Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Reisenotizen Kalifornien

[Hier kommen Sie zur Ausgangsbasis.]

Nein nicht das blonde, gewachste, niemals alternde, showmäßige, regen-lose mit einem Lächeln, bei dem dich ein makellos weißes Lattenzaungehege im Mund eventuell auch daran hindert, näher zu treten. Nein, das nördliche, ländliche Kalifornien, nördlich der Stadt San Francisco, von welcher aus Hippies dank Silikon und Informatik zu Hightech-Milliardären mutierten.

Dort liegt an einem See, der den schweizerisch-italienischen Binnengewässern an Form und Schönheit in nichts nachsteht (wohl aber mit seiner gastronomischen Infrastruktur weit abfällt) ein Städtchen, das so arm ist, dass man entlassenen Gefängnisinsassen freiwillig Bustickets bis dorthin bezahlt, damit sie nicht auf den dummen Gedanken kommen, ihr Strafregister um paar Einbrüche und Eigentumsdelikte zu erweitern.

Dank Waldbränden und Hochwasser hat es die Ortschaft sogar bis in die internationale Presse geschafft.

Typisch für Kalifornien? Nein, aber auch nicht selten. Gleich „nebenan“ befindet sich das sich mondän gebende Napa Valley.

Kalifornien gilt als ein sehr liberaler Staat. Im Land der Freiheit ist es das freieste Land. Jeder/jede darf völlig gesetzeskonform stinkreich werden, kiffen oder auch arm und staatlich weitgehend ignoriert sein Leben fristen. Es ist hier erlaubt, willkürlich mit einer Knarre herumzuballern, allerdings nicht, wenn man sich auf fahrbaren Untersätzen befindet. Dafür ist Sonnenschein sogar gesetzlich garantiert.

Ist nur mir aufgefallen, dass jegliche Art von Tektonik, sei sie sozial oder geologisch, so lange Furchen und Aufwerfungen hinterlässt, bis sogar die ganze vereinigte Nation so gespalten ist, dass es kein „Hinüber“, geschweige denn ein „Herüber“ mehr gibt? (Dieser Gedanke kam mir beim Anblick einer Erdbebenspalte, die sich innerhalb von zwei Jahren von einer Ackerfurche zu einem echten Graben von fünf Metern Tiefe und mehreren Kilometern Länge entwickelt hatte.)

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26159

Reisenotizen Amerika

[Hier kommen Sie zur Ausgangsbasis.]

… hätte ich lieber ohne die meisten Menschen, die sich vornämlich nach einem Financier von Kolumbus’ Expeditionen, Amerigo Vespucci,  benennen. Doch würden diese sich Isabellaner nach der Sponsorin Isabella von Kastilien heißen, wäre das zwar feministisch, würde aber nichts an den für die Indigenen unfreundlichen Umständen der Landnahme ändern.

USA: US AGAIN.

Irgendwie ein halbgarer Eintopf, der ständig kurz vor dem Überkochen scheint. Aberwitze scheinen aus meiner Sicht tatsächlich so amerikanisch zu sein wie Amerikanern die Illusion ihrer Unbegrenztheit und ihr Unverständnis des „Kleingeistes“ alter Welten.

Kein Wunder, dass außenpolitisch immer wieder in fremde Suppentöpfe gespuckt wird.

Wer hält schon angesichts der Schönheit eines, sogar des eigenen Landes inne, wenn man es ausbeuten kann?

In Amerika fühle ich mich meistens vorübergehend freundlich wahrgenommen (dieses bei multiplen Begegnungen sogar im Stakkato) aber trotz Kenntnissen der Sprache und Kommunikationsgepflogenheiten selten wirklich verstanden.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26158

Reisenotizen Ausgangsbasis

Ohne Standpunkt keine Perspektive. Als Abreisende (noch eingehüllt in Wohligkeit meines Herkunftslandes Österreich) verlasse ich meine Komfortzone und kann vorübergehend lieben Gewohnheiten entsagen, die sich so nur zu Hause pflegen lassen. Wobei die Wohligkeit weniger in der unhinterfragten Akzeptanz aller heimatlicher Mentalitäten besteht. Es gibt auch welche, mit denen ich mich nicht identifiziere. Das Wohlgefühl ziehe ich daraus, wohlbehalten und weitgehend unbeschadet aufgewachsen und gealtert sein zu dürfen.

