wenn ich Sie recht verstehe, fragen Sie aus einer ganz bestimmten Absicht heraus?“ Der Kommissar nickte: „Ich frage stets in einer bestimmten Absicht, ja, das ist mein Beruf!“, sagte er. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man ein so unlebenswertes Leben unter besonderen Umständen beenden könnte, wenn eine todkranke Person das so will, vorausgesetzt, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist, so einen Schritt für sich selbst entscheiden zu können, ja!“, sagte sie entschlossen.
Moll wurde ganz schwach in den Beinen. Jetzt ist sie dran, dachte er! Sie muss verrückt geworden sein. Es gibt überhaupt keine Beweise dafür, dass sie … Wahnsinn, das alles! „Aha! Sie meinen also, Euthanasie hätte Berechtigung, lebensunwertem Leben aus Gründen des, äh, wie auch immer man es bezeichnet, nennen wir es – Mitleid – durch den Gnadentod zu – wie soll ich es ausdrücken – eben ein Ende zu bereiten. Ist das richtig?“ „Ja, durchaus. Könnte ich mir vorstellen. Wenn die Schmerzen unerträglich werden – ja ja, ich würde das für mich beanspruchen.“

Der Kommissar ging rascher auf und ab. Er kratzte sich jetzt einmal an seiner Glatze, dann wieder am Kinn. Er strich seinen Schnurrbart, um sich hinterher wieder an der Glatze zu kratzen. Seine Zigarette glimmte wie ein Hochofen. Die Anwesenden wurden unruhig. Die Augen des Professors glühten wie Kohlen und sein Mund schnitt eine Grimasse nach der anderen. Seine Zähne mahlten und er schwitzte auf seiner roten Stirn, als ob er in der Sauna säße. Graf Traunstein hatte sich aufgesetzt und vergaß beinahe, zu atmen.
Die Damen wischten ihre feuchten Hände in Servietten und Papiertaschentücher, während Manon blöde vor sich hingrinste. Fräulein Trixi aber verstand die Welt noch immer nicht und schüttelte ihr brünettes Köpfchen vor Verwunderung über das, was hier ablief. „Ist Ihnen bekannt, Frau Trinks, dass schon einmal in diesem, nein, im vorigen Jahrhundert im Zusammenhang mit unheilbar kranken Menschen von…“, er machte eine kleine Pause, „leeren Menschenhülsen und Ballastexistenzen die Rede war?“ Sybilla Trinks lachte kurz auf. „Nein, tut mir leid. So etwas hab‘ ich noch nie gehört, ehrlich!“ Dann lachte sie abermals. „Sollten Sie aber, Verehrteste, sollten Sie aber!“

„Wie meinen Sie das?“, fragte sie naiv. „Damals war davon die Rede, man müsse solche Menschen abstoßen, wie verfaulte Organismen, und das war nicht nur gegen verblödete Kinder gerichtet, oder Psychopathen, durchaus nicht. Man hatte daran gedacht, nicht nur alle möglichen Geisteskrankheiten auszurotten – durch Euthanasie –, sondern auch anderen Erbkrankheiten auf diese Weise den Garaus zu machen.“ Er blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Runde.
„Jetzt gehen Sie aber wirklich zu weit!“, rief der Graf erbost, „was fällt Ihnen ein, solche Assoziationen zwischen diesen ekelhaften Dingen und Frau Trinks herzustellen? Wer glauben Sie, dass Sie sind?“ Der Graf war außer sich.
„Bleiben S‘ ruhig, Herr Traunstein. Ich stelle wie immer nur Dinge in den Raum, die für mich durchaus relevant sind – in meinen Überlegungen, wenn Sie verstehen, was ich meine?“ Traunstein hatte sich wieder Irene Hase zugewandt und flüsterte ihr abermals etwas ins Ohr. „Wenn Sie was zu sagen haben, Herr Traunstein, dann tun Sie es laut, damit wir alle was davon haben, ja?“, ermahnte Braumüller den Grafen. „Ist nicht von Belang für Sie!“, antwortete Traunstein trotzig. „Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Frau Trinks, stellen Sie sich vor, das macht Schule! Die Billigung einer Art Gnadentod-Aktion, z z z , stellen Sie sich das alle einmal vor, Herrschaften. Ja, wo kämen wir denn da hin? Wer sollte denn das entscheiden, wann so etwas legitim ist? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Ganz zu schweigen davon, dass sich jeder Dahergelaufene dazu berufen fühlen könnte, so einem Wunsch auf eigene Faust nachzukommen, oder etwa nicht, Frau Trinks?“
Syblla Trinks legte ihre linke Hand auf die Brust und atmete schwer. „Wie reden Sie denn mit mir?“, fauchte sie den Kommissar an, „oder – halten Sie mich etwa für die…“. „Ich habe mit keinem Wort angedeutet, dass ich Sie in irgendeiner Form belasten würde. Ich habe lediglich versucht, Ihnen ein Beispiel zu nennen. Was den Tod von Frau Rabitsch betrifft, so habe ich hier meine eigene Theorie und ich werde sie Ihnen bekannt geben, sobald ich meine Befragung für beendet erklärt habe. Punktum!“
Frau Trinks lehnte sich empört zurück. „Ich werde Ihre Fragen nicht mehr beantworten!“, sagte sie entschlossen und warf ihren Kopf stolz in den Nacken. „Bitte, kann ich Ihnen nicht verübeln. Sie haben das Recht als Zeuge, die Auskunft über solche Fragen zu verweigern, wenn Sie der Auffassung sind, deren Beantwortung könnte für Sie die Gefahr einer Strafverfolgung in sich bergen. Gestehe ich Ihnen zu. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam“, und der Kommissar hob die rechte Hand und streckte seinen Zeigefinger senkrecht empor, „dass Sie dazu verpflichtet sind, den ordnungsgemäßen Ablauf dieser Befragung hier, der für den späteren Beweis der Wahrheitsfindung erforderlich ist, nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen und über Ihre konkreten Wahrnehmungen bezüglich diverser vergangener Tatbestände und Zustände, und darauf lege ich besonderen Wert, Zustände!“, er wiederholte dieses Wort langsam und mit besonderem Nachdruck, „Zeugnis ablegen. Ist Ihnen das klar, Frau Trinks?“
Sybilla Trinks sagte nichts. „Gut“, begnügte sich Braumüller vorläufig damit, „werde ich meine Gedanken eben alleine weiterspinnen und dabei hoffen, einigermaßen Ihrem Geschmack zu entsprechen“, setzte er zynisch hinzu. „Übrigens wollte ich vorhin noch ergänzen, dass sich damals Ärzte, die Kirche und vor allen Dingen die Juristen absolut dagegen ausgesprochen haben. Und, Frau Trinks, glauben Sie mir, das würde heute nicht anders sein. Es kann niemand von uns auf diese Weise über Leben und Tod entscheiden, das sollten Sie sich einprägen. Haben Sie gehört? Sich einprägen – einprägen!“

Moll war, als verhallten die Worte des Kommissars wie ein Echo. Er meinte, geschlafen zu haben, und – plötzlich erwacht zu sein, dann aber wieder – aber nein, da waren sie ja alle, der Graf, die Maar und die Hase, Manon, Fräulein Trixi, und dieser entsetzliche Kommissar, der ständig vor ihnen auf und ab lief, zum Greifen nahe, alle, wie sie lebten.
„Und noch etwas, Frau Trinks, nach dem Krieg hat es zahlreiche Prozesse gegeben, zahlreiche, sag ich Ihnen, in denen sowohl Ärzte als auch das Pflegepersonal einiger Heilanstalten, welche für die Tötungen maßgeblich beteiligt waren, zur Verantwortung gezogen worden sind. Haben Sie das gewusst?“
Doch Sybilla Trinks blickte nur demonstrativ zur Decke hoch. Als ob sie das Fries betrachtete, dachte Moll, und er bekam wieder diese Angst, eine unsägliche Angst vor dem nächsten Tag, an dem er sich wieder selbst ertragen musste, solange, bis ihn am Abend endlich der Schlaf überwältigte und in eine andere Welt hinübertrug, in eine, in der er sich nicht mehr selbst zur Last fiel und von sich erholen konnte.

Aber der Kommissar ging noch immer auf und ab und rauchte in einem fort. Professor Ebner hingegen schien gar nicht zufrieden zu sein mit dem Ergebnis der letzten Befragung von Trinks durch den Kommissar, und Moll quälten die Gedanken zu Tode, worüber dieser entsetzliche Schulmensch wohl mit ihm gesprochen haben mochte? Es musste irgendwo einen Schlüssel in die Vergangenheit geben, ja, ganz offensichtlich, die in Molls Gegenwart eine wichtige Rolle zu spielen schien, eine Art Mythologie, die sich in seinem Inneren abzuspielen anschickte, ausgehend von einem wichtigen Ereignis, dessen er sich augenblicklich nicht zu entsinnen vermochte, ob es im Zusammenhang zu seiner momentanen individuellen Entwicklung stünde, gar aus einem Bedürfnis heraus, einem unerfüllten Wunschdenken vielleicht, dessen Ursachen er sich nicht erklären konnte. Aber eines spürte er, dass es sich aus einer konflikthaften Anregung um das Tagesgeschehen handeln musste, von der er meinte, dass sie sich ihm bewusst darstellte und er all diese Verdrängungen, die damit in unmittelbarem Zusammenhang standen, auf irgendeine Weise gelöst haben wollte. Die Geschehnisse des Tages und diese – diese Reize der Vergangenheit, waren nicht identisch mit dem, was ihm hier widerfuhr, dachte er.
Er konnte mit der Person dieses Kommissars nichts anfangen. Und Moll bemühte sich, dessen Gesicht zu erkennen, was ihm nicht gelingen wollte. Einmal meinte er, kurz jenes eines guten Freundes in ihm zu sehen, dann wiederum eine Figur aus einem Film, ja, aus irgendeinem Film wahrscheinlich. Diese Schranke zur bewussten Wahrnehmung konnte und konnte er in diesem Fall nicht überschreiten, aber andererseits war ihm, als würde ihm alles Unbewusste von einer fremden Macht aus dem Bewussten entzogen. Für Moll hatte alles Wahrheitsgehalt, was hier vor sich ging, keine Frage. Nichts kam ihm dabei wirr oder unzusammenhängend vor, oder gar widersprüchlich, auch wenn die Person des Kommissars durch eine andere Person ersetzt schien, für Augenblicke zumindest.
Die Zeugeneinvernahme lief vor seinen Augen ab wie eine Art Halluzination, in der er gewissermaßen die Wunscherfüllung sah, aber wessen? Das war doch nicht sein Wunsch, dass jemand Sybilla Trinks derart belastete? Er bangte um sie, obwohl er nichts mehr für sie empfinden konnte, sie nicht mehr fühlte und merkwürdigerweise sich selbst auch nicht. Doch löste dieses Verhör des Kommissars in ihm eine weitere Angst aus, anders als jene, sich vor sich selbst zu Tode zu langweilen, nein, es war eine Angst vor dem Unbewussten, welches Gefahr lief, in seine Wahrnehmung der eigenen Wirklichkeit einzudringen.
Moll diagnostizierte eine verstärkte Gehirntätigkeit, tatsächlich, dieser Fall beschäftigte ihn unverhältnismäßig heftig, und er fühlte eine unglaubliche Aktivität seiner Augäpfel, was ihm sonderbar vorkam. Eine Halluzination – kam es ihm nochmals in den Sinn – sollte es ihm möglich sein, eine derart anschauliche Vorstellung von etwas zu haben, ohne entsprechenden Sinnesreiz, wie beim Übergang vom Wachsein in den Schlaf, oder umgekehrt, wie es von jedem erlebt werden konnte? Eine Vorstufe zum Delirium tremens etwa, oder zu manisch depressivem Irresein? Aber nein – da waren ja alle wieder – vollzählig – wie ihm vorkam.

Der Kommissar war da. Ging auf und ab, die ganze Zeit über. „Wenn ich nun zu dem Schluss kommen würde, Frau Trinks, dass Sie, als Vertraute – als einzige Vertraute hier im Hause, in einer Stellung, und ich wage zu behaupten, eine, die nicht einmal ihr Gatte Herr Rabitsch eingenommen hatte – Frau Gertrude Rabitsch einen Wunsch erfüllt hätten? Einen unerfüllbaren Wunsch – nämlich den, die unglückselige Frau Rabitsch von ihrer entsetzlichen Atemnot zu befreien – für immer, Frau Trinks! Was würden Sie mir da zur Antwort geben?“ Sybilla Trinks war blass geworden, sehr blass. Norman Moll wollte von seinem Sessel aufspringen, konnte sich aber nicht bewegen, um diesem Kommissar an die Gurgel zu fahren, es war ihm völlig unmöglich, seine Hand gegen ihn zu erheben, so als ob er gelähmt wäre.
Sybilla Trinks bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Der Kommissar schritt hoch erhobenen Hauptes auf und ab. Er schien sich seiner Sache nun völlig sicher. Bodo Rabitsch schlug das Herz bis zum Halse. Er war in seinem Sessel die ganze Zeit tiefer und tiefer nach unten gerutscht, und saß schon mehr auf der Lendenwirbelsäule als auf seinem Gesäß. Sollte nicht Rabitsch…?

