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Kein Typ fürs Grobe – Teil 3

Einer meiner langen Spaziergänge lässt mich vor der Akademie Halt machen. Mein Gott, die Akademie der schönen Künste! Dreimal habe ich versucht, die Aufnahmeprüfung dorthin zu schaffen. Dreimal hat man mir gesagt, es wäre ganz nett, was ich so machte, aber das könnte ich auch ohne ihr Zutun. Die doppelte, hohe Flügeltür strahlt durch ihr undurchdringliches Dahinter eine gewisse Unruhe aus, die sich auf die wartenden Prüflinge davor auszuwirken scheint. Manche rauchen. Einige kauen an ihren Nägeln. Andere üben sich in Gelassenheit. Mappendurchsicht! Jeder musste, schon Monate davor, eine Mappe mit eigenen Arbeiten abliefern, von deren positiver Beurteilung die Zulassung zur dreitägigen Probearbeit abhing.

Sind die Professoren noch nicht da? Vielleicht kann man hintenherum in den Saal gelangen, fragt jemand. Das große Warten findet ein jähes Ende, als sich die Flügeltür öffnet und die Nummer eins aufgerufen wird. Jetzt kommt Bewegung in die Menge. Alles geht relativ rasch. Die ersten sind bereits im Saal und verteilen sich auf verschiedene Gruppen von Assistenten und Professoren im Raum. Rüde Kritiken sind zu hören. Na, wo haben Sie denn das abgekitscht, hört man einen sagen. Is‘ ja fast ’n Breughel! Was? Gelächter. Wieso machen Sie das so? Weil es mir gefällt, haucht eine schmale Blondine. Weiter. Der Nächste.
Ein Professor zieht einen kantigen Farbkübel hinter sich her. In der einen Hand hält er einen Besen. Er taucht ihn in den Behälter mit blauer Farbe und schreitet die aufgestellten bereits grundierten Leinwände ab. Wie ein Stierkämpfer mit seinem Degen nimmt er Aufstellung vor einer der Tafeln, und flüstert: „Wenn das jetzt nicht gelingt, ist alles hin!“ Dann eilt er, den Besen, von dem die Farbe tropft, hochhaltend, auf die Tafel zu und fährt von oben nach unten in einem Zug durch. Die Studenten staunen. Auf diese Weise könnte man ein Zimmer in weit weniger Zeit ausmalen als es sonst dauert …

Sie müssen wissen, meine Philosophie ist, dass Sie unter meinen Anweisungen Sie selber werden, in Ihren Entscheidungen für Ihre Arbeiten. Haben Sie mich verstanden? Die Studenten sehen sich verunsichert an. Keiner spricht auch nur das leiseste Wort. So ist das also mit der Kunst.

Warum sind Sie hier? Weil ich gerne – zögert – Aktionskünstlerin werden möchte. Warum gehen Sie nicht zu meinem Kollegen? Er nennt den Namen. Kennen Sie den nicht? Nein. Haben gar nicht gewusst, dass er einen Lehrstuhl hier hat? Achselzucken. Der Nächste.

Der Assistent begutachtet die Arbeit eines Prüflings. Hier, und er deutet mit seinem Zeigefinger auf die bemalte Fläche, hier müssen Sie noch etwas hineinmachen. Der Student tut es. Er macht einen grellen runden Tupfer hinein. Eine Viertelstunde später kommt der Assistent wieder bei ihm vorbei. Hervorragend! Sie sind aufgenommen. Ich nicht. Sie sind nicht formbar, hat der Professor zu meinen Arbeiten gemeint. Ich nehme meine Mappe mit der Nummer zweihundertelf und verlasse den Saal. Ich gehe den Korridor entlang und trete hinaus auf den Platz. Später werde ich dem Herrn Vater berichtet haben, dass ich nicht genommen worden bin.

Ich habe beschlossen, dieses Ereignis nicht in die Familienchronik aufzunehmen, weil es unrühmlich ist, irgendwo durchzufallen, denke ich, und die Nachfahren stolz auf ihre Vorfahren sein möchten.

Man muss Erfolg haben in dieser Welt, sonst gilt man nichts.

Ich schreibe mich in einen Kurs an der Volkshochschule für Malerei ein. Akt, Porträt, Landschaft. Bereits in der zweiten Woche fahren wir hinaus auf den Kahlenberg, ins private Atelier der Professorin. Wir Kunstbeflissene suchen uns jeder ein Plätzchen am sonnigen Abhang des riesigen Gartens mit Blick auf die Donau und Wien. Ein Häusermeer. Daraus ragen zahllose Türme, darunter der Donauturm hervor. Ich fühle mich von dem Anblick völlig überfordert, beginne aber doch zu skizzieren. Häuschen an Häuschen reiht sich in mühevoller Kleinarbeit aneinander. Der davor alles überragende Donauturm wird mir zum Verhängnis.

Die übergewichtige Kunstprofessorin quält sich mühsam über den kleinen Abhang von Student zu Student. Sie blickt über meine Schulter, sieht meinen feinen Haarpinsel, mit dem ich die Häuschen und Türmchen male, und greift mit folgenden Worten zum größten Borstenpinsel, den ich besitze, indem sie ihn zunächst in Himmelblau taucht: „Was soll denn das sein? Schauen Sie“, und sie streicht in riesigen Streifen über die ganze obere Blatthälfte. „Das – ist der Himmel!“ Mir bleibt das Herz stehen. Mein Bild! Dann fährt sie mit dem unausgewaschenen Pinsel ins Braun, Grün und Ocker. „Und das“, zack zack zack, „das ist die Donau!“ Dabei verspritzt sie mit dem borstigen Werkzeug das Malwasser über mich.
Ich bin entsetzt. Mein Werk – in seinen Grundzügen realistisch, manieristisch detailliert angelegt, einer mittelalterlichen Panoramakarte gleich, mit allen Details, liegt völlig entstellt, ja, quasi devastiert vor mir. Das ist das Ende. „So!“, sagt sie, „und jetzt machen Sie weiter! Und verschonen Sie mich bloß mit Ihren Miniaturen, ja!“

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15123

Kein Typ fürs Grobe – Teil 2

Der Versuch, wenigstens einen Bruchteil von Vaters Welt verstehen zu wollen, bringt mich durch seine Erzählung der letzten Kriegstage etwas näher an ihn heran, und ich versetze mich in seine Lage, bin er, für Augenblicke.
6. Mai 1945. Amerikanische Truppen besetzen Linz und Steyr. In St. Pölten ist mir die Gestapo auf der Spur. Ich habe den Stempel „politisch unzuverlässig“ im Soldbuch stehen. Die Engländer und Amerikaner sind bereits in Kärnten. In Vorarlberg überschreiten französische Truppen die Grenzen. Ausgerechnet heute, an diesem gottverfluchten Tag, wo beinahe alles ausgestanden ist, heute finden und verhaften sie mich! Es sind ihrer drei. Der Fahrer bleibt sitzen. Deutsche. Die zwei anderen, ein Unteroffizier und ein Hauptmann, nehmen mich in ihre Mitte. Sie schieben mich in den feldgrauen Kübelwagen. Der Offizier sitzt links von mir. Er deutet dem Fahrer – Abfahrt. Auf der Reichsstraße Richtung Enns.
Sie sprechen nicht mit mir. Ich denke an meine Eltern. Ich werde sie nie mehr sehen, kann ihnen nicht schreiben, sie nicht anrufen. Ich bin doch Lehrer von Beruf! Nie wieder werde ich mit Kindern lachen. Die Fahrt verläuft ruhig und gleichmäßig. Ich kann keine Eile erkennen. Obwohl vom Feind längst umzingelt. Es ist dunkel geworden draußen. Der Chauffeur biegt links in ein Waldstück ein. Einen Feldweg entlang geht es noch ein paar hundert Meter. Der Offizier tippt dem Fahrer auf die Schulter.
Das Fahrzeug hält an. Meine beiden Wächter steigen aus. Lassen die Türen offen. Der Chauffeur steigt gleichfalls aus. Ich wage nicht, den Kopf zu drehen. Sie werden von draußen schießen, denke ich. Es macht mir nichts aus, weil meine Situation ausweglos ist. Irgendwann findet man sich mit allem ab, in diesem Scheißkrieg. Hoffentlich treffen sie beim ersten Mal. Es geschieht nichts. Banges Warten. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde. Nach fünfundvierzig Minuten wage ich, auf meine Uhr zu sehen. Ich wende den Kopf erst nach rechts, erwarte den Schuss. Nichts rührt sich. Dann sehe ich nach links. Niemand ist zu sehen. Ich rücke unruhig auf meinem Sitz hin und her.
Schließlich nehme ich meinen letzten Mut zusammen, quäle mich durch die enge Türöffnung nach draußen. Sie werden mich niederschießen – im Stehen, durchfährt es mich. Immerhin bin ich Offiziersanwärter. Ich spüre schon den stechenden Schmerz in der Brust. Jetzt. Jetzt ist es aus! Gleich! Aber – es geschieht nichts. Niemand ist hier. Sie haben sich abgesetzt, die Schweine, über die Enns, vermutlich. Ich atme durch, seit – ich weiß nicht, wie lange zum ersten Mal. Ich knöpfe meinen Militärmantel zu und setzte mich in Richtung Westen in Bewegung. Es beginnt leicht zu regnen.

Mitternacht, Mai 1992, als Papa mit seiner Erzählung endet. Ich sitze mit ihm auf der Terrasse unseres Hauses. Ein Schüttelfrost hat ihn befallen, schon während des Erzählens. Ich hole eine Decke. Er winkt ab. Geht schlafen, sagt er leise und erhebt sich. Seine Erinnerungen haben ihn zu sehr aufgewühlt.
Was bin ich bloß für ein Mensch? Ich mache den Vaterschaftsentzug wieder rückgängig. Jetzt bin ich wieder sein Sohn. Die Ohrfeigen versuche ich ganz einfach zu vergessen. Für heute jedenfalls.

Von der neuen Welt noch immer keine Spur. Dafür bestehe ich mit Bravour einen Test in der Tageszeitung, der mir sowohl Interesselosigkeit als auch die totale Freudlosigkeit am täglichen Leben bestätigt. Nichts kann mir noch Genuss bereiten, heißt es da, während ich den Tränen nahe bin, die Stunden fristend, die endlos mich dünken. Matt und kraftlos, verliere mehr und mehr an Gewicht und kann mich auch auf nichts so recht konzentrieren. Mein Selbstwertgefühl ist am Boden. Die Nächte, in denen ich mich unruhig und beinahe schlaflos im Bett wälze, werden zusehends zur Qual.

Trotz meines Elends aber beschäftigt mich mein Vorhaben um die Familienchronik. Welchen Stellenwert würde der Herr Papa in dieser einnehmen, denke ich? Im Grunde waren wir alle heilfroh, wenn er nicht allzu oft präsent war. Andererseits repräsentierte er doch eine gewisse Sicherheit, was das Existenzielle anbelangte. Aber das Wesen einer Chronik – ist nicht zuletzt doch das Neue? Etwas, was bisher noch niemand wusste oder gar vermutete? Sie lebt von der Zusammenfassung des Neuentdeckten. Dies allein ist ausschlaggebend für das Wesen einer Chronik. Persönlichkeitsmerkmale der beteiligten Akteure! Über gewisse Regeln und Riten berichten. Sie nachvollziehbar machen für andere. Schilderungen der persönlichen und allgemeinen Entwicklung! Ereignisse und Veränderungen aufzeigen. Meinetwegen auch Anekdoten hinzufügen. Und Korrespondenzen nicht vergessen!

Das Fräulein Schwester hatte es irgendwie leichter gehabt als ich. Nicht, dass sie der gesunden Watschen entgangen wäre, nein, durchaus nicht, aber – sie hatte, im Gegensatz zu mir immerhin die Stirn, der hauseigenen pädagogischen Übermacht mit ihrer Schlagfertigkeit zu begegnen, wenn nicht sogar mit ein wenig Frechheit. Denn, als eines Tages auch sie vorm versammelten Lehrkörper eine abgefangen hatte, knallte das gedemütigte Geschöpf dem allmächtigen Herrn Vater die Worte: „Denkst du jetzt, du imponierst mir?“ entgegen. Da war sie grade mal zwölf. Das saß, und der stets so gestrenge Herr Papa verzog seine unerbittlich strengen Lippen zu einem Lächeln, aus dem sogar, wohl angeregt durch die Heiterkeit der Anwesenden, so etwas wie ein Lachen wurde. Das hätte unsereins sich erlauben dürfen! Ich war sprachlos.

Die Kriegsgeneration hat uns Zeit ihres Lebens stets darum beneidet, dass wir es angeblich leichter hätten auf dieser Welt und – hat es uns spüren lassen. Denn dies führe zu nichts. Hart sein, wie Kruppstahl, hat es geheißen. Sei hart zu dir! Stahlharte Männer, hat der Direktor zu uns gesagt, sogenannte Männer aus Stahl! Dabei hat er mich gemustert, von oben bis unten, mir mit der flachen Hand auf die Brust geschlagen und mich gefragt, ob ich mich nicht einer Geschlechtsumwandlung unterziehen wolle, weil ich längere Haare hätte. Das war 1969. „Idiot!“, hab ich mir gedacht! Er muss es gefühlt haben. Dann hat er mich zum Friseur geschickt. Aber ich bin nicht hingegangen. Wir Jungen waren wie in Trance von „Satisfaction“ von den Stones und trugen Jeans und bedruckte T-Shirts.

Was würde der Herr Papa jetzt sagen, wenn ihm diese Gegenüberstellung meiner Lebensgeschichte zu Ohren kommen würde? Der Aufschrei eines, der die Bürde seiner unglücklichen Kindheit mit sich herumträgt, vielleicht bewahrt von jeder Schuld zwar, doch trotzdem beladen mit dem ganzen Elend einer Generation, deren Väter die Helden waren? Und wenn sie keine waren, so wie der meine, dann waren sie eben Verräter. Wie Papa, weil er eben kein Nazi war. Das war genauso schlimm! Sich gegen das Vaterland zu wenden und damit auch gegen das Volk! Die Zeit, wo einer wie er als Mahnender und nicht als Lump gewertet wird, scheint noch immer nicht reif zu sein. Noch ehrt man bloß die Helden! Lumpen baut man keine Denkmäler.

Ich erinnere mich des bleiernen Schweigens. Es wurde nicht darüber gesprochen, was geschehen war. In der Schule nicht, und zu Hause schon gar nicht. In den Schulbüchern hatten die alten Nazis ihre Finger im Spiel. Und die alten Nazis haben uns noch unterrichtet, und uns ihre scheinheiligen Ordnungsprinzipien aufgezwungen. 1972 sind wir noch im Turnsaal marschiert und haben „Oh du schöner Westerwald“ singen müssen.
Aber irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass sie alle ganz froh darüber waren, diese Zeit selbst heil überstanden zu haben und dass alles wieder seinen normalen Verlauf genommen hat. Und irgendwann wären sie ja sowieso verrückt geworden, vor lauter Hand hoch zum Gruß erheben und all dem ganzen ideologischen Unsinn. Und irgendwann wäre aufgekommen, was man den Menschen alles angetan hat. Oder sie hätten sich gegenseitig bis zum letzten Mann denunziert, wegen Hochverrats oder weiß der Teufel weswegen. Heute wohnen sie alle in friedlicher Eintracht nebeneinander, als ob nichts geschehen wäre. Der eine Nachbar, der ein paar Juden an die Gestapo verraten hat. Andere, welche deren Sparbücher, Häuser und Geschäfte beschlagnahmen ließen. Und wieder andere, die die Ministranten in unserem Dorf auf ihrem Weg in die Kirche mit dem Luftdruckgewehr beschossen haben.
Und es ist alles vergessen. Scheint wie ausgelöscht. Heute sind sie Nachbarn und grüßen einander, als ob nichts passiert wäre. Meine Zweifel, dass diese Welt auch nur einen Funken Logik eines, wenn auch noch so geringen, Ordnungsprinzips aufweist, verhärten sich mit jedem Tag. Und ich muss mit Entsetzen feststellen, dass ich selber auch nur ein Teil dieser Scheißwelt bin, in der alles drunter und drüber geht.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15122

Kein Typ fürs Grobe – Teil 1

Ich bin bislang wahrlich selten ein Liebling der Götter gewesen. Zumindest ist mir nicht bewusst, je einer gewesen zu sein. Ebenso wenig kann ich mich nicht daran erinnern, jemals vor Glück gesungen zu haben: Heut‘ bin ich so vergnügt! Das Leben ist so schön! Drum bin ich ja so froh! Und wo es was zu trinken gibt, zu küssen gibt, da geht’s nicht ohne mich. Ein Vogerl fliegt! Ich bin ja so vergnügt! Holadrio! Habe ich etwas versäumt? Mag sein. Das liegt bei mir am Tempo. Ich bin ganz einfach zu schnell, zu schnodderig. Also beschließe ich, von heute an alles langsamer, ruhiger, besonnener, bewusster zu machen. Aufmerksamer durch den Tag zu streunen. Auf diejenigen, die mit mir sind, besser einzugehen. Nicht mehr so fahrig zu sein. Nicht alles, was ich anfasse, sofort wieder aus der Hand fallen zu lassen.

Vielleicht sollte ich mehr dabei sein. Aber wo dabei? Ich erschrecke immer, wenn ich daran denke, nirgendwo dabei zu sein. So – so, sportlos beispielsweise. Ja, sportlos, wie ich bin, kann ich den Alltagsstress nicht aus meinem Kopf verbannen. Untrainiert wie mein Körper ist, bleibt alles, was mir durch den Kopf geht, am Gehirn hängen. Dabei ist das Land hier sportlich, sagt man, wegen der zahlreichen Siege unserer Athletinnen und Athleten. Ja, die Heimat ist sehr sportlich, und es tut nichts zur Sache, wenn auch manchmal ein wenig Koks oder sonst was dabei war. Dem Sportlichen verzeiht man beinahe alles, nur nicht, dass er verliert!

Gut, und ich gebe zu, nicht zu wissen wo’s langgeht. Das kann einem schon hin und wieder passieren. Aber auf Dauer? Ist auch kein Wunder, betrachtet man diese Welt und den tieferen Sinn des Lebens etwas genauer. Aus diesem Grunde kommt es vor, dass meine verletzte Seele eben nur ab und zu wie an einem Bungee-Seil, und das auch bloß für Sekundenbruchteile, nach oben fliegt, was meistens dazu führt, dass ich im Glückstaumel, ungeübt darin, wie ich nun einmal bin, total die Orientierung verliere, weil ich ganz einfach mit dem Phänomen unerwarteter Freude nicht umzugehen vermag. Wie sollte ich denn auch? Also lasse ich sie unten, die Freude. Da bleibe ich vor unliebsamen Überraschungen verschont. Vor allem ist die Fallhöhe nicht so groß. Ich sehe eben schwarz. Denn – mir fehlt sie ganz einfach, die rosarote Brille. Ich wurde ohne sie geboren.

Ebenso wie ohne die schneesicheren Moonboots, den bruchsicheren Kopfschutz und die eherne Beinschiene, und es ist mir vollkommen egal, ob die Pistazie plötzlich ihren Weg in die Schokolade gefunden hat oder nicht. Ich spiele nicht mit! Und wenn ich es müsste, hätte ich zumindest nicht den Wunsch zu gewinnen. Die erfüllendsten Momente des Lebens sehe ich augenblicklich darin, mich von mir selber zu erholen und ich fühle, als hätte ich nach den gewaltigen Anstrengungen der letzten Jahre, einem Lauf nach Sparta gleich, unerwartete Hilfe im Kampf gegen die eigene Bestimmung erlangt, und möchte hinausschreien: Das Ziel! Das Ziel ist – erreicht!
Aber was denn für ein Ziel, frage ich mich? Alles, was ich bisher angefangen und beendet habe, erscheint mir bloß nur noch wie ein Mythos in meinem Bestreben nach der größten Eigenleistung. Und trotz allem bin ich nicht dabei. Bin nicht beim Yoga oder Pilates. Beim Tennis nicht und nicht am Laufband. Das Schnurspringen habe ich längst aufgegeben. Einziges Outdoor-Erlebnis bleibt der tägliche Abendspaziergang durch den Rathauspark, über den Ring, hinüber zum Burgtheater, am Café Landmann und an der Universität vorbei. Nur noch vorbei. Durch die Schottengasse die Herrengasse entlang. Manchmal auch über den Kohlmarkt zum Michaelertor hin, dann durch den Volksgarten. Vorbei am Theseustempel. Und wieder zurück sein. Das ist augenblicklich am tröstlichsten. Auf diese Weise verzichte ich immer öfter auf den Katalysator, emotionale Reaktionen unter Leistungsdruck zu erfahren und abzubauen. Immerhin, noch ist es nicht so weit, mich auf die Beobachtung dieser Welt von den schmalen Erkerfenstern aus zu beschränken.
Der Gedanke ist jedoch durchaus vorstellbar. Alles wird kommen. Die Gasse, mit ihrem beinahe dörflichen Charakter ungewöhnlich niedriger Häuser in dieser Gegend, beendet im Nordwesten ihren Horizont mit der düsteren Glasfassade des Allgemeinen Krankenhauses. Keine besondere Aussicht! Im Osten mit der unteren Häuserfront der Lerchenfelder Straße. Die Trafik ist jetzt ägyptisch geworden. Drinnen duftet es nach Räucherstäbchen und aus dem Hinterzimmer dringt arabische Musik. Die Billa-Damen stammen allesamt aus Bosnien oder Serbien. Sie unterhalten sich über Tampongrößen – an der Kasse. Ausnahmsweise auf Deutsch. Ich kann nur die kleinen nehmen, sagt die Dunkelhaarige zur blond Gefärbten. Die anderen gehen bei mir einfach nicht rein. Die Leute an der Kasse schauen unschuldig, wollen nichts gehört haben. Niemand spricht ein Wort. In ihren Gehirnen arbeitet es fieberhaft. Jeder hat wohl jetzt seine eigene Vorstellung zu dieser Information. Nur einer verzieht seinen Mund zu einem Grinsen.

Vorne, an der Ecke beim Spar, belagert immer derselbe rumänische Obdachlosenzeitungsverkäufer den Eingang. Da musst du vorbei. An dem kommt keiner ungefragt vorüber. „Geben kleine Spende, biiitte!“ Man sieht sein prächtiges Gebiss. Wie von einem Raubtier! Ich hingegen leide an Karies. Heute kaufe ich grünen Tee und Bitterorangenmarmelade bei Demmer, hinter der Mölker Bastei. Lung Ching, zehn Deka. Ich kaufe seit Jahren immer nur Lung-Ching. Die polnische Verkäuferin bei Demmer ist sehr zuvorkommend. Sie passt gut zum Duft, den die Tees verströmen. Der Maronistand an der Ecke zur CA-Bank ist schon seit Wochen in Betrieb. Das bedeutet, es geht stark auf Weihnachten zu.

In der Stadt riecht man kaum noch Erde. Vielleicht noch eher im Volksgarten, da scheint ihr Geruch erfahrbar, wenn sie nach einem Regen feucht ist. Ende November aber, da spürst du diesen blassen Teint von Tod, von sehnsuchtsvoller Ruhe, diesen Drang nach Ausrasten, Schlafen, nach Aufhören, wenn die Rosen nach und nach eingepackt werden, um sie vor dem Frost zu schützen. So süß! Direkt verführerisch, dieses Aroma, alles für immer zurücklassen zu wollen. Die Natur macht eine Auszeit. Nur wir hetzen hinter allem her wie die Verrückten. Die fetten Raben durchbrechen die scheinbare Ruhe mit ihrem heiseren Gekrächze. Diese Stille, die keine ist, der permanente Motorenlärm, der in der Luft liegt – daran habe ich mich so gewöhnt, dass mir so ist, als wäre alles ruhig. Nun belügt sich der Geist in einem fort, ganz unbemerkt. Die alten Heimkehrer aber tragen ihre Fahnen vor sich her, bis sie umfallen, ehe sie sie loslassen.