Das Wegfahren allerdings fühlt sich wie ein Kaugummi an, den ich von den Schuhsohlen entfernen muss, weil mein Gemüt an der Gemütlichkeit des Verweilens haftet. „Angekommen“ erlöst mich von den Unwägbarkeiten des Unterwegsseins.

Ich verzichte vorübergehend bei Reisen sogar ohne größere Verlustängste auf meine Muttersprache, welche sich laut Christian Morgenstern zwischen „sich zusammenreißen“ und „sich gehenlassen“ bewegt. Es hilft mir durchaus, mich in einer (angeblich) nationalen Haltung verwurzelt zu wissen, die Extreme meidet (dass sie auch Anstrengungen meidet, wenn es drauf ankäme, ist eine andere Geschichte).

So gewappnet wage ich es, meine wirklich streng subjektiven Ansichten und Einsichten über andere Länder kundzutun.

 

Lesen Sie dazu:

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26157

Herlicek – Jedermann

Nach Salzburg fährt der Herlicek,
wo grad der Jedermann verreckt
Im Reisebus sind 30 Wiener,
mit dabei – Grüner Veltliner

Am Domplatz sitzt er, Reihe drei,
das Bühnengeschehn ist einerlei
Lieber ruft Herlicek (frank und frei):
„Gibt’s Spritzer hier? Und Wi-Fi?“

Als Jedermann dann abtreten soll,
lacht Herlicek: „Das find ich toll! –
ist wie bei „Stirb langsam“ – echt;
nur a bissl schneller wär net schlecht!“

Das Publikum ist irritiert,
Damen schauen ganz pikiert
Auch die Schauspieler kriegen’s mit –
Jedermann gerät aus dem Tritt

Dem Hochmair wird es zu bunt,
er will jetzt eine Ruh da unt‘,
Schreit, dass man’s hört im hintersten Eck:
„HER – LI – CEK!!!“

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26156

Herlicek – Wein-Experte

Herlicek sucht neue Werte,
also wird er Wein-Experte
Die VHS bietet einen Kurs,
der macht klug und noch mehr Durst

Herlicek schreibt sich brav ein,
damit er kennt bald jeden Wein
und ihn vor Ort gründlich studiert
(Verkostungen sind inkludiert)

Vertraut mit all den Unterschieden
zwischen Lagen und den Rieden,
Jahrgang, Farbe und Geschmack,
wird er mit Wissen vollbepackt

Am End hat er gelernt fürs Leben,
was sich lohnt, weiterzugeben –
das Kriterium für Qualität:
Wein muss schmecken, früh bis spät

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26155

Herlicek – Sommer-Sehnsucht

„Herrgott, was ist das für ein Sommer!“,
flucht Herlicek (er ist kein Frommer)
Regen, Wind und kühles Wetter –
da war Petrus schon mal netter!

Wie schön war früher dieses Schwitzen,
man konnte nur noch reglos sitzen
Brennend heiß war der Asphalt,
heut bleiben unsre Sohlen kalt

Statt Tropennächte über 20 Grad
erholsamer Schlaf, das ist schon fad
Wann werdet ihr unser Gemüt erhellen,
ihr guten, alten Hitzewellen!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26154

Herlicek – Italien daheim

In Wien ist’s grau, es nervt der Regen
Herlicek muss sich erregen
Er starrt zum Küchenfenster raus
„Dieser Sommer ist ein Graus!“

„Es ist nicht auszuhalten hier —
mein eignes Italien mach ich mir!
Er holt sein altes Heizgerät,
lässt es laufen früh bis spät

Den Raum würzt er mit Knoblauchduft,
trocknet Rosmarin an der Luft
Die Ramazotti-CD läuft heiß,
Herliceks Hemd füllt sich mit Schweiß

