Archiv der Kategorie: Michael Timoschek

Ganz nett

1

Im Sommer des Jahres 2012 besuchte Peter Koller den Gemeindeball des kleinen Dorfes Gratwein in der Steiermark, wo er Maria Schuster über den Weg lief.
Er fühlte, wie ihm immer heißer wurde, und wusste, dass diese Wallungen der Liebe geschuldet waren, die er für Maria empfand.
Sie hatten einander im Jahre 1983 kennengelernt, und zwar in der Volksschule. Vier Jahre lang waren sie dort nebeneinander gesessen, dann hatte Maria ein Gymnasium in Graz besucht und Peter die Gratweiner Hauptschule. Er hatte in der Folge eine Lehre zum Tischler abgeschlossen, sie ein Medizinstudium. Sie hatten sich an den Wochenenden oft gesehen, in einem kleinen Lokal im Nachbarort, wo sich die jungen Leute trafen, um zu trinken und sich zu unterhalten.

Peter und Maria hatten im Jahr 2008 eine Nacht miteinander verbracht. Es war Vollmond, und die ganz besondere Stimmung einer unterschwelligen Erotik hatte in der Luft gelegen. Beide hatten sie getrunken, und schließlich hatte sie eingewilligt, bei ihm zu übernachten.
Am Morgen des nächsten Tages war er sich sicher, dass er sie liebte. Er erzählte ihr davon, doch anstatt ihn zu erhören, lachte sie bloß und eröffnete ihm, dass er lediglich eine Verlegenheitslösung gewesen war, denn sie hätte am Vorabend die Lust auf ein unverbindliches Abenteuer verspürt.

Peter war tief getroffen, doch ließ er sich das nicht anmerken. Er liebte Maria, sagte jedoch niemandem, dass es so war. Wenn sie sich an den Wochenenden über den Weg liefen, tat sie so, als wäre zwischen ihnen niemals etwas passiert, und ließ seine Annäherungsversuche ins Leere laufen.
Er hatte keine feste Freundin, bloß kurzlebige Beziehungen, die kaum eine Woche Bestand hatten. Maria hatte zwar einen Freund gehabt, doch war diese Verbindung nach zwei Jahren, im Sommer 2011, in die Brüche gegangen.

Als er Maria auf dem Ball begegnete, beschloss er, ein klärendes Gespräch mit ihr zu führen.
„Maria“, sagte er, „darf ich dich auf ein Glas Sekt einladen?“
Sie blickte ihn erstaunt an, dann lachte sie.
„Du versuchst es also immer noch bei mir, Peter“, stellte sie fest. „Na gut, ein Glas Sekt kann nicht schaden.“
Sie gingen zur Bar, und Peter bestellte.
Nachdem sie angestoßen und einen Schluck getrunken hatten, nahm er seinen ganzen Mut zusammen.
„Maria, ich liebe dich. Seit unserer gemeinsamen Nacht habe ich keine Augen für andere Frauen.“
Sie stöhnte und sah verlegen auf ihre goldene Armbanduhr.
„Peter“, begann sie und zögerte dann doch weiterzusprechen.
„Ja?“
Er wollte sie zum Weitersprechen bringen und fühlte, wie ihm die Angst die Kehle zuschnürte.
Es war das sichere Wissen um eine abweisende Antwort Marias, das diese Angst in ihm auslöste. Sie zögerte ihre Antwort hinaus, doch Peter wusste ohnehin, was sie zu sagen im Begriff war.

„Es würde mit uns nicht funktionieren“, sagte sie. „Du bist mir einfach zu minder.“
„Wie bitte? Was hast du gerade gesagt?“, fragte er ungläubig.
„Ich bin Ärztin, und du bist nur ein Tischler.“
Peter Kollers Miene verfiel.
„Du könntest mir nie das bieten, was ich nun einmal benötige, um ein standesgemäßes Leben zu führen“, fuhr sie fort. „Du magst ja ein ganz netter Mann sein, doch gesellschaftlich und wirtschaftlich bist du ein Niemand.“
Er schwieg. Die Tränen, die er in sich hochsteigen fühlte, hielt er zurück.
Maria Schuster trank ihr Glas aus und sagte: „Danke für den Sekt, Peter. Und nimm es nicht so schwer. Du wirst eine andere Frau kennenlernen und mit ihr glücklich werden. Eben eine, die deine Kragenweite hat.“

Dann wandte sie sich um und ließ ihn an der Bar stehen. Peter blieb nichts anderes übrig, als ihr nachzuschauen. Er betrachtete ihre sich entfernende Silhouette, und als er ihr blondes Haar unter den zahlreichen Ballgästen nicht mehr ausmachen konnte, verließ er den Saal.
Er fuhr nach Hause, wo er sich an den Küchentisch setzte und an seine ihm eben attestierte Minderwertigkeit dachte, wobei er weinte.

 

2

Zwei Monate nach diesem Abend lernte Peter Koller eine Frau kennen, die seine Kragenweite hatte. Ihr Name war Claudia Salzer, sie war gleich alt wie er und von Beruf Schneiderin.
Sie war aus Gratkorn, einem Nachbarort, nach Gratwein gezogen und hatte eine Änderungsschneiderei eröffnet, die neben der Tischlerei lag, in der Peter arbeitete.
Da ihm das Rauchen in der Firma wegen Brandgefahr verboten war, stand er oft vor der Halle und somit neben Claudias Laden. Nachdem auch sie vor die Türe ging um zu rauchen, kamen sie ins Gespräch und vereinbarten Zeiten für das Rauchen ihrer Zigaretten.
Sie waren einander auf Anhieb sympathisch und bald ein Paar. Claudia zog bei Peter ein, und nach einem halben Jahr heirateten sie auf dem Gratweiner Standesamt.

Peter Koller hatte sein Glück gefunden. Er besuchte die Gasthäuser in Gratwein und den umliegenden Dörfern seltener als zuvor, und wenn, dann stets in Begleitung seiner Ehefrau. In der Tischlerei stieg er zum Vorarbeiter auf, und Claudias Schneiderei florierte. Die Abende verbrachte das Paar für gewöhnlich zu Hause.
Peter las gerne, und Claudia liebte es, wenn ihr vorgelesen wurde. Sie besprachen jede Erzählung, und allmählich wuchsen ihre Kenntnisse über Literatur ebenso wie ihre Ansprüche an sie. Hatten sie anfangs die Werke Hemingways gelesen beziehungsweise gehört, so waren sie bald auf der Suche nach einem Autor, dessen Werke weniger rustikal und von Machismo durchtränkt waren. Einen solchen fanden sie in Fitzgerald, dessen Bücher sie liebten.
Maria Schuster war kein Thema mehr für Peter Koller. Er hatte seiner Frau von ihr erzählt, und diese hatte ihm geholfen, über Maria und die Demütigung, die er durch sie erfahren hatte, hinwegzukommen.

 

3

Ende Juli 2014 fand der Ball der Freiwilligen Feuerwehr in der Gratweiner Mehrzweckhalle statt, und Peter Koller besuchte diesen. Seine Frau Claudia begleitete ihn nicht, denn sie traf sich an diesem Abend mit ihren Schwestern.
Die Veranstaltung war gut besucht, und auch Maria befand sich unter den Gästen.
Peter, der ihre harten Worte keineswegs vergessen hatte, ging nicht auf sie zu. Er beließ es bei einer flüchtigen Geste, indem er ihr zunickte und sich gleich darauf umwandte.
Wenig später stand er an der Bar und trank ein Glas Bier, als er Marias Stimme hinter sich vernahm.
„Guten Abend, Peter“, sagte sie. „Wie geht es dir?“
„Gut, Maria“, gab er zurück und drehte sich um. „Ich habe letztlich doch eine Frau kennengelernt, die meine Kragenweite hat.“
Diesen Satz sagte er, um ihr ihre Worte von vor zwei Jahren vorzuhalten und auch heimzuzahlen.
Er sah sie an und erkannte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, ihre Wangen waren eingefallen und ihr Haar war schlecht gekämmt.
„Das freut mich“, sagte sie und seufzte.

Da taten ihm seine Worte plötzlich leid, doch waren sie bereits ausgesprochen. Für den Bruchteil einer Sekunde wollte er sie ungesagt machen, doch der Gedanke an Claudia, die ihm plötzlich in den Sinn gekommen war, ließ ihn fühlen, dass in seinem Herzen kein Platz mehr für Maria war und auch nie wieder sein würde.
Um der Höflichkeit Genüge zu tun fragte er: „Und wie geht es dir, Maria?“
„Schlecht geht es mir, Peter“, sagte sie.
Er schwieg.
„Ich arbeite nicht mehr im Krankenhaus“, fuhr sie fort. „Ich bin jetzt Ärztin in der Privatklinik meines Mannes.“
„Warum geht es dir dann schlecht?“
„Ich fürchte, ich habe mir den falschen Beruf ausgesucht. Und den falschen Man auch.“
„Das tut mir sehr leid für dich“, sagte er, doch es lag keine Emotion in seiner Stimme.
„Weißt du, Peter, ich habe erkannt, dass Geld nicht alles ist. Wenn man ständig von kranken Menschen umgeben ist und am Abend einen Tyrannen zu Hause ertragen muss, ändert sich die Sichtweise.“
„Dann such dir einen anderen Mann“, sagte Peter achselzuckend.
„Daran habe ich durchaus schon gedacht.“ Sie lächelte ihn an. „Einen Tischler vielleicht.“
Peter Koller lächelte ebenfalls. Es war das Lächeln, mit dem man einer bemitleidenswerten Person zu verstehen gibt, dass sie gerade an etwas ganz und gar Unmögliches denkt.
Sie schwieg. Die Tränen, die in ihr hochstiegen, unterdrückte sie, das erkannte er.
„Ich wünsche dir ein schönes Leben, Maria“, sagte er und ließ sie an der Bar stehen.

