Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Die „feinen Leute“

„Was die alles weiß!“, sagte mein Bruder über seine ehemalige Lehrerin, „die hat uns die ganzen Kirchen gezeigt.“ „Und wie sie Latein übersetzt hat – wie ein Maschinengewehr. Das nenne ich Bildung. Alte humanistische Schule.“

„Zuerst dachte ich“, fuhr mein Bruder fort, „dass das Treffen bei ihr zuhause langweilig werden würde. Aber da habe ich mich gründlich geirrt. In jedem ihrer Bücher eine Notiz. Und zum Essen gab es nur Schinken. Da weiß man nämlich, was drin ist.“ „Ach“, seufzte mein Bruder, „das sind wirklich feine Leute.“

Als ich dies hörte, war ich zunächst skeptisch, ließ mich aber nach und nach von seiner Begeisterung anstecken. Da ich auch Schüler dieser besagten Lehrerin gewesen bin, kam ich auf den Gedanken, ihr eine E-Mail zu schreiben. Ich malte mir schon aus, was für ein fruchtbarer Austausch entstehen könnte, deshalb machte ich eine Anfrage an ihrer jetzigen Schule. Und in der Tat: Nach ein paar Minuten kam eine herzliche Antwort, dass sie sich sehr freue, von mir zu hören. Also schrieb ich ihr eine kurze Nachricht. Eine weitere Antwort ließ aber auf sich warten und blieb schließlich gänzlich aus.

Ja, ja. Die „feinen Leute“, dachte ich mir.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25190

Das Meer

Wer von uns kann schon ermessen,
wie es vorher ist gewesen?
Wie hat alles bloß begonnen,
bevor die Wasser sind geronnen?

Glühendheißes Magma war
vor dem großen Regen gar.
Dann regnete es, viele Jahre,
und das Meer war da, das klare.

Gott Taʼaroa ganz in Trauer,
Tränen flossen lang auf Dauer,
die die Ozeane füllten,
und die Erd’ damit umhüllten.
Salzig sind nun mal die Tränen.
Kein Meerwasser zum Trinken nehmen!

Das Meeresufer scheint semantisch
für mich allein schon hochromantisch.
Immer noch lauf ich zum Strand
und liege faul im weichen Sand.

Wenn eine leichte Brise weht
und mir die Zeit zu schnell vergeht,
im Sonnenschein bleib am Gestade
ich, bis dass die Sonne sinkt, wie schade!

In eine and’re Zeit versetzt,
indes zu Land die Zeit langhetzt,
so zwischen Flut und zwischen Ebbe
im Sand ich den Entspannten gebe.

Aber langsam wird mir klar,
das Meer ist, wo es immer war.
Ringsherum verändert sich,
beinah alles, so auch ich.
Das Meer, ein Ort der Ewigkeit,
bereitet mir Glückseligkeit.

Der Wind am Watt weht aus dem Westen.
Bei Nebel ist es echt am besten,
wenn man eine Jacke nimmt,
weil dann der Wind von Norden kimmt.

Dann tu ich auf die Wellen hören,
und auf Laute, die mich stören.
Man muss auch auf die Ströme achten,
und auf die Möwen, wenn sie lachten.

Am Meer droh’n Unheil und Gefahren,
das kann man sich ganz leicht ersparen,
wenn man es von Grund auf meidet,
und sich nur fürs Land entscheidet.

Seine Kraft und seine Weite
merkt man erst auf hoher See.
Ist man ihm erst ausgeliefert,
ist verloren man, oje!

Des Meeres Schönheit eingefangen,
vom sich’ren Strand aus rumgehangen.
Meine Angst schien überwunden,
doch jetzt hat sie zurückgefunden.

Es steigt der Spiegel rasch des Meeres,
dort steht ein Inseldorf, ein leeres.
Und unter Palmen, ganz geduckt,
ganz viele, bald vom Meer verschluckt.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25177

Der schöne Traum, der Austausch und der Schmerzensmann 

Der Traum fängt an zu laufen.

