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An und für sich nichts Ungewöhnliches

I.

Seit einiger Zeit wusste ich, dass ich, wenn ich etwas nicht erreichte, mir das Ziel schlechtredete und mich lieber mit etwas weniger zufriedengab. So zum Beispiel, als ich mir die langersehnte Urlaubsreise nicht leisten konnte und meinen Urlaub lieber im Schrebergarten verbrachte. „Das ist doch egal, kommt doch alles auf dasselbe raus“, sagte ich zu mir. Aber manchmal kam doch wieder dieses Unbehagen. Was, wenn ich etwas Schönes verpassen könnte, was sich jetzt, genau in diesem Zeitpunkt zutragen könnte, während ich hier saß und meine Zeit totschlug. Und sofort musste ich wieder an eine Begegnung in der Stadt denken, die sich so vor einigen Jahren zugetragen hatte und die ich an dieser Stelle gerne noch einmal erzählen möchte: Auf einem Trödelmarkt lernte ich einen älteren Herrn kennen, mit dem ich nach einiger Zeit ins Gespräch kam. Er stellte sich nicht vor und machte zunächst auf mich einen eher mürrischen Eindruck, aber nach ein paar Sätzen sagte er: „Weißt du, dass ich jetzt schon 78 Jahre alt bin und in meinem Leben nichts bereut habe. Nicht das Geringste!“ „Wie ist das möglich?“, entgegnete ich ihm. „Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches“, sagte er „Jetzt bin ich aber neugierig“, erwiderte ich. „Ich werde dir nicht mehr verraten, als sein muss, aber zuerst möchte ich, dass wir uns in drei Wochen wiedersehen.“ Darauf beendete er das Gespräch und ging seiner Wege.

Einige Wochen später musste ich immer wieder an seine Worte denken. „Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches“, ratterte es durch meinen Kopf wie ein Mantra. Kurze Zeit später hatte ich diesen Mann vergessen und ich ging wieder meinen Alltagsgeschäften nach. Ich wusste, dass ich früher gegenüber vielen Dingen des Lebens eine große Gleichgültigkeit, ja, eine erschreckende Gleichgültigkeit gezeigt hatte. Es war ja sicherlich nichts Neues, dass sich in meinem Leben eher wenig ereignete, ich aber den Grund nicht genau kannte, warum dies so war. Ich machte mir einmal eine Liste, in die ich die Dinge eintrug, die ich am meisten bereute. Zuerst sollte dies ein kurzes Brainstorming sein, aber später würde ich mich daranmachen, die Ereignisse zu nummerieren. Also nahm ich ein Blatt weißes Papier und schrieb darauf: Was ich schon immer einmal tun wollte (mich aber nicht zu tun getraut habe). Einige Minuten lang merkte ich eine gähnende Leere, mir wollte wieder und wieder nichts einfallen. Als ich kurz davor war, etwas zu schreiben, verwarf ich es, weil es mir zu albern erschien.

Nach langer Zeit besann ich mich wieder und machte den Anfang. Dieser lautete: „Mehr Bücher lesen.“ Ich war ein bisschen stolz auf mich, dass ich mich getraut hatte, dies aufzuschreiben, aber sicher würde mir – wenn ich nur lange genug nachdenken würde – noch etwas Wichtigeres einfallen. Aber hey, ‚Mehr Bücher lesen‘ war doch schon einmal ein guter Anfang. Mir fiel ein, wie sehr ich Menschen immer beneidet habe, die viele Bücher gelesen hatten. Gerne wäre ich auch so geworden, aber ich wusste Erstens nicht: Mit welchen Büchern sollte ich anfangen, wenn ich noch nichts kannte, und Zweitens: Woher sollte ich die große Disziplin nehmen, auch Bücher zu lesen, die auf den ersten Blick langweilig waren, aber doch wichtig als Einstiegslektüre. Dies frustrierte mich ein Weilchen und ich begann mich auf den nächsten Punkt zu konzentrieren.

Was hätte ich als Nächstes bereut, zu tun? Ich merkte, dass ich eigentlich so vieles wüsste, mir aber nichts einfiel. Nach einiger Zeit des Überlegens nahm der zweite Punkt überraschend Gestalt an: Spontaner sein. Ich dachte, dass es sehr gut war, denn ich war es in meiner Familie gewohnt, dass Ideen, die eigentlich gut waren, immer wieder zerredet wurden. „Das kann man doch nicht machen.“ „Was ist, wenn etwas schiefgeht.“ „Man braucht doch nicht alles.“ Das hat mich früher immer frustriert. Aber von alleine fand ich keinen Ausweg. Ich brachte es einfach nicht fertig, einmal etwas außerhalb meiner vorgefertigten Routine zu unternehmen. Und manchmal wusste ich gar nicht, was das sein sollte. Sicher wusste ich, dass das schwieriger war als gedacht. Damals hielt ich mich von kulturellen Veranstaltungen fern: „Für so etwas geben wir kein Geld aus“, „Dafür haben wir keine Zeit“. So hieß es oft von meinen Eltern.

Für den nächsten Punkt nahm ich mir wieder Zeit. Diesmal dauerte es etwas länger. Was hat mich früher am unglücklichsten gemacht? Mir wurde klar, dass mich am unglücklichsten die Abwesenheit von Freunden gemacht hatte. Aber zu dieser Zeit wusste ich nicht, wie ich dies am besten ausdrücken sollte. Nun dachte ich, dass ich das Brainstorming für heute sein lassen sollte.

II.

1.
Wir befinden uns im Jahr 1998. Der Ich-Erzähler ist noch Schüler und zeigt Interesse an einer Mitschülerin, die ihm nach jeder Klausur im Fach Musik ihre eigene Lösung als Musterklausur gibt, um die Fehler verbessern zu können. Natürlich zeigte der Ich-Erzähler Interesse, wie bereits gesagt. Aber dieses Interesse ist noch zu schüchtern. Er hätte es nicht fertiggebracht, auch wenn er sie täglich sah, ihr beispielsweise einen Liebesbrief zu schreiben und ihr diesen Brief unter die Bank zu legen. Wäre ihm etwas eingefallen, was er in diesen Liebesbrief hätte schreiben können? Ein paar Jahre später versuchte er für die Schublade einen solchen Brief, den er als Dreizehnjähriger gerne geschrieben hätte. Er begann so: „Liebe C., wie Du sicher weißt, hast Du mir immer Deine Musikklausuren geliehen, und es gab auch sicher andere Momente im Schulleben, in denen ich Deine außerordentliche Freundlichkeit zu schätzen gelernt habe. Dies wollte ich Dir nur einmal schreiben und ich hoffe, dass Du mich ebenfalls als sympathisch wahrnimmst. Über einen weiteren Austausch mit Dir würde ich mich sehr freuen! Dein B.“ Leider habe ich einen solchen Brief nie geschrieben und C. wechselte sehr früh die Schule. Bis heute habe ich keinen Kontakt zu ihr.

