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Schleim – eine Ehrenrettung

Der Schleim ist üblicherweise negativ besetzt. Eklig, grauslich, unhygienisch, krankhaft und so weiter. Die schleimigen Tiere (Fische, Schnecken, Maden, Molche etc.) mögen wir genauso wenig wie die „schleimigen“ Menschentypen. Unangenehme Menschen „schleimen sich aus – oder ein“. Brrrr, wie ekelhaft.

Dabei ist Schleim der Ursprung unseres Lebens, ein Gottes-Geschenk, ein Labsal, etwas Herrliches und Köstliches, oft genug lange Ersehntes! Ohne Schleim wären wir alle nicht! Nur Steine haben und produzieren keinen Schleim. Ein Leben ohne Schleim kann beispielsweise  nur  ein Bergkristall schön finden. Was zu beweisen ist:
Zunächst einmal zum Lebenselixier Schleim. Wie sehen die Stoffe aus, welche menschliches Leben entstehen lassen? Der männliche Liebessaft ist schleimig, sonst könnten die Spermien nicht schwimmen. Die weibliche Empfangsgrotte ist ebenfalls rutschig, damit alles wie von der Natur vorgesehen flutscht.

Und zur Vorgeschichte des Lebens respektive zu den angenehmen Dingen auf der Welt:
Da sieht ein Mann ein angenehm aussehendes Weibchen und freut sich. Ohne die Schleimhaut der Augen, die niemals austrocknen darf, würde er sie nicht sehen können. Sollte er dann in die engere Wahl der Frau kommen, ist es ebenso natürlich wie angenehm, einander zu küssen. Mit der Schleimhaut der Lippen und womöglich noch ein bisserl tiefer. Ohne Schleim hätte Mann/Frau das Gefühl, ein Stück trockenes Leder zu reiben, oder so ähnlich – jedenfalls nichts Erstrebenswertes und Knie-erweichende Gefühle Auslösendes. Kein einziger Schmetterling würde im Bauch flattern. Trocken ist tote Hose.

Apropos Lippen und Goscherl: Sind sie nicht auch für die Aufnahme von höchst erwünschter, wohlschmeckender und gut duftender Nahrung vorgesehen? Eine Nase, die staubtrocken ist, vermöchte nicht die geringste Duftnote erkennen; sie ist freundlicherweise mit einer speziellen Schleimhaut ausgelegt, damit sich die Düfte einnisten können. Und auch der Geschmack ist vom Duft abhängig, denn ohne Riechvermögen könnte der Mensch nur süß, sauer, salzig und bitter empfinden.
Weiterhin ist der Weg der Nahrung durch den Körper stets von Schleimhäuten umgeben, bis zum dicken Ende. Gnade Gott dem Schlemmer, dessen „Output“ stecken bleibt wie ein Kolbenreiber.
Und wie sieht es mit der Nahrung selbst aus – ist sie wirklich gänzlich schleimfrei? Auch das Blut im Fleisch ist Schleim – ein bisserl dicklich, ein bisserl fettig, rutschig sowieso. Könnte es sonst durch die dünnsten Adern fließen und dabei noch jede Menge Stoffe transportieren? Und Fleisch ohne Blut gibt es nicht.

Aber auch Obst und Gemüse ist nicht ganz ohne Schleim. Wer je einen Kürbis aufgeschnitten und entkernt, wer je einen vollsaftigen Pfirsich gegessen oder die Kerne von Kirschen mit den Fingern weggeschnippt hat, weiß um die Schlüpfrigkeit dieser Dinge. Gott sei Lob und Dank dafür – es ist schon ein sinnliches Vergnügen, das die Schleimproduktion (Speichelfluss) im eigenen Mund anregt.
Und erst die Milchprodukte: Sie sind allesamt (im frischen Zustand) Schleim. Wer zum Beispiel einen mit Schlagobers (Schriftdeutsch: Sahne) gefüllten Baiser genossen hat, der hat höchst genussvoll mit Schleim (Schlagobers) gefüllten Schleim (das geschlagene und gezuckerte Eiklar) verzehrt. Wer sagt da, dass Schleim ekelhaft ist?
Nun möchte vielleicht jemand meinen, dass doch das Weizenkorn absolut schleimfrei ist – weshalb Gebäck wirklich etwas ohne Ekel Verzehrbares sei. Er hat auch unrecht. Denn die Hülle des Korns hat die Eigenschaft, Wasser auf- und damit eine schleimige Konsistenz anzunehmen. Würden sonst so viele hartleibige Menschen gerade das Vollkornbrot mit genügend Flüssigkeit zu sich nehmen? Der Verfasser kann es jedem raten – das ist besser, gesünder und zielführender als alle Pillen und Pasten der Pharma-Industrie.

Es lebe der Schleim – und wir mit ihm (und durch ihn)!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15024

Neulich im Heldenbüro

Da saßen sie wieder, die beiden Kollegen, zwei gestandene Mannsbilder, und hatten recht wenig zu tun. Das war kein Wunder und hatte mit der Entstehungsgeschichte ihres Arbeitsplatzes zu tun.
Ihre Abteilung war gegründet worden, als das Heldentum grassierte, die Vorkommnisse diesbezüglich unüberschaubar geworden waren und die Sehnsucht nach Ordnung im Heroen-Chaos übergroß. Angefangen hatte alles mit einem Ägypter, der sich als Superheld gerierte, sich auf Hochhäusern fotografieren und filmen ließ, während er zum Schein Abflüge machte, um die Menschheit, oder zumindest einen Teil davon, zu retten. Es kam, wie es kommen musste: In Zeiten der sozialen und sonstigen Netzwerke verbreitete sich die Kunde von dem Wundersamen rasch, Nachahmer waren schnell zugange, und so bevölkerten erst Dutzende, dann Hunderte und später Tausende Helden diesen Planeten. Leider gingen so die echten, die richtigen, die wirklich wichtigen dabei komplett unter, ja, wurden kaum noch ernst genommen.
Und so wurde das Heldenbüro gegründet, die „Stabsstelle für echte Helden“, bei der man sich melden und registrieren lassen konnte, nebst Angabe der speziellen Fähigkeiten, auf dass die diesbezüglich bedürftige Menschheit später davon Gebrauch machen konnte.
Leider war nach einem anfänglichen Hype der Zulauf in letzter Zeit recht bescheiden gewesen, und so vertrieben sich die beiden Bediensteten inzwischen dort recht routiniert die Zeit mit allerlei Spielchen, als eine von mehreren Strategien, den Tag herumzubringen.
Eine andere war ihnen gerade ein bisschen vergällt worden: Besonders jetzt, wo von den drei Kolleginnen nebenan diejenige auf Kur war, die ihnen beiden am besten gefiel, vermieden sie es eher, dem Nebenbüro einen Besuch abzustatten. Alleine der Name der Arbeitsgruppe im Nebenraum wirkte abschreckend auf sie, „Büro für virtuelle Seuchenbedrohung“. Die Damen waren außerdem sehr beschäftigt, im Vergleich zu ihnen beiden, was die Besuche automatisch verkürzte beziehungsweise eindämmte. Aber jetzt, wo die Hübsche sowieso einige Wochen lang nicht hier sein würde, gab es einen Grund weniger, aufzustehen und sich nach nebenan zu begeben. Die anderen beiden Frauen erkundigten sich immer recht zynisch, wo denn die echten Helden blieben, wenn man sie brauchte. Und die beiden Männer drucksten dann herum und wussten keine Antwort.
Nein, dann lieber schön hiergeblieben und sich etwas anderes als Zeitvertreib suchen.
Sie spielten also das schöne, bewährte Spielchen „Wer hat am schnellsten den Längsten?“ und waren recht vergnügt dabei. Es ging darum, mittels Internetrecherche einen möglichst langen Link zu finden, und wer ihn am schnellsten mittels eines Programmes verkürzt und diese „Tiny URL“ dann seinem Kollegen per eMail geschickt hatte (da konnte die Sendezeit sekundengenau beurteilt werden, was oft auch notwendig war, denn sie waren ebenbürtige Gegner), war der Gewinner. Die Rundenanzahl schwankte und wurde vorab vereinbart, und der Gesamtsieger wurde dann vom unterlegenen Kollegen den Rest des Bürotages lang bedient.
Das Spiel war tricky, denn die Zeitvorgabe war brutal, und so waren Konzentration, Erfahrung und Schnelligkeit unbedingt vonnöten, um diese Aufgabe zu meistern.
Sie hatten sich gerade in einen schönen Spielrausch hineingesteigert, zwei Meister ihres Fachs, als es an der Bürotüre klopfte.
Die Türe öffnete sich, und im Türrahmen stand, zu ihrer totalen Verblüffung – Phantomias!

Er hatte es ihnen leicht gemacht und sein blaues Käppi aufgesetzt, auf dem als einzige Neuerung sein Name stand, aber ansonsten sah er genau so aus wie in den Comics ihrer Jugendzeit.
Die beiden Bediensteten sahen sich an. Sie sahen den Besucher an. Phantomias sah sie an.
Der Kollege, der der Tür am nächsten war, sagte zu seinem Gegenüber: „Kurti, du weißt, was das heißt? Das müssen wir melden. Wir brauchen ein neues Büro. Das könnte dann heißen ,Spezialstabsstelle für tierische Helden’ , oder so ähnlich.“
„Ja“, seufzte der andere, „es reißt einfach nicht ab. Und für Sie, lieber Phantomias, heißt das ein bisschen warten, bis wir das neue Büro und die neuen Angestellten haben. Momentan können wir Ihren Fall leider noch nicht bearbeiten. Sie können aber gerne Ihre Kontaktdaten hier lassen. Wir geben Ihnen dann Bescheid, wenn es so weit ist.“

Ja, genau so hat es sich zugetragen, neulich im Heldenbüro.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15018

Mich gibt’s noch nicht

Ich hab mir in letzter Zeit schon ein paar Mal überlegt wieder einzusteigen da unten – aber jedesmal, wenn ich mir meine potenziellen Eltern anschau’, vergeht mir die Lust auf eine neue Reinkarnation. Ich weiß, das ist nicht richtig, ganz abgesehen davon, dass nur Paradies irgendwann auch fad wird: Sünden sind tabu – dabei wär’ es wieder einmal nett, welche zu begehen, schon um den Alten zu ärgern. Dann das ständige Gedudel – keine Ahnung, warum sich immer die talentfreiesten im Blockflötenensemble finden, Flügel, die sich pausenlos irgendwo verheddern und viel mehr Pflege brauchen als gemeinhin angenommen: Engerl zu sein ist auf Dauer ein beschissener Job.