Vorm Rathaus sind die Christkindl-Buden geöffnet. Die alljährliche Tanne ist heuer etwas mager und stammt aus – Salzburg, ach ja. Es regnet ein wenig. Ich rieche an den Zweigen eines überdimensionalen Adventkranzes. Sauge den Harzgeruch ein, der sich sanft in Wellen ausbreitet. Begleitet von diesem Duft hängen an ihm tausende Erinnerungen an meine eigenen kindlichen Vorstellungen von Weihnacht. An die vergeblichen Mühen der Eltern, uns den Zauber ums Christkind so lange wie möglich vorzuspielen. Da war das rote Plastik-Rennauto. Mercedes oder so. Das DKT-Spiel. Ich habe stets verloren, wenn ich mit den älteren Schwestern spielte. Gnadenlose Geschäftswelt. Schon als Kind war sie mir verhasst. Patiencebäckerei vom Meinl. Mit dem Mohren darauf, der heute ein Farbiger sein muss. Johannisbrot und Lakritzestangerl. Ekelhaftes Zeug für denjenigen, der Schokoladenlebkuchen gekannt hat oder Windbäckerei. Alles wäre gut gegangen, wäre vergraben geblieben, verschüttet, verdrängt, bis zum Tag der plötzlichen Ernüchterung.
Die Geschichte vom Christkind – von vorn bis hinten erlogen! Mama blickte wehmütig drein, als ob es ihr leid tat um ihr gehütetes Geheimnis, und dieses nun gelüftet sah. Die ältere Schwester hatte mich jäh meiner Illusion beraubt. Und damit du´s weißt, das ist alles von Mama und Papa! Christkind gibt´s nicht! Damit trete ich in die Welt der Erwachsenen und deren Nüchternheit ein und Fantasien werden zur banalen Wirklichkeit und verlieren ihren zauberhaften Glanz. Den des Wunders, des Geheimnisvollen, der Geheimnistuerei. Von da an raschelt es nicht mehr im Karton. Und wenn doch, dann weiß ich, es ist bloß die Mutter. Also flüchte ich wieder zurück in die Welt des Scheins und der Einbildung und versuche sie mir, bis heute, so zu bewahren. Ich bin ein Träumer geworden, aus Opposition gegen die Realität.

Advent in Wien ist die Zeit, in der man die Spannungen zwischen den Menschen am deutlichsten in der U-Bahn zu spüren bekommt. Die Jungen telefonieren wie besessen, aus Angst, nicht zu vereinsamen wie die Alten. Die Leute sitzen regungslos auf ihren Sitzen, ohne ein Lächeln auf den Lippen. Sie besetzen die dem Mittelgang nahen Sitze, nicht die Fensterplätze und wenn du dich hinsetzen willst, musst du dich an ihren Knien vorbeizwängen. Sie lassen sich Fluchtwege offen.
Auch ich selbst bewege meine Lippen kaum. Mache sie schmal und presse die Kiefer zusammen. Warte, was kommt. Und wenn ich den Mund schon einmal öffne, dann bloß, um die Lippen mit der Zunge zu befeuchten, um sie vorm Austrocknen zu bewahren, vorm Wind, der ständig durch die Gassen weht. Manchmal bekomme ich den Mund nicht auf, weil ich vergesse, die Kiefer loszulassen, hängen zu lassen, entspannt sein zu lassen. Und es kracht furchtbar, wenn ich sie öffnen will.
Ich sehe mir die Menschen genau an. In Sao Paulo mag natürlich alles anders sein. Aber in London und New York sind sie genauso stumm wie hier – am Morgen, wenn sie zur Arbeit fahren, das weiß ich mit Sicherheit.

In den wenigen ruhigen Momenten meiner Rastlosigkeit rüttelt der verhinderte Ehrgeiz hinter hölzernen Palisaden, eingemauert, der mir verwehrt, mein Leben in ruhigeren Bahnen laufen zu lassen.

Gedanken an die Kindheit drängen sich auf. Da sind sie wieder – die Geister! So plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Da ist nicht nur der Wasserkessel, der genau dann überzugehen drohte, wenn Mama kurz einkaufen gegangen und ich vor Angst beinahe gestorben war. Da ist auch die Erinnerung an all die dunklen Ecken und Winkel, wenn der Abend hereingebrochen war. Das ostinate Ticken der Küchenuhr, das nicht aufhören wollte. Ein Knistern hinter dem Kasten. Das Quietschen einer Tür? Die Mutter musste doch jeden Augenblick kommen? Bange Kinderminuten voll Zweifel. Gänsehaut! Dunkle Ecken, beseelt. Geister? Gab es welche? Ganz sicher war man sich nie. Das Herz klopfte wild.
Sie hätte ja auch schön sein können, die Ruhe. Aber sie war es nicht. In dem verdammten, dunklen Küchenschlauch der väterlichen Dienstwohnung, mit jener ekelhaften Speisekammer und den scharfgemachten Mausefallen, der unerreichbaren Riesentafel Kochschokolade! Wäre es bloß nicht so finster gewesen dort drinnen! Das Licht von der Küche reichte nicht aus, um dieses Loch ausreichend zu beleuchten.
Ich denke an Washington. Wie komme ich jetzt da drauf? Weiße Prachtbauten mit Freitreppe. Und mein Schicksal! Ich verfluche es. Stattdessen geistert der Herr Papa stets in mir herum. Winzige, schier unbedeutende Szenen spielen ihr verrücktes Spiel, selbsttätig und unaufgefordert, unbeeindruckt von meinem Willen, davor verschont sein zu wollen, spulen sie sich vor meinem geistigen Auge ab, wie ein Film. Ich habe nicht darum gebeten!

Es finden sich unbedeutende Szenen erhaltener Ohrfeigen darunter. Unbedeutend, denke ich. Doch nein! Die Geschehnisse drum herum werden umso deutlicher, je mehr sie sich meiner Erinnerung aufzwängen. Und schicksalsschwerer werden ihre Ursachen und Auswirkungen. Lediglich ein paar Ohrfeigen, als Zeichen der Macht verabreicht, zur Disziplinierung, vor versammelter Kollegenschaft. Nichts Besonderes damals. Die Tränen waren ebenso rasch vergessen wie sie vergossen waren. Die Wirkung allerdings war nachhaltig. In kühnen Träumen würde ich zurückgeschlagen haben. Mich gegen die feige Tat eines Erwachsenen zur Wehr gesetzt haben. Es war um nichts gegangen. Um absolut nichts von Bedeutung. Und selbst wenn. Ich war erst acht und wog siebzehn Kilo. Er war fünfzig, achtzig Kilo schwer. Ich habe diese Welt immer schon gehasst, mit samt ihren Ungerechtigkeiten! Der Schmerz war es, nicht geliebt zu werden. Und er bedeutete nichts gegen die Wucht des Aufpralls, der das Ohr für Momente taub werden ließ.
Aus diesem einzigen Grund entzieht der allzu zarte, kränkliche Knabe, seit frühesten Kindestagen oftmals schwer erkrankt, für Wochen in weit entfernten Kliniken abgeben, ohne Liebe auf sich allein gestellt, ohne Zuwendung, er, der Trennungen bis heute nicht verkraften konnte – vor einer übermächtigen Vaterfigur als Hohlkopf und Nichtskönner bezeichnet – jener bedauernswerte Mensch also, mit dem heutigen Tage diesem, dem leiblichen Vater, die offizielle Vaterschaft! Na also! Endlich! Sie haben es geschafft! Befreien Sie sich! Befreien Sie sich endlich von ihrer Vergangenheit, mein Herr!

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15121

Eine jagdliche Szene

Eine neoklassizistische Villa im Salzkammergut. Das Haus, umgebaut zur Privatpension, beherbergt eine Reihe illustrer Gäste. Unter ihnen eine attraktive junge Dame mit Namen Sybilla Trinks, in die sich Norman Moll, Kurgast, Individualist und Einzelgänger, spontan verliebt hat. Man nimmt einen Drink zusammen auf der Terrasse des Hauses. Thema eines angeregten Gesprächs ist Bodo Rabitsch, gleichfalls Kurgast, genannt der Lodenbaron, und ein Ekel, das in der Lage ist, Norman Moll mit seiner widerlichen Art in der Öffentlichkeit stets aufs Höchste zu verunsichern.

„Was sagen Sie dazu?“ Moll zuckte mit den Schultern. „Also gut. Ich kann Ihnen versichern, Ihre Paranoia diesem Menschen gegenüber scheint mir völlig unbegründet. Dieser Mann, vor dem Sie so unheimlich Schiss haben, ist im Grunde genommen ein Emporkömmling, ein Parvenü.“ Moll hob die Augenbrauen. „Dieser Mensch hat im Grunde in seinem ganzen Leben noch nichts anderes getan, als auf die Butterseite zu fallen, und das aus Kalkül.“ „Und woher wollen Sie das wissen?“, fragte Moll zweifelnd. „Ich weiß es eben, das muss genügen und tut nichts zur Sache. Dieser Rabitsch hat einfach in eine vermögende Familie eingeheiratet. Loden! Sie verstehen. Das war’s auch schon. Zufällig hat sich die Tochter seines Lehrherren, eines Schneiders, in ihn, den Lehrbuben, verliebt. Romantisch, nicht wahr? Ihre Eltern waren allerdings von Anfang an dagegen, dass sich hier was anbahnt.
Aber da war eben nichts zu machen. Der Herr Schwiegersohn in spe hat daraufhin seine handwerkliche Lehre abgebrochen, hat das Mädel geheiratet und ist sofort zum Prokuristen im schwiegerelterlichen Betrieb aufgestiegen.“ „Ah!“ Hodenlose Lodenhose, erinnerte sich Moll an eine Silbenverdrehung und schmunzelte. „Ein paar Jahre waren dem Betrieb noch Umsatzhochs beschieden, bis man eines Tages Konkurs anmelden musste, weil die Konkurrenz auch nicht geschlafen hat, und aus war‘s.

Tatsache ist, dass eine Menge Geld da war, trotzdem, und dass man in dem Häuschen, das man als Jungvermählte bekommen hatte, weiterhin hervorragend domizilierte, und von der Mitgift, beziehungsweise aus Veräußerungen der betrieblichen Reste unbekümmert leben konnte, auch ohne zu arbeiten.“ „Beneidenswert“, seufzte Moll lächelnd, „und ich hab‘ geglaubt, er ist zumindest Wirtschaftsprofessor oder so etwas Ähnliches. so, wie er stets doziert!“ Beide lachten. „Immerhin haben   S i e   ihn neulich ja selbst geadelt, wenn man bedenkt, wie Sie ihn immer nennen, den Lodenbaron eben“, lachte Sybilla Trinks und nahm ein Schlückchen Sekt zu sich. „Naja, Ökonomieadel! In Deutschland oder in Polen wurden im neunzehnten Jahrhundert ganze Dörfer auf diese Weise zu Baronen gemacht“, bemerkte Moll zynisch.
Die Trinks fuhr fort: „Die Geschichte geht noch weiter. Als die Kinder aus dem Haus waren, fuhr der Herr einmal auf Kur. Das Ergebnis dieser Reise hat sich in Person der Frau Linda Maar niedergeschlagen. Seither tritt sie offiziell als sein Schatten auf. Dort, dort drüben – der Schatten, den Sie ja bereits seit Nachmittag neben ihm nicht übersehen können.“ „Also, ein Schatten ist sie nun wirklich nicht“, lachte Moll, „weder von der Physis her noch vom Charakter. Was ich mir da vorhin anhören musste, war eine …“.
„Hat sie Ihnen etwa die neue Rolle der modernen Frau als Führungskraft zu vermitteln versucht?“ „So könnte man es ausdrücken, ja!“ „Verstehe! Also, der Baron ist ein Meister der Doppelrolle, wie Sie unschwer erkennen können. Arm ist nur seine Gattin. Ich habe schon einmal angedeutet, dass sie eine ganz liebenswerte Person ist. Sie würde sich nie über ihre Situation beschweren, glauben Sie mir. Eine Frau, die stets versucht hat, nur das Gute in diesem Menschen zu sehen, und niemals seine Fehler.“
„Ach!“, kam es Moll so über die Lippen. „Aus welchen Gründen sie das tut, ist mir noch unklar. Ein wesentlicher Grund aber dürfte sicher der gesellschaftliche Status sein. Das heißt, man lässt sich nicht scheiden in dieser Welt, aus der sie kommt. Die Pracht der Tracht, wenn Sie verstehen!“ „Und so duldet sie still.“ „Wie viele von uns“, sagte Norman Moll nachdenklich. Sybilla Trinks lehnte sich in ihrem Korbsessel zurück, mitleidig lächelnd. Blitzschnell dachte Moll an einen Rückzieher. Zu spät! „Das habe ich erwartet, dass Sie jetzt so etwas sagen würden. Sieht Ihnen ähnlich, wirklich!“

Moll hob erstaunt seinen Kopf. „Wieso?“, fragte er, „was hab‘ ich schon wieder gesagt?“ Und beinahe befürchtete er die Beziehung zu ihr im Kippen, wie auch eine gewisse Nüchternheit sich seiner ihr gegenüber bemächtigen wollte, äußerst unangenehm, bedachte er seine bisherige Situation mit ihr, das Tänzchen vorhin und überhaupt! Es wollte ihm nicht konvenieren, dass sich die Sache nun in eine Art psychotherapeutische Séance zu wandeln begonnen hatte, noch dazu in eine, in der er den Patienten spielen sollte. Unerhört! Da läutete ihr Handy. Moll schreckte hoch. Sybilla Trinks war aufgestanden und spazierte ganz langsam auf der Terrasse auf und ab, telefonierend.
Über dieser höchst störenden Unterbrechung hatte Moll aufgehört, irgendwelche Schlüsse aus ihrer letzten Bemerkung zu ziehen, so echauffierte ihn diese und seine Erinnerung an das Schöne, das Romantische, ja, das Ideal des Menschseins schlechthin, die Leidenschaft der, beinahe hätte er Liebe gedacht, nein, Liebe war es eigentlich nicht, der Neugierde – zerstörte sich mit einem Male ganz von selbst, und er saß da, ein Häuflein Elend, mit runden Schultern, die nach vorne fielen, in der Hand das Sektglas, das leere, der Patient – ausgeliefert, krank in der Seele, unrettbar verloren!
Ein Blick zu Lodenbaron Rabitsch. Man unterhielt sich prächtig dort drüben. Die Trinks telefonierte noch immer.
Jetzt war Rabitsch aufgestanden und die Treppen in den Park hinuntergegangen. Sein helles Lodensakko strahlte im Mondlicht. Wieso geht er in den Park? Die Toiletten waren doch …? Moll dachte an seine Lendenwirbelsäule und wagte nicht, sich ruckartig zu erheben, und doch zehrte eine unbändige Neugierde an seinen Nerven. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Lehnen und erhob sich ganz langsam. Keine Ahnung, wie lange er hier schon gesessen hatte, auf alle Fälle zu lange! Die Schmerzen in seinem Rücken waren erheblich.

Aber der Drang, dem Trachtenbaron unauffällig zu folgen, war stärker. Wer Moll so sah, den musste unweigerlich tiefes Mitgefühl befallen, ihn so leidend zu sehen, und es gelang ihm erst nach einigen mühevollen Schritten, sich selbstständig aus der weit nach vorn gebückten Haltung vollständig aufzurichten, begleitet von einer seufzenden Interjektion, aahhh, Ausdruck einer spontanen Gefühlsbewegung, leicht ablesbar aus dem Gesichtsausdruck sowie der Stellung seines Mundes, welche Schmerz signalisierte. So begab er sich, unbeobachtet von Trinks, die mit dem Gesicht in jene von ihm aus entgegengesetzte Richtung stand, ganz langsam, scheinbar völlig ohne bestimmtes Ziel, den Baron dabei nicht aus den Augen lassend, in Richtung der Treppen, die in die Parkanlage führten und an denen er nun vorsichtig hinunterstieg.
Zunächst waren seine Augen noch von der Terrassenbeleuchtung geblendet und konnten im Dunkel der Bäume und Büsche nichts ausrichten. So verharrte er vorläufig im Schutze einer mächtigen Thuje. Dort vorne war Rabitsch, ganz deutlich auszunehmen, in strahlend weißer Tracht, und offensichtlich bemüht, authentische Laute der Natur nachzuahmen. Vielleicht jene der Nachtigallen? Rabitsch übte das Modulieren des Klanges, erst hoch, dann etwas tiefer – das klang aber nicht nach Nachtigall – eher wie die Tritonschnecke – das Herakleumrohr – eine Nuance zerbrechlicher und etwas zu leise – aber er machte es geschickt – platzierte den Ruf so, dass zu erwarten war, das Wild würde in den nächsten Minuten zustehen – galt es doch als wahrscheinlich, es vom Rudel wegzulocken, was zwar nur in ganz seltenen Fällen gelang, aber bitte!

Dieser Teil des Rabitsch´schen Reviers, mit seinen Niederungen und Dickungen, beanspruchte den erfahrenen Fährtenleser voll und ganz, wies es doch zumeist kurz geschnittene Rasenflächen auf, dazwischen eingesprengt etliche Blumenbeete, in denen zweiundfünfzig Rosenarten ihr bunt duftendes Dasein fristeten. Doch immerhin gestattete es der kleinkörnige weiße Kies durch tiefere Abdrücke der Hufe, das Abfährten leichter erkennbar zu machen, welche Richtung das Wild letztlich genommen hatte. Moll schlich unauffällig hinter Rabitsch her, auf leisen Sohlen. Vor Rabitsch etwas Helles, das Tier – unvorsichtig und überhaupt nicht darauf bedacht, sich zu tarnen oder gar vor seinem Jäger verstecken zu wollen, nein, es fühlte sich offenbar völlig sicher in seinem dichten, mit trockenen Zweigen übersäten Bestand, ja, verursachte dabei sogar noch heftige Geräusche, derart, als ob es mit einem Mülleimerdeckel spielte.
Aber es stand noch nicht zu, trotz Rabitsch´s heftigster Lockungen. Und dieser war noch zu weit entfernt und musste wohl näher heran. Schwierig, in diesem dichten Unterwuchs, obwohl – der Wind stand günstig, wenn auch schwach – so könnte er es anpacken! Etwas störend dabei schien das helle Trachtensakko. Nicht unbedingt ein Tarnkleid. Doch, was gab es Aufregenderes, als so nahe der Beute zu sein, um sie in ihrem Einstand mit dem Ruf anzugehen? Und selbst wer niemals Jäger war, musste ihn spätestens jetzt empfinden, den Urinstinkt jagdlicher Triebhaftigkeit! So standen sie, hintereinander, in atemberaubender Stille und in unmittelbarer Nähe der geweihten Beute. Da brach es aus dem Unterholz! Fräulein Trixi, die Haushaltshilfe, mit einem Biokübel in der Hand.
„Ach! Jetzt bin ich aber erschrocken!“, rief sie Rabitsch zu, „haben Sie mich aber…“. Moll verschwand blitzschnell hinter einem Rosenstrauch und ging in Deckung. Diese Niedertracht! Moll war empört. Das hier sollte sozusagen zum „Wildbret“ werden! Schau dir an, dachte er, dieser Gauner! „Also, das tut mir jetzt aber leid“, log Rabitsch, „nie im Leben hätte ich daran gedacht, Ihnen Angst einzujagen, ehrlich! Ach, darf ich Ihnen behilflich sein? Geben S‘ her, das Küberl ist ja viel zu schwer für Sie!“, worauf Trixi diesen dem perfekten Gentleman mit zuckersüßem Lächeln übergab. Beide kehrten scherzend zur Villa zurück.

Moll krachten die Knie vom Hinhocken. Ein stechender Schmerz durchfuhr beide Minisken, das musste der Plural sein, schien ihm, sodass er schier aufschreien wollte, als er plötzlich nach hinten umkippte und auf dem Rücken zu liegen kam, wie ein Käfer in der Morgenstarre, das Laufwerk in die Höhe gerichtet. Gott sei Dank hatten sie ihn nicht wahrgenommen. Äußerst peinlich das Ganze! Als er ihre Stimmen kaum mehr hören konnte, drehte er sich in Bauchlage, um sich aus der Stellung „auf allen Vieren“ langsam zu erheben. Gottlob hatte seine Garderobe keinen Schaden genommen.
Also schlenderte er ebenso unauffällig, wie er gekommen war, der belebten Terrasse zu. Er stieg die Treppe hinauf, vorbei am Tisch der übrigen Gäste, die sich immer noch prächtig unterhielten. Vorbei am Lodenbaron, der ihn anlächelte und seinen Platz neben Lindakind wieder eingenommen hatte. Diese hatte, dank ihrer Naivität, natürlich nichts von seinem waidmännischen Ausflug bemerkt. Moll lenkte seine Schritte in Richtung einsame Rattansitzgarnitur am anderen Ende der Terrasse, gleich neben der Music-Band, wo Sybilla Trinks bereits auf ihn zu warten schien.
Bis auf das Getratsche und Gelächter der anderen war nichts zu hören, vielleicht ein wenig Tellerklappern und Gläserklirren aus der Küche, aber die Grillen waren lauter und der Wind säuselte noch immer leise in den Ästen der gewaltigen Bäume rund ums Haus und im rückwärtigen Teil der Parkanlage. Die Musiker bekamen soeben im Salon ihr Nachtmahl serviert.

„Wo sind Sie denn auf einmal hergekommen?“, fragte Sybilla Trinks ganz erstaunt. „Ich war ein wenig auf der Pirsch“, lächelte Moll und setzte sich. Trinks schüttelte ungläubig ihr hübsches Köpfen, während die Wellen ihres luftig leichten Haares das zarte, schmale Gesicht umspielten. Da waren sie wieder, diese Impulse ihrer Haut, die sein körpereigenes Radarsystem bereits mehrfach geortet hatten, wenn er ihr plötzlich wieder so nahe war, und versetzten ihn in einen Schwebezustand unerhörter Selbstverständlichkeit, Besitzender zu sein, Eigentümer ihrer geheimsten Gedanken und gar Wünsche, Momente, an denen man eben an die unglaublichsten Dinge zu denken imstande war, ohne auch nur ein Jota Logik zu gebrauchen.

Norbert Johannes Prenner

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Das Examen

Es war bei Gott kein Tag für eine Prüfung. Der Störungseinfluss hatte weiter zugenommen. An der Alpennordseite war es seit Tagen schon bewölkt mit zeitweisem Schneefall. Morgen sollte es noch schlimmer kommen. Das nasskalte Wetter machte Rheumatikern ohnedies schon genug zu schaffen. Kurt quälte sich die Treppe zur Universität hoch, seine fertige Diplomarbeit, gebunden, in dreifacher Ausfertigung, unter den linken Arm geklemmt. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn.
Die ganze Nacht über hatte er sich unruhig im Bett gewälzt, Fragen, die er sich selber stellte, beantwortet. Und immer dann, wenn er beinahe schon eingenickt war, schreckte er wieder hoch. Da stand er vor ihm. Hoch aufgerichtet, mit schütterem Haar über dem roten, aufgedunsenen Gesicht, die Hände am mächtigen Körper schlapp hinunterhängend, schwer atmend, Professor Lot. Nein, nur in seiner Fantasie. Ein Albtraum. Kurt zog sich erneut die Decke über den Kopf. Irgendwann musste er dann doch eingeschlafen sein, sagte er sich.

Aber jetzt, ja, jetzt sollte es ernst werden. Mit seiner ganzen Kraft schob er die schwere Glastüre zum Eingang auf, dann durch die Aula, Stiege fünf, links. Sein Herz schlug wie ein Hammerwerk. Sollte er den Lift nehmen oder die Treppe? Besser die Treppe. Was wäre, wenn der Lift wieder steckenblieb, so wie neulich? Ganze zwei Stunden war er zusammen mit einer Sekretärin Gefangener zwischen Himmel und Erde. Eine durchaus nette Vorstellung, die Dame war weit über fünfzig und brachte gut und gern an die hundert Kilo auf die Waage. Vielleicht war ihr Gewicht der Auslöser für den Defekt gewesen? Ja ja, dachte er, jeder ist, wie er ist.
Kurt verdrängte die Erinnerung an dieses ungewollte Abenteuer. Nun war er bereits oben angelangt. Welches Zimmer? Mein Gott, welches Zimmer? Wo ist denn der verdammte Zettel? Kurt kramte aufgeregt in seiner Manteltasche. Die Hausschlüssel, Taschentuch, Zehn-Cent-Münze. Verflucht! Dann eben in der anderen. Ja, da vorne musste es sein, das Zimmer 411. Das Sterbezimmer, dachte Kurt. Das Schicksalszimmer würde es sein. Ja, er wusste es. Er hatte es immer schon gewusst. Und er würde darin aufgebahrt. Mit Kerzen, links und rechts von ihm.

