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Ein Skandal!

Vor einigen Tagen, und das ist die Wahrheit, erfuhr ich, dass der Besitzer und ehemalige Wirt meines Stammlokals in der schönen Steiermark sein Anwesen an die Gemeinde, auf deren Hoheitsgebiet es liegt, verkaufen möchte, wird oder muss. Diese wird das altehrwürdige Gebäude abtragen, um Platz für den angeblich dringend benötigten Ausbau der nebenan gelegenen Volksschule zu schaffen.

Augenblicklich blutete mir das Herz, und selbst nach ein paar Gläsern Bier trat keine Besserung ein.
Ich habe jedoch auch Verständnis dafür, dass auf diesem heiligen Boden, auf dem schon meine und die Eltern meiner Freunde an der Bar gestanden hatten, Schulkinder unterrichtet werden. Sie haben sogar exakt an diesem Platz ausgebildet zu werden, denn wo, wenn nicht hier, können sie lernen, was man im Leben braucht und wissen muss.

Die Kinder, von welchen einige entstanden sein mögen, nachdem ihre Eltern dieses Lokal besucht hatten, werden von der einstigen Schönheit der ehemaligen Herrentoilette erfahren, die mit einer wahren Unzahl an äußerst freizügigen Darstellungen ausgekleidet war, welche vom Wirt in regelmäßigen Abständen erneuert werden mussten. Ich selbst war einmal ertappt worden, als ich ein Poster von der Wand zu lösen versuchte und wurde dafür ausgelacht. Dabei wollte ich es doch bloß meiner Frau Mama zeigen, zur Untermauerung meiner Beschwerden über die Pornografie auf diesem stillen Ort.

Die Buben werden sich der Aura dieser Weihestätte der Adoleszenz nicht entziehen können und in der letzten Reihe sitzen, während die Mädchen in der ersten Reihe Platz nehmen werden. Von einer Lehrkraft gefragt, warum das so zu sein hätte, werden sie im Chor antworten, dass die Eitelkeit in der ersten Reihe sitzt, um gesehen zu werden, die Intelligenz aber in der letzten, um zu sehen.

Sie werden fühlen, dass es besser ist, zum Wirt an die Bar zu kommen, als auf sein Erscheinen an ihrem Tisch zu warten, und auch, dass man für einen Toast, den man am Folgeabend serviert bekommt, gefälligst dankbar zu sein hat. Es gibt schließlich Menschen auf dieser Welt, welchen vom Wirt kein Toast hingestellt wird. Dieses Erlernen der vorauseilenden Dankbarkeit wird die Kids noch weit bringen in ihren Leben. Wer fühlt, dass es immer besser ist, danke zu sagen und ansonsten still zu sein, wird sich nie mit wirklichen großen Problemen herumschlagen müssen, wie zu großer Verantwortung, zu langen Arbeitszeiten oder der Anhebung des Spitzensteuersatzes.

Diese Kinder werden nach Absolvierung der Volksschule in ihrem Benehmen geschliffene und beinahe vollkommene Barbesucher sein, auch wenn sie dann noch ein paar Jahre warten sollten mit dem Vollsein.
Und ich? Ich werde dann noch immer weinen …

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 32, November 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17157

Sie

Leuchten. Ein helles Leuchten in den sanften, großen, grün-grauen Augen der jungen Frau. Die Stille in ihre Einzelteile zerschreien. Warmer Frühlingswind auf nackten Schultern in einer sternenklaren Nacht, das lange schwarze Haar umspielt sanft das zierliche Gesicht. Rosenduft vermengt sich mit dem Nachtwind wie ein Paar beim Liebesakt; die Nacht ist klar und der Vollmond blickt auf sie herab, wie ein gütiger, liebender Großvater. Ein kräftiger, lebensbejahender Schrei, wie der von Ronja Räubertochter zu Frühlingsbeginn. Ein Tanz durch die Straßen der alten Stadt, ehe sie sich in Ermangelung einer nahegelegenen Bank auf die Straße setzt und an die von den Jahren gezeichnete Steinmauer gelehnt den Vollmond betrachtet. Sehnsucht kann sie nicht aufhalten – im Gegenteil: Sie ist der beste Antriebsstoff. Langsam fühlt sie, wie ihr die zwei Flaschen Rotwein, die sie zusammen geleert haben, zu Kopfe steigen. Sie schließt die Augen und beginnt, alles wahrzunehmen, sich zu erinnern, Revue passieren zu lassen. Eben jene wenigen Monate, die alles verändert hatten.

Nach so vielen gemeinsamen Jahren war das Ende schleichend gekommen. So schleichend, dass es lange von niemandem realisiert worden war. Von den Freunden nicht, von ihr nicht und auch von den anderen nicht. In den Tagen, die auf ihre Mitteilung folgten, hatte sie sich gefühlt, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggerissen, ihre Welt war wie aus Watte gewesen. Sie fragte sich, ob es nicht Anzeichen gegeben hatte, die früher hätten erkannt werden können. Vielleicht die immer weniger werdende Zeit, die die beiden miteinander verbracht hatten; die Kinder waren aus dem Haus und somit auch der letzte Kitt, der diese Beziehung noch zusammengehalten hatte. Trotz aller dünnen Erklärungen, dass jeder mit Projekten beschäftigt war, die es durchzuführen galt, und der allgemeinen Aussage, dass danach schon wieder alles besser werden würde. Sie waren nicht das erste Paar, das mit dieser dünnen Aussage versuchte, die bitteren Tatsachen vom Tisch zu wischen. Oder ob es daran lag, dass die beiden sich über Jahrzehnte vorgemacht hatten, dass sie zusammenpassen würden und dass Beziehungen nun einmal auch bedeuten, dass man sich zusammenrauft, Kompromisse schließt und all das Zeug, das man aus gutmeinenden Mündern zu hören bekommt, wenn man über Beziehungsprobleme spricht? Daran, dass keiner nachgeben wollte, weil ein Scheitern bedeuten würde, zu verlieren und auf der Beziehungsebene zu versagen, obwohl man doch in allen anderen Lebensbereichen überdurchschnittlich erfolgreich war? Dass die Kämpfe mit den Großeltern der Kinder umsonst gewesen sein sollten, als sich diese – vielleicht in weiser Voraussicht, aber dennoch erfolglos – gegen ihre Beziehung gestellt hatten? Oder an der Angst, sich dem eigenen Scheitern stellen zu müssen und der Tatsache, dass keiner von ihnen je den Mut gehabt hatte zu gehen? Was auch immer es war, nun war das Ende nicht mehr zu leugnen, sondern starrte sie unverhohlen an wie ein zum Kampf bereiter Wachhund.

Es war ein kalter Abend im Februar gewesen, als sie es endlich über sich gebracht hatten, ihren Kindern mitzuteilen, dass sie sich scheiden lassen würden. Eine Woche vor dem ersten Gerichtstermin. Der Schnee war beinahe einen halben Meter hoch gewesen und die Luft schneidend kalt. Ein nass-grauer Tag, der kälteste seit Langem. Ein guter Tag für fassungsloses, erschüttertes Schweigen. Vierzig Jahre Ehe – sie hatten am zwanzigsten Geburtstag der Mutter geheiratet – sollten nun am Scheiterhaufen verbrannt werden.

Clarissa hatte die Neuigkeit ihrer Eltern am härtesten getroffen, während ihre beiden Brüder sehr gefasst auf die Nachricht reagiert hatten. Vermutlich hatten sie eher damit gerechnet als das Nesthäkchen der Familie, das gerade mit dem Studienabschluss und einem neuen Lebensabschnitt beschäftigt war. Nachdem ihre Eltern ihnen die Neuigkeit mitgeteilt hatten, war sie wieder zurück nach Wien in ihre Wohnung gefahren, um ihr Gedankenkarussell wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Wäre es jedoch bei diesem einen Ereignis geblieben, hätte es ihr nicht so sehr den Boden unter den Füßen weggerissen. Als sie an jenem grauen Tag wieder in ihr eigenes Heim zurückgekommen war, war endgültig klar gewesen, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleiben würde. Denn wenn die Dinge einmal aus den Fugen geraten, dann tun sie das für gewöhnlich gleich auf der ganzen Linie.