Unlängst (Er: Reisender, Sie: Lehrerin) habe ich mich nicht wirklich entschließen können (viel Tagesfreizeit einerseits, Familienwochenende andrerseits) und wie ich endlich aus einer inneren Eingebung heraus ‚Hier!‘ gerufen habe, war der Käse längst gegessen: Ein Klaus hat sich vorher gemeldet und war vor mir dran. Ich bin ihm nicht wirklich böse deswegen.
Es war ja nicht das erste Mal, wo es mich gereizt hätte. Vor ein paar Tagen wollte ich mir eine echt coole Sache geben: Vater unbekannter Soldat, der obendrein in der Stunde meiner Geburt standesrechtlich erschossen worden wäre, die Mutter arm, jung und namenlos, U-Boot in Buenos Aires. Ist da als Vierjährige hingekommen, mitgenommen von Verwandten, die nicht einmal ihren eigenen Namen buchstabieren konnten. Spannende Geschichte, hab ich mir gedacht. Ich hab aufgezeigt, aber der Bewusstseinsbrei um mich herum hat mir die Hand heruntergezogen und gesagt: ‚Sei nicht so blöd‘, ‚Du verdienst was Besseres‘, ‚Hau dich nicht runter‘, ‚Verlier nicht die Nerven‘ und ähnliche Sachen.
Bonita hat den Job dann gemacht – ich hab mir von hier oben die Geburt natürlich angeschaut und muss sagen: Ich hab wirklich nix versäumt. Es war eine unangenehme Sache, hat nur etwas mehr als zwei Stunden gedauert – Bonita ist jetzt zusammen mit ihrer Mutter längst wieder bei uns.
Bald darauf ist was Besonderes passiert: Heinz hatte sich gar nicht gemeldet, ist aber trotzdem drangekommen – in den Chefetagen ist nämlich schon längst registriert worden, dass die meisten von uns gar keinen Bock mehr auf diese Scheiß-Inkarnationen haben. Jetzt haben wir aber ein sehr geburtenschwaches Jahr heuer und bei dringlichem Bedarf entscheidet das Los – so ist das ausgemacht. Der Karl wird jedenfalls Sohn für ein Ehepaar, das einen neuen Bäcker bestellt hat.

Das wär’ nichts für mich: Ich will Mädchen werden und mit dem Bäckerhandwerk nichts mehr zu tun haben – das hat mir Ench-al-Inch, so ein arabischer Hofbäcker schon so um 526 vor Buddha gründlich ausgetrieben. Interessieren würde mich die Sache aber als Beobachterin, und kaum denke ich mir das, gibt es zwei Ecken weiter die Möglichkeit dazu: Solokind für Graf und Gräfin von Ceverovits ist angesagt, Villa, drei Badezimmer, jede Menge Personal – eine richtige Prinzessin zum Verwöhnen wird gesucht. Die meinen ganz offensichtlich mich und ich zeige sofort auf.
Znotsch.
Also komme ich raus, mir bleibt jetzt schließlich auch nichts mehr anderes übrig. Der Bewusstseinsbrei um mich herum weicht, ich schwing’ wieder durchs schwarze Loch ins Licht, wie ich es schon von den anderen Reisen her kenne, wieder die übliche Prozedur: Der Typ (wieder einer mit Brille und hohem, grauen Haaransatz) schaut mich ungläubig an und holt mit der Rechten aus. Ich schrei natürlich gleich wie am Spieß, er lächelt zufrieden und lässt die Hand sinken. Diesmal aber (neu für mich): helles Licht und emsiges Treiben, viele Köpfe über mir, andere Mütter neben mir und dann die Schrecksekunde: ‚Es ist ein Sohn!‘ – ich glaub’, ich hör nicht recht. ‚Unser Ceverovits!‘ kreischt meine zukünftige Mama der Ohnmacht nahe noch.
Es geht von ganz von vorn los: Mir wird die Brustwarze reingesteckt, wenn mir der Arsch brennt, die scharfen Fingernägel der Gouvernante kratzen mir den Arsch aus, wenn ich Hunger habe: Die Kommunikation im frühen postnatalen Stadium war immer schon unbefriedigend – in den letzten drei, vier Jahrhunderten ist sie aber eine einzige Katastrophe: Du kriegst nie, was du brauchst, alle Bedürfnisse werden verkehrt interpretiert – nie befriedigt.
Kaum dass ich ‚Mama‘ sagen kann weiß ich, dass das für mich wirklich das letzte Mal ist in den nächsten tausend Jahren ist, mir reicht’s jetzt nämlich endgültig: Lieber da oben in der Bewusstseinssuppe herum schwabbeln, als noch einmal zurück auf diese Kugel. Das da oben ist zwar auch kein Honiglecken, aber das hier herunten tue ich mir einfach nicht mehr an.

Anmerkung:
Thomas Ceverovits wurde Jurist, war in seiner Jugend Dritter in der Staatsmeisterschaft der Rückenschwimmer. Er heiratete und wurde Vater von drei Söhnen. Nach seiner Pensionierung und dem Tod seiner Frau widmete er sich mit mäßigem Erfolg der Lyrik. Er verstarb im kalten Winter 1929, zwei Monate nach dem Schwarzen Freitag, an den Folgen eines Schnupfens.
Durch ein Missverständnis – er hustete, was als Zustimmung interpretiert wurde – inkarnierte er als Maria Schroll gleich ein halbes Jahr später erneut. Schroll wurde Jugendleiterin beim Bund deutscher Mädchen und erlag im Winter 1944/45 nach einem Bombenangriff ihren schweren inneren Verletzungen.
Gerüchten zufolge inkarnierte sie vorletzte Woche doch wieder, diesmal als erstgeborene Tochter einer Bäckerfamilie in A-458o Windischgarsten, Laubenweg 21 A.

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht| Inventarnummer: 15010

 

Seltsame Geschichte

Wir können nicht einfach darüber hinwegsehen: Es geht in dieser äußerst seltsamen Geschichte um keine Diskussion, keine Auseinandersetzung – es handelt sich hier um Krieg! Es ist ein Kampf der Geschlechter und der Generationen, um Vormachtstellung, eine brutale Konfrontation der Charaktere, ein würdeloses Aufeinanderprallen von Groß und Klein, Schwarz und Rot. Wir halten uns selbst zum Narren, wenn wir so einfältig sind zu glauben, dass wir auch nur die kleinste Chance hätten, diesem Krieg ein Ende bereiten zu können: Nicht das smarte “Sowohl-als auch”, sondern ein hartes “Entweder-oder” ist die beherrschende Devise und es gibt keinen Kompromiss.

Dabei lässt sich alles an wie fast immer: Die Herren sind in der Überzahl, eine Dame alleine.
Noch. Auch ein Jüngling ist da und schlägt sich zur Minderheit. Kein Wunder: Er ist jung, will alles wissen. Er zieht die Gesellschaft von Damen vor – hat ihm doch sein junges Leben in Hort und Schule immer nur Buben und ältere Herren geboten. Die kennt er zur Genüge, was er noch nicht kennt, sind diese erregenden anderen Düfte des Lebens.
Die schon anwesenden Herren nehmen es ein bisschen interessiert, aber ansonsten äußerst gelassen, fast belustigt hin. Sie amüsieren sich, warten auch ab, bis die anderen geladenen Damen erscheinen. Erst dann werden sie sich in Szene setzen, sich ums andere Geschlecht kümmern, der Sache ihren Stempel aufdrücken. Diese äußere Gelassenheit ist nicht gespielt, obwohl die Szene eine gewisse Spannung erzeugt, von der es scheint, dass auch sie sich ihr nicht völlig entziehen können.
Insbesonders Monsieur P., der sich ans Instrument lehnt, lässt den Harfenspieler von Zeit zu Zeit die Konzentration auf sein Spiel durch die Befürchtung vernachlässigen, Jean könnte abrutschen und dabei – wenn nicht gleich das Instrument, so doch sein Spiel ruinieren. Es scheint, als spürten alle im Raum diese Ahnung.

Die Künste des Musikers lassen auch nach, was dem Publikum aber noch nicht weiters auffällt.
Allein der Künstler selbst vermisst vermehrt akzentuierte Synkopen, bemerkt an sich eine verminderte Courage zur wohldosierten Pause – ja, sogar Fehler in der Melodieführung kommen vereinzelt vor und ein jeder lässt ihn kurz mit der Braue über dem linken Auge zucken.

Abgesehen von diesen vordergründig fast zu vernachlässigenden Misslichkeiten ist die Stimmung friedlich: Die Menge mischt sich träge, wie von einem unsichtbaren, zur Melancholie neigenden Dirigenten geführt, die Bewegungen der jetzt schon sehr zahlreich erschienen Gäste scheinen auch unausgesprochenen Befehlen zu gehorchen.
Von einer dieser Bewegungen profitiert der schwarzgekleidete Herr K., der es sich bis dahin auch in der Nähe des Instruments bequem gemacht hatte. Er findet einen freien Platz, der ihm ungestörten Blick auf eine der Damen ermöglicht – deren offensichtliches Desinteresse an seiner Person ihm völlig entgeht oder ihn einfach nicht stört. Sie lässt K.s Blick jedenfalls völlig kalt, ja es scheint, sie sonnt sich mehr im steigenden Interesse des somnambulen Jungen – nicht ohne aber auch ihrerseits den Blickkontakt mit Monsieur P. zu suchen, der wiederum seinerseits dem Musiker sichtlich mehr und mehr Kopfschmerzen bereitet.
Das beständige Geschiebe und Gedränge bietet ihr dazu allerdings nicht allzu viele Möglichkeiten: In mögliche Blickkontakte schiebt sich stets eine Gruppe von Gästen und in den wenigen Situationen, in denen sich diese Kontaktaufnahme geradezu aufdrängt, blickt P. woanders hin. Bewusst?