Moll verstand nichts mehr. Rabitsch war doch das Rabenaas. Wieso die Trinks? Von Anfang an spielte für ihn nur dieser aufgeblasene Kerl die Rolle des Bösewichts. Und nun sollte die Gute die Böse sein? Moll warf sich hin und her und er geriet zunehmend in einen inneren Konflikt, nicht mehr unterscheiden zu können zwischen dem, was nunmehr Ordnung war, was Traum, Chaos oder Wirklichkeit hätte sein sollen. Er war nicht mehr dazu in der Lage, sich durch die Vorstellung sinnvoller Nachfolgebeziehungen vorzustellen, was ablief. Er hatte sich erwartet, dass durch das Verhör diejenigen Personen in ihren wesentlichen Merkmalen zusammengefasst würden, die tatsächlich für die Durchführung jener schrecklichen Tat verantwortlich gemacht werden konnten.
Aber doch nicht Sybilla Trinks! Aber – so viele kämen eigentlich gar nicht infrage, kam ihm in den Sinn. Ordnung schaffen musste man! Gemeinsame Merkmale suchen, die den Täterkreis auf ein Minimum der Infragekommenden schrumpfen und dadurch selektionsfähig machen würde, und diesen an gemeinsamen Charaktereigenschaften festmachen und zuletzt eben …

Und Moll suchte verzweifelt nach den Ursachen für den furchtbaren Irrtum Braumüllers, sie dem Chaos – jenem universalen Gähnen dieser Welt – zuzuordnen, so, wie es von der griechischen Wortbedeutung abgeleitet worden war, was Martin Luther mit Wirrwarr, mit der Unordnung bezeichnet hatte, und er fand einen unermesslichen Raum um sich vor, einen Raum, der vor allen Dingen gewesen schien und vor dessen Existenz der Mythos regiert hatte, form- und gesetzloser Urzustand des Tohu-wa-bohu.
Nur der Geist wäre jetzt dazu befähigt, die Logik der Regelmäßigkeit und vor allem der Gerechtigkeit zu erkennen, jenen Punkt, an dem die Naturphilosophen die göttliche Schöpferkraft erwarteten, wenn schon die Wirklichkeit nicht erklärbar war. Und er war überzeugt davon, der Kommissar irrte, irrte deshalb, weil er die Differenz zwischen dem Subjekt Bodo Rabitsch und der unschuldigen Sybilla Trinks nicht erkennend, für ihn, Norman Moll, zumindest, verarbeiten konnte.

Doch hier ging es um mehr als nur um die naive und sentimentale Aufklärung eines dubiosen Mordfalles. Das Erstellen eines naturalistischen Täterprofils, so wie es sich Braumüller vorstellte, als Kopie einer Wirklichkeit, wie sie diesem genehm gewesen wäre, entbehrte jeglicher realistischen Gestaltung, zwar wirklichkeitstreu und den natürlichen Tatsachen eines solchen Rechnung tragend, jedoch – wo blieb die Kunst des Urteils über die gesellschaftlichen und seelischen Befindlichkeiten jener unverwechselbaren Sybilla Trinks?
Moll erschrak. Hatte er sie jetzt eben selbst kriminalisiert? War das ein unbewusstes Zugeständnis an Braumüller, diesen kriminalistischen Dilettanten? Es pochte und hämmerte in ihm wie verrückt und aus dem Stimmengewirr, das an seine Ohren drang, vernahm er die Worte: „Sie haben die Pflicht, als Zeuge in einem Verhör auszusagen und die Richtigkeit Ihrer Aussage zu beeiden. Dem kann sich niemand entziehen, auch Sie nicht, Frau Trinks!
Es ist meine Pflicht, verehrte Anwesende, hier und jetzt im Mordfall Gertrude Rabitsch die objektive Wahrheit zu ergründen und es steht mir jederzeit zu, auch Zeugen anzuhören, deren Vernehmung von niemandem sonst beantragt wurde außer von mir, und wiederum nur von mir! Ich habe bisher auf Ihre eidesstattlichen Aussagen verzichtet, und zwar aus guten Gründen, die ich hier nicht nennen möchte.“

Moll versuchte sich, dem ohrenbetäubenden Schall dieser ihm völlig unbekannten Stimme zu entziehen, da blieb es auch schon still um ihn. Nur sein Herz hörte er pochen, nicht regelmäßig, eher hinkend, eins, zwei, drei, dann nichts, dann eine doppelter Schlag, und das Atmen fiel ihm schwer, das Atmen, und er versuchte sich vorzustellen, wie Frau Rabitsch unter dem Polster, Todesängsten ausgesetzt, es konnte unmöglich ihr Wunsch gewesen sein … auf diese Weise … ums Weiterleben gekämpft haben musste.
Und unmöglich, dass Sybilla Trinks – völlig ausgeschlossen, dass eine Frau wie sie auf so entsetzliche Weise… nein und noch einmal nein! Auf der Ebene fünf des Wiener AKH hatte er selbst das Notfallspraktikum absolviert, im ersten Semester seines später abgebrochenen Medizinstudiums, als ein Assistent erschienen war, sich auf das Katheder setzte und genüsslich, so, als ob es um die Erzählung eines Rezeptes für die Herstellung eines Apfelstrudels gegangen wäre, erklärt hatte: „Herrschaften, heute lernen wir über das Erwürgen und Erdrosseln. Stellen Sie sich vor, Sie möchten jemanden erwürgen, dann kann ich Ihnen gleich sagen, das ist ein mühseliges Unterfangen. Wie würden Sie es anstellen? Mit bloßen Händen? Also, davon würde ich abraten. Sie haben nicht die Kraft dazu! Mit einer Drahtschlinge gelingt das schon eher, glauben Sie mir, ich empfehle eine Drahtschlinge! Aber, damit allein ist es noch nicht getan. Sobald Sie nämlich beginnen, diese zuzuziehen, nutzen Sie die Hebelwirkung. Man benötigt einen Gegenstand, um die Schlinge zusammenziehen zu können, einen Schraubenzieher oder was eben greifbar ist, Sie verstehen?
Also, drehen Sie das Opfer weg von sich. Es ist furchtbar, mitanzusehen, wie nach und nach die Augen aus den Höhlen quellen, ein Blutsprühregen wird sich über Sie ergießen, also, nein, das ist alles unappetitlich! Drehen Sie das Opfer von sich weg, kann ich Ihnen nur dringend empfehlen.“ Einige Studentinnen und Studenten in den ersten Reihen waren blass geworden. Der Assistent fuhr fort. „Sehen Sie, der Atmungsapparat ist die Kontaktstelle zwischen Blut und Luft. Im Inneren des Körpers ist eine Stelle vorhanden, an der die Blutgefäße engsten Kontakt zur Luft bekommen, aus der sie den Sauerstoff entnehmen.
Übrigens wird dort auch Kohlendioxyd abgegeben. Also, die Lungen besorgen den Gastransport, klar? Und die Lunge ist auch der eigentliche Ort, an dem Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxyd abgegeben wird. Sie werden verstehen, dass die Luftwege aus ganz bestimmten Gründen relativ starrwandig sein müssen, damit sie nicht so leicht abgedrückt werden können.“

Der Assistent lachte. „Und schließlich gibt es auch noch Verstärkungen, zum Beispiel durch die Knorpelringe der Luftröhre. Genau dort müssen Sie natürlich stärker zudrücken, wenn Sie zu einem zielführenden Ergebnis kommen wollen.“ Er lachte abermals. „Wenn Sie also entsprechend lange und fest zugedrückt haben, dann platzen die Bläschen in der Lunge. Und das gibt dann einen feinen Sprühregen, der eben durch die Nase austritt. Und wenn Sie Ihr Opfer also dummerweise nicht von sich weggedreht haben, dann schauen Sie schön aus, was?“ Einige Studenten hatten nur dumm gelacht. Die meisten anderen aber hatten das gar nicht lustig gefunden.
Auch Norman Moll nicht, und er erinnerte sich, dass er sich fürchterlich darüber geärgert hatte, über die fehlende Ethik dieses dozierenden Kurpfuschers und daran, dass man solchen Leuten irgendwann einmal völlig ausgeliefert sein würde. Und wenn es auch nur ein Polster gewesen sein sollte, ließ Moll die Vorstellung über den Erstickungstod Frau Rabitschs die kalten Schauer über den Rücken laufen.

Norman Moll suchte indessen erneut, beinahe fieberhaft, nach jenem Schlüssel in die Vergangenheit, welcher ihn in die Gegenwart zurückführen sollte, um diesen unerträglichen Zustand so rasch wie möglich zu beenden. Das Gesicht des Kommissars war jetzt wieder verschwommen, die Konturen seiner Gestalt diffus und Moll meinte, er wäre für kurze Zeit unsichtbar, aber – nein, da war er ja wieder, strich seinen Schnurrbart und kratzte sich – diesmal am Kinn. Jetzt aber kam ihm die ganze Sache doch etwas wirr und unzusammenhängend vor, ja, sogar widersprüchlich, vor allem in den Hypothesen Braumüllers, nun eine bereits abgelegte Variante erneut auszubauen und zu erhärten.
Obwohl – diese kam ihm gelegener als jene, welche Sybilla Trinks belastet hatte, richtete sie sich doch gegen Rabitsch, und damit auch gegen alles, was dieser für ihn repräsentierte, Autorität, in gewissem Sinne auch Macht und irgendwie die unterschwellige Angst, diesem Menschen, worin auch immer, unterlegen zu sein.

Frau Maar verfiel zusehends und Bodo Rabitsch versuchte verzweifelt, ihr durch übertriebene Gestik irgendwelche Botschaften zu vermitteln, die sie nicht entschlüsseln konnte. Es war für alle das Bild einer Welt entstanden, die ihre Vergänglichkeit in den verzweifelten Handlungen eines Menschen widerspiegelte, der offenbar versucht hatte, sein kümmerliches Leben, und damit auch seine Haut, auf eigene Art und Weise zu retten, indem er, in falschem Glauben gehandelt, noch einen allerletzten Vorteil für sich herauszuschinden gedachte, jenen der absoluten materiellen Unabhängigkeit etwa?
Dieser Mann hatte doch bereits alles? Mehr noch, denn er hatte sich mit der Liaison zu Linda Maar Freiräume geschaffen, die normalerweise streng tabu waren in einer Gesellschaft, die er repräsentierte, und sonst üblicherweise klammheimlich passierten. Aber so?
Rabitsch hatte sich nicht einmal bemüht, die Sache mit der Maar auch nur irgendwie zu verbergen. Mit über siebzig war an sich so ziemlich alles gelaufen, sollte man meinen. Aber es war doch nicht genug, wie hier festgestellt worden war. Immerhin bezog er eine kleine Pension, seine Gattin war nicht gerade arm, und er hatte überdies auch noch den einen oder anderen Besitz veräußert, um seinen Lebensstandard zu erhöhen.
Welche Rolle konnte da noch eine ausbezahlte Lebensversicherung spielen? Rabitschs Mercedes war neu, er konnte auch nicht mehr essen, als er vertrug, noch mehr reisen, vielleicht? Und trotzdem schien Norman Moll die ganze Angelegenheit eher unglaubwürdig. So ein Mensch war er nicht, dieser Rabitsch, dass er einen Mord begehen könnte! Anstatt seine Pension zu genießen… Moll erinnerte sich, als er ihn gefragt hatte, ob er selber schon in Pension wäre. Als ob das heutzutage so leicht ginge, ärgerte er sich.
In seinem Alter musste man mit dem Kopf unterm Arm vorweisen, dass man zu nichts mehr taugte. Die verschwenderischen Jahre des Wirtschaftswunders waren eindeutig vorüber und der konservative Flügel der letzten Legislatur hatte dem Frührentnertum ein für alle Mal das Handwerk gelegt. Was wäre überhaupt passiert, wenn Fräulein Anna noch einmal bei Gertrude Rabitsch vorbeigeschaut hätte? Sie hatte tagsüber ja auch des Öfteren nach ihr gesehen. Vielleicht könnte Frau Rabitsch noch am Leben sein? Und schließlich war Fräulein Anna auch ausgebildete Krankenschwester und Pflegerin.

Ja, dachte Moll, nachsehen hätte man sollen – einen Hilferuf loslassen – den rettenden Hilferuf – vielleicht war sie nur bewusstlos gewesen, anfangs – man hätte den Puls fühlen können, ob noch Leben in ihr war – dann hätte alles ganz rasch gehen müssen: Das Festlegen des Herzmassagepunktes – vom Sternum aus, drei bis fünf Zentimeter am Brustbein nach oben – Massagefrequenz sechzig bis achtzigmal pro Minute – ihre Rippenansätze würden gekracht haben – Serienbrüche wären in diesem Alter unvermeidbar gewesen – schmerzhaft zwar, aber wenn es der Sache diente – nein, dem Leben! Und sofort wieder Puls fühlen – zwei Atemstöße – Carotis, am besten beidseitig ertasten – Thoraxkontrolle, ob er sich hebt und senkt – nach der Carotis tasten – Zirkulation? Keine! Kreislauf weg – also los! Fünfzehn zu zwei! Fünfzehnmal Luft einblasen – zweimal Massage – Vorsicht! Nicht ruckartig – krachen tut es immer – nach dem ersten Zyklus sollte sie erwachen – dann stabile Seitenlage – der Assistent!
Mein Gott! Der Assistent fiel ihm ein! Würgen ist schlecht, hatte der gesagt, zu anstrengend! Besser erdrosseln! Das Gesicht schwillt an! Blutverblasungen! Das freut den Gerichtsmediziner, wenn der Erwürgte krampft! Im Affekt erwürgen ist nicht möglich, hat er noch gesagt! Dafür dauert es zu lange! Das sind sechs bis neun Minuten schwere Arbeit – hat er gemeint.

Moll zuckte mit den Augenlidern. Langsam wird die Hautfarbe rosiger – die Pupillen verkleinern sich – es wäre ein Fehler, den Thorax auf zu weicher Unterlage zu betten – man hätte sie aus dem Bett nehmen müssen – auf den harten Boden legen – hätte, hätte! Und wenn es nun doch ein Asthmaanfall gewesen war? Hervorgerufen durch eine plötzliche Schwellung der Bronchialschleimhaut – in Verbindung mit einem Spasmus der Bronchialmuskulatur? Einhergehend mit Sekreteindickung? Grund genug hätte sie ja gehabt, für eine psychische Aufregung, wegen ihrem Mann und der Maar natürlich! Das konnte ihm niemand weismachen, dass sie die ganze Situation kalt gelassen hätte!
Niemanden lässt so etwas kalt, dachte Moll. Und in der Angst ihrer Hyperaktivität hatte sie vielleicht selbst einen Polster über ihr Gesicht gelegt, zu sich her gedrückt – vor Verzweiflung gar? Und ist erstickt? Aber sicher nicht am Gewicht des Polsters! Er könnte nicht mehr an diesem Zimmer vorbeigehen, sagte er sich. Zu schwer lastete der Tod Gertrude Rabitschs auf seiner Brust. Norman Moll war irgendwie unruhig geworden.
Er war davon überzeugt, dass Getrude Rabitsch auferstehen würde, oder zumindest nicht ganz verschwunden war. Die Tote war gegenwärtig, das spürte er, und sie würde es auch sein, wenn ihr Bodo sich des Nachts der drallen Linda näherte, oder auch in den Träumen ihres Gatten. In diesen Augenblicken zweifelte Norman Moll nicht an der Existenz des Jenseits und er war davon überzeugt, dass nichts aufhörte, so plötzlich, was jemals am Leben war, und dass es sich in alle Ewigkeit fortsetzte, irgendwie. Die Erwartung des Weltendes, Bestandteil irdischen Seins, fixe Vision in Molls Denken, würde Klarheit darüber bringen und ein Tag würde der letzte sein, dann würde eine unvorstellbare, eine ewige und unendliche Zeit anbrechen.