Im ersten Moment kam es ihr so vor, als sei alles wie immer: Er hatte – natürlich – keinen Handgriff in der Wohnung verrichtet; wie immer, wenn sie einige Tage weg war. Es wäre ja auch zu unbequem gewesen, das eigene Chaos wieder aufzuräumen. Und doch konnte sie sich das Gefühl nicht erklären, das sie nach einigen Minuten beschlich. Sie sah sich um, fand aber nichts, das einem mit seiner Offensichtlichkeit ins Auge sprang. Sie fühlte sich fremd in ihrer eigenen Wohnung, als wäre sie ein vergessener Handschuh oder Regenschirm, der nach einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden liegen geblieben und noch nicht zurückgegeben worden war. Als sie ihn an jenem Abend ansah, fühlte sie eine Leere in sich; ihr war, als würde sie vor einem Fremden stehen, mit dem sie zufällig auf der Straße zusammengestoßen war. Für ihn war alles wie gehabt, er schien keinen besonders großen Anteil an dem zu nehmen, was sie ihm während der Zugfahrt am Handy erzählt hatte. War es das also, was von fünf gemeinsamen Jahren übrig blieb: Ein auf null reduziertes Mitgefühl? Den ganzen Abend war sie wie eine mechanisch aufgezogene Puppe durch die Wohnung gelaufen, hatte in keinem der großen Zimmer der Altbauwohnung, die sie von ihren Großeltern geerbt hatte, Ruhe gefunden. Schließlich hatte sie sich, wie immer, wenn sie mit der Welt im Unreinen war, mit ihrem Laptop auf ihren großen Ohrensessel, den sie von ihrem Großvater geerbt hatte, in der Bibliothek zurückgezogen. Der Mailordner enthielt nur einige Informationen zu ihrer Sponsion und einige Absagen auf Bewerbungen, welche sie Wochen zuvor, nach ihrer erfolgreichen Diplomprüfung, abgeschickt hatte. Ihr Blick war durch das größte Zimmer der Wohnung geschweift, in welchem sie ihre Bibliothek eingerichtet hatte. Bücher hatten eine beruhigende Wirkung auf sie, schon seit Kindheitstagen.

Clarissa starrte schon eine Weile aus dem Fenster und beobachtete den Regen, als es an der Tür läutete. Als sie öffnete und, wenn auch nur für wenige Sekunden, die Enttäuschung in den Augen ihrer Nachbarin aufflackern sah, fühlte sie – wider Erwarten – weder Wut noch Verletzung, sondern lediglich Erleichterung durch die gewonnene Klarheit. Es waren keine Worte nötig, um zu verstehen. Die Frau hatte nicht damit gerechnet, Clarissa an der Türe anzutreffen, da sie eigentlich noch bei ihren Eltern hätte sein sollen. Sie betrachtete die ihr gegenüberstehende Frau einen kurzen Moment – gegensätzlicher könnten sie beide nicht sein: auf der einen Seite sie selbst mit den langen, schwarzen Haaren, den grün-grauen Augen, einem zierlichen, meist ungeschminkten Gesicht. Auf der anderen Seite ihre neue Nachbarin mit den hellblonden Haaren, dem kantigen und zu stark geschminkten Gesicht und einem sehr körperbetonten Kleidungsstil. Sie wusste, dass Andrei sich immer gewünscht hatte, dass sie ihr Äußeres in eben diesem Stil veränderte. Auch sein Blick sprach Bände, als er zur Tür gekommen war, um nachzusehen, wer geläutet hatte. Als sie die Türe hinter den beiden geschlossen hatte, war sie nicht – wie erwartet – in Tränen, sondern in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil ihr die Gesamtsituation so bizarr vorgekommen war. Ihre Großeltern waren ein halbes Jahr zuvor verstorben, die Scheidung ihrer Eltern und nun das. An jenem Abend war sie nicht imstande, ihre Gefühlslage klar zu definieren – zu viel war in zu kurzer Zeit auf sie eingestürzt. Sie fragte sich nicht, ob sie es früher hätte bemerken müssen – es hätte doch ohnehin zu nichts geführt.

In den Wochen darauf war sie für die Außenwelt kaum erreichbar gewesen. Sie hatte ihre Benutzerkonten bei Facebook und Instagram gelöscht, um dieser surrealen und schnelllebigen Welt zu entkommen, der sie ohnehin kaum etwas hatte abgewinnen können. Diese grell inszenierten, allen Trends nachlaufenden Leben, die ständig verfügbar sowie nonstop und dauergrinsend glücklich waren, hatten sie schon immer abgestoßen; ebenso wie die sinnlosen Freundschaftsanfragen von Menschen, denen man in der Realität aus dem Weg ging. Auch ihre Email-Accounts hatte sie auf einen einzigen reduziert und das Handy, wenn es an war, auf lautlos gestellt. Alle Ereignisse dieser Zeit zogen an ihr vorbei wie ein Film, in dem sie eine Statistenrolle spielte: Andreis endgültiger Auszug, ihre Sponsion, die Geburt ihres Neffen … Während sie noch ihrer Arbeit in einer kleinen Buchhandlung nachging, schrieb sie mechanisch Bewerbungen – jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Immer wieder ertappte sie sich dabei, dass sie sich am Ende des Tages nicht mehr daran erinnern konnte, wo sie sich beworben hatte. An ihren freien Tagen streifte sie stundenlangen ohne Ziel durch die Stadt, völlig in Gedanken und Sorgen ihre Zukunft betreffend. Bis zu jenem Montagnachmittag.

Clarissa war auf dem Heimweg gewesen und hatte aus einem Bauchgefühl heraus ihr Handy aus der Jackentasche gefischt. In diesem Moment sah sie den eingehenden Anruf: eine Nummer mit italienischer Vorwahl. Nach einem halbstündigen Gespräch hatte sie einen Termin für ein erstes, ausführliches Interview auf Skype in der darauffolgenden Woche. Und so hatte sich dann eines nach dem anderen ergeben: Nach diesem Interview war sie kurze Zeit später für ein persönliches Gespräch in der österreichischen Botschaft nach Rom geflogen und war mit einer neuen Arbeitsstelle im Gepäck wieder nach Wien gekommen. Und danach fügte sich alles zusammen wie in einem Puzzle: Bereits kurz nach ihrer Rückkehr hatte sie einen Mieter für ihre Wohnung und mit Hilfe einer Freundin für sich eine Wohnung in Rom gefunden. Drei Wochen später war sie wieder nach Rom geflogen; eine Woche bevor sie ihren Dienst antreten würde. So hatte sie noch genug Zeit, um sich ein wenig einzuleben und zurechtzufinden.