Wir spüren bei dieser äußerst seltsamen Geschichte fast körperlich das Scheinbare des Friedens, fühlen schmerzhaft das trügerische Außen, erahnen bereits den letalen Ausgang und bekommen diesen auch augenblicklich glatt bestätigt: Der unsichtbare Dirigent schmeißt den Taktstock hin – anders wäre es auch schlecht erklärbar, wieso sich plötzlich unterschiedlichste Interaktionen in dem Moment paaren, der sich schicksalshaft über alle ergießt: Während etliche Akteure die Szenerie betreten (unter anderem der Stiefbruder vom Sorgenkind des Pianisten) und eine schielende Dame, die beide der gerade eben gewonnenen Blickkontakte sogleich wieder verliert, verstummt das allgemeine Geplauder – die Befürchtung des Harfenspielers wandelt sich zur konkret begründeten Angst: K. stolpert, schlägt dabei mit dem Ellenbogen hart in die Saiten, das Instrument fällt, der Musiker bricht sein Spiel ab, alles ist aus.
Das ist schon das dritte Scheiß-Solitaire, das sich heute nicht ausgeht.

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht| Inventarnummer: 15005

Eine Banane mag ich nicht

„Eine Banane mag ich nicht, die hat der Neger ang‘langt.“ Dieser Satz ist von der Tante Anni verbürgt. Die Tante Anni ist die Tante meiner Freundin Beate-Baby. Sie hat mir die Geschichte erzählt, und ich muss sie gleich aufschreiben, weil sie so kurios ist.

Tante Anni, Gott hab‘ sie selig, wohnte im Parterre in der alten Villa, wie das umgebaute Schulhaus neben der Kirche allgemein bezeichnet wird. Die Tante Anni war mir vom ersten Moment an sympathisch, obwohl ich sie ja nur aus Erzählungen kenne. Eine aufrechte Person, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt, die Dinge beim Namen nennt und auch dazu steht. Geboren wurde sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Den Fotos nach zu urteilen, war sie ein hübsches Mädchen, sie quälte sich aber selbst, wie Beate-Baby sagt, ihr Lebtag lang mit der Überzeugung, nicht so schön wie ihre Schwestern zu sein. Sie litt darunter und gewöhnte es sich an, jedes Kompliment sofort zu entkräften und entschlossen zu kontern. Sie war sich gewiss, nicht schön zu sein, und niemand brauchte ihr Honig ums Maul zu schmieren. So war das! – Weil sie also davon fest überzeugt war, entwickelte sie andere Vorzüge, welche die Menschen in ihrer Umgebung oft verwirrten. Tante Anni zeigte allen, dass sie selbstständig war, niemanden brauchte und schon gar keinen Mann. Sie wollte mit Respekt behandelt werden. Auf andere wirkte sie eigensinnig. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann tat sie das auch, und niemand konnte sie aufhalten. Heute würde man sagen, sie war emanzipiert. Damals nannte man so eine Person gerne eine Beißzange oder Bissgurke. Das ist böse und trifft bestimmt nicht zu, weil Tante Anni andererseits höchste Lust beim Beten empfand. Sie war die fleißigste Kirchenbesucherin. Schließlich wohnte sie ja auch nebenan, und die Kirche war der einzige Ort, wo sie sich außer in ihrem Wohnzimmer noch wohl fühlte. Wenn sie schon keinem Menschen trauen wollte, dann wenigstens Gott und der Jungfrau Maria. Die verstanden sie, auf die war Verlass. All die Menschen in ihrer Umgebung waren ihr suspekt. Sie wollten sie entweder aushorchen, waren ihr neidig, waren auf ihr Geld aus oder wollten ihr aus irgendeinem heimtückischen Grund schöntun. Tante Anni war auf der Hut, sie nahm sich in Acht. So gelang es ihr, sich ein Leben lang Enttäuschungen vom Leib zu halten, aber leider auch das Glück und die Freude.
Da sie als Wirtstochter standesgemäß das Internat im Kloster besucht hatte, galt sie als gebildet, und sie war sich ihrer gehobenen Stellung auch bewusst, umgab sich mit einer Aura der Besonderheit und gewöhnte sich eine herablassende Art an. Dies geschah nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Hilflosigkeit, aber die Dorfdeppen verstanden das als Hochnäsigkeit und die Fronten verhärteten sich.

Ihren Wunsch nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit konnte die Tante Anni verwirklichen, als sie Posthalterin wurde. Im ersten Stock der Villa, direkt über ihrer Wohnung, richtete sie die Poststelle ein und fuhr mit einem Fahrrad, das einen Hilfsmotor hatte, die Post im Dorf aus. Da schauten alle, da waren sie ihr schon wieder neidig, die Grattler, die Dienstboten, die Hungerleider. Tante Anni lernte damit zu leben. Sie war kurz angebunden, saß aufrecht auf ihrem Gefährt, eine Amtsperson! Einmal holte eine alte Frau ein Packerl bei der Post ab. Ein Verwandter hatte es ihr geschickt, und es war Kaffee drinnen. Die Tante Anni sagte herablassend: „Seitdem die gewöhnlichen Leute auch einen Kaffee trinken, schmeckt er mir nimmer.“ – Ja, nicht einmal diese stille Freude des Herausgehobenseins war ihr mehr vergönnt. Alle mussten alles haben, da konnte man sich nur noch zurückziehen, in die Villa.

Um sich vor überraschenden Besuchern zu schützen, brachte sie am Gartentor eine Klingel an, die, wie Beate-Baby zu erzählen weiß, dermaßen ohrenbetäubend laut war, dass bei ihrem Ertönen nicht nur der Klingler, sondern auch Tante Anni im Wohnzimmer regelmäßig fürchterlich erschrak und einen Schreckensschrei ausstieß, der noch im Garten zu vernehmen war. Erst jetzt konnten die Nichten vorsichtig über die Veranda eintreten, Tante Anni war gewarnt. Sie empfing die Mädchen nicht, weil sie sich freute oder weil sie sie mochte, sondern weil sie sich verantwortlich fühlte. Die Verwandtschaft war nach ihrem Gefühl nachlässig mit der Erziehung. So oblag es der Tante Anni, ihren Nichten die Grundkenntnisse im Taschentucheckenbügeln beizubringen und im Putzlumpenauswringen. Beim Putzen legte sie besonderen Wert auf die Ecken, sie mussten gründlich gewischt werden, da war sie eigen, genau wie bei den Ecken der Taschentücher. Jaja, die Eckerl, da schaut manch einer gern drüber hinweg, aber gerade daran erkennt man den Charakter.
Außer ihren Nichten ließ sie niemanden in die Wohnung. Nur einmal machte sie eine Ausnahme. Beate-Baby stellte ihr eine Freundin vor. Zuerst war die Tante skeptisch, als sie aber erfuhr, dass das Mädchen aus der Stadt sei und noch dazu adelig, ließ sie die beiden herein. Sie durften dann den Kühlschrank mit einer kleinen Gartenhacke enteisen. Wenn man den Leuten bei der Arbeit auf die Finger schaut, lernt man sie kennen.

Besonders eindringlich beschreibt Beate-Baby das Wohnzimmer der Tante. Eine Wand war mit einer Fototapete beklebt, die einen stürmischen Ozean mit Palmenstrand zeigte. Das Kruzifix hing in der linken Ecke und in der rechten stand das ganze Jahr über das Kripperl mit Maria und Josef, dem Jesukindlein und Ochs und Esel. Über dem Jesukindlein hing eine Laterne, die mittels einer Schnur hinter dem Vorhang eingeschaltet werden konnte. Diesem Arrangement verdankt Beate-Baby ihr Grundwissen über Jesus. Glaubte sie bis dahin, Maria sei in Oberbayern, in den Alpen, niedergekommen, so klärte Tante Anni sie auf, dass das kindisch, naiv und völlig falsch sei. Der Heiland sei vielmehr in Israel geboren und aufgewachsen. Und da gebe es viele Palmen und Meer und es schaue so aus wie auf der Tapete. –  Dass sie mit dieser klaren und durchaus folgerichtigen Anschauung überall aneckte, versteht sich von selbst. Die Wahrheit will halt keiner gern hören oder sehen. Tante Annis prophetisches und revolutionäres Gedankengut verhallte nahezu ungehört in der Heimat.
Das Allerskurrilste im Wohnzimmer der Tante Anni aber war ihr Grabstein. Sie hatte ihn vorsichtshalber schon zu Lebzeiten machen lassen. Sie sorgte vor, auf die Erben war ja eh kein Verlass, wenn sie erst mal das Geld hatten. Tante Anni wollte sich eine letzte Enttäuschung ersparen und sorgte daher selbst für einen angemessenen Grabstein und ließ auch die Schrift gleich einmeißeln und vergolden. Lediglich das Sterbedatum war ausgespart. Im Wohnzimmer verstaubte der Stein natürlich und so mussten die Nichten ihn von Zeit zu Zeit mit Sidolin abreiben und anschließend mit einem feuchten Lappen polieren. Tante Anni schaute ihnen zu, auf einer Gartenliege ausgestreckt, die auch im Wohnzimmer stand. Mit Blick auf die Fototapete, mit dem Gelobten Land, und mit Blick auf den Grabstein lehnte sie sich fast zufrieden zurück, aber auch jetzt war noch nicht alles geklärt. Den putzenden Mädchen eröffnete sie, dass sie auch noch eine Grabplatte beim Steinmetz in Auftrag geben werde, weil sie befürchte, dass die Erben zu faul sein würden, das Unkraut vom Grab wegzuzupfen.

Ja, so hat die Tante Anni für alles vorgesorgt, in dem Bewusstsein, dass sie sich auf nichts und niemanden verlassen konnte, und auf den Zufall hat sie nicht vertraut. Israel, das Gelobte Land, wo Milch und Honig fließen und wo der Heiland geboren ist, ist halt auch ewig weit weg. Und ob es wirklich so ist wie auf der Fototapete, weiß man ja auch nicht gewiss.

