Archiv des Autors: Redaktion verdichtet.at

Gesinnungspolizei

Wünschst du deinem Arbeitgeber alles Schlechte,
unterstützt du die falsche Partei
oder hast du schlimm unzüchtige Gedanken?
Dann bist du ein Fall für die Gesinnungspolizei.
Du musst gar nichts tun, es reicht, daran zu denken.
Wir bringen dich zurück auf den rechten Weg,
du wirst es uns noch danken.

Die Polizei fügt Ihnen und Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu

Die Polizei fügt Ihnen und Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um … | Inventarnummer: 26003

Transparency

Du vergehst.
Die Sonne scheint durch dich.
Ich höre nichts mehr von dir,
keinen Laut, kein Geräusch.

In längstens zwei Minuten bist du nicht mehr hier,
oder du bist hier, aber ich nehme dich nicht mehr wahr.
„Komm zurück!“, würde ich dir gern zurufen,
doch es wird nichts nützen.


Hängende durchsichtige und dunkelblaue Flaschen im Südpark

Hängende durchsichtige und dunkelblaue Flaschen im Südpark

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 26002

Das No-Cloning-Theorem

Nach einer Idee meines Sohnes Michael

Das No-Cloning-Theorem ist ein Begriff in der Quantenphysik. Es stellt fest, dass es nicht möglich ist, jedes Qubit vollständig zu kopieren, da dabei das ursprüngliche verändert wird. Das sind keine Gehirngespinste, sondern ist glasklare Naturwissenschaft. Es verhindert, dass sich ein Mensch, nicht nur der körperliche, sondern der in seiner Gesamtheit an Erinnerungen und Naturell, ein zu eins vervielfältigen lässt. Sonst hätte man zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig, vierundsechzig, hundertachtundzwanzig, zweihundertsechsundfünfzig, fünfhundertzwölf, tausendvierundzwanzig, eine Milliarde und mehr völlig idente Menschen, wenn man die will.

Man wüsste nicht mehr, mit wem man sich abgibt, mit dem Menschen 0, also dem Original, oder dem Menschen 4096. Jeder Mensch könnte jederzeit jeden anderen ersetzen.

Das ist natürlich ganz und gar nicht wünschenswert, und die Natur in ihrer Perfektion richtet ein, dass es diesen Zustand nicht geben kann.

Die nackte graue und die nackte weiße Schaufensterpuppe bei CAPRI WINE & BAR am 24. Mai 2023

Die nackte graue und die nackte weiße Schaufensterpuppe bei CAPRI WINE & BAR am 24. Mai 2023

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25175

Versuchskaninchen Herr Moser

„Grüß Gott, Herr, wie ist Ihr Name, bitte?“ „Moser, Herbert Moser“, antwortet Herr Moser. „Moser also, schön, Sie kennenzulernen!“, sagt der Firmenvertreter im weißen Mantel. Sie schütteln Hände. „Sie bewerben sich aufgrund unserer Anzeige ,Versuchsperson gesucht – 10.000 Euro‘?“ „Genau“, antwortet Herr Moser. „Sind Sie eigentlich Arzt oder Wissenschaftler?, frage ich mich.“ „Wissenschaftler“, sagt der Firmenvertreter. „Ich denke in Nullen und Einsen, nicht in Blut und Nerven.“ „Wozu sind Sie bereit, mir 10.000 Euro zu zahlen?“, fragt Herr Moser. „Sagt Ihnen Neuralink etwas?“, will der Firmenvertreter wissen. „Ja, das ist das Gehirn-Computer-Interface vom Elon“, sagt Herr Moser. „Gut“, sagt der Firmenvertreter, „haben Sie unser Firmenschild gesehen?“ „Ich habe nicht darauf geachtet“, sagt Herr Moser. „Unsere Firma nennt sich NeurOlink“, sagt der Firmenvertreter. „Bemerken Sie den feinen Unterschied?“ „Natürlich, O statt A“, sagt Herr Moser. „Großes O übrigens“, stellt der Firmenvertreter fest. „Um es kurz zu machen: Wir wollen Ihnen diesen Chip implantieren. Wir setzten ihn bislang nur vollständig Gelähmten ein, gleich wie bei Neuralink. Wir wollen ihn an gesunden Personen testen. Dafür zahlen wir Ihnen 10.000 Euro.“ „10.000 Euro scheinen mir dafür zu wenig“, sagt Herr Moser. „Okay“, sagt der Firmenvertreter, „ich bin dazu berechtigt, diesen Betrag zu verdoppeln.“ „Das ist fein“, erwidert Herr Moser. „Sie erklären sich nun bereit, sich den Chip für 20.000 Euro ins Gehirn setzen zu lassen?“, fragt der Firmenvertreter. „Ja“, sagt Herr Moser. „In Ordnung“, fährt der Firmenvertreter fort, „wann wollen wir diesen Eingriff machen? Passt Ihnen der 28. Oktober um 10:30 Uhr?“ „Ja, das passt mir gut“, sagt Herr Moser. „Ich bin verpflichtet, Ihnen die Risiken mitzuteilen, das übliche Blabla“, sagt der Firmenvertreter. „Ich frage Sie nochmals, Herr Moser, stimmen Sie unbedingt diesem Eingriff zu?“ „Unbedingt“, sagt Herr Moser.