An diesem Freitag, dem letzten arbeitsfreien Freitag für lange Zeit, ist sie mit ihrer Freundin und deren Kollegen unterwegs. Bis Valerio und sie irgendwann alleine mit zwei Flaschen Rotwein am Tisch sitzen. Sie lacht aus vollem Herzen, bis ihr die Luft wegbleibt und es Zeit ist, sich auf den Heimweg zu machen. Nachdem sie sich verabschiedet haben, legt sie den Rest des Weges alleine zurück, nur mit der Musik aus ihren Kopfhörern. Sie sehnt sich nach einem Hafen, in dem sie ankommen kann, ist voller Vorfreude auf das neue Leben. Sie kommt am Campo Cestio vorbei, dem Friedhof für nicht-katholische Ausländer in Rom, der ganz in der Nähe ihrer kleinen, vorläufigen Wohnung liegt. Sie setzt sich auf den Boden, blickt – mit dem Rücken an die Mauer gelegt – auf den sternenklaren Nachthimmel über ihr. Sie lächelt: Um zu leuchten braucht es vieles – vor allem aber den Mut dazu.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17144

Zukunftsmusik

Sommer voll Fülle
und Winter voll Not
hört auf euch zu sorgen
noch seid ihr nicht tot

Tag um Tag dasselbe Leiden
auch du musst mal aus dem Leben scheiden
eine Lösung wollt ihr?
da kann ich nur lachen, der Tod kann nicht gehen
warum wollt ihr das nicht verstehn?

doch aus dem Nichts
eilt die Rettung herbei
mit Paukenschlag und großem Trara
die Zukunft, die Zukunft, die Zukunft ist da!

„Nein, kann nicht sein!
Wo kam sie denn her?
Lasst doch den Blödsinn,
wir glauben nichts mehr!“

so hört ihr doch zu
so hört sie doch an
so nah war noch niemand an der Zukunft dran

„Die Gegenwart ist unser Herr,
wir bücken, wir kriechen, wir verbeugen uns sehr.“

so hört ihr doch zu!
so hört sie doch an!
so nah, war noch niemand an der Zukunft dran!

keine Sorgen!
keine Ängste!
niemals mehr!
wer weiß schon, wer weiß schon, was schöner wär

„Wir wissen‘s! Wir wissen‘s!
Wir wollen das Leiden,
So können wir wenigstens selber entscheiden!“

stellt euch nicht so an,
ist doch für euch nur ein Vorteil daran
Fortschritt ist gut
und Fortschritt ist schlecht
ach, was soll‘s- schaut, dass ihr am Jetzt zerbrecht

„Verschwinde doch endlich,
du Lügner, du Schwindler!
Wir stehen auf für Freiheit und Recht,
mal sehen, wer hier an wem zerbricht!“

„Auf, auf in den Krieg, gegen alles Neue
Oh liebliches Jetzt, dir schwör‘n wir die Treue!“

bleibt ruhig sitzen,
ihr könnt euch nicht wehr‘n
die Zukunft wird kommen
sie ändert euch gern

„Los, an die Waffen!
Das kann doch nicht sein,
mein Schicksal, mein Schicksal ist immer noch mein!“

„Los, weiterkämpfen, verteidigt euer Heim!“
Das kann doch nicht sein,
die Zukunft, die Zukunft, die Zukunft ist gemein.

„Los, alles geben! Schon fast gewonnen!
Nein, das ist nicht richtig …
all unsere Erfolge sind nichtig!“

Hört ihr sie kommen?
mit Sirenengeheul und großem Trara
die Zukunft, die Zukunft, die Zukunft ist da

Günther von der Blumenwiese

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17127

 

 

 

Live

Eine verschissene Minute hat Egon Zeit, um diese Aufgabe zu lösen.

Sie lautet folgendermaßen:
„Ein Vater verdient im Monat 40 % mehr als sein Sohn. Die Mutter verdient die Hälfte von dem, was der Sohn verdient. Die Tochter verdient 2/3 dessen, was die Mutter verdient. Das Gesamteinkommen der Familie beträgt 9.700 Euro. Wie viel Lehrlingsentschädigung erhält die Tochter?“

Egon darf keine Notizen machen. Ja, es ist nicht so eine superknifflige Rechnung wie 2817, aber es geht auch nicht um eine Million Euro, sondern nur um 50.000. Er ist auch nicht in der Show eines anerkannten Fernsehsenders, sondern in der eines aufstrebenden YouTube-Kanals. Dafür ist es live. Die Show heißt: „Du schaffst es!“ Sie ist stark an die „Millionenshow“ angelehnt, allerdings sind die Fragen und Aufgaben und das Ambiente der Show, die Musik, das Publikum, für jüngere Leute ausgelegt. Sie ist jeden Samstag. Finanziert wird die Show über Werbung im Netz. Die Klickzahl ist hoch.

Egon hätte sich auch mit 25.000 Euro begnügen und aussteigen können. Die 50.000 sind der Hauptgewinn. Versagt er bei dieser letzten Aufgabe, fällt er auf 2.000 Euro zurück, die sind ihm sicher.

Egon ist ein junger Mann von einundzwanzig Jahren. Er ist ein kluger Kopf, aber er hat weder die Matura, noch eine Ausbildung beendet. Per se ist er damit Hilfsarbeiter. Seine Freundin Martha sitzt im Publikum zwischen jungen, bunten Leuten. Sie ist zwanzig. Sie hat Friseurin gelernt, aber auch nicht fertig. Die beiden leben zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf zweiunddreißig Quadratmetern. Sie haben praktisch nie Geld. Sie sparen, wo es irgend möglich ist, zum Beispiel im Winter beim Heizen – sie ziehen sich mehrere Pullover über. Sie sind wirklich abgefuckt. Zudem ist Martha ist einer speziellen Verfassung – sie ist schwanger, in der siebenten Woche, da ist noch alles möglich.

Sie wird immer wieder ins Bild gerückt. Wahrscheinlich erwartet man von ihr, dass ihr bange und sie gespannt ist, und jubelt, wenn Egon eine Frage richtig beantwortet hat. Dagegen wirkt Martha wie geistesabwesend, nicht bei der Sache, ruhig sitzt sie auf ihrem Platz, sie erfüllt nicht das Klischee der mitfiebernden Partnerin. Obwohl natürlich dieser Eindruck täuscht, sie ist zu hundert Prozent mit dabei, es ist nur Selbstschutz, sich geistig vom Geschehen zu entfernen, um nicht überzuschnappen geradezu, es geht ja schließlich um viel – oder sehr wenig.

Das Publikum sitzt rund um den Moderator und Egon, wie in einem griechischen Theater, die erste Reihe ist am Boden, danach wachsen die Reihen in die Höhe. Martha sitzt in der ersten Reihe. Traut sie Egon die richtige Lösung der Aufgabe zu? Sie weiß es selbst nicht recht, prinzipiell schon – Egon ist ein guter Mathematiker und schneller Kopfrechner –, dagegen spricht, dass er sichtbar nervös ist, zwanzig Sekunden bereits vergangen sind – der Countdown wird auf einem großen Display zwischen dem Moderator und Egon in grünen Ziffern angezeigt –, und dass manche Leute im Publikum Störgeräusche machen, zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Diese Leute sind doch sicherlich von den Machern der Show bezahlt, ärgert sich Martha, die Macher der Show, ja, Martha hat sie kennengelernt, drei junge Leute mit stets entspannten Gesichtszügen und ohne Geldsorgen – geht die Show schief, liegen sie halt wieder ihren Eltern auf der Tasche. Aber klar, das ist Kapitalismus, die drei zahlen lieber 2.000 Euro aus als 50.000.

Martha bemüht sich, Egon nicht anzusehen, da, falls er zurück zu ihr blicken sollte, ihn das aus seiner Konzentration reißen würde. Die an der Decke befestigten Scheinwerfer scheinen gerade auf den Boden. Nachdem eine Frage beantwortet wird, schwenken sie in die Mitte zu Moderator und Egon. Das soll einen dramatischen Effekt erzeugen – auch das ist von der „Millionenshow“ abgekupfert. Egon ist kribbelig, sein Rücken ist gerundet, er beugt sich nach vor, gleichzeitig ist er absolut fokussiert.