Die Nichten hat sie fürs Putzen, Taschentücher Bügeln, Grabstein Polieren und Semmelknödel Machen nicht bloß anständig, sondern sogar fürstlich bezahlt. Knickrig war sie nicht, das wollte sie sich nicht nachsagen lassen, das ganz gewiss nicht. Lieber gab sie das Geld den Mädchen statt irgendwelchen Fremden, dann blieb es wenigstens in der Verwandtschaft.
Mit der Zeit kam Beate-Baby auch auf die Idee, Tante Anni als Bank zu nutzen und lieh sich Geld von ihr. Nun war auch wieder die Berufserfahrung als Postbeamtin von Nutzen, denn Anni kannte sich natürlich auch mit Bankgeschäften aus. Sie entwarf offizielle Schuldscheine und hatte immer welche griffbereit in einer Schublade, wenn die Nichten kamen. Korrekt wurde bei Bedarf ein  Schuldschein ausgefüllt und von beiden Geschäftspartnern unterschrieben. So hatte alles seine Ordnung. Beate-Baby sagt, die Tante Anni hat leidenschaftlich gern unterschrieben. Mit ihrer Unterschrift fühlte sie sich sicher. Alles war beglaubigt, juristisch korrekt. Das mochte sie.
Die Schuldscheine verstaute sie in den zahlreichen Schubladen ihres Mobiliars. Meist fand sie sie in ihrem Saustall nicht mehr, sagt Beate-Baby. – Aber nach dem Tod der Tante Anni, als der Grabstein schon seinen Platz auf dem Friedhof nebenan gefunden hatte und die Verstorbene wieder Anna  geworden war wie bei ihrer Geburt, sich in ihrem Haus für die Ewigkeit wohlig und gemütlich eingerichtet und bestimmt auch endlich erfahren hatte, wie das mit dem Jesulein und dem Heiland und Israel wirklich ist, da haben die Erben in ihren Schubladen gekramt und die vielen Schuldscheine gefunden. – Beate-Baby meint, dass sie da wirklich Glück gehabt habe, weil die Erben Gott sei Dank das Geld nicht zurückhaben wollten. Mit den Jahren war nämlich einiges zusammengekommen. Die Angehörigen glaubten, die alte Tante habe in ihrer Eigenbrötelei und Seltsamkeit immer nur Bank gespielt. – Weit gefehlt! So hält man das Naheliegendste oft für das Abstruseste.

Auch dem Genuss der Bananen hat die Anna ein Lebtag lang entsagt, weil sie immer das Bild von dem Neger vor Augen hatte, der sie nach landläufiger Meinung pflückt und in seiner schwarzen Hand hält. Davor hat ihr gegraust. Und selbst wenn ihr einmal nicht mehr davor gegraust hätte, wäre sie viel zu stolz gewesen, das zuzugeben. Sie konnte also nicht anders als in Sturheit zu verharren, um vor sich selbst bestehen zu können. Bestimmt ist sie unter ihrer Grabplatte auch davon erlöst worden und nimmt jetzt ganz vergnügt Bananen aus den Händen schwarzer Engel entgegen.

Claudia Kellnhofer

Dieser Text ist mit weiteren im September 2018 bei
EINBUCH Buch- und Literaturverlag, Leipzig
unter dem Titel „Eine Banane mag ich nicht“ erschienen.

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 14079

Reflexionen in der U-Bahn

Er mag sie ja alle, die Dicken, die Dünnen, sogar die, die so aufdringlich riechen. Ihm macht es nichts, wenn sie fluchen, meckern, sich zieren und unmöglich benehmen. Ob die Frau da drüben wirklich meint, was sie sagt? Er ist ihr nicht böse, und wenn sie noch so Herzloses von sich gibt.
Eigentlich versteht er sie alle. Das Leben ist kein Honiglecken. Wer sich darüber beschwert, war immer schon im Recht. Und diese so genannte Fahne, die so viele um diese Zeit hier vor sich hertragen, der Geruch nach Alkohol, nur zu verständlich. Ein Tröster in der Not. Wer kennt das nicht?
Ein Unmensch, wer glaubt, über andere urteilen zu dürfen. Was weiß er schon von deren Schicksalen?
Die Einsamkeit, die tut das ihre dazu. Da werden die Menschen nun einmal eigenartig. Einzigartig waren sie vorher, eigenartig werden sie mit der Zeit, mit dem Alleinsein ganz von alleine.
Er sinniert gerne, so in der U-Bahn. Die ist ein Symbol für ihn: Um irgendwo anzukommen, wo man hin möchte, muss man zuerst einmal ganz hinunter.
Er fährt gerne einfach so durch den Untergrund. Das Grübeln kommt da ganz von selbst.

Ihm gegenüber sitzt ein Mann, dem man anmerkt, dass er früher viel trainiert hat, das erkennt er auf den ersten Blick. Er hat einen breiten, fülligen Oberkörper. Die Oberarme stehen leicht davon ab, sogar im Sitzen. Er muss seine muskulösen Arme im Schoß verschränken, damit sie nicht seitlich an andere Fahrgäste stoßen. So sitzt er da, irgendwie eingeklemmt in sein eigenes Dasein, sich selbst zu viel, und bemüht, anderen nicht im Weg zu sein.

Was die anderen von ihm halten mögen? Ein Spiegel-Affe, denken sie sich vielleicht, ein Körperfetischist, der nichts im Kopf hat außer Trainieren.
Er aber denkt nicht so über sein Gegenüber. Bestimmt hat auch dieser Mann eine Geschichte, die zu erzählen lohnt. Er will nicht nach dem Äußeren urteilen, das machen schon viel zu viele andere. Ob er die Vorurteilsbehafteten auch leiden kann, wo er doch alle Menschen mag, darüber will er bei seiner nächsten U-Bahn-Fahrt nachdenken, alles der Reihe nach.

Er betrachtet also sein Gegenüber, das groß und fehl am Platz die anderen Fahrgäste fast schüchtern aus den Augenwinkeln ansieht, einen nach dem anderen, auch ihn selbst, den er nun am Fenster gegenüber entdeckt hat. Beinahe scheint der Koloss hoffend, dass sie alle, alle anderen, ihm nichts antun, ihn in Ruhe hier sitzen und schauen lassen. Ihn nicht anreden, ihm nichts vorhalten, ihn mit nichts konfrontieren. Der Mann wirkt nervös, Schweiß bildet sich auf seiner breiten Stirn. Oder bildet er sich das ein?

Der große Mann sieht freundlich aus, und wenn er nicht gerade umherschweift, ist sein Blick ein wenig verloren, wie der eines tagträumenden Kindes. Nachdem er alle anderen Mitfahrenden gemustert hat, wandert sein Blick schneller im Abteil umher. Wonach sucht er denn? Kann er ihm helfen? Fährt er etwa ohne Fahrschein mit und ist deshalb so unruhig? Er wird den Mann nicht danach fragen. Der will seine Ruhe haben, keine Frage.
Er kennt das ja von sich selbst zur Genüge. So viele Wohlmeinende, die mitmischen, sobald man eine Rückzugsphase hat. Oder eine schlimme, egal. Das stört wirklich, nur die Wenigsten wissen, wann es genug ist mit diesen Ratschlägen, die keiner braucht.

Der Mann gegenüber fährt nun schon einige Stationen lang mit, und das Spiel wiederholt sich. Es steigen Menschen ein und aus, welche mit Kindern (um diese Zeit?), andere mit Hunden, sogar ein Mann mit Katze ist dabei. Und der Mann betrachtet sie alle, schüchtern, hektisch, als wären sie eine im Dunklen lauernde Gefahr, die er noch nicht abschätzen kann. Die Augen schießen hin und her, sobald eine neue Station erreicht ist. Noch sitzt er, aber er wirkt jederzeit bereit zum Sprung.
Jetzt ist er, der ihn vom Gang gegenüber Beobachtende, sicher, dass der unruhige Riese weder Fahrkarte noch Geld hat. Daher die Nervosität, verständlich, auch das ist ihm selbst nicht fremd.

Es wird Zeit, auszusteigen, er erhebt sich und wirft noch einen Seitenblick auf sein Studienobjekt gegenüber. Erstaunt nimmt er wahr, dass auch dieses aufsteht, zeitgleich mit ihm. Er blickt ihm direkt in die Augen, nur eine schwache Reflexion des Fensterglases im Licht des Abteils nimmt ihm die letzte Illusion.
Sie gehen beide gleichzeitig, natürlich spiegelverkehrt, wenden sich dem Ausgang zu, nicht ohne sich noch einen verschämten Blick zugeworfen zu haben.
Sie beide wissen von einander, aber für alle anderen hier verlassen sie die U-Bahn als ein und die selbe Person.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 14067

