Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Alter Mann im Frühjahr

Die Felder durchwandere ich
noch in ihrem unfruchtbar wirkenden Februargewand.
Doch die Arbeit im Garten
beschenkt mich mit dem ersten Grün.
Die Pflanzen haben, wie ich, überlebt.
Sie verkünden Mensch und Tier:
Der Winterschlaf der Natur endet hier.

Die kalte Luft mischt sich
immer mehr mit milder.
Meine abgestandenen, winterdunklen Gedanken
werden durchlüftet mit frischen Erinnerungen
an den Frühling meines Lebens:
Neue kurze Hemden cool präsentierend
rennen alle Jungs der Nachbarschaft
in Lederhosen durch die alt-ehrwürdige Kleinstadt.
Ich lächle: In meiner Imagination
stehe ich wieder am Bordstein,
gleichzeitig schüchtern und bereit,
mich der wilden Jagd anzuschließen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25083

fallen lassen

I.
wir lassen sie fallen
unsere verbrauchten Namen
unsere abgenutzten Gesichter
wir lassen sie fallen
in fremde rote Erde
vergraben sie tief und
lassen Gras darüber wachsen

II.
wir lassen uns fallen
so leer wie wir sind
so nackt wie wir sind
wir lassen uns fallen
in sattes grünes Gras
und graben rote Namen tief
in unsere fremden Gesichter

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25082

Archiv März 2025

29.3.25: Claudia Dvoracek-Iby: fallen lassen
29.3.25: Frank Joussen: Alter Mann im Frühjahr
29.3.25: Dario Schrittweise: Das lyrische Ich
29.3.25: Johannes Tosin: Bär
29.3.25: Wilfried Ledolter: Neulich in der Apotheke
29.3.25: Johannes Tosin: Schmetterling
22.3.25: Claudia Lüer: Auszeit
22.3.25: Johannes Tosin: Tonfilm
22.3.25: Johannes Tosin: Das Bücherwurm-Buch
15.3.25: Norbert Johannes Prenner: Männerhölle
15.3.25: Claudia Dvoracek-Iby: Nachahnung
15.3.25: Johannes Tosin: Geräusche
15.3.25: Robert Müller: K A F F E E
15.3.25: Johannes Tosin und Michael Tosin: Das Programm
8.3.25: Norbert Johannes Prenner: Klavierstunde lyrisch
8.3.25: Claudia Lüer: Vergänglichkeit
8.3.25: Johannes Tosin: Kleinkind Rosa wird geimpft
8.3.25: Johannes Tosin: Sand
1.3.25: Tim Tensfeld: muschelscherbensterben.
1.3.25: Dario Schrittweise: Ein Stelldichein im Cabaret Voltaire
1.3.25: Günther Androsch: Unter der Haut
1.3.25: Johannes Tosin: Himalayamurmeltiere
1.3.25: Johannes Tosin: Vikings

Neulich in der Apotheke

Apotheker zur Kundin: „Sie wünschen?“

Kundin: „Ich hätte gerne einen Dünger für meine Geschmacksknospen, damit mir mein Essen wieder besser schmeckt!“

Apotheker mit einem Lächeln: „Da sind Sie leider falsch bei mir.

Gehen Sie zu einem Getränkehandel und kaufen Sie sich eine Flasche Whisky. Dreimal täglich ein Schluck als Mundspülung und Sie werden gleich bemerken, wie Ihre Geschmacksknospen auf Gaumen und Zunge anspringen!
Sie dürfen aber keinen Fusel kaufen, da Sie sonst ein Burning-Mouth-Syndrom, also quasi ein Zungenbrennen, bekommen könnten.“

„Danke, Herr Apotheker, für diesen Tipp“, sagt die Kundin und verlässt strahlend die Apotheke.

Ich bin als Nächster dran und kaufe mir spontan ein Fläschchen Passedan.

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 25081

In der Teebox

Du stinkst schon wieder, Minze des Pfeffers.
Sei schweig, du Blüte der Kamille!
Du glaubst wohl, etwas Besseres zu sein mit deiner vermeintlichen Heilkraft.

Schon wieder ihr zwei, stellt kopfschüttelnd die Blüte des Hopfens ganz ruhig fest.

Streitet euch nicht, mahnt der Earl von Grey. Das brauchen wir nicht in unserer Box.

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25080

Carmens Schüttler

Abnehm-Frust
Wieder hör ich Mandy zetern,
ihr Grant misst sich in Zentimetern.

Abschiedskuss für den Instrumentenbauer
Ciao bello,
bau Cello!

Abzunehmen
Es endet diese Plage, wann?
Schau mal auf den Waageplan!

Alkohol zum Vergessen?
Hey, Kumpel, sauf rein!
Und lass die Frau sein.

Am Adventmarkt
Hinter diesen Kerzenhaufen
kann man Schokoherzen kaufen.

Am Kebabstand
Hör doch nur, wie schön er dichtet,
während er die Döner schichtet.

An der Kunstuni
Hier sehen Sie die Meisterklasse,
die skulpturiert mit Kleistermasse.

Anfrage mit Magenknurren
Soll’n wir in einer Stunde grillen?
Das sollte den Hunger im Grunde stillen.

Annäherung in der Fabrik
Wenn er bei dem Franze steht,
freut sich an der Stanze Fred.

Ans Model am Set
Iss ruhig deine Leibspeise!
Nur bitt ich dich, dann speib leise.

Ansage der Wirtin
Solltest du noch Trost mögen,
findest du mich bei den Mosttrögen.

Are you nuts?!
Knackst Nüsse du mit Backenknochen,
so kann’s dort nach dem Knacken pochen.

Asterix bei den Briten
Wie sollen wir unsre Trassen retten,
wenn sie uns auf den Rasen treten?

Auf Vogeljagd
Er ging einst auf Schwanenfang,
indem er seine Fahnen schwang.

Aufgedeckt
Die Schoki fehlt beim Mise en Place,
zum Dessert dann please en masse.

Auftragslage
Mit ihrem schönen Kussmund
tat sie mir ein Muss kund.

Ausgezeichnete Bambussprossenküche
Probieren wir heut den Panda-Wok, Al?
Dafür gab’s schon nen Wanderpokal.

Ausgezockt
Am Spieltisch er die Gulden schiebt,
kann sein, dass das noch Schulden gibt.

Ausschluss
Es wird das Foul im Fußball
jetzt mit Rot zum Bußfall.

Beim Vogelhändler
Jetzt ist der Mann mit Hut dran.
Er kauft sich einen Truthahn.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Berufliche Umorientierung
Schau, wie die Wölfe wüten, Hirt!
Vielleicht wirst besser Hüttenwirt?

Bist du müde, …
… träumst du von
einem Schlaferl auf Futon.

Blitzschlag
Es folgte auf das Wetter Brand,
der fackelt ab die Bretterwand.

Boris Beckers Gedanken beim Schlägerreinigen
Während ich den Rahmen säuber,
verfluche ich die Samenräuber.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Chauffeur, unwillig
Wieder hängt an der Bar er faul:
Das ist unser Fahrer Paul.

Chinesisches Buffet
Isst du immer kreisrund,
kommst du dann zum Reisgrund.

Christkind vs. Kommerz
Willst du den Weihnachtsmann samt Sackerl buchen,
musst selber du die Packerl suchen.

Comedians beim Afterwork-Drink
Komiker vom Fach lallten:
„Unser Ziel sind Lachfalten.“

Drohung/Gehaltseinbuße
Trägst du beim Kochen keine Schürze,
ich dir gleich die Scheine kürze.

Eilige Schluckspechte
Sie haben so schnell Bier getrunken,
war’n gleich vor lauter Gier betrunken.

Ein Stamperl bloß
Ist wohl etwas klein, was?
Ich wollte doch ein Weinglas!

Ende der Fastenzeit beim Kirchenwirt
Ich hätte eine fromme Bitte:
Gebt mir doch ’ne Pomme fritte.

Ende der Monarchie
Seine Statue, ein Wahrzeichen,
musste wie der Zar weichen.

Entfesselter Schlangenbilderfan
Überallhin hängt er Natter-Poster,
hier sogar im Paternoster.

Enthemmt
halten derbe Proleten
aufs Saufen Lobreden

Der erfolglose Architekt
betrachtet sich den Bauschaden
und geht nach der Schau baden.