Er macht Spaghetti und sagt „Uff!“
Der Topf, der kocht wie der Vesuv
Mit Chianti sitzt er am Sofa –
das edle Tröpferl stammt vom Hofer!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26153

Schüttler 2026

Ihre Schüttler sind herzlich willkommen: redaktion@verdichtet.at

Woche 33: Schwammerlsucherfachgespräch
„Die schönsten Pilze find ich bald.“ – „Wo denn?“
„Natürlich auf dem Waldboden!“
(Christoph Kempter)

Woche 32: Das Motto vom Outlet lautet:
Rabatt parat!
(Christoph Kempter)

Woche 31: Autofahrerfehde mit Ziegelstein
Der hat nicht mal den Blinker im Griff,
kriegt nachher von mir nen Klinker im Brief.
(Christoph Kempter)

Woche 30: Outdoor Experience
Im Matsch lass ich den Vetter wühlen,
er soll das nasse Wetter fühlen.
(Christoph Kempter)

Woche 29: Wo sind die Badegäste?
Ich hab gesehen,
dass sie in den See gehen.
(Christoph Kempter)

Woche 28: Klar, dass …
… ich mir vom Wassersport
jede Menge Spaß erwårt.
(Christoph Kempter)

Woche 27: Fußball
Wenn das Spiel des will,
wird’s ein wildes Spiel.
(Christoph Kempter)

Woche 26: Marmelade
Die Himbeeren sind beim Brocken rot
und landen auf dem Roggenbrot.
(Christoph Kempter)

Woche 25: Tschechern mit dem alten Martin
Im Frühling sagte Luther mal,
dass ich wie meine Mutter lall.
(Christoph Kempter)

Woche 24: Mehr Koffein!
Der Kaffee schmeckt mir dermaßen,
da trink ich noch mehr Tassen.
(Christoph Kempter)

Woche 23: Unter Zuckerkünstlern
Für diesen schönen Lollipop
schulden wir der Polly Lob.
(Carmen Rosina)

Woche 22: Rührselig
Diesmal trink ich Vino keinen,
sonst muss ich im Kino weinen.
(Carmen Rosina)

Woche 21: Die ISS und der Bauer
Die Raumstation, die steht im All,
ich steh derweil mit Ed im Stall.
(Christoph Kempter)

Woche 20: Geglückte Insektenabwehr
Übern Berg die Fliegen ziehen,
die grad vor den Ziegen fliehen.
(Christoph Kempter)

Woche 19: Finnischer Feierabend
Sundowner,
dann Sauna.
(Christoph Kempter)

Woche 18: Erfreuliche Diagnose
Die Ärzte, die vermuten Gutes,
drum sind wir jetzt guten Mutes.
(Christoph Kempter)

Woche 17: Enthemmt
halten derbe Proleten
aufs Saufen Lobreden.
(Carmen Rosina)

Woche 16: Spekulation am Heiratsmarkt
Schluss ist mit den billigen Wetten!
Es kaufen jetzt die Willigen Betten.
(Carmen Rosina)

Woche 15: Das Lämmchen zum Hasen
„Zeit wird’s, dass die Osterglocken
wieder mal das Kloster rocken.“
(Christoph Kempter)

Woche 14: Lohnende Anreise
Willst du heut ein Mädchen küssen,
wirst du wohl zum Käthchen müssen.
(Robert Müller)

Woche 13: Pinocchio
Ich ihm zuerst das Haxl öle,
später dann die Achselhöhle.
(Christoph Kempter)

Woche 12: Kindheitserinnerungen in Süddeutschland
Mach nicht so eine Miene, Bayer,
wir schauen morgen Biene Maja.
(Christoph Kempter)

Woche 11: Storchenhebamme
Ich trenne mit dem Schnabel nur
auch die dickste Nabelschnur.
(Christoph Kempter)

Woche 10: Der Superhausmann
Hab ich heute einen Lauf,
häng ich die Wäsch’ auf Leinen auf.
(Christoph Kempter)

Woche 9: Schlange
Wenn Kinder bilden lange Reihen,
kommt es oft zu Rangeleien.
(Christoph Kempter)

