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Die Nacht der grünen Sichel

Es geschah an einem warmen Abend im Mai in einem kleinen Waldstück im steirischen Hügelland.
Gustav Fiedler, ein Bauer von dreiundsechzig Jahren, ging gerade spazieren, als er in dem Wäldchen, das er auf seinem weitläufigen Grundstück hatte stehen lassen, um Lebewesen Raum zu geben, das Brechen von Zweigen hörte. Er ging ein Stück weit auf dem Weg, der zwischen den Bäumen durch den Wald führte, und dachte an einen Keiler oder Rehbock als Verursacher des Geräuschs. Angestrengt lauschte er, ob weitere folgen würden, doch es blieb still.

So ging er mit langsamen Schritten zum Wohnhaus seines Hofes und zog sich für die Nacht um. In seinem abgewetzten Schlafanzug legte er sich neben seine Ehefrau Aloisia. Sie hatte bereits geschlafen, doch die Bewegungen des Bettes und das ächzende Geräusch, das es von sich ab, als er sich darauf legte, ließen sie erwachen. Auf Nachfrage erzählte er ihr, dass er durch den Wald gegangen wäre und ein Reh oder ein Wildschwein gehört hätte, welches er in den nächsten Tagen wohl erlegen würde.
Seine Frau stieß einen gellenden Schrei aus, bekreuzigte sich und flehte ihn an, seinem Schwur treu zu bleiben, nämlich das Haus nach Einbruch der Dunkelheit nicht zu verlassen. Er beruhigte sie und versprach ihr, sich künftig daran zu halten. In seinem Inneren wusste er jedoch, dass er genau das nicht machen würde, dafür war sein Jagdtrieb einfach zu stark ausgeprägt.

Am nächsten Morgen bereitete Gustav, was selten vorkam, das Frühstück zu. Aloisia war erfreut, einmal nicht diese Arbeit verrichten zu müssen, und nahm die Entschuldigung für den Bruch des Versprechens an.
Sie war gleich alt wie ihr Gatte. Mit zwanzig Jahren hatten sie geheiratet, doch Kinder hatten sich keine einstellen wollen. Dennoch wussten sie, wie es mit ihrem Hof, den sie von seinen Eltern übernommen hatten, nach ihrem Tod weitergehen würde. Aloisia hatte darauf bestanden, dass er ihrer geliebten Kirche zufallen sollte, und Gustav hatte sich gefügt.

Von Wert war ohnehin bloß das große Grundstück, alles andere hatten sie aufgegeben. Zwei Katzen, Murli und Minka wurden sie gerufen, lebten noch auf dem Gehöft, nebst einer Vielzahl an Mäusen, von welchen sie sich ernährten. Vieh gab es keines mehr. Die Fiedlers waren arm, das waren sie ihr ganzes Leben hindurch gewesen. Aloisia hatte sich leicht mit diesem Umstand abfinden können, Geld bedeutete ihr wenig. Ihr Mann hingegen litt sehr unter der Armut. Wie gerne hätte er ein großes Auto gefahren und sein Wohnhaus renoviert und stilvoll eingerichtet, doch war ihm dies nicht beschieden gewesen.
Nachdem ihre letzte Kuh geschlachtet worden war und der Hahn, der seine letzten Jahre ohne Hennen hatte zubringen müssen, im Suppentopf geendet hatte, ernährte sich das Ehepaar von Gemüse, welches Aloisia mit viel Liebe zog, nur selten gab es Gerichte aus Wildfleisch. Gustav war zwar ein begeisterter Jäger, allerdings traf er selten.

Die Furcht seiner Frau vor der Dunkelheit lag in der uralten Mär vom Steirerwolf begründet, einer Kreatur, Dürers Werwolf sollte sie nicht unähnlich sehen, die in gewissen Nächten die Menschen der Umgebung plagen würde. Strenge Gottesfurcht und oftmaliges Beten würde sie fernhalten, erfuhr er von seiner Gemahlin, doch gab er nichts auf solches Gerede, ebenso wenig gab er auf das Gebet und die Beichte.