2.
Es war schon im Studium, als ich diesen überfüllten Sprachkurs besuchte. In der letzten Bank saß N. ganz alleine, und ich begann immer wieder heimlich, zu ihr hinüberzublicken. Sie gefiel mir sehr, auch wenn ich nicht viel von ihr wusste. In einer Stunde geschah es, dass sie sich ganz unvermittelt neben mich setzte und mir sogar Ihre E-Mail-Adresse gab. Ich war ganz baff und konnte die Situation nicht zuordnen. Wegen meiner Schüchternheit kam es aber zu keinem weiteren Austausch. Auch für N. formulierte ich später ein E-Mail, das ich ihr gerne geschrieben hätte: „Hallo N., ich fand es ganz toll, dass Du Dich neben mich gesetzt hast. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Du nur die Hausübungen haben wolltest, oder ob ich Dir sympathisch bin ;-). Wenn Du Lust hast, können wir uns gerne einmal treffen. LG, B.“ Im Gegensatz zu C. war die E-Mail-Adresse von N. noch nach neun Jahren gültig. Leider habe ich von ihr keine Antwort mehr erhalten.

3.
Und die vielen beiläufigen Begegnungen. Als ich Studienkolleginnen traf, die mir sehr gefielen oder die sehr nett zu mir waren, aber es mir nicht gelang, Kontakt mit ihnen aufzubauen. Und im Nachhinein war das immer sehr schade für mich, dass sich nichts ergeben hat. Und wie bei C. und N. formulierte ich manchmal Briefe, die ich schreiben könnte. Aber das ist alles nun vergebens. Dennoch habe ich gelernt, achtsamer mit solchen Begegnungen umzugehen und mich mehr zu trauen. Auch schätze ich andere Menschen mehr als vorher.

III.

Zurück zu meinem Brief: Den dritten Punkt ließ ich aus und verstaute den Brief in einer Schublade. Nach einiger Zeit hatte ich sogar vergessen, dass ich ihn geschrieben hatte. Ich erinnerte mich aber wieder an den alten Mann, der mir sagte, das sei ja „an und für sich nichts Ungewöhnliches“. Was ich ihn wohl diesmal fragen sollte? Den ersten Schritt mit der Liste hatte ich ja gemacht und mir fiel doch ein, wie viel mir in meinem Leben entgangen ist. Ich habe mir auch eine zweite Liste mit meinen häufigsten Ausreden erstellt. „Das wird doch nie etwas“, „Das kommt alles noch von allein“, „Du schaffst es nicht“, die ich dem alten Herrn zeigen wollte. Aber zuerst war ich auf die erneute Begegnung mit dem Mann gespannt.

IV.

An einem Freitag traf ich ihn tatsächlich, zuerst hatte er mich gar nicht erkannt und dann nicht kennen wollen. „Ach so, haben wir uns wirklich schon einmal gesehen?“, fragte er misstrauisch. „Ich denke doch. Und ich habe das letzte Gespräch sehr ernst genommen. Aber leider weiß ich immer noch nicht, was Ihr Geheimrezept ist, dass Sie im Leben nichts bereuen. Ich habe mir sogar zwei Listen gemacht“, sagte ich. Er erwiderte: „Das ist doch fürs Erste schon einmal ein guter Anfang. Und was hast du in die beiden Listen denn geschrieben?“, fragte er. „In der ersten Liste steht, was ich am meisten bereue, und in der zweiten stehen meine häufigsten Ausreden.“

Er zögerte einen Moment. Dann fuhr er fort: „Und weißt du schon, was du in deinem Leben ändern möchtest. Ich denke, dass du damit sofort anfangen musst, sonst hast du später keine Zeit mehr.“ Ich entgegnete, dass ich sofort in eine Bücherei gehen werde und mit dem Lesen anfange und auch mein großes Zögern beim Besuch kultureller Veranstaltungen einstellen möchte. Zum dritten Punkt fällt mir allerdings nichts mehr ein. „Was war dein dritter Punkt?“ „Die verpassten Gelegenheiten, Mitschülerinnen oder Mitstudentinnen Briefe oder E-Mails zu schreiben.“ „Und was könntest du aus deinem Fehler lernen?“ „Das weiß ich nicht.“ Der alte Mann entgegnete mir: „Ich gebe dir mal einen Rat, aber nur einen kleinen, auf den Rest musst du leider selbst draufkommen: Wozu hat man denn das Internet erfunden?“

Dann nahm er aus seiner Tasche ein Smartphone und tippte eine App an. „Diese App habe ich selbst programmiert. Sieh mir zu, was passiert, wenn ich sie öffne!“ Gespannt sah ich ihm zu, und ehe ich genau realisieren konnte, was geschehen war, tat es einen lauten Schlag und der alte Herr explodierte. Vor lauter Qualm konnte ich zunächst nichts sehen, aber dean nahm ich eine junge Frauenstimme wahr, die zu mir sagte: „Hallo B., es ist schön zu hören, dass du dich damals so sehr für mich interessiertest. Vielen Dank dafür!“ Als sich der Qualm lichtete, merkte ich, dass es sich um C. handelte, die mich noch schüchtern auf die Wange küsste und dann von dannen schritt. In diesem Moment piepte mein Handy, und als ich nachschaute, sah ich, dass ich ein SMS von N. bekommen hatte, das ebenfalls sehr freundlich formuliert war. Vor meinem inneren Ohr hörte ich noch einmal die Stimme das alten Mannes: „An und für sich nichts Ungewöhnliches.“ Dabei musste ich laut und herzhaft lachen.

V.