Mein Gott! Die ganze Sache wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Er hätte sich nie auf diesen Prüfer festlegen sollten. Hätte ja genug andere gegeben. Warum war er nicht einfach zum Knoll gegangen? Der Knoll, das war ein friedlicher Mensch. Berechenbar, nett. Und nicht so ein Kapazunder wie dieser Lot! Über die Lande hinaus bekannt. Der konnte ja jede Menge Diplomanden haben. Konnte sich seine Leute aussuchen, musste nicht jeden nehmen. Warum hatte er gerade ihn genommen, fragte sich Kurt? Lot kannte er von einigen seiner Vorlesungen. Aber Kurt war dem sicher nie sonderlich aufgefallen.
Warum musste er sich gerade bei dem anbiedern? Manno! Aber Lots Vorlesungen hatten ihm gefallen, weil sie so erfrischend waren, so neu. Vermittelten irgendwie ein weites Umfeld. Um den rissen sich alle, klar, weil das, was er sagte, anerkannt war, Gewicht hatte, Kompetenz und so. Der war eine Koryphäe! Aber er, Kurt, war eben bloß Durchschnitt, und das wussten sie beide, Lot und Kurt selbst.

Doch jetzt war es zu spät. Das hättest du dir früher überlegen müssen, haderte Kurt mit sich und zählte die Zimmertüren. Ach, würde doch nie die Zahl 411 kommen. 405, 403, 402, verdammt, die falsche Richtung. Kurt hetzte zurück, bog um die Ecke. Scheiß Uni! Da vorne, da war es ja. 409, 410, oh mein Gott, bitte hilf mir jetzt, dass ich das überleb´! 411! Kurt war atemlos. Bis zum Hals schlug sein Herz, stotterte manchmal, hatte kleine Aussetzer. Das ist normal, das hatte ich immer schon, beruhigte er sich. Er hob den rechten Arm, wollte anklopfen, hielt plötzlich inne, den Zeigefinger schon gekrümmt, abgewinkelt, bereit, ihn als Türklopfer einzusetzen.

Was hatte er wegen diesem Lot nicht schon alles durchgemacht, ha! Der Dativ ist des Genitivs Tod, fielen ihm dessen Worte wieder ein. Das war dem Lot seine Vorlesung! Ach was! Als er begonnen hatte, die Diplomarbeit zu schreiben, war ausgemacht, er lieferte ihm wöchentlich so fünf bis acht Seiten. Das hatte er auch getan. Lot hatte sie jedes Mal wohlwollend in Empfang genommen und Kurt gelobt. Gut, gut, hatte er immer gesagt. Machen Sie das so weiter. Vielleicht ändern Sie dies und jenes, hatte er manchmal angefügt. Ob er die Zitate am Fußende so lassen könne, hatte Kurt gefragt. Natürlich, lassen Sie die so, hatte Lot geantwortet. Danach war Kurt wieder sich selbst überlassen. Wühlte in unzähligen Büchern in der Fachbibliothek, saß stundenlang in der Mensa bei einem oder zwei Kaffee, kopierte, exzerpierte, redigierte und inhalierte eine Zigarette nach der anderen.

Weihnachten stand kurz vor der Tür. Dies bedeutete drei Wochen ohne Betreuung. Beinahe als wenn … was ist, wenn dein Psychiater auf Urlaub fährt? Kurt fragte sich, das gibt´s nicht, oder? Wie, wie sollte er denn ohne ihn auskommen? Ohne diesen Lot! Womöglich ist er mit dem, was ich da zusammenschreibe, nicht zufrieden. Dann kann ich die ganze Scheiße noch mal von vorne machen! Im Feber würde die Prüfung sein. Bis dahin musste Lot seine Arbeit korrekturgelesen haben, sie dem Zweit- und Drittprüfer übergeben haben und und und!
Das ginge sich doch nie aus! Kurt war verzweifelt. Dann wäre das Stipendium auch futsch und er müsste arbeiten. Ja, arbeiten! Man würde irgendeinen Job finden. Ja, doch. Sicherlich. Irgendeinen Job würde er schon finden. Geschirrspülen in der Mensa oder so. Oder dort an der Kassa sitzen. Er kannte den Mensa-Chef flüchtig. Ein verkrachter Medizinstudent im Gott weiß wievielten Semester. Musste auch jobben. Na und? Irgendwann würde man schon damit fertig sein. Im schlimmsten Fall könnte man noch einmal antreten.

Da war dieses Zimmer 411! Kurt hielt sein Ohr näher an die Tür. Sie waren schon da. Verdammt! Die Professoren waren drinnen. Er konnte die Stimmen zweier Männer hören. Ob das Lots Stimme war? Kurt war sich nicht sicher. Die andere kam ihm vertraut vor. Natürlich, Professor Wendelin, sein Zweitprüfer. Vielleicht hätte er sogar bei dem schreiben sollen? Allemal besser als beim Lot. Oder doch beim Knoll? Scheiße! Jetzt war es doch egal! Hauptsache, es ging rasch vorüber.
Hoffentlich stellten die anderen keine unangenehmen Fragen, durchfuhr es Kurt. Der Wendelin würde nicht so schlimm sein, aber wer war der dritte? Die Meier, die alte linke Lesbe? Bitte nicht, die fehlte ihm gerade noch. Kurt atmete tief durch. Die Beine wollten versagen. Aber dann – dann klopfte er vorsichtig. Nichts. Sollte er noch einmal? Keine Reaktion. Noch einmal, poch poch poch. Bloß nicht zu laut. Wer weiß, vielleicht kreideten sie ihm an, dass er sich so aufdrängte? Konnte ja sein.

Bei Professoren wusste man nie, wie sie reagieren. Einmal hat einer eine Studentin während eines Seminars zur Sau gemacht, vor allen anderen, bloß weil sie auf die Toilette gegangen war. Ob sie ihren Stoffwechsel nicht in der Pause erledigen könnte, hatte er ihr ins Gesicht geschleudert. Als ob man noch auf der Schule wäre! Kindergartenallüren! Nahm sich nicht einmal die Mühe, hochdeutsch zu sprechen. Do hot der Mann ihm das Buch gebroocht (sic!), hatte er einmal gesagt.
Die Studenten haben gelacht, besonders die Deutschen. Wie kann so einer auf der Germanistik sitzen, haben sie gefragt und sich gewundert. Überhaupt gab es dort die witzigsten Typen unter den Professoren. Einer, der während seiner Vorlesungen ständig ins Libretto abgerutscht war, sobald er sich im Biedermeier und der Romantik befunden hatte, war Professor Keller. Ein Beau. Ein Original! Und optisch doch ein Klon – Mittelding aus Charlton Heston und Maximilian Schell. Aber – ein Mann des Librettos. Ja, das Libretto, seine Leidenschaft.
Als er wieder einmal abglitt, ins seichte Fach der Musen, begannen einige Studenten in Trichter zu blasen, die Tischtrommel zu rühren und den Bariton zu mimen. Eine Sage machte seit seither unter den Hörern die Runde, dass jene ihm während dieser Vorlesung eine regelrechte Kapelle ausgerichtet hätten, mit Topfdeckeln als Tschinellen und Trichtern als Trompeten und nebenbei allerlei Schlagwerk und vielstimmigen Gesang. Daraufhin hatte Keller die Vorlesung abgebrochen und diejenigen unter ihnen aufgefordert, die vorhätten, ernsthaft zu studieren, ihm ins naheliegende Café zu folgen, wo er seinen Vortrag fortzusetzen gedachte. Die Kapelle eskortierte ihn und die Studierwilligen artig bis vor die Pforten der Restauration. Allein der Oberkellner verweigerte deren Eintritt energisch. Ob das alles so stimme, wusste Kurt nicht. Trotzdem, es hatte ihn stets amüsiert. Doch das war jetzt nicht von Belang.

Als Kurt zum dritten Mal anklopfen wollte, öffnete sich plötzlich die Türe und vor ihm stand Professor Wendelin. „Ach, Sie sind´s! Na, da haben wir aber heute ein Pech. Soeben hat uns der Kollege Lot angerufen, dass er heute nicht kommt, weil er krank ist. Tut leid“, fügte er hinzu. Was war das? Der Lot ist heute krank, an seinem Prüfungstag? Ja, ist das denn die Möglichkeit? Kurt traf beinahe der Schlag! „Ja, aber aber“, stotterte Kurt, „wann, also wann muss ich denn dann…?“ „Machen Sie mit ihm einen neuen Termin aus, Herr Kollege“, sagte Wendelin beinahe väterlich, „irgendwann wird er ja wieder gesund werden, nicht wahr? Wie gesagt, heute, tut leid!“ Mit dieser kümmerlichen Phrase ließ er Kurt am Korridor stehen und schloss die Türe hinter sich.
Kurt stand da, verstand die Welt nicht mehr, während die Gedanken in seinem Gehirn Purzelbäume schlugen. Alles vergebliche Mühe, dachte er. Ich werde verrückt! Die schlaflose Nacht! Das ganze Hin und Her! So eine verdammte Scheiße!,  und verließ die Universität auf kürzestem Wege.

Vier bange Wochen waren vergangen, als Kurt zum neu ausgemachten Termin seiner Diplomprüfung eilte. Das Wetter war um nichts besser als beim letzten Mal. Doch diesmal sollte das Prüfungszimmer im Parterre sein.
Naja, wenigstens eine kleine Erleichterung, dachte Kurt und eilte durch die engen Gänge. Sein Herz, wie sollte es anders sein, raste ebenso wie damals. Die Beine wollten wie immer versagen. Der Mund war ausgetrocknet wie eine Zisterne in der Wüste Gobi. Vielleicht war er wieder krank, der Lot? Vielleicht war was mit seinem Blutdruck? Weil er immer so rot war? Vielleicht war er sogar überraschend verstorben? Alles wäre ihm recht gewesen. Bitte, lieber Gott, hab Erbarmen!
Doch diesmal fand er die Türe gleich beim ersten Anlauf. Scheiß Uni, wie üblich, durchfuhr es ihn, und oh mein Gott, bitte hilf mir jetzt, dass ich das überleb‘!, flüsterte er wie gewöhnlich. Er war atemlos. Bis zum Hals schlug das tapfere Herz, stotterte manchmal, hatte kleine Aussetzer, wie immer, nichts Neues bei Kurt. Alles normal, habe ich immer, sagte er sich. Da! Da vorne, da musste es sein.

Diesmal zögerte er nicht und klopfte, todesmutig, gleich. Eine harsche Stimme rief schnarrend herein. Kurt wurden die Knie noch weicher. Sein Darm wand sich verdächtig und vom Magen her stiegen ihm heiße Wallungen auf. Ach du große Scheiße! Alle waren sie da, der Lot mit dem roten Gesicht, nein, nicht tot. Der Wendelin und die Dritte, wie er es geahnt hatte, die linke Lesbe, die Meier. Kurt stand da wie angewurzelt. Sein Unterhemd war pitschnass, und man hatte noch nicht einmal begonnen, ihn zu foltern. Lot stellte seinen Prüfling vor und bat ihn, Kurt, möglichst kurz über seine Arbeit zu sprechen, um sie den anwesenden Kollegen in den Grundzügen vorerst einmal vorzustellen.

Jetzt ist es so weit! Jetzt filetieren sie dich, dachte Kurt. Er stotterte etwas von er hätte wenig Zeit gehabt die letzten Wochen und so weiter und wolle sich bemühen, eine Zusammenfassung der Arbeit vorzustellen. Zunächst beleuchtete er das Thema von den klassischen Wurzeln her, leitete dann etwas zittrig im Ton zu den theoretischen Schriften im 19. Jahrhundert über und stellte schließlich fest, dass es bemerkenswert sei, dass die Vermengung der rhetorischen und sprachlichen Formen seit der Antike nachweisbar und eine ziemliche Dehnungsbreite im heutigen Sprachgebrauch aufwies. Es wäre gut, winkte Lot ab.
Nun wetzten sie die Messer. Kurt spürte die Einstiche, noch ehe sie die Klingen angesetzt hatten. Die beiden anderen Prüfer, die bisher keine Fragen gestellt hatten, nickten wohlwollend und reichten Lot ihre vorher erhaltenen Exemplare von Kurts Diplomarbeit. „Ich werde Sie nun noch etwas anderes fragen“, sagte Lot dann, und Kurt stieg die heiße Wallung aus der Magengegend erneut nach oben. Was will er denn noch, fragte er sich erschrocken? Ich weiß doch gar nichts mehr!

„Erzählen Sie uns etwas über das Verb. Was gibt es denn da alles?“ Scheiße, durchzuckte es Kurt, der prüft Grammatik. Aber davon war doch nie die Rede, verdammt! In Grammatik bin ein Trottel, dachte er. „Das Verb, also es gibt..“, stotterte Kurt. Lot, mit hochrotem Kopf, seinetwegen?, dachte Kurt,  zog Dackelfalten auf der Stirn. „Nun, Sie werden doch etwas über das Verb wissen, nicht wahr?“, bohrte Lot. „Wer regiert denn eigentlich den Satz, wissen Sie das vielleicht?
Kurt schwitzte. Er rutsche unruhig auf seinem Stuhl umher und dachte fieberhaft nach. „Das, den Satz, der, den Satz regiert, äh, das Substantiv“, würgte er gebrochen heraus. Zack! Blöder hätte es nicht kommen können. Was hatte er da gesagt? Er wollte das doch gar nicht. Es war ihm plötzlich so herausgerutscht.
Die Prüfer sahen sich an. Was für Blicke! „Was reden Sie denn da zusammen?“, grantelte Lot und sein Gesicht wurde noch roter. Kurt dachte immer, farbliche Adjektiva ließen sich nicht steigern. Er wollte in einem Mauseloch verschwinden.

Eine Frage folgte der anderen, Kurt wand sich wie ein Wurm. Doch man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, er hatte ja doch keine Ahnung von der Materie. Raunen im Professorium. Dann fragte Lot vorwurfsvoll: „Haben Sie nicht auf meine Homepage gesehen? Dort steht, was ich im Allgemeinen so verlange.“
Nein, hatte er nicht, hätte er ihm ja sagen können, Mann! Schließlich hatte er noch drei Tage vor Abgabetermin verlangt, die Zitate aus allen Seiten unten zu löschen und im Anhang zu bringen, und das, nachdem er jedes einzelne Blatt schon seit Oktober gesehen und korrigiert hatte. Das ganze Programm war zusammengebrochen. In drei Tagen schrieb Kurt alles noch einmal. Wäre etwas dabei gewesen, wenn er ihm gesagt hätte, he, Sie, werfen Sie mal einen Blick auf meine Homepage. Dort steht, was Sie für die mündliche Prüfung brauchen, oder? Wäre das zu viel verlangt gewesen?

Und dann fiel das Messer des Schafotts. Es kam, wie es hatte kommen müssen. Zack! „Also, das ist zu wenig, Herr Kollege“, sagte Lot enerviert. Man wird doch noch so etwas fragen dürfen,  heutzutage, nicht wahr? Kommen Sie im Juni wieder.“ Schwarz! Kurt wurde es schwarz vor Augen. Er hörte und sah nichts mehr. Wie ein Blitz hatte ihn die Nachricht getroffen. Das war´s. Aus! Ende! Verschissen! „Tut leid“, flüsterte der Knoll und grinste. Die linke Lesbe verzog keine Miene, stand auf und ging, ohne sich zu verabschieden. Kurt erhob sich wie in Trance, grüßte artig, wenigstens das funktionierte bei ihm wie bei einem Roboter, nahm seine Sachen und verließ den Raum mit einem leisen „Auf Wiedersehen“ auf den Lippen.

Norbert Johannes Prenner

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Vertrieben

Vor langer Zeit herrschte in einem von der übrigen Welt bislang völlig unbeachteten Land ein mächtiger und reicher Herrscher. Er war ein Mann, der sehr darauf achtete, dass seine Befehle, die er gab, auch eingehalten wurden und drohte jedem mit der Todesstrafe, der sich seinen Anordnungen widersetzte, aber auch jenen, die über ihn schlecht redeten oder gar über ihn lachten. Als dieser strenge Landesherr nach vielen Jahren absoluter Machtausübung schließlich von ein paar unzufriedenen Untertanen ermordet wurde, eine Tat, die in diesem Lande nichts Besonderes oder gar Seltenes war, übernahm sein Sohn die Macht und wurde mithilfe eines selbst ernannten Kaisers, dem das Votum des Volkes völlig gleichgültig war, an die höchste Position der Politik gesetzt, da er dessen Günstling war.
Er wurde zum obersten Befehlshaber einer Sicherheitstruppe, dem die Menschenrechtsorganisationen im Laufe seiner Amtsperiode die verschiedensten Verbrechen zur Last legten, wie etwa Totschlag, Entführung oder auch Folter, ohne diese jemals beweisen zu können. Kurze Zeit später wurde er auf Vorschlag des Kaisers zum Premierminister ernannt und durch eine Parlamentswahl zum Präsidenten des Landes gemacht, nachdem er das dreißigste Lebensjahr erlangt hatte, das Mindestalter, welches als Voraussetzung dafür galt, ein derartiges Amt auch annehmen zu können. Als solcher versprach er, das Land, das zuvor durch Kriege zerstört worden war, wieder aufzubauen, durch weitreichende wirtschaftliche Hilfe und Reformpläne wieder instandzusetzen und den Terrorismus im Lande zu bekämpfen. Dies alles sollte mit finanzieller Hilfe des Kaisers sowie steigenden Erlösen aus dem Ölgeschäft rasch umgesetzt werden.
Durch den Tod des Vaters und durch die Protektion des mächtigen Landesfürsten war jener nun also an die vorderste Front des Landes gelangt und nicht zuletzt auch für die Sicherheit des Landes verantwortlich. Zu viel Macht für einen einzigen Menschen, wie sich herausstellte, denn es entwickelte sich ein Personenkult um ihn, der darin gipfelte, dass sich von nun sein Portrait in überdimensionaler Größe über das ganze Land verteilt, in Straßen und Städten, an Wänden und Hausmauern, wiederfand.
Vom Größenwahn gepackt, wie schon sein Vater zuvor, umging er in allen Belangen Entscheidungen des Parlaments, um sich selbst den Titel „Präsident“ an die eigene Brust zu heften, oder sich auch noch gleich „Imam“ oder sogar „Vater des Volkes“ nennen zu wollen. Doch der „Vater des Volkes“ handelte nicht wie ein sorgender Vater, sondern unterdrückte seine Mitmenschen aufs Furchtbarste. Auch das hatte immer schon Tradition in diesem weiten Landstrich.

Eines Tages floh ein Mann aus dem Volke, um der Welt da draußen mitzuteilen, welcher Schreckensherrschaft er soeben entronnen war. Er wandte sich an den Europäischen Gerichtshof und legte dort Fotos von Gefolterten in seinem Lande vor, Zeugenaussagen misshandelter Bürger und Berichte über Vergewaltigungen und Entführungen. Monate später wurde er von Agenten des Präsidenten in einer der friedlichsten Städte der Welt am helllichten Tag auf offener Straße erschossen.
Der Präsident, den man international mit dieser Tat in Verbindung brachte, bestritt natürlich jeden Zusammenhang mit diesem Mord. Darüber hinaus war bekannt geworden, dass es im Land zu zahlreichen Frauenmorden gekommen war, welche offiziell als Ehrenmorde bezeichnet worden waren. Der Präsident verdammte solche Morde zunächst in der Presse als unmoralisch und distanzierte sich vehement von derartigen Verbrechen, um sich allerdings in einem darauffolgenden Interview sofort zu widersprechen. Vielmehr müsse sich ein Vater schämen, sagte er, wenn dieser seine Tochter im Falle einer Vergewaltigung nicht auch noch sofort töte. Seinen Feinden jedoch, die Kritik an ihm übten, ließ er ausrichten, sie würden unweigerlich in der Hölle braten, würde er sie eines Tages in die Hände kriegen.

In diesen schweren Zeiten also verließen immer mehr und mehr Menschen dieses Land, um anderswo ein neues, geordneteres und sichereres Leben beginnen zu können. Eine dieser Flüchtlinge hieß Milana. Sie war verheiratet, hatte neun Kinder und lebte glücklich und zufrieden mit ihrem Gatten seit über fünfzehn Jahren in einem großen Haus in einem kleinen Dorf nahe der Grenze zum Nachbarland.
Eines Tages klopften zwei Beamte des Präsidenten an die schwere Eichentür des Vierkanthofes. Milana öffnete zögernd. Man hätte ihren Mann verhaftet, sagte einer von ihnen, weil dieser sich geweigert hätte, die Zustimmung zum Verkauf eines bestimmten Grundstücks zu geben, welches angeblich für den Bau einer wichtigen Straße gebraucht würde. Aber jeder wusste, dass es auf diesem Grundstück Öl gab. Öl, das kaum einen Meter tief unter der Erde sprudelte. Und solche Grundstücke gab es viele. Milana sagte, davon wüsste sie nichts. Der Beamte drängte sie, anstelle ihres Gatten das Papier zu unterschreiben. Doch Milana meinte, sie würde nie etwas Derartiges ohne die Zustimmung ihres Mannes tun.
Daraufhin kehrten sie Milana den Rücken und stiegen in ihr Auto. In der folgenden Nacht umstellten fünf Militärlastwagen das Gelände um Milanas Haus. Soldaten sprangen von den Ladeflächen, schlugen mit Brechstangen das Tor ein und trieben Milana und ihre Kinder aus den Betten in den Innenhof. Die Frau war im achten Monat schwanger. Einer der Soldaten fragte sie, wo sie das Geld und den Schmuck aufbewahre. Als Milana schwieg, schlug er ihr mit der Kalaschnikow über den Oberarm, sodass dieser auf der Stelle brach. Die Kinder schrien und weinten. Die Kleinen hängten sich an Milanas Beine und die älteste Tochter küsste das schmerzverzerrte Gesicht der Mutter.
Die Soldaten beschlagnahmten das Haus samt Inhalt. Sie luden wertvolle Möbel auf die Wagen und trieben die ganze Familie mit Schüssen aus dem Haus. Mutter und Kinder flüchteten in Panik in den nahen Wald. Zwei der Kinder verliefen sich an einer Weggabelung. Milana sollte sie nie mehr wiedersehen. Unterwegs stießen sie auf zwanzig weitere Flüchtlinge, die ihr berichteten, man hätte ihren Mann in einem Dorf, zwanzig Kilometer von seinem Heimatort, erschossen.

Für Milana brach eine Welt zusammen. Gemeinsam mit den anderen gelang es ihnen, unbehelligt über die Grenze zu kommen. Nach sechs Wochen waren alle an einem sicheren Ort eingetroffen, wo man sich um sie kümmerte. Viele Monate vergingen. Die Gruppe wurde inzwischen in einer Wohnhausanlage auf dem Land untergebracht.
Im Innenhof dieser Wohnhausanlage saß nun Milana eines Nachmittags mit einer Gruppe Frauen, die umständlich nach Sitzgelegenheiten suchten. Hier ein alter Kunststoff-Gartensessel, dort ein ausrangierter Küchenstuhl. Jede fand schließlich irgendwie einen Platz. Der Hof war weitläufig. Eine junge Sozialarbeiterin stellte den Frauen den neuen Deutschlehrer vor. Vierzehn Augenpaare starrten ihn an. Der Fremde hier war er, schien es. Die Frauen sprachen kaum ein deutsches Wort. Kinder tollten im Hof umher, näherten sich zaghaft dem Outdoor-Klassenzimmer.
Milanas dreizehnjährige Tochter ging hier nun schon das zweite Jahr zur Schule. Sie fungierte ausgezeichnet als Dolmetscherin. Manche Frauen hielten die Übungsblätter verkehrt in den Händen und starrten aufs Papier. Alphabetisierungskurs. Eine las langsam und holprig einen kurzen Satz. Sie konnte nur ein Wort darin verstehen: putzen. Ich kann waschen und putzen, hieß der ganze Satz. Die Unterarme dieser Frau wiesen tiefe Narben jüngst verheilter Brandwunden auf. In ihren Augen spiegelten sich die Gräuel eines sinnlosen Krieges wider. Nur manchmal lächelte sie.

