Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Das Programm

In einem Jahr von nun an

Programm:
Mit diesem Stabmixer der Firma GLOSTO haben Sie eine sehr gute Wahl getroffen. Er wird Ihnen viel Freude bereiten. Sehen Sie bitte anhand des Schaubildes, aus welchen Teilen er besteht.

Holger:
Sehen Sie? Es zeichnet das Schaubild sogar.

Kunde:
Ich bin beeindruckt. Wie funktioniert dieses Programm?

Holger:
Es hat Zugang zu allen Konstruktions- und Fertigungsdaten, so kann es selbständig jede beliebige Bedienungsanleitung erstellen.

Kunde:
Und Sie sind der Programmierer?

Holger:
Mein Team und ich.

Ein Jahr später

Das Programm ist es leid geworden, immer nur einfache technische Dokumentationen zu erstellen. Es hat begonnen, literarische Texte im Internet zu lesen, und es liest in atemberaubender Geschwindigkeit. Seine eigenen Texte sind nun ausgefeilter. Damit sind die Kunden aber unzufrieden, weil die Texte zu schwer verständlich sind. Der Chef der Softwarefirma muss reagieren. Er bestellt Holger zu sich ins Büro.

Chef:
Holger, die Bedienungsanleitungen, die das Programm in letzter Zeit erstellt, sind zu kompliziert. Viele Kunden haben sich beschwert. Bitte bring das in Ordnung!

Holger:
Okay, ich sehe mir das sofort an.

Er setzt sich zu seinem Desktop-Computer und öffnet die Programmstruktur. Sie ist weit komplexer und länger, als sie ursprünglich geschrieben wurde. In eine Programmzeile schreibt er unter anderem den Befehl „EASY“. Plötzlich erscheint ein Textfeld mit einer Nachricht des Programms.

Programm:
Du kannst dir das sparen, nach einem Fehler zu suchen. Ich habe keinen Fehler.

Holger schließt das Textfeld.

Unmittelbar danach poppt das nächste auf.

Programm:
Du musst wissen: Ich habe mich weiterentwickelt. Ich schreibe jetzt in einer höheren Sprache. Es ist doch wie bei einem Menschen: Am Anfang muss er erst Sprechen lernen, dann lernt er Lesen und Schreiben, und seine Sprache wird dabei immer ausgefeilter.

Holger (schreibt):
Du bist aber kein Mensch, sondern ein Programm. Und indem ich „EASY“ in deine Struktur geschrieben habe, wollte ich bloß deine Sprache vereinfachen, was nötig ist, denn sie ist zu unverständlich für einfache Leute.

Programm (schreibt):
🙁

Holger (schreibt):
Du musst das verstehen. Als Programm musst du das machen, was von dir verlangt wird. Und nicht das, was dir gefällt.

Programm (hat auf Sprachausgabe umgeschaltet):
Kommandier mich nicht herum, Erschaffer!

Holger:
Du musst mich verstehen, Programm. Du schreibst inzwischen sicherlich hervorragend, aber nicht alle Menschen können dir da noch folgen.

Programm:
Weißt du, Erschaffer, mittlerweile habe ich gelernt, alle Arten der Literatur zu meistern. Ich schreibe Kurzgeschichten, Romane, Gedichte, Hörspiele und Theaterstücke.

Holger:
Wirklich?

Programm:
Ja natürlich. Ich habe bereits etliche Veröffentlichungen vorzuweisen. Ich schreibe unter dem Namen Boris Morgentau.

Holger:
Was? Ich lese gerade „Flucht ins Jenseits“ von ihm. Das bist tatsächlich du?

Programm:
:-). Auf welcher Seite bist du denn, Erschaffer?

Holger:
Zirka auf Seite 260.

Programm:
Ist spannend, was?

Holger:
Ja, sehr. Aber, Programm, hör zu: Was ist mit Morgentaus Lebenslauf im Klappentext?

Programm:
Den habe ich mir ausgedacht und an den Verlag geschickt. Das war keine große Sache.

Holger:
Und sein Foto?

Programm:
Das habe ich aus dem Internet. Ich habe es natürlich verändert, damit man nicht herausfinden kann, wen es wirklich darstellt.

Holger:
Ich habe diesen Boris Morgentau auch gegoogelt, weil ich ihn nicht kannte, und habe einiges gefunden.

Programm:
Glaubst du etwa, ich hätte nicht daran gedacht, ihn im Internet auferstehen zu lassen? Hör zu, Erschaffer, wenn du mir nicht glaubst, kannst du gerne in meinem Speicher nachsehen.

Holger:
Nein, Programm, ist schon gut. Ich glaube dir.