Wie die oder der geneigte Lesende es richtigermaßen schon bemerkt haben dürfte: Diese Geschichte war natürlich von Anfang bis Ende erstunken und erlogen. Und am Anfang habe ich es doch noch ein bisschen glaubwürdiger formuliert, um den Lesenden auf eine falsche Fährte zu locken. Was ich aber dennoch mit der Liste ausdrücken wollte: Es ist nichts Schlechtes daran, sich seine Versäumnisse und Ausreden noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Und gelegentlich bietet sich doch noch die Chance auf Veränderung. Wenn sich diese Chance nicht zeigt, sollte man auf eine weitere warten, sich aber gut darauf vorbereiten, so widersprüchlich es klingt. Es geschehen manchmal Wunder, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht so spektakulär aussehen wollen wie in der Geschichte, aber der Alltag kennt viele Überraschungen. Nicht umsonst sagt ein altes Sprichwort (sofern ich es mir nicht selbst ausgedacht habe), die erste Liebe sei doch immer die wahre Liebe …

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22099

Familiäre Wahrnehmung

Beim jährlichen Familienfest im Wochenendhaus des wohlhabenden Autohändlers Emmerich stehen viele Verwandte mit einem Glas Sekt im Garten oder auf der Terrasse und plaudern in kleinen Gruppen. Es ist ein warmer Frühsommertag. Herbert, der jüngste Sohn des Hausherrn, hat erstmalig seine neue Freundin Gaby mitgenommen, um sie seiner Familie „an kurzer Leine“ vorzuführen. Sie wird freundlich begrüßt und dann von jedem Familienmitglied, je nach Profession und Neigung, beschnuppert und taxiert:

Schwester Susi, Friseurin: „Auf billig geschnittener Bubikopf und vermutlich in Eigenregie nachgebleicht – nicht gerade Klasse.“

Schwägerin Liselotte, Verkäuferin bei einem Juwelier: „Die Halskette ist sehr schön, nicht unter 600 Euro, den Rest kannst vergessen. Aber süße rosige Ohrläppchen hat sie, da würden goldene Sternchen mit Türkis gut dazupassen.“

Norbert, der älteste Bruder, Gynäkologe: „Na ja, ein bisserl eng, das Becken – hoffentlich gibt’s da bei einem größeren Kind kein Problem.“ Und nach einem zweiten Blick: „Aber verhungern wird das Kind sicher nicht!“

Tante Johanna (die „Hansitant“), Inhaberin eines Textilgeschäftes: „Ein billiger und zu kurzer Fetzen! Die grellen Frühjahrsfarben passen überhaupt nicht zu ihrem blassen Teint. Und die schlamperten Nähte werden auch nicht lange halten. Sehr fabriksneu, das Ganze. Ich werd’ ihr halt einmal was G’scheits zeigen, wenn’s beiander bleiben. Bei der Figur kann s’ ja eh alles tragen.“

Cousin Melchior (nach seinem afroamerikanischen Taufpaten „Murli“ genannt), Zahnarzt: „Na endlich einmal feste weiße Beißerchen in dieser kariösen Familie.“

Joschi-Onkel (Orthopäde): „Na ja, ein bisserl Hohlkreuz hat’s, macht aber einen knackigen Hintern. Aber diese grauslich spitzigen Sandalen mit hohem Absatz!! Also in spätestens zehn Jahr’ hat s’ Kreuzweh und Hammerzech’n. Das muss ich dem Herbert gelegentlich sagen. Wo ja die Krankenkassa eh jedes Jahr weniger zahlt!“

Hausherr Emmerich: „Hmhm, Kolarik heißt’s, das Mäderl. Lieb ist’s ja. Also wenn’s aus der Familie vom Schweizerhaus ist, wär’ eine stramme Mitgift denkbar. Unwahrscheinlich, ja, aber wenn’s so wär’ – und der Herbert endlich sein’ Magister schon hätt’ …?“

Urgroßonkel Ferdinand, 95, pensionierter Bahnhofsvorstand: „Also stundenlang könnt’ ich mir diesen wunderschönen langen schlanken Hals anschauen.“ Warum dieser Blick auf den Hals? Die Gerüchteküche der Familie will wissen, dass sich Onkel Ferdinand in der Hungerzeit nach 1945 ein paar Jahre in Nordafrika als Scharfrichter (wortwörtlich) durchgeschlagen hat.

Auch anatomische Gedanken, aber mütterlicher Art, hat die Großtante Anna, verwitwete Fleischhauerin in Pension („Grammel-Tant“ genannt, weil sie nach dem Krieg ihren hungernden Verwandten immer Pakete frischer Grammeln zusteckte) beim Anblick des Mädchens: „Mein Gott, so ein Henderl. Na ja, wir werden’s schon aufpapperln, wenn s’ erst einmal zu uns g’hört!“

Herbert: „Hoffentlich können wir bald geh’n, jetzt haben s’ die Gaby eh schon alle g’seh‘n!“

 

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22093

Die linke und die rechte Person

Ich bin in einem Fall im Haus, im andern Fall außerhalb des Hauses. Hier will ich das Haus verlassen, dort will ich es betreten. Dabei bin ich nur eine halbe Person, die linke und die rechte. Ich liege mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf dem Rücken im Wohnzimmer und sehe zur Decke. Meine rechte Person läutet an der Haustür. Niemand als meine linke Person im Wohnzimmer könnte öffnen, doch sie tut es nicht.

Die Schrottenburg bei Klagenfurt im Februar 2022

Die Schrottenburg bei Klagenfurt im Februar 2022

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22077

Wild

St. Pölten, 21. August 2011

Liebe Natalia!

Wenn man sich eine Vorgeschichte ausdenken wollte, die immerhin gut genug sein sollte, um als glaubwürdige Wahrheit durchgehen zu können, so müsste man zuallererst deutbare Fakten aus der Vergangenheit finden, an denen man die eigenen Theorien festmachen könnte. Steige ich wie Orpheus hinab in das Vorherige? In das Leere, Unbedachte? Geschichtslose und Existenzlose? Die Geschichte vom Goldenen Zeitalter, vom Garten Eden? Darauf gehe ich nicht ein! Es ist irgendetwas Verstörendes geschehen und eine Oktave tiefer beginnt wieder alles von Neuem:

Wir saßen zu zweit abends beim Chinesen vor einer Landschaftsmalerei, und es hätte sich gerade in diesem Zusammenhang etwas auftun müssen: dass das Bild in seiner Einfachheit, in seiner Selbstverständlichkeit alles, ja wirklich alles wiedergibt, was von Relevanz für uns ist. Damals war alles so schwer, so naiv, so erdlastig. Es war so furchtbar. Jedenfalls nicht alles. Aber der ganze Kontext. So wie alle Farben gemischt irgend entweder Weiß oder etwas Ähnliches wie Kackbraun ergeben.