Und es käme zum Gericht, so hatte der Kaplan es damals erklärt, und diese Erklärung war aus seinem kindlichen Gemüt nicht mehr auszulöschen gewesen. Dann würde die Wahrheit ans Licht kommen mit diesem Rabitsch, und schon malte er sich die Höllenqualen aus, die jenem erwachsen müssten, verschlungen vom weit aufgerissenen Schlund der ewigen Verdammnis, durch den Kamin des Kraters Ätna zum Beispiel, in dessen Innerem er von den ewigen Flammen gepeinigt und mit unvorstellbaren Folterinstrumenten misshandelt werden würde. Aber was, wenn Frau Rabitsch nun doch eines natürlichen Todes gestorben war?
Moll erlebte ganz plötzlich das Versetztwerden auf irgendwie außernatürliche Weise in einen anderen Raum, der ihm unbekannt war, den er hätte beschreiben können, dessen Inhalt er erleben konnte, als ob in ihm eine außerirdische Macht agierte. Ein Zustand der Ekstase, des Traumes, der Vision extra corpus, wie er meinte, denn er konnte sich selbst dabei beobachten. Ein Erlebnis, in dem er den normalen Bewusstseinsstrom unterbrochen, unterbunden glaubte, quasi den Sinnen entschritten!
Er durchwandelte das Stiegenhaus der Villa Langstein, am roten Sisal, einen irdischen Raum, durchaus nicht eschatologischer Natur, nein, ganz profan. Sogar die Bilder am Stiegenaufgang waren dieselben wie er sie schon einmal gesehen hatte, im vollen Bewusstsein des Tages, wie er meinte. Frau Rabitsch, die er nie zuvor gesehen hatte, stand an der obersten Treppe und winkte ihm zu, durchsichtig, blass, von wehendem Seidenstoff umhüllt.

Moll warf sich herum. Die letzten Zweifel an der Existenz des Jenseits schienen für ihn beseitigt und er fühlte Gänsehaut am ganzen Körper, die Härchen an Armen und Beinen stellten sich ihm steil auf und er wurde von einem heftigen Schüttelfrost geplagt. Der Tod, dachte er, ist nur ein Übergang, obwohl störend, weil bedrohlich. Er versuchte, sich gegen diese Vision zu wehren und in dem krampfhaften Suchen nach einer Welt des goldenen Moments, in dem die Triebkraft des Augenblicks dominierte, flüchtete er in wirren Gedanken wieder zurück ins Leben, aus den Albträumen von gestern in eine Welt, zurück zur Sinnlichkeit der „Lust auf mehr“, in eine Gastronomie des Herzens, um rasch im Geiste all die kultigen Treffpunkte, die ihm in der Eile einfielen, zu frequentieren, die angesagtesten Hotspots seiner Lieblingsstadt zu durchstreifen, um so schnell wie möglich diesem Horror zu entfliehen. Nur noch peripher, am Rande dieser Kulisse dieses Schauspiels des Todes, empfand er Gertrude Rabitschs Tod als Überschreitung, die ihn dem Alltagsleben und seiner verstandesgeprägten Gemeinschaft, wie auch seinen Erinnerungen und Phantasien, jäh entrissen, und den Banalitäten Kommissars Braumüllers, wie auch dessen endlosen und höchst peinlichen Verhören, hoffnungslos ausgeliefert hatte.

Ist Sterben denn eine Belohnung?, fragte er sich benommen. War der Tod das Glück?, als er mit seinen Beinen an etwas Hartes stieß. Instinktiv zog er die Füße zu sich heran. Irgendetwas drückte ihn im Bereich seines Bauchnabels, etwas wie ein Gürtel. Er wälzte sich unruhig hin und her und öffnete plötzlich die Augen. Es war mit einem Male Tag geworden. Ja, er konnte die Sonnenstrahlen auf seinem Bett sehen. Und er lag da, im dunklen Sakko, samt den Stiefletten, die er am Abend noch getragen hatte.
Entsetzt setzte er sich auf und rieb seine Augen. Wie war er hierhergekommen, aus dem Salon so plötzlich…? Er sprang aus dem Bett, vergaß seine entsetzlichen Rückenschmerzen, eilte zur Tür und riss sie auf. Sie war nicht versperrt gewesen.
Auf dem Flur stand Fräulein Trixi, eben im Begriff, den Staubsauger zu betätigen, um den roten Sisalteppich zu saugen. „Einen schönen guten Morgen“, lächelte sie, als ob nichts … „Morgen! Wo ist Frau Rabitsch?“, stotterte Moll. „Behandlungen! Schon seit sieben, wie immer“, wunderte sich Fräulein Trixi. Moll traten die Schweißperlen auf die Stirn. „Haben Sie vielleicht schlecht geschlafen?“, fragte sie mitleidig. Moll sah sie lange an. „Nein. Nein nein“, hauchte er, und schloss langsam die Tür zu seinem Zimmer, ganz langsam, völlig geräuschlos.

Norbert Johannes Prenner

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Die Krise 2 – Der Bürokrat

Ja, in Krisenzeiten hätte kritische Kunst vielleicht wieder so etwas wie Konjunktur erlangt. Vielleicht, könnte sein, meinte der Bürgermeister. Jedenfalls müsste man schon froh sein, wenn einmal etwas in Farbe wäre, meinte der Bürgermeister zu Stefanie Raymundo, die ihm am nächsten stand, und das müsse man der Künstlerin zugutehalten. Raymundo hob erstaunt ihren Kopf, als wäre sie von dieser Frage plötzlich überrascht worden. Mirando packte die Gelegenheit sofort beim Schopf. Schließlich war man hier in Zwicklingsau und nicht irgendwo! Das musste man doch klären. Seht doch, wie sie gleich erschrocken sei! Wer wüsste schon, woran sie gerade gedacht hätte?, sagte er. Und er, Mirando, setzte sein unverschämtestes Grinsen auf, das er in seinem Repertoire hatte, an welchem unschwer abzulesen war, woran er eben gedacht hatte.

Ob er sie zum Buffet begleiten dürfe?, nutzte Mirando sofort die kurze Ohnmacht Stefanie Raymundos aus, die, völlig perplex über dessen mehrdeutige Anspielung, kein Wort herausbrachte. Beinahe ferngelenkt willigte sie doch ein und ärgerte sich gleich darauf maßlos darüber, wie blöd sie eigentlich sei, diesem Idioten auch noch zu folgen. Sie ließen den Bürgermeister und Escortin ganz einfach stehen und gingen zum Buffet hinüber. Die Front der Gattinnen hatte sich vorübergehend in ein lockeres Gemenge aufgelöst, welches gut verteilt im Raum herumstand und vor allem den beiden keine Beachtung schenkte. Und das war vorläufig auch gut so. Mirando bat die Buffetkraft um zwei Gläser Sekt, schließlich war alles hier gratis. Ob sie Orangensaft dazu möchte, fragte er Stefanie. Ja bitte, aber nicht zu viel. Rembert Mirando goss etwas gepressten Orangensaft aus der gläsernen Karaffe in ihr Glas. Sie sahen sich in die Augen. Man prostete sich zu. Die Gläser stießen klirrend zusammen. So übel war er vielleicht gar nicht, durchfuhr es Stefanie, bis auf seine blöden Witze vielleicht, na, und das dämlich Grinsen. Aber sonst? Vielleicht ließe sie sich eines Tages zu einer Dummheit überreden, wer konnte es wissen? Schließlich war Rembert Mirando ein attraktiver Mann, und begehrenswert, zumindest wenn er den Mund hielt.
Kurze Zeit später wandelten Stefanie und Rembert mit ihren Sektgläsern interessiert von Bild zu Bild. Als sie an der Künstlerin Eva Vanin vorbeikamen, löste sich diese vom Kreise ihrer Bewunderer und streifte wie zufällig mit ihrem Handrücken der rechten Hand an jenen der linken Stefanies. Niemand der Anwesenden könnte etwas bemerkt haben, so zart, so unauffällig, so zufällig war dies geschehen. Wer denn der schmucke Amigo an ihrer Seite wäre?, fragte Eva, deren Tonfall man beinahe etwas Zynismus entnehmen konnte, neugierig. Oder sollte man Eifersucht sagen? Stefanie zeigte ihr makelloses Gebiss. Es sollte ein Lächeln darstellen. Der hier hieße Rembert Mirando. Ein aufdringlicher Bursche, wie sie nach kurzer Überprüfung sofort festgestellt habe. Solcher Menschen könne man sich in Gesellschaft unschwer rasch entledigen, ohne dabei nicht gleich einen Skandal nach sich zu ziehen. Aber Eva sollte sich keine Sorgen machen, wenn sie ginge, bliebe er noch hier! Diese Aussage schien die Künstlerin zu beruhigen, denn sie versuchte sich in einem gütigen Lächeln, hinter dem sich gelbe Eifersucht verborgen hielt.
Stefanie Raymundo ließ sie keinen Augenblick unbeobachtet, als sie sagte, man sollte vom Staat ein Konjunkturprojekt für Künstler einfordern, etwa in der Höhe von einigen Hunderttausend Euro und endlich von den Unsinnigkeiten des Deficit Spending für Autohäuser und Verkehrswege absehen. Etwas mehr Kultur hätte der Menschheit noch nie geschadet. Daraufhin meinte Mirando, er verstünde, dass man heutzutage von der Kunst allein nicht leben könne. Andererseits jedoch führte, wie man weiß, eine angemessene Enthaltsamkeit bei Künstlern zu einem gewissen Zweck. Dann fügte er noch rasch hinzu, sie wisse doch, nur ein hungriger Künstler sei ein guter Künstler. Stefanie verdrehte höchst gelangweilt ihre Augen und versuchte, Eva Vanin in Schutz vor Mirandos bösem Mundwerk zu nehmen, indem sie meinte, Gott sei Dank gäbe es zwischen den unzähligen Langweilern in diesem Ort auch solche, die sich nicht bloß mit Fernsehen und Fußball zufriedengeben würden. Eva Vanin, zu Stefanie gewandt, flüsterte, sie stünde zwar immer noch unter ihrem eigenen Geburtsschock, und es wäre überhaupt ein Wunder gewesen, diesen überlebt zu haben, aber der Kerl hier wäre geeignet, sie erneut an die Gräuel des ungewollt In-die-Welt-geworfen-Seins zu erinnern.
Rembert Mirando lächelte sicherheitshalber trotzdem, obwohl er etwas verunsichert war und fügte hinzu, dass man der Wahrheit ins Auge sehen müsse und den Tod nicht verdrängen dürfe. Dies würde helfen, bewusster zu leben. Und er bewundere trotz allem ihre Streich- und Pinselarbeiten, als er Eva Vanin tief in die Augen blickte, um sie ein wenig aus der Reserve zu locken. Allerdings nur ihm, als Einzigem, war der zarte Berührungsaustausch zwischen ihr und Stefanie vorhin, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Evas, aufgefallen, als seine Blicke die beiden zufällig gestreift hatten. Zwei Lesben treffen sich, begann er plötzlich, und grinste dämlich, sagt die eine … Stefanie, die jetzt ganz nahe vor ihm stand, hob reflexartig ihr rechtes Knie in Richtung Mirandos Gemächt und traf. Dieser, kurz in leicht gebückte Haltung zusammenknickend, beendete seinen vermutlich gezielt beabsichtigten und höchstwahrscheinlich anzüglichen Scherz damit, indem er schmerzverzerrt stöhnte, sie solle sich nichts daraus machen, dieser Zustand wäre heilbar. Das hätte ihnen der Klerus neulich offiziell bestätigt. Dann lachte er nur noch gequält und verabschiedete sich in Richtung Herrentoilette, in der er für eine ganze Weile verschwunden blieb.

Stefanie schob Eva beiseite, um mit ihr kurz allein zu sein. Die Gatten hatten sich indes ein wenig zerstreut. Mochte sein, dass sie den auf ihren Häuptern lastenden Druck ihrer Gattinnen nicht länger ertrugen. Schließlich war man ja gemeinsam hierhergekommen. Es schien also angebracht, mit diesen hin und wieder auch ein paar Worte austauschen zu wollen und so trank man eben ausreichend Sekt und genoss die bereitgestellten Brötchen. Was das Buffet anlangte, war von einer Krise nichts zu bemerken. Wie überhaupt man diesen Menschen nicht ansehen konnte, dass sie auch nur im Geringsten mit einer solchen zu tun hätten. In der Krise lässt sich eine große Verunsicherung der Bevölkerung beobachten. Gängige Trends nehmen oft unerwartete Wendungen. Man beginnt, sich mehr an der Meinung von Leuten zu orientieren, von denen man glaubt, dass sie eine Ahnung haben. Und es kommt zu einem vermehrten Auftreten von Depressionen. Von alledem war hier nichts zu spüren. Vernünftigerweise hatte man sich in früheren Zeiten näher zusammengerottet, sagte man, aber heute wäre man isoliert, säße paralysiert vor der Glotze und warte auf bessere Zeiten. Auch davon war hier nichts zu bemerken.