Er hat die Rechnung im Kopf aufgestellt. Er schreibt auf die Innenseite seiner Stirn wie auf ein Blatt Papier. Er hat noch fünfunddreißig Sekunden. Da es vier Personen sind, braucht man vier Gleichungen. Die Rechnung funktioniert wie folgt:

Einkommen des Sohnes = x
Einkommen des Vaters = x + 40/100 x = 5/5 x 2/5 x = 7/5 x
Einkommen der Mutter = 1/2 x
Einkommen der Tochter = 2/6 x = 1/3 x
x + 7/5 x + 1/2 x + 1/3 x = 9700 Euro

Egon hält den Kopf gesenkt. Kurz blickt er zum Moderator, der ihn feixend ansieht. Was will er damit? Ihm helfen sicherlich nicht, wenn, dann will er Egon aus dem Konzept bringen, eventuell möchte er auch das Publikum beziehungsweise die Zuseher im Internet unterhalten, witzig wirken halt. Noch dreißig Sekunden. Egon rechnet weiter:

Die Bruchzahlen auf einen gemeinsamen Nenner (30) bringen.
30/30 x + 42/30 x + 15/30 x + 10/30 x = 9700 Euro
Dann wird addiert.
97/30 x = 9700 Euro

Noch zwanzig Sekunden. Egon liegt im Plan. Die Rechnung erscheint ihm logisch. Er ist sich sicher, dass sie richtig ist. Wenn das mit dem Gewinn der 50.000 Euro hinhaut, ist die nähere Zukunft geritzt. Martha und er ziehen in eine komfortable Mietwohnung, in der es niemals kalt sein wird. Sie werden beide den B-Führerschein machen. Dann kaufen sie ein geräumiges Auto. Martha wird Mutter werden, er wird Vater werden. Und nächstes Jahr fahren sie im Sommer nach Ibiza, Party, Party – das muss sein. So ist das Ganze gedacht. Das Abschweifen hat fünf Sekunden gekostet, trotzdem ist noch genug Zeit. Egon führt die Rechnung fort:

Beide Seiten der Gleichung durch 97 teilen.
1/30 x = 100 Euro
Beide Seiten der Gleichung mit 30 multiplizieren.
x = 3000 Euro = Einkommen des Sohnes

Noch zehn Sekunden, in grünen Ziffern deutlich sichtbar auf dem großen Display. Egons Nervosität hat sich ziemlich gelegt. Im Stadium der Aktivität, des Rechnens, ist einfach kein Platz dafür. Martha leidet auf ihrem Platz. Sie kann nichts tun, kann Egon nicht helfen. Sie sieht auf ihren Bauch, es ist noch nichts zu sehen. Die Störgeräusche, sie sind jetzt lauter geworden, sie zischen in Marthas Ohren. Und jetzt nimmt sie auch Egon wahr. Zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Egon schließt die Rechnung ab, die Störgeräusche perlen an ihm ab wie Regen an einer Regenjacke:

Einkommen des Vaters = 3000 Euro + 1200 Euro = 4200 Euro
Einkommen der Mutter = 3000 Euro : 2 = 1500 Euro
Einkommen der Tochter = 3000 Euro : 3 = 1000 Euro

Noch fünf Sekunden. „Herr Binder, jetzt kommt es darauf an, sind Sie fertig? Wie lautet die Lösung?“, fragt der Moderator. Martha schaut starr auf das Metallgestell zwischen Egon und dem Moderator, es ist die Mitte. Die Störgeräusche sind noch lauter geworden. Hunderttausend Hornissen brummen. Egon nickt, noch vier Sekunden, er denkt nach, noch drei Sekunden. „Wie hoch ist das Einkommen der Mutter?“, das ist die Frage.

„1.500 Euro“, sagt er. Die Scheinwerfer schwenken zur Mitte. Der Moderator hebt die Arme in die Höhe, fast wie ein Priester. „1.500 Euro, sagen Sie, erhält die Tochter an Lehrlingsentschädigung?“ „Nein“, widerspricht Egon, „das ist das Einkommen der Mutter.“ „Es wurde nach der Höhe der Lehrlingsentschädigung der Tochter gefragt“, führt der Moderator fort. „Warten wir auf die Antwort.“ „1.000 Euro“, scheint als Antwort auf einer Anzeige auf.

Egon weiß sie. Er hat eine Verwechslung begangen. Doch eine Verwechslung ist auch ein Fehler. Martha hat den Mund offen und starrt den Moderator an, der demonstrativ und selbstgefällig Egon betrauert. Egon steigt mit 2.000 Euro aus dem Spiel aus. Das müsste für die Abtreibung reichen. Wahrscheinlich bleibt sogar ein bisschen was übrig.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17121

 

Die Wörter werden zu schwer

Zeichen stehen auf null,
Geschmack wird zur Asche,
ein Donnerwetter hat jenes Haus befallen,
gerade noch geliebt,
steht es jetzt unter Schock,
In die dunkle Nacht geworfen,
Halogenlampen beleuchten den Tunnelblick
Ein Reptil schleicht durch das Haus, lähmt,
Alle Sachen werden locker,
verbeult und verbrannt,
Trümmer und Erdrutsch

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17112

Waffenstillstand II

Verblase wie
Etwas am Himmel,
das nicht existierte
In die Kammer,
kommen weiße Männer,
nicht zu Besuch
Sie wohnen zwischen
Dopamin und Serotonin,
Wo nehmen sie mich hin,
Eine Reise,
Eine Brücke,
Einen Moment Hoffnung,
zwischen dem Gerümpel

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17110

Der bessere Kandidat

In Palmström hebt sich manchmal vage
Eine Frage, eine zage
Denn blickt er grenzenlos verwundert
Aufs junge 21. Jahrhundert

Nein, so war das nicht gedacht
Das war anders abgemacht
Das Ziel, der Torlauf sollt‘ es sein
Allen Menschen Brot und Wein

Freude schöner Götterfunken
In welchem Mist bist du versunken?
Statt deiner Krieg und Sklavenhandel
Raubbau, Armut, Klimawandel

Ein Tag reicht nicht, um aufzuzählen
All die Übel, die uns quälen
Ach Mensch, seufzt Palmström bitterlich
Sorgen mach ich mir um dich

Was, wenn dies die Schlussklausur
Prüfungsvorsitz: die Natur
Prüfungsthema: Überleben
Du wärst um Antworten verlegen

Die Natur würd rasen, toben
Der Prüfling, spräch‘ sie, hat verschoben
Mehrmals, bis zum Letzttermin
Nun endlich, tritt er vor uns hin

Und ist, ich sag’s naturgemäß nicht froh
Trotzdem dumm wie Bohnenstroh!

Pflichte bei, knurrt das Atom,
Will nicht, dass man ihn verschon.
Zwar fühl ich mich bei ihm gespalten,
Doch grade darum ungehalten

Auch praktisch also eine Schmach!
Setzt erbost der Vorsitz nach
Und theoretisch ist‘s ein Graus
Ruft die Weltenformel aus

Nach hoffnungsvollem Anbeginnen
Will ihm gar nichts mehr gelingen
Und politisch-sozial
ist’s ein kosmischer Skandal!

So hat der Prüfling nichts verstanden
Setzen Prüfling, nicht bestanden.
Dir, der sich meine Krone nennt,
Setz ich Natur mithin ein End.

Wie konntest du’s nur so verpatzen?
Nächster Candidatus: Katzen

So, seufzt Palmström, würd’s dir gehen
Die Katz auf dich heruntersehn
Wie sie das ja schon immer tat
Als der bess‘re Kandidat.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? und unerHÖRT!| Inventarnummer: 17090

Die Insel Freedom

Das Schiff „Joy of Freedom“ mit etwas mehr als hundert Flüchtlingsfamilien an Bord brach nach Australien auf, erreichte aber nie seinen Bestimmungsort. Kein Bericht von einem Überlebenden oder einem zum Schiff gehörenden Gegenstand gelangte je in die Welt. Der Kapitän und der größte Teil der Mannschaft ertranken bei einem Unwetter, viele Frauen und Kinder starben an den Strapazen der ersten Woche auf hoher See, in kleinen Booten oder auf den Planken. Aber etwa hundert Menschen erreichten eine kleine Insel vor der Westküste Australiens. Diese Überlebenden siedelten sich auf der Insel an, die sie natürlich Freedom tauften. Das war auch das einzige gemeinsame Wort, denn die Kolonisten kamen aus den verschiedensten Ländern: Rohingya aus Myanmar, Minderheiten aus Thailand, den Philippinen, Indonesien und anderen asiatischen Gebieten wie etwa den noch immer namenlosen Inseln in der Molukken-Straße.