Die doppelte Unschärfe zwischen dem Erhabenen und dem Niederen. Zwischen dem verbrennenden und dem wärmenden Feuer, zwischen der holden und der vernichtenden Natur. Das wievielte chinesische Sprichwort war das schon wieder? Die Stadt kannst du wechseln, den Brunnen nicht!

Da könnte ich schon einmal nachhaken: Wo genau soll sich eine solche Landschaft befinden: China? Taiwan? Korea? Hat das innere Auge des Zeichners sich diese für uns ausgedacht und wenn ja, was waren die Gründe dafür?

Du, ich habe da eine schöne Idee, was das darstellen könnte nicht. Und vergiss bitte mal den Schrott mit der Naturmimesis. Mir ist, als ob dieses Bild – und wahrscheinlich gäbe es eine viel bessere Vorlage eines bekannteren Meisters –, mir ist so, als wäre dies eine Drohung. Als ob die Berge, der Fluss die Wolken irgendetwas Schlimmes verbergen würden, das man nicht sehen kann. (Sollten wir sicherheitshalber den Restaurantchef fragen, ob er es woanders hinhängen könnte.) Also mir macht das Angst. Ich führe das aber nicht mehr weiter aus. Berge sind übrigens Scheiße. Das Schöne ist nicht des Furchtbaren Anfang und selbst Rilke hätte dieser Kitsch nicht gefallen, da bin ich mir aber sowas von sicher. Bach und Agricola und Arsen. Das Feuer brennt, aber es kann für einen Moment nichts passieren. Du hast fremden Menschen gegenüber immer ein Messer in der Tasche dabei und du würdest es – ich weiß es – auch mir gegenüber einsetzen.

Wenn es denn tatsächlich ein früheres Leben gegeben haben könnte, dort in – sagen wir mal: Sichuan –, dann wäre es auch der Grund, warum ausgerechnet dieser verdammte Platz unter diesem verdammten Landschaftsbild unser beider Stammplatz geworden wäre. Das Bild war uns natürlich noch nie so richtig aufgefallen, der gewohnte China-Kitsch eben.

Die Orientierung im Raum. Wir hätten jetzt einen Walzer anfangen können und die Bilder hätten uns geholfen, dass uns nicht schwindlig geworden wäre. Das Chop-Suey wäre uns gerade recht gewesen, unsere Körper zu besudeln, warm, animalisch und süß-sauer. Du hättest mir die Brust geben können. Und deine Schuhe, die aussahen, als wären sie nur für Tanzabende gemacht worden, wären mir auch gerade recht gekommen. So etwas trägt man heutzutage im Büro? Dein Kleid aus China mit den Tigerzeichnungen? Bach und Donau und Flow. Man steigt nur einmal in denselben Fluss.

Und während des Tanzes zogen wir Linien wie mit dem Pflug, die mählich gerader und gerader werden würden, so dass sie uns mit Früchten beschenkten und erfreuten.
Apropos Fruchtbarkeit: Wir verloren uns ein zweites Mal wie beim Tanz in diesen uralten Fluss: Du bist nicht Tanja W. und ich bin es auch nicht. Eine völlig unscheinbare Angestellte, ein völlig unscheinbarer Angestellter. Aber irgendetwas entstand damals, ein Werdegang, nicht wahr. Es war letztlich deine Idee, das mit dem Import. Nicht für Europäer gemacht, nur Exotik. Rosenblattmarmelade aus den Rosenblüten vom Frühjahr. Sollten wir sie nicht einmal selbst machen?

(Wir könnten im Internet, du, ich habe vorhin im Internet nachgeschaut, wie das gehen müsste.)

Auch die eigenartigsten Vergleiche, die du mir entgegenbringen musstest, als Zeichen deiner Liebe. Obst, Gemüse, Bäume, Vieh: alles, was in der bäuerlichen Gesellschaft wertvoll und prächtig erscheinen muss. (Man muss loben können und zuvörderst den Wein, den Wald und die einfachen Sachen, die uns wichtig sind, das einfache Leben loben.) Meine Überzeugungskraft war nicht so, wie ich es mir erwünscht hatte, aber ein uralter Trieb, der uns zwingt, den Barbaren überlegen, aber dennoch neidisch angesichts ihrer Freiheit und ihrer wilden Bräuche zu sein. Erfanden wir die Marmeladenrevolution, den gemeinsamen Tanz ums Feuer.

Vielleicht sind das letzte wortlose gemeinsame Kochen und Tanzen Bleibendes in unserem kollektiven Gedächtnis.

Man war nicht füreinander gedacht und bemühte die angestrengteste Mythologie: Es waren einmal zwei Menschen, in einem früheren Leben ein glückliches Ehepaar, die genau am selben Tag, genau zur selben Minute geboren, an zwei verschiedenen Orten wiedergeboren worden sind, aber nicht voneinander wussten, aber durch die gegenseitigen Ahnungen, die beide voneinander gehabt hatten, hätten  – wenn sie sich nur ein einziges Mal getroffen, oder voneinander gehört oder das Bild des anderen gesehen hätten, sofort erkannt, dass sie für immer und ewig füreinander bestimmt gewesen sind. Da das Glück dieser beiden Menschen, sich wiedergefunden zu haben, so groß gewesen wäre, dass alle anderen Menschen, die dieses Paar sehen würden oder von ihrem Schicksal erfuhren, auf der Stelle ihren Lebtag lang todunglücklich werden würden, ist jenes Paar mit dem Fluch belegt worden, sich nie in ihrem Leben auch nur einen Millimeter in den gemeinsamen Wahrnehmungsraum zu geraten und sich geradewegs durch eigenartige Zufälle auf Reisen oder sonstigen Treffen um Haaresbreite zu verpassen. Das Schicksal wollte es, dass beide ihr Leben lang unglücklich sein und immer unsympathische Menschen kennenlernen mussten. Schön ist sie aber, ohne Zweifel, die Gleichzeitigkeit: Irgendwo einen unglücklichen Zwilling zu besitzen und mit ihm aus derselben Quelle getrunken zu haben. Genauer: Milchverwandte, dieselbe Milch noch trinkend …

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22051

 

Erste Hilfe

An einem Sommerabend beim Heurigen: Die meisten Tische sind besetzt, die Gäste genießen ihr Glas Wein mit einem kleinen Imbiss und plaudern in kleinen Gruppen. Es sind wohl etliche Einheimische hier, die Mehrzahl stellen Besucher aus Wien.