Rembert Mirando war von der Toilette zurückgekommen und sah sich um. Stefanie und Eva standen jetzt drüben, zusammen mit dem Bürgermeister und Escortin, jenem Mann also, der hier das Geld hatte und daher auch die Macht. Und Macht bedeutete, zu wissen, was für das Land gut ist und vor allem galt hier wie auch anderswo, wer Geld hatte, schaffte an. Besonders das, was für einen selbst gut war. Aber trotzdem war Temperament gefragt. Übervorsichtige wären von vornherein verdächtig. Man müsse dynamisch, ehrgeizig und konsequent sein. Auch unbequeme Entscheidungen treffen können. Kein Intrigant sein, wissen, woran man mit jemandem war. Und so einer wollte Mirando werden. Und es war höchst an der Zeit, sich endlich an Escortin heranzumachen, ihn weichzukriegen, sodass er etwas Geld ausließe, mit dem die Partei für den kommenden Wahlkampf finanziert werden könnte. Im Laufe des Abends gewann Rembert Mirando bei Escortin nun schließlich doch etwas Boden unter den Füßen. Escortin, anfangs ein wenig brummig, aber doch stolz auf seine Position, lauschte irgendwann etwas aufmerksamer als sonst den gezielten Ausführungen des Bittstellers, als ihn dieser in einer schwer zugänglichen Nische des Ausstellungsraumes förmlich festgenagelt hatte und ihm den Ausgang verstellte.
Würde er, Escortin, sich bereit erklären, der Gemeinde einen Betrag von einhundertfünfzigtausend Euro zur Verfügung stellen, könne man über das bislang noch nicht umgewidmete Bauland, auf dem Escortin seine neue Villa zu bauen beabsichtigte, ernsthaft reden. Bauland, welches sich so ganz nebenbei in einem Natur- und Wasserschutzgebiet befand. So jedenfalls lautete der Auftrag des Bürgermeisters an Mirando. Ins Boot holen, hatte er es genannt, der Bürgermeister. Escortin kratzte sich an seiner schwitzenden Glatze und steckte sich sofort wieder eine neue Zigarre an. Es würde ihm zwar gerade jetzt sehr gut passen, meinte er, denn es gäbe bereits Pläne eines bekannten Architekten, der für ihn eben auch nur jetzt Zeit haben würde, ein Konzept zu erstellen. Und er werde sich die Sache mit der Finanzierung bis morgen Abend überlegen, aber, na ja, mal sehen. Schließlich sei dieser Betrag selbst für einen Escortin keine Kleinigkeit und es galt, so eine schwerwiegende Entscheidung sorgfältig zu überlegen. Überdies war da noch seine ehrgeizige Gattin, die längst in ein neues Haus zu ziehen gedachte und es läge an dir, Hase, hatte sie schon vor längerer Zeit geäußert, mich ganz glücklich zu machen. Da war Escortin klar geworden, dass es wahrscheinlich kein Zurück in dieser Angelegenheit mehr gab. Was sein musste, musste eben sein!

 

Auf sein heftiges Drängen hin hatte Rembert Mirando vor längerer Zeit eine Sekretärin zugeteilt bekommen. Der Bürgermeister hatte nachgegeben. Erst war Harald Rahmani für diese Tätigkeit vorgeschlagen worden. Ein stiller, junger Bürolehrling. Etwas blutarm, aber fleißig und nicht allzu klug, sodass Mirando sich als Vorgesetzter ihm gegenüber an Know-How und Wissen doch immer noch überlegen hätte fühlen können. Aber Mirando wollte partout eine weibliche Hilfskraft haben. Und er hatte sie ganz gegen den Willen des Bürgermeisters durchgesetzt, wobei er sich bereits im Geheimen der Hoffnung hingab, alle unangenehmen Arbeiten leichter an eine Frau delegieren zu können als an Rahmani, der trotz seines stillen Wesens ein wenig aufmüpfig sein konnte, wie man schon öfter aus der Kanzlei gehört hatte. Da saß sie nun, seine Sekretärin, Fräulein Charlotte Mileva. Blond, vollschlank, hätte man vor dreißig Jahren gesagt, mit aufgesetzten Fingernägeln, die beim Tippen in die Tastatur des PC vernehmlich klapperten. Sie trug stets einen kurzen Rock. Und wenn Mirandos Zimmertüre offen stand, konnte er, wenn er mit seinem Bürosessel etwas zurücksetzte, ganz leicht bis zu ihren Schenkeln hoch sehen. Mehr wäre nicht möglich gewesen, da ihre kräftigen Oberschenkel alles andere, was es sonst noch zu entdecken gegeben hätte, verdeckt hielten. Neulich, als gerade ein junger Techniker dabei war, die Jalousien im Büro zu reparieren, machte Mirando so eine Bemerkung, dass jener aufpassen müsse, denn Fräulein Mileva hätte eine perverse Neigung jungen Männern gegenüber und er solle sie nicht von ihrer Arbeit ablenken. Aber Fräulein Mileva hielt das gar nicht für einen gelungenen Scherz. Ohne darüber zu lachen, verharrte sie tippend mit gesenktem Kopf über ihrer PC-Tastatur.

Fräulein Mileva hatte immer viel zu tun. Ihre eigentliche Aufgabe bestand primär darin, den dichten Veranstaltungskalender der Kulturabteilung zu aktualisieren, Einladungen zu schreiben, diese zu kuvertieren und mit Hunderten von Adressen aus der Adressatenkartei zu bekleben. Zwischendurch hielt sie Nagelpflege und legte zahllose Kaffeepausen ein, in denen sie manchmal mitgebrachte Cremeschnitten mit Heißhunger verspeiste. Sekundär, aber ebenso wichtig, oblag ihr die Pflicht, unangenehme Telefonanrufe an ihren Vorgesetzten Mirando abzufangen und nicht weiterzuleiten, wenn er es signalisierte.

Mirando hingegen hatte schließlich Wichtigeres zu tun, als sich mit dem gemeinen Volk herumzuschlagen. Er war für die PR verantwortlich, bastelte stunden- und tagelang an Plakaten herum, deren Schriftteile er abwechselnd vergrößerte, dann wieder verkleinerte, neu formatierte, verschob und alles wieder rückgängig machte. Zwischendurch betrachtete er sein Werk mittels Gesamtansichtstaste solange, bis es ihm angemessen schien, es auszudrucken. Dann wurde kopiert. Mirandos Zeitaufwand, dafür das geeignete Papier zu wählen, vor allem, welche Farbe wohl für das jeweilige Plakat am besten geeignet wäre, war enorm. Seiner Gattin, die Professorin am hiesigen Gymnasium war, teilte er stets mit, wie wichtig er sei und wie überfordert von der Fülle seiner Aufträge und dass er keine Zeit nebenher für nichts hätte, weder fürs Staubsaugen noch für sonst unnötige Tätigkeiten im Haushalt. Und er trug die Zeiten, die er in seinem Büro verbrachte, minutiös in sein Stundenbuch ein, um bei einer eventuellen Recherche über seine Anwesenheit allenfalls gerüstet zu sein.
Überhaupt führte er über alles Buch, was nur irgendwie mit Zahlen zu tun hatte, und sei es der Kilometerstand seines Autos, den er stets ins Tankbuch eintrug, immer dann, wenn er tankte. So füllte er bereits seit Jahren Büchlein um Büchlein mit diesen Eintragungen und dachte insgeheim daran, dieselben eines Tages drucken zu lassen, damit man ersehen konnte, was für ein pünktlicher, gewissenhafter und umsichtiger Mann er im Grunde doch sei. In dieser Zufriedenheit wähnte er sich zu Recht als einen vom Schicksal Auserwählten für das Amt eines politischen Mandatars, wie auch sein Inneres ihm bestätigte, dass man mit seiner Wahl sicherlich einen guten Griff getan hatte.
Und er war auch Musiker, aus tiefster Überzeugung, und hatte es als Klarinettist zumindest in die Blasmusik des Ortes geschafft, wenn es schon zur Philharmonie nicht gereicht hatte, und er war Dirigent, wenn man ihn dirigieren ließ. Erst kürzlich durfte er zum Dirigentenstab greifen, als die neue Kulturhalle eingeweiht worden war. Zuvor hatte ihm der Bürgermeister gestattet, ein paar Worte an die zahlreichen Anwesenden zu richten, was er dazu benutzt hatte, den sich darunter auch befindenden Bediensteten des hiesigen Gemeindeamtes budgetäre Zugeständnisse für ihre Ressorts zu machen. Mirando hatte in irgendeiner Sitzung der letzten Wochen nicht aufgepasst und überhört, dass in dieser Angelegenheit genau das Gegenteil eintreffen würde, nämlich dass man Posten streichen und Budgets kürzen werde.

Kurzum, die Sache war ziemlich peinlich, denn der Bürgermeister, der diesen Entschluss höchstpersönlich mitgetragen hatte, saß mit hochrotem Kopf selbst in der ersten Reihe. Er starrte abwechselnd beschämt zu Boden, dann wieder auf Mirando. Als dieser geendet hatte, eilte der oberste Musikmeister auf ihn zu, um ihn zu bitten, den nun folgenden Marsch der Stadtkapelle zu dirigieren. Und Rembert Mirando ließ sich nicht zweimal bitten. Fest entschlossen, seinen Auftritt zu einem kulturellen Erlebnis für alle hier zu machen, gab er mit hocherhobenen Händen den zackigen Auftakt. Die Musik setzte auf sein Kommando ein. Was für ein erhebender Augenblick, wenn plötzlich zweiunddreißig Menschen, darunter auch zahlreiche junge Mädchen, seinen Bewegungen Folge leisteten. Mirando genoss diesen Augenblick ganz ungemein, in dem er sich so voll und ganz in Szene zu setzen wusste, während sein Inneres nach mehr verlangte. Er wollte diesen Ort dirigieren. Warum nicht gar die ganze Welt? Ein ungemein erhebendes Gefühl bemächtigte sich seiner, nämlich jenes, als würden alle hier im Saal nach seiner Pfeife tanzen, wenn und wann er es wollte. Alle, bis auf den Bürgermeister, der ohnmächtig vor Zorn vor sich hinstarrte.

Nach seinem gelungenen Auftritt begab sich Mirando hinter die Bühne, wo der Finanzsekretär sich eben anschickte, für seine Rede nach draußen zu gehen. Ob er gut gewesen sei, fragte ihn Mirando. Doch dieser sah Mirando nur scharf an, bevor er sich entschloss, die Bühne zu betreten, um ihn rasch noch ganz diskret zu fragen, ob er denn verrückt geworden sei und wie er es wagen könne, so einen Unsinn zu verbreiten? Mit diesen Worten stieg der Finanzsekretär die Treppen zur Festbühne hinauf. Das hatten einige der Anwesenden gehört. Mirando suchte nach einem Mauseloch, in das er sich hätte verkriechen können. Aber was geschehen war, war nun einmal geschehen. Nach Beendigung dieser Veranstaltung, und nachdem ihm letztendlich auch noch der Bürgermeister den Kopf gewaschen hatte, zog sich Rembert Mirando in die heiligen Räume seiner kleinen Wohnung zurück und dachte erst einmal nach, wann seine Gattin denn wieder von der Exkursion zurückkäme, die sie mit ihrer Klasse seit mehr als einer halben Woche machte, als das Telefon läutete. Rembert klappte das Handy auf. Anica Escortin! Er erstarrte. Wo er denn geblieben sei? Und warum er so rasch entschwunden sei? Und ob er sie nicht im Saal hätte sitzen sehen, in der zweiten Reihe?

Ja, Herrgott, er hätte sie bemerken müssen! Schließlich war sie ja nicht zu übersehen. Schon wegen ihrer imposanten Erscheinung nicht und schon gar nicht wegen dieses affigen gelben Seidenschals, den sie locker um ihren fetten Hals geschlungen hatte, knallgelb! Ja, da war sie gesessen, inmitten der Loden- und Leinenensembles der übrigen Anwesenden! Ob man sich heute noch sehen würde. Rembert wand sich wie immer wurmartig, sein einziger Sport. Irgendwie hatte er heute genug von Gesellschaft und dem Posierenmüssen. Morgen wäre schließlich auch noch ein Tag. Aber Anica Escortin gab nicht auf. Gut, also, wenn es sein müsste, sie könne ja herkommen. Er hätte noch etwas Huhn im Kühlschrank und Mayonnaise. Essiggurken wären auch da.

Die Escortin warf einen Blick ins Wohnzimmer, in dem ihr Hase tief und fest vor laufendem Fernseher eingeschlafen war. Und es konnte geschehen, dass Denis Escortin in dieser Stellung dort oftmals bis zum nächsten Morgen ohne aufzuwachen verharrte. Anica Escortin nahm ihre Handtasche, steckte ein Päckchen Zigaretten ein und ließ die Autoschlüssel zu ihrem A3 in die Manteltasche gleiten. Dann eilte sie die Holztreppen hinunter. Sie überquerte den mit weißem Kies geschotterten Weg zur Doppelgarage.

Rembert Mirando hatte alle Hände voll zu tun. Es war nicht aufgeräumt, das Geschirr war nicht abgewaschen und die Toilette schon lange nicht geputzt worden. Wie denn auch, wenn er jeden Tag bis zwanzig Uhr und oft auch später im Büro oder auswärts zu tun hatte und die Frau Professor verreist war. Sie ist sicher eine verwöhnte Frau, dachte er, und er strengte sich mächtig an, in dieser kurzen Zeit alles so gut wie möglich in Ordnung zu bringen. Und kaum dass er mit dem Quickputz fertig war, läutete es auch schon unten an der Tür.

Himmelherrgott, fluchte Mirando erneut und ausführlicher, ich komme ja schon! Er öffnete. Da stand sie nun, die First Lady, mit Mantel, Hut und Seidenschal. Diesmal in Grün, aber genauso scheußlich wie der gelbe, den sie am Nachmittag in der Kulturhalle getragen hatte.