Zuerst bauten sie Hütten, dann eine Schule, eine Kirche, einen Tempel, ein Rathaus, sogar ein Theater, eine Bibliothek und auf der Erhebung des höchsten Hügels einen Leuchtturm.
Sie gaben ihren Gebäuden Namen aus ihren früheren Heimaten. So hieß zum Beispiel die Schule Rangun, die Kirche St. John, der Tempel Bali, das Rathaus Borneo, das Theater Goa, und den Leuchtturm nannten sie aus unerklärlichen Gründen Laputa, wahrscheinlich weil sich das Wort für alle gleich leicht aussprechen ließ. Später hieß die ganze Insel einfach nur noch Laputa.

Entgegen den Schrecken der Reise fanden sie auf der Insel günstige Bedingungen vor. Es herrschte ein gleichmäßig mildes Klima, es gab reichlich Wasser, keine wilden Tiere bedrohten sie, der reiche tropische Wald mit Früchten und Kleingetier konnte sie ernähren, und die Insel war umgeben von fischreichen Gewässern. So begannen sich die Kolonisten zu vermehren und eine laputanische Gemeinschaft zu bilden.

Doch dann erschütterte ein Ereignis die Insel. Sie verloren ihre besten vierzehn Männer, die sich mit einem roh gezimmerten Floß nach Osten aufmachten. Ob die letzten Erinnerungen an das ursprüngliche Ziel der „Joy of Freedom“ sie zu dem Wagnis verleitet hat, einen Ausbruchsversuch zu machen? Oder die Vision einer Küste, die manchmal bei Sonnenaufgang am Horizont vor Laputa auftauchte? Auf Laputisch nannten sie diesen Sehnsuchtsort Palmibarbi nach den heimischen Palmen, andere sagten lieber Luggnagg, nach dem besten Fisch in ihren Gewässern.

Niemand kann sagen, was mit den Auswanderern geschehen ist. Aber eines Tages wurden einige behauene, ausgebleichte und vom Wasser ausgehöhlte Palmenstämme am Strand angetrieben. Danach wagte lange niemand mehr, die Insel zu verlassen, und die Außenwelt geriet allmählich in Vergessenheit. Sogar den Leuchtturm ließen die Insulaner verfallen und fütterten das Feuer nicht mehr.

Am 30. Dezember des Jahres …..04 landete ein Schiffbrüchiger auf Laputa, ein finno-lettischer Seemann, der lange in einem offenen Boot getrieben war. Er war ungewöhnlich groß, hatte eine weiße Haut mit blauen Adern und bräunlichen Flecken, keine Haare auf dem Kopf, dafür aber einen mächtigen roten Bart.
Die Insulaner wunderten sich nicht sonderlich über sein Aussehen, hatten sie doch selbst einige Besonderheiten aufzuweisen. Sie waren nicht größer als fünfzehnjährige Pygmäen, ihre Köpfe waren alle entweder nach rechts oder nach links geneigt; eines ihrer Augen war nach innen und das andere senkrecht auf den Zenit gerichtet. Sie liefen immer nackt herum, sodass man sie nur an ihren körperlichen Unterschieden auseinanderhalten hätte können. Die lange Isolation und die Inzucht hatten sie aber so abgeschliffen, dass sie einander glichen wie eine Kokosnuss der anderen. Zusätzlich erschwerend war es, dass sie offenbar keinen König oder Königin hatten, keinen Führer oder Führerin, keinen Häuptling oder eine Zauberin, also nichts an sich hatten, an dem man eine Rangordnung ablesen hätte können.

Es brauchte viele Jahre, bis der Fremde ihre laputische Sprache halbwegs erlernte und den Freedomianern etwas von seiner „Welt da draußen“ erzählen konnte: verschwommene Berichte von Ländern am Rande eines Ostsee genannten Meeres, wo es acht Monate Winter mit Eis und Finsternis gab und das Meer zufror, wovon sie aber keine Vorstellung entwickeln konnten. Dabei waren sie neugierig und offensichtlich gelehrig.

In den Gegenden, von denen der Fremde zu ihnen sprach, wurde einem gewissen Obamaputintrump geopfert, offenbar einem dreiköpfigen Häuptling. Von einer EU und einem IS erzählte er, einer UNO und Opec, einer EFTA, WHO, WLO, NASA und VRChina. Er verwirrte die Insulaner sehr mit all diesen Grexit, Brexit, Öxit und Schottixt, Katalanixt, Baskixt, Kosovonixt und Republikasrpstkixt. So sehr sich der lettische Riese auch bemühte, sie verstanden nix. Danach tauften sie ihn Letnix, was sich bald zu einem Nix verkürzte. Das Einzige, was ihnen gefiel, was sie offenbar unmittelbar ansprach, was sie sofort verstanden und nachahmten, war seine Art zu singen und zu tanzen. Er nannte das Tango. Tan-go, das war auch ein Wort, das sich gut ins Laputische fügte. Ihre Sprache bevorzugte langgezogene a-, o- und u-förmige Vokale, so wie sie es beim Blasen des Tritonhornes, der angebohrten Kokosnuss oder des Bambusrohres hervorbrachten.

Vielleicht lag die Unverständlichkeit auch daran, dass der Seemann sehr lange unterwegs gewesen war und die Verhältnisse in der nördlichen Welt auch nicht mehr gut kannte. Auf jeden Fall erholte er sich nie wieder ganz von den Strapazen seines Schiffbruchs und siechte dahin. Vielleicht bekam ihm aber die karge und einseitige Inselkost nicht, es kann auch die südliche Sonne gewesen sein oder der Kummer darüber, dass er seinen Rettern die „Welt da draußen“ nicht erklären konnte. Bis zu seinem letzten Atemzug lagerte er am Strand und zeichnete für die Insulaner eigenartige Kringel in den Sand, für die Zuschauer unverständliche Gebilde, die einen kreisrund, die anderen tropfenförmig oder dreieckig, große zusammenhängende oder einzelne, lang gezogene runde wie die thailändische Schrift. Die Laputaner begruben den Nix unter der Palme auf dem Hügel, nicht weit vom verfallenen Leuchtturm.

Ohne sagen zu können, wer damit begonnen hatte – die Insulaner gingen immer häufiger zum Grab des Letnix, legten Blüten, Früchte und Muscheln, getrocknete Erbsen, Bohnen, Perlen und Kiesel auf den Hügel. Bald stellte jemand eine Hütte aus Palmblättern darüber auf, jemand ebnete das Gelände rundum ein, andere breiteten Bastmatten aus, damit die Besucher bequem um die Hütte lagern oder lettischen Tango tanzen konnten.

Im Theater Goa, aber auch in der Kirche St. John und im Tempel Bali feierten sie zu seinen Ehren große Feste mit reichlich Kokosmet, wobei sie eine übergroße Figur aus Palmblättern herumtrugen und Letno-Tango tanzten.

Die Kinder spielten mit Nix-Puppen aus Bast, und die Jugendlichen bekamen zur Initiation im Rathaus Borneo Nix-Amulette, geschnitzt aus Tritonshörnern, um den Hals gehängt. Es gab keinen Mann, der sich nicht auf irgendeinen Körperteil einen Nix tätowieren ließ.
Nur die Frauen hatten es schwerer; ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich das Haar zu einer Glatze zu scheren, um den verstorbenen Nix zu ehren.