Woche 8: Fußballerleid
Im Spiel war gut er, plus
er holte sich ’nen Bluterguss.
(Christoph Kempter)

Woche 7: Biometzger
Er dachte, dass ich das Lamm schlachte,
das vorher noch im Schlamm lachte.
(Christoph Kempter)

Woche 6: Outdoor-Wellness
Den Hintern mussten sie sacken lassen,
sodass sie in den Lacken saßen.
(Carmen Rosina)

Woche 5: Barflirt
Ich hoff, es trübt ihr schon den Blick,
wenn ich den Drink der Blonden schick.
(Christoph Kempter)

Woche 4: Spionage in der Hofburg
Der Präsident aß Semmelkren,
das wollten sie im Kreml seh’n.
(Christoph Kempter)

Woche 3: Musikgenuss
Karten checken, flink, boid!
Fürs Konzert von Pink Floyd!
(Carmen Rosina)

Woche 2: Die Daltons im Gefängnis
Hilft mir wer feilen,
muss ich nicht verweilen.
(Christoph Kempter)

Woche 1: Moff
Warum ich diesen Schund erwähn?
Ich find ihn einfach wunderschen.
(Christoph Kempter)

 

Abschied von Wien

Wenn ein älterer Herr bei Pensionsantritt seine gewohnte Großstadt verlässt und sich „am Land“ (in einem etwa 30 km von Wien entfernten Dorf) niederlässt, geht er nicht nur über die Stadtgrenze seiner geliebten bisherigen Heimat. Er gibt seinen urbanen Lebensstil auf, verlässt seine Freunde und Verwandten, die liebgewonnenen Straßen und Plätze, Gebäude, Lokale, Kulturstätten und Verkehrsmittel, und liefert sich schutzlos den Gegebenheiten und den Bewohnern der neuen Wahlheimat aus. Er ist aber dort nicht mehr „daheim“, sondern eben nur „zu Hause“. Es ist ein ganz anderes Leben dort – jenseits der Stadtgrenze. Er verliert sehr viel Gewohntes und Vertrautes. Ein Städter hingegen, der in eine andere Stadt zieht, oder ein Bauer, der 100 Kilometer weiter in einen anderen Bauernhof einheiratet, hat keinen derartigen „Kulturschock“, sondern lebt mit kleinen Änderungen „wie ge-wohnt“ weiter.

Morgen ist es so weit – morgen verlasse ich die Stadt. Ab morgen bin ich kein Wiener mehr. Endgültig – für immer! Nach knapp 60 Jahren – das ist mehr als ein halbes Jahrhundert! Kann so ein alter Baum noch Wurzeln schlagen – in fremde Erde verpflanzt? SIE sagt JA. „Im Bett“ – sagt SIE scherzhaft – „in meinem Bett hast du noch immer eine starke Wurzel!“ Weiber! Seit Eva sind wir aus dem Paradies geworfen worden. Wien ist auch ein Paradies – oder zumindest das Vorzimmer zum Paradies! Ich weiß das – ich bin ein Teil von Wien – und Wien ist ein Teil von mir. Auch jetzt – mit einem kleinen Bauch und Glatze und einer langen Virginia-Zigarre im Gesicht (sie schmeckt mir eh nicht, viel zu scharf und beißend, aber es schaut so imposant-gemütlich aus), habe ich mich noch nicht abgenabelt von Wien, bin ich noch immer kein Erwachsener, der selbstbewusst dort zu Hause ist, wo er sich gerade aufhält.