Nach dem Frühstück erwachte seine Jagdlust. Den ganzen Tag über nagte sie an dem Bauern, er konnte kaum das Einsetzen der Nacht erwarten. Er beschäftigte sich mit dem Mähen von Gras und begab sich, nachdem er damit fertig war, in den Keller, um schlecht gewordenes Gemüse auszusortieren. Das wenigstens sagte er zu Aloisia.
In Wahrheit reinigte er hingebungsvoll seine Büchse. Mit Öl befreite er die Waffe von Flugrost, mehrere Male zog er den Lauf durch, er reinigte die Patronenkammer und polierte den hölzernen Schaft, bis dieser glänzte.

Als es dunkel zu werden begann, brachte er seiner Frau eine Kanne Tee, in welche er eine ordentliche Menge Schnaps gegossen hatte. Alsbald war sie eingeschlafen.
Gustav ging in den Keller, holte sein Gewehr und schlich mit langsamen leisen Schritten zum Waldstück. Dort wartete er einige Minuten, und als er erneut das Geräusch von brechendem Holz vernahm, lief er in das Wäldchen, welches vom Schein des Halbmondes einigermaßen gut erleuchtet wurde.
Er fühlte, dass er nicht alleine war.

Erst konnte er kein Lebewesen ausmachen, doch als er das Brechen der Zweige immer näherkommen hörte, wusste er, dass er in wenigen Augenblicken ein Wildschwein oder ein Reh schemenhaft erkennen würde.
Und schon sah er tatsächlich ein Wesen auf sich zukommen. Bei diesem handelte es sich jedoch weder um einen Keiler noch um einen Bock, dafür war die Kreatur viel zu groß. Auf vier Beinen kam sie näher und begann, fünf Meter vor Fiedler, kehlige knurrende Laute auszustoßen, die sich bald in ohrenbetäubendes Geheul steigerten.
Er wich zurück und zog mit zitternder Hand seine Taschenlampe hervor, schaltete sie ein und richtete den Lichtkegel auf das Antlitz des Wesens.
Da gefror ihm das Blut in den Adern.

Im Schein des künstlichen Lichts leuchteten die Augen der Kreatur grün, ihr Kopf war schwarz befellt und ihr offenes Maul ließ Reißzähne erkennen, die von einem Säbelzahntiger hätten stammen können. Gustavs Hand bebte so stark, dass das Licht der Lampe auch den Rest der Kreatur illuminierte. Sie war drei Meter hoch, hatte ein pechschwarzes Fell und Krallen, die jene eines Bären hätten sein können. Ein langer behaarter Schwanz an der Kehrseite und spitze Ohren an der vorderen rundeten das Bild ab, das Gustav Fiedler in dieser warmen Mainacht vor sich sah. Es war die Schnauze der Bestie, die ihn auf eine morbide Art und Weise faszinierte.

Wie das bei Hunden der Fall ist, hatte auch die Schnauze der Bestie zwei Löcher, doch, von unten betrachtet, kam es Gustav so vor, als ob die Nasenwände eine bestimmte Form aufnähmen, die er schon oft gesehen hatte. Als er ein Giebelkreuz erkannte, wusste er: Er stand dem Steirerwolf gegenüber.
Schnell entsicherte er sein Gewehr, richtete es auf den Brustkorb des Untiers und drückte ab. Das Projektil drang in den Körper des Biests ein, jedoch nicht in die Brust, sondern in die rechte der baumdicken Vorderpfoten. Es heulte auf, sprang seinen Peiniger an und biss in dessen Schulter. Augenblicklich fiel Gustav in Ohnmacht.

Als er am nächsten Morgen im Wald erwachte, entledigte er sich seiner Oberbekleidung und untersuchte die Stelle, an der der Steirerwolf ihn gebissen hatte. Die Wunde musste tief sein, denn er fühlte starke Schmerzen, doch blutete sie nicht mehr. Mühsam stand er auf und schleppte sich zum Hof zurück. Seine Ehefrau war gerade dabei, die beiden Katzen auf der Schwelle des Wohnhauses zu streicheln, als sie ihren Mann erblickte und die Wunde sah.
Sogleich fiel sie auf die Knie und flehte Gott um Gnade an. Ihr Mann erzählte ihr, was vorgefallen war, und zwar in allen Einzelheiten. Sie lief aus dem Raum und in das Schlafzimmer, wo sie sich auf das Bett fallen ließ und unablässig vom Steirerwolf stammelte.
Er wartete geduldig, bis sie sich wieder gefangen hatte, dann bat er sie, ihm die Sage von der Kreatur vorzulesen. Sie holte ein grünes Buch aus dem untersten Fach des Regals im Wohnzimmer. Auf dem Bucheinband erkannte er einen Apfel, dem ein Pentagramm eingezeichnet war. Dann las sie.