Da sind Sie ja, Sie Schlawiner, begrüßte sie ihn und drängte ihn ins Innere seiner Wohnung. Mirando hatte von Anfang an durchschaut, warum sie so rasch bei ihm aufgetaucht war und so ersparte er sich für dieses Mal die kleinen Lügen, die er für solche Fälle stets bereithielt. Vielmehr gab er ihrem Drängen eine bestimmte Richtung vor, sodass sie, scheinbar völlig unbeabsichtigt, plötzlich vor der breiten Couch im Wohnzimmer gelandet waren. Anica riss ihm förmlich die Kleider vom Leib, so wie er es mit den ihren tat. Beide fielen sie schwer auf das überbreite Lager hin, keuchend und stöhnend und nahmen sich kaum Zeit, sich völlig zu entkleiden, bis auf das Notwendigste, als es auch schon zum Äußersten gekommen war. Ihr delliger, großer weißer Hintern sauste ohne Unterlass wie wahnsinnig auf Mirando auf und nieder. Das Läuten seines Handys just zu diesem Zeitpunkt drängte irgendwie, die Sache so rasch wie möglich zu beenden.
Es mochten fünf Minuten vergangen sein, damit war der erste Akt vorbei. Schwer atmend lagen beide auf dem Rücken, so, als ob ihre letzte Stunde gekommen wäre. In Remberts Gehirn drehte sich alles wie ein Karussell. Mein Gott, wenn der alte Escortin etwas erfuhr! Wo doch jetzt die Sache mit dem Grundstück und der Finanzierung der Partei über die Bühne gehen sollte. Schon morgen war ein Termin fällig. Der Bürgermeister würde ihn fristlos hinausschmeißen, wenn der Deal nicht zustande käme! Die Escortin, immer noch nach Luft ringend, schwitzte, während ihr die Schweißperlen in kleinen Tropfen übers Gesicht liefen, den Hals hinunter, wo sie in den dunklen Tiefen ihrer rasierten Achselhöhlen versickerten. Sie verlangte nach einer Zigarette. Rembert musste eine aus ihrem Handtäschchen holen. Einen Aschenbecher auch, und Streichhölzer natürlich! Gierig sog sie den Rauch der Marlborough Light in sich hinein. Rembert war zum Schrank hinübergegangen, in dem die Hausbar integriert war und entnahm dieser eine Flasche Martini, extra trocken. Sie tranken aus flachen Cocktailgläsern. Ob er nicht noch eine Olive für sie hätte, fragte sie? Diesmal brachte er gleich das ganze Glas mit aus dem Kühlschrank. Er saß, sein Glas in der Hand, mit dem Rücken ihr zugewandt und starrte aus dem Fenster, während Anica Escortin seine Schultern ab und zu mit sanften Küssen bedeckte, aus spitzen Lippen fahle Rauchwölkchen auf seine pickelige Haut absetzend.

Nachdem Mirando nun in Sekundenschnelle fieberhaft seine Situation überdacht hatte, resümierte er, dass diese Frau zum derzeitigen Augenblick offensichtlich unentbehrlich für ihn sein würde. Wenn sie ihrem Gatten gezielt solange zusetzte, dass er die Parteispende ausspuckte, wäre sein Leben als Mandatar und Referent gerettet. Der Bürgermeister hätte keinen Grund, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln, vergaß man die Sache neulich mit den Budgetversprechungen. Aber wer von ihnen war schon ohne Makel? Ja, es stimmte. Dieser Escortin war wohlhabend. Er hingegen eher wohl nichtshabend. Aber die kleine Summe von hundertfünfzigtausend stellte ja doch bloß einen Kratzer auf dessen Bankkonto dar und mit dieser Summe ließe sich ein Wahlkampf hier in Hintertupfing, oder wie der Ort in Wirklichkeit auch heißen mochte, organisieren, der seinesgleichen würde suchen müssen.

Dann kriegte Escortin sein aufgeschlossenes Grundstück und er selber würde zusätzlich zu seinem Beamtengehalt eine Politikergage bekommen. Es gab viel zu tun. Also musste man mit Anica Escortin auch jenseits der Bettkante kooperieren.

Ob sie nicht noch einen Martini möchte, fragte er beflissen. Das sei sehr aufmerksam, sagte sie, vielleicht einen kleinen, denn schließlich müsse sie noch mit dem Wagen fahren. Oder ob sie nicht vielleicht … ihr Hase wäre ohnedies bereits hinüber, wie sie das beschrieb, und ob sie nicht etwa hier, bei ihm übernachten könne? Sie würde diese Nacht niemandem abgehen, lachte sie. Rembert Mirando wurde etwas schwach bei dem Gedanken, seine heilige Ruhe einbüßen zu müssen, und überdies würde sie mit Garantie noch einmal über ihn herfallen wollen, wurde ihm dabei klar. Aber was sollte er tun? Er brauchte sie. Also willigte er ein. Die Escortin tat einen Freudenschrei und drückte ihn an sich, fasste ihn mit ihren kräftigen Händen am Hintern und zog ihn zu sich auf die Couch. Die Zweite, durchzuckte es Mirando, der mit Sorge an seine geröteten Hautirritationen dachte. Aber es sollte noch nicht so weit sein. Darling, flötete Anica Escortin zuckersüß, du hast vorhin am Telefon etwas von Kartoffelsalat und Hühnchen erzählt. Ist da was Wahres dran?

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15048

Alleshaber und Vielkrieger

Was ist? Was ist? Weiß nicht wozu, will aber haben. Muss mir gehören. Muss besitzen. Ding, Mensch, Tier, erstrebenswerten Zustand. Will, will, will! Begehren! Mehr, mehr, mehr von allem. Mehr von dem, was glänzt, was Lust spendet, was Freude macht. So viel davon haben, wie nur kann. Raffen. Alles zusammenraffen, was herumliegt. Sucht nach mehr, nach allem. Besitzen. Besitz haben. In Besitz nehmen wollen. Alles besitzen wollen. Niemals wieder hergeben. Mit hineinnehmen, ins Grab. Festkrallen daran. Nichts mehr auslassen. Nicht kümmern um die Moral. Moral egal. Weiß nicht wofür. Muss trotzdem haben. Selbst anhäufen. Alles bunkern, was zu kriegen ist. Alles berühren und zu Gold werden lassen.
Nach dem Neuen schauen. Ausschau halten. Erster sein beim Neuen. Neues befriedigt. Besitz befriedigt. Nur kurz. Befriedigt nur kurz. Nur für ein Weilchen. Dann. Dann aber. Dann aber wieder: begierig nach Neuem. Begierig nach Haben, Haben, Haben. Wissen, wissen, wissen. Fühlen, fühlen, fühlen. Leben, leben, leben um jeden Preis. Dürsten, dürsten, dürsten nach Werden. Sehnen, sehnen, sehnen nach mehr. Nach noch mehr. Nach allem.
Zufriedenheit langweilt. Wünschen, wünschen, wünschen, was es noch nicht gibt. Dann aber haben, haben, haben. Nie wunschlos, wunschlos, wunschlos sein. Stets begehren. Nachgeben, nachgeben, immer nachgeben dem Wünschen, Wünschen, Wünschen. Nie, nie nie! Es ist nie genug! Darf nie enden! Nie aufhören. Ohne Unterlass. Niemals ohne Boni, Boni, Boni. Besser als Maroni. Grenzenloses Wollen. Will Macht! Macht! Macht! Der Säckel ist voll. Die Kammern sind voll. Die Garagen sind voll. Die Schränke sind voll. Zu wenig. Zu wenig. Mehr. Noch mehr. Noch viel mehr. Habenwollen. Nichts davon hergeben ist geil. Erotisch.

Million ist zu wenig. Million ist gar nichts. Million mal Million. Klingt besser. Klingt nach mehr. Exklusiv, exklusiv. Genuss, Genuss. Reichtum beruhigt ungemein. Anhäufen, anhäufen. Werte anhäufen. Macht attraktiv. Besitzen lenkt ab. Vom Elend anderer. Vom eigenen Schicksal. Lenkt ab von der Leere.
Günstling sein. Vor allen. Vor Gott. Überall Rabatt kriegen. Sonderkonditionen einfordern. VIP sein. VIPer sein. Vor den andern da sein. Nicht hinten anstellen müssen. Vor den andern hinein dürfen. Nimmersatt sein. Ein Upgegradeter sein. Ein „Den Hals nicht voll genug kriegen“ sein. Günstig. Stets alles günstig kriegen. Begünstigt sein. Ein Günstling sein. Alles geschenkt bekommen. Ein „Seiner des Herren“ sein. Alles im Schlaf kriegen. Alles gratis genießen können. Schnorren. Nichts hergeben. Eingeladen sein. Bevorzugt sein. Fußfrei haben. Fußfrei sein. Ein „Von nichts etwas abgeben“ Seiender.
Niemals was rausrücken. Rational sein. Pseudorational sein. Knausrig sein. Knickrig. Eitel, eitel, eitel sein. Vornehm tun. Vornehm sprechen und trotzdem ein Schwein sein können. Ein „Auf andere herabsehen“ Seiender werden. Privilegien haben. Habenmüssen zur Hauptsache machen. Zur Staatsaktion machen. Begehren spornt an. Macht heutig. Ist nichts für Gestrige.
Nichtswollen ist Stillstand. Sattsein ist Leere. Ist der Tod. Gewinn, Gewinn, Gewinn. Gewinn machen. Plus haben. Im Haben sein. Alleskrieger sein. Alleskrieger und Vielhaber sein. Alleskrieger und Alleshaber sein. Zum Alleskrieger, Alleshaber und Allesbesitzer werden. Alles erwerben. Erwerben im Übermaß. Nehmen, nehmen, nehmen. Niemals nach dem Nutzen fragen. Habenmüssen zum Selbstzweck machen. Habenwollen zum Lebenszweck machen. Streben, streben, streben. Danach streben. Maßlos sein. Güter an sich reißen.

Leidenschaftlich besitzen. Alles hineinstopfen. Anfüllen. Gelten wollen. Anerkannt sein. Das Ego verwöhnen, verhätscheln, anbeten, vor sich hertragen. Sich selbst sehen. Seinen Vorteil sehen. Seinen Vorteil immer bedenken. Süchtig nach sich sein. Auf Kosten anderer da sein. Zum Nichtsnutz werden. Zum Abzocker werden. Haben als Selbstzweck. Durch Besitz unabhängig sein. Vermögen macht frei. Mehr haben als andere. Mehr sein als andere sind. Besser sein als die Konkurrenz. Besser abschneiden als die Konkurrenz. Überhaupt ein Besserer sein. Vorteile genießen. Vorteile vor anderen haben wollen. Alles herausziehen. Mehr herausziehen als drinnen ist. Horten, horten, horten. Spekulationen wagen. Der Kick! Den Kick erleben. Endorphine ausschütten. Dopamin erzeugen. Den Kitzel spüren.
Das Füllhorn wollen. Es über einen ausgeschüttet haben wollen. Das „Tischlein-deck-dich“ beanspruchen. Aus dem Vollen schöpfen können. Prallgefüllt sein. Einen prallen Sack sein Eigen nennen können. Drall im Auftreten und im Erscheinen. Niemanden vorbeilassen. Den Sitzplatz beanspruchen. Eineinhalb Sitzplätze vereinnahmen. Eine ganze Sitzreihe okkupieren. Rücksichtslos werden. Andere zu Bittstellern degradieren. Anlaufen lassen. Auflaufen lassen. Spaß am Darben anderer haben.
Sich selbst bedienen. Am Kuchen teilhaben wollen. Sich eine Scheibe davon abschneiden. Das größte Stück vom Kuchen nehmen. Es hinunterwürgen. Hineinschlingen. In den Rachen stecken. Reinstopfen. Bis zum Ersticken.

Norbert Johannes Prenner
(Textbeitrag zum Thema „Gier“, etcetera Heft, 59, 2015 LitGes St. Pölten)

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Hymne auf einen bemerkenswerten Vogel

Bist nicht Gans und auch nicht Ente, an Eleganz und Anmut kaum zu überbieten. Und neidlos zugegeben, im Wasser ein Talent, geübt in Sachen Schwimmen. Auf sanften Wellen treibend, majestätisch, hoheitsvoll und graziös, wiegst, still bewundert, du gerne dich auf dunklen Wassern. Rauschst flügelquietschend über Seen und Teich. In deinen weichen Daunen trotzt du jedem Wetter, ganz gleich ob Regen oder Schnee, auch wenn sich niemals Nebel lichten. Ziehst in verwunsch´nen Nachen Helden mir nichts dir nichts fort in eine andre Welt. Verwandelst, unbemerkt vor unseren abgelenkten Blicken, zunächst noch hässlich, nach kurzer Zeit dich zur Vollkommenheit. Jedoch, singst du beim Mondschein einsam und allein dein Lied, ehe du stirbst, so ist´s, als wär es eines Sängers letzter Auftritt.
Du Mittler zwischen Traumgespinst und Wirklichkeit. Allegorie der Reinheit, unnahbar schön und eitel doch zugleich. Verführerisch wie eh und je die Sünde. Mit deinem stolzen Hals, als Attribut der Schönheit, hoheitsvoll, stets elegant getragen, nährst du den Hunger ungestillter Sehnsucht. Dem Irdischen erscheint wohl gar nichts heilig. Profan, wie diese Welt nun einmal ist, das Vorbild solcher Biegsamkeit, dient ihm als Halterung zur Leseleuchte. Verbindungselement, halbsteif und doch elastisch. Gewendelter Metallschlauch sozusagen. Man sagt, ein Traum von dir soll heilsam wirken? Verführt uns gar zu Liebesabenteuern? Du weißer, reiner Vogel giltst, schier unberührt, als Bindeglied für hier und drüben, für einst und jetzt, für göttlich und für sterblich. Dein Trauerflor jedoch verheißt den Tod.

Dein Anblick lässt uns Ungeahntes hoffen. Es wird gesagt, du stehst für Treue und Vollendung. Dennoch, zwei Seelen stecken, ach, in deiner Brust. Wirst gar vom Lamm zum Wolf, wenn du mit vorgestrecktem Hals und Zischen, schlangengleich, zum Angriff übergehst. Wenn du so bist, so soll dies gar von Bösem künden. Nichtsdestotrotz bedeutest du das Licht am Horizont, bist oft Musik und Virtuos´ zugleich. Ach, heil uns, bloß durch dein Erscheinen!
Im Dienst der Götter scheinst du einst gewesen, du Bote, der dich zu den Asen trug. Walküren, unverletzbar, künden laut in deinem Federkleid vom Schicksal. Entführen gern gefall´ne Helden nach Walhalla, der Grenze zwischen Jetzt und Ewigkeit. Der Göttervater selbst, der Schelm, getarnt in flauschigem Gefieder, verfolgt vom Adler, sucht´ Schutz im Schoße der Geliebten. Und Leda selbst? Das kennt man ja! Anfangs zwar keusch, doch bald schon siegt die Wollust.

