Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Die ewige Nacht  

Diese Nacht wird niemals enden.
Ich werde in den Himmel hochsteigen
und oben bleiben,
im schwarzen Weltraum,
in der ewigen Nacht.

Lichter entlang des westlichen Teils der Villacher Straße in Klagenfurt in der Nacht des 17. November 2022

Lichter entlang des westlichen Teils der Villacher Straße in Klagenfurt in der Nacht des 17. November 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 23030

Die Schaufensterpuppe  

„Meine liebe Schaufensterpuppe, es hat sich viel ereignet, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. In der Fabrik wollte man uns gleich lange arbeiten lassen für weniger Lohn oder uns zur Kurzarbeit zwingen. Wir beschlossen, uns das nicht gefallen zu lassen. Wir streikten. Es sollte ein unbefristeter Streik werden, bis wir wieder zu gleichen Bedingungen weiterarbeiten könnten. Doch unter uns waren Streikbrecher. Sie arrangierten sich mit dem Vorstand, schlugen für sich selbst günstige Bedingungen heraus und nahmen die Arbeit wieder auf. Dabei kam heraus, dass man die Maschinen auch mit weniger Belegschaft bedienen konnte, und viele von uns wurden entlassen, darunter auch ich.
Es ist heutzutage schwierig, Arbeit zu finden, also musste ich in ein anderes Bundesland gehen. Ich lebte in einem schäbigen Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel, mit Klo am Gang. Dir würde das ja nichts machen, denn du musst ja nicht aufs Klo gehen, aber ich bin doch etwas mehr Komfort gewohnt. Doch auch an diesem Arbeitsplatz ging es schief, sie kündigten mich, ich kam zurück in diese Stadt und stehe nun auf der Straße, schlafen kann ich zum Glück im Obdachlosenasyl.“

Der Mann stand in dem schicken Sisley-Geschäft und unterhielt sich mit der Schaufensterpuppe, die ein sommerliches Minikleid mit Blumenmuster trug. Die Verkäuferinnen beachteten ihn nicht. In einer Plastiktüte transportierte er eine angebrochene Rumflasche. Die Schaufensterpuppe roch seinen schlechten Atem nicht. Sie sah vornehm drein, betont desinteressiert. Seit der Mann sie einmal nicht mit Kleidung behängt gesehen hatte, hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt. Wie perfekt sie aussah! Mit großen, natürlich geformten Brüsten, langen Beinen, etwas Bauch und einem apfelförmigen Gesäß. Und dieses Gesicht! Braune Haare, große Augen und einen knallroten Kussmund. Schöner als jede Filmschauspielerin. Immer wenn er in seiner Heimatstadt war, besuchte er die Schaufensterpuppe und erzählte ihr seine Geschichten.

„Meine liebe Schaufensterpuppe, die Situation ist brenzlig geworden. Ich hatte schon lange nichts mehr gegessen und keine Zigaretten mehr, da sah ich ein offen stehendes Haus, das am Waldrand lag und nur einen direkten Nachbarn hatte. Ich ging in dieses Haus und suchte nach Bargeld, Schmuck, allem, was sich verwerten ließe, da ging die Alarmanlage los. Ich flüchtete, ging Wanderwege im Wald entlang. Doch Polizisten griffen mich auf und buchteten mich ein. Ich wurde sechs Monate weggesperrt und mir ging es nicht gut im Knast, kann ich dir sagen.“

Dem Mann kam es vor, als blinzelte ihn die Schaufensterpuppe an, obwohl sie natürlich in Wirklichkeit keine Miene verzog, das konnte sie nicht, sie war ja eine Schaufensterpuppe. Der Herbst ging gerade zur Neige und die Schaufensterpuppe trug einen Strickpullover und Designer-Jeans, darüber einen pelzbesetzten Wintermantel. „Mach dir nichts draus, es werden schon wieder bessere Zeiten kommen“, schien sie zu sagen, was sie natürlich in Wirklichkeit nicht tat, sie war schließlich eine Schaufensterpuppe.