Als ein Junger – das war anfangs der 60er-Jahre – war ich einmal Provinzreisender, aushilfsweise für ein paar Wochen. Untertags war’s ja lustig – mit der dicken Tasche die Eisenhandlungen von Niederösterreich, Burgenland und der Steiermark besuchen, aber am Abend – tödlich!! Ein billiges Zimmer suchen, dann ins Dorfwirtshaus – was gibt’s zum Essen: „Schnitzel, Schweinsbraten, Gulasch“ – ewig dasselbe. Und dann ein, zwei Bier und etwas lesen, bis man müde ist. Ein Zigeunerleben, aber ohne Romantik! Und was das Schlimmste war – die Entfremdung von zu Hause. Auf einmal ist man nur Besuch – die Freunde ‚fremdeln‘, weil man sie jetzt so selten sieht –, der nicht mehr automatisch weiß, was los ist, infolge zu langer, zu häufiger Abwesenheit nicht mehr richtig dazu gehört. So muss an einem Baum ein Ast absterben – immer weiter vom Saftstrom abgeschnitten – immer schlechter durchblutet wie ein Raucherbein, genauso wird’s mir gehen – ab morgen!

„Grübel  nicht so viel“, sagt SIE. „Das Leben ist viel zu kurz für nostalgischen Trübsinn“, sagt SIE, „die paar guten Jahre, die wir noch haben! Du bist doch ein Widder“, sagt SIE, „du bist es doch, der immer vorwärtsstürmt, der nicht warten kann. Hast du nicht immer gesagt, du bist gut, wenn du ein Ziel hast und weißt, wo es langgeht?“.

JA, JA, stimmt ja alles – aber wie soll man eine neue, schwere Aufgabe angehen – ohne Boden unter den Füßen? Kann man einen Sack Zement aufheben, wenn man in der Luft hängt? Kann man mehr in der Luft hängen als ich? Vor zwei Jahren die Frau verloren, dann in die Frühpension wegen Firmenpleite, und gleichzeitig die Wohnung aufgeben, die man so mühsam erspart, so liebevoll eingerichtet hat, in der man ein Kind aufgezogen, Freunde bewirtet, gefeiert, gestritten, geschlafen, gearbeitet, eben gelebt hat wie in einer zweiten Haut! Das erste Drittel des Lebens im Elternhaus in Wien – das zweite in eben dieser Wohnung in Wien – und jetzt Abschied von dem allem, was mir so vertraut ist, auf ins letzte Drittel – in die Fremde!

„Red doch nicht so einen Unsinn“, sagt SIE, „als ob 30 Kilometer von Wien am Nordpol wäre! Jedes Ende ist ein neuer Anfang, ein neues Spiel – und wir haben doch prima Karten. Ein neuer, schöner Lebensabschnitt beginnt jetzt“, sagt SIE, „Endlich vom Joch befreit, Zeit für sich selbst haben. Keine Verantwortung, keine ungeliebten Pflichten mehr!“

Das macht es ja soviel schwerer – dieses „Nicht-mehr gebraucht-Werden“! Wenn man sagen wir von der Firma in eine entfernte Niederlassung geschickt würde, um dort etwas Neues aufzubauen – ja, da wäre man den ganzen Tag gefordert und könnte abends müde und zufrieden zur Frau nach Hause – jawohl, nach Hause – kommen, dorthin, wo man halt jetzt wohnt, wo einem die Tür aufgemacht wird mit „Bussi“ und „setz dich schon zum Tisch, die Suppe ist gleich fertig“. Dann wäre es auch in Timbuktu schön – oder noch besser drüber der Donau im Weinviertel – dort, wo ich jetzt hin soll – morgen. Das wäre ein gleitender Übergang in eine neue Heimat – aber so?

Von heute auf morgen alle Brücken abbrechen – in eine kleine Ortschaft ziehen, mit misstrauischen Nachbarn, einem Wirtshaus und einem ADEG, das war’s? Meine paar Freunde werden mich bald vergessen haben, meine Schwester wird mich einmal im Jahr besuchen und Weihnachten eine Karte schreiben, das war’s. Der gewohnte Spaziergang auf den Nußberg, fallweise ein Bier im Nussdorfer Bräustüberl, die Sauna in Oberlaa, das gute Himbeer-Eis beim Tichy, die verregneten Sonntagnachmittage im Cafe Hummel – alles aus? Wie weggeblasen, wenn ich morgen in den Möbelwagen steige?