Ermüdender Denksport
Gleich unter der Dachschräge
liegt er nach dem Schach träge.

Ersatzteilreparatur
Bevor ich ihn auf Zinn bette,
nehm ich mir die Pinzette.

Essenseinladung
Wir sitzen hungrig an der Tischkante
und freu’n uns auf deine Quiche, Tante!

Fässe-Sammler
Was der alles ins Haus rollt!
Wer das wohl später rausholt?

Fahrplanumstellung
Es gilt der neue Busplan,
den nütz ich gleich: plus Bahn.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Familie, ungeplant
Wenn ich noch weiter Linda kos,
bleib ich nicht länger kinderlos.

Fastenzeit
Die Gläser, die der Weber leerte,
erklären seine Leberwerte.

Ferienzeit
Muss der Hund denn immerzu im Stau bellen?
Nein, das macht er nur bei Baustellen.

Fleißig am Weg
Emsig, still und leise reiht er
Urlaubsziele als Reiseleiter.

Flirt mit Folgen
Gibt er der Dame schlank und rank Zeichen,
so wird das wohl für Zank reichen.

Folgenschwere Verkostung
Nach dem letzten Probeessen
muss den Bund ich obepressen.

Frage in der Blockhütte
Wenn der Stamm hier ausharzt,
muss er dann zum Hausarzt?

Frage zu den Saufkumpanen
Wo kommen diese Lumpen her,
mit denen ich die Humpen leer?

Frisch vom Friseur
Ob ich mit dieser Schiller-Locke
in der Farbe Lila schocke?

Der Frühling kommt
Ich sitze auf dem Autodach
und seh: Es taut do‘, ach!

Fundstelle
Sieh den Wünschelruten-Großmeister!
Immer rund ums Moos kreist er.

Futterneid – Rehe vs. Sammler
Die pflücken alle Waldbeeren,
da müssen wir uns bald wehren!

Gärtner beim Oktoberfest
Die dort nach der Maß krähen
sollten besser Gras mähen.

Gambler in Deutschland
Was sie sich in Kiel sparten,
verloren sie mit Spielkarten.

Geänderte Urlaubspläne
Der Pornostar
zahlt’s Storno bar.

Gehaltserhöhung
Die zum Chef in Rage gingen,
dort um höh’re Gage ringen.

Gelage mit Folgen
Als sein Bund beim Schmaus riss,
die Wirtin ihn gleich rausschmiss.

Gelangweiltes Genie
Die anderen Schüler lasen noch,
da bohrt’ sie schon im Nasenloch.

Germanen ohne Kampfeslust
An den Wänden lehnende Gere,
ansonsten gähnende Leere.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Geschützter Musiker
Hinter lauter Panzerglas
spielt im lichten Glanz er Bass.

Gespräch unter Diät-Müden
Mann, schmeckt dieser Brei fad!
Auf ein Eis ins Freibad?

Gesucht, gefunden?
Da drüben steht am Rand er.
Oder ist es doch wer andrer?

A girl’s best friend
Sehr liebt uns’re Mia-Tant’
ihren Schmuck mit Diamant.

Grammatikexpertin
Sie schreibt die Phrase „sieht Glatzkopf“
einfach in den Gliedsatzkopf.

Grenzen im Zeitenwandel
Die sich einst mit Schengen mühten,
nun in Zaunbau Geld in Mengen schütten.

Grillgeheimnis
Was liegt dort auf dem Bratenrost?
Ich will nicht länger raten, Prost!

Gruppendynamik
Bei der jüngsten Wanderreise
ging sehr oft am Rand er, weise!

Guter Rat an einen armen Touristen am Souvenirstand
While you are nearly mittellos,
no buy, you have to little Moos!
(Dieser Schüttelreim wurde auch in Moff, Band 2, 2014 abgedruckt.)

Hängemattensichtung
Der Schläfer checkt mit Kennerblick:
„Das ist der Weg zum Pennerglück!“

Halluzinogen
Wow, sind diese Schnösel breit!
Sie glauben, dass es Brösel schneit.

Hausmeisterinnendrohung an alle unbeherrschten Naschkatzen
„Wenn ihr noch einmal im Paternoster esst,
gibt’s bestimmt kein Osternest!“

Heavy Rain meets Oktoberfest
Während man ihrer beim Triefen gedenkt,
werden die Tische tiefengetränkt.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Heilsbringer in der ÖVP
Bis vor Kurzem besaß die an,
sein Name war Sebastian.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Heiser
Sie gab auf diese Weise Lieder
eigentlich zu leise wieder.

Hindernisse überwinden
Steine auf uns’ren Wegen lagen,
wer konnte sie zu legen wagen?

Hitzige Debatte
Der Ton wurde da rau,
es grenzte an Radau.

Höhere Mathematik
Ob durch die Kunst der Mengenlehre
die Summe sich der Längen mehre?

Ein Hunderudel vorm Fleischhauer …
… steht brav in der Warteschlange
und harrt dort der Schwarte lange.

Im Drahtesel-Glück
Auf diesen schönen Radlwegen
woll’n flott wir unser Wadl regen.

Im Sportgeschäft
Ich geb Ihnen einen Rat, Herr: Lose
trägt niemand eine Radlerhose!

Im Weihnachtsverzug
Die heute erst ans Schenken denken,
können sich das Denken schenken.

In Rage
Es schwillt ihr schon die Halsader.
Achtung, da folgt nichts als Hader!

Interview mit Nina Proll
Er hört zu, was sie red’t,
und drückt anschließend Reset.

James Bond ohne Chance
Denn der Schuft lief
schnurstracks Richtung Luftschiff.

Jausenpause des Mechanikers
Jetzt lass mal deinen Toast ruh’n,
du sollst was gegen Rost tun!

Jazzmusikdatenbank: Der Beste kommt zum Schluss
Er kümmert sich um Master Files
und ganz zum Schluss erfasst er Miles.

Katzenpick
Voll Kleber ist der Stubentiger
seit auf diese Tuben stieg er.

Kein Bier bei Wassermangel
Auf der Stelle mit dem Hopfen traten
die Brauer, die keinen Tropfen hatten.

Kein kühler Kopf
Der Sommer macht den Fritze high,
der braucht jetzt auch mal hitzefrei.

Kirchenflohmarkt
Lass uns schnell zum Küster laufen
und dort einen Lüster kaufen!

Kirchenflucht bei der Hochzeit
Er musste dringend rausgehen,
es waren ihm ein Graus Ehen.

Kleine Lauser stören unerschrocken schlafende Helden
Racker wecken
wacker Recken.

Klistier
Der Kurgast ist jetzt arm dran,
sie wollen an den Darm ran.

Kräuterweiberl
Es traf in diesem Kaff er Hexen,
die nährten sich von Haferkeksen.

Kraftfutter am Bau
Sobald er Power-Riegel zückt,
er mühelos die Ziegel rückt.

Kraftnahrung?
Sie, die Schwere-Lasten-Heber,
liebten Fleisch, doch hassten Leber.

Kramuri
Je mehr ich nach dem Tand hasche,
desto voller wird die Handtasche.

Kreativer Kürschner
Er arbeitet mit Rohfellen,
ganz selten nur mit Forellen.

Krönungsaufregung
Er schreit: „Ich werde Kaiser heit!“
Und dann plagt ihn Heiserkeit.

Künstlerisch begabter Indianer im Saloon
Wenn ich mit den Bleichen zock,
zück ich einen Zeichenblock.

Landluft
Der Bauer stand vorm Güllefass
und roch dort der Fülle Gas.

Leistungsschau auf der Lampenmesse
Er wollte sie mit Watt blenden,
so sollte sich das Blatt wenden.

Liebeskummer
Wegen eines Schwaben reart se,
in ihrem Herzen Rabenschwärze

Lieferant im Stress
Während in großer Hast er läuft,
die Ware sich am Laster häuft.

Der lyrische Handwerker im Selbstgespräch
Während noch das Dach er maß,
sprach er leis: „Nun mach er das.“

Make Peace, Not War
Anderswo die Panzer glühen,
bei uns die Blumen ganz erblühen.

Marco liebt Bärensongs
Wer hat die Ehre des Wanda-Pokals?
Die mit den schönsten Panda-Vocals.

Mathematische Annäherung
Es scheint, es liebt die Mara Peter,
das sagen alle Parameter.