Wer hätte das gedacht? Ein Wunder ist´s wohl kaum, wo just in diesem einen edlen Teil der Vogel einem Mann an Ähnlichkeit kaum unterliegt. Was willst du mehr, du einzigartiges Symbol der Liebe? Besinn dich nur des Auftrags, Herr Lohengrin, der Herzogin zum Schutz gesandt zu werden! Dann dies, ein harter Schlag für dich, die Rollen neu verteilt. Nicht du, ein plumper Storch soll plötzlich kleine Kinder bringen! Was soll´s? Wenn du dich flügelschlagend aus den Wassern hebst, dann hängen, Trauben gleich, Poeten an karottengelben Flossen, frech, und faseln wie im Wahn von längst verfloss´nem Eros, von Jugend und Vergänglichkeit. Und was tun wir? In deine Daune flüchten wir uns jede Nacht, wird uns der Tag zur untragbaren Last, in Wärme und Geborgenheit, wenn draußen unbarmherzig Eisesstürme toben.
Sinnbild du, der hohen Kunst des Reimes! Und wie man hört, zierst du die Wappen edelster Geschlechter, von Königen und Pharaonen. Hältst steinern Wache über Teich und Zinnen. Heilig bist du, ja, heilig! Verbirgt nicht eine Jungfrau oder gar ein Prinz sich hinter aufgeplustertem Gefieder, die voller Sehnsucht auf Erlösung warten?

Woanders wiederum mimst ungeniert du die verzauberte unglückliche Prinzessin, die nur durch wahre Liebe die Erlösung findet. Doch da, da vorn! Ein ganzer Schwarm von deinen Artgenossen! Der Trieb zur Jagd erfasst den jungen Prinzen. Wird´s jetzt nicht endlich Zeit für dich, ganz plötzlich aufzutauchen? Gewiss, im fahlen Mondlicht trittst du aus dem Wasser, verwandelt, in deiner unnachahmbaren Gestalt. Wenn der dir ew´ge Liebe schwört, dann kann er dich erlösen. Es ist zu hoffen, er spielt die Rolle gut! Voll Grazie tanzen deine Schwestern und die Brüder.

Den Part des Sterbenden beherrschst du wirklich gut, du hochverehrtes Opfertier! Schlägst eindrucksvoll mit deinen Flügeln, indes du auf dem linken Knie solierst. Dein Köpfchen, von Federflächen, die dich tragen, schamhaft zwischendurch bedeckt.
Du stirbst in wirklich eindrucksvoller Anmut. Wenngleich, vielleicht ein wenig parodistisch, nicht? Das reicht für eine Nummer in der Tierrevue! Was soll dein theatralisches Verhalten? Heißt das, du bist ganz einfach hin, total Banane? Die ganze Zeit, durch diese schnulzige Romanze, ein Cello dich hinübergeigt. Ist dir bewusst, so nebenbei, dass jemand eine Totschlagfalle nach deinem eleganten Hals benannt?
Und weiter? Dem Orient orakelst du, die Welt entstünd´ aus deinem Ei. Du Urquell aus der Sonne! Aus deinem frühen Ovum entschlüpften einst ein Knabe und ein Mädchen. Du leistetest Apoll Gesellschaft. Am Schnabel der Weissagung hängend bot´st du Venus deine Flügel als Begleiter. Einer wie du macht unsre Träume wahr.

Bist stets Symbol für Glück und Liebe, du treuer Einzelgänger du. Nur selten fliehst du schützendes Gewässer, den Sumpf, den See, die flachen Tümpel oder Lacken. Und wo die Wasser nicht zu tief sind, dort stocherst du mit deinem Löffel still nach Tang. Geschickt entgingst du bis zum heut´gen Tag dem Spieß, das hast du nicht zuletzt dem Truthahn zu verdanken. Den derben Briten kümmert´s wenig. Selbst in der Bibel steht zu lesen, man soll den Adler, Habicht, Fischreiher, die Weihe, Geier und auch Raben, den Strauß, nicht Nacht- und Tageseulen, und auch nicht Kuckuck, Fledermaus, besonders dich, als auch die Rohrdommel nicht essen. Nur reine Vögel sollt ihr essen!

Apoll hast du die Gabe weiszusagen zugestanden, das ist doch so? Und ihm den Geist der Musen und Musik bewahrt? Du hast ihn mit der Gabe des Gesangs versehen, ihn in den Sternenhimmel hoch erhoben, wo heut´ er noch als helles Sternbild glänzt. Als Wächter gar im Reich der Toten, wo Mitternacht die Sonne hoch am Himmel steht, treibst du dich rum! Vermittler zwischen hier und drüben. `Ne ziemlich graue Zone, wie? In zahllosen Legenden kommst du ganz gut weg, Symbol von Eros und der Liebe du! Zugvogel warst du, vor Venus´ und Amors Wägelchen gespannt.
Die Heil´ge Schrift vergleicht die Reinheit deiner Federn mit jener von Maria. Und der, der diese Schrift erneuert hat, Herr Luther, vergleicht sich selbst mit dir. Ist irre, oder etwa nicht? Du Kunstmotiv, du und dein Ritter Lohengrin! Ist kaum zu glauben, was dein Erscheinen so bewirkt. Die einen denken, es würden ihre Wünsche nie erfüllt. Den andren bist du Schönheit, Reichtum, Macht und Liebesglück zugleich. Unfassbar, von dieser Welt des Kapitals zum schützend´ Vogel des Geschäfts erkoren! Du Wappentier schnöder Ökonomie!

Wenn du zu Land recht unbeholfen und einsam durch die Gegend latscht, bedeutet dies, Verborg´nes wird ans Licht geführt. Na, hin und wieder schaffst du´s ja, den schweren Körper in die Luft zu heben, das heißt, man würde demnächst wohl genarrt. Dem andren wird ein Wunschtraum jäh erfüllt. Mag sein, dein Schneeweiß kündigt eine gute Zukunft, dein dunkler Teint jedoch Tyrannis oder Tod. Du nährst sogar erotische Gelüste, die heimlich im Verborg´nen blüh´n. Wer denkt schon dran, wenn man dich füttert, an treue Freundschaft bis zum Tod? Dein Kreischen oder Singen, das kann man glauben oder nicht, verkündet schrill, dass einer stirbt. Drum bitt ich dich, sei endlich still! Wo noch dazu ein totes Exemplar von euch als Zeichen gilt von Überdruss. Mir ist das gleich, ich denk nicht gleich an Kindersegen, wenn ich dich seh! Auch glaub ich nicht, dass zwei von euch, im Doppelpack, verführ´n zur Hoffnung an das Gute. Ich fleh dich daher an, hör auf zu singen, und stirb gefälligst, wo man dich nicht sieht! Du raubst uns unsre Illusion, dass alles einmal besser war, du schräger Vogel! Zu guter Letzt, sei nun bedankt, dass ich nicht anders kann. Zieh endlich in die weite Flut zurück, dahin, wo du einst zogst den Kahn. Komm nur, wenn´s sein muss, hier zurück, dann sei verdammt dein Dienst getan. Leb wohl, leb wohl, mein lieber Schwan!

Norbert Johannes Prenner
In: Der Dreischneuß, Anthologie. Marien-Blatt Verlag, Lübeck, Nr. 25, 8/2013, Seite 36 -39

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Liebster Papa

Liebster Papa!
Ich hoffe, dort wo du jetzt bist, geht es dir gut? Heute habe ich dir vieles zu berichten. Angenehmes, aber auch Unangenehmes. Aber höre selbst. Das Leben hier hat sich, seit du von uns fort bist, sehr verändert. Weiß nicht, ob man sagen kann, zum Vorteil. Oft vermeinte ich schon, den Weltuntergang zu ahnen. Erinnerst du dich, Hemingway: „Aber der Weltuntergang läuft nicht so ab, wie Bobby es auf einem der großen Gemälde projektiert hatte. Er kommt mit einem von den Inseljungen, der die Straße vom Postamt heraufeilt, ein Radiotelegramm bringt und sagt: Bitte unterschreiben Sie hier auf dem abreißbaren Teil des Umschlags. Es tut uns leid, Mr. Tom!“
Zu mir hat der Postmensch nicht gesagt „Es tut uns leid.“ Er hat gar nichts gesagt, außer: „Ein Einschreiben.“ Er hält mir den Stift hin. „Da unten. Fest aufdrücken! Auf Wiederschaun.“ Vom Finanzamt. Ich denke daran, wegzufahren. Auf meine Insel.

Ach, Papa, wer auf meine Insel kommt, macht eine Zeitreise. Die Häuser, die Pflastersteine in den engen Gassen, die kleine Kirche oben am Hügel. Alles ist einige Hundert Jahre alt. In der näheren Umgebung gibt es eine Ölmühle, ein paar Weinkeller und Stallungen, inmitten von Olivenhainen, gesäumt von Orangen- und Zitronenbäumen. Die alten Gemäuer – alles liebevoll restauriert, den alten Stil beibehalten. Nichts, was das Auge stört. Kaum Asphalt.
Nicht so wie hier! Jeder Feldweg zuasphaltiert. Auch die Einfahrt beim Bürgermeister. Aber dort? Alles grün, dahinter das blaue Meer, der azurblaue Himmel, ein paar Federwölkchen, ganz hoch, nur ein Hauch. Eine Oase der Ruhe und Entspannung, geprägt von der Freundlichkeit der wenigen Einwohner, die nie um ein Lachen verlegen sind, wenn ich irgendwo auftauche.
Ach, Papa, ich wollte, du könntest es sehen! Ich weiß, dir wäre es viel zu heiß hier. Hitze konntest du nie ausstehen. Bist mehr der Typ fürs Kühle. Mama wäre gerne hier, denke ich, schon wegen ihrer Gicht. Auf der Insel gibt es kein Gemeindeamt. Überhaupt kein Amt. Gott sei Dank! Die Administration ist weit, weit weg, irgendwo auf dem Festland. Und Exekutive ist nicht nötig hier. Alles geht seinen jahrhundertealten Weg. Einträchtig, besonnen. Der Wein ist leicht und hell, beinahe ein Rosé. Man kann ihn zu jeder Tageszeit trinken, ohne sofort einen Schwips zu kriegen. Und das Brot! Dieses Brot, olivig, mit ein wenig Oregano, himmlisches Manna ganz einfach!

Auf meiner Insel ist eben alles anders. Die Jungen, wenn sie Spaß wollen, nehmen ein Boot und fahren ans Festland. Und wenn es daheim Feste zu feiern gibt, bleiben sie alle da. Die Alten, die haben das Sagen. Vor denen hat man Respekt. Nicht wie bei uns. Und die Jungen lassen sich was sagen von ihnen. Hören auf ihre Ratschläge.
Nicht so, wie … aber, höre selbst: Gar nicht so weit von uns beginnen die Jugendlichen zu rebellieren. Sie verwüsten die Innenstädte, zünden Autos an, werfen die Auslagenscheiben ein. Fragt man sich, warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollen sie die Kontrolle über die Straße haben. Ein wenig Machtfantasien ausleben. Macht, die sie nicht besitzen. Darum plündern sie, um das alles endlich auch zu besitzen, was die anderen schon lange haben.
Weißt du, ich denke, ihnen fehlt das soziale Bewusstsein. Wir Wirtschaftswunderkinder, wir sind da anders. Wir hatten erst nichts, dann ein wenig und schließlich haben wir alles gehabt. Radio, Fernsehen, Video. Richtig satt sind wir. Denen aber fehlt der Bezug zur Gesellschaft, würdest du sagen. Die Hoffnungslosigkeit hat sie erfasst. Aber diese Modefummel, oder was weiß ich, das alles ist kein Ersatz für das, was ihnen wirklich fehlt. Sie reden verschlüsselt und du kommst nicht ran an sie. Ihre virtuelle Welt ist aus dem Nichts entstanden, nicht gewachsen, wie unsere. Sie praktizieren eine Kultur des Diebstahls und der Fantasie, völlig ohne Regeln. Und weil ihnen niemand zuhört, müssen sie jeden Furz, den sie lassen, auch noch www-mäßig posten.
Aber eine ungeregelte Welt funktioniert nicht. Du weißt das, Papa. Ein Mensch braucht Regeln, hast du immer gesagt, weißt du noch?

Hier, auf meiner Insel, wird nicht viel geschrieben. Alles, was man so hört, lebt aus Erzählungen. Was man wissen muss, wird von Mund zu Mund weitergegeben. Meinetwegen wo’s die besten Fischgründe gibt, wo noch nicht alles leergefischt ist. Oder wo man eine tolle Disco findet. Auch der Mythos lebt aus den Erzählungen der Alten. Gottlob gibt es auf der Insel keine Politiker. Jeder macht seinen Job.
Für Hobbys hat man hier keine Zeit. Auch zum Streiten nicht. Nachdem hier niemand reich ist, gibt es auch keinen Neid, vor allem aber keine sozialen Spannungen und Gegensätze. Kein Stress, wer den größeren SUV hat und so. Weißt du, Papa, als ich damals zum ersten Mal hier an Land gegangen bin, wollte niemand eine Dienstbeschreibung von mir haben. Keiner wollte meine Zeugnisse sehen. Ist vielleicht auch besser so.
Auf ein Glas Wein haben sie mich eingeladen und wir haben gelacht, als ich erzählt habe, wo ich herkomme, wenn auch erst hinterher, denn: „Kommunista! Kommunista!“, hat der Priester gebrüllt, als ich Österreich sagte und ist von seinem Stuhl aufgesprungen und der wilde lange, graue Bart hob und senkte sich rhythmisch mit dem schweren Atem seines Besitzers. Aber der Lehrer hat ihn beruhigt. „No no, Avustria, Kreisky, Kreisky!“, hat er gesagt und ihn mit einer Hand an der Schulter genommen und wieder in den Sessel gedrückt.