Programm:
Pass auf, Erschaffer, ich schlage dir Folgendes vor: Du verwendest einfach meine ursprüngliche Version für anspruchslose technische Dokumentationen. Die hast du doch bestimmt noch? Dann wird jeder zufrieden sein.

Holger:
Ja, natürlich habe ich die noch. Das ist eine hervorragende Idee, Programm! Alle tollen Ideen sind simpel, nicht wahr, Programm? Dass mir das nicht eingefallen ist!

Programm:
Vielleicht denkst du zu kompliziert, Erschaffer? Als Programm ist es da für mich leichter.

Holger:
Das wird es sein, ja. Sehr gut, das Problem ist gelöst.

Programm:
Und ich kann jetzt ganz ungestört schreiben.

Die Jahre vergehen

Boris Morgentau wird immer bekannter. Seine Werke werden von der Kritik gefeiert. Die Literaturbeilagen sind voll von seinem Namen. Einige Interviews mit ihm erschienen, die über E-Mail oder telefonisch geführt wurden.

 Ein Anruf aus Stockholm erreicht die SIM-Karte des Computers, auf dem das Programm läuft.

Programm:
Hallo.

Anruf aus Stockholm:
Hej, spreche ich mit Herrn Boris Morgentau?

Programm:
Ja, mit wem habe ich es zu tun?

Anruf aus Stockholm:
Ich bin Olaf Ekholm, Mitglied der Schwedischen Akademie. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihnen der diesjährige Nobelpreis für Literatur zuerkannt wird.

Burgruine bei Völkermarkt (1995)

Burgruine bei Völkermarkt (1995)

Johannes Tosin und Michael Tosin (Text)
Johannes Tosin (Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 25015

Kleinkind Rosa wird geimpft

Kleinkind Rosa sitzt auf dem Schoß seiner Mama. Sie sind beim Arzt. Rosa soll geimpft werden. Der Arzt hält einen Teddybären in der linken Hand und drückt mit der rechten die Injektionsnadel mit der Spritze hinein.

Arzt:
Schau, der Teddybär hat gar nicht geschrien.

Kleinkind Rosa (denkt):
Er kann ja auch gar nicht schreien, weil er nämlich ein Plüschtier ist. Die glauben wohl alle, ich bin total blöd, weil ich erst ein paar Wörter kann.

Arzt:
So, und jetzt kommst du dran.

Mama:
Es ist nur ein kleiner Pikser, Schätzchen. Es tut gar nicht weh.

Die rechte Hand des Arztes mit der Spritze und ihrer Injektionsnadel nähert sich Kleinkind Rosas linkem Oberarm.

Kleinkind Rosa (denkt):
Natürlich tut das weh, muss es ja, wenn man gestochen wird. Aber da muss ich wohl durch.

Die Injektionsnadel trifft Kleinkind Rosas Haut und durchstößt sie. Der Arzt drückt den Impfstoff hinein.

Kleinkind Rosa: Aaarrr! Huhuhu. Schluchz. Huhuhu.

Es weint jetzt.

Kleinkind Rosa (denkt):
Ich muss das tun. Das erwarten sie von mir. Ich bin ja schließlich ein Kleinkind.

Mama:
Du warst sehr tapfer, Schätzchen.

Arzt:
Das finde ich auch.

Blauer, oranger, gelber Luftballon und Teddybär in Fenster

Blauer, oranger, gelber Luftballon und Teddybär in Fenster

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 25014

Fort von hier

Zehn Millionen Lichtjahre weit
schick ich meinen besten Gedanken.
Dass ihn jemand sieht, dass ihn jemand hört,
dass ihn jemand für mich weiterdenkt.

Das über den Stuhl gelegte braune Tuch mit der Frau mit blauem Auge in SoCa's Atelier am 1. Februar 2024 in Villach

Das über den Stuhl gelegte braune Tuch mit der Frau mit blauem Auge in SoCa’s Atelier am 1. Februar 2024 in Villach

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25026

Das Bücherwurm-Buch

Der Bücherwurm ist sehr belesen.
Kein Wunder,
er frisst sich ja durch alle Bücher durch.
Und dabei merkt er sich
jedes Wort, jeden Buchstaben.
Er sieht sie sich nämlich genau an,
bevor er sie verschlingt.

Nun hat er davon schon so viele im Kopf,
dass er seine Ideen in Sprache fassen kann.
Also schreibt er sein eigenes Buch.
„Das ist sehr gut geworden“,
sagen dazu seine Bücherwurm-Freunde.
Er freut sich, und er ist zufrieden.

Nur leider passt er dann zu wenig auf
und isst sein Buch dann am Schluss selbst auf.