Ein Landschaftsporträt mit Umlaut-a am Schluss

Am Anfang, am Anfang war da nur dieser eine Strich. Kein gerader Strich, nicht mit dem Lineal gezogen oder die lange Seite eines Geodreiecks entlang und in seine Uniform geschleift, der Strich war ganz freiwillig, freihändig passiert. Niemand hatte ihn dazu gezwungen, zu werden, was er war, nicht der abgenagte Kugelschreiber in meiner Hand und nicht das zuerst leere Blatt auf der laminierten Spanholzplatte von einem Tisch in dem kleinen Erdgeschossbüro, in dem ich wie üblich meine Zeit absaß. Es war die Langeweile gewesen, ja, höchst wahrscheinlich das Nichtstun, das den Strich da in all den Stillstand hinein geboren hatte, ohne einen Anflug von Zweck und noch ohne zwickende Hintergedanken daran, was aus dem Strich noch einmal alles werden müsste in der Zukunft irgendwann. Aber da war er nun, dieser Strich, der da auf dem sonst leeren Blatt Papier von unten nach oben und wieder nach unten ging und, ganz plötzlich, begann der abgenagte Kugelschreiber in meinem Mund damit, mir vor lauter Nagen mit jedem weiteren Kauen geschmacksneutrale Stückchen zerkautes Plastik auf die Zunge zu bröseln, ungleich große Plastikkristalldinger, die ich sofort danach angewidert über die Schulter auf den Boden spuckte, und die jubelnd davon hüpften, ohne dass sie dabei jemals weiter gekommen wären als bis zur allernächsten Rigipswand.
Gut.
Auf dem Blatt Papier war am Anfang also nur dieser eine Strich.
Gut.
Gut.
Das konnte natürlich auf keinen Fall so bleiben, nachdem das kalte Quietschen meines Drehsessels beim Zurücklehnen dazu geführt hatte, dass ich wieder zu denken anfing.
Ein Strich, ein einziger, das wäre niemals genug, war ja nichts im Prinzip. Nur ein einziger Strich, in der ungefähren Form eines Berges, nein, ein Strich, der vielleicht maximal annähernd irgendwie so verlief, wie das ein Bergrücken in zwei Dimensionen so ungefähr zirka auch manchmal tun würde, komplett wider die Natur blau auf weiß? Nein! Das reichte niemandem und nirgendwo! Lächerlich! Nicht genügend! Setzen! Der ominöse Berg, bis jetzt, war ja nur ein unförmiges Aufundab, nur ein nackter Bergrücken, der kaum an einen Bergrücken erinnerte, es war der Rücken eines Bergs, den auch die nach und nach dazugepfuschten Details nicht mehr retten konnten vor seinem Nichtbergsein. Da kamen dann als erstes die Nadelbäume, Nadelbäume, die wie vermangelter Stacheldraht aussahen, als wären sie nur starres Gekritzel anstatt Teil einer sich an den Hang schmiegenden Baumgruppe, Gekritzel, das weder Tiefe erzeugte noch einen Hauch von Idylle nach vorne brachte, so, wie das das Anschau’n eines echten Bergs eben so macht. Auch die Wiese, die als zweites dazukam, auch das Gras der Wiese dort rechts über dem Fuß von dem Nichtberg sah viel mehr aus wie ein See, wie ein flüchtiges Wirrwarr aus seichtem Kugelschreibertintengemisch, wie eine Untiefe, in das ein Orkan hinein blies. Genau das, ja, diese Wiese war nur ein außer Kontrolle geratenes Wellenbecken voll ertrinkender Nichtparabeln, struppige Gischt, die auf keinen Fall ihrer Aufgabe als Wiese gewachsen sein konnte, weil sie eben überhaupt keine Wiese war. Es war eine Nichtwiese auf einem Nichtberg, genau, und darüber, da hätte eigentlich eine Almhütte thronen sollen mit einem Rauchfang, der nicht rauchte, heraus kam aber nur ein flaches Rechteck mit einem flachen Trapez als Dach, zu dem eine viel, viel, viel zu steile Straße hinauf führte, ohne Serpentinen und ohne Mittelstreifen. Um Himmels Willen, dass es überhaupt eine Straße war, das konnte man vom Hinschau’n vielleicht gerade nur noch irgendwie so annähernd erahnen, es war in Wahrheit aber nur blankes Weiß gesäumt von zwei unsymmetrisch verlaufenden Grenzen aus eintrocknender, blauer Flüssigkeit, die stellenweise so knapp an sich selbst gerieten, dass sie sich überkreuzten, dass der rechte Straßenrand danach plötzlich der linke war, was selbst einem Auto mit Allradantrieb einiges an Schwierigkeiten bereiten dürfte.
Ein Irrsinn.
Nein, zwei!
Nein, drei, vier, fünf, sechs, sieben!
Der Gipfel war aber so und so die ärgste Frechheit.
Der Gipfel war irgendwie rund und von kreuz und quer auf- und abtauchenden Adern oder von Weißderteufelwas durchkreuzt, alles Striche, alles willkürlich, alle krampfhaft versucht, den Eindruck von Spalten in härtestem Gestein zu erwecken, nur, um den Gipfel doch noch zu einem Gipfel werden zu lassen, auf einem Berg, den es gar nicht gab. Ja, noch immer war der Berg nur ein Nichtberg, ein Nichtberg, dessen rundliche Spitze verkleidet war mit einer verzogenen Kuppel, einer verzogenen Kuppel aus verbogenen Metallstreben.
Und nein.
Nein, es war nicht einmal eine fertige Kuppel, es war da nur das Gerüst einer im Bau befindlichen, notdürftig zusammengeschweißt aus unsicher wirkenden Bögen aus irgendwie gebogenen Eisenstangen, die vom dreifachen Nachbessern des Gipfelverlaufs gegen meinen eigentlichen Willen irgendwie entstanden waren, und die den „Gipfel“ nur noch mehr verschandelten. Grauenvoll, ja, grauenvoll sah das aus, das alles, und der Gipfel blieb gerade deshalb auch weiter kein Gipfel, er war so ungipflich, wie ein Nichtgipfel nur sein konnte, wie auch der Haufen Geröll auf halber Höhe am linken Nichtberghang weniger nach einem Haufen Geröll aussah als nach Jabba the Hutt in Krixi-Kraxi-urban-artform-style, dem gerade eine Baumstacheldrahtperücke auf der spitzen Glatze saß.
Yeah.
Totally.
Ja:
Was aber noch viel schrecklicher war als diese unglaubliche Katastrophe von einem Gipfel und einem Berg und einer Wiese und einer Straße und einer Almhütte, war das Loch, in das auch die eben erwähnte Katastrophenstraße hinein mündete, hinein mündete nach einem leichten Schlenker, als hätte eine Kugelschreibermine Schleuderspuren hinterlassen, die danach, wie alles andere, spurlos im Loch verschwanden. Das Loch selbst aber, an sich, war nicht viel mehr als ein ovaler Kreis, nicht einmal oval, nein, eher in der Form eines allzu entspannten Gummiringerls, öfters nachgezogen, natürlich, allzu entspannte Gummiringerl über allzu entspannte Gummiringerl über allzu entspannte Gummiringerl, wie raue Lippen um den Schlund eines Lochs, das aussah, als hätte es ein Glasdach. Ja, wirklich, ein Glasdach, so schlecht war die Bodenlosigkeit dieses Lochs in der Schraffierung angedeutet, dass die Bodenlosigkeit schon an Glas, an vorgedruckte Durchsichtigkeitsschlieren in einem Kindermalbuch erinnerte, aber, aber trotzdem: Das verglaste Loch lag unbeeindruckt von seiner eigenen Unform weiter nicht einmal mehr auf dem Nichtberg, schon ein bisschen links das sonst unberührte Tal entlang, ein schönes Tal eigentlich, viel weniger hässlich als der verwackelte Strich, der aus der Verglasung des Lochs herauskam, und über dem am anderen Ende plötzlich geschrieben stand, „Warum ist dieses Loch ausgegraben?“, und es so aussah, als würde das Loch mit sich selbst in der dritten Person reden, und gar nicht wissen, warum es überhaupt war.
Unglaublich!
Aja.
Und fast vergessen:
Es sprang nämlich zusätzlich, vor all diesem Desaster von einem Hintergrund, auch noch ein scheinbar lebensmüdes Strichmaxerl herunter von diesem Nichtgipfel dieses Nichtbergs, wobei es gleichzeitig auch nicht irgendein Strichmaxerl war, sondern eins, das diese Entscheidung ohne mein Zutun getroffen zu haben schien, als hätte es einen eigenen Willen, und ich nur nicht gut genug aufgepasst.
Ja, es mag unwahrscheinlich klingen, denn dieses Strichmaxerl hatte, wie es von meinen bereits zur Schau gestellten, eher nichtgenügenden Zeichenfähigkeiten zu erwarten war, keinerlei Ähnlichkeit mit einem lebendigen Wesen außer dem Kopf und den Armen und den Beinen und der Wirbelsäule. Es hatte keine Stirn und auch keine Ohren, es war das Einfachste vom Einfachen, ohne Gesicht, ohne Mund, ohne Nase, es war ein komplett ausdrucksloses, zerbrechliches Exoskelett ohne jedweden Inhalt, das sich da von dem Nichtberg hinunterstürzte und das, ohne Augen, gebannt in das verglaste Loch hinein starren hätte sollen, was nur mit einer strichlierten Linie angedeutet, so nicht wirklich deutlich zum Ausdruck kam.
Eine strichlierte Linie?
Ernsthaft?
Aber wie auch immer:
„Naja. Also Schönheit ist der Kurti keine!“, dachte ich sogleich danach und kam gar nicht mehr dazu, mich ausführlicher über sein kümmerliches Aussehen und seinen von mir aus der Not heraus gehudelten, idiotischen Namen zu beschweren, denn seine blassen, nicht vorhandenen Wangen fingen an, sich über sich selbst zu stülpen, als würde ihm ein riesiger, unsichtbarer Fön tatsächlich schnelle, heiße Luft mit aller Gewalt an dem leeren Kreis seines Kopfs vorbeijagen, als würde es da tatsächlich eine Tiefe geben, die nur für den Kurti und mich auf einmal wirklich tief war. Ja, sicher, der Nichtberg war dadurch noch immer kein Berg nicht, er war aber auch kein Nichtberg mehr, er war ein Berg, zwar immer noch grauslich entstellt von der teuflischen Lüge meines Zweiers in Bildnerischer Erziehung, er war aber ein hoher, und ein siebentelwegs echter und einer, von dem dieses Kurti getaufte Strichmaxerl da gerade herunter fiel, das gerade noch ein Fremder gewesen war, und dessen Körper sich tatsächlich vor mir wie im Daumenkino unscharf nach unten bewegte.
Gut.
Es war aber auch in stotternden Einzelbildern noch immer kein schöner Anblick.
Der Kurti, der hatte zwei Stümpfe als Arme und zwei Stümpfe als Beine und ein ebenso dünnes Rückgrat, das alle vier Stümpfe miteinander verband zu einem praktisch grätenfreien, unnatürlich asymmetrischen Fischgrätenmuster, und so von mir zugerichtet fiel der Kurti nun herunter von dem Nichtberg und, so wie es aussah, in dieses Loch hinein, mit einer einzigen, ungewollt entstandenen Haarsträhne auf seinem Strichmaxerlkopf, um den ich mir langsam Sorgen machte.
Natürlich, das Glas über dem Loch, auf das der Kurti da von hoch oben herunter fiel, war noch immer da, vermeintlich, aber es würde keinen Aufprall geben, der seinen Kopf am Glasdach in Scherben schlägt, nein, ich wusste ja, dass es ein offenes Loch war, ein unverglastes, es war nur für Unbeteiligte relativ schwer zu erkennen, wie offen und tief das Loch war in Wirklichkeit. Im freien Fall darauf zu stürzend, stand es offen, sperrangelweit offen, und es war tief, viel tiefer als der Zehntelmillimeter Papier, in den es hinein führte, so tief, als hätte sich niemand allzu genau überlegt, wie tief das Loch denn jetzt genau sein soll, und es dauerte auch nicht allzu lange, bis der Kurti ohne einen Abschiedsgruß wortlos darin verschwand.
Ich fiel ja eh schon mit, also warum auch?
Ja.
Das Loch, es schien mir schier endlos zu sein.
Nein, nicht schon schier endlos, weil vielleicht war es das ja.
Noch war es endlos, ohne Gegenbeweis.
Endlos.
Endlos, und wir fielen und fielen und fielen, so wahnwitzig lange, dass mir das Fallen bald zur Gewohnheit wurde. Stunden um Stunden um Stunden, so kam es mir vor, fiel ich so mit dem Kurti Seite an Seite diese senkrechten, blauen Schlangenlinien entlang, mit denen das Loch von mir innen schlampigst tapeziert worden war, und die nur ansatzweise so wirkten, als wären es Unebenheiten im Fels, als wären es die stumpfen Bruchkanten im Inneren dieser Rissquetschwunde in der Kruste aus schneebedecktem Weiß, die mich glauben lassen sollten, dass es tatsächlich bergab ging, oder dass wir uns zumindest bewegten.
Naja.
Naja, was will man sich jetzt illustrationstechnisch noch Großes erwarten, aber irgendwann, entlang dieses sich wieder und wieder wiederholenden Rhythmus aus sich vorbei schlängelndem Kugelschreiberaufdrückresultat, das ich eigentlich niemals gezeichnet hatte, und das irgendwie trotzdem da war, erschlich sich das Fallen hinterrücks den Status des Normalzustands. Gut, vielleicht nicht direkt normal, aber es war zumindest irgendwann eine Grenze erreicht, hinter der mein jammerndes „Ojeojeoje“ nicht mehr ausschließlich zwischen dem Fallen jetzt und Kurtis und meinem Tod danach panisch von einer Ecke in die andere flüchtete, sondern das „Ojeojeoje“ sich hinsetzte und sich fragte, ob diese Zeichnung jetzt überhaupt noch meine war, oder ob ich jetzt der Zeichnung gehörte, oder ob der Vater, der Sohn und der heilige Geist jetzt gerade das bisschen Messwein zu viel erwischt hatten nach den zweitausend Jahren und den paar zerquetschten.
Vielleicht war es ja ein Wunder.
Ein Wunder, ja, ein schwer alkoholisiertes, ja, vielleicht war es ja ein Wunder, ein in der Atemluft nachweisbares, das mich nur per Zufall erwischt hatte, das möglicherweise gar nicht für mich bestimmt gewesen und nur irgendwo falsch abgebogen war, das sich vertorkelt hatte auf dem Weg vom Himmel herunter, herunter zu uns Sterblichen, in ein großes Meisterwerk hätte einfahren sollen, anstatt meine belanglosen Schmierereien da zum Leben zu erwecken, weil mehr war das ja alles nicht.
Nein, nein, nein.
Nein, Wunder gab es nicht, nein, es war meine Hand und mein abgenagter Kugelschreiber und das firmeninterne Blatt Papier!
Wer auch sonst?
Genau!
Aber was jetzt?
Und wie?
Und was war das überhaupt für ein Regenschirm?
Was war das überhaupt für eine krakelige Entschuldigung für einen Regenschirm, den der Kurti da zückte und aufspannte? Nein, nicht zückte und aufspannte, eher: Was war das für eine verwitterte Höhlenmalerei, was für ein seelenloses Clipchartprofil eines Regenschirms, das der Kurti da im Fallen aus sich selbst heraus holte, mit den Strichen seines Körpers zu formen begann, und mir fast so war, als würde der Kurti mich halb Strichmaxerl, halb Regenschirm einen Moment lang angrinsen mit dem gebogenen Griff, zu dem sich sein Steißbein verbog, während sich sein Kopf am Kinn entzwei spaltete und sich zu einem Halbkreis aufzufächern anfing, den seine einstigen Arme und Beine nach unten hin mit einer spitzen Wellenlinie abschlossen, während seine einzige Haarlocke sich aufstellte zu dem Abschlussstück, zu dem Dings, das in der Mitte der Bespannung neckisch aus jedem Regenschirm oben herausschaut, ohne dass ich davon etwas auch nur zu zeichnen hätte brauchen?
Egal.
Was immer es auch war, das da gerade vor sich gegangen war, es ließ mich mit dem Fallen allein zurück, allein, während der Regenschirmkurti nach oben davon flog gegen den Fallwind gestemmt, der ihn vom ersten Schwung her beurteilt wahrscheinlich wieder aus dem Loch heraus und zurück auf den Nichtgipfel hob, ein erster Schwung, der ihn rettete vor all dem, was mir noch bevorstand, obwohl das ja eigentlich alles seine Idee gewesen war mit dem Hineinspringen in das Loch.
Ja, seine!
Seine!
Oder doch meine irgendwie?
„Du! Du Oaaaschloooooooooooooooooch!“, schrie ich dem vermaledeiten, immer kleiner werdenden Ex-Strichmaxerl-Jetzt-Regenschirm ungeachtet dessen auf seinem Weg in eine unklare Rettung nach, aber selbst dem hallenden Echo des langgezogenen Os gelang es nicht ganz, die Tatsache komplett zu verschleiern, dass ich noch immer nicht fiel.
Nein, ich fiel gar nicht, ich konnte gar nicht fallen, nein, ich saß ja noch immer an dem laminierten Spanholz meine Zeit ab für nichts und wieder nichts, vor mir das Narrenkastl, in das ich hinein schaute, hinein in den ewigen Rachen eines Lochs, das an mir vorbei zog und nicht umgekehrt.
Das Loch zog an mir vorbei, richtig, und was der Kurti, was ein Strichmaxerl konnte, das konnte ich aber schon lang! Genug, genug jetzt, aussteigen, genug mit diesem angeblichen Fallen, schon überhaupt in ein Loch, das nicht einmal wusste, warum es überhaupt ausgegraben war. Ja, vielleicht hatte das Loch ja gar keinen Grund und deshalb auch keinen Boden, schon einmal daran gedacht, dass ich deshalb mit dem ganzen Fallen da auch nicht wirklich vorwärts kam?
Nein?
Möglich wär’s!
So! Und jetzt raus da mit mir!, dachte ich, und plötzlich ging in einem schnellen Luftzug die Tür auf und eine pickfröhliche Frauenstimme fragte, „Braucht vielleicht irgendwer was vom Kaffeeautomaten?“, und ich war von einem Moment auf den anderen endlich wieder draußen aus dieser scheußlichen Karikatur fern jeder Ähnlichkeit mit einer echten Welt, und da war auch der Kurti, zurück, dort wo ich ihn anfangs hingeschmiert hatte, zurück auf einem dünnen Blatt Papier, auf dem der Berg wieder ein Nichtberg war, und das Loch verglast, und der Gipfel die ärgste Frechheit.
Endlich.
„Ja!“, sagte ich, „Einen Cappuccino mit drei Kast’ln Zucker, bitte!“, und ich dachte, ich dachte  zu viel.
Zu viel.
Ja, genau!
Daran musste es liegen.
Genau.
Aber vielleicht war Zeichnen auch einfach nur nicht so meins, und ich machte die heutige „Heute“ auf, blätterte nach hinten und begann mit dem Kreuzworträtsel und füllte wieder nur die Fragen aus, auf die ich die Antwort schon kannte, diesmal alles außer „Öst. Komponist (gest. 1554)“.
Keine Ahnung, obwohl nur der erste und der letzte Buchstabe fehlten.
Keine Ahnung, und ich warf die „Heute“ von heute auf den „Heute“-Stapel neben mir, auf dem schon die „Heute“ von gestern und vorgestern und vorvorgestern auf sie warteten, und schaute enttäuscht auf die Uhr.
Noch zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten.
Gut.
Also noch zweieinhalb Stunden, gerundet.