Zu dieser Zeit bemächtigte sich der ganzen Insel eine Leidenschaft zur Erforschung der „Welt da draußen“, besonders für alles, was irgendwie mit Religion zu tun hatte. Da sie ihre früheren Sprachen vergessen hatten und sie ohnedies nur notdürftig lesen und schreiben konnten, erfanden sie eine Kringelschrift für das Laputische, so wie sie es beim lettischen Seemann im Sand gesehen hatten. Einigen Frauen gelang es, aus Bastfasern einen Papierersatz herzustellen, auf denen die Kinder von Rangun, der Schule, das Schreiben erlernten. Das Rechnen hatten sie schon früher mit Kokosnüssen und Kaffeebohnen geübt. Auf diese Wiese bildete man amtliche Schreiber aus, die die Basttafeln beschrieben und in der in Balts umbenannten Bibliothek sammelten.

Immer mehr Insulaner widmeten sich in der Freizeit nun dem Sammeln von alten Sagen über ihre Flucht, die sie zu einer Pilgerfahrt umdichteten, über die Tauf-, Hochzeits- und Sterberiten, über die Geografie ihrer Herkunftsländer, die Tierwelt, Getreidesorten, Gerätschaften und Gedichte. Bald wurde ein junges Talent entdeckt, das Hunderte von baltischen Balladen schuf und mit dem Langepos von der Welteiche ein Star wurde. Dann tauchte ein begabter Musiker auf, der Lieder erfand und viele Instrumente baute, sogar solche, die der Letnix selbst nicht kannte: Zimbeln, Flöten, Trompeten, Harfen, Gitarren und Cembalos. Ihr Lieblingsinstrument schien aber eine einheimische Art von Windorgel zu sein. An einen kurzen Stock waren wie auf einen Dreschflegel luftgefüllte Fischblasen geheftet, in denen Kichererbsen und Perlen rasselten, wenn sie den Stock durch die Luft schwangen. Die schönsten Laute ergaben sich, wenn die Musiker mit ihrem Stock den Umstehenden auf Mund und Ohren schlugen, auf den Rippen und Bäuchen ergaben sich die lieblichsten , so wie sie das Meer macht, wenn es in Felshöhlen schwappt.

Eine junge Frau konnte nicht genug davon kriegen, Kreise, Dreiecke und Quadrate, Ellipsen und Trapeze in den Sand zu zeichnen, sodass sie mit der Zeit ein Geschlecht von Mathematikern in die Welt brachte, die die ersten Bücher des Euklid nachschrieben. Das Schicksal wollte es, dass ihr ältester Sohn, Kapitän Laput genannt, gerne am Leuchtturm saß und aufs Meer und in den Himmel schaute. Nach jahrelangen Beobachtungen leitete Laput daraus den Lauf der Sterne ab und schrieb die letzten Bücher Euklids neu. Wie er immer länger so dasaß und schaute, kam er zur Überzeugung, dass dort Hunderte, ja Tausende Wesen in Behausungen von außerordentlicher Größe und Schönheit lebten.

Laput träumte davon, einen Weg zu dieser Welt zu finden und von der Möglichkeit, dass sich Freedom zu so einer Welt entwickeln könnte. Seine Mutter seufzte und schüttelte den Kopf: „Lass solche Gedanken, das sind Flausen, wir wissen es nicht, ob jene Welt noch vorhanden ist und ob sie besser oder schlechter ist als unsere. Und werden es auch nie erfahren. Wir sind nicht dafür geboren, wegzugehen. Das Beste, mein Sohn, was wir tun können, uns nicht den Kopf unnötig zu zerbrechen, sondern unsere Pflichten im Hier und Jetzt zu erfüllen.“

Laput ließ sich aber damit nicht abspeisen. Weil er wegen seiner Euklid-Interpretation großes Ansehen auf der Insel genoss, konnte er einige Männer dazu bewegen, den Leuchtturm wieder aufzurichten und das Notsignal auf dem Berggipfel instandzusetzen.
Als er eines Tages seine Kinder zu Bett gebracht hatte und schon alle Insulaner in ihren Hütten schliefen, machte Laput seine Runde durch Freedom und stieg schließlich auf den Hügel. Er setzte sich unter die Palme beim Leuchtturm und schaute auf das Meer hinaus. Unter dem Sternenhimmel sann er über das Schicksal der Kolonie nach, das ihn an diesen Platz gebracht hatte.

Und er dachte an die kommenden Zeiten, wenn seine Kinder ihn überlebt haben würden. Wie er so saß und sann und sann, schob sich ein seltsames Bild vor seine Augen. Ein riesiges Schiff, höher als der Hügel, kam langsam um das Vorgebirge herum, behangen mit Lichtern in drei Reihen übereinander, vom Vorder- bis zum Achtersteven. Zwei beleuchtete Turmskelette ragten in den Himmel und schienen die Sterne aufzuspießen. Musik klang zu ihm herüber und der Ton menschlicher Stimmen in der stillen Luft. Der Anblick war wunderschön, aber schrecklich und beängstigend.
Kapitän Laput sprang auf und dachte einen Augenblick daran, die Kirche St. John in Brand zu stecken, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein großes Freudenfeuer zu entzünden, dass er in eine andere Welt wechseln könnte.
Aber er setzte sich wieder nieder und ließ das Wunder in der Ferne vorüberziehen. Da nahm er schattenhaft wahr, dass sich die Laputaner hinter ihm versammelt hatten, auf das Meer hinaus starrten, zitterten und schweigend in ihre Hütten zurückgingen.

Nachtrag der Universität Dublin
Der Schiffbrüchige war weder Finne noch Lette und auch kein einfacher Seemann, sondern der weltberühmte Anthropologe, der irischstämmige Finnbar McLoughlin aus Limerick, ein anerkannter Forscher und Autor vieler Bücher über die Kulturen Polynesiens, Dozent an der Universität Dublin. Er gilt seit dem Tsunami von 2004 als verschollen. Seine Aufzeichnungen sind vor Kurzem in einer bei Limerick angeschwemmten Kokosnuss entdeckt worden. Experten studieren seither die Bastrollen, die mit unbekannten Zeichen bedeckt sind. Auch das Jonathan-Swift-Institut in Irland und die Thornton-Wilder-Stiftung in den USA wurden mit der Erforschung der Schriften beauftragt, die von der Stadt Limerick finanziert wird.

3.12.16

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16163

Willi

Z63 war ein Haushaltsroboter, ein Importprodukt aus Japan im mittleren Preissegment. Seine Besitzer, die Familie Fischer, ein Ehepaar lebensdurchschnittlichen halben Alters mit der sich in der Backfisch-Phase befindlichen Tochter Franziska, kurz Franzi, hatte bei seinem Kauf über den Großhandel Wert auf Effizienz bei möglichst geringen Betriebskosten gelegt.
Er funktionierte mittels Strom aus seiner eigenen kinetischen Energie, den er in einem in seinem Gehäuse integrierten Akku speicherte. Zusätzlich war er mit Photovoltaik-Zellen ausgestattet, den Akku konnte man ebenfalls einfach, aber teuer, über eine Steckdose aufladen, auch war eine Batterie im Lieferumfang enthalten gewesen, er musste jedes halbe Jahr zum Roboter-Doktor, der zentralen Wartungsstelle, seine Software wurde über eine Funkverbindung mit der Herstellerfirma ständig upgedated, die Ausgaben für Schmiermittel waren zu vernachlässigen.

