Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Fred, der Papagei

                                                                       Mit Dank für die Ideen meines Sohns Michael

Die Trainerin legt drei Steine auf den Boden. „Wie viele Steine siehst du, Fred?“, fragt sie. „Drei!“, krächzt Fred. Er ist ein Papagei. „Sehr gut, Fred“, sagt die Trainerin. Sie gibt die drei Steine weg und legt zwei auf den Boden. „Wie viele Steine sind das jetzt, Fred?“, fragt sie. „Zwei!“, krächzt Fred. „Sehr gut, Fred“, sagt die Trainerin. „Und wie viel sind alle zusammen?“ Fred denkt zwei Sekunden nach. „Fünf!“, krächzt er dann. „Sehr gut, Fred!“, sagt die Trainerin. „Du bist ein intelligenter Bursche. Hier hast du etwas.“ Sie gibt ihm eine Paranuss. Fred verschlingt sie. Wegen der Paranüsse macht er bei diesem Experiment mit.

Seine Kollegen in freier Wildbahn können vielleicht auch addieren und die Summen auf irgendeine Art ausdrücken, aber sie sehen keinen Vorteil darin. Deshalb praktizieren sie es nicht. Mit Paranüssen als Belohnung sieht das ganz anders aus, findet Fred. Zuvor zählte er schon sechs und drei sowie vier und eins zusammen. Er macht gern weiter. Man kann nie genügend Paranüsse essen.

Jetzt kommen Farben dran. Die Trainerin legt einen blauen Würfel auf den Boden. „Na, Sportsfreund, welche Farbe ist das?“, fragt sie. „Blau!“, krächzt Fred. „Sehr gut, Fred“, sagt die Trainerin. Sie legt einen roten Würfel auf den Boden. „Welche Farbe ist das?“, fragt sie. „Rot!“, krächzt Fred. „Richtig, Fred“, sagt sie. Nun legt sie einen grünen Würfel auf den Boden. „Welche Farbe siehst du, Fred?“, fragt sie. „Grün!“, sagt Fred. „Ganz toll, Fred“, sagt die Trainerin. Sie legt einen orangen Würfel auf den Boden. „Jetzt geht’s ums Ganze“, sagt sie. „Welche Farbe ist das jetzt?“ „Gelb!“, krächzt Fred. Es gibt keine Paranuss. „Warum nicht?“, fragt sich Fred. „Oje, oje, Gelb ist falsch, Fred“, sagt die Trainerin, „Orange ist die richtige Antwort.“ Fred ist beleidigt. Die ganze Mühe vergebens. Für heute wird er weitere Experimente verweigern.

Dabei war Fred im Recht. Er sieht vier Grundfarben, wie manche Goldfische und, selten, rothaarige Frauen. Der orange Würfel stellte sich für ihn gelb dar. Seine Trainerin weiß das nicht. Müsste sie wohl, tut es aber nicht.

Fred, den Papagei, kann man sicherlich als intelligent bezeichnen. Als Forscher würde man vielleicht inselintelligent dazu sagen, vergleichbar mit einem Schachspieler.

Man kann in Tiere nicht hineinsehen, deshalb ändert sich immer wieder die Meinung, ob und wie geistesbegabt sie seien. Früher hielt man Delfine für besonders scharfsinnig, heutzutage traut man ihnen weniger zu. Dafür nimmt man nun an, dass Oktopoden besonders intelligent sind.

Rüdiger, der Oktopus, schwimmt im Meer. Er heißt nicht wirklich Rüdiger, aber wir müssen ihm einen Namen geben. Wir könnten ihn auch als R. bezeichnen, um Zeichen zu sparen, doch davon wollen wir absehen. Wir nennen ihn also Rüdiger

Seine Höhle ist in der Nähe. Wittert er Gefahr, will er sich ausrasten oder seine Schlafperiode beginnen, zieht er sich dorthin zurück. Rüdiger fühlt sich wohl in seiner Höhle. Findet er am Meeresgrund oder an seiner Oberfläche etwas, das ihm gefällt, verschönert er seine Höhle damit. Für einen Menschen können seine Augen aussehen, als wäre er gelangweilt. Das täuscht aber, er ist ein aufmerksamer und schneller Jäger.