An einem Tisch wird die Unterhaltung eines älteren Paares lauter, die Frau steigert sich in einen hysterischen Anfall und kippt – eine Ohnmacht markierend – gekonnt und ohne Verletzungsgefahr hintenüber von der Bank ins Gras.
Der Alois, ein 50-jähriger Maurer mit guten 100 kg und Walrossbart, stürmt vom Nebentisch hin, reißt die Bluse auf, fünf Drücker Hand über Hand am Brustbein, dann Mund-zu-Mund-Beatmung. Mit einem Pressluftstoß aus blasmusikgestähltem Brustkorb füllt er ihre Lunge bis zum Platzen – diese großzügige Luftspende entringt sich der Frau umgehend in einem schrillen Schrei: „Sind Sie wahnsinnig!“ Sie rappelt sich hoch und keift weiter: „Mich so zu überfallen – um Gottes willen, ich bin halb nackt, meine Bluse … und pfui Teufel, wie Sie aus dem Mund stinken! Haben Sie einen toten Hund gefressen?“
Darauf Lois, gemütlich: „Na, nur a Quargelbrot mit Zwiefel.“
Sie, wieder in Hysterie fallend: „Nein, das halt ich nicht aus, das halt ich nicht aus, oh Gott, mir wird schlecht!“
Lois, väterlich ermahnend: „Sö, Frau, wenn S’ wieder umfallen, mach ich weiter!“

Diese gut gemeinte Drohung bewirkt blitzartig: 100%ige Rekonvaleszenz. Sie schreit mit rotem Gesicht: „Nein, wirklich net, Rudi! Ruuudi! Wir gehen! Sofort!“ und läuft beim Gartentor hinaus.
Der Gatte Rudi: „Na, i muaß no zahln. Mitzi, zwei Gspritzte, zwei Brot und a Flaschl Guatn für den Herrn da – so, stimmt schon.“ Er winkt dem Lois zu, grinst und geht seiner Frau nach.

Der Weinhauer zum Alois: „Guat g’macht, Loisl, aber hast so grob sein müssen?“ Der Lois, gestelzt aus den Verhaltensregeln der freiwilligen Feuerwehr zitierend: „Bei Abwehr ernsthafter Gefahr im Verzug sind Kollateralschäden zweitrangig.“ Er setzt sich wieder und trinkt zufrieden lachend seinen G’spritzten aus.
Aber die ungestüme Kraftnatur des Alois hat in der Frau auch anderen Eindruck hinterlassen, wie sie einer Freundin anderntags mitteilte: „Also wie das Trumm Mannsbild mit seine Riesenpratzen über mir war – also da war mir ganz anders.“

Der Rudi besucht nun zwecks Muskelaufbau (die Midlife-Crisis hat auch ihr Gutes) einen Fitnessklub; und bei späteren Heurigenbesuchen bestellte er jedes Mal ein Quargelbrot, weil: „Sicher ist sicher, wennst am End’ wieder einmal einen Anfall kriegst.“

Sie hat nie wieder einen gekriegt!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22007

Am Ende des Regenbogens

Sie schwebt. Ihre Füße berühren kaum den Boden, ihr Herz tanzt über den Wolken. Die Sonne verscheucht nur für sie die grauen Regenschleier und um sie herum wird alles hell und klar. In den Pfützen schillert Benzin, in den Fenstern spiegelt sich der Himmel.
Sabrina nimmt die Perücke vom Kopf und stopft sie in ihre Tasche. Wie gut es tut, die Luft am Kopf zu spüren, den Wind auf der fast kahlen Haut.
Tief atmet Sabrina ein. Sie taucht auf aus einem Vakuum, so als hätte sie die vergangenen 26 Monate unter Wasser gelebt, wo sie nicht atmen konnte, wo sie nichts riechen, schmecken, fühlen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist ihr leicht zumute, ohne dieses zerstörerische Monster in ihrem Körper. Noch einmal saugt sie die Luft ein wie eine Ertrinkende.
Fast spürt Sabrina das Zittern noch in ihren Knien, das schnelle Schlagen ihres Herzens auf dem Weg in die Klinik. Gern gesteht sie sich die Angst nicht ein, die sie hatte, als sie vor der Tür zum Sprechzimmer ihres Arztes wartete. Alle Mühe hatte sie sich gegeben, ihn diese Angst nicht merken zu lassen. Lächelnd und scherzend hatte sie sein Zimmer betreten, wie immer hatte sie gerade ihm beweisen wollen, dass sie sich nicht unterkriegen ließ.
An der Wand hinter seinem Schreibtisch hing eine Kinderzeichnung. Das Bild eines schiefen Regenbogens, darunter ein winziges Mädchen im roten Kleid, das auf die Stelle zuläuft, an welcher der Regenbogen die Erde berührt. Das Bild, auf das sie bei jedem Arztbesuch ihren Blick konzentrierte, während sie dem Arzt zuhörte. Auch heute fixierte sie, während er sprach, den Regenbogen.  Dabei schien es ihr, als wäre das Mädchen dem Ende des Regenbogens heute nähergekommen.

An der Straßenecke das offene Parktor, es lädt sie ein.
Sie riecht das feuchte Laub, den erdigen Duft des Sommerregens. Sie hört das Hupen der Autos, das raschelnde Gras, das Gezwitscher der Vögel.
Allein ist sie in diesem Teil des Parks. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen dringen durch die Zweige. Vor ihr am Ende des Kieswegs steht eine Bank, feucht vom vergangenen Regen und bedeckt von welkendem Laub der Platanen. Sie geht darauf zu.
Vor der Bank bleibt sie stehen, innehaltend. Ihre Tasche rutscht ihr von der Schulter. Sabrina stellt sie auf die Bank. Alles was darin ist, gehört zu ihrem Leben vor heute, zu dem Leben, das hinter ihr liegt.

Die Perücke, die sie getragen hat, weil eine Frau eben nicht mit kahlem Kopf herumläuft. Sie hätte damit kein Problem gehabt, sie hatte sich ihrer Kahlheit nicht geschämt. Aber es hätte gewirkt, als wollte sie auffallen, Mitleid erregen. Und dies wäre ihr zuwider gewesen. Nie hatte sie Mitleid gewollt.
Die Pillen, die sie nehmen musste. Deren Nebenwirkungen teilweise so heftig waren, dass sie gerne auf die Einnahme verzichtet hätte. Ohne die sie die Chemotherapie aber nicht verkraftet hätte.