Als sie fertig war, wusste er, dass von nun an keine Halbmondnacht mehr so sein würde wie jene, die er bislang erlebt hatte. Aloisia verbot ihm, sich vor der Nacht der grünen Sichel, so wurde die Phase des Halbmondes im Buch genannt, in der Nähe des Hofes aufzuhalten. Er versprach, sich wenigstens an dieses Verbot zu halten. Die nächsten Tage verliefen ruhig für das Ehepaar Fiedler. Sie kümmerte sich um den Garten, er widmete sich der Lektüre von Büchern über Gestaltenwandler und besuchte seinen Onkel im Krankenhaus, der sich bei der Jagd versehentlich in die rechte Hand geschossen hatte.

Dann nahte Gustavs erste Nacht der grünen Sichel.
Er fühlte, dass sich etwas in seinem Körper veränderte. Er hörte besser als zuvor, selbst das Fiepen der Mäuse im ehemaligen Kuhstall konnte er vernehmen, obwohl er im viele Meter entfernten Wohnzimmer saß. Sein Bart wuchs schneller und dichter, und seine Nase und Augen nahmen Gerüche und Dinge in nie zuvor gerochener und gesehener Reinheit und Schärfe wahr.
Die bei Weitem intensivste Veränderung aber fand in seinem Innersten, seiner Seele, statt. Das Gefühl des Hasses auf seine Armut wuchs beständig, nie zuvor war ihm diese so grässlich erschienen wie nun. Also beschloss er, etwas dagegen zu unternehmen.

Als die Phase des Halbmondes einsetzte, warf Aloisia Fiedler ihren Mann aus dem Haus. Die Tage brachte er in einer baufälligen Holzhütte am Rande seines Grundstücks zu, in den Nächten marodierte er durch die Obstgärten der Nachbarn. Er ernährte sich von Mäusen und Ratten, selbst ein Steinkauz fiel ihm zum Opfer. Einmal wurde er von einem Nachbarn dabei beobachtet, wie er sich über eine Katze hermachte. Da sein Fell zu diesem Zeitpunkt noch kurz war, sodass er es unter seiner Kleidung verbergen konnte, glaubte der Nachbar, der obendrein schwer betrunken war, dass Gustav die Katze lediglich liebkosen würde.

Dann kam die Nacht, in der die grüne Sichel in voller Schärfe am Himmel hing.
Gustav Fiedler hatte schon den ganzen Tag über starke Schmerzen verspürt, dazu kam ein Ziehen in seinen Gliedern und starker Fellwuchs am ganzen Körper. Als die Nacht hereinbrach, begann die Stelle, an der er gebissen worden war, wie Feuer zu brennen, und er gab in einem fort knurrende Laute von sich.
Eine Stunde vor Mitternacht war es so weit. Als der Halbmond von den Wolken, die ihn zuvor verhangen hatten, freigegeben wurde, starrte er diesen aus leuchtenden grünen Augen, die zuvor braun gewesen waren, an und begann zu heulen.
Nachdem er sich unter beinahe unerträglichen Schmerzen in das Ebenbild der Kreatur, die ihn gebissen hatte, verwandelt hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem ersten Opfer.

Dieses war Josef Reinprecht, der reichste Bauer der Umgebung. Gustav stand vor dessen Haustüre und einen Tritt mit dem kräftigen Hinterlauf später in des Großbauern Vorraum. Mit schnellen Sprüngen brachte er die Treppe, die in den ersten Stock führte, hinter sich und stand neben Reinprechts Bett, aus welchem dieser sprang, sobald er des Wesens ansichtig wurde, das soeben mit einem kraftvollen Hieb seiner neben ihm schlafenden Ehefrau den Garaus gemacht hatte.
Um Gnade flehend stand er vor der Bestie, die Hose seines Schlafanzugs verfärbte sich, doch Gustav kannte kein Erbarmen. Er fuhr seinem Opfer mit der Pranke über den Hals, der sich sogleich öffnete. Aus der Wunde schoss Blut, und Josef Reinprecht sank zu Boden, um nur Augenblicke später zu verscheiden. Fiedler warf einen Blick auf die Armbanduhr des reichen Bauern, erkannte, dass sie aus Gold gefertigt war und nahm sie mitsamt dem Unterarm an sich, welchen er im Maul in den kleinen Wald trug.