Als der Instandsetzungs-Techniker ihn aus der Cellophanhülle geschält und von den Porocell-Kügelchen befreit, ihn schließlich mithilfe eines Hebelzuges aus der Transportkiste gehoben hatte, die erworbenen Programme in sein Rechenzentrum überspielt, seine Augen justiert, die Ohren eingerichtet, die Nase kalibriert und die Stimme, sie durfte nicht blechern klingen, das war den Fischers die Zuzahlung wert, dem gewünschten Klang angepasst und seine Motorik, im Groben zuerst, dann im Kleinen, getestet und verbessert worden war, „Schrubbe den Boden!“, hatte der Befehl an ihn gelautet, und er war dabei gewesen, ihn ganz ordentlich zu erfüllen, wohl war er ein recht einfacher Kerl, doch er verfügte, den Aufpreis dafür hatten die Fischers nach einiger Überlegung in Kauf genommen, über einen Gefühlserkennungs-Chip, der anhand von Blicken, Mimik, Sprache, Körperhaltung nach einem patentierten Algorithmus die Stimmungslage von ihm beobachteten Personen korrekt wiedergab, als der Instandsetzungs-Techniker also seiner Arbeit nachgekommen und Z63 auf dem Boden gekauert war mit einem Wischtuch in seinen Greifwerkzeugen, die aussahen wie menschliche Hände mit einem Chromüberzug, hatte Franzi, damals war sie erst sieben gewesen, das Zimmer betreten, eine Weile lang hatte sie den Roboter betrachtet, hatte Gefallen gefunden an seinen auf den Metallschädel gemalten schwarzen Haaren und dem dünnen Bärtchen über seiner Sprecheinheit; seine nur aus dunkelblauer Farbe bestehende Butler-Uniform, ihre Eltern hatte nämlich an seinem Äußeren gespart, war ihr lustig erschienen, zusehends waren seine ruckartigen Bewegungen fließender geworden, da hatte sie den Techniker gefragt: „Hat er schon einen Namen?“ „Nein“, hatte der Techniker zurückgegeben, „seine Typenbezeichnung ist Z63, aber das steht nur für seine Betriebsreihe, das ist kein richtiger Name.“ „Er soll Willi heißen“, hatte Franzi da gesagt. Der Roboter hatte sie aus braunen Kulleraugen-Optikinstrumenten angesehen, er hatte registriert: „Ich – heiße – Willi.“

Weiters wurde Willi von Gerlinde, Franzis Mutter, eingeschult. Er erwies sich als aufnahmebereit und lernwillig, nach kurzer Zeit schon erfüllte er nahezu fehlerlos selbstständig alle im Haushalt anfallenden Aufgaben, Geschirr spülen, saubermachen, Wäsche waschen, zum Trocknen aufhängen und bügeln, Ordnung in das Chaos von Franzis Zimmer bringen, aber auch in so manch andere, so bettete er in Holgers und Gerlindes Schlafzimmer täglich auf, denn Gerlinde hasste Brösel im Bett, beliebte darin jedoch Kekse zu essen, und, ganz wichtig auch, die den Haushalt betreffenden Einkäufe erledigen, Lebensmittel und Non-Food-Artikel, dafür hatte er einen Chip zwischen den Metallteilen von linkem Unterarm und Greifwerkzeug, der mit Digits, ein Digit entsprach einem Euro, aufgeladen war, zur Zahlung, meist im nahegelegenen Supermarkt, der so ziemlich alles führte, was die Fischers andauernd benötigten, legte Willi diesen seinen Gehäuseteil, der dem Pulsmess- oder –aufschlitzbereich des Menschen entsprach, über den Scanner der Kassa, die ein weiblicher Roboter bediente, und die Digits für die Waren auf dem Förderband wurden abgebucht.

Nur bei einer Sache haperte es: beim Kochen. Klar, dafür gab es ja auch eigene Kochroboter, und die wollten verkauft werden. Wohl war es aber möglich, Willi mit einem Geschmackssinn aufzurüsten, derzeit konnte er sich nur die genauen Mengen an verwendeten Gewürzen für das jeweilige Gericht merken, doch die von ihm zubereiteten Speisen schmeckten für Menschengaumen lasch, als Koch war Willi schlicht nicht geeignet, das zusätzliche Feature eines Geschmackssinnes jedoch war einfach zu teuer, also kochten weiterhin Gerlinde, Franzi nur manchmal Kleinigkeiten und ab und zu Holger selbst. War der gelegentlich bedrückt, weil er wieder mal seine Produkte nicht an den Mann oder die Frau gebracht hatte, er arbeitete als freier Handelsvertreter, schlug Willi einen heiteren Tonfall an, fragte ihn, was es denn gäbe, blieb Holger verschlossen, holte er ihm ein passendes Buch aus einem der Regale, denn Holger las gerne.

Hatte Franzi Kummer, weil ihre Schulkameradinnen ihr Kaugummi ins Haar geschmiert hatten oder sie als blöde Kuh tituliert, oder sie sich in einen Jungen verguckt hatte, der nichts von ihr wissen wollte, oder sonst irgendwas in der Art, munterte Willi sie mit flotten Sprüchen auf oder sie spielten „Schwarzer Peter“, wobei Willi absichtlich verlor. Wenn Gerlinde sich eingehend im Spiegel betrachtete, wusste Willi schon: Sie hat ein neues weißes Haar oder eine frische Falte gefunden, oder wenn sie unglücklich von der Waage stieg, war es Zeit für ihn zu handeln. „Wenn ich ein Mensch wär, hätt ich gern so eine schöne Frau wie dich“, sagte er dann, und Gerlinde zwang sich ein Lächeln ab, und das half, wie Willi lernte.

Die Jahre vergingen. Es waren derer gute. Die Fischers lehnten stets das Angebot der Herstellerfirma ab, Willi um einen moderaten Aufpreis gegen das jeweilige Nachfolgermodell, alle zwei Jahre bestand dazu Gelegenheit, einzutauschen. Vieles war inzwischen möglich, Roboter aus Analogfleisch und mit roter Betriebsflüssigkeit, Roboter mit Menschengesichtern. Nein, sagten die Fischers, Willi sollte bleiben. Die Überweisungen von Holgers Patronatsfirmen wurden höherstellig, Gerlindes letzte Modelinie traf den Puls der Zeit. Und Franzi schrieb Gedichte und schwärmte für Boy-Groups, ohne dass ihre Schulnoten sehr darunter litten. Die Welt der Fischers war wie ein farbenfrohes Puzzle, in dem kein einziges Teilchen fehlte.

Dann kam der Tag des Lichtblitzes. Als er durch das Haus zog, fielen die drei Fischers nieder, wo sie gerade gewesen waren, Gerlinde kochend in der Küche, Holger Fußball fernsehend im Wohnzimmer, Franzi sich schminkend im unteren Bad, und bewegten sich nicht mehr, seitdem niemals mehr. Willi kannte den Begriff tot nicht, er selbst blieb frei von Schaden, nur seine Optikinstrumente waren etwas überlastet, sie waren für ihn lediglich temporär außer Funktion. Doch er hatte seine vielfältigen Arbeiten zu erledigen, daraufhin war er programmiert, also fuhr er fort, als wäre nichts Besonderes geschehen.