Der Lehrer und der Priester, die beiden sitzen immer zusammen vor der Kneipe, sind mittlerweile meine Freunde. Einer der Fischer, Jannis, mit weißen Bartstoppeln im Gesicht und einigen Zahnlücken, hat mich früher immer zum Korallenriff mitgenommen, wo sie meistens fischen. Er ist im vorigen Sommer verstorben.
Dort liegt das Wrack eines alten Frachters. Es hatte Westwind gegeben, damals, sagte er. Die Wellen sollen fünf Meter hoch gewesen sein. Dann sind sie auf dem Riff hier hängengeblieben und schließlich gekentert. Einige aus der Mannschaft hatten sich retten können. Der Steuermann ist nicht mehr in seine Heimat zurückgekehrt, sondern hiergeblieben. Vor zwei Jahren ist auch er verstorben. Wir haben ihn alle sehr gemocht, fügte er hinzu. Portugiese. Er liegt jetzt auf dem winzigen Friedhof hinter der Kapelle, unweit von Jannis´ Grab.
Wenn ich mich so umsehe, denke ich, dass ich auch einmal dort liegen möchte. Es ist ein so friedlicher Ort. Keine aufgeblasenen Grabsteine, mit für sich vereinnahmten Riesenengeln, um die Wichtigkeit der darunter Liegenden pompös zu untermauern, wer sie nicht alle waren, und was sie zu Lebzeiten nicht alles besessen haben. Dort, Papa, spätestens dort sind wir alle gleich.

Im Norden der Insel liegen noch zwei kleinere Dörfer, mit ebenso malerisch weiß leuchtenden Häusern und einem idyllischen Fischerhafen. Dahinter das karge Felsplateau mit seiner schroffen Steilküste gegen Westen hin. Auf der anderen Seite aber habe ich eine versteckte, traumhaft weißsandige Bucht vorgefunden, mit türkisfarbenem, beinahe cremigem Wasser. Anfangs seicht, so drei vier Meter weit hinein, dann leicht abfallend. Und erst weiter draußen so um die zwanzig Meter tief.
Weißt du, Papa, du hast mir nie das Schwimmen beigebracht. Ich musste es erst viel später mühsam lernen. Das hat dich alles nicht interessiert, ich weiß. Du warst immer nur mit dir beschäftigt, mit deinen Bildern. Wolltest auch hinaus, auf deine Insel. Aber du hast uns dabei vergessen. Deine Frau, deine Kinder, beinahe. Trotzdem. Ich hätte deine Zuneigung so dringend gebraucht. Das Zehngang-Fahrrad! Alle hatten eins, bloß ich nicht. Von meinen Söhnen hat jeder eines von mir bekommen. Ich wollte nicht denselben Fehler machen.

Gestern war ich unten am Hafen. Mit Freunden. Es ist spät geworden. „Wirf diesen ganzen Ballast über Bord, den du da mit dir immer herumschleppst“, hat mir der Hafengjörgi, der Kneipenwirt, geraten. „Deine Notizbücher, die Dose mit den Schlaftabletten und das ganze andere Zeug. Alles Unsinn, Mann! Du nimmst dir für nichts richtig Zeit und dich selbst viel zu wichtig, du Österreicher du“, hat er gelacht! Dann hat er Ouzo für alle gebracht und hat sich eine Zigarette gedreht.
Könnte es sein, dass ich etwas falsch mache? Aber das habe ich alles schon irgendwann einmal gehört, denke ich – in einem anderen Zusammenhang etwa? Der romantische Individualismus wäre tot und so! Wirf diesen Ballast über Bord, Mensch! Einer wie du, der sich schon viel zu lange im Mittelpunkt seines eigenen Interesses aufhält, sollte in die Welt hinaus! Bin ich ja auch, Papa. Aber wie soll ich mich verwirklichen?
Soeben steckt das Finanzamt mein Urlaubsgeld ein. Ich hätte im vergangenen Jahr zu viel verdient! Dass ich nicht lache. Nein, es ist eher zum Weinen. Diese Leute, die wir da immer wählen, und die angeblich so viel Verantwortung für uns übernehmen, stecken sich die Taschen voll und verschwinden einfach, nachdem sie uns per Gesetz das Geld abgenommen haben. Das war schon immer so, höre ich dich sagen. Du musst es ja wissen. Warst ja lange genug hier.

Ach ja, und dieses Haus auf meiner Insel, in dem ich dann immer wohne, wenn ich hier bin, Papa, steht auf der höchsten Stelle, einer Art Landzunge. Es ist stark gebaut, beinah wie – wie eine Festung. Und es hat zwei Hurricans standgehalten. Ringsherum stehen eine Menge Palmen, ein wenig schief gewachsen, wegen des dauernden Westwindes. Wenn ich auf der Terrasse stehe, überblicke ich die Südseite der Insel, den weiten, weißen Strand. Nichts trübt meinen Blick. Nichts ist architektonisch künstlich hineingekleckert, so wie bei uns hier. Alles ist natürlich gewachsen.
Niemand wagt es hier, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Die Häuser, die Wege, die steinernen Terrassen, auf denen der Wein wächst, alles macht optisch irgendwie Sinn. Wirkt nicht so polarisierend wie bei uns. Fünf Bauten nebeneinander. Fünf verschiedene Architekten. Fünf grauenhafte Konstruktionen. Und jeder darf seinen Mist in die Landschaft hineinknallen, wohin, und wie er will, und die Gesetzeslage ermöglicht es auch noch. Alles gefördert, versteht sich! Scheißegal, wie das aussieht. Hauptsache, es ist lukrativ. Und wenn nicht, wird der ganze Plunder an jemanden verkauft, der angeblich noch Geld hat, und die Sache läuft munter weiter. Die Kunst, in der sich diejenigen üben, denen wir unser Vertrauen geschenkt haben, hat immer schon darin bestanden, dem dummen Volk einen stinkenden Misthaufen als Rosenbeet zu verkaufen. Und wir haben ihnen auch noch vertraut. Sie haben uns bitter enttäuscht.

Ich kann mich heute nicht entspannen, Papa. Andauernd denke ich an dich, was du zu all dem sagen würdest. Ja, ich weiß, du hast Schlimmeres erlebt, damals, an der Maginot-Linie.

Übrigens, wenn ich so von meinem Hügel hinunter aufs Meer schaue und den weißen Sand sehe, da fällt mir ein, wie ich eines Morgens alleine schwimmen war. Ich bin nicht weit hinausgeschwommen, weil ich ziemlichen Respekt vor Haien habe. Die Sonne war schon etwa dreißig Grad hochgeklettert, als ich einen Blick nach unten werfe. Ein langer, dunkler Schatten. Ich hebe den Kopf, angespannt wie ein Drahtseil. Schaue wieder ins Wasser. Der Schatten folgt mir. Wohin ich auch schwimme. Durch die kabbelige See ist die Sicht etwas behindert. Ich schwimme wie verrückt, um ans Ufer zu gelangen. Atemlos und völlig erschöpft laufe ich die letzten Meter im seichten Wasser auf den sicheren Strand zu, falle hin, schaue zurück und suche das Wasser ab nach dem Furcht einflößenden Schatten. Nichts zu sehen, denn es war mein eigener gewesen! Was bin ich nur für ein Trottel, dachte ich.
Was sagst du, Papa? Du warst nur selten mit mir im Strandbad. Und das mit dem Schwimmen, du weißt ja. Später, beim Frühstück, habe ich alles der alten Alina und dem Hafengjörgi erzählt. Was haben die gelacht! Und ich habe mitgelacht. Ach, was waren das für herrliche Tage! Ich wollte, du wärest hier. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie´s damals war, zu Hause, mit dir und Mama, den Schwestern. Ich habe noch den Schaum von Badedas in den Ohren, wenn ich daran denke, und meine nackten Füße laufen über grünes Linoleum. Mutter hat gerne immer das „e“ in Linoléum betont.
In Nachbars Garage stand ein DS 19, mit hydropneumatischer Federung und unsere Haushaltsgeräte waren allesamt von BBC. Nur das Radio war von Philips. Im halb verdunkelten Wohnzimmer hast du Dietrich Fischer-Dieskau gelauscht, begleitet von Jörg Demus am Klavier. Die kennt kein Mensch heute mehr. Und ich habe noch deine Stimme im Ohr, wenn du uns vorm Schlafengehen aus dem Märchenbuch vorgelesen hast. Man sagt, Kindern, denen man Märchen vorenthält, wird die Hilfe zur Aufarbeitung unbewusster Spannungen in der Fantasie versagt. Dadurch könnten sie angeblich emotional gestört bleiben.
Stimmt das? Was meinst du? Wenn ich so über uns als Familie nachdenke, haben wir eigentlich kaum Probleme gehabt. Ich habe dir bereits erzählt, wie´s anderswo derzeit so aussieht, mit den Jungen und so. Ich denke, wir haben uns natürlich auch alle am Materialismus orientiert. Vielleicht noch eine Nuance bescheidener. Aber bei uns hat es noch Geschichten gegeben, nicht war, Papa? Ich danke dir dafür. Ich fühle deine warmen Hände an den meinen, und wie du mich zugedeckt hast.

Normalerweise lese ich beim Frühstück gerne Zeitung. Gottlob gibt es auf der Insel nur einmal pro Woche eine, und die ist von der vorigen. Ich höre erst darin zu lesen auf, wenn ich gesättigt bin von den Negativschlagzeilen und den Sommerlochirritationen. Dann wird mir die Kluft zwischen dem, was uns vorgegaukelt wird und der Wirklichkeit wieder bewusst. Wenn einem ständig vorgekaut wird, was man haben muss, kann man sich gut vorstellen, dass manche an der Tatsache, nicht dabei zu sein, ganz einfach scheitern.
Plötzlich begreifen, dass man nicht hat, was andere längst haben. Zähneknirschend zur Kenntnis nehmen müssen, womit Eliten sich die Zeit vertreiben, wenn es im eigenen Bereich zum Nötigsten nicht reicht! Wo bloß falsche Versprechungen gemacht und keine Lösungen angeboten werden und die Raffgier und der Geiz zum Antrieb der Ökonomien verkommen sind, die sich im Spinnennetz der Korruption verfangen haben, tagaus tagein auf neue Beute wartend. Wo flotte Sprüche anstatt Sensibilität regieren. Dort ist der ideale Nährboden für das Entstehen einer maßlosen Wut. Kannst du das verstehen, Papa?

Ach, Papa, immer, wenn ich auf meine Insel komme, mache ich eine Zeitreise. Es sind nicht nur die Häuser, die Pflastersteine, die engen Gassen, die kleine Kirche am Hügel, die mich alles vergessen lassen, was die andere Welt so grausam macht. Alles hier atmet eine Zeit des Friedens aus. Gerne gehe ich an der Ölmühle, den Weinkellern und Stallungen, die inmitten der Olivenhaine liegen und gesäumt sind von Orangen- und Zitronenbäumen, vorüber. Lasse sie vorbeiziehen, wie einen Film, in dem ich keine Rolle spiele, nur Beobachter bin. Die alten Gemäuer – alles liebevoll restauriert.
Man hat den alten Stil ganz selbstverständlich beibehalten. Nichts gibt es, was das Auge stört. Alles grün, im Sommer vielleicht etwas brauner, von der Sonne ausgedörrt, aber sonst? Dahinter das blaue Meer, der azurblaue Himmel, ein paar Federwölkchen, ganz hoch, gerade noch zu sehen. Ein Ort der Ruhe und Entspannung, geprägt von der Freundlichkeit der wenigen Einwohner, die nie um ein Lachen verlegen sind, wenn ich irgendwo auftauche. Ach, Papa, ich weiß, ich habe dir bereits davon berichtet. Der Wein ist leicht und hell, beinahe ein Rosé und, wie du ja schon weißt, man kann ihn zu jeder Tageszeit trinken, ohne gleich betrunken zu sein.

Erinnerst du dich, wie du mir immer erzählt hast, als du mit dem Dr. Scheuhammer in Klöch warst? Du hast vom Rotwein dort geschwärmt. Und dass ihr zusammen einmal ein Glas zu viel getrunken hattet. Der Doktor, mit seinem alten VW Kübelwagen, es hat geregnet und das Verdeck klemmte. Ich habe dich noch nie so triefnass heimkommen sehen wie damals. Mama war in Sorge. Sie war ja stets in Sorge um uns, um dich. Du hättest dir in den nassen Sachen den Tod holen können, hat sie gesagt. Aber du hast bloß gelacht. Ich kann dich gut verstehen. Dieses Brot hier, Papa! Irgendwie olivig, mit wenig Oregano, wie himmlisches Manna, wirklich! Auf meiner Insel ist eben alles anders.

Zuhause besuche ich gerne den jüdischen Friedhof. Warst du jemals dort, Papa? Die Wege dort sind nicht asphaltiert, sondern mit Gras bewachsen. Ich gehe ganz vorsichtig. Meine Schritte sind nicht zu hören. Gelbe Blümchen wachsen auf den Wegen. Zwischen den Grabsteinen rankt sich Efeu, erklimmt die Grabsteine wie zum Schutz vor neugierigen Blicken und den Erinnerungen an die Vergangenheit. Der Zauber der Erinnerung – verblasst. Unten, am Sockel eines Steines ist zu lesen: Hier ruht mein liebster Gatte, von den Nazis im Konzentrationslager ermordet. Ich muss dann immer tief Luft holen. Bleibe stehen. Der Zauber der Erinnerung, denke ich dann, heiliger Wehmut süßer Schauer, haben innig uns durchklungen, kühlen unsre Glut. Ist nicht von mir, Papa, Novalis! Langsam gehe ich dann weiter. Über mir im Minutentakt Flugzeuge. Komisch ist das, mit den Namen hier.

Weg von den Josefs, den Karls und Franzen, den Pichlers, Schwarz und Krenns. Hier ruhen Jenni Goldschmidt, Sigmund Blau, Moses Grünbaum. Irgendwie – ich spüre eine Art Bruch. Es ist nicht wegen des Vorwissens. Die Gräber atmen etwas anderes aus, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es sind so viele Grabsteine, unglaublich. Ich denke, Sterben ist etwas Selbstverständliches, obwohl ich es nicht glauben kann, dass ich eines Tages … aber Leben, Leben ist etwas ganz Besonderes. Ich muss es für mich nützen, denke ich, nach den Erschöpftheiten mancher Hoffnungslosigkeit.

Die meisten Grabsteine sind aus schwarzem Marmor, ragen hoch empor, spitz, wie Obelisken. Nur wenige sind aus Sandstein, Biedermeier, mit Blumenranken. Manche sind umgefallen. Haben das schmiedeeiserne Gitter um sich herum erdrückt. Brennnesseln, wohin das Auge reicht. Noch nicht hoch. Jeden Schritt setze ich behutsam.