Zufrieden mit sich und seiner Tat legte er sich auf den Boden, rollte sich ein und schlief bis zur Mittagszeit des nächsten Tages. Als er erwachte, war nichts mehr übrig vom Steirerwolf, er war wieder Gustav, der nackte Gustav Fiedler.
Er nahm die goldene Uhr von Reinprechts Arm und legte sie an. Sie passte. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Hof. Er begrüßte Aloisia, die eben aufgestanden war und ihn mit argwöhnischen Blicken bedachte. Sie bemerkte, dass er einen teuren Zeitmesser trug und fragte nach dessen Herkunft. Gustav sagte ihr die Wahrheit, worauf sie sogleich ein Gebet für die Seele der Opfer ihres Mannes sprach. Hernach stellte sie fest, dass dieser der Welt einen Gefallen erwiesen hätte, denn der Großbauer wäre fürwahr kein großes Licht auf dem Kronleuchter der Gottesfurcht gewesen.
Nach dem Mittagessen fuhr Gustav mit dem Zug nach Graz, wo er die Uhr versetzte. Von dem Geld kaufte er einen Ring und ein Kleid für seine Frau, und für sich selbst einen Anzug und ein Paar Schuhe. Den Rest brachte er nach Hause und legte ihn in eine alte metallene Handkasse, die viele Jahre lang leer im Keller gestanden hatte.

Gustav und Aloisia Fiedler führten wieder ihr gewohntes kleines Leben, jedoch im Wissen, dass sie eine kleine Summe Bargeld im Haus hatten, über die sie verfügen konnten. Er dachte über den Ankauf einer neuen Jagdwaffe nach, doch da seine Frau beim nächsten Kirchgang endlich eine größere Summe in den Klingelbeutel werfen wollte, begrub er diesen Wunsch vorerst.

Der Zufall wollte es, dass der alte, mit Holz beheizte Ofen in der Küche den Geist aufgab und Ersatz angeschafft werden musste, und das eine Woche vor dem nächsten Halbmond. Da der Hafner eine Unsumme für die Errichtung eines neuen Ofens veranschlagt hatte, von dem Geld für die Uhr aber nicht mehr viel übrig war, teilte Gustav seiner Frau mit, dass sie ein paar Tage von Rohkost würde leben müssen, doch bald würde ein neuer Ofen ihre Küche zieren. Dann musste er den Hof verlassen.

Im Dorf war der Tod Josef Reinprechts kein allzu großes Thema, schließlich war er vielen Menschen verhasst gewesen, vor allem denjenigen, die Schulden bei ihm gehabt hatten. Die Polizei untersuchte sein Ende und schloss den Bericht mit der Vermutung, dass es sich um Raubmord gehandelt hätte, denn es fehlte die Uhr, mit der der reiche Bauer gerne und oft im Wirtshaus geprahlt hatte.

Nachdem Gustav nicht einmal befragt worden war, fühlte er sich sicher.
Wieder durchstreifte er die Gärten, zwei Katzen waren ihm Nahrung für drei Tage, einen Kater, den er gefangen hatte, ließ er wieder frei. Sein feiner Geruchssinn sagte ihm, dass das Fleisch des Tieres nahe der Grenze zur Ungenießbarkeit angesiedelt war. Einen Tag vor seiner Verwandlung fasste Gustav nicht nur den Plan, den Direktor der örtlichen Bank seines Lebens zu berauben, sondern auch sein Geldhaus um eine erkleckliche Summe zu erleichtern, denn ein neuer Küchenofen stellte eine finanzielle Herausforderung dar.

Zufrieden mit sich und seinem Plan, brachte er es nicht übers Herz, ein Rehkitz, das nur zwei Meter vor ihm über den Weg lief, zu töten und aufzufressen. Stattdessen suchte er nach der Mutter des Rehleins. Er fand sie im Unterholz, tot, aber noch warm. Ihr Fell war blutverkrustet, und als er den Körper des Tieres näher betrachtete, entdeckte er zwei Einschusslöcher im Bauchbereich, jedoch keine Austrittslöcher auf der anderen Seite des Bauches. Der Jäger, der zweimal auf das Reh angelegt hatte, musste dies mit einer kleinkalibrigen Waffe gemacht haben und bescherte dem Tier dadurch tagelanges Leid. Gustav riss den Kadaver mit bloßen Pranken auf und fraß die Leber, das Herz und beide hinteren Oberschenkel, denn er brauchte Kraft für seine bevorstehende Verwandlung.