Peter verließ den Ball und setzte sich zu Hause an den Küchentisch, wie er es zwei Jahre zuvor auch gemacht hatte. Allerdings weinte er nicht. Beim Anblick des Kuchens, den seine Frau Claudia am Nachmittag gebacken hatte, lächelte er.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten |Inventarnummer: 17015

Die Taube

Im Dezember des Jahres 2013 stand ich am Rande des Teiches meiner Familie und blickte ins Wasser. Es war ein warmer Tag, was für diese Jahreszeit ungewöhnlich ist, also war die Wasseroberfläche nicht von Eis bedeckt, und ich konnte bis auf den mit Folie ausgelegten Grund des Schwimmteiches sehen.
Die Teichfrösche, die sich in den warmen Monaten durch unablässiges nächtliches Quaken bemerkbar machen, hatten sich bereits in die Winterruhe begeben, und auch die Molche zeigten sich nicht. Die Algen, die sich auf dem Boden abgelagert hatten, erweckten den Eindruck von dunklen Wolken, die das Grün der Folie teilweise verdeckten und ein wenig einladendes Bild boten.

Meine Familie befand sich im Haus, aus welchem ich gegangen war, um unter freiem Himmel zu rauchen und meinen Gedanken nachzuhängen. Ich dachte an Martina.
Sieben Jahre waren wir ein Paar gewesen, und im Dezember des Vorjahres war sie gegangen.

Wir hatten uns auf der Universität erst kennen, dann schätzen und schließlich lieben gelernt. Beide haben wir die Klasse für Gegenständliche Malerei besucht, und unsere Atelierplätze lagen nebeneinander. Bald wurde aus dieser Nähe im Atelier eine große persönliche Nähe. Unsere Beziehung war von Zuneigung und Verständnis für den anderen Menschen geprägt, wie auch von großer Toleranz gegenüber der jeweiligen künstlerischen Herangehensweise, welche grundverschieden war. Martina malte bevorzugt idyllische Bilder in Öl, während ich mich in meinen Werken der Kritik an der Gesellschaft widme, oft in Form drastischer Motive, wie Darstellungen von Gewalt und Krieg in Acrylfarbe.

Sie war eine schöne Frau, groß und blond, mit strahlend grünen Augen, die sowohl Güte als auch Klugheit zum Ausdruck brachten, jedoch auch etwas, das in ihr schlummerte, wenn schon nicht erkennen, so doch erahnen ließen. Dieses Etwas war der Grund, wie ich heute weiß, aus welchem sie schöne Motive in ihrer Kunst darstellte. Sie hatte sich nach nichts mehr gesehnt als nach Ruhe, Schönheit und Freiheit.

Wir lebten in einer hübschen Wohnung, die so groß war, dass wir zwei Zimmer als Ateliers nutzen konnten. Das Geld für die Miete und unser Leben brachte ich nach Hause. Nachdem ich bereits als Student in einer bekannten Galerie ausstellen durfte und meine Bilder schon damals zu hohen Preisen gehandelt wurden, fiel es mir leicht, für uns beide aufzukommen.
Wir waren ein junges Künstlerpaar, hübsch anzusehen, künstlerisch ambitioniert, einigermaßen gut situiert und unzufrieden. Dieser Unzufriedenheit machten wir in unseren Werken Luft, jedoch ohne darüber miteinander zu sprechen. Während ich meinem Ärger über die Zustände auf der Welt in meinen Bildern Ausdruck verlieh, malte Martina die Idyllen, die sie in sich selbst nicht finden konnte, wie ich heute weiß.

Ich hätte mit ihr sprechen sollen, sie fragen, wo sie der Schuh drückte, doch nahm ich sie so an, wie ich sie eben sah: als eine hochbegabte und sehr liebenswerte Künstlerin, die ihre inneren Nöte und Probleme brauchte, um die Kunst, die sie machte, überhaupt auf die Leinwand bringen zu können.
Im letzten Jahr unserer Beziehung dachte ich einige Male daran, mit ihr zu sprechen, doch jedes Mal, wenn ich innerlich dazu bereit war, fand der phlegmatische Teil meiner Persönlichkeit eine Ausrede, um das Gespräch nicht führen zu müssen.

Am sechzehnten Dezember 2012 kam ich von der Eröffnung einer Ausstellung meiner Werke nach Hause und fand Martina auf dem Sofa im Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch lag ein an mich adressierter Brief, in welchem sie sich für ihre Tat entschuldigte. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und schließlich fiel ich in Ohnmacht.
Im Krankenhaus wurde mir mitgeteilt, dass eine eindeutige Todesursache nicht festgestellt werden konnte, doch das war mir ohnehin bewusst. Sie hätte sich niemals aktiv etwas angetan, dazu war sie ein viel zu sanfter Mensch gewesen.
Sie hatte einfach aufgehört zu leben. Hatte ihr letztes Bild so an den Couchtisch gelehnt, dass sie es in ihren letzten Sekunden sehen konnte, sich auf das Sofa gelegt und, wie ich vermute, ein letztes Mal tief ausgeatmet.

Ich wohne immer noch in dieser Wohnung. Martinas Bilder habe ich an die Wände gehängt. Ihr letztes Werk jedoch lehnte viele Monate vor Staub geschützt an der Wand ihres Ateliers, welches mir in der Zwischenzeit als Werkstätte dient. Ich versuche mich nämlich gelegentlich an Objekten aus Metall und Holz, allerdings mit bescheidenem Erfolg.
Es fiel mir zu keinem Zeitpunkt schwer, ihre Kunst zu betrachten. Der Umstand, dass sie nicht mehr am Leben war, war anfangs nur schwer zu ertragen, doch das Wissen, dass sie frei sein wollte, linderte den Schmerz. So hatte sie es in ihrem letzten Brief formuliert: ‘Frei wie ein Vogel’, steht da zu lesen, und passenderweise hatte sie auf ihrem letzten Bild einen Vogel dargestellt.

Als ich im Dezember des letzten Jahres am Schwimmteich stand und rauchte, erblickte ich eine Türkentaube. Sie saß auf der Kante der Dachrinne des Nachbarhauses, in welchem meine Großeltern wohnen. Dann flog sie einige Male knapp über der Wasseroberfläche über den Teich. Sie war offensichtlich noch nie an diesem Gewässer gewesen, denn erst nach dem vierten oder fünften Versuch fand sie eine passende Stelle, um sich niederzulassen und zu trinken. Sie trank vom kalten Wasser, dann blickte sie auf und sah mir direkt in die Augen.
Sicherlich hatte sie meine Anwesenheit schon vorher bemerkt, von ihrem Beobachtungsposten auf der Dachrinne aus, doch schien sie diese nicht zu stören. Im Gegenteil: Sie flog auf mich zu und landete auf dem Ast eines Apfelbaumes, etwa einen halben Meter von mir entfernt. Gurrend saß sie dort und machte keine Anstalten aufzufliegen, als ich mich ihr bis auf wenige Zentimeter näherte.

Ich sprach mit ruhiger Stimme mit dem Vogel und betrachtete ihn eingehend von allen Seiten. Er sah aus wie alle Türkentauben, nur war er, anders als seine Artgenossen, nicht scheu.
Ich betrachtete ihn weiter und erkannte, dass der dunkle Ring um seinen Hals unterbrochen war, und zwar an zwei Stellen auf der Vorderseite. Es waren keine großen Unterbrechungen, bloß zwei Millimeter waren sie breit und nur aus nächster Nähe zu erkennen.
Diese zwei Millimeter reichten jedoch aus, um mich erstarren zu lassen. Der Vogel auf Martinas letztem Gemälde ist ebenfalls eine Türkentaube, und auch ihr Band ist an zwei Stellen unterbrochen, und zwar an genau denselben wie das der lebendigen Taube vor mir es war.

Nach einigen Sekunden löste sich meine Starre, und ich sah dem Vogel in die Augen. “Martina?”, sagte ich leise und mit pochendem Herzen. Die Taube antwortete natürlich nicht mit Worten, doch sprang sie gurrend auf meine linke Schulter und schmiegte ihren Kopf an meinen Hals, und zwar an genau die Stelle, auf der Martina oft eingeschlafen war und ihr Kopf bis zum nächsten Morgen gelegen hatte.
Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich den Vogel zärtlich streichelte. Die Türkentaube ließ mich gewähren, selbst als ich sie auf den Kopf küsste, was Martina geliebt hatte, hielt sie still. Ich sprach leise mit ihr, sagte ihr, was ich Martina noch hätte sagen wollen, und wohl auch sollen. Nach etwa fünfzehn Minuten flog die Taube wieder auf die Dachrinne meiner Großeltern, auf der sich in der Zwischenzeit eine zweite Türkentaube niedergelassen und uns beobachtet hatte. Es handelte sich offensichtlich um den Partner meiner Taube. Nachdem sie geschnäbelt hatten, flogen sie gemeinsam weg.

Ich war zwar noch irritiert von dem eben Erlebten, doch überwog die Freude, dass Martina offenbar ihr Glück gefunden hatte. Seit diesem Tag war ich oft im Haus meiner Familie zu Gast, doch habe ich diese bestimmte Taube nicht mehr gesehen. Das stimmt mich ein wenig traurig, doch habe ich auch Verständnis dafür. Ich bin schließlich ein Teil des früheren Lebens von Martina.
Die Taube auf ihrem letzten Werk sieht mir nun bei der Arbeit zu. Wenige Tage nach diesem Erlebnis kam ich wieder in meine Wohnung und habe das Bild ausgepackt und an die Wand meines Arbeitszimmers gehängt.
Auch wenn es mich heute noch schmerzt, dass Martina gegangen ist, so weiß ich doch, dass ihr Schritt der für sie richtige war, denn nun ist sie frei.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 17013

Von Kohle und Meisen

1

Paul Meller ließ sich auf den ihm zugewiesenen Ledersessel im Wohnzimmer seines Freundes Walter Hauser fallen. Mit nervösen Blicken musterte er Walter, registrierte dessen edlen Anzug und das goldene Malteserkreuz auf der Schließe seiner Armbanduhr. Sein Blick wanderte weiter und fiel auf mehrere Ölgemälde und eine enorme Bibliothek, schließlich auf seine eigene zerschlissene Hose und seine Schuhe, die abgetreten und an zwei Stellen eingerissen waren.

„Ach, Walter“, seufzte er.
„Wie viel brauchst du dieses Mal?“, fragte der Angesprochene mit kaum verhohlenem Ärger in der Stimme.