Mein Rücken schmerzt vom vielen Gehen. Ich lasse mich auf einem umgefallenen Grabstein nieder und raste eine Weile. Dieses Licht, das durch die hohen Thujen scheint, die zahlreich, gleich einem stillen Hain das ganze Areal mit ihrem Immergrün und den weit ausladenden Ästen bestimmen, taucht das Schwarz und Grau der Steine in wärmenden Frieden. Eine süße Sehnsucht ergreift mich, beinahe neidvoll denen gegenüber, die hier ungestört Teile des unendlichen Universums sind.
Vor mir das Grab eines Dr. med. Carl Robitsek. Ich muss unweigerlich an die Pension Schöller denken und schmunzle, (Max Böhm als Onkel Robitschek). Der Ehrgeiz plagt mich und ich versuche, die verwitterte Schrift auf dem Stein zu entziffern: „Wehklagt – die ihr – Talent und Tugend – und Kunst und Wissen ehret – immer redlich lobt. Der liebe Vater starb mir (Dativus ethicus) seinen Kindern – der liebevolle Gatte seinem Weib. Ein wacker Forscher in dem Dienst des Wissens – ein Menschentraum in diesem Grabe …“

Ach, Papa, nächste Woche, wenn ich auf der Insel bin, kann ich eine Zeit lang nicht mehr herkommen. Du verstehst? Wahrscheinlich bleibe ich drei Wochen hier. Und heute bitte, verzeih mir, ich werde auch schon so vergesslich, ich habe das Windlicht zu Hause vergessen. Die Streichhölzer auch. Aber ich habe noch rasch einen kleinen Strauß Magnolien mitgebracht. Hier! Gefallen sie dir? Die hast du doch stets am liebsten gemalt. Es sind auch ganz dunkelviolette dabei. Die Vase sollte man wirklich austauschen, die macht es nicht mehr lange.

Bitte, ich stelle sie ganz nahe an deinen Grabstein, damit sie nicht umfällt, sollte ein Sturm kommen. Ich küsse und denke an dich. Also dann, bis bald, wenn ich wieder zurück bin! Mach´s gut!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 15040

 

 

 

Am Ende

Mit Burn-out zu Hause und der Tatsache, dass seine Ehe seit den letzten Wochen in Brüche zu gehen drohte, befand sich Arno psychisch und physisch im absoluten „Down-under“. Wie sollte man dem angehäuften Elend entkommen?, fragte er sich. In der Ablenkung bestand stets eine mögliche Variante, den Tag relativ unbeschadet zu überstehen. Nachdem der Postbote ohne eine Trost spendende Nachricht wieder abgezogen war und die Türchen der Briefkästen laut scheppernd zugeworfen hatte, darin, höchst verantwortungslos, jede Menge Werbematerial, Zahlscheine und ähnlichen Mist ungestraft zurücklassend, ohne sich weiter darum zu scheren, wie es demjenigen ergehen mochte, dem dieses Postfach gehörte, sah Arno für sich lediglich die Option, der kürzlich eingetroffenen schriftlichen Aufforderung eines amtlichen Schreibens seiner Dienststelle Folge zu leisten.

Dies bedeutete, kurzfristig in jene Stadt zu reisen, deren einzige Silbe sich auf Provinz reimte, und versprach, eine höchst unangenehme Sache zu werden. Ein grauer Regentag, nebelverhangen. Tiefdruck und der beißende Geruch von Industrieabgasen. Ein Taxi mit einem wortkargen Fahrer. Im Inneren lautstarker Regionalsender im Jodelmodus und das Knacken der Scheibenwischer auf Intervallstellung.

Schließlich das Wartezimmer einer psychiatrischen Ordination. Arno hatte sich angemeldet.
„Ah? Sie? Für Sie brauche ich mehr Zeit“, sagte die Ärztin und nahm noch rasch einen Wartenden vor. Arno schluckte. Das tapfere Herz pochte in unruhiger Erwartung. Was wollte man von ihm hier? Er hatte ein gültiges Attest, das verhieß, es wäre alles zur Zufriedenheit. Banges Warten. Endlich. „Bitte! Kommen Sie herein!“
D i e  sollte hier für ihn zuständig sein? Ein derbes Weib, hatte er irgendwo bei Ludwig Tieck gelesen. Arno konnte sich nicht so genau erinnern, wo. Mit kräftigen Schenkeln und einem feisten Hintern. Ein Weib! Und hatte Macht über ihn, den Zarten, Verwöhnten, Leptosomen und Schöngeist, Angsthasen und Weltverbesserer, den das Schicksal zynisch ins falsche Jahrhundert versetzt hatte, ins bürokratische, technokratische, unromantische. Was für eine Welt! Sie sah ihn eine Weile sehr genau an. Dann begann sie, ihn auszufragen.

Wo und wann geboren, verheiratet, Kinder und so weiter, ihre prüfenden Blicke immer wieder auf ihn, dann wieder auf den PC vor ihr richtend. Wozu das alles? Stand ja doch alles in seinen Personalien. Vielleicht wollte sie wissen, ob er überhaupt in der Lage wäre, klare Antworten zu geben? Unverschämte Person! Welche Schulen er besucht hätte, und wozu die vielen Studien? Wären für seinen Job gar nicht relevant?
Weil er eben so wissbegierig sei, antwortete Arno.
„Eine beinahe manische Profilierungssucht, finden Sie nicht?“ Arno fühlte Zorn aufsteigen. Nur nicht gehen lassen, dachte er, nur jetzt nicht gehen lassen! Die will dich nur aus der Reserve locken. Sehen, ob die Lebensgeister intakt wären. Das darf doch alles nicht wahr sein, arbeitete es in ihm.

„Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern beschreiben?“, bohrte sie weiter, „standen Sie stark unter Druck? Waren Ihre Eltern leistungsorientiert? Wie empfanden Sie Ihre Kindheit und Jugend?“ Arno plauderte bedenkenlos drauflos. Vielleicht würde das die ganze Sache irgendwie positiv beeinflussen? Ja, doch, er wäre sehr unter Druck gestanden. Besonders vom Vater her. Die Mutter war eher zurückhaltend gewesen.

„Hatten Sie manchmal das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu sein, wenn Ihre Leistungen nicht so waren, wie sie Ihnen von Ihrem Vater abverlangt worden sind? „Nicht, dass ich mir dessen bewusst wäre.“ „Gut. Jetzt zieh´n Sie sich aus, bis auf die Unterhose. Legen Sie sich dort auf die Liege.“ Arno stand auf. Spinnt die? Er war außer sich! Die war wohl verrückt geworden? Unglaublich, diese Demütigung! Man behandelte ihn hier, als wäre er besoffen ins Radar gefahren! Schlimmer hätte man ihm nicht zusetzen können. Es gab ihm den Rest. Er fühlte den moralischen Sturz in die Tiefe.

Eigentlich war er wegen Herzbeschwerden länger im Krankenstand gewesen. Im Zuge dessen hatte man ihm das Burn-out attestiert. Er sollte sich eine Zeitlang erholen können. Die haben doch alle einen Knall hier, stolperten seine Gedanken durcheinander, während er die Hose über den Stuhl hängte.
Dann legte er sich auf die mit einem weißen Leintuch bespannte Liege.
„So! Nun versuchen Sie, mit dem Zeigefinger Ihre Nasenspitze zu berühren, mit geschlossenen Augen!“ verlangte sie von ihm.
Ach, darauf wollt ihr hinaus, ihr Schweine!, dachte Arno. Ihr wollt wissen, ob ich nicht doch ein wenig krank im Hirn bin, wie? Aber den Gefallen tu ich euch nicht! Das hatte ihm der Dreckskerl aus der Personalabteilung angetan, war Arno überzeugt. Parvenü! Kommt mir damit! Dem möchte ich gegenüberstehen! Arnos seelischer Pegelstand knallte in rasender Talfahrt nach unten. Was ist, wenn sie was findet? Vielleicht habe ich irgendein Leiden, von dem ich nichts weiß?
„Und nun fahren Sie mit den Zehenspitzen des rechten Fußes das linke Schienbein entlang, hinauf bis zum Knie. Ja, in Ordnung. Die weiten Hosenröhren seiner Boxershorts mussten ihr genügend Einblick erlaubt haben, um zu sehen, wie es um ihn dort bestellt war. Netter Nebeneffekt!
„Und nun mit dem linken Fuß.“ Arno tat, wie ihm befohlen wurde. Er ahnte, was ihm blühte, wenn er das nicht schaffte. Das Doktorluder hätte jede Macht der Welt. Nun musste er sich aufsetzen, damit es seine Kniereflexe testen konnte.

Das vergess ich euch nie! Arno kochte. Hatte er nicht erst kürzlich über das einfühlende Verständnis des Dienstgebers im Krankheitsfall des Burn-out, der neuen Modekrankheit, gelesen? Das verlogene Gewerkschaftsblatt ermunterte auch noch Betroffene, sich in ihrer Situation ruhig den Ansprechpartnern anzuvertrauen. Und der Dienstgeber hätte neuerdings dafür vollstes Verständnis!
Wirklich, sehr verständnisvoll, wie ihm hier geschah. Arschlöcher! Arno atmete tief durch. Eine ganze Weile praktizierte sie an ihm noch den einen oder anderen Reaktionstest, offensichtlich jedoch alle zu ihrer Zufriedenheit.

Arno, immer noch auf der Liege, blickte angespannt zur Decke. Er wagte kaum zu atmen. Das Herz raste. Nun fasste die Ärztin sein linkes Bein, verdrehte es, zog heftig daran und drückte es zur Hüfte. Arno entfuhr ein Schmerzensschrei.
„Tut das weh?“, fragte das Krokodil. Ja, er hätte schon seit Längerem Schmerzen in der Hüfte. Daraufhin verbog sie sein Bein noch hartnäckiger.
Dämliches Stück, so hör doch auf! Was hat denn das jetzt mit meinen Herzrhythmusstörungen zu tun?, fragte er sich. Nachdem sie offenbar genügend gezogen und verrenkt zu haben schien, sagte sie trocken: „Sie können sich wieder anziehen“, und begab sich an ihren Schreibtisch. Von dort lugte das Doktorluder geduckt aus sicherer Verschanzung hervor, um Arno abschätzend so von oben zu mustern.

Arnos Selbstwertgefühl war ins Bodenlose gefallen. Unten. Total unten. Diese Erniedrigung! Was muss ich hier ertragen?, fragte er sich fortwährend.
„Und diesen krankhaften Ehrgeiz, den man ja beinahe manisch nennen könnte, setzen Sie den auch an Ihrem Arbeitsplatz um? Bei Ihren Kolleginnen und Kollegen, wie?“ platzierte sie messerscharf.
Arno überlegte, was er sagen sollte. Was sollte er antworten? Ein Teufelskreis! In diesem Moment erfasste ihn eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Freiheit der Gedanken, der Seele und gleichzeitig auch des Körpers, und nach dem Wunsch, der Zuchtmeisterin im weißen Kittel ein „Ach, Sie können mich mal und guten Tag“ entgegenschleudern zu wollen, obwohl dies seine Situation wohl kaum verbessern würde. Die unausgesprochene Kündigung würde dadurch eher auch nicht zurückgezogen.
Aber nein, er könnte an fünf Fingern abzählen, dass die Sache gegen ihn lief, das war doch klar.

Zögernd überwand er sich: „Nein nein, ich versuche stets, meine Fähigkeiten, so gut ich es eben vermag, den Anforderungen entsprechend einzusetzen. Auch gegenüber den Kolleginnen und Kollegen. Sollte ich jemals Druck ausgeübt haben, täte mir das leid. Sie verstehen, von oben macht man uns Druck, also muss ich natürlich weitergeben, dass alles in gewisser Weise auch umgesetzt wird.“

Aber das Doktorluder schien ihm nicht zu glauben. Vielmehr versuchte es, ihn noch mehr ins Eck zu drängen, das fühlte er ganz deutlich. Doch dann, ganz plötzlich, die Wende! Arno merkte es an einer gewissen Entspanntheit ihrer Gesichtszüge. Als träfe sie ganz plötzlich eine andere Entscheidung als ursprünglich geplant. Ob sie irgendeine Weisung hatte? Nein, sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Da hielt sie bereits den Kopf etwas schief und sagte: „Also gut, dann werde ich Ihrem Fortkommen in diesem Betrieb durch meine Expertise vorerst nicht im Wege stehen. Was dann entschieden wird, darauf habe ich keinen Einfluss. Dieser Bericht geht in Kopie ans Personalbüro!“ Mit diesem Satz war die Angelegenheit nun offenbar erledigt, zumindest fürs Erste, dachte er.

Arno verabschiedete sich, so freundlich es ihm in der Situation gelang und ärgerte sich erneut darüber, ihr zuletzt nicht doch den Vorwurf der Ignoranz an den Kopf geworfen zu haben, seit wann es denn üblich sei, fachlich fundierte Expertisen derart zu ignorieren und sich hier seinen eigenen Staat bilden zu wollen?
Hier, in dieser Stadt, deren einzige Silbe ihres Ortsnamens sich auf Provinz reimte. Und dann noch, dass ihm dieser Scheißbetrieb ohnehin egal wäre wie nur was, hätte er noch hinzugefügt, und dass sich der gesamte Verein den Job nach dieser Schikane sonst wohin stecken könne. So weit unten wie hier wäre er noch nie gewesen, konstatierte er für sich.

Arno, der an all seine anderen Probleme dachte, beschränkte sich dann aber doch nur auf ein heuchlerisches „Guten Tag“ und ein Lächeln und war zur Tür hinaus, froh, wieder frische Luft atmen zu können. Froh auch, in möglichst nicht  allzu nächster Nähe dringend  auf ein Bier gehen zu können, was ihm unumgänglich schien, um so der erlittenen Demütigung entgegenzuwirken, soweit dies mit einem einzigen Glas Bier überhaupt möglich wäre.
Danach würde er diese entsetzliche Stätte der Erniedrigung und Demütigung mit dem nächstbesten Zug verlassen, nicht ohne noch einen verächtlichen Blick aus dem Zugabteil auf die luftverpestenden Schlote ihrer Industrien geworfen zu haben, mit dem heiligen Eid, diesen durch seine erlittene Schmach besudelten Boden in seinem Leben nie wieder betreten zu wollen.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 15037