Mehlspeistiger
Weißt du, wo die Kuchen sind?
Komm und hilf mir suchen, Kind!

Meisterkoch
Nun in bester Pilz-Manier
ich gleich noch die Milz panier.

Misslungene Faschingsfeier
Sie trinken alle Glitzerwasser,
doch es fehlt ein Witz, a klasser.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Misslungene Verkehrsberuhigung?
Ich glaub, dass in dem Schilderwald
das Fluchen nur noch wilder schallt.

Mittelalterlicher Jahrmarkt
Sie lesen aus dem Handteller
und wollen für den Tand Heller!

Das Model
Will sie schöne Perlen kosen,
muss sie vor den Kerlen posen.

Model-know-how
Für dieses Wissen bürgte
eine, die nach jedem Bissen würgte.

Möglicher Raub im Darjeeling-Express
bedeute
Teebeute.

Müde Fische sind …
schwimmarm
im Schwarm.

Müde Performance
Der Chor sang lahm.
Und sehr langsam.

Müllabfuhr verpasst
Jetzt muss ich in leeren Gassen
meinen Mist noch gären lassen.

Mülltrennungsfrage:
Was ist das nun: Papier, Karton?
Dass ich das nie kapier, pardon!

Müsli-Vorbereitung
Ein Wunder, dass sie sauber blieben,
das Schwierigste am Blaubeer-Sieben.

Musikgenuss
Karten checken, flink, boid!
Fürs Konzert von Pink Floyd!

Nach Vegas
Belämmert sehr ich schau drein,
woher kommt bloß der Trauschein?

Nero sprach
Wie ich nach dem Brand lach!
Es liegt um Rom das Land brach.

Nie genug …
… bekam der Wassernarr,
ganz egal, wie nass er war.

Nie wieder Alkohol
Während größter Übelkeit
schwör ich erneut den Kübel-Eid.

Nie wieder angebranntes Essen
Wenn ich die Soße heller koch,
kommst du aus dem Keller hoch?

Norddeutsches Mitbringsel nach dem Osterurlaub
Der Korb schön voll mit bunten Eiern
stammt wohl von da unten: Bayern.

Obacht bei Retro-Musik
Als Band ’ne alte Sach’: „Wham!“
Wenn du sie hörst, sei wachsam.

Öffis bei Starkregen
Ist es auch im Bus fad,
erspart er doch das Fußbad.

Optimale Aufstiegsbedingungen
Wo ich jetzt auf den Baum kletter,
gibt’s viel Geäst und kaum Blätter.

Outdoor-Wellness
Den Hintern mussten sie sacken lassen,
sodass sie in den Lacken saßen.

Passionierter italienischer Zahnarzt
Io amo ihre Backenzähne!
Ich mach ihre Zacken bene.

Patriotisches Straßenrennen
Sie fahren auf vier Bahnen
und schwenken ihre Bierfahnen.

Pazifismus durch Flowerpower?
Der Offizier beim Gruppentanz
vergisst auf seine Truppen ganz.

Physikfans beim Konzertbesuch
Er fragt sie, wie sie Niels Bohr fänd.
Sie: „Viel cooler als die Vorband.“

Politikerpflichten oder Vergnügen?
Auf den nächsten Ball wart i.
Doch jetzt gibt’s erstmal Wahlparty!

Putins Nightmare
Die Wohnung kalt, sie sparten Gas
und hatten dann im Garten Spaß.

Regalsuche im Einrichtungshaus
Es kämpft sich durch den Billy-Wald
ganz frohgemut der Willibald.

Reggae-Roadies
Sie schütteln ihre Rasta-Locken
und woll’n schon auf dem Laster rocken.

Renovierung überflüssig
Kaum sah er diesen Wurmstich,
das Haus auch schon dem Sturm wich.

Sagenhaftes Fest
Heut spielen uns die Leier Faune,
selbst die sind schon in Feierlaune.

Salzige Kost
Isst man schon seit Tagen Wurst,
verspürt man einen vagen Durst.

Sammelsüchtiger im Altstofflager
Schau mal, was der ’ranzaht!
Dabei braucht er nur ein Zahnrad.

Schlaflos im Orient-Express
Gleich unter dem Wagendach
lag er seit vielen Tagen wach.

Schlechtwetter im Weingut
Ganz schnell wird aus dem Trauben-Heger
ein überzeugter Haubenträger.

Schleudertraum – ah
Die Imker schnell die Waben holten,
weil sie den Honig haben wollten.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

„Schlussverkauf!“
Ich glaub, dass die Fahne nur als Gag weht,
damit die Ware schneller weggeht.

Schmähtandler
Die Geschichten des Schweißers, der auf Funken stand,
sie erlogen und erstunken fand.

Schmale Kost
Arm speist er,
der Sparmeister.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Der Schmerz verwirrt die Sinne
Was ist denn das, ein Wahnzurzel?
Der Schüttelreim auf Zahnwurzel!

Der Schnäppchenjäger
Weil er den Bogen raus hat,
spart er viel beim Hausrat.

Schräger Anblick
Ich kann von der Weite sehen
wie Flaggen auf der Seite wehen.

Schuhputzers Pause
Er mag viel lieber Krapfen schlemmen
als der Kunden Schlapfen cremen.

Schweres Gerät
Nun zittere und bebe, Hüne!
Jetzt komm ich mit der Hebebühne.

Sommerliche Esoterik-Szene
Mäher surren,
Seher murren.

Sommernachtstraum
Wie der Verführer leise hofft,
folgt sie ihm ins heiße Loft.

Sommertrend Insektenessen / oder: Tequila-Party im Strandbad
Kein bisschen graust dem Bademeister,
selbst in die fette Made beißt er!

Spekulation am Heiratsmarkt
Schluss ist mit den billigen Wetten!
Es kaufen jetzt die Willigen Betten.

Sponsionsfeier
Es ist nicht nur ein schöner Campus,
hier trinken auch die Könner Schampus.

Sportlerhochzeit
Mit diesem güld’nen Fingerring
sie sich einen Ringer fing.

Ständchen
Trompeter spiel‘n zum Muttertag,
weil Mama diese Tuter mag.

Straßenbaufehler
Wenn ich hier beim Planen patz’,
wird daraus ein Pannenplatz.

Stumme Krone
Die kaiserliche Hoheit
ist heiserlich k.o. heit.

Teures Vergnügen im Grandhotel
Mir machte das Lesen Spaß,
bis ich von den Spesen las.

Tierlieb
Das Kind seh ich im Spiegelbild,
wie es mit seinem Beagle spielt.

Traumfrau
Kurven findet Fred erbaulich,
davon schwärmt im Bett er: „Fraulich …“

Tropfenterror
Es dachte voller Hass er: Wann
repariert man meinen Wasserhahn?

Überessen
Etwas weh schon tut der Magen
vor allem nach den Muttertagen.

Das ungeduldige Model
„Mach schnell! Na schäl
mich endlich aus Chanel!“

Ungern unterwegs
Wir lagen zuerst im Zug flach,
doch ist auch dieser Flug zach.

Unikat
Schreiberlinge gibt’s en masse.
Nur einen aber wie Menasse. ;-)))

Unterzuckert
Mann, der kann fluchen!
Sie aß den letzten Flankuchen.

Unverfrorener Voyeur
Der jungen Frau den Sichtschutz nehmen!
Dafür soll sich der Nichtsnutz schämen.

Upcycling
Mal ich auch noch Ocker hin,
ist auch dieser Hocker in.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Urlaub unter Palmen
Wer Freizeit jede Menge hatte,
der spannte sich ’ne Hängematte.

Urlaubsausklang
Erst als die Sonne hinter Bonn sank,
verließen wir die Sonnbank.

Verblichene Mona Lisa
Nach diesem schönen Fund malten
sie gleich ihr neue Mundfalten.

Verdeckte Ermittlung bei Kain
Verhüllt er mittels Stirnband,
was ihm auf der Birn’ stand?
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Verirrt
Wer es heute nimmer allein ham schafft,
fragt nach dem Weg ganz schamhaft.

Verkehrszeichenhinweis
Mit all seiner Macht weist er
auf das Schild, der Wachtmeister.

Verkehrte Welt oder globale Unterschiede
Sie steht da unterm Sichelmond,
während sich der Michel sonnt.