Herrgott, jetzt tu ich mir aber schon selber leid – wo ist mein logisches Denken geblieben, auf das ich so stolz bin, mein rationelles Handeln? Hab ich nicht so oft zu IHR gesagt, dass mich der Straßenlärm vor meinen Fenstern immer mehr stört? Dass ich so gerne im Grünen wohnen würde, im Garten beim Jausenkaffee den Vogerln zuhören, nach dem Abendessen Hand in Hand mit IHR durch die Weingärten spazieren möchte?

Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen! Gott sei Dank, mein Hirn funktioniert wieder! Hab ich IHR nicht dauernd vorgejammert, dass ich die Einsamkeit nicht mehr ertrage, von Montag bis Freitag allein in der Wohnung? Und nun kann ich jeden Morgen neben IHR aufwachen? Und überhaupt – mit unserem Theaterabonnement kommen wir oft genug nach Wien. Ich kann ja als Pensionist jede Woche ins Thermalbad Oberlaa fahren – untertags sind eh weniger Leute – und mich nachher in der Konditorei mit meiner Schwester treffen – sie wohnt ja gleich ums Eck dort. Mit dem blöden Rauchen hör ich auch auf ab morgen – ich brauch keinen Schnuller mehr.

Jetzt geht das Telefon – das wird SIE sein: „Hallo Haserl, ja, ich hab schon alles eingepackt. Eine traurige Stimme hab ich? JA, bin ich auch – nach so vielen Jahren hier. Das hast du lieb gesagt – es ginge dir auch so. Nur ein kalter, egoistischer Mensch geht durchs Leben wie eine Maschine. Was sagst du da – das ist ja das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe – du hast mir einen Marillenbaum gekauft, den wir morgen gemeinsam vor DEINEM – nein, jetzt ist es ja UNSER Haus – pflanzen werden? Ich hab noch nie einen eigenen Baum gehabt. Und gerade Marillen – wo ich doch so gerne Marillenknödel esse. Weißt du was – wir laden meine Schwester und den Schwager ein, dass sie am Abend mit uns feiern – die Übersiedlung, meinen 60er und den Pensionsantritt – alles auf einmal! JA? Womit wir anstoßen sollen? Mit Marillensekt natürlich! BUSSI, jetzt kann ich endlich einschlafen. Gute Nacht, Haserl, bis morgen!“

Eigentlich war ich als Wiener ja immer schon in Niederösterreich, geografisch, nicht?

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 26149

 

nachtdanachschwer

Allstündlich war ich wach,
in durchgewachter Krippennacht.

Der Regen fällt, mir ist ganz schaurig,
macht mich so richtig kindertraurig.

Ein Blick hinaus, in Leer und Öd,
nicht wach, vielmehr noch morgenblöd.

Nur lidweit, blass und madenbleich,
fühl mich mehr tot, wie Morgenleich.

In dunklen Pfützen quaken Unken,
die Seele mir, schattenversunken.

Da vor dem Haus gurgelt ein Bach,
den hör von fern ich, schwindelschwach.

Ein Rest vom Mond, wie sichelschwebend.
Ich mach Kaffee, mehr tot als lebend.

Eselmännisch, mehr als gröblich,
die Nacht durchzecht, was wenig löblich.

Und rings um mich nur Finsterblau,
so weit ich seh, so weit ich schau.

Angstkalt, müd und alltagsblass,
saumselig ich ins Wasser fass.

Quellwasserhell und unverdrossen,
über Gesicht und Brust vergossen.

Im Spiegel glänzt nassglatt die Backe,
steh augenblickskurz in ’ner Lacke.

In morgengold’ner Luft, oh Herz!
Reicht nichts zu mundverzog’nem Scherz.

Mehr plankenstarr, so viel ich weiß,
zu gestern, da war’s echt lachheiß.

Höhlenheimelig, dampfdurstig,
Schluck Wasser, alles and’re wurstig.

Das Haar nach vorn, ganz fett und wirr,
der Oberkörper grätendürr.

Es brummt der Kopf gar bienenöse,
der Magen stimmt ein, Leergetöse.

Was tintenschön war, und geeint,
scheint heute wutblass, rotgeweint.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer:  26150