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Markus Peyerl
www.markuspeyerl.at

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 14042

Kurze Geschichte eines Mannes mit 135 Eiern

Ich bin auf einer Hühnerfarm aufgewachsen. Meine Eltern widmeten sich voll und ganz der Aufzucht und dem Wohlergehen der Legehennen, die Eierproduktion war unser Lebensunterhalt, noch mehr als das, auch der Lebensinhalt unserer Familie.
Vielleicht erklärt das meine Eigenbrötlerei. Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der so ist, wie ich es bin. Meine Geschwister, die sind früher ausgezogen als ich, vielleicht ist das der Grund, warum sie als „normal“ durchgehen, während bei mir die endgültige Diagnose noch abzuwarten bleibt.
Bei uns zu Hause jedenfalls drehte sich tagein, tagaus alles um das schönste Lebensmittel von allen, unnachahmlich in Form und Inhalt: erstklassiges Design, Vollendung. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wie etwas so Schönes in einem so hässlichen Tier wie einem Huhn entstehen kann.

Schon beim Frühstück ging es los, meine Eltern unterhielten sich nicht mit uns, sondern miteinander: Lässt die Zahl der gelegten Eier etwa nach? Geht es unseren Hennen gut, bekommen sie auch genug hochwertiges tierisches Eiweiß? Soll ein Hahn behalten werden, oder mehrere? Wird der Auslauf zu klein, sind wir der Kokzidiose endlich Herr geworden? Der Winter naht, wir sollten die Ernährung schön langsam fettreicher gestalten …

Ob wir Kinder neidisch waren auf die viele Aufmerksamkeit, die in anderen Familien dem Nachwuchs zukommt? Wir wussten ja nicht, wie ein morgendliches Elterngespräch anderswo ablief.
Auf dem Tisch standen natürlich kernweiche Eier, oder auch einmal Rührei, Waffeln oder Spiegelei.
Doch nicht nur das erste Mahl des Tages stand im Zeichen des Eies, o nein, keine Speise blieb Ei-frei, tagsüber gab es Spätzle mit Paradeissalat, selbstgemachte Nudeln (selbstverständlich mit Hartweizengrieß, Wasser und Eiern), paniertes Schweinefleisch mit Reis oder überhaupt Allerlei vom Huhn.
Mein Körper gewöhnte sich an das viele Eiweiß, wie auch meine Geschwister bin ich groß gewachsen und das Wort Cholesterin war in unserem Haushalt verpönt, das waren eindeutig Werte, die uns niemals vermittelt wurden. Damals wurde noch die Mär aufgetischt, dass zwei Eier pro Woche das Höchste der Gefühle seien, mehr sei ungesund.
Längst widerlegt inzwischen, glücklicherweise; was haben sich meine Eltern jahrelang geärgert, nun können sie wieder beruhigt Ernährungssendungen im Fernsehen verfolgen.
Kurz gefasst, so etwas prägt zwangsläufig, keiner hatte so viel mit Eiern am Hut wie meine Geschwister und ich.