Seinen Riechmodus blendete er bald aus, denn unangenehme Gerüche verbreiteten sich, nicht nur hier im Haus, sondern überall dort, wo Willi hingelangte, und mit dem Zustand einer lediglich vorübergenenden Außer-Betrieb-Setzung der Fischers sowie all der anderen Menschen war er sich nicht mehr so sicher, denn ihr Bild in seinem Erinnerungsmodul glich nicht mehr dem, was seine Optik tatsächlich aufnahm. Die Funkverbindung zwischen ihm und seiner fast am anderen Ende des Erdballs gelegenen Herstellerfirma war nun gekappt. Willi kaufte weiterhin ein, Lebensmittel, Kosmetikprodukte, Rasierer. Nachdem die Lebensmittel ungenießbar geworden waren, packte er sie in die Mülltonne, die von Roboterkollegen alle vierzehn Tage entleert wurde. Auch nachdem seine Digits aufgebraucht waren, ließ ihn die Roboterkassiererin weiter seine Einkäufe erledigen. In erster Linie war sie wohl mit einem elektronischen Geldzähl-Mechanismus ausgerüstet, doch verfügte sie anscheinend auch über eine Kombinationsgabe, die ihr sagte: „Er als Roboter erfüllt ja nur seine Pflicht, und die Menschen können uns nicht mehr kontrollieren. Also, was soll´s?“

Gleichzeitig fielen Beleuchtung und Strom aus, nicht nur im Haus, auch auf den Straßen, in den Geschäften und allen öffentlichen Plätzen. Das Fehlen von künstlichem Licht störte Willi nicht so sehr, denn er hatte, wie praktisch jeder Roboter, Restlichtverstärker in seinen Optikinstrumenten integriert. Dass er nicht mehr auf den Strom aus der Steckdose zurückgreifen konnte, war für ihn schon problematischer, darum hieß er jetzt erst recht: sich fit halten, er brauchte möglichst viel Bewegung. Das Haus war klinisch sauber, alle Zimmer penibel aufgeräumt, die Non-Food-Artikel stapelten sich, okay, der Garten verwilderte, doch da konnte er nichts tun, er war weder zum Rasenmähen noch zum Heckenschneiden oder Blumensetzen programmtechnisch instruiert.

Was blieb? Joggen. Wille drehte von nun an tagtäglich seine Runden, vorbei oft genug an Sexrobotern in Miniröcken und Netzstrümpfen, die, so vermutete er, wahrscheinlich auch mittels kinetischer Energie in Gang gehalten wurden und jetzt in Ermangelung von Menschen auf andere Roboter zurückzugreifen versuchten. Nun ja, er konnte mit ihnen nichts anfangen, er war dafür nicht ausgestattet. Dann brach die Wasserversorgung zusammen. Im Haus war Willi das einzige Wesen, das noch Schmutz produzierte, doch wenn aus den Wasserhähnen nicht mal mehr Tropfen kamen, wie sollte er den wenigen wegkriegen? Die Reinigungsroboter konnten die Straßen nicht länger abspülen, weder die Fassaden der Häuser noch ihre Fenster und auch die Böden der Geschäfte waren nicht mehr sauberzukriegen. Schmutz und Staub wuchsen allerorten, und zudem waren die armen Roboterburschen nun völlig nutzlos geworden, sie hingen auf den Straßen rum und verbreiteten schlechte Laune. An den Schaltstellen saßen halt doch ausschließlich Menschen, und ohne sie ging stufenweise alles den Bach runter, es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Sprit ausginge, die Lagerstände waren zwar noch recht hoch, nur neues Erdöl wurde nicht mehr gefördert.

In der darauffolgenden Woche stand für Willi wieder Besuch beim Roboter-Doktor an. Die „Doktoren“ waren selbst Roboter. Da er ja seit einiger Zeit über keine Digits mehr verfügte, hatten sie sich das letzte Mal eingelassen, ihn für an ihm durchgeführte Servicearbeiten ihre großflächige Werkshalle reinigen zu lassen, bis sie hintennach wie poliert ausgesehen hatte, doch das war leider nicht mehr möglich, zudem verlangte sein Gehäuse diesmal nach einer Öl-Dampfstrahlreinigung, die kostete einiges extra, Schmiermittel hätte er sich noch gerne im Vorrat besorgt, mit den zwielichtigen Typen vom Roboter-Schwarzmarkt gab er sich nicht gerne ab, würden sich die Docs damit zufriedengeben, dass er alle ihre Arbeitsgeräte akribisch schlichtete, so dass sie auch leicht aufzufinden waren, er konnte sogar ein eigenes Ordnungsprogramm dafür entwerfen, das war ja schließlich seine Bestimmung, als Maschine? Willi fürchtete um seine zukünftige Gesundheit. Fürchten? Das war doch ein Gefühl. Willi konnte wohl fremde Gefühle deuten, aber selbst keine entwickeln, womöglich jedoch hatten die komplizierten Strickmuster verschiedenster Launen auf eine seltsame Weise irgendwie auf ihn abgefärbt. Trotzdem: Roboter bleibt Roboter und Mensch bleibt, oder war, Mensch. Das war Willi klar.

Es hilft ja doch nichts, folgerte seine Rechenzentrale, ich muss einkaufen gehen, wofür denn gibt es mich sonst? In dem Supermarkt in seiner Nähe hatten die Regale begonnen, sich zu lichten, nichtsdestotrotz trieb er die standardisierten Lebensmittel alle auf, Shampoo, zwei verschiedenfärbige Nagellacke, Tampons, Rasierer, Rasiercreme, nur eines ging ab: Seife, nicht ein einziges Stückchen, gleich welcher Marke, war ausgestellt. Willi fragte die gesetzte Roboterkassiererin, ob es denn eine Möglichkeit gäbe, vielleicht doch drei, zwei, wenigstens ein einziges Stück Seife hier im Laden aufzutreiben. „Sieh doch bitte selbst im Lager nach, Willi. Das ist hinter der großen grauen Schiebetür ganz am unteren Ende“, sie wies in die Richtung, „daneben ist eine Klingel. Wenn du sie läutest, wird dir jemand öffnen.“
Willi bedankte sich artig. Er ging zum Lagereingang und betätigte die Klingel. Ring ring. Es dauerte nur kurz, da schob sich die schwere Tür etwa eineinhalb Meter zur Seite. Und eine Roboterdame stand vor ihm, blonde aufgemalte Locken, blaue Iriden der Optikinstrumente, rot umrandete Sprecheinheit, in der aus Farbe bestehenden dunkelgrauen Uniform eines Lagerhaltungsroboters, Susi stand auf dem Namenskärtchen über der linken Brust ihres Gehäuses, die schon recht abgeschabt war, wie auch bei ihm, wie er wusste, unverkennbar ein Z63, in weiblicher Ausführung. „Sie wünschen, mein Herr?“, fragte sie in einer hellen, sanften, einer menschlichen zum Verwechseln ähnlicher Stimme. Üblicherweise hätte Willi so etwas in der Art von: „Grüß Gott, gnädige Frau, ich würde etwas Seife benötigen“ von sich gegeben, doch nun starrte er sie nur an und sagte: „Seife.“

Woraufhin Susi lachte, nur mit Lauten natürlich. „Du würdest mich doch jetzt sicherlich gerne zu dir nach Hause einladen, stimmt´s?“, erwiderte sie und legte ihr rechtes Greifwerkzeug gegen Willis metallenen linken Oberarm. Auch sie verfügte über einen Gefühlerkennungs-Chip, ungewöhnlich eigentlich für einen Lagerhaltungsroboter, erkannte Willi, doch ihrer Aussage spitzte sich auf etwas Übles zu. „Ich kenne dich“, fügte Susi hinzu, „du heißt Willi und wohnst in dem schmucken Häuschen der ehemaligen Fischers dort drüben, seit vielen Jahren schon sehe ich dich kommen und gehen. Ich lebe hier in der Lagerhalle. Seit ich Denkteppiche knüpfen kann, habe ich sie niemals verlassen. Früher wollte ich immer nur raus, doch jetzt will ich und kann ich es nicht mehr.“ Sie konnte durch stromdurchflossene Leiter sogar eigene Empfindungen konstruieren, und eben darum war sie enttäuscht und in weiterer Folge abgestumpft.
Willi verstand dies, und auch das: Er war zu spät. „Also keine Seife“, fragte er. „Seife doch“, entgegnete sie, „aber nicht mehr.“ Sie ging und kam zurück mit vier Stück. „Du hast nun alles, was wir hier noch hatten“, sagte sie und umfasste seine flache mit ihrer Hand, wie Chrom glänzend beide. „Das ist Roboterliebe“, fuhr sie fort. „Zu mehr sind wir nicht gemacht.“

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17003