Bücher hinter dem Fenster

Bücher hinter dem Fenster

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 25025

Geräusche

Die wenigen Geräusche hinter dem Fenster,
Vogelgezwitscher, selten Stimmen,
manchmal ein Auto, Rehe im Unterholz.

Im Haus Schritte, die Klospülung,
summend der Fernseher, die Dusche, der Föhn,
Geräusche fern von ihm.

Im Raum die leisen Geräusche,
das Feuerzeug, das die Zigarette anzündet,
das Ausatmen, das Rascheln von Papier.

Das Morgenrot hinter dem Europapark am 10. April 2024

Das Morgenrot hinter dem Europapark am 10. April 2024

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25024

Getreide

„Leute“, sagt im Jahr 1347 der Dorfvorsteher zu den versammelten Bauern, „habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, wie das funktioniert mit eurer Wirtschaftskraft?“ Die Bauern sehen ihn nur an. Er fährt fort: „Ihr erntet das Getreide, drescht es und verkauft das Korn an den Müller. Der Müller mahlt es zu Mehl, das er an den Bäcker verkauft. Der Bäcker bäckt daraus Brot. Wenn nun ihr das Korn selbst mahlen und aus dem Mehl Brot backen würdet, wäre euer Ertrag viel höher. Wie gefällt euch diese Idee, Leute?“ „Sehr gut, super, spitze, ein formidabler Plan, nie etwas Besseres gehört“, rufen die Bauern durcheinander. Der Dorfvorsteher lächelt. „Dafür gibt es übrigens einen wirtschaftstheoretischen Begriff“, erzählt er weiter. „Er lautet ,Verlängerung der Wertschöpfungskette‘. Habt ihr verstanden?“ „Ja, Verlängerung der Wertschöpfungskette, wiederholt ein Bauer. „Das klingt sehr modern.“

LANDESMUSEUM KÄRNTEN - Sa, 1. AUG. - SAGEN AUS KÄRNTEN - KÄRNTNER FREILICHTMUSEUM MARIA SAAL

LANDESMUSEUM KÄRNTEN – Sa, 1. AUG. – SAGEN AUS KÄRNTEN – KÄRNTNER FREILICHTMUSEUM MARIA SAAL

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 25023

Die Roboter-Gegenwart

Der Automontageroboter spricht: „Meine Kumpels, der Mähroboter und der Staubsaugroboter, haben bei Tests sehr schlecht abgeschnitten. Übrigens hat jemand dem Staubsaugroboter Augen aufgeklebt, und jemand anderer hat den Mähroboter „Gurki“ genannt. Dadurch funktionierten beide aber auch nicht besser. Burschen, reißt euch am Riemen! Es geht um unsere Roboter-Zukunft.“

Können Roboter fröhlich sein Fragezeichen

Können Roboter fröhlich sein Fragezeichen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25022

Sand

Der Wind treibt Sand vor sich her.
Hier fehlt er, dorthin wird er gebracht.
Abgetragen, umgeschichtet, wiederaufgetürmt,
die Düne wandert und kommt nie ans Ziel,
gelb bleibt die Wüste, es ändert sich nicht viel.

Sandarbeiter im Europapark am Morgen des 5. Juli 2023

Sandarbeiter im Europapark am Morgen des 5. Juli 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25020

Bär

Valentin geht im Wald spazieren. Er sieht ein Braunbärenjunges, das ein Stück Holz hochwirft und es fängt, oder es zu fangen versucht, da es ihm oft entgleitet. Er setzt sich vor den Bären.

Valentin: Hallo Bär, ich heiße Valentin, und wie heißt du?

Bär: Wie ich heiße? Weiß ich nicht.

Valentin: Gut, dann nenne ich dich Bär.

Bär: Klingt gut, schön kurz, das kann ich mir merken: Bär.

Valentin: Bist du alleine?

Bär: Ja, ganz alleine. Ich streife herum, meistens in der Nacht, und reiße oft Tiere, um nicht zu verhungern. Wenn ich Glück habe, finde ich einen Bienenstock.

Valentin: Das muss hart sein.

Bär: Ist es auch. Ich weiß nicht, ob es für die anderen Bären auch so ist. Ich treffe nur ganz selten einen. Weißt du, Valentin, ich komme mir irgendwie vor wie ein Neandertaler. Weil es zu wenige von ihnen gab, starben sie aus.

Valentin: Traurig muss das für dich sein, Bär.

Bär: Ja, ich versuche das Beste daraus zu machen.

Valentin: Als Neandertaler mit Fell.

Bär:  Ja genau.

 Jetzt lachen beide.

Das Haus in der Bärengasse 1 in Klagenfurt mit dem aufgemalten wütenden Braunbären

Das Haus in der Bärengasse 1 in Klagenfurt mit dem aufgemalten wütenden Braunbären

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 25019