Das kleine blaue Schiffchen, das sie an ihrem Schlüssel immer bei sich trägt. Es ist das Bild ihres größten Traums, des Traums vom Leben und Arbeiten auf einem Schiff. Schon als Kind wollte sie Matrose werden oder Seeräuber. Doch weil ihre Mutter sie nicht gehen lassen wollte, arbeitet sie stattdessen in einem Reisebüro, wo es nach verstaubten Plastikmuscheln riecht, statt nach Seeluft und Meerwasser.
Ihr Handy, ohne das sie nicht aus dem Haus durfte, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Das sie nie wieder brauchen will.
Und für den Fall, dass nichts helfen würde, das Skalpell, von dem sie gar nicht mehr weiß, woher sie es hat. Vermutlich nicht das angenehmste Mittel, ein Ende zu machen, aber alle anderen Methoden, die ihr eingefallen waren, schienen auch nicht besser.

Ein Blatt fällt von der Platane hinter der Bank, es schaukelt im Wind, als könne es sich nicht entschließen, wo es niedergehen soll. Als es auf ihrer Tasche landet, legt sie das Blatt hinein zu den anderen Dingen.
Sabrina löst das Plastikschiff vom Schlüsselbund und nimmt es in ihre Faust, lässt den Schlüssel zurück in die Tasche gleiten. Sie schließt die Handtasche mit einem Ruck und wendet sich um. Ohne zu zögern, ohne sich umzudrehen, geht sie fort von der Bank, von der Tasche.
Sie läuft mit festen Schritten. Zu ihrem Ende des Regenbogens.

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22024

 

 

 

Handgreifliches

Max (Name frei erfunden) arbeitete in einer großen Firmenzentrale, die in einem alten, dreistöckigen Haus mit langen Korridoren untergebracht war. Eines Tages traf er am Gang hinter einer verglasten Pendeltüre seinen Abteilungsleiter und wechselte einige Worte mit ihm. Nach der Abschiedsfloskel griff er – noch dem Chef zugewandt, hinter sich an den Türknopf, um seinem Boss die Türe aufzuziehen.

Aber inzwischen hatte – von ihm unbemerkt – eine junge Sekretärin hinter ihm bereits die Türe zu sich gezogen, um durchzugehen, und so ging sein tastender Griff nach dem Türknopf mitten hinein ins „volle Menschenleben“, nämlich ins üppige, hochsommerliche Dekolleté der knapp eineinhalb Meter „großen“ Kollegin.

Max drehte sich erschrocken um – was war denn das? Um Gottes willen – er hatte da, ohne hinzusehen und daher ohne „böse“ Absicht – eine Frau unsittlich berührt, ja geradezu unverschämt angefasst. Mit rotem Kopf konnte er nur mehr stottern: „Bitte, entschuldigen Sie vielmals – ich, ich habe Sie wirklich nicht gesehen! Das ist mir noch nie passiert – was müssen Sie jetzt von mir denken? Und das muss ja furchtbar unangenehm für Sie gewesen sein!“

Da antwortete das unverdorbene Naturkind mit himmelblauem Augenaufschlag: „Nicht so schlimm, unangenehm ist’s ja nur, wenn der Falsche hingreift.“ Der Abteilungsleiter lachte „Hands im Strafraum, das gibt Elfmeter!“ und ging seiner Wege, während Max sich erst einmal fassen musste. Er schluckte und sagte verlegen „Danke, Frau Kollegin, sehr freundlich von Ihnen“, und eilte in sein Büro zurück. Wo er den restlichen Nachmittag einen unkonzentrierten und tagträumenden Eindruck hinterließ.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22023

Verdächtige Überstunden

Max war ein fleißiger Mann und hatte dazu auch allen Grund: Als Alleinverdiener (die Gattin war mit dem Baby in Karenz) musste er für die ansehnliche Miete der neuen, größeren Wohnung und den Kredit für die Einrichtung aufkommen. Gott sei Dank war in der Firma – er arbeitete in einem großen Rechenzentrum – viel los und es fielen oft Überstunden an. Seit einem Jahr war er für den großen Einzelblatt-Laserdrucker verantwortlich, der pro Sekunde zwei Seiten DIN-A4 ausspuckte und somit technisch anspruchsvoll war. Die überschüssige Druckkapazität konnte Max am Markt frei verkaufen, wovon große Werbefirmen gerne Gebrauch machten.

Heute war endlich das Papier für einen dringenden Großauftrag angeliefert worden, und Max schlug verzweifelt die Hände zusammen: Nicht nur dass die Papierbögen einen Zentimeter zu lang waren, sie hatten vorgabewidrig auch noch eine glatte, glänzende Oberfläche – ein Papier also, das der Drucker in den vorgegebenen Sekunden-Bruchteilen nicht einziehen konnte, weil die schmale Gummirolle immer wieder „ausrutschte“ und daher die automatische Meldung „Papierstau“ mit Stillstand der Maschine auslöste. Die Überlänge wiederum bewirkte, dass der bedruckte Papierbogen am Ablagekorb anstieß und nicht sofort glatt hinunterfiel, was ebenfalls Papierstau verursachte.

Aber wie auch immer – der dringende Auftrag musste gedruckt werden, egal wie, denn der Kunde war eine namhafte Werbeagentur. Diese Aufgabe zu bewältigen, würde gute Nachrede, ein (wenn auch schuldloses) Versagen aber Ärger bringen. Also was tun? Der Techniker der Herstellerfirma entfernte zwecks breiteren Durchlasses ein Leitblech aus der Maschine, und Max programmierte den Drucker um, sodass die fertigen Blätter nicht in den Ablagekorb, sondern aus dem Probedruck-Schlitz herausfielen. Gut, die Überlänge war zu handeln, aber was tun mit dem rutschenden Einzug?

Womit könnte man wohl die weiche Einzugsrolle überziehen, damit das glatte Papier transportiert würde? Ein Test mit dem genoppten Überzug eines Tischtennisschlägers (vom Aufenthaltsraum) fiel negativ aus, das Gewebe war zu hart. Es müsste ein sehr schmiegsames, gummiartiges Material sein – wo bekam man sowas in der Eile her? Ein älterer Kollege hatte die Idee: „Warum nicht ein Kondom? Das wäre elastisch genug!“ Max sauste schon in die nächste Drogerie und besorgte zwei Sorten, einmal „naturfeucht“ und einmal „Reizpräservativ mit Noppen“. Was soll’s, der Zweck heiligt wohl das Mittel.