Anders als sie habe ich mich als logischer Erbe der Farm nie ganz von daheim lösen können, und damit auch nicht von diesem dominanten Thema.
So kam ich – als erwachsener Mensch, wie man so sagt – zum Studium der Philosophie, denn eines beschäftigte mich von Kindesbeinen an: das Henne-Ei-Problem.
Ich nahm mir vor, dem ernsthaft auf den Grund zu gehen und hatte ein ambitioniertes Ziel: Ich wollte der erste Mensch sein, der dieses Rätsel einwandfrei löst. Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Das kann ja nicht so schwierig sein.
Dachte ich mir – so war es aber keineswegs, selbst bei eifrigster, reiflichster Überlegung nicht … Nie bin ich an ein Ende gekommen, weder dieser Fragestellung noch des Studiums: Wie viel ich auch lernte und studierte, es war und blieb ein Rätsel.

Ich war verzweifelt. In meiner schlimmsten Phase begann ich, gängige Wörter, die Zählbares beschrieben, durch das Wort „Ei“ oder „Eier“ zu ersetzen. So war eine Nachbarin eine Frau von 32 Eiern (also Jahren); wer Geld brauchte, dem fehlten 20 Eier oder mehr; wer nicht alle Eier im Schrank hatte, dem war nicht mehr zu helfen.
Mein Zustand wurde so offensichtlich, dass wohlmeinende Personen in meinem Umfeld beschlossen, es sei an der Zeit, gegenzusteuern, bevor endgültig niemand mehr mit meiner eigentümlichen Sprache zurechtkäme (meine Eltern übrigens waren die Einzigen, die darauf gelassen reagierten, wir hatten in dieser Hinsicht keinerlei Verständnisprobleme).

Die Therapeutin, die mir empfohlen worden war, machte mir gleich eine große Freude, als sie mich mit einem einladenden Lächeln bat, einzutreten, und wir erzielten auch schnell einige Fortschritte in Richtung Ei-befreites Denken.
Sie war es auch, die mir vorschlug, meine Gedanken schriftlich festzuhalten, und so erhielt ich einen aufschlussreichen Einblick in meine kläglich verbo(r)gene Gedankenwelt:
Keinen einzigen Satz konnte ich schreiben, in dem nicht mindestens ein „Ei“ oder zumindest „ei“ vorkam.
Wer es nicht glaubt, dem sei die Textbearbeitung meiner schlauen Therapeutin hier mit zur Verfügung gestellt.

Meine Fixierung wird sich hoffentlich bald bessern, aber selbst wenn es einige Zeit dauern sollte, bleibe ich dabei: Diese Frau genießt mein Vertrauen, sie ist mein Anker und mein Sonnenschein und ich gehe jedes Mal gerne zu ihr. Dort fühle ich mich wohl und ich behalte diesen Kurs bei, egal wie lange wir bis zur Heilung brauchen werden, es ist mir einerlei.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 14012

Erklärung des Versicherungsnehmers zum Beratungsgespräch

Pulsierend. Wie ein Herz geformt wie ein Hirn. Schwarz lackiert, gewachst, und auf Hochglanz. Glatt, glatt wie flüssig. Darauf weiße Balken, die gebogen das Gegenlicht spiegeln, auf den Windungen von dem Herz, das ein Hirn formt. Als würde es leuchten von hinter mir, als würde mein Schatten mir fehlen. Wenn ich das bin überhaupt, der das sieht selbstverständlich: Als wäre ich gar nicht da. Aus dem schwarzen Hirn wachsen Wurzeln. Nach oben, verzweigt, wie Gestrüpp. Nur Rinde, nur Risse und Spalten und rau, bis ganz hinauf bis zur Kante. Bis oben. Bis dort, wo mein Blick sie mir abhackt, die Wurzeln, unter der Erde noch. Abhackt. Mein Blick. Mit dem Rand von sich selbst, der, zwischen dem, was man sieht und dem anderen, und ganz schmal nur der unscharfe Übergang. Ganz dünn nur die Grenze von dem Kastl zum Rausschaun, mit seinen vier spitzen Kanten, egal, wie rund das Kastl auch tun mag, durch das man da schaut. Auch vom Denken her. Dort drin findet es statt, das Leben. Dort drin:
„Und? Wie schaut’s bei Ihnen aus mit der Vorsorge?“
Ich tauchte wieder auf aus dem Strudel im Kaffeehäferl und fragte: „Ähm?“
„Prämienpension? Lebensversicherung? Krankenversicherung? Unfallversicherung? Haushalt? Nein?“
„Nein.“
Ich hätte früher schlafen gehen sollen.

„Na, dann wird es aber höchste Zeit, Herr Breitenberger. Da kann man nicht früh genug damit anfangen, ans Alter zu denken.“
„Aha“, sagte ich und legte den Löffel zurück auf die Untertasse.
„Ja. Und ich kann Ihnen da ja gern ein paar Möglichkeiten ein wenig detaillierter aufzählen.“
„Mhm.“
Ich nickte aus Gewohnheit.

Frau Binder kletzelte zwei, drei Prospekte heraus aus ihrer Ledermappe.
Sie sagte, „Sehen Sie …“, aber ich sah nichts, und da war wieder etwas vor mir, das auch nichts an einem Glastisch verloren hatte: Finger. Ringe über Ringe über Ringe, und sie drehten sich. Als würden sie fließen in ihren zerdrückten Kreisen, um sich selbst herum, zurück zum Anfang, aber da war keiner, da war nur Fett, nur meins, und dazwischen ein gleich großer Abstand. Mein Fett war das, und der Fingerabdruck ich. Auf diesem Glastisch. Jetzt. Nicht morgen. Nicht am Morgen von morgen von morgen von morgen, et cetera, „Fünfundvierzig Jahre Laufzeit“. Pro Monat so und so viel, für so und so viel pro Monat. Am Ersten fällig, dazwischen: Zeit, die verging, die vergehen musste, die Prämienzahlungsdauer: Tausche Geld für Geld. In unbekanntem Verhältnis. „Da die zu erzielbaren Überschüsse nicht vorausgesehen werden können, beruhen Zahlenangaben über die zu erwartende Gewinnbeteiligung auf Schätzungen, denen die gegenwärtigen Verhältnisse zu Grunde gelegt sind.“ Falls ich dann halt noch da war. Also lebte. Im Erlebensfall. Klassisch. Sicher ist sicher.
„Oder vielleicht lieber was staatlich Gefördertes?“

Ich verschmierte den Fingerabdruck mit meinem Ärmel unauffällig bis zur Unkenntlichkeit.
Ich sah Frau Binder zu tief in den zu tiefen Ausschnitt und fragte, „Vielleicht?“
Vielleicht. Vielleicht nur. Und dann war da wieder das schwarze Gehirn, das, das wie ein Herz pulsierte. Nur das schwarze Gehirn, das auf Hochglanz, und dessen Wurzeln sich verzweigten wie Nerven. Oder Blutgefäße? Das Pulsieren gleich schnell, gleich tief, gleich unangenehm her vom Dasein. Irgendwo in mir drin. In der Mitte. Darunter: „SEPA-Lastschrift-Mandat (Ermächtigung)“, Enter, Zahlungsempfänger, Doppelpunkt. Das schwarze Hirn pulsierte, und ich las, „Im Rahmen der zwingenden gesetzlichen Bestimmungen (siehe „Bitte beachten Sie“) wähle ich …“, die Wurzeln sahen aus, als würde aus ihnen getrunken. Wie ein Netz, wie geknüpft aus dünnen und dicken Strohhalmen, die sich hinter dem, was da durchkam, zusammen zogen, die das Etwas nach unten schluckten, bergauf und bergab, zick und zack. In das Schwarze, hinein ins Gehirn, ins pulsierende, hinein, dorthin, von wo aus es brennt. Brennen tut es, da drin, von dort aus, und strahlt aus in die Härchen am Handrücken, strahlt aus und strahlt aus und strahlt aus. Kein fixer Rechnungszins. Da war sie, die Zukunft, und dort die Vergangenheit, und nur das Kleinste vom Kleinen dazwischen.

„Gerade wegen dem derzeitigen Pensionssystem. Da muss man sich schon diesbezüglich. Hab’ ich recht?“
„Mhm“, Frau Binders hängende Unterarme blätterten vorwärts.
„Und das wär’n dann die unverbindlichen Modellrechnungen.“
„Aso?“
„Naja, Sie wissen eh: Mündelsicher dürfen wir ja jetzt offiziell nicht mehr sagen.“
Ich wusste eh.
Frau Bauer hatte Lippenstift auf den Zähnen.
Rosa.
Pink.
Eins von beiden.

Dann Reihen von Zahlen in viel zu breiten Spalten. Alle genau, auf die zweite Kommastelle, sie sagten, „Wenigstens bei einem Punkt dann, bei einer Sache zumindest, endlich, ein Hackerl bei erledigt“. Und die Abschlusskosten? Gesundheit! „Rauchen Sie? Wenn ja, was und wie viel?“. Kommt drauf an, auf die Nacht, kommt drauf an, wie dunkel, Größe, Gewicht, BMI. Zwei zu hoch, eins zu niedrig, „Im Sinne einer möglichst einfachen Darstellung …“. Möglichst einfach, ja, bitte, her damit. Von mir aus auch ein Vorhang aus Apfelschalen. Braun und letschert und süßlich, hinter dem das schwarze Gehirn dann nur mehr dahinter pulsiert, und nicht mehr offen vor allen. „Antrag auf Erstattung der Einkommensteuer (Lohnsteuer)“, bis zum jeweiligen gesetzlichen Höchstbetrag. Ankreuzen, Ankreuzen, Ausfüllen. In Blockbuchstaben, in Heinzelmännchenschrift, der Rest vorgedruckt, der Rest gegeben.         Endlich.