Sie kannten einander von Kindesbeinen an, waren beide in Gratwein aufgewachsen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Graz. Sie hatten gemeinsam die örtliche Volksschule besucht, sich danach durch das Gymnasium eines Nachbardorfes gequält und schließlich studiert.
Walter Hauser war Arzt geworden, Paul Meller hatte sich nach dem Studium der Kunstgeschichte einige Jahre lang dem Alkohol hingegeben und war nie wieder auf die Beine gekommen. Walter hatte ihn stets finanziell unterstützt und ihm auch in vielen anderen Belangen die Stange gehalten, doch mit den Jahren war er es leid geworden, Paul über Wasser zu halten, während sich dieser Träumereien von einer großen Karriere als Schriftsteller hingab und keiner geldbringenden Tätigkeit nachging.

„Monika saugt mich aus, sage ich dir! Ständig will sie Geld von mir, und ich habe doch keines!“
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du diese Frau verlassen musst?“, rief Walter. „Du bist ihr hörig. Richtiggehend süchtig bist du nach ihr! Und was macht sie? Sie nutzt dich bloß aus. Liegt auf der faulen Haut und lässt dich überall um Geld betteln.“
Paul wischte sich schweigend Tränen aus den Augen.
„Also, wie viel?“
„Dreitausend Euro.“
„Bist du verrückt? Wofür braucht ihr so viel Geld?“
„Monika wünscht sich eine neue Lederjacke, und die alleine kostet mehr als zweitausend.“
Walter Hauser sprang auf, stützte sich auf dem Couchtisch ab und rief: „Verzeih, dass ich dich gefragt habe, ob du verrückt seist. Diese Frage war unnötig, denn du bist verrückt!“
Paul sah aus dem Fenster. Auf dem Fensterbrett hatte sich eine Kohlmeise niedergelassen und pickte darauf herum. Dann sah sie ihm in die Augen und flog davon.

In diesem Augenblick ahnte Paul Meller, dass das Glück dabei war, ihn zu verlassen.
„Ich gebe dir tausend Euro, Paul“, sagte Walter, der sich wieder beruhigt hatte. „Das ist aber das letzte Mal, dass ich dir helfe. Meine Frau fragt mich schon, ob ich noch bei Trost bin, dir immer wieder Geld zu geben.“
„Danke“, murmelte Paul. In seiner Stimme lagen Enttäuschung und Resignation.
Sein Freund ging in einen Nebenraum und kam mit dem Geld in der Hand zurück. Er reichte es Paul mit den Worten „Bitte sehr!“
„Vielen Dank, Walter. Du bist ein echter Freund.“
„Lassen wir das. Möchtest du ein Glas Cognac?“
„Ja, gerne.“

Walter füllte teuren Cognac in zwei Schwenker und stellte sie auf den Tisch. Nachdem sie angestoßen hatten, sagte er: „Heute Abend findet in der Mehrzweckhalle ein Fest der Freiwilligen Feuerwehr statt. Wirst du hingehen?“
Paul schüttelte den Kopf und sagte: „Was habe ich dort verloren?“
„Maria Reiner wird auch kommen“, sagte Walter.
„Maria Reiner wird auch kommen“, wiederholte Paul, und plötzlich hellte sich seine Miene auf, um gleich darauf wieder düster zu werden.
„Du liebst sie immer noch, oder?“, meinte Walter.
„Lieben… nun, ich würde sie noch immer gerne an meiner Seite haben, sagen wir es so. Doch außer Ablehnung ist von ihrer Seite nie etwas gekommen.“ Er seufzte.

„Ich finde, du solltest das Fest besuchen. Lass uns doch gemeinsam hingehen“, schlug Walter vor.
„Ich habe kein sauberes Hemd. Du weißt, Monika ist im Haushalt nicht zu gebrauchen.“
„Das weiß ich. Monika Schinagl ist für gar nichts zu gebrauchen.“ Er lachte, dann verließ er das Wohnzimmer und kam mit einem gestärkten Hemd und einer Seidenkrawatte zurück.
„Das Hemd und die Krawatte schenke ich dir. Ist es dir recht, wenn ich dich um acht Uhr abhole?“
Paul sah auf die Kleidungsstücke und strahlte.
„Vielen Dank, Walter! Ja, acht passt mir gut.“

 

2

„Wie viel hast du bekommen?“, fragte Monika Schinagl.
„Siebenhundert Euro hat er mir gegeben“, log Paul Meller.
„Das reicht nicht!“, rief sie. „Du musst nochmal zu Walter gehen! Ich muss diese Lederjacke haben!“
Sie blickte ihn böse an.
„Monika, mehr hat er mir nicht gegeben. Was soll ich machen?“
„Das ist mir egal, mein Lieber. Ich will diese Jacke!“
„Man kann nicht immer alles haben, was man sich wünscht“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Das stimmt. Wenn ich diese Jacke nicht haben kann, dann hast du eine Freundin gehabt!“
„Wann wirst du endlich damit aufhören, mich mit dem Schlussmachen zu erpressen?“, fragte Paul und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Du weißt doch, dass ich alles für dich tue!“
„Das reicht eben nicht! Was ist in dem Plastiksack?“

Sie nahm Paul die Tüte aus der Hand und zog das Hemd und die Krawatte heraus.
„Aha, der Herr war einkaufen“, stellte sie schnippisch fest.
„Nein, der Herr hat von seinem besten Freund ein Hemd und eine Krawatte geschenkt bekommen“, gab er zurück.
„Wofür brauchst du das Zeug denn?“
„Ich gehe heute Abend mit Walter auf das Feuerwehrfest.“
„Geh ruhig, wenn es dir nicht zu blöd ist, die Leute aus Gratwein zu sehen.“
„Nein, das ist es nicht.“
„Ich werde jedenfalls auf dem Sofa liegen und weinend an meine Lederjacke denken.“
„Nur zu, Monika“, ermunterte er sie sarkastisch.

„Ich habe übrigens deine neuen Erzählungen gelesen.“
„Gefallen sie dir?“
„Sie sind ganz gut.“
„Ganz gut?“, fragte er enttäuscht. „Ich habe mir große Mühe gegeben.“
„Sie sind gut. Und jetzt gib mir die siebenhundert Euro.“
Er gab ihr das Geld und sagte: „Ich brauche aber etwas für das Fest.“
Sie drückte ihm zehn Euro in die Hand und sagte: „Das muss reichen. Wirst du Walter fragen, ob er dir noch etwas borgt?“
„Ja, Monika, das werde ich“, seufzte er.

 

3

Paul Meller hielt sich im Hintergrund, während Walter Hauser viele Hände schüttelte. Er hatte für jeden ein freundliches Wort übrig, denn viele der Gäste der Veranstaltung waren seine Patienten.
Paul wurde bloß von wenigen mit Handschlag begrüßt, wobei ihm die Verachtung in den Augen, die auf ihn gerichtet waren, nicht entging. Unter all den erfolgreichen und wenigstens im Ort hochgeachteten Gratweinern kam er sich minderwertig vor. Dieses Gefühl wurde vom Hemd, das er von seinem Freund erhalten hatte, noch verstärkt, denn auf der linken Seite waren die Buchstaben WH unübersehbar eingestickt.

Die Dorfmusikanten nahmen ihre Plätze ein und begannen ihre Darbietung mit einem flotten Marsch. Bald füllte sich die Tanzfläche, und Walter wurde von der Frau des Bürgermeisters zum Tanzen aufgefordert.

Paul stellte sich an die Bar und trank zwei Schnäpse aus Plastikbechern, dann bestellte er ein Bier. Mit dem Becher in der Hand stand er am Rande der Tanzfläche an die Wand gelehnt und rauchte eine Zigarette. Er bemerkte, dass die Leute über ihn tuschelten und war gerade dabei, sich innerlich darüber aufzuregen, als er Maria Reiner erblickte.
Sie hatte in der Volksschule und im Gymnasium seine Klasse besucht, und er hatte sich in sie verliebt. Sie hatte von seiner Liebe gewusst, ihm jedoch stets die kalte Schulter gezeigt. Seine Liebe war nie erkaltet, er hatte sie bloß zur Seite geschoben, um nicht von ihr gequält zu werden.
Als er Maria sah, erwachten diese Gefühle wieder.

Das Erste, was Maria Reiner an diesem Abend, als sie Paul Meller erblickte, empfand, war Bestürzung, danach Mitleid. Sie hatte von Pauls unaufhaltsamem Abstieg erfahren, doch als sie mit eigenen Augen sah, wie tief er gefallen war, konnte sie diese Emotionen nicht unterdrücken. Sie lächelte, winkte ihm zu und besorgte sich ein Brötchen und einen Becher Bier an der Bar.

Walter kam auf seinen Freund zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Paul, Maria ist hier. Sei nicht dumm! Geh zu ihr und unterhalte dich mit ihr.“
„Soll ich wirklich?“, flüsterte Paul aufgeregt zurück.
„Ja, natürlich sollst du.“

Paul wagte nicht, der Aufforderung seines Freundes Folge zu leisten. Er hätte gerne mit Maria gesprochen, doch waren ihre zahllosen abweisenden Reaktionen noch zu präsent in seinem Gedächtnis. Von dort waren sie in den Fokus seiner Wahrnehmung zurückgekehrt.
Er stieg ein paar Stufen die Treppe hinauf, die zur Galerie führte, und setzte sich.
Er vergrub seinen Kopf in den Händen und hob ihn erst, als er spürte, wie eine Hand sanft auf seine Schulter gelegt wurde.
Es war Maria Reiner, der die Hand gehörte. Sie hatte sich neben ihn auf die Stiege gesetzt.
Sie hatte Paul viele Jahre nicht gesehen, und als sie ihn an diesem Abend sah, hatte sie unwillkürlich an ihr Verhalten ihm gegenüber denken müssen. Dabei war ihr bewusst geworden, dass sie sich unfair verhalten hatte. Von seinem Abstieg hatte sie zwar erfahren und er hatte sie kalt gelassen, doch als dieser sich so deutlich vor ihr manifestierte, beschloss sie, Paul Meller zu trösten.