Verlagsräuber
Die Tat wurde dann ruchbar,
als so manches Buch rar.

Verliebt in Christa
Gibst mir deine Nummer, Kummer?
Sonst wähl ich die Kummernummer.

Verlust des Geruchsinns beim gemeinsamen Schmausen
Neben dem Bohne-für-Bohne-Esser
wär’s schön langsam ohne besser.

Verteidigung in der Kritik
„Was ist mit den Manndeckern?“
„Erst Schlusspfiff, dann meckern!“

Verzwickt
Sie: Der Reißverschluss, der klemmt heit …
Er: Ich helf dir aus dem Hemdkleid.

Viel Spaß beim Einbruch
Ich hör, wie dieser Schuft lacht,
er nähert sich dem Luftschacht.

Vielfraß
Nach kiloweise Hollerkoch
kam ihm gleich das Cola hoch.

Völlegefühl im Allgäu
Die Lust, sich zu laben, schwand
auf der Fahrt durchs Schwabenland.

Vogelwärter mit Schlafentzug
Der immermüde Leo pennt,
während er beim Beo lehnt.

Von den 80ern in die 90er
War ich einst ein Manta-Fan,
so bin ich jetzt ein Fanta-Man.

Vor den Feiertagen
wird’s im Weihnachtsland dichter
und im Geschäft beim Tand lichter.

Vorsicht, Wolle!
Das Jackerl zuerst zum Testen waschen:
vorerst nur die Westentaschen.

Wald vs. Straße
Gleich hinter dem Warnschild
quert in Schar’n Wild.

Waldesruh
Als ich hier so rumstehe,
grasen bei mir stumm Rehe.

Warnung vor dem Haustier
Pass auf auf die Katzenkralle,
lass dich bloß nicht kratzen, Kalle!

Warten auf den Kellner
Ich ess jetzt mal ein Honig-Toffee,
wobei ich auf ein Tonic hoffe.

Wartezeit aufs Essen
Den Hunger der Jungspunde stillen,
wird’s erst in einer Stunde spielen.

Weichkäse-Genuss am FKK-Strand bei 38 Grad im Schatten
Manchmal ess ich Brie da nackt,
so lange, bis es mich niederprackt.

Wollefilzen einmal anders
Ob das Schaf schon Bammel hat
vor dem heißen Hammelbad?

Wunschvorstellung
Er träumt von der Ex sehnlich,
intensiv und sexähnlich.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Zufriedene Tischler
Die schönsten Möbel beizen wir,
danach gibt es viel Weizenbier.

Zu Ostern
Da sucht mit seiner Hand er: Wo denn
sind heute meine Wanderhoden?

Zu spät zum Marathon
Die morgens viel zu lange schliefen
als Letzte in der Schlange liefen.

Zu viel Süßes
Ich schau, dass ich den Toaster orte
nach der Riesen-Ostertorte.

Zu viel Zielwasser
Ob er auf der Kegelbahn
auch mit diesem Pegel kann?

Zu viele Nacktschnecken …
Es kam der Tag, als die Laufenten
sich auflehnten.

Zwei Tüftler am Werk, letzterer abgeklärt
„Ich glaub fast, du hast es bald!“
„Wenn es passt, dann passt es halt.“

Zweifelnder Goethe-Fan im Regen
Warum ich nur nach Weimar reise?
Dort schüttet es doch r-eimerweise!

Carmen Rosina

www.verdichtet.at

Auszeit

Ihre Begegnung war flüchtig, nahezu beiläufig. Schlicht, unspektakulär, und doch auf einer Seelenebene, die eine ganz besondere Tiefe erspüren lässt. Wie selbstverständlich trafen sie sich, als hätten sie sich verabredet. Um sich noch ein einziges Mal in die Augen zu sehen. Vielleicht ein letztes Mal. Nichts deutete auf eine belanglose Zufälligkeit hin. Vielmehr schien es lange geplant und doch unerwartet, vertraut und doch fremd, verbindend und doch trennend zu sein.

Für einen Moment stand die Zeit still. Als hätte jemand die Zeiger ihrer Armbanduhren festgehalten, um Schicksal zu spielen, während sich ihre Herzen einmal von innen nach außen kehrten und in sonst verborgene Tiefen blicken ließen.

Im Vorbeigehen treffen sich ihre Blicke, die eine Geschichte erzählen, Gelebtes und Ungelebtes preisgeben. Ein Lächeln, noch zurückhaltend. Erstmal abwarten. Prüfen, ob es sich in Vertrautes vortasten, Wärme verbreiten kann. Bewegungen in Zeitlupe. Innehalten. Den Moment einfangen und für immer festhalten. Vertrauten Duft einatmen. Erinnerungen wachrufen. Die vollen Lippen, leicht vorgeschoben, nicht zu viel, gerade richtig. Sinnlichkeit wecken. Der linke Mundwinkel ein kleines Stück höher als der rechte. Sein Gesicht, auch mit den Spuren des Alters, immer noch schön. Falten, die von dem Leben erzählen, das vergangen ist, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen haben. Von zwanzig langen Jahren. Fragen schießen wie Blitze durch ihren Kopf. Träumst du immer noch die gleichen Träume? Welcher Mensch steht dir so nah, dass er dich verletzen darf? Wie sehen deine Kinder aus? Was bewegt dich? Denkst du manchmal noch an uns?

Dann fliegen ihre Gedanken in diese längst vergangene Zeit, die – in ein schwarzweißes Gewand gehüllt – vor ihr steht, unverfroren anklopft, um ihr noch einmal einen kurzen Besuch abzustatten. Sie möchte eindringlich daran erinnern, dass es noch etwas gibt, das erst zur Ruhe kommt, wenn es noch einmal Beachtung findet, um mit Haut und Haar durchdrungen zu werden. Bis es sich kompromisslos einfügt, aufhört zu strampeln, in Freiheit losgelassen und ein akzeptierter Teil ihrer ganz persönlichen Geschichte werden kann.

Schlagartig wurde ihr die Dringlichkeit, den Finger in ihre tiefste Wunde legen zu müssen, bewusst. Den Schmerz noch einmal auszuhalten, ihm direkt in die Augen zu sehen, um ihn zu besänftigen. Damit sie die Zügel in der Hand halten konnte, nicht er, und endlich ihren Frieden finden würde.

Es war eine besondere Liebe, die sie damals verband. Sie kam nicht urplötzlich aus dem Nichts, um mit Macht einzuschlagen und dann monatelang den Verstand zu rauben. Vielmehr loderte ihr Feuer auf kleiner Flamme, dafür beständig, verlässlich und in einem kräftigen Rotorange, das ein solides Fundament formte und bis in die Wurzeln wärmte.

Sie kannten sich aus Kindheitstagen, und ihre Liebe war von Anfang an ganz selbstverständlich da. Stark und unanfechtbar hüllte sie ein, schützte, versicherte und schweißte nah und vertraut zusammen. Sie war Gesetz. Man musste nicht viele Worte davon machen. Sie verströmte ihren ureigenen Duft, der sie auf mystische Weise heiligsprach und unverwundbar machte. Ein Geschenk des Lebens.

Vielleicht hatten sie diese Kostbarkeit verkannt, waren zu gleichgültig und unachtsam mit ihrem wertvollen Schatz umgegangen. Hatten der Selbstverständlichkeit, die nach und nach den Glanz raubte, immer den Vortritt gelassen. Vielleicht waren sie zu jung, zu ausgehungert für eine Liebe in dieser Schlichtheit und Eleganz. Denn es kam der Tag, an dem sich das Band zwischen ihnen lockerte, weil es eine andere Beschaffenheit annahm. Jeder hatte eigene Pläne und spürte auf eine selbstbezogene, kompromisslose Art die Lust auf das Leben. Sie breitete sich aus, im Bauch, im Herzen, strömte unaufhaltsam in jede Faser und ließ unbändige Kräfte wachsen, bis das Band zwischen ihnen dünn und porös wurde, weil jeder mit Macht in eine andere Richtung zog.

