Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Der Esel furzt

Ich bin in einer äußerst unerfreulichen Situation. Was habe ich nur eingeworfen? Ich hätte meinen Dealer nicht wechseln sollen. Habe ich aber, ist passiert. Ich bestehe nur noch aus meinem Kopf, der so groß wie der Jupiter ist, also riesengroß. Ich schwebe im Weltraum. Ich frage mich, warum ich atmen kann, wenn es rund um mich keine Luft gibt. Das muss ein Traum sein, natürlich, ganz bestimmt! Ich kneife mich. Ich spüre Schmerz und wache nicht auf, weil ich nicht träume.

Man muss immer das Beste daraus machen, sagt mein Schwager stets. Er hat leicht reden, er schwebt nicht als Riesenkopf im Weltraum. Wenn das so weitergeht, werde ich noch an Langeweile sterben.

Doch es geht nicht so weiter. Ein gewaltig großer Esel nähert sich mir. Neben mir kommt er zum Stillstand. „Hallo“, sagt er. „Hallo“, sage ich, „Sag mal, warum kann ich dich eigentlich verstehen?“ „Keine Ahnung“, antwortet der Esel, „aber das ist ja gut. Dann können wir uns unterhalten.“ „Da hast du Recht“, sage ich, „wie lange bist du denn schon hier?“ „Weiß ich nicht“, sagt der Esel, „ich habe ja keine Uhr.“ „Aha“, sage ich.

„Isst du auch so gerne Heu?“, fragt der Esel. „Nein, das würde meine Ernährung billig machen“, sage ich, „aber mein Magen verträgt das nicht.“ „Meiner verträgt es auch nicht, wenn ich zu viel davon gegessen habe“, sagt der Esel. „Ich habe jetzt echt schlimme Verdauungsprobleme.“ „Wie äußern sich denn deine Verdauungsprobleme?“, frage ich. „Das wirst du gleich bemerken“, sagt der Esel. Er dreht seinen Hintern Richtung Sonne und furzt. Der Furz ist gewaltig laut. Das ist wieder so eine Anomalie, denn Schall breitet sich im Vakuum nicht aus.

Allerdings ist etwas Fürchterliches geschehen, das Sonnenfeuer ist ausgegangen! Unsere Sonne ist nun ein gigantisch großes Stück Holzkohle. Jetzt ist die Kacke am Dampfen, nun aber wirklich! Wie viel Pech ich habe, ist unglaublich!

Der hellbraun-weiße Esel in der Koppel in Nötsch am 29. Juli 2023

Der hellbraun-weiße Esel in der Koppel in Nötsch am 29. Juli 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 24111

Uber

Ich habe mir bei Uber einen Wagen mit Fahrer bestellt. Ich warte vor der Haustür. Jetzt biegt ein quietschentengelbes, kleines Auto um die Ecke und bleibt vor mir stehen. „Allahu akbar“, begrüßt mich der Fahrer, der ein Roboter ist. Falsche Sprache natürlich. Seitlich am Roboter drücke ich den Knopf für Deutsch. Jetzt klappt es. Mr. Robot stellt sich mir vor. Er will High Five und Faust an Faust mit mir machen. Er hat wohl aufgrund meines Surfverhaltens herausgefunden, dass ich Snowboarder bin. Das bin ich auch, aber kein Kind mehr, bei dem Scheiß mache ich nicht mit. Ich steige in die Kiste. Während er fährt, erklärt mir der Roboter die Gegend, wie bei einer Stadtführung. Ich schalte den Burschen auf lautlos. Als wir angekommen sind, erscheint auf seiner Brust der Fahrpreis in schwarzen Ziffern. Unter seinem Bauch, wo menschliche Männer Unterhosen tragen, befindet sich ein Schlitz für Kredit- und Bankkarten. Ich zahle bar, runde auf und lege neunzehn Euro auf die Ablage, wo in alten Modellen ein Aschenbecher war.
Das nächste Mal fahre ich mit dem Fahrrad.

Oktoberfest - bayerische-Dirndl-Badeente und bayerische Lederhose-Badeente

Oktoberfest – bayerische-Dirndl-Badeente und bayerische Lederhose-Badeente

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 24088

 

Produktion

Ich bin Produktionsmitarbeiter. Ich fertige Landmaschinen. Ich arbeite mit zwei Robotern zusammen. Einer ist links von mir, er gibt mir das Werkstück, das ich weiterbearbeite und dann dem Roboter rechts von mir übergebe. Die Roboter haben keine Namen. Ich habe sie für mich Horst und Klaus getauft. Früher arbeiteten sie von Zäunen umgeben, um für Menschen garantiert ungefährlich zu sein. Danach wurden die Roboter befreit. Wir sind jetzt alle drei Arbeiter, aber wenn produktionstechnisch etwas geändert wird, bin ich das schwächste Glied. Ich muss mich den Robotern unterordnen.

Die Abseilübung von drei Feuerwehrmännern vom Turm der Berufsfeuerwehr am 10. Mai 2023

Die Abseilübung von drei Feuerwehrmännern vom Turm der Berufsfeuerwehr am 10. Mai 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 24087

Nashörner

Auf einem Foto in einer Zeitschrift, das für den Kaziranga Nationalpark in Assam, Indien, wirbt, sind ein ausgewachsenes Nashorn und ein sehr kleines zu sehen. Das kleine ist wirklich sehr klein. Wahrscheinlich ist es die Mutter mit ihrem Kind. Das Kind hat noch kein Horn.