Milana war abwesend. Sie starrte auf ihr Handy und betrachtete eine MMS, die sie erst kürzlich aus ihrer Heimat erhalten hatte. Es zeigte den Präsidenten mit seinen Kumpanen auf Tausenden von Dollarscheinen tanzend in einem geschlossenen Raum. Während er über die Scheine sprang, fuchtelte er mit seiner Pistole in der Luft herum. Ein weiteres Bild zeigte ihn, wie er lachend auf die Dollarnoten schoss.
Milana musste an ihren Mann denken und an ihre beiden verschollenen Kinder. Unbemerkt von all den anderen rannen langsam, perlengleich, Tränen aus ihren traurigen Augen über die Wangen, und mündeten salzig auf ihren blassen Lippen.
Es war die Zeit des Ramadan. Die Frauen waren sehr schwach vom Fasten und konnten sich nur mit Mühe konzentrieren. Was ist eine Verbklammer? Was ist die Infinitivform? Der Lehrer blickte ihnen hilflos in ihre dunklen Augen, die ihn verständnislos ansahen. Erst am Abend durfte wieder gegessen werden. Ab einundzwanzig Uhr, bis zwei Uhr dreißig. Dann nicht mehr. In dieser Zeit durfte auch nicht getrunken werden. Nicht einmal ein Schluck Wasser!
Die Frauen hier hatten in der Heimat alles verloren. Die Eltern – erschossen. Die Brüder – bei einem Angriff umgekommen. Die Häuser verbrannt. Nur wenige von ihnen hatten sich mit ihren Kindern in Sicherheit bringen können und waren froh, dieses Wild-Ost-Szenario überlebt zu haben.
Hier waren sie sicher. Vorerst zumindest. Ich habe Angst um meine Kinder, sagte eine Anrainerin, wenn die hier sind. Die geflüchteten Frauen hatten auch Angst. Aber wir sind doch Christen, erwiderte die Sozialarbeiterin der Einheimischen. Ist es nicht unsere Pflicht als Christenmenschen, Notleidenden, Hilfesuchenden die Hand zu reichen? Ja, schon, aber, warum müssen sie ausgerechnet zu uns kommen?, fragte die Nachbarin.

Wenige von den Frauen hatten schon Arbeit. Ihr größtes Problem war die deutsche Sprache. Die Arbeitgeber sprachen noch dazu alle im Dialekt. Viele Wochen vergingen mit Lesen oder mit Zeichnen, oft einziges Kommunikationsmittel, wenn etwas nicht verstanden wurde. Tausendmal wurde im Wörterbuch nachschlagen. Eine hatte ihr Baby mitgebracht und stillte es während des Unterrichts. Der Lehrer hatte gewonnen. Er war akzeptiert worden, und das als einziger Mann hier herinnen. Am anderen Ende des Hofes trieben sich die Ehemänner der Frauen herum. Unrasiert, die meisten ohne Arbeit, oder bloß geringfügig beschäftigt. Es passte ihnen überhaupt nicht, dass ihre Frauen den Deutschunterricht für sich selbst durchgesetzt hatten. Misstrauisch sahen sie zum Lehrer und zu den Frauen herüber. Er verkörperte das Fremde, das Unbekannte, das Unverständliche. Sind die gefährlich?, fragte sich der Deutschlehrer. Ein verzweifelter Gatte lieferte ein schreiendes Kind ab, das zu seiner Mutter wollte. Das Kind beruhigte sich, als sie es auf den Arm nahm. Die Mütter schienen streng zu ihren Kindern, aber gleichzeitig auch wieder liebevoll. Die Kinder waren allesamt sehr diszipliniert. Überhaupt kein Störfaktor während des Unterrichts.
Der Vermieter der Wohnhausanlage wollte die Miete erhöhen, erklärten die Frauen dem Lehrer umständlich. Wovon sollte man das bezahlen, und wie soll man das dem Vermieter erklären? Sie wären hier in der Fremde. Müssten sich den Gegebenheiten anpassen. Wenn euch was nicht passt, sagte der Vermieter, zieht eben anderswo hin. Punktum! Nach einigen Wochen klappte das Notwendigste zur Kommunikation. Einer der Männer hatte Asthma. Giftgas, sagten die Frauen. Seitdem hätte er diese Beschwerden.
Einmal begann der Unterricht damit, dass alle gemeinsam die Tasche einer Kursteilnehmerin trockenlegten, weil die Trinkflasche ihres Babys ausgeronnen war. Ein andermal forderte die Behörde von einem eine plausible Erklärung, weil er, ohne zu fragen, für eine Woche in die Heimat gefahren war, unter Lebensgefahr. Sein Bruder war verunglückt, so sagten sie. Das Unglück aber war eine Kugel aus einem Soldatengewehr. Ein Ansuchen hätte drei Wochen gedauert, dann wäre das Begräbnis längst vorbei gewesen. Gemeinsam entwarfen sie mit dem Lehrer ein Schreiben.

Auf Fragen, was für die Flüchtlinge hier anders wäre, antworteten sie einstimmig, die Ordnung. Was für eine Ordnung? Der Straßenverkehr, sagte eine. Alle hielten sich an die Ampelregelung, niemand fuhr bei Rot. Sie schüttelten die Köpfe und lachten. Befremdend offensichtlich. Geregelte Öffnungszeiten! Daheim wäre das nicht so. Anpassung würde von ihnen verlangt, sagte man ihnen bei den Behörden. Integration. Manchmal wäre es das Wetter, das sie irritierte. Der heiße Sommer, meinte eine. Aber natürlich die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, dem Artikelwirrwarr und den unregelmäßigen Verben. Alles wäre anders. Es würde Generationen dauern, hier zu Hause zu sein, heimisch zu werden.

Ob sie etwas vermissten, was sie zurücklassen mussten? Ja, die Eltern, sagten mehrere Frauen. Milana schluckte. Sie schwieg. Was wäre noch anders hier? Die Natur. Die Pflanzen, antwortete Milanas Tochter. In den Skripten, die der Lehrer verwendete, fanden sich Kurzgeschichten, in denen von Rekorden die Rede war. Von einem Mann, der sieben Luftballone rasieren konnte, ohne dass einer dabei platzte. Oder von einer Frau, die in siebenundzwanzig Sekunden einen Autoreifen wechseln konnte. Die Kursteilnehmerinnen verstanden anfangs nicht. Was haben diese Leute gemacht? Es herrscht Ratlosigkeit. Das sollte der goldene Westen sein? Haben die Menschen hier nichts Wichtigeres zu tun, fragt das Mädchen? Er schlug ein anderes Kapitel auf. Präsens – und Perfektübungen. Die Frauen waren zu müde, die Konzentration ließ nach zwei Stunden deutlich nach. Also Pause.
Nach dem Unterricht wurde Tee vom Aufgussbeutel und Schokolade gereicht, einziger Luxus. Aber nur für den Lehrer. Schließlich war Ramadan. Kein Kuchen, kein Kaffee, kein Zucker. Die eine Frau mit den Verbrennungen war in ihrer Heimat Lehrerin gewesen und zweiundvierzig Jahre alt. Hier würde sie bestenfalls Reinigungsfrau sein.
Milana würde kein eigenes Haus mehr haben. Vielleicht einmal eine eigene Wohnung, wenn sie Arbeit bekäme. Ihren Kindern könnte sie dann eine gesicherte Zukunft bieten. Doch im Moment bestimmten nur schreckliche Erinnerungen an die Vergangenheit ihr Leben.

Nachwort: Leider ist die Geschichte um Milana nicht erfunden und auch nicht „1000 und einer Nacht“ entlehnt, sondern sie ist tatsächlich passiert. Als Milanas Deutschlehrer habe ich sie aufgezeichnet und Milana, deren Namen ich geändert habe, gefragt, ob sie im Falle einer Veröffentlichung ihre Zustimmung dafür geben würde. Sie hat „Ja“ gesagt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 15091

Der Verbalist

Was ist, fragt ihr, ein Verbalist? Bedaure, dass für derart’ge Debatten kein Vorschlag einzubringen ist. Doch längst ist so den Herrn, wohl auch den Damen, aufgefallen, als wär er tot und sein Verschwinden leis‘ verschwiegen. Sein‘ Aufgab‘ war, uns stets zu unterhalten. Doch galt er nicht in aller Munde gleich. Dem einen war er Schalk und Narr, dem andren Anarchist. So war er allen das, was sie aus ihm gemacht. War einmal dies und einmal das. Ganz je nachdem, wie es die Zeit verlangt. Was liegt daran, wer spricht? Ist nicht die Stille mehr dem Lärm der Worte vorzuziehen?

Doch noch einmal zurück zur Frage, was er denn sei, der Verbalist? Vielleicht ein Schöpfer? Urheber sprachlicher Gebilde? Veranlasser geistiger, sprachlich‘ oder bildlich‘ Werke? So hört denn selbst, was uns so einer zu erzählen hat:

Beinah ein halbes Leben habe ich verschwendet, um zu berichten. Habe das Publikum verätzt. Mir manches damit auch verbaut. Doch stets darauf bedacht, mir Ungereimtes zu verbeten. War da und dort die Wahrheit selbst verbogen. Vielleicht verdichtet? Ich wär verbohrt, warf man mir vor. Was ich verbrach, sei niemals wieder gutzumachen. Den Rest des Lebens sollt‘ ich nun mit Stillesein verbüßen. Verdacht, sagen die, bestünde, ich hätte sie verladen. Bin nun verdammt, das Maul zu halten. Und was ich schrieb, wär schwer verdaulich. Jetzt steh ich da, verdutzt. Versteht: All das tat ich bloß aus Verehrung um Veredelung der Worte. Doch eines tat ich nie, die Zeit verdösen. Schrieb niemals unverdrossen in den Tag hinein. Gar zum Verdruss für andere? Hab niemals je verdünnt. Schon eher dicke aufgetragen, wenn Fakten oft nicht immer das gehalten, was sie zu allererst versprachen. Doch mit der Zeit verebben alle Worte. Hab unverblümt gesagt, was ich mir denke. Nur um der Wahrheit Willen Getratsche zu verbreiten?
Ich tat’s, das Wort galt’s zu verehren. Mal zu entzwei’n, mal zu vereinen. Mein Umfeld wollte ich vereisen, manch einen gern verekeln, wenn es danach schrie. Dann schließlich, wenn leise sich der Horizont verengte – mein Geist verfällt – hab ich nichts weiter zu vererben. Wollte die Welt zum Kritischen verfärben. Verzeiht, wenn das, was ich verfasst‘, nicht gleich in eure Lade passt. Und manch Histörchen war wohl bass verfault. Verflixt, nie wollt‘ ich mich mit euch verfemen. Verzeiht mein unwürdig‘ Vergehen.
Die Zeit verfloss, derweil ich schrieb. Mich nun zu loben oder zu verdammen, scheint noch verfrüht. Gebt eine letzte Chance. Doch wenn ich euch verletzt‘, jetzt könnt ihr über mich verfügen. Mir auch vergeben oder mich vergessen, denn das Papier, auf dem ich schrieb, schon ist’s vergilbt. Der Geist vergisst leicht mit der Zeit, was er erfuhr. Und dennoch bin ich stets vergnügt. Nichts könnt‘ man Schön’res mir vergüten, als um den Augenblick des Schreibens. Und nichts von alledem war mir verhasster, mehr, als dumpfes Brüten.
Ich hätte mich verhauen können. Verheult hätt‘ ich den längst verlor’nen Tag. Verhext! Nun will man mich verhören, was ich dazu zu sagen hätte. Verhüten hätt ich sollen. Einer wie ich würd‘ alles nur verhuren. Tät‘ sich in Wortlaut-Labyrinthen stets verirren. Man könnte mich, wenn man das wollt‘, verjagen. Einer wie ich würd‘ ohnehin die Ehr‘ verjuxen. Dann auch noch jammern, weil man ihn verkannt‘! So weit soll’s auch noch kommen! Ist diese Welt denn nicht verkehrt?
Was kann denn ich dafür, dass sie mich jetzt verlässt? Verlaust, verlebt, verklebt. Ein Wortverdreher. Na und? Was wurde schon verlegt? Das Bisschen? Nein, nein, man hat sich nicht verlesen. Zuwenig war’s verlinkt. Und alles wär‘ verlogen. Doch noch ist nichts verloren. Wolltet ihr schon mein Seel‘ verlosen? Vermeint ihr, dass ihr’s könnt? Und mir den Lebensabend trüben? Ohn‘ jegliche Vernunft. Ihr habt vermutet, dass ich den Anschluss hätt‘ verpasst? Von wegen! Doch was ich tat, war höchst verpönt. Ich geb es zu. Kritik zu üben! Wer meint er, dass er sei?, sagt ihr. Nun, einerlei, der Vorschuss ist verprasst. Da kann man halt nix machen. Ich hätte mich verrannt, sag’n die! Herkunft und Vaterland verraten. Dass ich nicht lach!

Meine verruchten Schriften soll’n verrohen? Ich hör euch schon von Weitem drohen. Jetzt wäre ich verrufen. Nun gut. Ich schreib nicht mehr. Beschloss’ne Sache. Tasten, die verrußen. Ideen versagen. Hilferuf versandt. Den Rest des Lebens nicht versauern. Ihr werdet’s schon bedauern. Ist kein Verschiss, auf meine Ehr! Ihr dachtet erst, er wäre recht versiert im Schreiben? Macht selbst ein Bild. Bloß Neider nennen mich versifft. Und andere sagen, er ist total versnobt. Kein‘ Red‘ auch von Verstand.

So bleib ich im Versteck. Ich schließe das Verdeck. Werd‘ mir das Leben schon versüßen. Wenn mir was einfiel, so ließ ich’s nicht vertagen. Ideen sofort auf dem Papier vertäut und rasch für mich in Wort und Laut vertont. Wer kann’s einem verübeln? Natürlich kam es vor, dass mancher auch verulkt sein muss, weil er so blöd war. Das soll beileib‘ kein Vorwurf sein. Ist jeder nur so wie er ist. Verwandte blieben da nicht ausgenommen. Und innig tat verwegen ich Zug um Zug mein Spinnennetz verweben. Gedanken kommen und verwehen. Zurück bleibt oft das Auge nur, verweint. Der Schreiber wird verwesen, und sein Schreibtisch? Der verwaist. Verzicht‘ die Welt auf mich! Ich bin verzogen. Sie ist mir zu verzopft. Ich will sie ganz verachten. Verändern kann ich’s nimmermehr.
Schluss ist’s schließ- und endlich mit Veräppeln und der Verarschung sei’s genug. Kein Wort mehr von verbrannter Erde. Mag niemand‘ mehr verbellen. Der Hund bleibt stumm. Ich werd‘ mich vor den Lesern tief verbeugen. Habt Dank, dass ihr so brav mir zugehört. War auch nicht alles klug, was ich gesagt, hab nicht gedacht, und nur mein Herz gefragt. Was soll’s. Mein Image ist verbeult. Wer will mich denn dafür verbimsen? Mich gar verbläuen, weil so verbissen ich dran schuf? Mein Geist ist hell, ich wollte nicht verblöden. Hat oft verblüfft. Und ist bereits verblüht, mein Schwung.
Hab’s selber mir verbockt und mir den Mund verbrannt, die Zung‘ verbrüht. Und ich gesteh, in meinem Wahn hab alles ich verbraten, was mir wert. Kaum kam ein Lob. Viel Arbeit, wenig Brot. Wie sollt‘ man selbes auch verbuchen? Verdamm mich, wenn meine Gabe doch nicht bloß genetisch wär. Vererbung, ja, natürlich. Ein jeder hat verdient, was er bekommt. Womit sollt‘ ich mir sonst die Stund‘ verdingen? Zu sonst nichts Lust, als wär mir alles schon verdorben. Die Hand, die stetig schrieb, verdorrt. Den hingeworf’nen Brocken schwer verdaut. Das Unheil um den hoffnungsvollen Satz beinah vereitelt. Na und?
Wo find’st du den Verfasser? Ist er zu Haus? I wo! Im Internet. Na klar! Denn dort ist alles nachzulesen, was du anderswo nit find‘st. Verewigt. Für die Ewigkeit. Das hätt’ste nicht vermutet, was? Doch immer schon, die Zeit heilt alle Wunden. Der Schreiber ist schon längst verfault. Verziehen das verfehlte Wort. Verfeuert in die Menge und verheizt. Verjubelt. Verflucht! Jetzt sag bloß ohne Honorar! Ganz unverfroren. Die Chance, Millionär zu werden, ist vergeigt. Ist and’ren Schreibern vorbehalten, gar jenen, die die Welt vermessen. Ich möchte sie vergiften! Besser wär’s, sie gleich vergessen. Nicht sinnlos Energie vergeuden. Auch geniale Hirne werden irgendwann vergipsen. Und der Pokal in dem Regal, der wird verrosten, wenn Lobeshymnen längst verhallen. Der Glanz verhuscht. Trotz alledem. All jenen will ich ihren Ruhm vergönnen, wenn sie ihn hart verdient‘. Wir soll’n nicht die Ehr‘ verhunzen. Ach, könnt ich mich verjüngen! Und mit Vokabeln mich verkabeln. Stattdessen bin ich schon verkalkt. Genie verkapptes! Und die Ernücht’rung macht verkatert.
Ein Typ, wie ich, gänzlich verkokst. Verkünder krauser Theorien. Und selbstverliebt, das ja, und nicht zu wenig. Zu schwach verlinkt. Bekanntheitsgrad verlischt. Bleib ohnedies nur der Verlierer, trotz der Verlockung, die so groß. Vermarktung ausgeblieben. Was blieb, ist lediglich verludern und verlumpen. Vermessen wär’s, sich forthin zu vernetzen. Ganz schlecht verpackt. Die Zeit verpennt. Man sollte sich verpissen. Der frühe Lorbeer ist verprasst. Und ums Verrecken niemals wieder zu erringen. Die Zukunft scheint verregnet und versalzen. Verspür schon den Verstand versanden. Die elektronisch‘ Feder rasch verstauen. Sie rasch verstecken. Und selbst? Verstört, verwirrt, verstockt, versunken. Verbittert. Zurück bleibt, leicht verblasst, verblichen und verdummt, ein Schreiber.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15085

Die Krise 4 – Der Reiz des Geldes

Es ging um einen Arbeiter in Escortins Kieswerk. Man fand heraus, dass jener keine Aufenthaltsbewilligung hatte. Peinlich für Escortin. In Fällen illegaler Beschäftigung wurde hart gestraft. Escortin nahm es gelassen. Man werde sich darum kümmern, versicherte er dem Beamten, dass jener einen Antrag für seinen Aufenthalt hier stellte, dann wäre vorläufig einmal wieder alles im Reinen. Das wäre immer das Gleiche mit den Ausländern, ätzte seine Gattin Anica völlig aufgebracht und blitzte giftig aus ihren Sehschlitzen heraus. Erst geben sie sich als jemand anderer aus, sind im Krankenstand einmal der Mehmed X, vor der Behörde dann wieder der Ali B. Und wer hätte das Nachsehen und die Probleme? Wir!, gab sie sich selbst die Antwort. Die tanzten einem ja doch bloß auf der Nase rum!
Man kriege keine anderen, brummte Escortin grantig und sah von seiner Zeitung kaum dabei auf. Und wenn es schon ein Einheimischer sein müsse, dann wäre der schließlich um einiges teurer als ein Dahergelaufener. Bei den Baggerfahrern sei er ohnehin Patriot. Aber Hilfsarbeiter brauchten nicht so teuer zu sein. Schließlich wolle man selbst auch noch was von dem Kuchen haben. Und einen Unterschied wird´s ja wohl noch geben dürfen, net woa? Wo käme man denn schließlich da noch hin, wenn´s keinen Unterschied mehr gäbe?

Damit schien die Debatte zwischen Anica Escortin und ihrem Gatten erledigt. Sie ging ins Badezimmer, wo sie sich eine Zeit lang aufhielt, um sich zu schminken. Er brütete über seiner Zeitung. Aber Escortin war zu unkonzentriert, um zu lesen. Er musste vielmehr an seine Geschäfte denken. Vor allem aber auch an den Erwerb des neuen Gemeindegrundstückes und die damit verbundene Parteispende, über deren Höhe er sich im Nachhinein dann doch noch geärgert hatte. Unverschämt, dieser Mirando! Und er ärgerte sich über Rembert Mirando, jenen Polit-Parvenü, der noch nie etwas Herzeigbares geleistet hatte und dessen Mundwerk größer war als seine Taten. Und solche Leut´ würden hier bei uns Politik machen, murmelte er vor sich hin.
Natürlich, da war auch noch der Bürgermeister. Bei der Jagd waren Escortin und er die besten Freunde. Aber wenn es um Grund und Boden ging, konnte es zwischen den beiden Männern schon einmal ungemütlich knistern. Mit dem Bürgermeister konnte man über beinahe alles reden, nur nicht über Grunderwerb. Und schon gar nicht, wenn es um die Ausweitung der escortin’schen Schotterpfründe ging. Die meisten Grundstücke waren Bauernland, und die Bauern legten sich schon aus Prinzip quer, wenn der Bürgermeister von ihnen ein Stück Grund brauchte, um da und dort ein Wasserreservoir oder sonst was zu errichten, oder, wie schon so oft, Escortins Schottergruben vergrößern zu helfen.
Doch eine Hand wusch die andere, und diese Maxime war ihnen im Laufe der Jahre zum Prinzip geworden. Aufgrund dieser Tatsache war der Bürgermeister nichts anderes als ein Handlanger Escortins geworden. Und Escortin wollte mehr. Vor allem aber war es seine Gattin, die immer mehr wollte.

Anica Escortin fuhr in ihrem Wagen zum Shoppen. Was hätte sie an so einem langweiligen Tag auch Besseres tun sollen? In der Nähe des Ortes gab es ein großflächiges Outlet, in dem man sich stunden-, ja tagelang aufhalten konnte. Und im Shoppen war sie eine Meisterin. Fünfzig Paar High-Heels, und ebenso viele Taschen. Das sollte ihr einmal jemand nachmachen! Wenn sie einmal die Einsamkeit plagte, setzte sie sich in eine Konditorei oder ein Kaffeehaus, um dort irgendwelche Leute anzuschwatzen und sie davon zu überzeugen, wie sympathisch sie doch eigentlich sei, trotz ihrer schlitzäugigen Visage.
Das tat sie immer, wenn ihr das Selbstbewusstsein auszugehen drohte oder sie ihre Periode hatte, während der sie oft häufig unter heftigen Gefühlsschwankungen litt. Im Verlauf solcher Gespräche wurde sie natürlich gefragt, wer sie sei und woher sie käme. Und Anica Escortin war eine Frau, die gerne konkrete Antworten gab. Sehr konkrete. Dabei ließ sie kaum ein Fettnäpfchen aus, in das sie treten konnte. Wenn man nicht ständig über sich spreche, meinte sie, würden einem eben auch keine Fehler passieren, und dann lachte sie meckernd. Aber es machte ihr nichts aus, wenn man sie hier und dort nicht ganz ernst nahm, sie hatte schließlich nichts zu verlieren.
Auf der Suche nach einem passenden Schal für ihr neues rosa Kostüm waren ihre Gedanken auf Rembert Mirando gekommen. Sie griff nach ihrem Handy und wählte seine Nummer. Rembert Mirando! Was für ein Zufall, dass sie mit einem so gutaussehenden jungen Mann wie ihm ein Verhältnis haben konnte. Dabei kniff sie ihre Sehscharten kühn zusammen.

Mirando, der eben zu diesem Zeitpunkt in einer außerordentlichen Gemeinderatssitzung völlig unbewusst an seinen ureigensten Charaktereigenschaften arbeitete, nämlich andere vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was man von ihm so allgemein hielt. Kraft seiner neuen Funktion nahm er für sich in Anspruch, nun einer jener Menschen sein zu dürfen, die sich im Besitz ausgeprägter Tugenden wie auch moralischer Überzeugungen wähnten. Schließlich wurde das von einem erwartet. Und doch blieb es Faktum, sodass man unschwer über ihn hätte sagen dürfen, sein Privatleben, seine Handlungen, Meinungen oder Aussagen widersprächen seinen öffentlichen Äußerungen zutiefst.
Mirando griff zum Handy, als es nun doch schon etwas zu lange geläutet hatte. Früher hätte er es während einer Sitzung abgeschaltet. Aber jetzt, wo er mit einem Male so wichtig geworden war, führte er es mit jener gelangweilten Genugtuung ans Ohr, die signalisieren sollte, wie störend dieser Anruf eigentlich sei, aber man einfach nichts dagegen machen konnte. Ob er für heute Nachmittag frei wäre, flötete Anica Escortin mit Jubelstimme.
Mirando tat vorerst auf „man wüsste nicht, was heute noch auf ihn zukommen würde“. Schließlich war seine Mission erfüllt. Die Gemeinde hatte das Geld. Wozu also brauchte er die Escortin mit ihren Säulenbeinen eigentlich noch, wo es doch wesentlich attraktivere Frauen in seiner nächsten Umgebung gab, ohne Zellulitis und der rieselig bleichen Oberfläche eines kalt gewordenen Grießkochs, die er alle haben konnte, wenn er es nur gewollt hätte. Jedoch auf ihr Drängen gab er sich schließlich doch einen Ruck und stimmte einem kurzen Treffen in der Scheer-Bar zu.
Was hatte er dabei zu verlieren? Anica Escortin war entzückt über die plötzliche Fügung des Schicksals und versah ihn mit Handyküssen. Rembert Mirando hielt die Hand auf den Lautsprecher, um Anica Escortins Schmatzen zu dämpfen. Gleichzeitig fielen seine Blicke auf die Tageszeitung vor ihm auf dem Konferenztisch, da die Sitzung ohnehin schon ins Private entglitten war.
Eine Handvoll vermummter, offensichtlich schwachsinniger Jung-Neos (keine Ähnlichkeiten mit einer bestimmten politischen Partei) hatten ausländische Besucher einer Gedenkstätte mit rüpelhaften Rufen attackiert. Man sollte die Jungen doch lassen, hatte einer der Gemeindegranden vorhin gesagt, sie hätten ein natürliches Gefühl für Gerechtigkeit. Und irgendwer müsste so eine Dreckarbeit wohl auch machen, damit die Erinnerung daran, wer denn nun eigentlich die Guten und wer die Bösen waren, nicht zu sehr verblasste.
Mirando schob seine Lippen nach vorne, um ihm den Blick auf den an seinem Sakko befestigten Button mit dem Landeswappen zu erleichtern, auf den er sehr stolz war. Man hatte es, quasi auf dem Postweg, allen Gemeindebediensteten verliehen, mit einem Begleitschreiben, in dem es hieß, wer stolz auf sein Land und seine Position in der Verwaltung wäre, sollte diesen Button aus Solidarität mit der Regierung an der Kleidung anbringen. Mirando hob wieder den Kopf und brachte seine Lippen in geordnete Normalstellung. Der Bürgermeister war bereits aufgestanden, die Sitzung beendet. Hände wurden geschüttelt.