„Wie geht es dir, Paul?“
„Es geht mir schlecht, Maria. Ich habe in den vierundvierzig Jahren, die ich am Leben bin, einfach zu viele falsche Entscheidungen getroffen.“
„Möchtest du mir von diesen erzählen?“, fragte sie.
Da brach es aus ihm heraus.
„Sie saugt mich aus! Sie nimmt mir die Luft zum Atmen!“, schluchzte er.
Maria war indigniert. Er sprach mit vom Alkohol schwerer Zunge, und sein Atem verströmte den süßlichen Geruch nach Bier und Schnaps.
„Aber“, fuhr sie fort, „was ist denn passiert?“
Paul setzte sie in knappen Worten über seine Situation in Kenntnis. Dann fiel er ihr um den Hals und begann haltlos zu weinen. Seine Tränen färbten den Stoff ihres Abendkleides dunkel.
„Das tut mir alles sehr leid für dich, Paul“, sagte sie in bemüht freundlichem Ton, in dem auch eine gute und unüberhörbare Portion Mitleid lag.
„Wirklich, Maria?“, fragte Paul mit tränenerstickter Stimme.
„Ja“, gab sie zurück. Sie dachte eine Weile nach und sagte dann mit leiser Stimme, der Paul anmerkte, dass sie von Unsicherheit geprägt war: „Es tut mir auch leid, dass ich mich dir gegenüber so verhalten habe, wie ich es eben getan habe, als wir jung waren. Das hattest du nicht verdient. Wie ich aus deiner Schilderung der Situation heraushöre, bist du ein guter Mensch, der leider einem schlechten untergekommen ist.“
„Tja, so ist es wohl“, gab Paul, der aufgehört hatte zu weinen, zur Antwort.

„Ich bin in der glücklichen Lage, dir helfen zu können, Paul. Wenn du es möchtest, kannst du in meiner Galerie in Graz anfangen. Walter hat mir vor vielen Jahren erzählt, dass du ein paar Semester Kunstgeschichte studiert hast, und deshalb glaube ich, dass dir ein solcher Job Freude bereiten würde.“
„Warum machst du das, Maria?“, fragte Paul.
Sie überlegte.
„Wahrscheinlich weil ich damit etwas von der Qual, die ich dir bereitet habe, wiedergutmachen kann. Und weil gerade eine Stelle in der Galerie frei geworden ist“, setzte sie lakonisch hinzu, doch Paul wusste, dass sie ihm wirklich unter die Arme greifen wollte.
Er nahm die Visitenkarte, die sie ihm reichte, und nachdem er sich von ihr verabschiedet und versprochen hatte, sie am nächsten Tag anzurufen, machte sich Paul Meller auf die Suche nach Walter Hauser.

Nachdem er ihn gefunden hatte, flüsterte er ihm ins Ohr: „Walter, ich fühle mich nicht gut. Ich vermute, dass es am Schnaps liegt.“
Walter sah ihn ernst an.
„Nein, das stimmt nicht“, sagte Paul. „Ich muss nachdenken, Walter, und dazu brauche ich Ruhe.“
„Was hat Maria denn zu dir gesagt?“, fragte Hauser, doch Meller ging nicht auf die Frage seines Freundes ein.
„Ich glaube, ich habe vor wenigen Minuten einen Weg aufgezeigt bekommen, wie ich aus meinem Schlamassel herauskomme“, sagte er, reichte seinem Freund die Hand und verließ die Mehrzweckhalle.
Auf dem Heimweg dachte er über Marias Angebot nach, und kam zu dem Schluss, dass er seine Lebensumstände ändern müsste.

 

4

„Wie viel hast du von Walter noch erhalten?“, so wurde Paul von Monika Schinagl begrüßt.
„Ich habe kein Geld von Walter Hauser erhalten, Monika. Ich werde mich in Zukunft selbst erhalten.“
„Wie soll denn das gehen?“, fragte sie.
„Ganz einfach: Ich habe einen Job in Aussicht, der mir genug Geld einbringen wird, um ein bescheidenes Auskommen zu haben, bis ich meine Schulden bei Walter beglichen habe.“
„Und dann?“, fragte sie und lächelte unsicher.
„Dann, wenn ich keine Schulden mehr habe, habe ich ein gutes Auskommen“, sagte er mit ruhiger Stimme, die Monika erkennen ließ, dass noch etwas kommen würde.
Sie wartete jedoch nicht ab, was Paul sagen würde, sondern kam auf das für sie wichtigste Thema zu sprechen: „Wann kann ich mir die Lederjacke kaufen?“
„Sobald du das Geld verdienst hast, das sie eben kostet, Monika. Im Übrigen möchte ich, dass du die Wohnung bis morgen Mittag verlässt.“
„Wie bitte?“
„Du hast schon verstanden. Ich will, dass du ausziehst. Deine Eltern haben einen großen Bauernhof, und dort kannst du jederzeit wieder einziehen. Das hat deine Mutter dir versprochen.“
Monika Schinagl begann zu weinen, und an den Flüchen, die sie ausstieß, erkannte Paul, dass ihre Trauer um die Lederjacke größer war als die um das Ende ihrer Beziehung zu ihm.

Am Morgen des nächsten Tages rief er Maria Reiner an und vereinbarte einen Termin in der Galerie in Graz für den frühen Nachmittag.
Als er, der als Tagedieb in die Landeshauptstadt gefahren und als Galerieangestellter in sein Dorf zurückgefahren war, am Abend seine Wohnung betrat, war von Monika Schinagl und ihren Habseligkeiten nichts mehr zu sehen.
Er setzte sich an seinen Küchentisch und blickte aus dem Fenster. Zwei Kohlmeisen ließen sich auf dem Fensterbrett nieder und starrten ihn an. Zwei Minuten später flogen die davon.
Paul nahm es als Zeichen: „Ich werde mir eine vernünftige Freundin suchen – dann ist das Glück vollständig zu mir zurückgekehrt.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten |Inventarnummer: 16171

Meine beste Freundin

Morgen besucht mich Katharina, meine beste Freundin. Um präzise zu sein, ist sie meine einzige Freundin. Freund habe ich gar keinen mehr.

Ich bin vierundfünfzig Jahre alt und verbringe den Großteil meiner Zeit in meiner Wohnung, die stets abgedunkelt ist. Ich gab meine Arbeit, ich war freiberuflich sehr erfolgreich tätig, vor acht Jahren auf, und nun sitze ich, wie erwähnt, in meiner Wohnung herum und erhöhe den Grad meiner Bildung durch den Konsum unzähliger Fernsehsendungen. Einmal in der Woche, in der Regel montags, gehe ich in den Supermarkt, um Fertiggerichte und Bier zu erwerben, vom Bier stets eine große Menge. Ich trinke nämlich gerne Bier.

Wie bereits erwähnt, habe ich keine männlichen Freunde mehr. Ich hatte ohnehin bloß fünf. Drei von ihnen sind auf natürlichem Weg gestorben, zwei haben sich suizidiert.

Mit Frauen habe ich nie Glück gehabt, aus diesem Grund habe ich keine Freundinnen – außer eben Katharina.
Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt und studiert. Um ihr Studium finanzieren zu können, ihre Familie ist finanziell schmal gestellt, arbeitet sie für eine Agentur. Diese verpflichtet junge Menschen, ihnen fremde Personen auf der Straße anzusprechen, um ihnen Geld abzuluchsen, angeblich für eine ‘gute Sache’.

Ich habe Katharina im Supermarkt kennengelernt. Sie hat bemerkt, dass ich mehr Bier gekauft hatte, als ich hätte tragen können, und einen Teil meiner Konsumgüter in meine Wohnung getragen. Dort haben wir Bier getrunken, geredet und uns angefreundet.
Katharina war gerade in der guten Sache ‘Rettet die Wale!’ auf der Straße unterwegs. Ich habe ihr dargelegt, dass ich diese Walschützer nicht verstehe. Da begeben sie sich in Lebensgefahr, um Flaschen voll Buttersäure auf eben erlegte Wale zu werfen. So machen sie deren Fleisch ungenießbar. Ich glaube aber, dass die Walfänger den nunmehr ungenießbaren Meeressäuger einfach über Bord werfen und einen neuen Wal fangen, um ihre Quote zu erfüllen. Katharina wusste nicht allzu viel dazu zu sagen, dennoch haben wir die Angelegenheit ‘Rettet die Wale!’ zu einem guten Abschluss gebracht.

Eine Woche später hat sie mich besucht, und wir haben über Pelztiere gesprochen. Ich persönlich liebe Pelz. Ich habe eine schöne Nerzdecke auf meinem Bett liegen. Katharina fand diese erst abstoßend, doch nachdem ich ihr den Rücken mit meinem Handschuh aus Zobel gestreichelt hatte, dachte sie anders über Pelz, und wir sind uns einig geworden.

Sie besucht mich jede Woche einmal. Wir haben bereits über verschiedene Themen gesprochen.
Über Elfenbein zum Beispiel, und über die Waidmänner, die angeblich sehr böse sind. Ich habe sie auf meinem Flügel klimpern lassen und ihr ein ausgezeichnetes Frischlingsgulasch serviert.
Und stets werden wir uns einig.

Die Freundschaft zu Katharina beflügelt mich. Und jeder ihrer Besuche kostet mich bloß eine weitere Unterschrift.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee |Inventarnummer: 16162

Beide Seiten

Thomas und Julia wohnten seit drei Jahren zusammen, seit etwas mehr als fünf Jahren waren sie ein Paar. Sie hatten sich auf dem Campus der Universität kennengelernt, bei einer dieser Feiern, die Studenten dort gerne zelebrieren, wenn es warm ist an den Abenden, wo getrunken und Gras geraucht wird und wo junge Menschen einander näherkommen. Thomas studierte Bildhauerei und Julia, die gleich alt war wie ihr Freund, Klavier.

Mit dem Zusammenziehen hatten sie sich Zeit gelassen, denn zum einen hatten sie Restzeiten in ihren Wohngemeinschaften absitzen müssen, nämlich bis zum Auslaufen ihrer Mietverträge, zum anderen waren sie sich nicht sicher, ob sie wirklich gut zusammenpassen würden. Diese Zweifel lagen keineswegs in fehlender Zuneigung begründet, es lief in allen Belangen gut zwischen ihnen, sondern in der Tatsache, dass sie verfeindeten Lagern angehörten.
Diese Lager bekriegten sich zwar nicht mit Waffengewalt, doch beharkten sie einander bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und deren gab es viele.