Ich male ihm eines auf seine Schnauze. Jetzt freut es sich. Auf dem Foto sieht man, wie es nun grinst und die Zähne zeigt.

Ich schätze, das habe ich gut gemacht.

Zwergi in der steinernen linken Hand

Zwergi in der steinernen linken Hand

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 24086

„Meine Zeit ist zu Ende“

„Meine Zeit ist zu Ende“, sagte sie.
Legte sich auf die Seite
im blütenweißen Bett,
wandte ihren Blick zum Fenster.
Die Sonne verschwand,
und der Regen fiel.

Das Kinderpflaster auf regennassem Asphalt am 31. August 2022

Das Kinderpflaster auf regennassem Asphalt am 31. August 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 24085

Im Käfig

Ich bin das Tier im Käfig.
Die Menschen betrachten mich.
Gern hätte ich einen Bau,
in dem ich mich verstecken kann,
doch habe ich ihn nicht.
Hier im Käfig ist meine natürliche Umgebung imitiert,
doch sie ist es nicht.

Auch ihr, die ihr mich anstarrt,
steckt in einem Käfig,
nur da er keine Stäbe hat,
wisst ihr es nicht.
Ihr habt verlernt zu jagen,
ihr werdet gefüttert,
von anderen Lebewesen,
die euch Menschen als Tiere halten.

Weiß-grau gekleidete Damen mit bunten Drachen an Stangen am regnerischen 13. August 2022 auf dem Neuen Platz

Weiß-grau gekleidete Damen mit bunten Drachen an Stangen am regnerischen 13. August 2022 auf dem Neuen Platz

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 24084

Diese Stunde

Komm zu mir!
Ich halte dich fest, bis du nicht mehr frierst,
bis du keine Angst mehr hast.
Vertrau mir!
Ich bin nicht dein Lebensretter,
aber dein Retter für diese Stunde.

Das Herz aus roten Rosen im Untergeschoss der City Arkaden für den Valentinstag des Jahres 2024, von vorn

Das Herz aus roten Rosen im Untergeschoss der City Arkaden für den Valentinstag des Jahres 2024, von vorn

Das Herz aus roten Rosen im Untergeschoss der City Arkaden für den Valentinstag des Jahres 2024, von hinten

Das Herz aus roten Rosen im Untergeschoss der City Arkaden für den Valentinstag des Jahres 2024, von hinten

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 24081

Wasser

1,5 Liter Wasser pro Tag waren ausreichend. Im Winter sicherlich, im heißen Sommer konnte man zusätzlich Wasser vom See trinken, wenn man in ihm badete. Was aber bald unterbunden wurde, weil Wasserwächter auftauchten, die auf Verdacht hin Menschen mit Präzisionswaagen vor und nach dem Baden abwogen.

Im Jahr darauf wurde die Ration auf einen Liter Wasser pro Mensch und Tag gesenkt. Wozu eigentlich, weshalb diese Verknappung? Der Staat bezieht seine Energie, seine Elektrizität hauptsächlich aus Wasserkraft. Wasser ist hier allgegenwärtig, in Seen, Teichen, Tümpeln, Flüssen, in Massen.

Was aber geschehen war, war, dass der Staat Verträge mit nordafrikanischen Staaten abgeschlossen hatte, ihnen den Großteil dieses Wassers zu verkaufen. Auf regelmäßiger Basis. Durch Pipelines mit gewaltigen Durchmessern, die am Boden des Mittelmeeres verankert waren, wurde das Wasser an seine Bestimmungsorte befördert. Die Sahara ergrünte.

Mit einem Liter wurde es im Sommer schwierig, denn dieser Sommer war besonders heiß. Man musste sich im Schatten aufhalten, dann ging es, dann genügte ein Liter Wasser für den Tag.

Ein Jahr danach durfte man nur noch 0,75 Liter pro Tag verbrauchen. Gleichzeitig wurde die Sonne brennender. Es war kaum noch möglich, mit einem dreiviertel Liter Wasser sein Auslangen zu finden. Auch war es nicht gestattet, dass eine Person zugunsten einer anderen weniger verbrauchen durfte. In allen Gebäuden wurden die Wasserzuflussrohre ausgebaut, in den Städten und Gemeinden wurde kein Wasser mehr an Haushalte transportiert. Es gab kein fließendes Wasser mehr.

Bei 0,75 Liter Wasser am Tag zählt jeder Tropfen. Die Menschen wissen jetzt, wie sich das anfühlt.

Kommendes Jahr soll die tägliche Ration auf einen halben Liter Wasser pro Mensch gesenkt werden, sagt man. Wie wird es dann werden? Schlecht, aber wie schlecht genau, werden wir sehen.

Das Stift Viktring mit dem Turm hinter dem Wasser am 28. April 2023

Das Stift Viktring mit dem Turm hinter dem Wasser am 28. April 2023

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 24082

Sternenstadt

Beengt ist es hier.
Kein Platz.
In den Häusern, auf den Straßen,
zwischen all den Menschen.
Nur kurz schläft die Stadt,
wenn keine U-Bahn fährt,
die Gürtelstraße frei ist.
Jemand schreit.
Jemand stirbt.
Jemand gebiert.
Der eine geht zu den Sternen,
der andre kommt von ihnen.

Die orangeroten Rolltreppen in der U-Bahnstation Karlsplatz

Die orangeroten Rolltreppen in der U-Bahnstation Karlsplatz

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 24080