So trennten sich ein erstes Mal ihre Wege. Auch wenn es schmerzte, war es notwendig. Es war wie ein innerer Ruf, dem ungefragt Folge zu leisten war und der kein Zögern zuließ. Vielleicht war ihre Liebe zu alltäglich für diesen Schritt in die Mitte des Farbkreises, auf der Suche nach sich selbst und nach seinen eigenen Grenzen. Bereit, Kostbarkeiten leichtfertig aufzugeben für einen Sprung in ein Blütenmeer, um mit allen Sinnen zu entdecken und aufzusaugen, was Leben ist. Abenteuerlich hochschießende Flammen wurden interessanter als kleinere, in Beständigkeit flackernde.

Sie hatten sich nichts vorzuwerfen. Denn nur wer sich von der Fülle betören lässt, hat wieder ein Auge für das Gänseblümchen am Wegesrand, das gerade durch seine Schlichtheit berührt und mit seiner Blüte auch für längere Zeit Freude schenkt. Was ist daran falsch, der eigenen Stimme zu folgen? Zu experimentieren, zu kosten, zu genießen und nach drei Schritten voran auch mal wieder vier Schritte zurückzugehen? Das ist Leben! Und wie tragisch wäre es doch, am Ende dazustehen und sich eingestehen zu müssen, dass die Suppe zu fad schmeckt, weil nicht die gesamte Palette des Gewürzspektrums zum Einsatz kam.

Nun, sie hatten beides. Jeder ging seinen eigenen Weg, der ihnen eine Gewürzvielfalt bot, und suchte gleichzeitig die urvertraute Nähe, die in dem jeweils anderen zu finden war. Sicherheit und Altbewährtes wirkten ausgleichend zum unvorhersehbar unruhigen Wellengang.

Es war wie ein unaufhaltsamer Sog, der sie immer wieder zusammenführte. Anfangs in Form von Briefen. Unverfängliche, formelle Geburtstagsgrüße oder Urlaubskarten, die zeigten, dass man immer noch an den anderen dachte. Kurz, aber regelmäßig bemühten sie sich damit um das Wahren einer Freundschaft, die durch die Entfernung wieder mehr Wertschätzung und Qualität erfuhr. Die Frequenz dieser schriftlichen Kontakte wurde mit der Zeit dichter, der Inhalt immer intimer. Sie begannen, sich ihre Sorgen und Nöte mitzuteilen, sodass ihre Briefe schon bald zu einem verlässlichen Rettungsanker heranreiften, den man herbeisehnte, brauchte, wie die Luft zum Atmen, und ohne den man eines Tages nicht mehr sein wollte. Sie behüteten ihn, wie einen kostbaren Schatz, pflegten und schätzten ihn. Und die Distanz wickelte ihn in ein Papier von besonderem Glanz, das auf eine unerschütterliche Weise seine Unfehlbarkeit unterstrich.

Die Treffen, die den Briefen folgten, waren eine selbstverständliche Weiterführung ihrer Beziehung, eine unscheinbare Steigerung an Intensität, die es nicht zu hinterfragen galt. Sie waren der nächste Schritt in eine richtige Richtung, die natürlicherweise Sinn ergab. Im Nachhinein betrachtet, lief es sogar von Anfang an darauf hinaus, und es schien, als dienten all die zaghaft formulierten Zeilen einzig und allein dazu, eine neue Ebene der Berührung und des Gesprächs von Angesicht zu Angesicht Realität werden zu lassen.

Von nun an trafen sie sich in jedem Sommer. Es war wie ein regelmäßig wiederkehrender Urlaub am gleichen Ort, den man in- und auswendig kannte und gewohnheitsgemäß jedes Jahr wieder aufsuchte, weil man sich auf genau das freute, was einen dort erwartete. Den Salat Nizza in der Pizzeria am Kirchplatz mit genau dem Dressing, das man lieben gelernt hatte und wonach sich die sensibilisierten Geschmackszellen seit Wochen so sehr sehnten. Alle Details hatten sich in die Sinne gebrannt und wollten wieder belebt werden. Die stumpfe Gewohnheit schien in ihnen eine ungeahnte Quelle an Lebendigkeit zum Sprudeln zu bringen, die einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in ein aufgeregtes Flattern versetzen konnte, was ein unbändiges Glücksgefühl verströmte.

Jedes Jahr zur gleichen Zeit lebten sie eine Auszeit von ihrem Leben, das sie bis zum Anschlag überreizte, forderte und jegliches Fühlen in ihnen lahmlegte. Sie ließen die Zeit stillstehen, genossen Momente der Ruhe und Muße, während sie in einer schillernd bunten Seifenblase innig beisammen waren, redeten, schwiegen, liebten und lebten. Körper und Seele wurden reingewaschen von allen Belastungen, die Zellen erneuert und Grenzen im Denken und Fühlen aufgehoben. Es war wie ein Paradies, in dem das Gänseblümchen durch eine Vielzahl anderer Blütenschönheiten seine höchste Stufe der Veredelung erfuhr.

Ein zeitlich befristetes Paradies jedoch, von dem man sich jedes Mal, wenn der Sommer sein Ende fand, wieder verabschieden musste. Doch überraschenderweise war es niemals mit Schmerz verbunden. Vielleicht mit einer kleinen Prise Wehmut, die aber durch ihre Schnelllebigkeit kaum Gewicht erhielt. Denn schon nach kurzer Zeit hatte sich in vielerlei Hinsicht ein gewisser Grad an Sättigung eingestellt. Man war ausgefüllt mit Glück, hatte genug Ruhe und Zweisamkeit getankt, den Blick wieder für das Wesentliche geschärft und war bereit für einen neuen Farbanstrich. Es erinnerte an eine reife Frucht, die dankbar darüber war, endlich gepflückt zu werden, bevor sie schonungslos vom Baum fiel, um aufzuplatzen und dann keine Beachtung mehr zu finden. Und die Schmetterlinge fielen wieder in einen Dornröschenschlaf.

Ihr Abschied voneinander verlief in den meisten Fällen wortlos und karg. Wie ein zu kurz geratener Haarschnitt. Eine schnelle Umarmung, eine flüchtige Berührung, während die Körper bereits halb abgewandt waren. In ihren Augen formten sich schon die Bilder dessen, was sie in ihrem für kurze Zeit auf Standby geschalteten Leben erwartete. Das puristische Verabschiedungsritual stand in keinem Verhältnis zu ihrem lebendig symbiotischen Beisammensein der vorausgegangenen Wochen. Fast vermittelte es den Eindruck, als wollten sie voreinander fliehen, um sich voller Freude und Lust dem Kontrastprogramm auf dem anderen Kanal zuzuwenden. Als müssten sie sich gewaltsam und möglichst unbeschadet aus ihrer gegenseitigen Anziehung befreien, sich wegreißen von dem, was vor einer Sekunde noch als eine lebenserhaltende Maßnahme definiert war. Weil es außerhalb der Seifenblase plötzlich an Bedeutung verlor. Oder aber, weil es gerade dort erst bedeutungsvoll wurde, mehr als sie es sich eingestehen wollten. Und mehr als sie in dieser Episode, die das Leben für sie schrieb, zulassen konnten, weil es alles auf links gekrempelt hätte, was so wunderbar perfekt und schnörkellos eingerichtet war.

So hätte es problemlos weitergehen können, noch viele lange Sommer. Jedes Jahr zur gleichen Zeit die Repeat-Taste drücken und immer wieder das gleiche Programm abspulen lassen. Doch ein unvorhersehbares, einschneidendes Ereignis beendete ihre traumhaften Auszeiten abrupt, noch bevor Ermüdung oder Abnutzung die Chance bekommen hatten, sich auf leisen Sohlen zur Tür hereinzuschleichen.

Das Schicksal zeigte kein Erbarmen und schlug ihnen mit geballter Faust mitten ins Gesicht. Ein ungeborenes Kind zu verlieren, zählt wohl zu den härtesten Prüfungen im Leben einer Frau. Manch eine zerbricht daran. Geburt und Tod – die entscheidenden Momente des Lebens – geschehen gleichzeitig. Das Herz zerreißt, der Körper rebelliert, schmerzt und versteht nicht, was da passiert. Jede Zelle trauert und will nicht loslassen. Die eigene, bisher unbekannte Angst vor dem Sterben erscheint zum Greifen nah.