Zu Beginn ihrer Beziehung hatten Thomas und Julia vereinbart, da jeder von ihnen Anhänger eines der beiden Lager war, diesen Zwist einfach totzuschweigen, um ihre Partnerschaft nicht mit Dingen zu belasten, auf die sie als Einzelpersonen ohnehin keinen Einfluss hatten. Dieser Konflikt wurde nämlich von oben herab geschürt und geführt, und die Menschen, die ihn auf den Straßen mit ihren jeweiligen Gegnern austrugen, waren streng genommen für ihre boshaften Äußerungen gegen die jeweils Anderen nicht verantwortlich zu machen, folgten sie doch bloß der Doktrin ihrer jeweiligen Meinungsgenerierer.

Obwohl sie diesen Konflikt aussparten und peinlich genau darauf achteten, der jeweils anderen Person nicht durch versehentliches Parteiergreifen auf die Zehen zu steigen, kam es gelegentlich vor, dass sie, wenn auch emotionslos und völlig sachlich, darauf zu sprechen kamen.
Es war nämlich so, dass die Medien sich des Themas angenommen hatten. Die Fernsehsender berichteten ausführlich, aber ausgewogen darüber. Sie ließen Vertreter beider Parteien zu Wort kommen, sogar Fachleute, die derartige Zwistigkeiten in anderen Städten erfolgreich beizulegen vermocht hatten, durften ihre Sichtweisen auf das Problem darlegen und gute, oder wenigstens gut gemeinte Tipps geben, wie die Sache für beide Seiten befriedigend geregelt werden könnte.
Thomas und Julia, die einen solchen Beitrag gemeinsam gesehen hatten, pflichteten dem Experten bei, und zwar aus ehrlicher innerer Überzeugung, und nicht bloß, um einer etwaigen Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Gänzlich anders verhielten sich die Printmedien. Diese ergriffen Partei für eine der beiden verfeindeten Gruppierungen, für welche, das hing von der jeweiligen politischen Ausrichtung der Zeitung ab, und auch davon, wie konservativ oder gar reaktionär ein Blatt war. Es wurde geschimpft, Verständnis gezeigt, zur Versöhnung aufgerufen und zur Toleranz, und sogar karikiert. Letzteres gar in Gestalt eines Ebers, der stellvertretend für die Angehörigen einer der beiden Gruppen verstanden werden musste.
Thomas und Julia lasen sämtliche dieser Artikel, und es kam sogar zweimal dazu, dass sie über dieses Thema hitzige Debatten führten, hart an der Grenze zum Streit, in so hohem Maße waren sie von den Artikeln beeinflusst worden, oder hatten sich beeinflussen lassen.

Nach dem zweiten Beinahe-Streit beschlossen sie, die Sache nicht weiter zu diskutieren und auf Toleranz zu hoffen, also auf eine friedliche Koexistenz beider Gruppen.
Dies ging auch lange gut.
Eines Tages, Julia fühlte sich nicht wohl, bat sie Thomas, die Einkäufe für das Wochenende zu erledigen. Sie schrieb eine lange Liste von Sachen, die er im nahe gelegenen Supermarkt besorgen sollte. Er besorgte, wie ihm aufgetragen, die Lebensmittel, und als er diese in den Kühlschrank schlichtete, bemerkte er, dass er etwas zu kaufen vergessen hatte. Er berichtete Julia davon und fragte sie, ob sie dieses eine Wochenende darauf würde verzichten können.
Sie eröffnete ihm, dass ein Wochenende ohne Radieschen für sie nicht infrage käme, also zog Thomas seine Schuhe wieder an und machte sich ein zweites Mal auf den Weg zum Supermarkt.

Als er die Wohnung wieder betrat, empfing Julia ihn im Vorzimmer. Sie war erfreut, das Gemüse im durchsichtigen Plastiksack zu sehen, doch merkte sie, als sie die Miene ihres Freundes sah, dass etwas vorgefallen sein musste.
Auf Nachfrage teilte er ihr mit, dass ein Vertreter ihrer Gruppe ihn beinahe umgebracht hätte. Er erzählte in allen Einzelheiten, was sich zugetragen hatte, und garnierte seine Ausführungen mit nicht eben freundlichen Ausdrücken, bezogen auf die Angehörigen ebendieser Gruppe. Julia geriet ob der Unflätigkeiten ihres Partners in Harnisch, warf ihm Verallgemeinerung vor und lief ins Schlafzimmer, dessen Türe sie hinter sich zuknallte, versperrte und erst am nächsten Tag wieder öffnete.
Thomas war indigniert, weil er auf dem Sofa hatte schlafen müssen, doch schluckte er seinen Ärger hinunter und bat Julia um ein klärendes Gespräch, so bald sie aus dem Schlafzimmer gekommen war.
Sie sprachen über den Vorfall, Thomas entschuldigte sich für seine harten Worte, und sie kamen überein, dass bloß das Hineinschnuppern in die Gruppe des jeweils anderen eine Lösung des Problems würde herbeiführen können.

So kam es, dass Thomas am nächsten Tag mit Julias Fahrrad zur Universität fuhr, während Julia diesen Weg zu Fuß zurücklegte.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 16174

Adrett

Paul, so hatte sich der Mann, der das Seminar leitete, vorgestellt, war eine eindrucksvolle Erscheinung, das darf ich sagen.

Seine Körpergröße, etwa ein Meter neunzig, und sein quergestreiftes schweißbeflecktes Hemd, welches einen beachtlichen Schmerbauch umhüllte, ließen mich sofort erkennen, dass wir, also ich und die übrigen drei Männer im Seminarraum, es mit einem Mann von Format zu tun hatten. Er mochte sich jovial geben, doch hinter den dicken Gläsern seiner nicht allzu kostspieligen Brille lauerten listige Augen, die auf Fehler warteten, die wir bei der Beantwortung seiner Fragen machen würden.

Diese Fehler riefen, wie wir bereits an den drei vorangegangenen Tagen des Seminars hatten erfahren müssen, Kaskaden scharfzüngig formulierter Sätze aus dem Mund des Leiters hervor.

Dieser Mund, der Zahnreihen Raum bot, die bereits vor Jahrzehnten eine Regulierung nötig gehabt hätten, wurde umrandet von einem Kranz aus Haaren, die aus Pauls Oberlippe sprießenden waren vom Nikotin gelb gefärbt. Behost war Paul mit speckigen Jeans, die eine Lücke von ungefähr drei Zentimetern entstehen ließen, durch die man seine weißen Socken gut sehen konnte, bis seine grauen Schuhe anfingen. Die Jeans wurden von einem Gürtel aus Kunstleder gehalten, dessen Farbe in herrlichem Kontrast zu den Schreibgeräten aus Plastik stand, die Paul in großer Zahl in der Tasche seines Hemdes stecken hatte.

Wir, also die übrigen drei Männer im Seminarraum und ich, waren tipptopp gekleidet, Anzüge, Krawatten und gewienerte Schuhe. Frisiert waren wir auch.

Nicht so Paul, der sein spärliches Haupthaar auf eine Länge von einem halben Zentimeter gestutzt hatte.

Nachdem das Seminar zu Ende war, sein Thema war übrigens „Ein adrettes Erscheinungsbild, um Kunden zu gewinnen“, waren wir aufgefordert, in wenigen Worten unsere Eindrücke über ebendieses zu Papier zu bringen. Ich schrieb bloß einen einzigen Satz: „Dieses Seminar wäre genauso informativ gewesen, wenn Paul geschwiegen hätte.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt |Inventarnummer: 17012

Auf dem Weihnachtstisch

Heiligabend.

„Was an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?“, stöhnt Frida, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-do-Liste durch: aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, – was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.

Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem Häuschen am Stadtrand von Berlin, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müsste das jetzt auf den Tag genau her sein: „Jetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.“
Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft „Ja“ gesagt. „Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon.“ „Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd zuWeihnachten zu uns ein.“ „Klar kann dein Bruder David auch kommen.“ David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke für die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fröstelt bei dem Gedanken an ihren Schwager …
Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. „Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr“, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, ganz so als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.

Das laute Schrillen der Türglocke holt sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür – und erschrickt.
Vor ihr steht Josef, ein Päckchen in Händen haltend. Josef ist Bankmanager, stammt aus dem selben oberbayerischen Dorf wie Frida und jedes Mal, wenn er in Berlin ist, trifft er sich mit ihr.
„Josef“, stammelt sie, „dich habe ich nicht erwartet.“
„Das dachte ich mir“, gibt er zurück und überreicht ihr das Geschenk. „Weil Weihnachten ist.“
Sie öffnet es und errötet.

„Die darf Jan nicht zu Gesicht bekommen“, sagt sie und legt die goldene Armbanduhr zurück in die Schatulle.
„Eines Tages kannst du ja sagen, dass du gespart hast, um sie dir kaufen zu können.“
„Ich soll meinen Mann belügen?“, ruft sie. „Sag, was bildest du dir eigentlich ein? Du kommst am Weihnachtstag unangekündigt bei mir vorbei. Was, wenn mein Mann und die Kinder zu Hause wären?“
Nun wird Josef rot.

„Wann kommen sie denn zurück?“, fragt er leise.
„In zwei Stunden, nehme ich an.“
„Das heißt, wir haben etwa neunzig Minuten Zeit“, stellt er fest und betritt das Haus.
„Das geht auf gar keinen Fall!“, sagt sie, doch da hat er sie schon umarmt und bedeckt ihren Hals mit Küssen, welchen sie nicht widerstehen kann.
„Ins Schlafzimmer können wir nicht“, haucht sie. „Wir müssen mit dem Esstisch Vorlieb nehmen.“
Der Tisch, auf dem wenige Stunden später das Weihnachtsmahl stehen soll, wird von Frida und Josef zweckentfremdet, und zwar derart, dass er zusammenbricht.