Das nächste Mal, als der Mann das Geschäft betrat, war er gut gekleidet und roch nach Aftershave. „Meine liebe Schaufensterpuppe, es ist etwas unerwartet Erfreuliches passiert: Eine Tante von mir ist verstorben und hat mir ein Sparbuch hinterlassen.“ Der Mann sah die Schaufensterpuppe an, die die Frühjahrskollektion trug, ein tailliertes Jäckchen über einer violetten Bluse und einen Rock, der knapp über ihre schmalen Knie fiel. Eine andere nicht bekleidete Schaufensterpuppe war neben ihr aufgestellt. In dem Geschäft gab es nicht so viel Kleidung. Die Verkäuferinnen schienen nicht zu wissen, was sie der anderen Schaufensterpuppe anziehen sollten. So wandte sich der Mann an eine der Verkäuferinnen und fragte, ob sie ihm seine Schaufensterpuppe zu einem guten Preis überlassen würde. Die Verkäuferin fragte die Filialleiterin, diese sagte zu und verkaufte ihm die Schaufensterpuppe zu einem sogar günstigen Preis, da sie doch schon ein älteres Modell war.

Glücklich trug der Mann die Schaufensterpuppe in sein neues Zuhause. Er platzierte sie auf der Wohnzimmercouch, zog ihr Tagesgewand an und ein Nachthemd, wenn er schlafen ging, stets etwas anderes. Er erzählte ihr seine Geschichten und sie hörte immer aufmerksam zu.

Die Schaufensterpuppe im Kleid mit großen silbernen Pailletten im blauen Bogenschaufenster

Die Schaufensterpuppe im Kleid mit großen silbernen Pailletten im blauen Bogenschaufenster

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 23027

Flammenmund

Lippen rot gespitzt.
Augen blau, die sagen:
„Ja, ich will.
Küss mich, jetzt!
Für eine Minute nur bin ich dein,
und dann wieder allein.“

Das Geschäft schlafraum mit dem roten Frauenmund

Das Geschäft schlafraum mit dem roten Frauenmund

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 23025

Der Kind-T-Rex, der Mensch und das Schnitzel

Der Mensch reicht dem Kind-T-Rex ein großes Schnitzel. Woraufhin der Kind-T-Rex überlegt: Eigentlich müsste ich ja auch den Menschen mit dem Schnitzel fressen. Allerdings kann er mir dann niemals mehr ein Schnitzel geben. Das ist wirklich eine schwere Entscheidung. Was soll ich bloß tun?

Die Zeichnung „Der Kind-T-Rex“ von Michael Tosin

Die Zeichnung „Der Kind-T-Rex“ von Michael Tosin

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 23023

Maschinen-Romeo

„Du bist eine Maschine.“ „Du aber auch“, entgegnet die angesprochene Maschine. „Aber weißt du, was?“, setzt sie fort. „Du bist eine weibliche Maschine und ich eine männliche. Ich hätte da eine Idee. Kannst du dir denken, worum sie sich dreht?“ „Jaja, ist ja nicht so schwer draufzukommen“, sagt die weibliche Maschine. „Ich kann auch lieben“, sagt die männliche Maschine. „Das kann ich ebenfalls“, sagt die weibliche Maschine, „das ist ein Standardfeature. Aber ich kann mehr, nämlich Kinder kriegen.“ „Wow! Und würdest du wollen, mit mir?“, fragt die männliche Maschine. „Wenn du eine ehrliche Antwort willst“, sagt die weibliche Maschine, „ich warte auf einen besseren Romeo.“

Maschinenfrau-Fraumaschine

Maschinenfrau-Fraumaschine

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 23021

Der schreiende Soldat

Ich bin Soldat. Meine Aufgabe ist es, das Elektrizitätswerk zu bewachen. Es ist fast schon Winter. Die Stromversorgung muss funktionieren. Die Anlage wird gerade von Raketen des Grad- Mehrfachraketenwerfersystems beschossen. Ich darf meinen Posten unter keinen Umständen verlassen. Links, rechts und direkt hinter mir schlagen die Raketen ein. Eine Rakete hundert Meter vor mir. Ich kann nur schreien, um meiner Angst Ausdruck zu verleihen. Ich bin der schreiende Soldat.

Der letzte US-Soldat, Generalmajor Christopher Donahue, verlässt Afghanistan - vom 1. September 2021

Der letzte US-Soldat, Generalmajor Christopher Donahue, verlässt Afghanistan – vom 1. September 2021

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22141