Mirando eilte die Treppen des Rathauses hinunter, riss die schwere, gusseiserne Eingangstür auf und eilte über den Platz in die Café-Bar Scheer, auf der gegenüberliegenden Seite des Rathauses. Anica Escortin war noch nicht hier. Mirando warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, dann sah er aus dem Fenster auf die große Rathausuhr. Er überlegte fieberhaft. Nur wenige Schritte trennten ihn von Stefanie Raymundos Geschenkboutique. Sollte er ihr einen kurzen Besuch abstatten, bevor die Escortin hier hereinkam? Rasch kehrte er der Scheer-Bar den Rücken, als er auch schon im Geschäft Raymundos stand.

Die Türglocke war nicht zu überhören gewesen, jedoch niemand außer ihm war hier. Er rief einmal laut ihren Namen. Nichts rührte sich, als die Eingangstüre eben heftig aufgestoßen wurde und sie in der Türe stand, Stefanie, in voller Schönheit und Elegance. Sofort machte ihr Mirando ein paar übertriebene Komplimente, die sie aufs Heftigste zurückwies. Auch, wie sehr ihre engen Jeans die Figur betonen würden, und zu welchen Vorstellungen der gewagte Ausschnitt ihrer Bluse seine Fantasie beflügelte. Stefanie lachte bloß und warf den Kopf in den Nacken. Aber so gleichgültig war ihr gar nicht, was Mirando da vor sich herlaberte. Sie sah ihn von der Seite an.
Mirando schlenderte zwischen den Regalen herum und betrachtete indes scheinbar interessiert die unnötigen Nippes-Sachen, die dort überall auf den Regalen herumstanden. Stefanie ging zur Eingangstür. Sie war sich ziemlich sicher, dass Mirando nichts kaufen wollte und lehnte sich an diese, schloss mit der rechten Hand hinter ihrem Rücken von innen ab und eilte auf ihn zu. Mirando hatte zu schlucken begonnen, seine Kehle war ausgetrocknet wie eine Zisterne in der Wüste Gobi.
Sie umarmte ihn stürmisch. Er erwiderte ihre Umarmung und fasste sie unmittelbar darauf mit beiden Händen an ihrem ziemlich harten Hintern. Mit starkem Druck presste er ihr Becken an seines, an dem sich bereits eine ziemliche Beule abzuzeichnen begonnen hatte. Stefanie stöhnte leise in Erwartung, was denn nun kommen würde. Mirando schob sie vor sich her hinter das Verkaufspult und von dort hinter den Vorhang einer Umkleidekabine, die sich hier befand, obwohl es keine Kleidung zu kaufen gab. Seine Hand tastete nach dem Vorhang, hinter dem sie Schutz für ihr Treiben suchend verschwunden waren, und zog ihn völlig zu.

Inzwischen war Anica Escortin in der Scheer-Bar eingetroffen und kontrollierte ebenso nervös wie Rembert Mirando vorhin die Zeit auf ihrer goldenen Armbanduhr. Barkeeper Ferry deutete wortlos mit dem Kopf in Richtung Raymundos Boutique. Er sei eh schon da gewesen, aber jetzt sei er da drüben. Anica Escortin bestellte einen kleinen Braunen. Ihre kurzen, fetten, weißen Finger trommelten ohne Unterlass auf die Glasplatte des kleinen runden Tischchens vor ihr. Ihr hohler Blick, nach draußen auf den leeren Platz gerichtet, verriet, dass sie sich ärgerte.
Nach einer Viertelstunde betrat Mirando atemlos das Lokal und gab sich übertrieben überrascht, Anica Escortin jetzt schon vorzufinden. Das konnte er wirklich überzeugend. Sie feuerte giftige Blitze aus engen Sehöffnungen gegen ihn. Ob er nicht wüsste, wie spät es wäre? Doch, schon, aber … Sie schnitt ihm das Wort ab und begann zuckersüß zu lächeln. Rembert war verunsichert. Ob sie was ahnte? Was denn nun mit dem Hausbau sei?, fragte er rasch, um abzulenken. Das habe Zeit, meinte die Escortin gähnend, schließlich sei man ja nicht obdachlos. Und sie lachte scheppernd. Ob er nicht kurz Zeit habe für sie?
Rembert Mirando litt noch von vorhin an einem starken Brennen zwischen seinen Beinen und konnte sich alles vorstellen, alles, nur das jetzt nicht! Er habe noch einen dringenden Weg, flüchtete er sich in eine Ausrede. Sie sagte, er solle sich genau überlegen, ob es nicht besser sei, anders zu disponieren, man wisse schließlich nicht, ob man sich nicht noch gegenseitig brauchen werde. Dieser Satz machte ihn nachdenklich und er überlegte die Möglichkeit, wenn er eine gehörige Portion Vaseline auftrüge, ihrem Drängen besser nachzukommen, denn wer wüsste wirklich schon, wozu es gut sein würde? Mirando, der noch immer eine trockene Kehle hatte, hatte noch nichts bestellt, als Anica Escortin ihren Kaffee bezahlte und aufstand, um zu gehen.

Gegenüber aber, in der kleinen Boutique von Stefanie Raymundo, wurde heftig diskutiert. Es wurde gesagt, eine Person, die vorgab, über diverse Tugenden, fundierte moralische oder religiöse Überzeugungen sowie unumstößliche Grundsätze zu verfügen, Eigenschaften also, die sie in Wirklichkeit nicht besaß, seien bloß eine Maske, um vorzutäuschen, sie selbst sei so eine Person also, deren Handlungen ihrer Überzeugung jedoch widersprächen. Und eine solche Person wäre ganz einfach ein Hypokrit, ein Heuchler.
Mit dieser Erklärung versuchte Eva Vanin verzweifelt, ihrer intimsten Freundin Stefanie Raymundo klarzumachen, was für einer dieser Rembert Mirando wäre. Und Stefanie stand da, in ihrer Wohnküche in ihrem kleinen Laden, mit gesenktem Kopf, und rauchte eine Zigarette nach der anderen, während Eva langsam und umständlich den obersten Knopf ihrer Jeans aus seinem Knopfloch zu lösen begonnen hatte.
Im Gegensatz zu Mirando wäre sogar ein Paul Pedasoli zu ertragen, den sie, wenn auch ungern, hin und wieder an der Seite Stefanies gerade noch duldete.
Inzwischen hatte Rembert Mirando, seit dem erfolgreichen Coup mit Escortin und dem Grundstücksdeal sowie der Parteispende an die führende Partei der Gemeinde, seinen Karriere-Claim ein wenig weiter abgesteckt. Als er herausgefunden hatte, dass das Geld einmal erst auf einem Privatkonto zwischengelagert werden sollte, hatte er sich großzügig dafür zur Verfügung gestellt, auch auf die Gefahr hin, dass diese plötzliche und noch dazu so ungewöhnlich hohe Summe auf seinem eigenen Konto zu einer außerordentlichen Prüfung durch die Finanzbehörde führen könnte. Mirando wähnte sich in Sicherheit. Vor allem aber dachte er an die anfallenden Zinsen, die er, ohne mit der Wimper zu zucken, für sich in Anspruch zu nehmen gedachte, als kleine Entschädigung für seine Dienstleistung quasi. Und schließlich, würde er ja auch noch Mandatar, wäre er politisch immun und geschützt vor ungerechtfertigten Schnüffeleien seitens der Behörden, wie er sich zusammenreimte. Vielleicht könnte er es schaffen, das Geld ein Jahr lang auf seinem Konto zu belassen, erst dann würde man weitersehen. Je länger, desto mehr würde er davon profitieren. Und die Wahl lag noch in weiter Ferne, wie auch die Begleichung der Rechnungen für Plakate, Werbung und was sonst noch alles dazugehörte, wohl noch länger. Schließlich müsste man auch nicht sofort bezahlen. Also könnte er gar noch über ein zweites Jahr an dieser Summe partizipieren, bis zur Umbuchung eben.
Von dem Zeitpunkt an, an dem Mirando Escortins Parteispende auf seinem Konto wusste, ging er täglich zur Bank, um den unglaublichen Kontostand am Bankomaten abzulesen. Oftmals stand er sogar des Nachts zu diesem Zweck auf, und schlich unbemerkt in die Bankfiliale, um sich zu vergewissern, dass er nicht geträumt hatte. Dieses Geld war gewissermaßen sein Baby, und er wachte darüber, ob es auch ordentlich schlief. Seine Frau hingegen wusste von alldem nichts. Alles geschah heimlich. Dadurch ungemein beruhigt, manifestierte sich in ihm die Vorstellung, sich von diesem Geld unter keinen Umständen mehr trennen zu wollen. Ja, er hatte es richtig zu lieben begonnen, und überlegte fieberhaft, wie er es durch komplizierte Transaktionen auch in Zukunft würde behalten können.

Dieser Tage hatte er sich wenig um Anica Escortin gekümmert und war auch nicht bei Stefanie Raymundo gewesen, so sehr vereinnahmte ihn seine neue Aufgabe, sich seinem unerwarteten Reichtum zu widmen. Geld, dachte er, wäre ihm noch wichtiger als Frauen. Und er schloss leise die Tür zum Sekretariat wegen der permanenten Ablenkung, Fräulein Mileva nicht ständig unter den Rock schauen zu müssen, wenn sie mit leicht geöffneten Beinen hinter ihrem Schreibtisch saß.
Jeden anderen hätte das Gewissen geplagt. Aber nicht einen Rembert Mirando! Man hätte ihn allein wegen seiner Absichten schon als Wirtschaftskriminellen abtun können, etwa wegen Verdachts der Geldwäsche oder der Bestechung. Man würde sagen, er hätte Millionen bekommen und unterschlagen, aus Schmiergeldern oder Parteienfinanzierung oder untitulierten Zahlungen an Dritte. Man hätte ihm vorwerfen können, er, der Verdächtige, habe gefälschte Belege vorgelegt, was zur Festnahme geführt habe, vielleicht wegen Verdunkelungsgefahr und wegen weiterer Tatbegehungsgefahr? Das Geld sollte möglicherweise in höchst dubiose Geschäfte geflossen sein, die mit der ursprünglichen Bestimmung gar nichts zu tun gehabt hätten?
Man musste schon ein ausgekochter Bursche sein, um sich nicht von einem mehr als lästigen Gewissen dreinpfuschen zu lassen. Und Mirando ließ sich nicht dreinpfuschen. Mehr noch. Er betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass er einer sei, der nicht gleich den Schwanz einziehen, sondern Stehvermögen beweisen würde, wenn einmal etwas schiefging. Er wäre keiner, der gleich zurücktreten würde. Schließlich hatte man ihn hereingeholt, um sein Können unter Beweis zu stellen. Er könne seine Förderer und Gönner schließlich doch nicht mit einem Rücktritt vor den Kopf stoßen?

In dieser Situation empfand er es als ungeheuren Vorteil, sich in einem geschützten Bereich verbergen zu können. Einem Bereich, der ihn vor den Blicken der Neider und Intriganten bewahrte. Seine nunmehrige Stellung erlaubte ihm die nötige Deckung, hinter der man ungestört agieren konnte. Man musste bloß unauffällig genug sein, nur nicht auffallen war seine Devise. Die Öffentlichkeit täuschen, uninformiert zu lassen, sie nur mit Worthülsen bedienen, ihr gerade das Notwendigste mitteilen, so wie es alle immer schon gemacht hatten. Und Rembert Mirando kostete diese Situation genussvoll aus.
Einer Beschwerde über einen Mitarbeiter aus den unteren eigenen Reihen begegnete er derart, dass er diesen zu sich rufen ließ, ihn eine halbe Stunde vor seinem Büro warten ließ, um vorerst ein privates Telefonat zu erledigen, um ihn dann vor dem Personalchef nach allen Regeln der Kunst zur Sau zu machen. Was er denn schon sei. Arbeitnehmer. Und also solcher ohnehin bloß Bittsteller. Ferner sprach er eine Verwarnung aus, dessen Dienstvertrag bei nächster Gelegenheit kürzen zu lassen, eine Bedrohung, die angesichts der prekären Wirtschaftslage und Arbeitsmarktsituation mehr als eine gefährliche Drohung war.
Das sprach sich rasch herum in der Gemeinde und die Leute hatten Angst vor Mirando, Angst vor seinem Einfluss, und auch vor dem Bisschen Macht, das er repräsentierte. Im Laufe der Wochen und Monate wurden Mirandos Anzüge immer schwärzer, straffer, strenger. Sein Gang immer steifer, der Klang seiner mit Metall beschlagenen Absätze beim Gehen immer lauter. Ansuchen, die über sein Büro liefen, blieben immer länger liegen oder wurden negativ beschieden.
Einmal bat eine Mitarbeiterin um einen Gehaltsvorschuss. Schließlich war die Krise bis in alle sozialen Schichten vorgedrungen und viele hatten bereits nicht mehr das notwendige Geld für die Dinge des täglichen Gebrauchs. Was sie sich einbilde!, entgegnete ihr Mirando forsch. In Zeiten wie diesen gäbe es für niemanden einen Gehaltsvorschuss!, donnerte er. Sie sollte sich doch umhören. Selbst die Banken würden die Kreditklemme nur schwer lösen wollen. Man wusste schließlich nicht, was kommen würde. Und überdies müsse sie es hinnehmen wie andere auch, dass die Gemeinde kein Kreditinstitut sei. Sie erwiderte, das Verhalten ihrer Hausbank habe sich ihr gegenüber seit der Krise zum Schlechteren gewandt.
Da lachte Mirando nur und meinte, dann müsse sie eben den Gürtel enger schnallen. Sie alle, auch er, müssten das. Und das sei nichts Außergewöhnliches, fügte er hinzu und wies sie an, die Türe seines Büros von außen zu schließen.

Der Glaube der Bürger an das tatsächliche Vermögen einer funktionierenden Kommunalpolitik schien unerschütterlich, wenngleich man sich in Zwicklingsau bewusst war, oder Hintertupfing, richtig, was sich gleich blieb, dass die großen Dinge dieser Welt ohnehin nur global oder EU-weit erfüllt werden konnten. Umso mehr setzte man auf die Hoffnung lokalpolitischer Potenz, mit der in gewissen Bereichen noch dies und das erreicht werden könnte, was im großen Rahmen der Zulässigkeiten sonst nicht möglich gewesen wäre.
Nach einer eingehenden Analyse der kleinbürgerlichen Seele dieses Ortes konnte man aber feststellen, dass sich allgemein sehr starke Gegenreaktionen gegen den Fortschritt abzeichneten. Dies zeigte sich in der Permanenz der Ablehnung um die Neugestaltung des Hauptplatzes ebenso wie im trotzigen Beharren gegenüber jeder Art von innerer Veränderung und manifestierte sich in pathologischen Ängsten vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Fremden. Immer dann aber, wenn vom langsamen aber sicher abbröckelnden Glanz längst vergangener Ehren die Rede war, setzte sich auf den unhörbaren Einsatz hin ein hervorragend eingeübter Chor kollektiver Verdrängung in Gang, einem Sangeswettbewerb gleich, als ob es darum ginge, die glücklosen Taten irritierter Väter und Väterväter vor einem unsichtbaren Tribunal immer wieder aufs Neue bejubeln zu müssen.
Die Rede ist von jenen Ehren, von denen man besser schweigen sollte, weil sie, von Blut besudelt und durch Diebstahl erworben, nicht mit denen in fairen Wettbewerben erkämpften zu vergleichen sind. Am meisten aber fürchtete man den das Leben so unflätig verachtenden Tod, der Tag und Nacht dazu imstande war, die schrecklichsten Bilder in den Köpfen der vorwiegend daseinsorientierten Zwicklingsauer (oder Hintertupfinger) entstehen zu lassen. Die unumstößliche Tatsache, nichts davon mitnehmen zu können, was man zu Lebzeiten mühsam erworben hatte und vor den neidvollen Blicken anderer zu verbergen suchte. Der Tod hatte daher, ganz abgesehen von seiner Endgültigkeit, auch etwas Entmündigendes und Enteignendes an sich.
Umso mehr ließen sich die Zwicklingsauer (wie auch die Hintertupfinger) nicht davon abhalten, wenigstens im Diesseits dynamisch, ehrgeizig und konsequent zu sein, wie es auch zum guten Ton gehörte, unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen, natürlich für andere, versteht sich. Man durfte kein Intrigant sein, zumindest nicht nach außen, und musste wissen, woran man mit jemandem war, um sich dort, wo es die Notwendigkeit verlangte, mit den Lorbeeren anderer zu schmücken.

Eines Tages luden der Bürgermeister und die Honoratioren der Stadt zu einem Fest im Garten des Bürgermeisters. Jeder im Ort war eingeladen. Aber nur wenige kamen, weil sie wussten, dass sie unerwünscht gewesen wären. Also blieb man unter sich. Rembert Mirando hatte sich mit einigen Kanzleileitern und Wichtigen aus dem Finanzressort an einem von der Gattin des Bürgermeisters liebevoll dekorierten Gartentisch verbarrikadiert.
Hin und wieder verirrten sich ein paar verschreckte Gäste dorthin in der Meinung, sich an diesem Tisch zuallererst vorstellen zu müssen, und traten, völlig verstört, unverzüglich den Rückzug an, nachdem sie feststellen mussten, dass niemand hier ihre artig entgegengereichten Hände schütteln wollte, und jene, die eben erst Angekommenen, nicht nur keines Blickes würdigten, sondern sich in ihren Gesprächen durch lästiges Begrüßen auch nicht stören lassen wollten.
Zumindest aber Mirando holte eine ausstehende Begrüßung erst viel später durch ein „Ach, Sie wären auch da“ nach, aber auch nur, weil es sich dabei um einen kleinen Angestellten mit seiner äußerst attraktiven Gattin im Schlepptau handelte, die ihn irgendwann einmal im Amt besonders nett und ehrfürchtig gegrüßt hatte. Den übrigen Tischgesellen war der Pöbel egal. Sie nahmen ganz einfach keine Notiz von den kleinen Leuten, die sie nicht kannten, und die sich rund ums Buffet wie die Schmeißfliegen tummelten, um noch rasch ein Häppchen von dem feudalen Hummeraufstrich, der Fasanenpastete, den Garnelen in Marinade, dem Avokadoaufstrich sowie Unmengen süßer Melonen, Mehlspeisen und Torten aller Art zu ergattern. Denn wo sonst, wenn nicht hier, hätten sie noch die seltene Gelegenheit, sich gratis den Bauch mit so köstlichen Dingen vollzuschlagen?

Unter der illustren Tischrunde, der Rembert Mirando angehörte, befand sich ein gleichermaßen aalglatter geschniegelter Finanzbarrakuda, der in ausschweifender Form von mysteriösen Beteiligungen an einer Ostfirma faselte und allen, die über die Höhe der Investitionen und die zu erwartenden Renditen staunten und ihre Münder darüber nicht mehr schließen konnten, den Mund wässrig machte, sich in dieser Sache einzukaufen. In Mirando arbeitete es fieberhaft. Wenn er das Geld, das man ihm kurzfristig anvertraut hatte, hier investierte, könnte er ein Vielfaches dessen lukrieren, was ihm ohne dieses Kapital in seinem Leben allein durch Sparsamkeit nicht gelänge, und was ihm überdies gestatten würde, den geliehenen Betrag mit Leichtigkeit wieder an den eigentlichen Besitzer, die Partei, zurückzuzahlen.
Er brauchte also nur einen günstigen Moment abzuwarten, in dem er mit diesem Mann allein sein konnte, um ihm sein Interesse an der Sache darzulegen. Alles andere würde sich finden. Schließlich herrschte die Krise. Und wenn man es jetzt zu nichts brachte, wie sollte es hernach weitergehen? Und wenn es schiefginge? Wenn schon! Die Frage danach, ob man ein guter Verlierer wäre, konnte in Zeiten wie diesen an Zynismus kaum noch überboten werden und nur wenige waren in der glücklichen Lage, darauf zu antworten, dass sie dank ihres Humors sogar noch dann zu lachen pflegten, wenn sich das Blatt einmal gegen sie gewendet hatte. Und Mirando wollte nur zu gerne einer von dieser Sorte sein.
Es gab ja schließlich genügend Vorbilder, da draußen. Solchen Menschen, die es nicht nötig hatten, ums Überleben zu kämpfen, war doch bloß am Wettbewerb gelegen, am Reiz der Herausforderung und an der Lust, die sie dabei empfanden. Derartige Menschen konnten schließlich aber auch nicht immer nur gewinnen. Daher konnten jene, die stets gewannen, es sich mitnichten leisten, menschliche Größe zu demonstrieren, indem sie einem überlegenen Konkurrenten lächelnd zum Sieg gratulierten.
Der Finanzmensch trank. Er trank viel, und zwar nur Sekt, und das war gut so, dachte Mirando. Denn auch ein Finanzmensch hat nun einmal eine menschliche Blase, und die würde sehr bald zum Überlaufen voll sein, wenn er so weitertrank. Dann müsste man ihm an jenen Ort hin folgen, wo für Erleichterung gesorgt wurde. Überdies musste man ja nicht gleich die kompletten Hundertfünfzigtausend riskieren. Ein geringerer Betrag, vielleicht fünfzigtausend, würde vielleicht für den Anfang schon reichen? Wer konnte es wissen? Nur reden müsste man mit dem Menschen können. Man müsste an ihn rankommen, ihm nähere Informationen entlocken, sie ihm aus der Nase ziehen wie die Amsel den fetten Regenwurm aus dem taufeuchten Boden.

Stefanie Raymundo hatte ihren Paul mitgebracht. Mirando beobachtete die beiden schon seit Längerem. Sie naschte einmal da dann dort vom üppigen Buffet, hüpfte um ihren Lover zickig herum und zog ihn am Ärmel mal hierhin und dorthin. Eva Vanin war nicht zu sehen. Sie hatte wohl heute Stefanie-frei. Pedasoli begnügte sich mit Zigaretten und einem Glas Wein in der Hand, unberührt von der Aufgekratztheit Stefanies.
Paul Pedasoli ließ seine von den Butterseiten des Lebens verwöhnten Blicke über die Anwesenden streifen. Sie fielen auf den Bürgermeister, dessen Gattin, auf die Tischgesellschaft, der Mirando angehörte, und sie blieben schließlich an der unübersehbaren Person des auffällig mit den Armen fuchtelnden Finanzmenschen hängen. Sein untrüglicher Sinn für leicht zu erbeutendes Kapital durfte ihn nicht täuschen. Er löste sich langsam, in immer länger werdenden Intervallen von Stefanie, die inzwischen vergnügt mit Frau Bürgermeister plauderte, und näherte sich scheinbar absichtslos und sehr unauffällig dem Tisch der aufrechten Wichtigen.
Mirando behielt Pedasoli vorsichtshalber im Augenwinkel, allein schon deshalb, weil er sich ein Bild von dem Kerl machen wollte, der Stefanie Raymundo bumsen konnte, ohne offensichtlich irgendeine Gegenleistung erbringen zu müssen, und einer Frau wie Stefanie dürfte bloßes Porsche-Fahren ja doch ziemlich egal sein. Er musste irgendetwas an sich haben, sagte sich Mirando, was sie so sehr an dessen Stange hielt, und während er dies dachte, hob er langsam sein Weinglas, führte es bedächtig zum Munde, so, als täte er einen längeren Schluck daraus nehmen, während seine Augen jede Bewegung Pedasolis verfolgten.