Das Kondom mit Relief ließ sich schlecht überziehen und schied somit aus, die „naturfeuchte“ Alternative zog wohl zufriedenstellend die glatten Blätter ein, aber nach ein paar Sekunden war das Material erstens trocken und zweitens von der Rolle „gewuzelt“. Wieder nichts, also was nun? Schade, die „naturfeuchte“ Schutzhülle war anfangs so vielversprechend. Halt, wäre das die Lösung – „naturfeucht“??? Max schnitt den Überzug herunter und hielt einen feuchten Lappen von oben an die Gummi-Einzugsrolle, der Kollege startete die Maschine und der Drucker lief wie ein Uhrwerk! Max stellte einen Wassernapf und zwei Lappen bereit, damit der Feuchtigkeitsspender immer blitzartig gewechselt werden konnte, der Kollege am Ausgabefach ließ die gedruckten Blätter in eine davorgehaltene große Schachtel fallen, und mit dieser „händischen“ Zusatzleistung war um zwei Uhr früh der Auftrag abgearbeitet.

Müde und steif von dieser stundenlangen verrenkten Körperhaltung kam Max mit dem Taxi nach Hause, zog Schuhe und Rock aus und schenkte sich in der Küche ein Glas Bier ein – das brauchte er jetzt. Es war drei Uhr früh, Frau und Kind schliefen schon lange. Aber als er gerade das Küchenlicht abdrehen wollte, um ins Schlafzimmer zu gehen, fiel ihm die ausgebeulte Außentasche seines Sakkos auf. Um Gottes willen, da waren ja noch die zwei angebrochenen Kondomschachteln drin! Also wenn morgens die Frau wie gewohnt zuerst aufgestanden und den Kaffee hingestellt hätte, wäre ihr das sicher aufgefallen, und sie wäre der Sache auf den Grund gegangen! Am Telefon spätabends zu erzählen, dass ein dringender Auftrag Überstunden erfordert hätte, und dann mit diesen „Beweisstücken“ – zwei aufgerissene Kondompackungen, einmal sogar „Reizpräservativ mit Noppen“ – um drei Uhr nach Hause zu kommen!!! Also das hätte auch die naivste Ehegattin nicht geglaubt. Rasch nahm er die verräterischen Packungen heraus und warf sie durch das Küchenfenster in die Büsche vor dem Haus.

Vier Stunden später hörte er beim Frühstück am offenen Fenster die unter ihm wohnende Hausbesorgerin schimpfen, welcher „Schweinigel“ da seine unappetitlichen Hilfsmittel weggeworfen hätte. Und der Chef der Werbeagentur bedankte sich vormittags bei der Abholung des Auftrags persönlich mit einem generösen „Schmattes“ bei Max, weil er den heiklen Auftrag pünktlich geschafft hatte. Ja, es ist eben nicht immer alles so, wie es scheint.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22011

Haute Couture

Ganz bewusst und voller Lebensfreude begab sie sich in den Sog. In den Sog des Konsums, ausgerichtet, um zu gefallen. Gerne nahm sie in Kauf, Dinge nicht mehr um ihrer Schönheit willen zu betrachten, sondern nur noch zu bewerten, ob sie zum jeweiligen Mainstream passten. Berauschend fand sie die Einkaufstouren, bei denen es nur darum ging, Markenartikel, die gerade angesagt waren, zu erwerben, ohne Rücksicht auf Gefallen, nur der Preis bestimmte den Wert. Sie liebte es, am nächsten Tag im Büro zu erscheinen und beiläufig das Gespräch auf die zurzeit herrschende Moderichtung zu lenken. Welch ein Genuss für sie anzumerken, dass ihre Raulederstilettos 499 Euro gekostet hatten. So nebenbei flocht sie noch ein, das Gucci wieder einmal unverschämt seine Preise erhöht hatte.

Die größte Befreiung brachte es ihr, Kolleginnen, von denen sie wusste, dass sie äußerst preiswert einkauften, zu fragen: „Wo hast du denn dieses tolle Stück erworben?“ Wenn diese dann verlegen um eine ausweichende Antwort bemüht waren, fühlte sie sich gut. Allein für das Empfinden dieser Überlegenheit wäre sie bereit gewesen, den doppelten Betrag für ihre Designerkleidung zu bezahlen. Diese bedeutete für sie Macht und auch deren angenehme Begleiterscheinung, die da wäre, erniedrigen zu können. Sehr oft ergötzte sie sich am Abend daran, die Geschehnisse an sich vorüberziehen zu lassen und sich dabei an die verschämten Reaktionen ihrer Kolleginnen zu erinnern. Diese Reflektionen oder „Auszeiten“, wie sie sie nannte, trösteten sie über Beziehungen, die sie verloren hatte, hinweg.

Immer wenn ihr ein One-Night-Stand-Lover vorwarf, eine leblose Hülle zu sein, erwiderte sie: „Im Gegenteil, ich lebe für meine Hüllen.“ Sie hatte gelernt, ihre Gefühle gleich zu handhaben wie die Mode. Was gerade en vogue war, wurde zugelassen, alles andere entsorgt. Darin hatte sie Übung, denn schließlich musste sie mindestens viermal im Jahr ihre Kleiderschränke durchforsten und das nicht mehr Passende wegwerfen.
Diese Regeln hielt sie auch bei der Auswahl ihrer Liebhaber ein. War in einer Saison ein Drei-Tage-Bart-Träger schick, konnte solcher bei ihr landen. Ein gepflegt Rasierter, hätte er auch noch so gut ausgesehen, wäre aus diesem Grunde chancenlos gewesen.

Nur einmal hatte es einer geschafft, diese ihre heiligen Prinzipien zu unterwandern. Als sie ihn gesehen hatte, machte sich in ihr ein Gefühl breit, das sie schon lange geglaubt hatte, besiegt zu haben. Weder seine Kleidung noch sein Aussehen waren es, das sie angezogen hatte, sondern seine Ausstrahlung. Gewöhnt , sich immer auf der Gewinnerstraße zu befinden, wollte sie eine Ausnahme machen und ihn so akzeptieren, wie er war. Nur, für sie unvorstellbar, blieb die Gegenreaktion aus.

Bitteres Erwachen, sich fühlen wie eine Verliererin. Eines hatte sie daraus gelernt: Weiche niemals von deinem Weg ab, es wird nicht belohnt, sondern du wirst verhöhnt werden.