Sie fühlte, wie ein Teil von ihr mitstarb und für immer fortging. Sie war bereit, auch den anderen Teil zu geben, für einen einzigen, kostbaren Moment mit ihrem Kind. Die unstillbare Sehnsucht danach, es in ihren Armen zu wiegen, zerfraß ihre Sinne und raubte ihr den Verstand. Die Leere in ihrem Bauch war unerträglich. Sie wollte niemandem begegnen, der über Alltägliches berichtete. Sie wollte ungestört sein mit ihren Gedanken an ihr Kind. Manchmal verhielt sie sich so, als wäre es noch in ihrem Bauch. Das Herz konnte nicht folgen und wurde vom Verstand im Stich gelassen.

Sie war allein mit ihrer Trauer, denn er hatte Aufgaben und Pflichten, musste seine Rolle spielen in dem Film fernab ihrer gemeinsamen Zeit. Sie vermisste es, von ihm gehalten zu sein. Allein eine Berührung hätte genügt, um in diesen bitteren Stunden ein wenig Trost zu spenden. Sie sehnte sich danach, gemeinsam zu trauern, dem schrecklichen Schmerz den Raum zu geben, der ihm gebührte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so verletzbar und schutzlos gefühlt und so unverstanden vom Rest der Welt.

Doch sie musste akzeptieren, dass die Trauer ihre Wege trennte. So nah sie ihr Kind noch vor einiger Zeit zusammengebracht hatte, so weit entfernt fühlte sie sich jetzt. Sie war allein mit ihren unberechenbaren Gefühlsschwankungen, Ängsten und Zweifeln, die dieser riesengroße Verlust in ihr auslöste. Mit Macht überfiel sie eine unbändige Einsamkeit, und ihr trauerndes Herz schlotterte.

Viel Zeit musste ins Land gehen, bis sie begriff, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Ein weiteres Mal trennten sich ihre Wege, und sie wusste, dass es endgültig war, auch wenn ihr Herz noch damit haderte. Doch das Erlebte hatte über ihre gemeinsame Zeit einen dunklen Schatten geworfen, der sich auch in ihrer Seele spiegelte und Tag für Tag wie ein schwerer Stein auf ihr lastete. Auch wenn sie längst eine andere geworden war. Sie war einer schweren Aufgabe er-wachsen, und die Flügelschläge wurden allmählich leichter. Mehr als jemals zuvor war sie imstande, sich auf sich selbst zu besinnen, an sich zu glauben und aus sich heraus Kraft zu schöpfen. Die harte Arbeit aus der Krise heraus leitete noch weitere Umbrüche ein. Sie war im Fluss und wurde vom Leben getragen, was ihr genug Vertrauen schenkte, um wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken zu können.

Dann prallten sie aufeinander, diese verschiedenen Leben, um endlich heil und ganz zu werden. Sie waren es müde, so zu tun, als gäbe es den anderen nicht; gehörten sie doch beide konkurrenzlos in den Fluss des Lebens.

Sie hatte die Wahl, stehen zu bleiben, um ihm stundenlang ihre Geschichten zu erzählen, die einen Band in ihrer gemeinsamen Buchreihe des Lebens gefüllt hätten. An das gemeinsame Stück Weg anzuknüpfen, eine Brücke zu bauen hin zu vertrauter Nähe, nach all der Zeit. Ausbaufähig. Doch wozu? Ihre Geschichte war abgelebt. Eine Fortsetzung gab es nicht. Es wäre ein hilfloser Versuch gewesen, die verstrichenen Jahre außer Acht zu lassen, so zu tun, als hätte es danach nichts mehr gegeben.

Tiefe Traurigkeit beschlich schlagartig ihr Herz. Weil sich die Uhr nun mal nicht zurückdrehen lässt. Selbst damals hatte sie nicht so sehr damit gehadert wie in diesem Moment. „Schau! Ich möchte dir meinen größten Lebensschatz vorstellen. Das Beste, das ich jemals vollbracht habe“, wollte sie sagen, als ihr Blick zu ihren beiden Kindern wanderte, die fünf Meter entfernt mit seinem kleinen Hund spielten. „Es könnten unsere sein“, hätte sie dann noch angefügt, in der Hoffnung, dass sie der Klang ihrer Stimmen einander näherbringen würde.

Doch die höhere Macht, die Schicksal spielte, ließ die Zeiger ihrer Armbanduhren los, und die Zeit lief unaufhaltsam weiter. Erbarmungslos. So beließen sie es dabei, nur ihre Herzen sprechen zu lassen, und bemerkten erstaunt das feine, dünne Band, das immer noch zwischen ihnen bestand. Wahrscheinlich über das Leben hinaus.

Dann ging ein jeder seines Weges, ohne sich noch einmal umzudrehen. Darüber staunend, welche Tiefen des Herzens auch eine längst zu Ende gelebte Liebe spüren lassen kann, wenn der Moment dafür gekommen ist. Doch die Weggabelung, vor der sie einst standen, lag längst hinter ihnen. Damals hatte sie sich für einen eigenen Weg entschieden. Ohne ihn. Und zum ersten Mal konnte sie sich, ohne innerlich zerrissen zu sein, eingestehen, dass es gut war.

Claudia Lüer
Informationen zu Veröffentlichungen und Buchbestellungen

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25079

 

Männerhölle

In den Unruhstand gerettet,
gleich mal seh’n, wohin man jettet,
jedoch davor noch eine Hürde.
Ob man dennoch nicht mal würde,
zur Gesundenuntersuchung geh’n?,
meint das Weib, du musst versteh’n,
ich will einen fitten Alten, am Strand,
und überhaupt,
nicht nur bloß zum Handerlhalten.

Männer sind ja, wie man kennt,
vor Beratung resistent.
Sollt’ ich meinen Stand verraten?
Lieber ins Kaffeehaus waten?
Besser noch, ins Kino geh’n?
Doch mein Hasi riecht den Braten.
Den Befund? Den will sie seh’n!

Cowboyschritt hin zum Labor.
Enge Jeans und Stiefeletten,
wie Clint Eastwood, täuscht man vor,
Unrasiert würd’ man auftreten,
hart und rau. Oui, je suis d’accord!
Da unten mal für Ordnung sorgen,
wie Kilgore, bei Coppola.
Lieutenant Colonel glaub ich?
Griff ans Gemächt, na hoppala!

Beim Blutdruck fragt die Laboröse,
was ist das denn für ein Getöse?
Jetzt sagen Sie, wos homma do?
Anwort; Nix, is immer so!
Bloß nichts zugeb’n, wär ja g’lacht,
dass man sich noch Sorgen macht!
Erleichtert geht man auf ein Bier,
Prostata! Drauf trinken wir!

Auf diesem Mail hier steht kein Kitsch,
ernstzunehmende Messitsch!
Geht recht hart an den Humor.
Roter Marker beim Tumor!
Was zum Henker steht geschrieben?
PSA, mit Nummro sieben?
Herz rutscht hurtig in die Hose.
Nur ein Griff zur off’nen Dose
bringt,
Linderung in höchster Not.
Grauenhaft, was sich hier bot!
Das zu lesen, jetzt und hier!
Prostata! Drauf trinken wir!

Die Frage ist, was kann man tun?
Hasi steht nur ratlos rum.
Vielleicht einmal paar Freunde fragen,
hören, was Erfahr’ne sagen.
Innsbruck wär der heiße Tipp!
Dorthin führt der nächste Trip.
Eastwoodgang scheint längst passé.
Schauspiel offline, waß ma eh.
Gang sieht aus nach Kreuze kriechen,
Einstellmodus Richtung Siechen.

In Innsbruck trifft ein Radiologe
schon nach kurzem Dialoge
rasch auf eine heikle Stelle,
von der er schließlich hielt,
dass sie zu beachten gilt.
Er überweist, mir vis-à-vis,
mich zu einer Biopsie,
wobei er hofft, von mir zu hören
um die Sache abzuklären.

Banges Warten im Spital,
Gleich beginnt das Infernal.
Die Position im birthing stool
is’ alles andere als cool.
Sechzehn superschnelle Pfeile
schießen, sehr zu meinem Leide,
tief in meine Eingeweide.
Stundenlang dauert der Schmerz,
noch danach, ganz ohne Scherz.
Schon seh ich meinen Stern im Sinken,
Prostata! Drauf woll’n wir trinken.