Da plötzlich, es musste in einem von Rembert Mirando unbemerkten Augenblick geschehen sein, stand Pedasoli bereits abseits der laut diskutierenden Tischgenossen neben dem geldigen Ostinvestor. Beide machten sehr auf „am anderen interessiert“. Jetzt nahm Pedasoli den Kerl an der Schulter und schob ihn behutsam hinüber zu einer kleinen Baumgruppe einiger mit Früchten überladener Marillenbäume.
Rembert Mirando wurde unruhig, sehr unruhig und er stand auf, um seine Chancen nicht noch mehr zu verschlechtern. Man musste handeln, jetzt, sonst würde es zu spät sein! Er sei hier ganz zufällig auf Pedasoli und den Kapitalhai gestoßen, entschuldigte er sich rasch dafür, die beiden im Dickicht der Obstbäume plötzlich überrascht zu haben. Aus dieser einmaligen Situation heraus ergab es sich, dass Mirando dem Investor seine Absichten mitteilte, etwas Kapital in die vorhin von ihm erwähnte Gesellschaft zu investieren. Und wie er es anstellen sollte?, fragte er naiv. Pedasoli und der Finanzmensch schienen erheitert.
Mirando fühlte, dass er einen roten Kopf bekommen hatte. Aber der Ostinvestor überging die Sache diplomatisch und fragte Mirando nach der Summe, die er anlegen wollte. Als dieser eher fragend antwortete, so an die fünzigtausend, wurde der Kapitalmensch plötzlich ernst. Paul Pedasoli pfiff leise durch die Zähne.
Wann und wo man sich treffen könnte, fragte dieser und Mirando erfasste ein Gefühl, welches sich nur Siegern zu bemächtigen beliebte, oder solchen, die mit einem Male aus nichts etwas geschaffen hatten. Was er davon hielte, wenn er, Pedasoli, gleichfalls mit einer solchen Summe einstiege?, fragte jener den Finanzmenschen. Der Ostinvestor war sofort in seinem Element. Die drei mochten eine gute Stunde im Schutz der Marillenbäume gestanden haben, als sie mit zufriedenen Gesichtern wieder an den Tisch der wichtigen noch Aufrechten, denn der Sekt floss in Strömen, zurückgekehrt waren.
Ob sie sich gut unterhalten hätten, stürmte der Bürgermeister sogleich auf sie ein und warf Rembert Mirando einen fragenden Blick zu, dem dieser mit erhobenem Haupt standhielt. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher, und überhaupt hatte Rembert Mirando schon sehr früh herausgefunden, dass dieses Leben nicht fair war und dass einem absolut nichts geschenkt wurde. Umso mehr schien es ihm legitim, aus seiner Situation das Beste zu machen. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er seit Längerem für sich die Methode gezielten Selektierens nützlicher Freunde, investierte da und dort ein wenig in seinen mäßigen Ehrgeiz, um damit den für die Öffentlichkeit notwendigen und glaubwürdigen Willen zum beruflichen Aufstieg zu untermauern.
Darüber hinaus beanspruchte er für sich die gängige Meinung, welche über Leute aus dem Arbeitermilieu besagte, dass sie durchaus die Fähigkeit zur Entwicklung von Qualitäten besäßen, die einem auf dem Weg nach oben unbedingt dienlich wären. Und jetzt böte sich ihm eine günstige Gelegenheit dorthin. Alles, was man dazu brachte, waren günstige Karten, Stress- und Konfliktresistenz, Selbstständigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wer über diese Eigenschaften verfügte, besaß erfahrungsgemäß die notwendigen Grundlagen eines bestimmten Anforderungsprofiles, spezifische Machtpositionen einnehmen zu können.

Nach und nach erhoben sich die Wichtigen nicht mehr ganz so Aufrechten vom großen Gartentisch, unter ihnen auch Mirando, um vereint noch einmal über das Buffet herzufallen, welches mittlerweile neu bestückt worden war, weil es der Pöbel bereits leergefressen hatte. Ein neues Fass Bier wurde angeschlagen, neue Sektflaschen eindrucksvoll, einem Flakgewitter gleich, knallend entkorkt. Ströme schäumenden Perlweines ergossen sich schwungvoll in bereitgestellte Gläser. Das gemeine Volk wagte sich nun nicht mehr näher heran und verharrte mit teilweise leeren Bechern unter fruchtschwangeren Marillenbäumen, bis wieder Entwarnung gegeben werden konnte. Dahinter leuchtete die Sonne schon tief am Horizont, unsichtbar beinah, durch die grünblättrigen Mauern dicht belaubter Obstbäume.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15076

Der amerikanische Traum

Der Airbus 320 kreiste unaufhörlich über Manhattan, ohne bis jetzt eine Landeerlaubnis erhalten zu haben. Langsam wurden die Passagiere in ihren Sitzen unruhig. Immerhin saßen sie bereits seit neun Stunden auf ein und demselben Platz. Da und dort waren schon nervöses Öffnen und Schließen der Sicherheitsgurte aus den Sitzreihen zu hören. Es waren mehrheitlich Geschäftsleute unter ihnen, Sklaven ihrer Terminkalender, deren Eintragungen mehr Macht über sie besaßen, als sie sich je eingestanden hätten. Hier und da auch ein paar Exileuropäer, die ihre alte Heimat besucht hatten. Manche von ihnen sicherlich zum letzten Mal. Einer unter ihnen mit künstlichem Darmausgang, Uncle Ed. Neben ihm, Aunt Mary, eine Achtzigjährige mit Herzschrittmacher.

Seit mehr als zehn Minuten zog der Flieger nun schon seine konzentrischen Kreise über dem Big Apple. Der Kapitän war sehr nett. Er werde das Luftschiff ein wenig mehr in den Wind legen als üblich, damit auch die Passagiere, die in der Mitte näher zum Gang hin saßen, die Stadt durch die Fenster sehen könnten, hatte er durch die Lautsprecher verkündet.
Einen Moment lang fühlte Marcel, dass seine Reise den Beginn eines neuen Lebens bedeutete, eines Lebens, in dem der Freiheit angeblich keine Grenzen gesetzt waren. So hatte man zumindest in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts gedacht. Die Schräglage des Fliegers erlaubte einen flüchtigen Blick in die Häuserschluchten von Midtown Manhattan. Hier sollte es sein, wo angeblich alles viel früher und schneller begann als anderswo, dachte Marcel. Hier also, ein paar Hundert Meter unter ihm, sollte das Epizentrum jener finanziellen und kulturellen Beben liegen, von denen aus die Welt ihre Impulse bekam. Von hier aus würde dieser wackelige Planet in seiner Entwicklung so gesteuert, wie er morgen auszusehen hätte, und von hier aus wurde der Rhythmus des globalen Atems bestimmt, weiterzuatmen oder angehalten zu werden.
Jetzt konnte man durch die schmalen Fenster das Empire State Building erkennen. Das ist Amerika! Oder auch nicht, mochten manche sagen. Mein Gott!, durchfuhr es Marcel. Ich bin in New York! Beinahe zumindest. Dabei wäre er lieber mit dem Schiff angekommen. Wie alle Emigranten damals aus Europa, mit Ellis-Island-Prozedur und so. Es ging ihm alles viel zu rasch. Acht Stunden! Was waren schon acht Stunden? Früher war man drei Wochen auf See, früher. Schlecht untergebracht, unter Deck, Tiefdeck womöglich, ohne Bullauge. Stets dem stetigen Dröhnen der Motoren ausgesetzt, dem Geruch von Öl, Diesel, nach nassen Sachen riechend, die nie trocken wurden.

Im Flieger konnte es wirklich ein jeder schaffen, dachte Marcel, sogar er. Aber vielleicht würde er hier und heute gar nicht mehr vorfinden, was Generationen vor ihm an dieser Stadt so attraktiv und lebenswert gefunden hatten? Und doch, was sollte es, dachte er. Nun hatte er soviel investiert, um hierher zu kommen. Hatte all sein Tun, sein Schaffen, seine Träume darauf ausgerichtet, seine Vergangenheit hinter sich und der unüberwindbaren Mauer des Vergessens zu lassen.
Nun würde ein anderes Leben kommen, eines ohne den Drill längst überholter Dimensionen. Niemand würde ihn mehr zur Räson zwingen können, wenn ihm schon einmal danach war, zu sagen, was ihn störte. Hier konnte man alles sagen, ohne sich gleich die Hand vor den Mund zu halten oder bloß hinter schützenden Winkeln und Ecken darüber zu reden, was einem seit Langem schon so furchtbar auf den Sack gegangen war, diese ganzen Verlogenheiten eines verlorenen Idealismus, der niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte.

Marcel war kein Flüchtling im herkömmlichen Sinn, und doch war er einer. Obschon – heutzutage brauchte man nicht mehr von dort zu fliehen, von wo er gekommen war. Im Gegenteil, man war heilfroh, jeden unnützen Fresser loszuwerden. Blieb den Dagebliebenen mehr. Es gab ja ohnehin keine Jobs. Nichts hielt einen hier länger, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Die Kinder hatten längst das Weite in Richtung Westen gesucht. Deretwegen brauchte man nicht hier zu bleiben. Es war nicht mehr erforderlich. Man war entbehrlich geworden.
Die Frage war, was war überhaupt noch notwendig? War dieses ganze Theater mit der Volksverblödung überhaupt für etwas gut gewesen? Tausende Tote für die sozialistische Idee? War hier auch nur irgendjemand noch bei Verstand gewesen?, fragte sich Marcel verärgert. Jetzt konnte ohnehin jeder gehen, wohin er wollte.
Nicht so wie damals, als gleich geschossen wurde, wenn du deinen Arsch nur in die Nähe des Zaunes oder jener Mauer geschoben hattest, welche das Wahre vor dem Dekadenten zu trennen versucht hatte. Aber heute? Heute war alles anders. Heute war alles egal. Kein Aas scherte sich mehr darum, wenn irgendwo irgendeiner abhauen wollte. Wer hätte das jemals aus seiner Generation gedacht?, flüsterte Marcel so für sich. Der Staat pflegte seine Bürger als Gefangene zu halten, sich ihrer Fähigkeiten zu bedienen, zum Wohle aller, wie einem vorgelogen wurde, um von seinen eigenen Unfähigkeiten abzulenken. So leicht war das.
Und vom ewigen Geschwätz über Patriotismus und Solidarität war nichts als ein Haufen stinkender Scheiße geblieben, die sich über Jahrzehnte hindurch aus den Mäulern einiger hirnloser machtgeiler Parteibonzen gleichmäßig über das Land verteilt hatte, die nichts anderes zu tun hatten, als anderen Ängste aufzudrücken und sie ständig an ihre Pflichten zu erinnern, während sie selbst gut daran taten, Stillschweigen über den eigenen, illegal zusammengerafften verbotenen Besitz zu üben.

Ach, diese Welt war Millionen von Jahre alt und es war hinlänglich bekannt, dass ihre Bewohner zu allen Zeiten Schweine waren! Korrupt und gemein! Und aller Widerstand gegen das System wäre zwecklos, ja, gefährlich gewesen. Passiver Widerstand, innere Emigration, das einzige legitime Mittel, sich diesem Kasperltheater zu entziehen!
Marcel nickte triumphierend. Das Flugzeug zog unaufhörlich seine Kreise. Der Kapitän signalisierte den Stewardessen: Kling! Kling! Was mochte er wollen? Alle Augen waren auf eine Stewardess gerichtet, die nach vorne eilte. Es wurde getuschelt, gedeutet, in den Gesichtern zeichneten Falten Fragezeichen. Marcel aber war weit weg in Gedanken.

Es würde alles gut sein hier. Die alten Wunden würden verschorfen, neue hoffentlich nicht geschlagen. Er, der 45 geboren worden war, hatte früh lernen müssen, anderen etwas abzugeben, nicht Egoist zu sein, für Freunde da zu sein. Als die Panzer kamen, war er gerade acht, und er hatte Angst. Alle hatten Angst, furchtbare Angst, auch dass der Krieg wieder neu aufflammen könnte, dass man wieder nichts zu essen hätte, dass man sich wieder würde verstecken müssen, vor den Bomben, vor den Spitzeln, vorm eigenen Nachbarn, der einen denunzierte. Es war ja ohnehin alles beim Teufel, was konnte noch Schlimmeres geschehen?
Und man hätte sich gegen den Irren aus Braunau am Inn eher wehren sollen, dachte Marcel. Keiner hatte ohnehin je verstanden, wieso Millionen einem Geisteskranken gefolgt waren. Wohl ein spezielles Phänomen, Schwachsinn gepaart mit Wirtschaftskrise am richtigen Ort mit den richtigen Leuten. Eine Art Hors d`Oeuvre der Weltgeschichte, als Vorgeschmack auf die Apokalypse. Aber hinterher war man ja immer klüger. Genauso verrückt und kopflos hatten sich die anderen in den Sozialismus verrannt! Bis heute hatte er es nicht verstanden, wie so etwas möglich gewesen war. Warum sie damals nicht schon in den Westen gezogen waren, war einzig und allein Vaters Schuld gewesen. Ach was, der hätte sich ganz einfach in die Hosen gemacht, sich mit seiner Familie in so ein Abenteuer zu begeben, obrigkeitshörig, wie er war, der Herr Assessor. Beamtenseele.

Das Flugzeug begann, unruhig auf und ab zu taumeln. Turbulenzen! Die Tragflächen schwankten bedrohlich. Der ganze Rumpf schien sich zu verbiegen. Zeitweise sah man von den hinteren Reihen die vordere Cockpit-Tür nicht. Einige schrien laut auf vor Angst. Marcel wurde aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Kam ihm allemal schon zu langsam vor, die Maschine, und das in dieser geringen Höhe! Jetzt wurde es aber wieder ruhiger.
Kling! Please fasten seatbelts, stop smoking. Haben wir doch schon, knurrte Marcel vor sich hin. Geht endlich runter, verdammt noch mal!

Vater war nie Parteigenosse. Aktiv, versteht sich. Trotzdem. Man verließ seine Heimat nicht so ohne weiteres. Und der Papa hatte an der Meinung seines Sohnes nie besonderes Interesse gezeigt. Aber für ihn selbst galt, was die da oben dachten, wäre Gesetz, und damit basta. Könnte er ihn jetzt bloß sehen! Da hatte er seine leeren Parolen, hohlen Phrasen! Wie leicht durchschaubar war das alles gewesen.
Die Herren von der Partei hatten allesamt feine Autos aus dem Westen, nicht die stinkenden Zweitakt-Plastikbomber wie wir. Mit der Mauer hatte sich dann alles geklärt. Erledigt! Basta! Ach so sind die, sagten die Leute. Ja, so sind die! Alle falsch und verlogen. Damit musste man nun leben.
Immerhin, in dieser Welt hatte er irgendwann einmal selbst denken lernen müssen, weil er es sattgehabt hatte, dass allein der Staat für ihn dachte. Maulhalten war angesagt. Stillhalten wurde zur pädagogischen Methode. Karriere fremdbestimmt. Auf jener Stufe, auf der man stand, war man festgenagelt, ohne Chancengleichheit!

Kling! Der Captain wandte sich an die Passagiere, man hätte endlich die Landeerlaubnis erhalten und würde in wenigen Minuten landen. Alles anschnallen, wer´s bis jetzt nicht war, Stewardessen hinsetzen, es konnte also losgehen.
Die Maschine machte eine letzte Ehrenrunde um Manhattan und ging in Position zum Landeanflug auf Kennedy Airport. Marcel spürte im Magen, wie rasch der Flieger sank und hoffte, dass dieses Manöver bald beendet sein würde. Das war das Letzte, was er noch bewusst gefühlt hatte. Im selben Augenblick dachte er noch einmal an die Mauer und daran, wie er sich gefreut hatte, als sie endlich gefallen war.
Das wäre ja vorauszusehen gewesen. Nun aber konnte für ihn endlich die große Freiheit beginnen! Und, allen widrigen wirtschaftlichen Umständen zum Trotz, hatte er etwas Erspartes anlegen können. Die Wohnung war verkauft, die Kinder erwachsen, versorgt und voll Erwartung, was denn der Vater da auf seine alten Tage in der Neuen Welt noch alles anstellen würde. Und er müsste sogleich schreiben, beschwor ihn seine Enkelin Jana. Ja, das hatte er versprochen, und so einem entzückenden Wesen konnte man seinen sehnlichsten Wunsch nun wirklich nicht abschlagen.

Genau heute aber war der Jahrestag jener grandiosen Abtragung des Walls, einer der furchtbarsten Barrieren gegen die Menschlichkeit. Nun würde wieder gefeiert werden, drüben im Westen genauso wie im Osten. Aber es interessierte Marcel nicht im Geringsten, die ganze Angelegenheit auch noch ritualisiert zu wissen. Alles war längst vorbei, war bereits wieder zu Geschichte geschrumpft.
Die Zeit hatte bloß Erinnerungen zurückgelassen, und vielleicht blieben diese darüber auch noch auf der Strecke. Schließlich war er, Marcel, selbst nie ein Mann des Widerstandes gewesen, überlegte er, eher einer, der sich mit der Strömung hatte treiben lassen, also waren die Vorwürfe an den Vater obsolet und er brauchte sich auch nicht mit Selbstvorwürfen herumschlagen.

Egal, das hatte hier und jetzt alles keine Bedeutung mehr. In Kürze würde er amerikanischen Boden betreten und damit ein lang gehegter Wunsch in die Tat umgesetzt. Punktum! Kein Wiederstand mehr. Und wenn Widerstand darin auch nur bestanden hatte, alle paar Jahre irgendwo an einem Wahlzettelchen ein Kreuzchen zu malen, so war dieser Widerstand für ihn genug gewesen und hätte nur seine wertvolle Zeit in Anspruch genommen, die ihn allzu lange von seinen Lieblingsbeschäftigungen weggelockt hätte.
Als gewöhnlicher Bürger war er ohnehin ohne jegliche Möglichkeiten, sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen, außer irgendeiner Person seine Stimme zu geben. Wer wusste, wohin es jetzt mit der so gepriesenen Volksdemokratie nun ginge, wenn westliche Einflüsse sie zersetzten. Im Übrigen konnte ihm auch dieses gleichgültig sein. Aufgrund seiner Beziehungen zu einem Diplomaten hatte er ein Dauervisum in der Tasche, die Pension, wenn auch nicht allzu üppig, konnte er von jeder New Yorker Bank aus der Heimat anfordern.

Es ging rasch tiefer. Man spürte es in der Magengrube. Beinahe hätte er schon gejubelt, du Stadt meiner Träume, ich komme, als er feststellte, dass er keine Stimme hatte. Überhaupt fehlte ihm plötzlich jegliches Gefühl einer Erinnerung an das Zuletzt, wie auch daran, überhaupt je gelandet zu sein, und von den Passagieren war kein einziger zu sehen, weder der alte Ed mit dem künstlichen Darmausgang, noch Mary mit dem Herzschrittmacher, als er sich plötzlich allein an der Fifth Avenue, Ecke 42. Straße wiederfand, wo sich East Street und West Street trafen und er soeben an einem Straßenschild hochsah.
Zunächst versuchte er, den Menschen, die da so in ihrer Hast und Eile auf dem belebten Gehsteig auf ihn zuströmten, auszuweichen. Aber sie schienen ihn gar nicht wahrzunehmen, mehr noch, sie gingen ganz einfach durch ihn hindurch, so als ob er Luft für sie wäre, woraufhin er schließlich gar nicht mehr versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Merkwürdigerweise hinterfragte er seinen Zustand nicht, sondern fand sich zu seiner Verwunderung ganz einfach damit ab.
Ihm war, als hätte er irgendwie die sogenannte letzte Stufe des Seins erreicht. Immerhin, er konnte alles sehen und hören, auch wenn ihm diese neue Welt etwas seltsam vorkam. Das also wären die legendären Jellow Cabs, die an ihm vorüberfuhren, und über die er so viel gelesen hatte, staunte er.
Marcel starrte gebannt auf die Blechlawine, die sich durch die Straßen wälzte. Es war alles so wie in den Filmen, die er über New York gesehen hatte. Die zahllosen Häuserriesen und die Schluchten, die sie dazwischen hinterließen. Die nie endenwollenden Polizei-, Rettungs- und Feuerwehrsirenen und das permanente Gehupe der Autos auf den mehrspurigen Straßen. Zwischen den Autos fuhren Männer in schwarzen Anzügen auf Inlineskatern zur Arbeit in Richtung Bankenviertel.
Unvorstellbar! Was für eine Welt! Seiner eigenen, kleinen, im alten Europa noch nicht völlig entbunden, zogen Schleier einer vagen Erinnerung an ihm vorüber, im Land seiner Väter sein Leben verschwendet zu haben. Als diese schreckliche Mauer gefallen war, wurde er Zeuge dessen, wie diesem Land die Zukunft davonlief. Dort war er zu diesem „Ich-will-hier-raus-Menschen“ geworden.

Marcel starrte auf ein Graffito, dessen Sinn er nicht verstand. Rasch hingeworfen auf einer Feuermauer, an welcher der Zahn der Zeit längst den Putz hatte abbröckeln lassen. Chiffren unbekannter Wesen, mitteilungsbedürftig und aufregend, irgendeinen Zeitgeist transportierend, der ihm fremd war. Marcels Gefühle waren doch nicht vollkommen erstarrt, immerhin war er fähig, das Hier mit dem Dort zu vergleichen. Zumindest aber fühlte er keine Angst mehr vor der Sowjetunion, trotzdem konnte er über diesen Gedanken nicht lachen. Sein Mund war ihm fremd geworden, als hätte er keinen.
Marcel betrat einen Parfümerieladen, um sich zu vergewissern, dass ihm nicht auch noch sein Geruchssinn abhandengekommen war. Er schritt auf ein Regal zu, seine Hand näherte sich einem Tester. Joop, es konnte auch ein anderer gewesen sein. Seine Hände berührten die Flacons, einen nach dem anderen. Er roch an seinen Händen. Nichts. Völlig geruchlos.
Vor der Kassa eine Warteschlange. Plötzlich sprang die Kassiererin wie von der Tarantel gestochen auf. Ein baumlanger Farbiger löste sich aus der Mitte der Wartenden und stürmte auf den Ausgang zu. „This man had his hand in your pocket!“, rief sie aufgeregt einem in der Warteschlange zu, der verdutzt in seine Manteltasche griff, um seine Ein-Dollarscheine zu zählen, die er in einem kleinen Bündel bei sich trug. Dann ging sie hinter ihrer Registrierkassa in Deckung. Doch nichts geschah. Der Dieb war längst entflohen. Die ganze Zeit über hatte ein gleichfalls farbiger Security vor dem Geschäftsportal Wache gehalten. Regungslos stand er immer noch da. Was ist, er musste den Dieb doch gesehen haben? Aber der unternahm nichts, gar nichts.
Marcel verstand diese Welt nicht. Die Kassierin war aus ihrer Verschanzung aufgetaucht und setzte ihre Arbeit fort, als wäre nichts geschehen. Die Warteschlange löste sich auf. Alles ging seinen gewohnten Gang.

Marcel war sich darüber im Klaren, dass er diese Stadt bisher mit keiner anderen zu vergleichen vermochte, die er bis jetzt kannte. Er bemerkte zwar ihre diffizilen Charaktereigenschaften, die ihm im Grunde alles zu vereinen schienen, was eine Ansiedlung dieser Größe nur aufbieten konnte. Und wenn er sie aufmerksam durchkämmte, würde sie ihm wohl kaum langweilig. Nach diesem Erlebnis ahnte er, was ihn in dieser Stadt erwarten würde. Trotzdem dachte er daran, sich ohne Mühe in jener übersteuerten Immobilie ansiedeln zu können, und, auch wenn ihn hier ein gewisser Wahnsinn umgeben würde, war es für ihn klar, er würde um nichts in der Welt noch anderswo leben wollen.
Ein Gefühl sagte ihm, hier wäre Endstation. Er konnte es nur nicht begründen, aber es kam ihm vor, als ob sein Innerstes, seine Gefühlswelt, das Einzige wäre, was er von seinem vorigen Leben hierher herübergerettet hatte.