„Wissen Sie, Herr Moser“, setzt der Firmenvertreter das Gespräch fort, „Sie werden diese Operation nicht bereuen, zusätzlich zu unserem Konkurrenzprodukt liefern wir Ihnen die ultimative Denkhilfe. Statt ,vor zirka fünf Monaten‘ werden Sie wissen ,vor 152 Tagen, 9 Stunden, 14 Minuten und 2 Sekunden‘. Sie werden sich an alle Preisausschilderungen im Supermarkt erinnern. Und, das Beste kommt zum Schluss, Sie werden bis zu fünf Tage im Voraus die Kursentwicklung von börsennotierten Unternehmen einschätzen können.“

„Aber dafür können Sie mich fernsteuern, wenn Sie wollen, nicht?“, stellt Herr Moser fest. „Ah, das stimmt“, sagt der Firmenvertreter.

Das Insekt auf dem Computerbildschirm am 21. Mai 2022

Das Insekt auf dem Computerbildschirm am 21. Mai 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 25223

So ein Theater

Das Licht geht aus, und es wird still, es öffnet sich der Vorhang sachte.
Ein Geist erscheint, ein kleiner dicker, das Publikum, das lachte.
Der Mann im dritten Rang rutscht unruhig hin und her.
Der Abstand ist zum Vordersitz zu eng, da wird es schwer.

Vom Studium kehrt Hamlet unbeschwert zurück nach Haus.
Des Vaters Geist enthüllt, dass Bruder Claudius ihn ermordet hätt’, oh Graus!
Der Unhold wollt’ Gertruden gar zu Frau, und seinen Thron!
Wegen der Enge schmerzt das Knie jetzt teuflisch schon.

Nun also fordert Papas Geist den Sohn auf, diesen Mord zu rächen.
Doch Hamlet selbst verbirgt sich hinter seinen Schwächen.
Konfliktbeladen zögert er, die Rache zu vollziehen.
Der Mann im Publikum kämpft zusehends mit Schmerzen in den Knien.

Irrtümlich tötet Hamlet Ophelias Vater, den Polonius.
Ophelia wird irr, nimmt sich das Leben und macht Schluss.
Der Onkel Claudius verbirgt gekonnt stets seine Schuld.
Der Mann im Publikum verliert schon die Geduld.

Jetzt woll’n sie Hamlet gar nach England schicken,
doch dieser Plan, ihn dort zu töten, soll nicht glücken.
Stattdessen trinkt Mama Gertrude gift’gen Wein.
Am miesen Sitzplatz schläft das Bein des armen Mannes schließlich ein. 

Zu allem Übel müssen Hamlet und Laertes auch noch fechten,
doch Claudius reicht Giftschwerter anstatt der echten.
Die beiden Kontrahenden sterben an den Folgen dieser Klingen.
Der Typ im dritten Rang muss sich zum Zuhör’n zwingen.

Doch ehe Hamlet stirbt, macht er noch rasch den Claudius kalt
und bittet seinen Freund, der einzige der überlebt, Horatio halt,
erzähl doch, weil’s sonst keiner glaubt, du unsere Geschichte.
Das macht die Illusion von Schmerzfreiheit im Rang zunichte.

Der König Fortinbras fasst die Gelegenheit beim Schopf
und er ergreift die Macht. Die Hauptfiguren kostet es den Kopf.
Das Reich, das fällt ihm zu, ganz leicht und ohne Kampf.
Der Mann im Publikum, der kriegt im Wadl einen Krampf.


Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 25155

November

Der November ist kalt und grau
Seine Tage sind kurz, seine Nächte sind rau
Die bunten Blätter fallen von den Bäumen
Es ist eine Zeit zum Träumen
Starke Winde wehen, der Himmel weint
Die Sonne nur mehr selten scheint

Doch in seiner Stille breitet sich Ruhe aus
Wir finden Trost in unserem eigenen Haus
In seiner Dunkelheit finden wir Licht
In seinem Ende ist der Winter in Sicht

November, auch wenn du garstig und ruppig scheinst
Ist es doch so, dass du viele Gefühle vereinst
Du bist ein Monat der Ruhe und der inneren Einkehr
Schön, dass es dich gibt – wir danken dir sehr


Copyright: Wilfried Ledolter

Copyright: Wilfried Ledolter

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 25221