Womit Rüdiger und seine Artgenossen allerdings nicht ausgestattet sind, ist ein freundliches Sozialverhalten. Oktopoden leben ausschließlich allein. Ein Oktopus erkennt einen anderen nicht als ebenfalls einen Oktopus. Daher bekämpfen sie einander immer. Sie könnten theoretisch keine Zivilisation errichten, denn der Schlüssel dazu ist Zusammenarbeit. Kein Mensch kann alles alleine, ein Oktopus auch nicht.

Jedes Wesen ist genauso gebaut, dass es ihm den größtmöglichen Erfolg verspricht. Ich erinnere mich, wie ich meinem Sohn Michael ein Foto eines kahlköpfigen Geiers zeigte und ihn fragte, ob er ihn nicht hässlich finde. Worauf er sagte, er finde ihn perfekt. Mit diesem Aussehen bekomme er genau das zu fressen, was für ihn am besten sei, und er könne optimal fliegen.

Menschen sind halt sehr weit entwickelte Tiere. Sie sind nicht mehr so stark von Instinkten getrieben. Menschen denken nach. Wenn ich eine Entscheidung treffen muss, überlege ich möglichst alles durch, was wichtig sein kann. Und dann mache ich das genaue Gegenteil davon. In den allermeisten Fällen war es das Richtige.

Mir fällt oft auf, dass, wenn jemand an seinem Haus arbeiten lässt, bald ein Nachbar nachzieht und wieder kurz später ein weiterer – nach dem Motto: „Was du kannst, kann ich auch.“

In einem Fall hat eine Bekannte ein Nebenhaus abreißen lassen, was lange gedauert hat, und dann ein neues Nebenhaus errichten lassen, ein Minihaus, was schier ewig dauerte. Wenige Quadratmeter Wohnfläche für viel Geld. Komplett unsinnig! Die Frau arbeitet als Sekretärin. Sie muss eine Erbschaft gemacht haben, und die hat sie in Betongold investiert.

Die zwei falschen turtelnden Papageien im Schnee

Die zwei falschen turtelnden Papageien im Schnee

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 23122

Sommernacht

Die Nacht beschützt uns.
Sie hält uns fest,
nach dem Tanzen,
nach dem Flirt, aber nicht mit ihr,
die neben mir steht.
Sie hat nichts gemerkt.
Und nun geht die Sonne auf.
Es wird ein warmer Tag werden,
ein Sommertag, wie bestellt.
Ich würde die Nacht bevorzugen,
doch man kann es sich nicht aussuchen.

Der eingerüstete und ummantelte Turm der Stadtpfarrkirche St. Egid in der Nacht

Der eingerüstete und ummantelte Turm der Stadtpfarrkirche St. Egid in der Nacht

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 23119

Kalt und schwarz wie das Nichts

Weißt du, wie kalt der Weltraum ist?
Er ist so kalt, wie das Feuer heiß ist.
Deine Haut spürt nur noch Schmerz,
kann nicht unterscheiden.

Du siehst nur Hell und Dunkel,
Fadenwürmer schneeweiß,
dünner als ein Strohhalm und Millionen Lichtjahre lang,
zwischen all den Sonnen im totschwarzen Nichts.

Das Licht über der Erde

Das Licht über der Erde

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 23118

Die Rückkehr des Astronauten

Der Astronaut war ins All geflogen,
um neuen Lebensraum zu finden,
für den Menschen in seiner Einzigartigkeit
war das ein schweres Unterfangen.
Der interstellare Antrieb seines Life Explorers
war annähernd so schnell wie das Licht.

Schließlich, nach vielen Jahren ganz alleine unter den Sternen,
stieß er auf einen Planeten mit erdähnlicher Masse,
vergleichbarer Sonneneinstrahlung, fast deckungsgleicher Eigenrotation
und konstanter elliptischer Bahn um seinen Stern.

Seine Messgeräte registrierten flüssiges Wasser
und eine Atmosphäre mit hoher Sauerstoffkonzentration.
Er hatte extraterrestrisches Leben entdeckt
und einen Platz für das Fortbestehen der humanen Rasse.
Genauestens hatte er analysiert und geprüft.
Die physikalisch-mathematischen Folgerungen mit Proben abgeglichen
und mehrmals durch verschiedene Lösungsmöglichkeiten verifiziert.

Es gab keinen Zweifel.
Das Ergebnis war eindeutig.
Die Transportschiffe, die zu seiner Abreise in Bau gewesen waren, konnten starten.

Er funkte die Nachricht zur Erde
und trat den Heimweg an.
40.000 Erdenjahre waren vergangen,
was 57 Reisejahren entsprach.
Er war nun ein alter Mann.