Gern würdest du wissen, dass du träumst, aber für dich ist es die Realität. Die zwei üblen russischen Zuhälter, die beim Praterstern mit ihrem schwarzen Mercedes die Vorfahrt vor deinem roten VW Jetta beanspruchen, obwohl du vorschriftmäßig fährst. Der Beifahrer zeigt dir obszöne Gesten. Da bekommst du wirklich Angst und fährst ganz freundlich auf die rechteste Spur, damit er dich mit überhöhter Geschwindigkeit überholen kann, was er auch sofort macht.

Plötzlich fährt links ein älteres, blondgelocktes, hübsches Blumenmädchen mit ihrem Fiat Cinquecento. Sie sieht zu dir, winkt und lacht ohne Grund. Das war ein nettes kleines Zeichen, das deinen Traum verschönerte.

Nun taucht der fiese Chef auf, der dich, als du in deiner Jugend als Kohleträger arbeitest, hinauswirft, weil du zu schwache Muskeln hast.

Stattdessen gewährt er dir eine Lohnerhöhung, weil du plötzlich stark bist wie Dolph Lundgren.

Ihr könnt mir nicht wehtun!, denkst du beim Anblick deiner Feinde ohne Zahl, wobei die verborgenen zusätzlich als Schemen hinter ihnen stehen.

Doch natürlich tun sie dir weh, auf tausend Arten, was du wegsteckst, als wärst du Jesus, der Schmerzensmann, der du nicht bist und auf keinen Fall sein möchtest.

Während des Aufwachens legst du deine Haut ab.

 

BARTEL-BARKOPA mit Graffiti im Februar 2023
BARTEL-BARKOPA mit Graffiti im Februar 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 25188

Zur Dumpfbacke

Fürchten macht mich jenes Wissen,
Schlaraffia, das wär das Ziel.
Dass wir nichts mehr lernen müssen,
und das ist, was ich nicht will.

Ohne Anstrengung und Mühe,
kauend auf der Weide steh’n,
dumm, wie eine Herde Kühe,
Leute, so kann das nicht geh’n!

Paradiesisch, wo die Plage
sich partout auch nicht mehr lohnt.
Dann, wenn lernen keine Frage,
und man sich im Nichtstun sonnt.

Wenn die Fähigkeit des Denkens
die Maschine übernimmt.
Die des Lesens, Autolenkens
durch virtuelles Sein bestimmt.

Begehren, wie gebrat’ne Gänse
uns in off’ne Münder fliegen,
und wir ohne einen Aufwand,
bloß auf Knopfdruck alles kriegen.

Das Beste aller Leben leben!
Selber denken, ist nicht mehr.
Verpönt, nach Neugierde zu streben,
so ein Leben scheint recht leer.

Befehle werden zur Routine
und ich frag mich, was das soll?
Red mit mir und mach Termine,
schreib mir rasch ein Protokoll!

Mach, dass ich unsterblich werd!
Implantier mir ein Talent!
Auf dass man mich als Star verehrt.
Holt mich hier raus, eh ich verend!

Nicht einmal bitte darf man sagen,
das verbraucht viel zu viel Strom.

Keine Reise will man wagen,
virtuell vielmehr, nach Rom?

Der Verblödung großes Ziel,
ist, man schaut ganz einfach nach.
Was, wo, wann ich etwas will.
Nur die Gefühle liegen brach.

In der Idee dahinter steckt,
die Welt sei objektiv erfassbar,
haben Schlaue ausgeheckt.
Erfahrung zählt nicht, ist weglassbar.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 25187

Remember Roy Black

Diese niedersächsischen Kinder, die schauen wie Bock, Jahrzehnte später vergällen sie mir den Traum! Ich habe dort gelebt, war da aber nie zuhause. Das Dorf war kein liebliches, es war voll von Häusern aus den 1970er Jahren, ziemlich reich, aber noch nüchterner.

Darauf folgte Wien, wo sich die Jugendlichen, als ich ebenfalls ein Jugendlicher war, wegen meiner theaterdeutschen Sprechweise über mich lustig machten. Die Pfütze war hier die Lache. Die Stadt war damals noch sehr staubig und grau in grau. Die Farben kamen erst später, nachdem ich wieder weggezogen war.