„Hast du dir wehgetan?“, fragt Josef.
„Nein. Und du?“
„Ich bin unverletzt. Aber dein Tisch ist hinüber.“
„Wie soll ich das Jan erklären?“, fragt sie, den Tränen nahe. In diesem Augenblick verflucht sie sich dafür, nicht ‘Nein’ gesagt zu heben.
„Sag einfach, dass du den Tisch verrücken wolltest, und dabei ist es passiert“, schlägt er vor.
Frida beschließt, genau das zu sagen.
„Wir haben noch eine Stunde“, sagt Josef, doch sie komplimentiert ihn mit den Worten „Nein, mein Lieber, sonst geht auch noch der Wohnzimmertisch zu Bruch!“ aus dem Haus.
Dann beseitigt sie unter einigem Kraftaufwand die Trümmer ihres Tisches, indem sie diese in den Keller schafft.

Als Jan mit den Kindern nach Hause kommt und sie auf das Fehlen des Möbelstücks aufmerksam macht, erklärt Frida: „Ich wollte den Esstisch in die Mitte des Zimmer rücken, damit wir alle bequemer sitzen können. Und dabei ist er kaputtgegangen.“
„Das macht nichts, Frida“, sagt Jan. „Es ist noch Zeit, bis meine Eltern und mein snobistischer Bruder kommen. Ich fahre in ein Möbelgeschäft und kaufe einen neuen Tisch.“

Am Abend sitzen alle am neuen Esstisch aus Eichenholz und genießen das Mahl, das Frida zubereitet hat. Als die Kinder im Bett liegen und die leeren Weinflaschen immer zahlreicher werden, kommt das Thema ‘wie man einen Tisch ruiniert’ auf.
Jeder hat eine eigene Theorie, was dazu führen kann, dass ein Tisch zerbricht.
Frida denkt sich ‘Mein Gott, wenn die wüssten, wie es passiert ist!’ und lacht laut auf, doch niemand schenkt ihr Beachtung, denn alle lachen über Jans Theorie eines plötzlichen, auf einen Raum eines einzigen Hauses beschränkten Erdbebens.
Während Jan lacht, denkt er ‘Es ist schade um den alten Tisch. Ich bin vermutlich mitschuldig am Zusammenbruch. Aber das macht nichts – nun haben Gertrude und ich einen neuen Tisch, wenn Frida nicht zu Hause ist.’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten |Inventarnummer: 16156

Sechs liebe Briefe

Jennifer, 17, angehende Frisörin

Lieber Bogdan! Ich habe einen Fehler gemacht, ich weiß. Aber es war so ein lustiger Abend! Sanel hat mir ein Getränk nach dem anderen hingestellt. Und irgendwann ist es passiert, dass wir uns geküsst haben. Und seine Hand war dann überall. Und mir hat das gefallen. Ich weiß, dass es ein Fehler war, dass ich mit zu ihm gegangen bin. Aber er war so nett und lieb! Er hat mir gesagt, dass ich den letzten Klopfer bei ihm zu Hause bekomme. Und so war es dann auch. Bitte, Bogdan, nimm mich zurück! Denk einmal an die Zeiten, wo wir in die Lokale gekracht sind! Das war schon lustig. Das können wir wieder machen. Bitte nimm mich wieder, ich habe Dich lieb. Aber bitte ruf Du mich an, ich habe nämlich kein Guthaben mehr. Jenny, die Dich lieb hat.

 

Herta, 53, Hausfrau

Hallo Manfred. Ich hoffe, es geht Dir gut. Es ist so, dass ich mich in Dich verliebt habe. Ich schreibe Dir das ganz offen, denn ich möchte, dass Du bei mir bist. Du isst gerne Wienerschnitzel mit Kartoffelsalat, und genau das kann ich perfekt kochen. Weißt Du, seit mein Mann Heinz-Gustav gestorben ist, bin ich sehr einsam. Auf meinem Luster im Schlafzimmer brennt nur noch eine einzige Glühbirne. Ich traue mich ja nicht auf die Leiter steigen. Und in den Keller traue ich mich auch nicht gehen. Dort ist es immer so dunkel und feucht, und erst die Asseln überall. Ich glaube, Du hast mit so was weniger Schwierigkeiten. Als Du bei mir warst, da habe ich sofort gespürt, dass das passt zwischen uns. Mich haben auch Deine Tätowierungen nicht gestört, bis auf die drei Punkte auf Deiner Hand halt. Die musst Du wegmachen lassen. Mein Heinz-Gustav hat sich seine ja auch wegmachen lassen. Keine Sorge, ich zahle Dir das. Jedenfalls, wenn Du wieder Freigang hast, dann musst Du unbedingt zu mir kommen. Bitte. Ich habe das Foto, das Du von mir haben wolltest, gemacht. Das war gar nicht so einfach, den Spiegel vor das Bett zu tragen, aber für Dich habe ich es gern gemacht. Also, mach es gut und pass bitte auf, dass Du nicht wieder mit den Wärtern über Kreuz kommst. Deine Herta.

 

Albert, 44, Psychiater

Meine geliebte Dorothea, ich liebe Dich und frage Dich auf diesem Wege, ob Du meine Ehefrau werden möchtest. Ich möchte mein Leben mit Dir verbringen, denn wir teilen nicht bloß die selben Interessen, Du bist darüber hinaus mein Ruhepol. Bei Dir fühle ich mich geborgen und gut aufgehoben, Du bist mein Ausgleich zum stressigen Alltag in der Klinik. Bitte vergiss diese unnötige Diskussion, die wir hatten. Natürlich darfst Du weiterhin als Cellistin tätig sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du für mich spieltest, jeden Abend, bevor wir zu Bett gehen. Du musst auch keine Tabletten nehmen, wenn Du nicht möchtest. Es ist nur so, dass Du für mich viel einfacher handzuhaben bist, wenn Du sie nimmst. Ich habe in der Klinikapotheke nachgefragt und in Erfahrung gebracht, dass der Wirkstoff, den ich Dir verordnet habe, auch subkutan verabreicht werden kann. Du siehst, Tabletten sind nicht nötig. In freudiger Erwartung Deiner positiven Antwort verbleibe ich mit freundlichen Grüßen, Albert.

 

Herbert, 49, unterstandslos

Gute Frau Krumpel, liebe Hermine. Sie werden sich vielleicht noch erinnern, ich bin der, der Ihre Garagen gestrichen hat, und Ihren Rasen habe ich auch ein paar Male gemäht. Ich habe gehört, dass Sie sehr krank sind. Das tut mir leid. Meine Oma war auch krank, als sie so alt war wie Sie. Sie hat dann aber noch vier Jahre lang gelebt, also ist sie erst mit zweiundneunzig gestorben. Als ich in Ihrem Park gearbeitet habe, haben Sie mir Wurstbrote und Limonade gebracht. Da habe ich angefangen, Gefühle für Sie zu haben. Das ist jetzt sieben Jahre her, ich weiß, aber ich bin halt langsam bei so etwas. Jetzt weiß ich, dass ich Sie liebe. Und Sie wollen Ihre letzten Jahre ganz bestimmt nicht allein verbringen, in so einem großen Haus. Also könnten wir es ja mal probieren, finde ich. Es ist nur so, dass ich bald eine Antwort von Ihnen brauche, ob Sie mich auch lieben, denn jeden Tag habe ich eine größere Angst, dass der Altpapierlaster kommt und mir meine Wohnung wegnimmt. In dringender Liebe, Bertl.

 

Horst, 64, selbstständig

Liebe Min, es ist jetzt fünf Jahre her, dass wir uns kennengelernt haben. Ich bin in dieser Zeit neunmal zu Dir nach Phuket geflogen, um Zeit mit Dir verbringen zu können. Du warst erst einmal bei mir in Wien, was ich ungerecht finden könnte, aber da ich Dich liebe, will ich mal nicht so sein. Ich hoffe, Deinen Eltern gefällt das Häuschen, dass ich ihnen gekauft habe. Ich vermisse Dich, aber im Moment kann ich es mir nicht leisten, zu Dir zu fliegen, denn im Lokal ist die Hölle los. Die Gäste rennen mir die Türe ein, und ich arbeite jeden Tag fünfzehn Stunden. Aus diesem Grund bitte ich Dich, nach Wien zu kommen, denn ich möchte Zeit mit Dir verbringen. Keine Sorge, Du wirst nicht alleine sein, denn Du kannst bei mir im Lokal anfangen. So hast Du auch gleich die Gelegenheit, mir ein bisschen von dem Geld, das ich Dir über die Jahre geborgt habe, zurückzugeben. Die Gäste sind schon ganz wild darauf, Dich kennenzulernen. Ich hatte nämlich erst eine Thailänderin im Lokal, und die Gäste sagen, dass thailändische Mädchen besser sind als russische oder ukrainische. Also Min, sieh zu, dass Du nach Wien kommst! Ich habe nämlich viel mit Dir vor. Dein Horst.

P.S. Ich hoffe, Du kommst wirklich! Ansonsten würdest Du mich nämlich zwingen, Dich zu holen …

 

Helga, 43, Lehrerin

Lieber Martin! Ich verstehe, dass Du mir aus dem Weg gehst. In der Situation, in der wir uns beide gegenwärtig befinden, ist das auch der beste Weg. Dass Du mich allerdings völlig links liegen lässt, verletzt mich doch. Wenn ich Dir eine Frage stelle, beantwortest Du sie so knapp wie möglich. Dabei liebe ich Dich doch. Das habe ich Dir auch jedes Mal gesagt, wenn Du mich in meinem Haus besucht hast. Jedes einzelne Mal war wunderschön, das hast Du mir ja auch bestätigt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mich wieder besuchen kämst. Bitte sei mir gegenüber wieder ein bisschen zugänglicher, so wie früher. Bitte denke wenigstens darüber nach. Danke. Und bitte vernichte diesen Brief, nachdem Du ihn gelesen hast. Du weißt, was passieren würde, käme dessen Inhalt ans Tageslicht. Innige Grüße und Küsse. Deine Helga.

P.S.: Damit Du siehst, wie sehr ich Dich liebe: Ich habe Dir, obwohl sie wirklich schlecht ist, die Bestnote auf Deine Schularbeit gegeben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten |Inventarnummer: 16155

Spatz oder Taube

Das Angebot, das Walter Pirker von Emilio unterbreitet worden war, hatte einfach zu gut geklungen. Dieser hatte ihn in einer Mailänder Hotelbar angesprochen und ihm in einem vertraulichen Gespräch zweitausend Euro versprochen, wenn er eine Person von Italien nach Österreich befördern würde.