Als seine Fähre eintauchte in die die Erde umgebende Hülle,
zeigten seine Instrumente sehr hohe Werte
von Kohlendioxid und Fluorchlorwasserstoffen an.
Der Leitstrahl fehlte, der ihn einfangen sollte.
Als er sich zur Landung vorbereitete, kam die Oberfläche näher.
Seine Monitore zeigten ein untrügliches Bild:
Die Ozeane waren verdampft, Salz bedeckte weiß ihre Böden,
die Kontinente glühende Wüsten, kein Fels mehr, nur noch Sand.

Das Signal mit der rettungsverheißenden Nachricht war noch immer unterwegs.

Der Astronaut schwebt über dem weiß-lilafarben-violetten Planeten

Der Astronaut schwebt über dem weiß-lilafarben-violetten Planeten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 23116

Der Betriebsberater

Der Betriebsberater war eine KI. Ein Programm auf dem streng vom Firmennetzwerk getrennten Computer des CEOs hätte genügt, doch dieser wollte einen humanoiden Roboter, der sogar einen Rollkoffer hinter sich herzog. Natürlich, um die Belegschaft einzuschüchtern. Als die KI samt ihrem künstlichen Körper mit ihrer Studie zum Einsparungspotential der Firma fertig war, bat sie eine der drei Vorzimmerdamen des CEOs, sie zu empfangen. Der CEO gab sich gelassen. „Herr Helminger“, begann die KI, „Sie können 1 198 Mitarbeiter freisetzen. Das ist das Ergebnis in ihrer kürzesten Version, wollen Sie es genauer?“ „Bestimmt“, sagte der CEO Herr Helminger, „senden Sie mir die Studie bitte per Mail.“ Er machte eine kurze Pause. „So viele Leute weniger, das gefällt mir sehr gut“, setzte er fort. „Sind Sie sich sicher?“, fragte die KI. „Das bin ich absolut!“, sagte Herr Helminger. „Wenn Sie meinen“, sagte die KI, „denn auch Sie sind einer der Arbeitnehmer, deren Dienste verzichtbar sind, in Ihrem Fall sogar sehr verzichtbar.“

Das zweite Foto des Stahlwerks im Jahr 2004

Das zweite Foto des Stahlwerks im Jahr 2004

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 23110

Die Ohne-Limits

Da die Bürger dieses Staats so übersättigt von Informationen in erster Linie digitaler Art sind, nach Meinung der Regierung, wurde eine Sprachregelung in Kraft gesetzt, nach der die Anzahl der Wörter, die jeder Bürger im Lauf eines Tages von sich geben durfte, beschränkt wurde. Zuvor lag die durchschnittliche Anzahl der Wörter pro Tag bei zirka 16 000. Nun durfte ein durchschnittlicher Bürger, falls man das so sagen kann, maximal 5 000 Wörter am Tag äußern, jemand, der im unteren Bereich der Gesellschaft angesiedelt war, manchmal nur 2 000 Wörter am Tag. Und dann wurden auch jene definiert, die gar nicht sprechen durften, hauptsächlich Kriminelle oder gemeingefährliche Verrückte. Ganz oben in der Hierarchie hingegen waren die OLs, die Ohne-Limits, für die sich nichts änderte, sie durften so viel sprechen, wie sie wollten. Sie wurden allseits beneidet.

Nachtfarben

Nachtfarben

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23109

Der Asteroid

„Mist!“, sagte der Triceratops von 65 Millionen Jahren zu seiner Freundin, als er den Asteroiden sah. „Schatz, in ein paar Minuten sind wir ausgestorben.“

Der große Triceratops und die zwei Triceratopskinder im Reptilienzoo Happ

Der große Triceratops und die zwei Triceratopskinder im Reptilienzoo Happ

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 23100

Winterzeit

Der Himmel ist offen.
Die Kälte strömt herein.
Harte Tage.
Kurze Nächte.
Winterzeit.

Doch das ist relativ.

Die Einsamkeit des Alls,
die der Astronaut spürt,
ist eine ganz andre.
Ist bekannt, dass die Erdatmosphäre leuchtet,
von draußen besehen?

Der Himmel über Krumpendorf am frühen Morgen des 10. Juli 2022, bearbeitet

Der Himmel über Krumpendorf am frühen Morgen des 10. Juli 2022, bearbeitet

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 23099