Während Marcel, völlig unberührt vom Lärm der Rushhour, durch den Madison Square Park schlenderte, war ihm, als versuchte hier ein jeder, der Erste vor dem anderen zu sein, ohne es selbst zu bemerken. Alle hatten es offensichtlich sehr eilig. Niemand spazierte nur so zum Vergnügen durch die Gegend.
Kurz danach, nachdem er den Park verlassen hatte, bemerkte er eine junge Frau, die ein Taxi für sich angehalten hatte und soeben im Begriff war, einzusteigen, als sie von einem Typen in Nadelstreif, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, sanft zurückgeschubst wurde. Der bestieg selbst rasch das Taxi und tauchte darin im Sog des Verkehrs unter. „Sorry, das sollte nicht persönlich gemeint sein!“, hatte er der jungen Frau noch zugerufen.
Marcel musste diesem Schauspiel voller Empörung tatenlos zusehen. Er wollte dem Nadelstreif noch etwas nachrufen, doch seine Stimme versagte abermals. Um wenigstens in der Auslagenscheibe einen Blick seiner eigenen Mundbewegungen zu erhaschen, wandte er sich rasch dem Glas zu.
Aber er konnte sich darin nicht sehen. Marcels Hand fuhr an seinen Hals. Er fasste sich an die Kehle, versuchte, sie zu umfassen. Sein Griff ging ins Leere. Es war ihm nicht gelungen, irgendeinen Teil seines Körpers anzufassen, wie auch der Versuch, sich aus Verwunderung über sein mangelndes Körperempfinden an die Stirn zu greifen, fehlschlug. Irritiert drehte er sich um seine eigene Achse, als hätte er völlig die Orientierung verloren.
Die junge Frau konnte in kurzer Zeit ein neues Taxi zum Anhalten bringen und wurde von diesem aufgelesen. Marcel konnte auch den alles durchdringenden Gestank der Straße nicht riechen, diesen Mief aus Diesel, Pizzabrot und dem üblen Hauch des Abwassers, der aus den Kanalgittern drang, dampfend, sichtbarer Atem der Pestilenz aus den Eingeweiden des großen, faulen Big Apple.
Umso aufmerksamer aber betrachtete er den Unrat auf den Gehsteigen, zerbeulte leere Plastikflaschen, die Zeitungsfetzen und all das weggeworfene Zeug bis hin zu den zahllosen MacDonalds-Tüten, die überall herumlagen, und die Zigarettenstummel, die seinen Weg zu pflastern schienen. Dazwischen eingebettet plattgetretene Kaugummis, die sich wie runde, weiße Kiesel vom ölig schwarzen Asphalt abhoben.
Schwarze Beine ragten aus alten Kartonagen, deren Besitzer, zurückgezogen wie Schnecken, in ihren portablen Häusern schliefen, unweit von Fünf-Sterne-Hotels und den unmittelbar davor parkenden Limousinen.

Nicht, dass ihm das alles fremd gewesen wäre, er war schließlich genug in der Welt herumgekommen, aber hier, so dachte er, sähe alles noch ein wenig hoffnungsloser aus als anderswo. Vielleicht hätten die Leute, die hier lebten, bis jetzt doch einen ungeheuren Vorteil gegenüber anderen gehabt, wenn man in Erwägung zöge, dass sie in einer Gesellschaft lebten, in die sich der Staat nicht so penetrant hineindrängte, wie dies bei ihm zu Hause gewesen war.
Es befriedigte schon die Tatsache, dass die Kinder hier in der Schule nicht zu lügen brauchten, was zu Hause gesprochen wurde. Wo man Kinder im Wohnzimmer etwas fragen durfte, ohne bestehende Doktrinen zu verletzen, wo man in einen Buchladen gehen und jedes Buch erstehen konnte, das man wollte, und man Noten für gewisse Musikstücke nicht erst heimlich kopieren musste, um sie dann daheim im stillen Kämmerlein möglichst leise spielen zu dürfen.
Das alles verstand Marcel unter dem Begriff der Freiheit, das alles hatte ihm zum Glücklichsein gefehlt, das alles wollte er hier für sich neu entdecken.

Erstaunlich, wie rasch es dunkel wurde, dachte er, als er die alten Hauseingänge im langsam schon absterbenden Tageslicht betrachtete, vor denen alle möglichen Typen herumlungerten, gerade im Begriff, nervöse Laufkundschaft mit ihrem gefährlichen Zeug zu beliefern. Manche von ihnen mit stummen, hohlen Augen, dumm glotzenden Blicken. Andere, randvoll mit aufputschender Chemie bis unter die Mütze, die vor lauter Unruhe im eigenen Leib keine Sekunde stillzustehen vermochten.
Allesamt wirkten sie, als wäre jeder von ihnen sechzig Jahre und mehr. Tatsächlich mochten sie fünfundzwanzig oder dreißig sein. Auf einer Treppe lag ein Bündel Dollarscheine, unweit davon eine Einwegspritze mit verbogener Nadel. Ein dunkelhäutiger Typ saß mit verklärtem Blick daneben, der Kopf weit in den Nacken gefallen, regungslos, atemlos.
Marcel trat auf ihn zu. Er musste ihn doch bemerken, seine Augen standen weit offen. Aus seinem ausgetrockneten Mund drangen flüsternd die sich ständig wiederholenden Worte: „Ehj, Mann, ich fliege, Mann, verstehst du, ich fliege!“ Und dennoch waren seine Worte nicht an ihn gerichtet.
Einen Augenblick nur hatte Marcel sein eigenes Schicksal vergessen. Es konnte ihn ja doch keiner sehen! Ein gewisser Vorteil, so konnte er nicht überfallen werden und brauchte nicht wegzurennen vor den Totschlägern, Einbrechern, Autodieben und kriminellen Amateuren, wenn sie ihm an den Säckel wollten. Aber was hätte man ihm nehmen können? Er besaß ja nichts. Nicht einmal seine Reisetasche hatte er bei sich. Marcel gelang es wieder nicht, über diesen Gedanken zu schmunzeln.
Eine Polizeistreife fuhr vorüber. Einer der Polizisten kurbelte das Seitenfenster herunter und rief einem Mann in ballonseidener Jacke zu: „Pass auf, Mann, da vorne prügeln sich ein paar Verrückte!“, und lachte laut dabei, während der Wagen mit quietschenden Reifen und heulender Sirene um die Ecke bog.

Marcel merkte, dass er langsam aber sicher unter seinem Zustand, nicht mehr dazuzugehören, sich nicht mehr verständigen zu können, zu leiden begonnen hatte. Zwar fühlte er keinen seelischen Schmerz, jedoch blieb ihm nicht verborgen, dass ihm etwas fehlte. Er wusste aber auch, dass es in seinem Zustand nicht zulässig war, zu leiden, denn es war der Endzustand, eine Art des Seins, in der schließlich auch dem ewigen Leid ein Ende gesetzt sein sollte. Aber um ganz sicher zu gehen, dass sein Befinden endgültig sei, versuchte er ab und zu, wenigstens einen leisen Brummton zu erzeugen, mit dem er sich hätte verständigen können, im Abstand ähnlich wie Morsezeichen. Aber es gelang ihm nicht.
Was hätte es ihm auch gebracht, dachte er, damit könnte es schwerlich für eine Kommunikation reichen, es könnte kein Informationsaustausch stattfinden, das war ihm nun klar geworden. Er würde wohl seine vorhandenen Möglichkeiten als stiller Beobachter dieser Welt den neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Die Frage war nur, ob man sich damit endgültig abfinden konnte.

Am Ende der Straße stand der Polizeiwagen mit seinen glühend roten Blitzlichtern. Rundherum eine Menge Leute, die sehr aufgebracht schienen. Marcel kam näher. „Der Nigger ist tot, Mann!“, rief einer der Umstehenden, „Da ist nichts mehr zu machen!“ Andere nickten zustimmend. Von Ferne hörte man einen Ambulanzwagen herannahen. Marcel überlegte fieberhaft, einen Zeichencode zu erfinden, um sich bemerkbar, sich damit verständlich machen zu können. Lächerlich! Er konnte sich selbst im Spiegelbild nicht sehen. Niemand konnte ihn sehen, was sollten also ein paar Zeichen? Und wenn er welche fände, in die Luft konnte man sie doch nicht blasen. Jedoch der Gedanke an die Möglichkeit eines übereinstimmenden Zeichenvorrates zwischen ihm und – nun, egal, irgendeiner anderen Person, ließ ihn nicht mehr los. Immerhin konnte er hören und sehen, er verstand sogar die Sprache mühelos, konnte sich von A nach B bewegen, obwohl ihm nicht klar war, wie dies eigentlich geschah. Zumindest aber nicht durch Gehen. Sein Wille genügte, ihn in schwebende Fortbewegung zu versetzen.

Wollte er das jemals? Marcel dachte an ein blindes, taubes Mädchen, welches in seiner Nachbarschaft gelebt hatte. Wenn sie sich bemerkbar machen wollte, strampelte sie mit den Beinen. Nicht zu strampeln hieß, sie hätte im Augenblick alles, was sie brauchte. Aber Marcel fühlte seine Beine nicht, als ob er keine hätte. Also hätte Strampeln nichts genützt, um sich verständlich zu machen.
Er versuchte, sich ihre Welt vorzustellen, die dunkel gewesen sein musste. Oder hatte ihre Fantasie die Finsternis überwunden und sie erhellt, belebt gemacht? Es musste eine Welt der Nähe gewesen sein, die dieses Mädchen erlebt hatte. Näher als jene, mit der er nun konfrontiert war.
Hätte er ein Instrument spielen können, überlegte Marcel, würde er eine Kombination aus verschiedenen Intervallen zu einem Buchstabencode erfinden und sich vielleicht mit einem Spielzeugklavier auf die Straße stellen. Er würde „He, du, kann ich mit dir reden?“ spielen oder so ähnlich. Man müsste nur jemanden dazu bringen, sein Geklimper verstehen zu machen.

Marcel stand nun ganz nah am Unfallort. Polizei und Helfer hasteten mal hierhin mal dahin. Einer sperrte das Gelände mit einem Plastikstreifen symbolisch vor dem Gedränge der Leute auf dem Trottoir ab, als sicherte er für sich und seine Mannschaft die alleinigen Nutzungsrechte auf diesem Katastrophenclaim.
Marcel trat artig hinter die Sperre, obwohl er auch davor nicht hätte gesehen werden können. Er tat, wie er es von damals gewohnt war, als die Stasi seinen Bruder auf der Flucht in den Westen, ganz knapp vor Erreichen der Mauer, erschossen hatte, und gleichfalls das Gelände ringsum absperrte, um die Gaffer nicht allzu nahe heranzulassen. Auch da war er hinter der Absperrung gestanden, kochend vor Wut, die Fäuste geballt in den Manteltaschen. Und um ein Haar wäre er damals so unvernünftig gewesen, einem Polizisten die Waffen zu entreißen und…

Die Tage vergingen. Marcel entdeckte, wenn am Morgen der Verkehr in Midtown begann, kaum angelaufen, war er auch schon nach kurzer Zeit bereits wieder zum Stillstand gekommen, dramatisch verbrämt durch den Lärm aus ohrenbetäubendem Gehupe und aufdringlichen Motorengeräuschen. Verzweifelte, die versuchten, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, indem sie sich in waghalsige Abkürzungen stürzten, wurden in ihren aussichtslosen Bemühungen jäh gestoppt, als auch die Nebenstraßen ihr dicht geschlossenes Autochaos präsentierten.
Dieser Zustand übertrieben bienenartiger Emsigkeit spiegelte das Ergebnis einer Lebensweise der letzten Jahrzehnte, in denen man ausschließlich darum bemüht war, die linken Gehirnhälften zu trainieren, Leistung zu erbringen und es zu schaffen, in einer Gesellschaft bestehen zu können, die ausschließlich auf Erfolg ausgerichtet war, während die rechten Hirnhälften zusehends zu verkümmern drohten, welche die Emotionen bargen, wie auch die Fähigkeiten zur Empathie, Verantwortung und des moralischen Bewusstseins.
Unter diesen Bedingungen hatte der Leidensdruck der Massen ungeheuer zugenommen, Politik war an einem kaum mehr zu unterbietenden Niveau angelangt und längst nicht mehr in der Lage, den Schwächsten und Schwachen zu helfen, wie er überall feststellen musste. Ein Umschwung war nicht in naher Sicht, ein Sich-Zurückziehen aus der Überfrachtung nicht möglich.
Skrupellose Manager verschleuderten indes Milliarden, die ihnen nicht gehörten, in Projekte, die keiner brauchte. Arbeitgeber schikanierten ihre Angestellten und setzten sie unter Druck. Sie trieben sie in die Enge und damit in die innere Emigration. So war man einsam geworden unter Millionen anderen.
Und die amerikanische Mission? Frieden bringen, wenn er im eigenen Land selbst nur schwer zustande zu bringen war? Von hier aus flossen stets ungeheure Impulse westlicher Ideologie als auch eine gewisse Arroganz in die ganze Welt und bestimmten den Herzrhythmus globalen Bewusstseins. Anstelle der Arroganz wären besser Diplomatie und Verständnis für die unterschiedliche Entwicklung der Völker getreten, dachte Marcel.

Wieder einmal war Marcel als blinder Subway-Passagier ein paar Stationen weiter mit dem Menschenstrom zum Ausgang Central Park mitgeschwommen und immer noch überwältigte ihn die Skyline der Hochhäuser jenseits der Grünflächen, wenn er zu ihnen hochblickte.
„Don´t follow any street, when it turns into bad“, erinnerte er sich der Worte eines Fremdenführers. Aber sie galten nicht für ihn. Für kurze Zeit vermeinte er den Swing von Gershwin-Sound zu hören, als ob man sich in einem Woody-Allen-Film befände.
Unglaublich sanft die Grenzlinien dieses Parks im Verhältnis zur straffen, eckigen Architektur rundum. Ein paar Rollerblade-Läufer, eine junge Frau mit Kinderwagen, ein paar Dunkelhäutige, die Rugby spielten. Ein Ort zum Nachdenken, zum Durchatmen, wer sich vom Wahnsinn der Straßen hier herein absichtlich oder unabsichtlich verlaufen hatte.

Den Central-Park lieben setzte voraus, ihn in- und auswendig zu kennen. „Kevin allein in New York“ war zu wenig, dachte Marcel und erinnerte sich daran, seiner Enkelin Jana versprochen zu haben, ihr gleich nach seiner Ankunft eine Ansichtskarte zu schreiben. Nun war ihm auch das unmöglich geworden. Stattdessen verbrachte er seine Zeit im Park, im Central-Park, dieser Laube für Verliebte, Safe nervöser Dealer, Trainingslager des Volkes für Jogger, Baseball-Spieler und Rollerblade-Fahrer.
Dann wieder Mittagszeit in Manhattan. Wie auf Kommando erbrachen die Häuser Menschen aus ihren Pforten, Drehtüren und Toren, als wollten sie im Zustand überreizter Übelkeit plötzlich alle auf einmal loswerden. Mittagszeit, Zeit, Luft zu holen. Zeit, für eine knappe Stunde Mensch sein zu dürfen, akustisch dramatisiert durch das Sirenengeheul zahlloser Einsatzfahrzeuge.
An der Ecke wickelte ein Dealer seine Geschäfte ab. Niemand schien sich dafür zu interessieren. Gegenüber Latinos, die gefälschte Rolex-Uhren verkauften und unruhig nach links und rechts blickten. Einer von ihnen begann plötzlich, sein Zeug hastig zusammenzupacken. Kurz darauf rannte er die Straße hinunter. Hinter ihm zwei Cops mit dunklen Sonnenbrillen.

Wenn es wieder Abend wurde, war man vom Lichtermeer am Times Square geblendet. Wie diese Stadt dröhnte, strahlte und vor unsichtbarer Energie, die nie zu Ende gehen schien, pulsierte! Hierher hätte man kommen müssen, als man jung war, als man noch verliebt war, dachte Marcel. Mein Gott, die Liebe! „Wanna get laid?“, pflegte man hier so ganz locker zu sagen, wenn zwischen den Geschlechtern was abging. Wanna get laid! Überall klebten kleine Logos mit der Aufschrift „I love N.Y.“, an Postkästen, an Autohecks, an Auslagenscheiben und Parkbänken.

Empire State Building war verpflichtend. Marcel war schon so oft da gewesen, auch an einem Sonntag. Gut erkennbar am nichtabreißenwollenden Touristenstrom. Am Sonntag hatte King-Kong Dienst. Immer dann, wenn sich die Schiebetüren am obersten Aufzug öffneten, sprang plötzlich ein als überdimensionaler schwarzer Gorilla verkleideter Mann mit lautem Gebrüll vor die zu Tode erschrockenen Leute, die eben im Begriff waren, den Lift zu verlassen. Einmal beobachtete Marcel, wie eine zierliche Japanerin vor Schreck in Ohnmacht fiel.
Vom obersten Stockwerk aus hatte man eine umwerfende Aussicht auf Manhattan. Wandte man den Blick den dunklen Abgründen darunter zu, konnte man die aufgespannten Netze sehen, welche Selbstmörder noch in letzter Minute vor ihrem Unheil bewahren sollten. Schlimm genug, wer in diese Luftschaukel fiel, wie ein Fisch im Fangnetz strampelnd, um dann in aufwendigen Rettungsaktionen geborgen zu werden. Bestaunt von der gaffenden Menge da oben und unter dem Beschuss Hunderter Fotoapparate. Aber die Netze hielten dem jähen Fall nicht immer stand und so klatschten hin und wieder einige nach dem freien Fall von gut vierhundert Metern unten am Gehsteig auf, flachgedrückt wie Flundern. Man konnte von Glück reden, wenn dabei niemand getroffen wurde.

Seine Blicke fielen auf Fetzen einer New York Times, vor ihm am Boden liegend. Er überflog die Überschrift. Der siebte November. Er überlegte. Er war am sechsten von Frankfurt weggeflogen. Unmöglich. Konnte es sein…? Der obere Teil des Textes hatte arg gelitten, da er in einer kleinen Pfütze aus Regenwasser gelegen war. Alles, was noch zu lesen war, schien die Schlagzeile zu sein und ein paar Zeilenfragmente. Oder doch! Dort, dieses Stück konnte noch dazugehören. In völliger Ruhe, als ob es die natürlichste Sache der Welt gewesen wäre, buchstabierte Marcel den lückenhaften Text: „… die Mitternachtsmaschine aus Frankfurt a. Main, die Ortszeit um 16 Uhr in New York J. F. Kennedy hätte landen sollen, meldete um 15 Uhr 52 den Totalausfall beider Triebwerke. Im Sinkflug gelang es dem Piloten gerade noch, den Crash über dem Stadtgebiet zu verhindern, um kurz darauf im …“ Hier fehlte abermals ein Stück Papier. Die letzten Stellen des Textes lauteten: „… wobei die Notwasserung zwar geglückt war, die Maschine aber auseinandergebrochen und binnen Sekunden in den Fluten …“ Damit endete der Text. Marcel starrte ins Nichts.
Gedankenfetzen: Er müsse sogleich schreiben, hatte ihn seine Enkelin Jana beschworen. Ja, er hätte gleich schreiben sollen, flüsterte Marcel noch, für niemanden hörbar. Und es wurde noch stiller um ihn, das Licht noch schwächer. Im selben Augenblick dachte er noch einmal an die Mauer, und daran, wie er sich gefreut hatte, als sie endlich gefallen war. Das wäre ja vorauszusehen gewesen. Aber nun war alles ganz anders gekommen. Er ahnte, als hätte für ihn eine Art letzte große Freiheit begonnen!
Marcel hätte tief durchatmen wollen, aber es war physisch nicht vonnöten. Also richtete er sich auf und betrachtete lange den grünen Streifen des Central-Parks am Horizont. Es würde alles gut sein hier. Die alten Wunden würden verschorfen, neue nicht geschlagen werden.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15077

Die Krise 5 – Innere Zweifel

Allen am Gesellschaftsleben Teilnehmenden, die hier in Zwicklingsau (gleichwie Hintertupfing) lebten, war längstens klar, dass der ortsbekannte Lebemann und Nichtsnutz, Porsche 911-Fahrer von Gnaden, Paul Pedasoli, ein bereits längeres Verhältnis mit der attraktiven Geschenkboutiquebesitzerin Stefanie Raymundo aufrechthielt, trotz deren gespaltener Zuneigung zur lokalprominenten Künstlerin Eva Vanin.
Pedasoli mochte an die fünfzig sein, und war sicherlich nicht mittellos, wie man an seiner Kleidung oder seinem fahrbaren Untersatz feststellen konnte. Am hiesigen Meldeamt schien er nicht auf im Register. Unklar hingegen war auch, woher die Mittel für seinen luxuriösen Lebenswandel stammten. Klar hingegen war, dass die vereinigte Liga der Kirchenbankreserviererinnen Stefanie Raymundo zutiefst beneidete und sie längst auf die Titelseite ihrer Klatsch- und Tratschgeschichten gehievt hatte. Den Anlass für die allgemeine Ächtung bot ein sich bereits öfter wiederholendes merkwürdiges Ritual um die Geschäftszeiten von Raymundos Boutique, welches Rembert Mirando neulich bereits um eine Facette bereichert hatte.
Immer dann aber, wenn der schwarze Porsche Pedasolis vor Raymundos Geschäft parkte, hing ein kleines Kartonschild an der Eingangstüre, auf dem geschrieben stand: Komme gleich, bitte warten! Aufgeklebte Gänseblümchen und Veilchen verzierten dieses Schild rund um das Geschriebene zusätzlich. Und es hatte sich längst herumgesprochen, dass es meist den ganzen Nachmittag dort hängen blieb.
Insider wussten es besser, nämlich, dass das Geschäft in dieser Zeit stets geschlossen war. Im ersten Stock des Hauses aber, den Stefanie alleine bewohnte, waren die Gardinen am helllichten Tage zugezogen. So auch an jenem Tag, nachdem der schwarze Porsche 911 wieder einmal vor Stefanies Geschäft geparkt hatte, diesmal allerdings völlig überraschend, und das nicht nur für die Leute hinter den Gardinen gegenüber.

Paul hatte einen zweiten Schlüssel und ging erst gar nicht durchs Geschäft, sondern verschaffte sich durch die Hintertür Zutritt zum Eingang von Stefanies Refugium. Er stieg die Treppen hoch bis zu Raymundos Wohnung, steckte den Schlüssel an und wollte aufsperren, als er sofort merkte, die Türe stand ohnehin schon offen, leicht angelehnt. Paul rieb sich die Hände, wollte er doch Stefanie auf seine unvergleichlich urureigenste Art überraschen. Aber er kam nicht weiter, bloß bis vor die Küchentür, als er lautes Stöhnen zweier weiblicher Stimmen vernahm. Vorsichtig trat er hinzu und spähte durch den Spalt, den die halb offene Türe hinterlassen hatte. Eva Vanin, an die Spüle gelehnt, die Jeans hinabgelassen, das Höschen verrutscht, von Stefanie liebkost und geknetet, hielt ihre erhitzten Wangen an jene Stefanies und wiegte sich im Takte unhörbarer Melodienreigen. Pedasoli fuhr zurück. Hier war das Vieh schon an der Tränke!, durchzuckte es ihn.

Insgeheim hatte er irgendwie Kenntnis von Stefanies geheimer Neigung gehabt. Bestätigung dafür hatte es bis jetzt keine gegeben. Vibrierende Neugierde trieb ihn dennoch einmal dazu, die Beobachtung fortzusetzen. Seine Fantasie geriet in Wallung, bis er ihr durch den Entschluss ein Ende setzte, leise den Rückzug anzutreten und unauffällig, wie er gekommen war, das Haus zu verlassen.
Davor jedoch verschaffte er sich über die rückwärtige Treppe des Flurs Zutritt zum Verkaufsraum. Den Nachschlüssel hatte er sich längst besorgt. Der kluge Mann baut vor. Ein kurzer Blick über die Regale fand seine Ruhestätte an einer offenen Schatulle, der Ladenkasse, welche nahe der Eingangstür auf dem Pult stand. Pedasoli trat rasch hinzu, entnahm ihr einige kleinere Scheine, eben kurz einmal illiquid, wie er war, würde er Stefanie das Geld später selbstverständlich zurückgeben, schließlich war man Ehrenmann, und verschwand unbeobachtet zur Hintertür hinaus. Er bestieg seinen Wagen und entfernte sich ohne jedes Aufsehen. In den der Boutique gegenüberliegenden Wohnungen glitten die vorsichtig beiseitegeschobenen Gardinen wieder unauffällig in ihre gewohnte Position zurück.