Back to Klagenfurt, wo ich geboren wurde, als Stammhalter, weil ich männlich bin. Mittlerweile heißt Klagenfurt Klagenfurt am Wörthersee, ist aber eine Stadt im Niedergang. Immer mehr Leerstand an Geschäften und Lokalen, kein Hallenbad mehr, das Planetarium hat einen neuen „Investor“ und ist derzeit geschlossen. Dafür besonders schöne Menschen – war ich auch einmal einer von ihnen? –, mit sonnigem Gemüt.

Remember Roy Black.

Das geschlossene HALLENBAD in Klagenfurt am Wörthersee am 14. Juni 2023, von Südwesten gesehen
Das geschlossene HALLENBAD in Klagenfurt am Wörthersee am 14. Juni 2023, von Südwesten gesehen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 25186

Ansichten eines Sonnenschirms

„Kopf hoch, mein Lieber!“

Endlich. Endlich nach dunklen kalten Monaten darf ich wieder raus.

Mir ist gerade schwindelig, sie hat einfach kein Taktgefühl, Frau Kaiserin.

Sie dreht mich in drei Sekunden um und mir wird übel.

Diesmal werde ich im Aufzug transportiert, was ist denn los? Ich erreichte sonst den Strand wie ein Baguette unter dem muskulösen Arm von Frau Kaiserin.

„Ach du meine Güte, der Rücken tut so weh. Ich bin nicht mehr die Jüngste.“

Sie schaut sich im Spiegel des Lifts an, sie ist ganz ernst. Sie zupft an der Haut der Wangen, kämmt die Augenbrauen mit dem Zeigefinger und geht mit der Hand durch ihre Haare. Sie sind ganz wenig und dünn. Sie färbt sie anscheinend nicht mehr, sie ist nun grau meliert.

Was ist denn mit ihr los?

Die Türe öffnet sich, wir sind im Erdgeschoss angekommen. Ich werde auf einen Wagen gestellt und an die Liegen gebunden. Ein Mann kommt und schiebt den Wagen. Für einen Augenblick befürchte ich, nach zehn Jahren Dienst auf den Müllabladeplatz transportiert zu werden, aber Frau Kaiserin ist eine treue Person.

Sie ist zwar hart, aber sehr zuverlässig, und ich sehe noch sehr gut aus.

Die Sonne scheint, aber es weht eine kühle Brise. Der Strand ist sehr still. Ich werde wie ein Baum im Sand gepflanzt, der Schirm wird aufgemacht und der Wind weht durch den blauen Stoff.

Ich fühle mich wie ein Drache, der frei im Himmel fliegt.

„Hallo Schatz, wann kommst du denn?“

Schatz? Frau Kaiserin hat ein Herz? Da bin ich mal sehr gespannt.

„Ich liege schon an der Sonne, ich warte auf dich und dann essen wir zusammen zu Mittag.“

Und dann hängt sie eine schwere Tasche unter meinen Schirm.

Drachengefühl weg!

„Hallo Karen, na gehen wir was essen? Du kannst diese Tasche auf dem Sand unter den Schirm stellen, die ist schon sehr schwer.“

Die Stimme ist sanft, mein Retter scheint Frau Kaiserin elegant im Griff zu haben. Sie widerspricht ihm nicht, küsst ihn und gibt mir mein Drachengefühl zurück.

Ich bin wieder allein, die Täubchen sind essen gegangen.

Eine Möwe gleitet auf meinen Schirm: „Bist du wieder da?“

Ich bleibe einen Moment still, kenne ich sie?

„Ich bin Uwe, weißt du nicht mehr?“

Ach, Uwe die Möwe. Jaja, jetzt weiß ich wieder.

„Wie geht’s denn, Alter? “

„Blendend. Wenn so wenige Menschen unterwegs sind, ist es wunderschön, und ich verbringe gerne Zeit am Strand.“

„Schau, eine Möwe!“

Ach Mensch, Frau Kaiserin ist wirklich ganz weich geworden, jetzt begeistert sie sich sogar für Möwen. Was ist dann mit ihr passiert? Einerseits scheint sie krank zu sein, andererseits ist sie verliebt und lebendig wie noch nie!

Uwe ist weggeflogen, er hält Menschen nicht aus.