Bei Therapist in shabby chic,
hab ich leider gar kein Glück.
Unverblümt macht sie mir klar:
Gleason-Score, Wert drei sogar,
general anesthesia.
Photonendosis volles Rohr,
das kommt mir ziemlich komisch vor.
Worin frag ich, liegt hier der Sinn?
Hinterher is alles hin.
Artig sag ich: Dankeschön!
Bye, bye, bis bald, auf Wiederseh’n.
Keine Sekunde bleib ich hier.
Prostata! Drauf trinken wir!

Geht’s nicht weiter, wird’s nicht besser,
sucht man nach einem Professor.
So einer ist rasch gefunden.
Der verrechnet nach Sekunden
und der Deal wird rasch verhandelt,
Gleason drei wird nicht behandelt!
Freu mich, da gibt’s eine Chance,
nämlich, active surveillance.

Schnell vorbei ist brav und bieder,
es erwacht Clint Eastwood wieder.
Auf dem Weg hierher es gab,
wie gerufen, auch ein Pub.
Tisch und Hocker vor der Tür,
Prostata! Drauf trinken wir!

Nun sind fast zwei Jahr’ vergangen,
und Corona abgefangen.
Wieder geht man ins Labor.
Scheiße! Nun steht elf davor!
Vor der Elf steht der Professor,
seine Worte, like Kompressor.
Herz klopft wild, mein Kopf wird rot,
in zwei Jahren sind Sie tot!
Wenn wir nicht sofort was tun,
werden Sie auf ewig ruh’n.
Angst sitzt in den Eingeweiden,
sehe schon mein End’ erleiden.
Im Kopf geht’s wie im Kreis herum!
Alles umsonst? Es ist zu dumm!
Weib, Kind und Studium.
Grad jetzt, wo fern die Freiheit rief,
nun droht des Todes fieser Mief.
Wie’s weitergeht? Am End’ kein Licht!
Prostata! Wir trinken nicht.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25077

 

 

K A F F E E

Aus den Erinnerungen eines Wiener Süchtigen

Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen – es war gegen Kriegsende und ich war circa zwei Jahre alt – ist der Geruch frisch gerösteter Kaffeebohnen. Mein Vater stand am Herd, hatte zwei Ringe herausgenommen, eine kugelige Apparatur in die Öffnung gesetzt und drehte an einer langstieligen Kurbel. Der brandig-beißende Geruch war mir kleinem Wurm noch nie begegnet und hat sich wohl deshalb auch in mein Gehirn eingebrannt. Die Nase leitet ja viel schneller als Worte oder Schrift, die erst ihren Umweg durch den Filter des Gehirns nehmen müssen, und auch viel tiefer ins Gemüt, wo die Bilder und Sehnsüchte ihren Platz haben.

In der Nachkriegszeit war karges Leben angesagt. Es war jedes Mal ein Freudentag für meine Mutter, wenn sie sich ein paar Schillinge für ein Achtelkilo Meinl-Dreistern abzwacken konnte. Ich hatte das Privileg, am Samstag „zum Meinl“ in die nahe Filiale zu gehen, wo es so gut roch. Ich sah genau zu, wie der Filialleiter mit dem roten Schnurrbart und dem braunen Mascherl aus dem großen goldfarbenen Behälter die Bohnen rieseln ließ, sie abwog und nach meiner Aufforderung „auf sieben bitte“ in die Mühle schüttete. Der Firmengründer Julius Meinl sah von seinem großen Foto, das in jeder Filiale hing (wie heute der Bundespräsident in den Amtsräumen), auch genau zu – es wurde damals großes Augenmerk auf Qualität und fachkundiges, höfliches Personal gelegt. So sehr, dass ich nach der Unterstufe Gymnasium als Lehrling abgelehnt wurde, weil ich einen Zweier in Betragen hatte. (Später war man nicht mehr so heikel, da sprachen die meisten Meinl-Mitarbeiter serbokroatisch oder arabisch.)

Am Samstagnachmittag, wenn mein Vater von der Arbeit kam, wurde das Kaffeewasser aufgesetzt, bevor es zum Kochen kam mit einem kleinen Bröckerl Titze-Feigenkaffee verbessert und in die vorgewärmte Karlsbader-Kanne „schluckweise“ aufgegossen. Erst Jahrzehnte später habe ich wieder Kaffee solcher Qualität bekommen. Und noch besser als der Geschmack war der Geruch!

Jahre später bekam meine Mutter im Konsum, wo sie Arbeit gefunden hatte, vom Inspektor einen gehörigen Rüffel, weil sie – im Konsum-Arbeitsmantel – mittags rasch zum Meinl um ein Packerl Kaffee gelaufen war! „Was sollen sich denn unsere Kunden denken? Dass Ihnen unser Kaffee nicht gut genug ist?“

Das war in den Fünfzigerjahren. Später wurden in der Konsum-Rösterei ausgezeichnete Kaffeemischungen hergestellt, deren „Cirkel-Diplomat“ zwanzig Jahre lang mein Frühstückskaffee war. Einmal konnte ich mich sogar persönlich von den Spitzenleistungen dieser Rösterei überzeugen. Als der vakuumverpackte Mahlkaffee aufkam, war der Konsum einer der ersten in Österreich, der sich so eine teure Verpackungsmaschine leistete, und ich gehörte einer Gruppe an, die zur Besichtigung zugelassen war. Nachdem ich die Vorzüge und technischen Daten der Maschine gesehen und gehört hatte, sah ich mich in der großen Halle etwas um. Eine Gruppe weißgekleideter Frauen arbeitete an einem langen Tisch, an dessen Ende eine große Karlsbader-Kaffeekanne stand. Ich fühlte mit einem Finger, sie war warm. „Dürfte ich bitte kosten?“, fragte ich höflich. Eine der Damen goß mir freundlich eine Tasse ein, und ich probierte pur, ohne Zucker und Milch. „Das ist der beste Kaffee, den ich bisher getrunken habe“, sagte ich begeistert, und die Frauen schmunzelten: „Was glauben Sie, wir nehmen doch nur vom Besten, wir sitzen ja an der Quelle.“

Nach der guten alten kaiserlichen Karlsbader-Kanne mit Porzellanfilter kam der Melitta-Aufsatzfilter auf den Markt, der weniger, weil feiner gemahlenen Kaffee verbrauchte und man konnte das ganze Wasser auf einmal aufgießen. Die Firma Lilienporzellan kreierte bald komplette Kannen, die sehr beliebt waren und so gut zum pastellfarbenen Geschirr „Melange“ passten. Mit der aufkommenden Motorisierung brachten dann immer mehr Italienurlauber die Aluminium-Espressomaschinen heim, die bald auch in den Büros unentbehrlich wurden. Und dann kam der Siegeszug der elektrischen Filterkaffeemaschinen, der bis heute andauert, nur in den Büros machten sich die moderneren Saeco-Vollautomaten breit. In den Haushalten haben sie sich nicht wirklich durchgesetzt, was wohl am infernalischen Geheule der eingebauten Mühlen liegt. Und der sogenannte „ice-coffee“ in Dosen ist wohl eher nur ein Sommerblüher, da ändert auch der plakative Aufschrei eines knochigen Models: „Kaffeekanne? Ich hab doch einen Kühlschrank“ gar nichts. Und wie wurde im Jahr 2003, als ich an einer Volkshochschule einen Kaffeesiederkurs machte, dort der Kaffee für die vielen Verkostungen zubereitet? Ja, in der alterprobten, geschmacksneutralen Karlsbader!!! Weil nämlich Kaffee von Fachleuten niemals heiß, sondern immer nur warm bis lauwarm verkostet wird – nur dann hat man den vollen Geschmack! Und wenn der Kaffee etwas grobkörniger gemahlen ist (wie für das Porzellansieb der Karlsbader erforderlich), enthält er auch weniger Bitterstoffe.

Aber trotz der gewaltigen Auswahl an Kaffeemaschinen in den heutigen Mega-Super-Elektro-Märkten, in Fachgeschäften und sogar schon in Baumärkten: Wer eine gute Kaffeemühle sucht, hat keine Qual der Wahl: Eine veraltete Messermühle und zwei elektrische Mahlwerksmühlen, das war’s. Da möchte man oft lieber Großmutters Handmühle wieder zwischen die Knie nehmen.