„Wie sind Sie auf mich gekommen?“, fragte Pirker, nachdem er eingewilligt hatte.
„Sie sehen vertrauenswürdig aus“, gab Emilio, der seinen Familiennamen nicht hatte nennen wollen, zurück. „Außerdem“, fuhr er fort, „scheinen Sie einigermaßen dringend Geld zu benötigen.“
„Woran erkennen Sie, dass ich in Geldnot bin?“
„Ihr Anzug war gewiss teuer, Walter. Vor zehn Jahren allerdings.“
Pirker verstand.

„Wer ist die Person, die ich nach Wien fahren soll?“
„Sie heißt Simona und ist in Schwierigkeiten geraten. Ihre Mutter wird sie in Wien in Empfang nehmen und Sorge tragen, dass das Mädchen auf den rechten Weg zurückfindet.“
„Wird sie mir Schwierigkeiten machen?“
„Nein, das wird sie nicht.“
„Warum ist ihnen dieser Transport so viel Geld wert? Selbst Flugtickets wären günstiger. Oder handelt es sich bei Simona um Ihre Tochter?“
„Ja“, seufzte Emilio. „Ich werde sie morgen zu Ihnen bringen, und dann können Sie losfahren.“
„Abgemacht.“

Sie reichten sich die Hand, und Walter Pirker verbrachte den Abend in Gedanken versunken an der Hotelbar. Er dachte an Simona, malte sich aus, wie sie wohl aussehen mochte und wie ihre gemeinsame Autofahrt verlaufen würde. Der Grund, aus dem er nach Mailand gereist war, interessierte ihn nicht mehr. An dem ebenso illegalen wie gut dotierten Pokerturnier würde er nicht teilnehmen – seine finanzielle Lage hatte sich schließlich dank Emilios Angebot schlagartig verbessert.

Wie vereinbart brachte Emilio Simona am nächsten Tag in Walters Hotelzimmer.
„Du bist also mein Chauffeur“, sagte sie und kaute schmatzend auf ihrem Kaugummi.
„Und du bist Simona. Guten Tag, ich heiße Walter“, sagte Pirker und gab ihr die Hand.
„Nachdem ihr euch nun kennt, wünsche ich euch eine angenehme Fahrt“, sagte Emilio, reichte Walter ein Kuvert und verließ den Raum, nachdem er Simona flüchtig auf die Wange geküsst hatte.
„Wann fahren wir los?“, fragte das Mädchen.
„In etwa einer Stunde. Du sprichst gut Deutsch, Simona.“
„Ja, ich war eine Weile in Wien. Und nun muss ich wieder dorthin zurück.“
Sie seufzte.

„Was hast Du angestellt?“
„Ich bin mit Haschisch erwischt worden.“
„Böses Mädchen!“, sagte Walter, doch sein Grinsen ließ sie erkennen, dass seine Worte nicht ernst gemeint waren.
„Was ist mit dir, Walter. Wer bist du, warum bist du in Mailand und wie bist du an Emilio geraten?“
„Das sind aber viele Fragen auf einmal. Also: Ich halte mich mit Kartenspielen über Wasser, wollte gestern Abend an einem Pokerturnier teilnehmen und wurde von deinem Vater an der Hotelbar angesprochen.“
„Lass mich raten: Er hat dir ein verlockendes Angebot gemacht, und du hast den Pokerabend sausen lassen.“
„So war es.“
„Oft kommt eben etwas dazwischen“, sagte Simona. „Du bist gar nicht so unattraktiv wie die übrigen Spieler, die von Stadt zu Stadt reisen, um an illegalen Kartenrunden teilzunehmen.“
Walter schluckte, Avancen hatte er nicht erwartet.

„Danke“, stammelte er. „Du bist auch hübsch, wenngleich zehn Jahre jünger als ich.“
„Wie alt bist du denn?“, fragte sie.
„Dreiunddreißig.“
„Dann bist du nur acht Jahre älter als ich“, stellte sie fest und sah ihn entwaffnend aus ihren hellblauen Augen an, die, wie Walter fand, auf interessante Art mit ihren schwarzen Haaren kontrastierten.

Die erste Stunde der Fahrt verlief ruhig. Simona war damit beschäftigt, Nachrichten in ihr Telefon zu tippen, und Walter versuchte erfolgreich, dem großstädtischen Verkehr unfallfrei zu entkommen.
„Wie viel hättest du gestern Abend gewinnen können?“, fragte sie, nachdem sie ihr Handy weggelegt hatte.
„Ich meine, dreitausend Euro wären dringewesen.“
„Und Emilio? Wie viel hat er dir für die Fahrt geboten?“
„Zweitausend.“
„Ein schlechtes Geschäft, findest du nicht? Warum bist du darauf eingestiegen?“
„Manchmal ist es besser, den Spatz auf der Hand zu fangen, als auf die Taube auf dem Dach zu hoffen.“
„Hättest du nicht am Turnier teilnehmen und mich trotzdem fahren können? So hättest du vielleicht fünftausend Euro verdient.“
„Nein. Solche Pokerabende dauern die ganze Nacht, und übermüdet zu fahren ist zu gefährlich.“
„Ach, ihr Österreicher“, meinte Simona und lachte. „Ihr seid zu sehr auf Sicherheit bedacht.“
„Was wirst du in Wien machen, Simona?“
„Erst werde ich mich mit Elena treffen, danach werde ich weitersehen.“
„Wer ist Elena? Eine Freundin von dir?“
„Elena? Nein, eine Freundin ist sie nicht“, sagte sie gedankenverloren.
„Wer ist sie dann?“
„Sie ist meine -“, sie stockte. „Meine Mutter“, beendete sie den Satz.

Walter Pirker ahnte, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, doch bewahrte er die Ruhe des Pokerspielers und dachte an die Sachen, die er sich mit dem Geld, das er von Emilio erhalten hatte, kaufen würde.
„Was hast du vorher gemacht, Simona? Hast du studiert?“
„Nein, ich habe eigentlich nichts Großartiges gemacht.“
„Womit hast du dir denn dein Leben finanziert?“
„Ich hatte immer reiche Freunde“, antwortete sie, der das Thema offensichtlich unangenehm war.

In diesem Augenblick erkannte Walter, dass er einem Schwindel aufgesessen war. Da er sich jedoch auf engem Raum mit einer daran beteiligten Person befand, unterließ er es, darauf einzugehen.
Er unterhielt sich stattdessen mit ihr über Musik, Mode und andere unverfängliche Themen. Er begann, eine gewisse Sympathie für die junge Frau zu entwickeln und lachte innerlich über seine Unvoreingenommenheit, der er es zu verdanken hatte, dass er dem Turnier ferngeblieben war.
„Wo wohnst du in Wien?“, fragte Simona.
Er nannte ihr seine Adresse. Einen Augenblick lang hatte er daran gedacht, ihr eine falsche Anschrift zu nennen, doch da er keine Gefahr von Simona ausgehen sah, sagte er ihr, wo er tatsächlich wohnte.

Der Treffpunkt mit Elena lag in der Nähe des Hauptbahnhofes. Simona reichte ihr die Hand und erhielt einen Umschlag von der älteren Frau. Walter wurde von den beiden nicht beachtet, jedoch von Alois Möstl, den er von etlichen Pokerabenden her kannte.
Möstl war in Begleitung einer Frau, die im selben Alter wie Simona war, zum Treffpunkt gekommen. Seine Begleiterin erhielt ebenfalls einen Umschlag von Elena.
Die Männer sahen einander an und begannen zu lachen.
„Wir Idioten!“, rief Walter.
„Heißt der angebliche Vater deiner Bekannten zufällig Emilio?“, fragte Alois.
Walter wollte antworten, doch brachte er vor Lachen kein Wort heraus.
Alois klopfte ihm auf die Schulter und die beiden fuhren davon, ohne die Frauen weiter zu beachten.

Am Abend dieses Tages lag Walter Pirker auf seinem Sofa und sah fern, als es an der Türe klingelte. Er öffnete und sagte erstaunt: „Guten Abend, Simona.“
Simona lächelte ihn an und sagte: „Möchtest du mich nicht hereinbitten?“
Er gab den Weg frei, und sie setzte sich auf das Sofa.
„Also, was kann ich für dich tun, Simona? Hat deine Mutter dich hinausgeworfen?“
Sie lachte.
„Emilio ist nicht mein Vater, und Elena ist nicht meine Mutter. Er ist spielsüchtig und von der Idee besessen, dass er mehr Geld gewinnen kann, wenn möglichst wenige professionelle Spieler am Pokertisch sitzen. Darum haben meine Cousine, die du heute am Bahnhof gesehen hast, und ich oft die Gelegenheit, ins Ausland zu fahren.“
„Ich verstehe. Und was willst du nun von mir? Wann fährst du zurück nach Mailand?“
„Übermorgen.“
„Was wirst du bis dahin in Wien machen?“
Simona rückte nahe an Walter heran, sah ihm in die Augen und hauchte: „Ich bin dein Spatz. Ich werde dir zeigen, dass auch ich mich aufs Spielen verstehe.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg |Inventarnummer: 17011

Meine (Un)Tat

Lange hatte ich versucht, gegen diesen Drang anzukämpfen, die längste Zeit, zwanzig Jahre um präzise zu sein, sogar erfolgreich, doch an diesem sechsundzwanzigsten Mai im Jahr 2011 habe ich versagt. Ja, ich habe schlicht versagt, meine Skills haben mich im Stich gelassen. Diese Handlung, die ich letzten Endes, also am heutigen Tag gesetzt habe, hatte ich bereits viele Male erwogen, doch hatte ich es stets fertiggebracht, sie nicht zu setzen, auch wenn dieses Nichtsetzen mir sehr oft kaum auszuhaltende Schmerzen bereitet hatte, sozusagen als Resultat der Nichtausführung.