Ich spüre die Wärme der Sonne auf meiner Spitze, es ist sehr angenehm. Warum lassen sie mich auch im Winter nicht am Strand? Es ist so schön, draußen zu sein!

Hilfe, ich atme nicht mehr. Was ist los? Eine enge Hülle drückt mich, jemand entführt mich.

Hilfeeeeeeeeee!

„So hältst du länger, mein Lieber, und bist vor der nächtlichen Feuchtigkeit geschützt.“

Ach, die Frau Kaiserin. Was hat sie sich dabei jetzt gedacht? Ich will nicht in dieser Plastikhülle bleiben, Mist!

Der Liebhaber ist anscheinend einverstanden, er hat nix kommentiert. Er schien anders als sie zu sein, aber es gibt einen Grund, wenn sie sich gefunden haben.

Hilfeeee, ich will raus!

„Schau mal was für einen eleganten Anzug du anhast. Hast du heute Abend ein Date?“

Jemand kräht und kichert, das ist Uwe!

NEIN, ich wurde in diese Tüte gezwungen, ich will raus.

„Warte mal, das kriegen wir schon hin.“

Ich spüre eine andere Möwe auf meiner Spitze, sie nimmt die Hülle in den Schnabel und Uwe schiebt sie nach oben von unten.

„Ich bin wieder frei, ihr seid so lieb! “

„Komm, wir gehen weg.“

„Wo denn? Ich bin seit zehn Jahren da, was macht Frau Kaiserin ohne mich? “

„Sie wird einen neuen Sonnenschirm kaufen, was glaubst du? Du bist nicht unersetzbar.“

Uwe kann sehr direkt sein, er hat ein gutes Herz, aber manchmal treffen mich seine Worte wie ein Splitter im Stoff und hinterlassen einen Riss.

Er hat aber Recht.

„Willst du weiter jeden Abend im Sommer mit dem Kondom eingeengt werden und keine Sterne sehen? Es ist deine Wahl, aber schrei bitte nicht um Hilfe das nächste Mal, okay?“

„Tja, Recht hast du, Alter. Ich komme mit, aber ich habe Angst, ich bin nie geflogen.“

„Hab Vertrauen, du lernst es schon.“

Die kühle Brise weht noch, ich werde ganz leicht, drehe mich um mich selbst, der Strand entfernt sich mehr und mehr und die Sterne nähern sich.

Es ist so schön, frei zu sein!

Copyright: Annamaria Bortoletto
Copyright: Annamaria Bortoletto

Annamaria Bortoletto
https://laltraidea.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25185

Nur ein kleiner Tropfen

Mensch, vergiss deine Bestimmung nicht,
bedenke, alles ist vergänglich,
betrachte die Erhabenheit der Natur,
fühle dich nicht so wichtig.

Wir sind alle nur ein kleiner Tropfen
im großen Ozean des Lebens,
unser Dasein ist sehr wertvoll.
doch ebenso zerbrechlich.

Drum nutze deine kostbare Lebensreise
mit Demut und äußerstem Bedacht,
dann wirst du wieder erkennen,
wie nichtig die meisten Probleme erscheinen.


Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25182

Eine Gestalt aus dem Schatten

nach einem kurzen Regenguss
musste die Außenluft
doch etwas kühler sein
erschöpft verließ ich das Krankenzimmer
um die gute Nacht zu begrüßen

auf das Dach des Nachbarhauses
stieg bedächtig eine mumienhaft
aussehende Gestalt
einen Schal über den Kopf gestülpt
in eine fadenscheinige Decke gehüllt
trat sie zögernd aus dem Schatten

oben auf der Treppe angelangt
wurde sie meiner Anwesenheit
auf dem Balkon gegenüber gewahr
sie lächelte mir zu und
warf mit einer einzigen Bewegung
Schal und Decke ab
sich als der Nachbarsjunge
von vielleicht acht neun Jahren entpuppend

ab da beachtete
er mich nicht weiter
sondern nahm graziös wie Gandhi
in Erwartung nächtlicher Kühle
im Lotussitz Platz
auf der Dachterrasse
seines Elternhauses
im südindischen Chennai
welches seine Großeltern
noch als Madras kannten


Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25184