Nach diesem Abenteuer blieb sie ihrem Weltbild treu. Sie steigerte es noch zur Perfektion. Als sie erfuhr, dass ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt waren, beherrschte nicht Trauer ihre Gedanken, sondern nur die eine Frage: „Was trage ich zum Begräbnis?“ Sie entschied sich für das kleine Schwarze von Prada, ihren Kopf schmückte eine ausgefallene Kreation von Dior. Der integrierte Schleier des Hutes erwies sich als äußerst hilfreich, da er verbarg, was niemand sehen sollte. Im Gegenteil, er suggerierte den Trauergästen Schmerz und Tränen. Dabei genoss sie es in vollen Zügen, die neidischen Blicke, die auf sie gerichtet waren, und sie stellte sich vor, wie überschlagsmäßig der Preis ihres Outfits errechnet wurde. Sie wusste, dass ihre Augen bei diesem Gedanken strahlten, konnte sich jedoch dank des Schleiers in Sicherheit wiegen, dass niemand dies bemerken würde. Sie gratulierte sich zu dieser kostspieligen Investition.

Sie befand sich ab jetzt im tobenden Strudel des Taifuns.

Die Jahre gingen auch an ihr nicht spurlos vorüber. Obwohl sie einen asketischen Lebensstil pflegte, um den Model-Maßen gerecht zu werden, unterlag auch sie dem biologischen Alterungsprozess. Zu Zeiten wie diesen kein Problem. Sie konsultierte einen angesehenen Schönheitschirurgen und ließ sich ein Angebot für eine „Rundum-Verjüngung“ legen. Ein Jahr lang arbeitete sie wie besessen, um diese Summe aufzubringen. Dann war es so weit. Abgesehen von den erlittenen Schmerzen hatte es sich „straff“ ausgezahlt. Keine einzige Delle verunzierte mehr ihre Oberschenkel, der Bauch war herzeigbar, wie bei einem vierzehnjährigen Model, die Brüste wirkten jungfräulich, die Oberarme zeigten keine Spur mehr von Erschlaffung, und das Gesicht hatte seine Lebenserfahrungen vergessen, es war faltenfrei.

Diese Erkenntnis des Machbaren, des Nicht-Akzeptieren-Müssens eines vorgegebenen Ablaufes, bestärkte sie. Es bedeute einen Schritt näher zum Auge des Taifuns.

Obwohl sie Sozialkontakte bedingt durch ihr Arbeitsumfeld hatte, blieb eines aus: „Sozialkontakt mit sich selbst.“ Wenn sie am Morgen in den Spiegel blickte, war sie selbst nicht vorhanden, sondern nur ihre Abbildung der Äußerlichkeit. Wenn sie das Büro betrat, mieden sie die Kolleginnen oder hatten nur ein müdes Lächeln auf den Lippen, wenn sie sie grüßten. Niemand war mehr bereit, sich näher auf sie einzulassen, da sie es satt hatten, sich anhören zu müssen, wie viel Geld sie heute wieder an ihrem Körper trug.

Sie wurde einsam. Wozu alles zu investieren, wenn keine Rückmeldung erfolgt? Ist es das wert, morgens in den Spiegel zu sehen, dabei sich selbst nicht mehr zu erkennen, das eigene Wesen reduziert auf eine Hülle, die nur äußerlich sichtbar und innerlich nicht mehr existent? Diese dunklen Gedanken suchten sie immer öfters heim. Aus blieb das erregende Gefühl, mächtig zu sein, indem die eigene Verleugnung gelingt.

Sie wollte etwas ändern. Warum nicht sein Leben durch etwas anderes Käufliches bereichern? Ein Kind. In Katalogen hatte sie bereits gelesen, dass es die Möglichkeit gibt, auch wenn man schon älter ist, Kinder aus afrikanischen Ländern zu adoptieren. Bedingungen: Man musste verheiratet sein, einen tadellosen Lebenslauf vorweisen können und den Nachweis, für dieses Kind optimal sorgen zu können. Erster Punkt: fehlender Ehemann. Sie begab sich zu einer Partnervermittlungsagentur und schilderte dort ihr Anliegen. Zahlreiche Bewerber meldeten sich auf ihre Annonce. Anfangs war jeder von ihrem Aussehen angetan, doch nach einem kurz geführten Gespräch verabschiedeten sie sich mit einer vagen Zusage, sich wieder zu melden. Nach acht Monaten, nachdem alle diese Treffen glücklos verlaufen waren, entschied sie sich, dieses Ziel fallen zu lassen. Lieber die Einsamkeit zu riskieren als Niederlagen zuzulassen.

Sie kehrte wieder zu ihrem Anfangsprinzip zurück: Ich bin, was ich trage. Immer öfters passierte es, dass Kolleginnen sie schnitten. Alles, was über die Arbeit hinausging, wurde mit ihr nicht mehr besprochen. Sie war isoliert, der Reiz der Exklusivmarken hatte sich abgenützt. Im Gegenteil, immer öfters wurde sie damit konfrontiert, wie sie sich das leisten könne. Nur noch Neid schlug ihr entgegen. Gerüchte machten die Runde, dass sie ihr gesamtes geerbtes Vermögen in diese Äußerlichkeiten gesteckt hatte. Die Situation wurde feindselig.

Die entscheidende Wende in ihrem Leben brachte der Befund des Gynäkologen. Der Befund lautete: Gebärmutterhalskrebs im Endstadium. Die Psychotherapeutin empfahl ihr, ein Selbstbildnis zu malen. Sie stand vor der weißen Leinwand und konnte nur eines hinzufügen: „Ich – wo bist du?“

Plötzlich war ihr, als ob all das Geschehene nur dem Einen gedient hatte: ins Auge des Taifuns einzudringen.

Das hieß: „Kein Anspruch darauf, dass ich geliebt werde. Kein Anspruch mehr auf meine Äußerlichkeit. Ich verkaufe mich nicht mehr. Mein Markenartikel bin ich. Die Lebendigkeit des Lebens lebt in mir. Ich bin im Auge des Taifuns.
Spirale des Seins. Entwirrt. Gibt mich wieder preis.
Endlich angekommen.“

Die floral bunt gekleidete blonde Schaufensterpuppe mit Sonnenbrille bei SCHUSCHA im Sommer 2021

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Irmgard Tosin & Johannes Tosin (Text)
Johannes Tosin (Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 21119