Durchtauchen, durchfuhr es Rembert Mirando unterdessen, geheimer Mandatar zuletzt, bis die Turbulenzen vorbei wären. Er müsste nur durchhalten, die Krise auf seine Art bewältigen. Experten und Laien rätselten gemeinsam ja längst über die Dauer derselben. Das war immer so. Zuerst war der Finanzmarkt, dann die Industrie betroffen, und dann erst der kleine Mann. In Krisenzeiten musste man einfach flexibel sein, sich auf neue Gegebenheiten einstellen können.
Seelische Gleichgewichte konnten dabei leicht ins Trudeln kommen. Er aber würde nicht in die Opferrolle fallen, hatte er sich vorgenommen. Er selbst würde nichts persönlich nehmen. Man könnte ja Mut und Rat aus der Umwelt ziehen, und dabei ausstrahlen, wie wichtig man war. Dabei konzentrierte sich die übrige Welt hoffentlich auf die Umstände, wie und wodurch alles zu guter Letzt derart zustandegekommen war, jedoch nicht auf ihn und seine geheime Transaktion.

Eines Tages erschienen in einem kurzen Artikel der regionalen Presse einige Zeilen über den Grundstückskauf der Escortins auf naturgeschütztem Gelände. Dieser Artikel rief allgemeine Empörung hervor. Die Opposition, sonst lediglich unauffällig vor sich hin schwächelnd, plusterte sich ungewöhnlich heftig auf und tat dabei, als hätte sie von der ganzen Schweinerei nichts gewusst, obwohl ihre Unterschrift ebenso auf dem Kaufvertrag prangte wie jene des Bürgermeisters, des Amtmannes und Mirandos, Finanzbeauftragter und Kulturguru.
Ganz besonders aber regte ein kurzer Nachsatz in dem Artikel auf, nämlich der, dass Geld geflossen sei in dieser Sache. An wen, stand nicht dabei. Das war wiederum Wasser auf die Mühlen der Klatsch- und Tratschgesellschaft und es wuchsen die verschiedensten Gerüchte, Wolkenkratzern gleich, bis hoch in den Himmel. Unter ihnen auch solche, in denen behauptet wurde, Rembert Mirando wäre in die Sache involviert, einer, den mittlerweile niemand so richtig leiden mochte, seit er seine Position im Gemeinderat dazu benutzte, sich unangenehm hervorzutun und Bürgerwünsche abschmetterte.

Da war plötzlich auch von gewaltigen Pyramidenspielen mit Steuergeldern die Rede. Dutzende Geldgeber wären ohne deren Wissen zu Komplizen gemacht worden. Das Gerede um geheime Transaktionen nährte Fantasien von gewinnbringenden Projekten, in die zu investieren es sich gelohnt hätte. Ein weiteres, schmuckloses Schreiben war aufgetaucht mit der Botschaft, ein schwindelerregendes Geldkarussell wäre in Gang gesetzt worden, um zu vertuschen, wo der ganze Zaster tatsächlich geblieben sei.
Das Volk war irritiert und erregt zugleich. Der Klerus donnerte sonntags von der Kanzel herunter, der seelische Müll müsse zuerst beseitigt werden! Die geistige Umweltverschmutzung sei verantwortlich für die Wirtschaftskrise. Gier und Materialismus zerstörten ihre Umwelt. Wo der Mensch nicht mehr zählte, würden fundamentale Werte schwinden. Das klang alles sehr ernst und es war keine Rede mehr davon, dass Gleichgeschlechtlichkeit heilbar wäre.

Mirando hatte den Zeitungsartikel immer wieder gelesen und er musste sich eingestehen, dieser hatte ihn, ganz gegen seine Gewohnheiten, irgendwie peinlich berührt. Schon malte er sich aus, wie bösartig die Lokalpresse reagieren würde, wenn‘s endlich einen Prominenten erwischt hätte. Und in gewisser Weise war er ein Prominenter. Zumindest hier in Zwicklingsau. (Es wäre wahrscheinlich auch in Hintertupfing nicht anders gewesen.) Vielleicht nahm man ihn in Untersuchungshaft? Sein Privatleben würde verglichen werden mit dem des angehenden Mandatars Rembert Mirando, und ob sich darin Widersinniges fände. Auch könnte man danach nicht so einfach zur Tagesordnung über- und er nicht mehr ganz einfach so zum Fleischhauer hinübergehen und sich von dessen entzückender Tochter bedienen lassen. Vielmehr bestand die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn dort überhaupt nicht mehr bediente.
Vielleicht aber gäbe es „Wurschtbrot“ im Gefängnis, anstatt Wildbret, sicherlich. Dort würde er einen Raum mit einem Fremden teilen müssen. Und er könnte nicht in der Nacht aufstehen und zum Kühlschrank gehen, um Schinken und ein kaltes Bier herauszunehmen oder sich einen Whisky einschenken, wenn ihn die Sorgen nicht schlafen ließen. Und mit seinen Kurzbesuchen bei Stefanie wäre es auch vorbei. Und seine Gattin würde sich scheiden lassen. Mit Sicherheit!

Das alles erschreckte ihn ungemein, wie auch die Vision, den ganzen Tag über von irgendeinem kleinen Gauner oder Fixer oder Kiffer oder Wichser oder sonst irgendeinem Untermenschen, gar einem Ausländer, einem muslimischen Fanatiker oder einem vorbestraften Messerstecher beobachtet zu werden! Bestenfalls würde es ein erfahrener Mithäftling sein, der ihn in den ersten Tagen unterweisen würde, und ihm helfen sollte, den Gefängnisschock zu überwinden. Undenkbar das alles! Vielleicht könnte ihn die Escortin protegieren, wenn es so weit wäre? Dieser Mithäftling also würde auf ihn aufpassen, damit ihm nichts passierte. Dass er sich nicht am Schnürsenkel erhängte oder sich in der Klospüle ertränkte oder so ähnlich.
Denn wenn einer so in der Öffentlichkeit stand wie Mirando, dann würde man ihm eben helfen, den Haftschock zu überwinden. Mirando, der stets gerne in der Natur war, und wenn es nur der Gang zur Bank war, dürfte von nun an bloß eine Stunde im Innenhof der Justizanstalt seine Runden drehen. Einziger Luxus wäre, sein Essen aufs Zimmer serviert zu bekommen. Mirando lachte bitter. Allerdings bekäme er hier keine Gourmetmenüs! Aber was man bekam, würde zumindest in anderer Form gebracht werden als in der gewohnten, nämlich im Blechnapf mit dazupassendem Becher. Und glasierten Kalbsbraten gäbe ist es sicher auch nicht. Rehrücken schon gar nicht. Am Abend Brot und Wurst.
Zwei Mal die Woche dürfte er Besuch empfangen, der vorher angemeldet zu sein hätte. Wer würde ihn schon besuchen kommen? Seine Gattin? Nein. Stefanie? Wohl kaum. Die Escortin? Auch nicht. Sie würde sich wahrscheinlich hüten, mit ihm Kontakt zu halten, jetzt, wo er quasi ein Krimineller war, schon aus Rücksicht auf ihren Mann. Wenn das ihr Hase erfahren würde! Nicht auszudenken!
Rembert kniff die Augen zu. Er könnte sie auf der schmalen Gefängnisbank flachlegen, überlegte er. Das intakte Intimleben der Häftlinge wäre neuerdings angeblich ein wichtiges Anliegen der Gefängnisverwaltung. Rembert versuchte, seine destruktiven Gedanken zu verscheuchen, indem er einen Besuch bei der Bank machte, um einen Blick auf sein Konto zu werfen. Noch war nichts verloren! Man musste nur durchtauchen, bis das Schlimmste vorüber war.

Dann aber geschah das Unglaubliche. Der glatte Ostfinanzfisch war verhaftet worden. Es war von gewaltigen Pyramidenspielen mit Steuergeldern die Rede. Von Dutzenden Geldgebern, ohne deren Wissen Gutgläubige zu Komplizen gemacht worden wären. Das Gerede um geheime Transaktionen von Beteiligten aus dem Ort nährte zusehends die Fantasien von gewinnbringenden Projekten, in die zu investieren es sich gelohnt hätte. Ein drittes schmuckloses Schreiben war aufgetaucht mit der Botschaft, ein weiteres schwindelerregendes Geldkarussell wäre in Umlauf gewesen, um zu vertuschen, wo denn das viele Geld eigentlich geblieben sei. Ja, ja, das Volk, sowohl in Zwicklingsau als auch in Hintertupfing war wie immer irritiert und erregt zugleich und man flüsterte auf Gängen und in Hauseinfahrten nur mehr über einen – über Rembert Mirando.
Mirando war nicht entgangen, was hinter seinem Rücken vorging, wenn er durch die leeren Korridore des Gemeindeamtes fegte, um nur ja von niemandem aufgehalten zu werden, um sogleich rasch in seinem Zimmer zu verschwinden. Er hielt die Türe zu seiner Sekretärin geschlossen und wollte überhaupt nicht wissen, ob sie es mit ihren Beinen unter dem Schreibtisch ebenso hielt. Auch die Farbe ihres Höschens interessierte ihn mit einem Male überhaupt nicht mehr. Das hatte es noch nie gegeben und konnte als Zeichen totaler Desorientierung gewertet werden.
Von diesem Zeitpunkt an hatte Mirando sein Element verlassen, Hände zu schütteln, auf Schultern zu klopfen und Schmäh zu führen. Er versteckte sich hinter seinem Schreibtisch, ließ niemanden zu sich vordringen, erledigte alles via e-Mail und verließ das Gemeindeamt stets als Letzter, im dunklen Staubmantel, den Kragen hochgeschlagen. Seine geheimsten Befürchtungen schienen eingetreten zu sein. Er war unter den Verdacht der Geldwäsche wie auch der Bestechung geraten und dafür bekannt geworden, Millionen bekommen zu haben, für dubiose Beratungsgespräche oder so ähnlich.
Untitulierte Zahlungen wären getätigt, und, wie man festgestellt hatte, gefälschte Belege vorgelegt worden, was schließlich zur Festnahme des Finanzfisches geführt hatte, den Mirando in seiner Bedrängnis vor dem Untersuchungsrichter schwer belastete. Dem Barrakuda wurde Verdunkelungsgefahr vorgeworfen und Tatbegehungsgefahr. Geld, von dem keiner wusste, woher es stammte, soll in höchst dubiose Geschäfte geflossen sein, die mit ihrer ursprünglichen Bestimmung herzlich wenig zu tun gehabt hätten.

Das Ortsblatt berichtete von einem Unternehmer, drei Teilhabern und einem ungeschickten Anleger, der seinen Mund nicht hatte halten können, beinahe politischer Mandatar obendrein, sowie einer Firmengruppe, die aus zahlreichen Untergruppen bestünde, mit dem vielversprechenden Namen East-Finance-Cooperation Unlimited, mit Sitz in einer bis dato unbekannten südosteuropäischen Hauptstadt. Ebenso war von einer Main-Consulting GmbH zu lesen, an der jener Ostfinanzmensch mit 65 % beteiligt gewesen wäre.
Was Mirando nicht wissen konnte, dass der angebliche Finanzberater längst die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft erregt hatte. Die Rede war auch von Schmiergeldzahlungen an Politiker, mit dem Ziel, Grundstückskäufe zu ermöglichen. Dabei sollen gewaltige Summen hin- und hergeschoben worden sein. Der Name Escortin kam in dem Artikel nicht vor. Allerdings ließ der Begriff „Baumafia“ die Leser aufhorchen. Sechzehn Millionen Umsatz hätte allein die Main-Consulting gemacht, und das mit einer Firma, die lediglich aus zwei Personen bestanden hatte.

In einem Nachsatz wurde quasi nur so nebenbei angemerkt, dass Escortin auf Gemeindegrund, der im Naturschutzgebiet gelegen hätte, mit Bauarbeiten eines Hauses begonnen hätte. Dieser winzige Nachsatz regte riesig auf. Nicht nur, dass man üblicherweise monate-, wenn nicht jahrelanges Warten auf die Behörden in Kauf nehmen musste, bis die Übermittlung des Flächenwidmungsplanes an das zuständige übergeordnete Amt vorgenommen wurde. Ein Akt wurde angelegt, von einem Sachbearbeiter, wenn Zeit dazu war. Das dauerte meist drei bis sechs Monate. Dann wurde der Plan überprüft. Auch das konnte dauern! Ein Antrag musste gestellt werden, was wiederum sechs bis acht Monate in Anspruch nahm, und wenn man Glück hatte, wurde dieser in einer Sitzung nach zwei bis drei Monaten verabschiedet und schließlich dem Gemeinderat vorgelegt.
Nicht so im Falle Escortins: Beschließung der Änderung eines Flächenwidmungsplanes am Montag. Drei Tage später lag der Gemeinderatsbeschluss vor. Am Donnerstag trat die übergeordnete Behörde zusammen. Die Umwidmung wurde genehmigt und bereits am Freitag war der Bescheid an Escortin ergangen. Die Naturschutzbehörde war geschickt ausgeschaltet worden. Escortin war ein reicher Mann. Der Kaufpreis von üblicherweise 30 bis 35 Euro wurde bei diesem Kauf dabei noch unterschritten und Escortin zahlte lediglich 24 Euro pro Quadratmeter.
Das alles hatte die Zwicklingsauer Seele aufs Äußerste irritiert und sie geriet ins Trudeln. (Der hintertupfingerischen erginge es wohl nicht anders.) Die Zwicklingsauer verfluchten Rembert Mirando, den politischen „Beinahe-Mandatar“, als sie davon erfuhren, dass in der Grundstückssache mit Escortin Geld geflossen war, welches er selbst noch obendrein veruntreut hatte. Details über dieses Vermögen und woher es stammte, waren nicht bekannt.

Dabei hatten die meisten gedacht, dass ihr Mirando verlässlich wäre, konservativ, seriös. Im Grunde aber wäre er bloß ein Weiberheld, der den Umgang mit dubiosen Frauen wie dieser Stefanie Raymundo pflegte, und gleichzeitig sogar ein Verhältnis mit Anica Escortin hatte. Ein frecher Maulheld wäre er, sagten sie und ein Weiberer obendrein, der sich überall durchboxte. Wie das seine Frau aushielte, fragte man sich und man bedauerte die Arme.
Überall sei er präsent, um da und dort seine Ellbogen auszufahren, anderen Leuten unaufgefordert den Taktstock zu entreißen, sich bei höherrangigen Politkolleginnen und -kollegen einzuschleimen, immer auf Ausschau nach nützlichen Freunden, die er irgendwie um etwas bitten konnte, nach Partys, auf denen er fürs Fressen und Saufen keinen Groschen bezahlen musste oder Autos mit Prozenten einkaufte, mitschnitt, wann und wo immer es ging.
Obendrein wäre er ein arroganter, stets mit dreckigen Witzen bewaffneter Komiker, der es immer schaffte, mit seinen derben Zoten irgendwo im Mittelpunkt zu stehen und selbstzufrieden zu grinsen, wie ein satter Säugling. Die Leute sagten, man müsse als Politiker sein Publikum unterhalten, auch wenn es nur darum ginge, es mit endlosem, wiederholten Pointendreschen zu langweilen, was einerseits dazu diente, dem eigenen unbeugsamen Willen den notwendigen Nachdruck zu verleihen, andererseits um damit die eigene schwammige Unentschlossenheit zu kaschieren.

Die Leute sagten auch, Rembert Mirando gehöre zu jenen Typen, die in öffentlichen Reden Dinge versprächen, die sie gar nicht halten könnten, aber hinterher sogar noch wissen wollten, ob sie gut gewesen wären. Nun sei er endlich einmal aufs Maul gefallen, freuten sich die Zwicklingsauer und appellierten an die Gerechtigkeit und den langen Arm der Justiz. (Die Hintertupfinger täten es ihnen sicherlich gleich.)
Im Zweifel säße man hierzulande Probleme aus, meinte der Bürgermeister lakonisch, als er auf offener Straße auf seinen sogenannten besten Mann angesprochen worden war. Man folge damit lediglich den Gesetzmäßigkeiten einer Soap-Opera, und dabei lachte er hinterfotzig. Immerhin galten kleine Scherze generell stets als willkommene Interjektion in hilflosen Situationen, rettender Ausdruck aus dem Reich des Unbewussten. Damit ließen sich Konflikte verkleinern und sie lächerlicher erscheinen als sie waren. Nicht zuletzt erzeugten sie für die nähere Umgebung zusätzlich eine gewisse Sicherheit, den Fakten ihre tödliche Ausweglosigkeit zu nehmen. Auf diese Weise konnte man sich dahinter leichter vor seinem eigenen dunklen Schatten verbergen. Man würde dadurch in gewissem Sinne unverletzlicher, für einen Augenblick sogar Sieger, auch wenn man sich gerade auf Talfahrt der eigenen Karriereleiter befand. Wurde darüber gelacht, erfuhr man eine Art Seelentrost und konnte wenigstens für einen Moment die Tatsache verdrängen, in welch einer beschissenen Lage man sich eigentlich befand.

Und Mirando? Mirando dachte zunächst an Flucht. Es würde etwas weiter sein müssen, um den Auslieferungsforderungen innerhalb der EU-Länder entfliehen zu können, überlegte er fieberhaft. Die Escortin müsste her. Mochte sein, dass sie augenblicklich bitterböse auf ihn wäre. Noch lief er frei herum. Auch war noch nicht das ganze Kapital verloren. In letzter Zeit scheute Mirando davor zurück, sich allzu oft in seiner Bankfiliale sehen zu lassen. Der Wahlkampf war bereits im Gange und zeitgleich mit diesem setzten die Auseinandersetzungen mit den politischen Gegnern ein, sich mittels Plakaten auf die Führungspartei einzuschießen. Die Befürchtungen aus den Reihen von Mirandos Parteifreunden waren eingetroffen, denn nach Mirandos Nominierung zum Mandatar wurde zu Recht große Sorge geäußert, er könnte sich in dieser Finanzsache verheddern und dadurch alles in der Partei zu Fall bringen.
Mirando hatte alle Hände voll zu tun, unangenehmen Fragen auszuweichen, einerseits solchen vom Parteivorsitzenden und dem Bürgermeister, andererseits denen der Lokalpresse, die sehr bemüht war, ein möglichst konkretes Bild aller Beteiligten in dieser Sache um den Grundstückskauf der Escortins zu zeichnen.
Und immer wieder wurde in den Kolumnen der Name Rembert Mirandos genannt. Er wäre einer der Hauptbeteiligten, hieß es, obwohl jeder wusste, dass er nur ein kleiner Schleimer war und für solche Geschäfte gar keine Kompetenzen besessen hätte.
Mirando reagierte cholerisch. Im Amt fuhr er die Leute grob an, die etwas von ihm wollten. Privat lief nichts mehr. Seine Gattin hatte von den Kirchenbänklerinnen alles erfahren und sprach kein Wort mehr mit ihm. Stefanie Raymundo hatte ihren Laden geschlossen und der schwarze Porsche Pedasolis parkte schon lange nicht mehr vor ihrem Haus. Es hieß, sie wäre weggezogen und hätte in der Stadt ein neues Geschäft eröffnet. Die Parteifreunde begannen, sich an Mirando abzuputzen. Zuallererst der Bürgermeister, dann der Parteivorsitzende und dann die übrigen. Sie sagten, er würde schon allein durch seine Präsenz alles verderben, was sie aufgebaut hätten, und sie legten ihm nahe, den Abschied zu nehmen.
Es schien, als wäre Rembert Mirandos Schicksal in eine länger andauernde Pechsträhne geraten und es ärgerte ihn maßlos, dass das Glück nicht mehr an seine Tür klopfte. Aber eher würde er sich die Zunge abbeißen, als freiwillig die eigene Schuld einzugestehen, auch wenn es ihm diesmal nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Und Schuld an dem Schlamassel hätte einzig und allein der Ostfinanzfisch. Was aber erst, wenn man dahinter käme, dass es sich beim verlorenen Coup nicht zuletzt auch um die zwischengelagerte Parteienspende Escortins gehandelt hatte? Mirando wurde heiß bei dem Gedanken.

Von den hundertfünfzigtausend waren immerhin noch siebzigtausend übrig. Sollte er es jetzt noch eingestehen? Dem Bürgermeister gestehen, er hätte das Geld dringend für eine private Angelegenheit gebraucht? Zu spät! Zwei Tage später lag auf seinem Schreibtisch eine Nachricht, er möchte doch jetzt, wo ohnehin alles herauskommen würde, gleich die gesamte Summe auf das Konto der Partei überweisen. Es könnte nicht schlimmer kommen, als es schon wäre, stand zu lesen. Besser, man lege die Karten offen, als wenn die Herrschaften von der Opposition dahinterkämen, von wem das Geld geflossen wäre, obwohl das allen bekannt war, nur selbst wollte man es nicht glauben.
Mirando erstarrte. Er lief in seinem Büro hin und her wie ein gereizter Tiger. Alles schien ausweglos. Er würde zu Kreuze kriechen müssen. Dann wäre alles hin. Sein Job, seine politische Karriere, einfach alles! Mirando fuhr mit zwei Fingern zwischen Hals und Hemdkragen. Der Knopf hielt der Spannung nicht stand und sprang ab. Also doch die Escortin. Er griff zum Telefon. Nein, Schwachsinn. Sie könnte ihm nicht helfen. Niemand konnte helfen. Oder wenigstens mit ihr reden, jetzt, in dieser schweren, existenzbedrohenden Situation? Vielleicht um des Gefühls Willen, als Mensch behandelt zu werden, abgeholt zu werden, wo er gerade stünde? War nicht immer auch eine Botschaft in so einer Situation versteckt? Es führte kein Weg daran vorbei. Wie an einer schweren, ja tödlichen Krankheit.

Rembert Mirando war in einer großen psychischen Not. Er, der immer so elegant über das Parkett des Lebens getänzelt war, war an seiner eigenen Gier gestrauchelt. Möglicherweise könnte er mit Anica Escortin Strategien zur Rettung seines Ansehens und Weiterkommens entwickeln? Sie war eine kluge Frau, gewiss.
Ein Balkantief sandte weiterhin feuchte und schwülwarme Luft von Osten nach Zwicklingsau, und Gewitter waren nicht ausgeschlossen. (Hintertupfing schien diesmal davon nicht betroffen.) Ob sie ihm die verlorenen achtzigtausend liehe, die Escortin? Vielleicht verfügte sie gar nicht über eine solche Summe? Von ihrem Hasen würde sie diese wohl kaum bekommen. Wenn der ahnte, für wen das Geld bestimmt wäre, kriegte er mit Sicherheit einen Herzinfarkt! Mirando kam zu keiner Lösung. Er schloss seine Schreibtischlade ab.

Es war gerade vor Geschäftsschluss. Der Bankdirektor staunte nicht schlecht, als Rembert Mirando die restlichen Siebzigtausend von seinem Konto abheben wollte, einfach so, in bar, und das Geld in einem schwarzen Kunstlederkoffer verstaute, den er wohlweislich mitgebracht hatte. Nachdem dieser sich mit dem Geld im Koffer freundlich verabschiedet hatte, eilte der Direktor in sein Büro, um den Bürgermeister anzurufen. Aber es war schon nach vier, und niemand mehr im Gemeindeamt. Der Bürgermeister hatte bereits sein Handy abgeschaltet. Der Bankdirektor schrieb ihm eine SMS, in der Hoffnung, dieser würde sofort zurückrufen, wenn er sie gelesen hatte.
Tags darauf überbrachte der Bote einer privaten Geld-Zustellfirma hundertfünfzigtausend Euro, ließ sich die Übergabe vom mehr als erstaunten Bankdirektor mit dem Hinweis bestätigen, die Summe auf das Konto der Gemeindekasse zu verbuchen und fügte hinzu, er dürfe den Absender aus Gründen des Datenschutzes nicht nennen, punktum! Ja, geht denn das?

An diesem Tag saß Rembert Mirando wie immer in seinem Büro. Es war der Tag, an dem er selbst Parteienverkehr abzuwickeln hatte. Die Warteschlange vor seiner Türe hielt sich in Grenzen. Die Leute, die er rascher als sonst abgefertigt hatte, tuschelten hinter vorgehaltener Hand darüber, dass er ihre Angelegenheiten diesmal zumeist wortlos erledigt hätte, ohne den geringsten, sonst üblichen Zynismus, ohne jegliches cholerisches Getue, wenn einmal ein Papier fehlte, und ohne auch nur den leisesten Anflug eines unanständigen Witzes. Ja, manche hätten sogar ein leises Lächeln auf seinen Lippen bemerkt.
Am gleichen Tag wollten auch einige Dorfbewohner einen Rettungswagen mit Blaulicht und Folgetonhorn zur Villa der Escortins hochfahren gesehen haben, und tags darauf stand im Zwicklingsauer Tagblatt (davon wusste man nichts in Hintertupfing) zu lesen, dass der bekannte Bauunternehmer Denis Escortin einem Schlaganfall erlegen wäre. Die Beerdigung würde am Freitag um vierzehn Uhr am hiesigen Friedhof stattfinden. Mit zahlreichen Trauergästen sei zu rechnen.

Norbert Johannes Prenner

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