Apropos Handmühle: Vor Jahren feierte mein Arbeitgeber ein Firmenjubiläum, und alle Mitarbeiter wurden aufgefordert, kreativ daran mitzuwirken – es war ein „open-house“ mit warmem Büffet geplant. Ich entschloss mich spontan, in meinem großen Büro ein richtiges altmodisches Kaffeehaus aufzumachen: Eine Kollegin lieh mir einen leistungsfähigen Edelstahlwasserkocher, ich reaktivierte meine alte Handmühle sowie die beiden großen Karlsbader-Kannen, besorgte Zubehör, Milch, Schlagobers, Getränke, Geschirr, Zeitungen und – last, but not least – zwei Kilo hochwertige Kaffeebohnen. Dann buk ich je drei Guglhüpfe und Apfelstrudel, und das Fest konnte steigen. Gleich in der ersten Stunde kam es zur Nagelprobe – der oberste Konzernboss kam mit zwei Abteilungsleitern herein und bestellte drei große Braune – „aber rasch, ich hab nicht viel Zeit!“ Ich nickte und nahm die Handmühle zwischen die Knie, als er schon urgierte; „Ich hab gesagt rasch, wo ist unser Kaffee?“ Ich deutete auf die Mühle: „Ich reibe ihn gerade, in einer Viertelstunde wird er fertig sein, ein guter Kaffee braucht seine Zeit, und einen schlechten bekommen Sie sowieso jeden Tag.“ Nicht nur der Boss, auch seine Sekretärin erblasste. Aber er kam folgsam zwanzig Minuten später, und er hat es nicht bereut.

Mit der Sekretärin war ich sowieso auf Kriegsfuß, denn sie kochte den im ganzen Konzern berüchtigten „Fadbitter“, indem sie morgens eine gewaltige Kanne Kaffee zustellte und auf der Warmhalteplatte der Maschine den ganzen Tag warmhielt. Genauso hat er dann auch geschmeckt: Wenn er frisch war, war er heiß, wenn man viel Zucker hineintat, war er süß, und mit Milch wurde er heller. Kann man mehr verlangen? Es lief das Gerücht, dieser Kaffee werde zum Disziplinieren unbotsamer Mitarbeiter und schwieriger Kunden eingesetzt, und die Gastritis des Direktors wäre auch darauf zurückzuführen. Einmal dachte ich, besser der Fadbitter als gar nichts, und hatte ein Häferl davon am Schreibtisch stehen, als ein Techniker auffällig schnuppernd in mein Zimmer trat mit der Frage: „Mir wurde ein Kabelbrand gemeldet – ist das bei Ihnen?“ Ich antwortete – mit Blick auf den Bildschirm und daher geistesabwesend: „Nein, ich habe gerade einen Kaffee von der Frau Mitzi geholt.“ Dieser ungewollte Geruchsvergleich wurde rasch „ruchbar“ und die Frau Mitzi grub das Kriegsbeil aus.

Da war mir ja – nachträglich gesehen – der bäuerliche Frühstückskaffee lieber, den ich mit eingebrocktem Brot als Hüterbub in der buckligen Welt morgens und abends in den dicken „Bitschen“ mit Blümchenmuster von der Bäuerin auf den Tisch gestellt bekam. Dieser „Kaffee“ war sicher sehr gesund und man schlief mangels Koffein ausgezeichnet darauf.

Als ich in den Achtzigerjahren auf einem dänischen Bauernhof Urlaub machte, wunderte ich mich sehr, dass es – beim abendlichen Fernsehen – um circa 21 Uhr einen ausgezeichneten starken Mokka mit einem kleinen Stück Kuchen gab. Anfangs war das schlafstörend, aber bald gewöhnten wir uns daran. Erst dachten wir, das sei eine dänische Landessitte, aber eine deutsche Urlauberin glaubte dieses Rätsels Lösung anderswo gefunden zu haben: Der Bauer schlief nach seiner schweren Tagesarbeit beim Fernsehen immer ein, und um noch etwas von ihrem Mann zu haben, wäre seine junge Frau auf den Trick mit dem Mokka gekommen. Möglich wär’s ja.

Ich habe in meinem Leben schon viel und verschiedenartigen Kaffee getrunken, weit mehr mittelmäßigen als guten, und es waren oft genug Ausreißer nach unten dabei: So ist zum Beispiel der Frühstückskaffee auch von Viersternhotels in den großen SB-Kesseln am Büffet fast überall von grauenhafter „Qualität“, ich war ihm von Österreich über Deutschland, Italien, Belgien, Malta, Ungarn, Jugoslawien, Prag und sogar in Rio de Janeiro ausgeliefert. In Brasilien, wo doch jede Menge bester Kaffee geerntet wird! Und von England schweigen wir lieber – dieses Land hat vielleicht in den Gefängnissen, aber sicher nicht beim Kaffee die Folter abgeschafft.

Dieselbe Jauche gibt es auch bei Seminaren, wo in den Pausen von den Nirosta-Tanks gezapft werden darf. Dabei ist in denselben Hotels der Espresso von der automatischen großen Espressomaschine meistens trinkbar – vermutlich, weil er separat zu bezahlen ist. In einem teuren Restaurant in Saalbach habe ich erstmalig diesen flüssigen Sondermüll grantig zurückgeschickt – Sie sollten das Gleiche tun, damit die Gilde der Kaffeeverderber endlich einmal aufwacht!

Es geht aber auch anders! Im medizinischen Labor Dr. Birkmayer in 1090 Wien gab es – aus den gleichen Nirosta-Warmhaltekesseln wie in den oben angeführten Hotels – einen sehr guten aromatischen Kaffee – ich freute mich immer schon auf die nächste Blutuntersuchung. Und warum ist in der Wiener Konditorei Heiner der Kaffee so gut und in etlichen ansonsten renommierten großen Kaffeehäusern eher mittelmäßig? Wie sehr geht mir das nunmehr geschlossene „Haiti“, eine kleine Kaffeerösterei mit Ausschank in der Naglergasse in Wien, ab – da konnte man beim Rösten zusehen und „zuriechen“, und der Kaffee war erstklassig!

Aber auch in Rio de Janeiro gab es eine positive Erfahrung: In einer Seitengasse hinter unserem Hotel an der Copa Cabana war ein Zigarrengeschäft, und beim Kauf von einigen Zigarillos zog mich der Kaffeeduft in den überdachten Hinterhof, wo eine der sonderbarsten Kaffeeküchen etabliert war. Die Apparaturen sahen aus wie eine skelettierte Dampflokomotive, und in Trögen mit kochendheißem Wasser lagen die kleinen dickwandigen Kaffeetassen, welche mit langen Drahtzangen herausgefischt und dann gefüllt wurden. Dieser Mokka war wirklich heiß wie die Hölle, (mit viel Zucker) süß wie die Liebe und schwarz wie sonst etwas. Und umwerfend stark. Die Angestellten waren kaffeebohnenbraun, was mich an die alte Wiener Messe und deren Lebensmittelhalle erinnerte, wo beim Meinl oft ein melangefarbiger Student hinter der Espressomaschine stand – eben der Meinl-Mohr.

Wie viele meiner Erinnerungen und Erlebnisse hängen doch mit Kaffee zusammen, so der Kaffeeausschank in der seinerzeit von jungen Leuten besetzten „Arena“ am Alten Schlachthof, wo mangels Papierfilter eine zerschnittene Strumpfhose verwendet wurde. Oder der Espresso mit Rum, den ich als Externist an Prüfungstagen um drei Uhr morgens trank, bevor ich den Stoff wiederholte. Oder der um Mitternacht mit Freunden gebraute Türkische, wenn die Diskussion schon müde wurde …

Man könnte direkt nostalgisch werden, denn der Kaffee spricht nicht nur den Geist, sondern auch das Gemüt an – gäbe es sonst sogar Lieder über den Kaffee, „Der Kaffee ist fertig“, oder „… nach dem café au lait möchte ich ganz zärtlich dich verführ’n“, oder die Kaffeekantate von Johann Sebastian Bach?

Und so lassen wir das Lob des Kaffees ausklingen mit der Bemerkung einer resoluten Bürokollegin in den Vierzigern, die meinte: „Einen guten Kaffee und eine Zigarette dazu – da lass ich den schönsten Mann stehen!“

PS: Auch wer Kaffee nicht verträgt, kann sich einen kleinen Kaffeebaum im Topf kaufen und im Büro oder der Wohnung aufstellen, er blüht später weiß über lackgrünen, gewellten Blättern – und meiner hat schon zweimal getragen.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 25076