In dieser Nacht verwandelte sich Gustav Fiedler zum zweiten Mal.
Er schlich ein paarmal um das weitläufige Anwesen des Bankdirektors, erkannte, dass dieser alleine war und sich ein Fußballspiel im Fernsehen ansah und brach durch die Türe aus Sicherheitsglas, die das Wohnzimmer vom Garten trennte. Walter Pichlbauer, so hieß Fiedlers drittes Opfer, fiel vor Schreck aus seinem Fernsehsessel. Er rappelte sich auf, drehte sich um und blickte in Gustavs leuchtend grüne Augen. Wieder fiel er vor Schreck, dieses Mal in Ohnmacht. Sein Mordtrieb sagte dem Biest, dass es die Sache rasch zu Ende bringen sollte, doch da der immer noch im Wolf steckende Mensch auf Bargeld aus war, wartete er erst einmal ab.
Als Pichlbauer wieder erwachte, stand Gustav zwei Meter von ihm entfernt in einer Ecke des Raumes. Der Direktor starrte fassungslos auf die Kreatur, dann rang er sich einige wenige Worte ab, um am Leben gelassen zu werden. Der Wolf näherte sich ihm mit langsamen Schritten, und als Walter die Nasenwände der Bestie sah und das Firmenzeichen seiner Bank oberhalb der gierigen Zähne erkannte, da fiel er auf die Knie und betete den Steirerwolf mit der Giebelkreuzschnauze an. Dieser ließ sich davon nicht beeindrucken und packte Pichlbauer mit den Zähnen im Genick und hob ihn hoch.
Mit langen schnellen Sätzen brachte er den Direktor zur Bank und zwang ihn, den Sicherheitscode der Türe einzutippen, indem er mit der Vorderpranke auf das kleine Tastenfeld neben dem Eingang wies und dabei bedrohlich knurrte. Die Türe öffnete sich, und Gustav warf Walter in den Kassenraum. Mit einem Satz war er wieder bei ihm, hob ihn erneut hoch und ließ ihn vor der Türe des Tresorraumes fallen.

Am nächsten Tag machten Gerüchte die Runde im Dorf. Gustav Fiedler wurden diese am Vormittag am Tresen des örtlichen Gasthauses zugetragen. Demnach hatte Walter Pichlbauer vermutlich seine private Schatulle auffüllen wollen. Ansonsten hätte er sich wohl kaum mitten in der Nacht Zutritt zum Safe seiner Bank verschafft. Dort, im begehbaren Tresor, war er nämlich aufgefunden worden. Es war wohl ein riesiger Keiler, der ihn derart zugerichtet hatte. Man fand Haare auf dem Boden, lange schwarze Grannen, wie von einem Wildschwein. Was es dort zu suchen hatte, konnte jedoch niemand erklären. Pichlbauers Leib war von tiefen Wunden übersät, wie von Hauern verursacht. Die Überwachungskamera hatte den Keiler unscharf gefilmt, und die Polizei wollte noch einen erfahrenen Jäger hinzuziehen. Sie war sich nämlich nicht sicher, ob das Ungetüm auf dem Video tatsächlich ein Wildschwein war.

Die Angelegenheit verlief im Sande, wenigstens behördlich, doch nachdem es auch den Besitzer des Sägewerks erwischt hatte, machte sich allmählich Angst unter den Reichen des Dorfes breit.
Kurt Haas hatte er geheißen und hatte grässlich geendet. Er wurde vor seinem Sägewerk gefunden, am Morgen nach der Nacht der grünen Sichel. Die Arme und Beine waren ihm herausgerissen worden, wie auch der Tresor in seinem Büro. Offenbar war der Geldschrank etliche Male zu Boden geschleudert worden, bevor er nach- und das Geld darin freigegeben hatte.
Gustav hatte keine Angst, und bald auch keine Geldsorgen mehr. Er stellte seinen Reichtum nicht zur Schau, kaufte bloß zwei Kühe und drei Hennen. Im Wohnhaus beließ er alles so, wie er es jahrzehntelang gekannt hatte, erneuerte lediglich den Fernseher und das Sofa. Aloisia stiftete der Dorfkirche eine neue Orgel, dies jedoch mit der strengen Auflage, dass niemand den Namen der Stifterin erfahren durfte.