Jahrelang habe ich zu mir gesagt, also in Gesprächen mit mir selbst: „Michael, das darfst du nicht tun! Eine derartige Handlung steht nicht dafür, sie ist einfach keine Lösung. Denke an deine Mutter! Du darfst ihr so etwas einfach nicht antun! Das hat sie nicht verdient. Michael, bitte denke daran, was deine Mutter im Supermarkt hören müsste. ‘Frau Timoschek, ich habe gehört, was Ihr Sohn getan hat. Bitte erlauben Sie mir, dass ich Ihnen mein Mitgefühl ausspreche. Nach allem, was ich über Michael gehört habe, war seine Tat vorprogrammiert, doch dass er sie zu Lebzeiten seiner Mutter setzen würde, also das hätte ich mir nicht träumen lassen.’ Siehst du, Michael”, sagte ich zu mir selbst, „was du deiner Mutter antun würdest mit einer solchen Tat? Was könnte die arme Frau denn dann nur antworten? ‘Vielen Dank, Frau Pimpelhuber, für Ihr Mitgefühl. Ich bin entsetzt über das, was mein Sohn getan hat, doch es ist nun einmal geschehen. Bitte haben Sie Verständnis, Frau Pimpelhuber, dass ich im Moment nicht über Michaels Tat sprechen möchte!’ Nein, Michael, so was darfst du nicht machen!”

Doch ich habe es gemacht. Heute. Und es war, das gebe ich freimütig zu, die schlimmste Untat meines Lebens. Ich konnte einfach nicht mehr. Diese Tat war, das darf ich ehrlich zugeben, der Schlusspunkt eines langen Leidensweges. Ich habe heute ja versucht, ruhig zu bleiben respektive mich selbst zu beruhigen, denn ich sah diese Tat heraufdräuen. Wie ein Wolfsrudel, das sich langsam nähert, sah ich sie kommen. Was soll ich sagen? Nun ist es passiert.

Es handelte sich um Monika, das Mädchen, das mir gegenüber gesessen hatte. Die Distanz zwischen ihr und mir war gering, und es hätte ein schöner und ruhiger Nachmittag werden sollen. Die Sonne schien und es war warm. Monika ignorierte mich. Sie hatte kein Interesse an Augenkontakt, obwohl ich sie mit freundlichen, interessierten Blicken musterte. Dass das Mädchen Monika war, erfuhr ich in dem Moment. in dem sie einen Anruf entgegennahm und sich mit ihrem Vornamen meldete. „Hallo, Monika am Apparat”, sagte sie halblaut. Das Telefonat dauerte nicht lange, es ging um ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Aus dieser Tatsache schloss ich, dass eben zwei Studentinnen ein Gespräch geführt hatten. Monika führte den anscheinend mit der Lautstärke des Gehörten überforderten In-Ear-Kopfhörer wieder in ihr rechtes Ohr ein. Aus diesem hatte sie ihn zuvor gezogen, um die Person, die sie angerufen hatte, besser verstehen zu können, was mir logisch schien. Monika schwieg mich weiter an, doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken, und das trotz des Drucks, der sich in mir aufzubauen begann. Tapfer versuchte ich, Blickkontakt herzustellen, doch sie brachte es nicht fertig, mir in die Augen zu sehen.

Monika schwieg, doch war der Raum von Lärm erfüllt. Nicht bloß vom üblichen Lärm in solchen Räumen, an den ich gewöhnt bin und den ich notgedrungen akzeptiere. Es handelte sich um eine Art von Lärm, die ich seit langer Zeit als hochgrässlich, und somit als überaus störend empfunden hatte. Und ich hatte keine Chance zu entkommen, denn in meinem Inneren hatte sich ein Schalter umgelegt, auf dessen Funktionsbeschreibungsschildchen wahrscheinlich stand: ‘Michael – gefangen. Flucht unmöglich!’ Der Druck erhöhte sich, wie das bei sogenannten Druckkochtöpfen der Fall ist.

Meine Blicke wurden eindringlicher, doch Monika schien sie nicht zu bemerken. ‘Sie will meine Blicke nicht bemerken’, dachte ich. ‘Ja, das ist es. Sie ignoriert mich einfach. Und dazu kommt noch dieser unerträgliche Lärm. Immer schlimmer wird er, mit jeder Sekunde unaushaltbarer. Ich kann nicht entkommen, ich sitze hier wie die Maus vor der Schlange und kann nicht weg! Ich befürchte, dass heute der Tag ist, an welchem ich diese Handlung setzen werde, ja muss.’ „Michael,” sagte ich zu mir, „bitte führe diese Tat nicht aus! Das darfst du deiner Mutter einfach nicht antun! Denke auch an deine Freunde! Auch die wären fürchterlich enttäuscht von dir. Sie würden diese Tat niemals verstehen können!” Doch es half nichts.

Das mir gegenüber sitzende Mädchen ignorierte mich weiterhin, und die Kraft, die junge Frau anzusprechen, hatte ich einfach nicht mehr, zu sehr hatte der Lärm mich bereits gequält und ausgelaugt. Ich warf Monika hilfesuchende Blicke zu, doch sie sah teilnahmslos aus dem Fenster. In einem Tunnel spiegelten sich unsere Köpfe in der Fensterscheibe, in exakt dem Augenblick, in dem ich meine Augen von ihrem Antlitz abwandte und, wie auch Monika, aus dem Fenster sah. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich mir sicher, dass wir einander in die Augen gesehen hatten, wenigstens über die spiegelnde Scheibe, doch das Mädchen wandte seinen Blick schnell ab und sah in das schwarze Nichts.

Ich war verzweifelt. Der Lärm, die Ignoranz und der Druck begannen, mir zu viel zu werden. „Nein, Michael, tu das nicht!”, sagte ich zu mir. Doch es war zu spät. Das Schicksal wollte seinen Lauf nehmen, und so nahm es ihn.
Ich zog mein Schweizer Offiziersmesser aus der Hosentasche, klappte dessen große Klinge auf und hielt sie vor Monikas Augen.

Ich trage stets ein Schweizermesser bei mir, man kann ja nie wissen. Oft schon hat mir ein solches gute Dienste erwiesen, beispielsweise wenn ich einen Apfel von seiner mit Wachs überzogenen Schale zu befreien hatte. Oder wenn ich in der Verlegenheit war, ein Steak, das die Tenazität einer ledernen Schuhsohle aufwies, zu zerteilen, da sich das mir für diese Handlung vom Restaurant zur Verfügung gestellte Schneidewerkzeug als ein in die Jahre gekommenes, und somit entsprechend unscharfes, gewöhnliches Fleischmesser entpuppt hatte. Des Weiteren hatte ich Erfahrung gemacht, dass ein Mann, der stets ein Offiziersmesser bei sich trägt, von der Damenwelt als ‘patenter Kerl’ angesehen wird.

Monika blickte mich aus vor Schreck geweiteten Augen an. Sie öffnete ihren Mund, ganz so, als ob sie schreien wollte, doch brachte sie bloß keuchende Laute heraus. Dann öffnete und schloss sich ihr Mund abwechselnd, und sie zog einen der In-Ear-Kopfhörer aus dem Ohr.

So etwas hatte ich in meiner Jugend gesehen. Ich war mit einem Freund angeln gegangen und er hatte einen ziemlich großen Karpfen am Haken. Nach einigen Minuten harten Kampfes hatten wir es fertiggebracht, den Fisch an Land zu ziehen. Er hatte sich daraufhin auf die selbe Art und Weise geriert wie Monika, was die Mundbewegungen anlangte.

„Es hat keinen Sinn, zu schreien, Monika”, sagte ich mit ruhiger Stimme. „Woher wissen Sie”, setzte sie an, doch ich fiel ihr, wieder mit ruhiger Stimme, ins Wort: „Ich weiß, wie du heißt.” „Was”, stammelte sie, „haben Sie mit mir vor?” „Jetzt, in wenigen Augenblicken, ist es so weit, Monika. Zu lange hat sich der Druck in mir bereits aufgestaut.” Sie sah mich erschrocken an. „Keine Sorge, Monika. Ich verspreche dir, dass du nichts spüren wirst. Ein Schnitt, und schon ist alles vorbei.”

Das Versprechen, dass ich nichts spüren würde, also keine Schmerzen würde erdulden müssen, hatte man mir im Laufe meines Lebens viele Male gegeben. Zahnärzte, praktische Ärzte und sogar ein Militärarzt hatten es mir gegeben. Nun, oftmals war das Aussprechen dieses Versprechens bloß der in Worte gefasste Wunsch des jeweiligen Arztes, nämlich eine schmerzlose Behandlung am Patienten zu vollziehen, denn realiter musste ich bei verschiedenen Gelegenheiten sehr leiden.

Da Monika zu weinen begonnen hatte, wollte ich meine Tat zeitnah hinter mich bringen.
Ich ertrage weinende Menschen nämlich nur sehr schwer, besonders weinende Frauen rühren mich. Ich neige dann dazu, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Ich durfte einige Male die, dies muss ich offen sagen, überaus positive Erfahrung machen, dass solch tröstende Handlungen durchaus vom Abend bis zum Morgen andauern können, jedoch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass geschlechtliche Handlungen keineswegs meine vorrangigen Beweggründe für tröstendes Verhalten sind. Doch zurück zu Monika, die auf die Durchführung meiner Tat wartet.

Ich holte, das Messer in meiner Hand, aus, Monika erstarrte, und setzte, so schnell es mir möglich war, einen Schnitt, ich darf erwähnen, dass die Klinge meines Offiziersmessers stets die Schärfe einer Skalpellklinge aufweist, und alles war vorbei.
Mit stumpfen Klingen habe ich oft schlechte Erfahrungen machen müssen. Möchte man zum Beispiel eine schmackhafte Hühnersuppe zubereiten und verwendet man für das Zerlegen des Vogels ein Messer mit stumpfer Klinge, so kommt man schnell dahinter, aus welchem Grund diese Art Vogel gerne als ‘Gummiadler’ bezeichnet wird.

Monikas Erstarrung löste sich, verdutzt zog sie den zweiten Kopfhörer aus dem Ohr und sah an sich herab. Sie blutete nicht. Sie befühlte das Kabel, welches die Kopfhörer mit ihrem MP3-Player verband und bemerkte, dass dieses durchtrennt worden war. Sie sah mich fassungslos an und sagte „Was.” Weiter kam sie nicht. Ich steckte mein Messer weg, sprang auf, trommelte mir auf die Brust und brüllte: „Ich hasse volkstümliche Musik!” Dann lief ich aus dem Abteil.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 16150