„Sie werden sehen. Sie werden bald keine Sorgen mehr haben brauchen, wegen dem später dann.“
„Aha“, sagte ich, während ich mich an der Ohrmuschel kratzte mit dem zerkauten Hintern vom Kugelschreiber.
„Dort auf der gestrichelten Linie. Auf der langen.“
„Hm?“
„Da. Dort ganz unten.“
„Ah.“

Dort. Dort ganz unten. Über der Provisionskontonummer, die Schlusserklärung erst auf der Seite danach. „Rücktrittsrecht nach §3 Konsumentenschutzgesetz“, binnen einer Woche, nicht allzu viel Zeit, sehr gut. Das schwarze Gehirn, es pulsierte. Auch die Wurzeln, gleich fest, gleich deutlich, die Windungen glänzten, auf Hochglanz poliert. Es würde alles nichts bringen, würde es? Das Jetzt im Morgen auflösen, runterschlucken, und dann warten bis die Wirkung einsetzt: „Ausschließlich zu Illustrationszwecken“.
Ganz klein.
Unter der Illusion.
„Ihren Ausweis kopier’ ich mir nur noch schnell und dann sind wir auch schon gleich fertig, wir zwei.“
„Aha.“

Sie stand auf.
„Ich bin dann kurz.“
Sie ging. Frau Binder ging, und die fünfundvierzig Jahre bis zum Auszahlen wurden mir zu lang, in ihren ersten vier Sekunden. Zu lang, zu viel Zeit war schon drin in dem Hochglanzgehirnherz, dem schwarzen, das mit den Wurzeln, das, das genau gleich stark pulsierte, trotz allem. Das jetzt Hunger hatte, und nicht später, das nach mehr verlangte, als die Zukunft von selbst würde abwerfen können, vielleicht, irgendwann, und womöglich.
Mein Ausweis gehörte ihr.
Mit dem Passfoto von vor einer Ewigkeit.

Ich stand auf und ich wusste: Es würde knapp werden.
Knapp.
Im Plus, genau wie im Minus.
Solange mein Herz nur ein Hirn formt.
Ein schwarzes.
Auch noch so auf Hochglanz poliert.

Markus Peyerl
www.markuspeyerl.at

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 14007

Wie mit den Fisolen

„Knackiges Gemüse“, sagt der komische Mann vor dem Tiefkühlgerät, „Knackigstes Gemüse. Nicht nur knackig, nein, knackigst. Der Unterschied, fragen Sie? Ganz einfach. Knackig: Knackigst: Steigerungsform. Wie stark, stärker, am stärksten, einfach Grammatik nur. Das wär’, passen Sie auf: knackig, knackiger, am knackigsten, aber das verkauft sich halt nicht so gut. „Am knackigsten“? Nein. Zwei Wörter sind ja meistens um eins schon zu viel, und das „am“ um so viel kürzer als das „knackigsten“, also schlecht zum Zentrieren. Wie schaut denn das aus auf der Packung? „Die am knackigsten Fisolen“? Da graust’s mir fast richtig, Ihnen nicht auch?

„Knackigste Fisolen“, so kommt das doch fast wie natürlich, fast wie: „Ha. Die Fisolen, die kommen sicher direkt von der Alm, wo alles noch gut und schön ist“. Und auch viel handlicher das Ganze. Sagen wir, wir wollen das „Knackigste Fisolen“ in einem gezackten, roten Kreis drinhaben, so auf: „Hallo! Herschauen! Jetzt!“, wie groß müsste der gezackte, rote Kreis denn dann sein, wenn da „Die am knackigsten Fisolen“ reinpassen soll? Na wie groß? Schätzen Sie einmal. Oder wie klein die Schrift? Ja, das sind alles Sachen, da muss man sich Gedanken drüber machen. Es muss ja auch noch genug Platz bleiben für den Inhalt: die Fisolen, in dem hier unserem Fall.

Weil ich frag’ Sie: Vertraut denn da wirklich jemand drauf, dass da wirklich Fisolen drin sind, wenn auf der Schachtel im Tiefkühlregal einfach nur Fisolen draufsteht? Sonst nichts. Nur groß „Knackigste Fisolen“ in einem roten, gezackten Kreis auf, sagen wir einmal, braunem Hintergrund. Glaubt da dann wirklich wer dran, dass da wirklich Fisolen drin sind, und dass die knackigst auch noch sein sollen? Das frag’ ich Sie. Und die Antwort: Nein! Jeder wird sich denken, „Hä? Was? Knackigste Fisolen? Wo soll’n die denn sein, bitte?“, weil durch die Verpackung kann ja keiner durchschaun. Die ist ja aus Pappendeckel normal, blickdichter Pappendeckel, da kann ja dann alles Mögliche drin sein in der Packung eigentlich, oder? Exakt! Deshalb auch meine Bedenken wegen „Die am knackigsten Fisolen“ und dem gezackten, roten Kreis, der möglicherweise zu groß werden könnte wegen den extra Worten. „Knackigste Fisolen“, das reicht uns doch auch, stimmt’s? Genau!

Und dann bleibt uns auch mehr Platz für das nächste Glied in unserer Indizienkette, das Bild von Fisolen. Aber bei aller Liebe, das kann natürlich kein Bild von normalen Fisolen sein, so wie die herauskommen aus der Erde und nur kurz abgewaschen und „Her mit der Kamera!“. Nein, nein, nein. Ich mein’, da kann ja dann jede x-beliebige Fisole dabei sein, oder nicht? Auch eine zu dünne? Oder eine zu kurze? Oder eine sonstwie unförmige? Wo man sich denkt, „Also. Nein. Nein. Also. Na.“? Was soll das einem denn leicht vermitteln, so ein Bild von solchen Fisolen? Dass man da möglicherweise ein Risiko eingeht? Dass da zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit da wirklich Fisolen drin sind in der Packung, aber sonst? Was haben wir denn schon Großes bewiesen bis jetzt außer das? Eben!

Und da bleiben dann ja erst wieder Fragen offen. Sind die Fisolen jetzt alle nicht gleich, oder was? Oder zumindest ähnlich? Und wie schaut das dann aus am Teller, wenn die Fisolen sich in ihrer Dicke und in ihrer Länge zu stark voneinander unterscheiden? Und? Unsicher? Kein wirklicher Kaufanreiz, oder? Wer würde denn schon gern Fisolen kaufen, die ausschauen, als würden sie einen womöglich enttäuschen? Niemand! Nein! Sie würden doch auch selbst ganz genau darauf achten, wie die Fisolen bestenfalls ausschauen könnten, die da mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit drin sind in der Packung.

Und die Packung, die Ihnen das Meiste verspricht, die drückt sich Ihnen doch schon fast von selbst in die Hand, hab’ ich recht? Sehen Sie? Ganz einfach. Auf das Drinnen kommt’s da dann nämlich gar nicht mehr so drauf an, eher nur auf die Vorstellung. Also auf das, was Sie glauben, hoffen zu dürfen. Das sind Sie doch bei mir, oder? Ja? Gut. Und deshalb braucht man für das Bild auf der Packung ja auch die richtige Einstellung, das richtige Licht, und jemand, der sich auskennt. Jemand, der gelernt hat, Fisolen perfekt reinzulegen in, beispielsweise, eine weiße Schüssel, natürlich so, dass das so ausschaut wie als wäre das alles einfach passiert, so schön und so echt eben, Schicksal. Sie wissen schon. So wie die Leute die Dinge gern sehn, die sie mögen wollen. Das kennen Sie sicher auch von sich selber. Das kennt doch jeder. Nur gut für uns!

Aber das reicht uns ja noch nicht ganz, oder? Ein bisschen was fehlt da ja noch, wir sind ja noch nicht einmal beim Knackigsten angekommen bis jetzt. Ja, sicher, Fisolen sind da jetzt fast sicher schon drin in der Packung, aber die knackigsten? Wirklich die knackigsten? Auch wenn sie auch noch so gut ausschauen und ideal. Wirklich die knackigsten? Ist das so? Hm? Wirklich? Vielleicht. Kann sein. Sie sehen doch die Zweifel, die da gleich aufkommen? Da können wir uns doch sicher drauf einigen? Sehr gut. Und Zweifel, die kann ja doch niemand so wirklich brauchen. Also: Wie werden die Fisolen jetzt knackigst?

Und nicht vergessen: Reinbeißen kann man vor dem Auftauen ja nicht, stimmt’s? Und vor dem Kaufen schon gar nicht. Auch nicht in der Mitte auseinander brechen und das Knack-Geräusch auf seine Knackigkeit hin bewerten, das geht ja alles nicht, ohne vorher die Entscheidung schon getroffen zu haben. Schon? Richtig. Fisolen, okay. Schöne Fisolen auch. Aber ohne dem „knackigst“? Wer ist da denn bereit, so ein Wagnis einzugehen?

Hm? Wir erinnern uns? Noch glaubt uns ja keiner. Noch ist „knackigste“ allein aus Buchstaben gemacht, in einem gezackten, roten Kreis. Und was sind schon Buchstaben? Allein? Selbst gesprochen? Nicht wirklich viel, oder? So und so. Aber: Wie lösen wir das jetzt, unser kleines Problem? Eh klar. Wie schon alles vorher. Ganz einfach: so einfach wie möglich. Mit Wasser zum Beispiel. Sprühen Sie doch einfach einmal Fisolen damit an. Sie werden sehen, wie knackigst die nachher ausschauen. Wenn auf der Fisolenhaut sich frische, klare Tropfen bilden, die einen größer, die anderen kleiner. Wenn sich das Licht da drin spiegelt, wenn der Umstand, dass das in Wahrheit nichts an der Fisole ändert, sich in Luft auflöst, wie die Wassertropfen selbst mit der Zeit, nach dem Festhalten mit der Kamera. Auflöst, verstehen Sie? Knackigst. Die Wahrheit muss sich auflösen, sonst funktioniert das nicht. Die Wahrheit, dass das alles nicht reicht nämlich. Dass da ja trotzdem immer noch nur letscherte Erbsen drin sein könnten in der Packung, auf der „knackigste Fisolen“ draufsteht in einem gezackten, roten Kreis. Dass die Angst davor immer bleibt. Egal, wie sicher wir uns auch sind manchmal, wegen dem ganzem Tamtam drum herum und den wunderschönen Fisolen in ihrer weißen Schüssel. Trotzdem manchmal nur. Fast nie. Verstehen Sie?“

Der komische Mann schaut sie an.
Zu lange, um nicht auf etwas zu warten.
„Ja, ähm. Ähm, gut zu wissen“, antwortet die Frau im Zielpunkt-Leiberl, die schon die ganze Zeit nur vor Unbehagen grinst und dabei weiter Gemüse ins Tiefkühlregal einschlichtet.
„So ist das, gute Frau“, sagt der komische Mann, „Ja, so ist das.“
Und geht.

Markus Peyerl
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