Mit der Zeit wurden Gustav die schmerzhaften Verwandlungen zu kräftezehrend, also beschloss er, dass noch ein letztes Opfer dran glauben musste. In der darauffolgenden Nacht der grünen Sichel würde er einen unbescholtenen Mann in die Schulter beißen, dadurch den Steirerwolf übertragen und dann wäre er frei. So stand es im Buch seiner Ehefrau. Und er wäre nicht bloß frei, sondern auch reich.
Seitdem er der Steirerwolf war, hatte sich Gustav Fiedlers Blick auf das Geld nämlich geändert. Hatte er vor seiner Wolfwerdung mit verachtenswertem Begehren auf Geld geblickt, so tat er dies nunmehr mit begehrlicher Verachtung.

Sein letztes Opfer war Josefa Bohnstingl, die Besitzerin der größten Sattlerei im Umkreis von sechzig Kilometern. Sie führte den Betrieb in der achten Generation und war für ihren Geiz, somit auch für dementsprechenden Reichtum, bekannt. Gustav suchte sie auf und musste erkennen, dass nicht nur Aloisia und er von der Existenz des Steirerwolfs wussten. Die alte Frau empfing ihn in ihrem Bett, eine Schrotflinte hatte sie im Anschlag und drückte ohne Vorwarnung ab. Ein Schrotkorn streifte sein linkes Ohr, ansonsten blieb er unverletzt. Nach einer Schrecksekunde knurrte er böse und sprang zu ihr ins Himmelbett, dessen weiße Laken sich binnen Sekunden rot färbten. Im Keller fand er eine Truhe, voll mit Münzen aus Gold und Silber, und trug diese im Maul in das Wäldchen. Mühsam schleppte er am Morgen nach seiner letzten Untat als Steirerwolf den Schatz zu seinem Haus und teilte Aloisia mit, dass er in der nächsten Nacht der grünen Sichel das Wesen des Wolfs weitergeben würde. Sie umarmte ihn und fragte, an wen er es denn weitergeben würde.
Er wüsste es noch nicht, log er.

Gustav Fiedlers letzte Nacht der grünen Sichel war angebrochen. In den Tagen davor hatte er sich von Fasanen und Rebhühnern ernährt, ein Hundewelpe wurde ihm ebenso zur Nahrung wie ein Wellensittich und ein Kalb, denn er hatte sich vorgenommen, gut genährt in diese Nacht zu gehen.
Kurz vor Mitternacht, die Verwandlung war längst vollzogen, läutete die Glocke der Dorfkirche. Johannes Zirngast, der Pfarrer, schrak aus seinen Träumen auf und lief in sein Bethaus, um zu sehen, was vor sich ging. Dort sah er sogleich den mächtigen Steirerwolf, der von der Kanzel herab abwechselnd heulte und knurrte. Zirngast reckte seine Arme gen Himmel, doch Gott war in dieser Nacht nicht anwesend. Der Wolf sprang, riss den Gottesmann zu Boden und vergrub seine Zähne in dessen Schulter. Dann lief er aus der Kirche.

Aloisia und Gustav Fiedler lebten noch zwölf Jahre lang ein bescheidenes, jedoch nicht armes Leben, bis sie im selben Monat friedlich einschliefen.
Ihr Geld vermachten sie der Dorfkirche, die eine hohe Mauer um das Wohnhaus des Pfarrers errichten ließ, die nach dessen Tod wieder abgetragen wurde.

Michael Timoschek

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Greta und Hans

Hans und Greta wuchsen in einem kleinen, von dichten Wäldern umgebenen Dorf auf. Ihre Familien lebten auf benachbarten Höfen, auf welchen sie Vieh züchteten. Sie waren rechtschaffene Leute, die mit allen Menschen im Dorf gut auskamen. Dies war auch notwendig, denn ihr Dorf war so abgelegen, dass nur selten ein Fremder dorthin gelangte. Zwistigkeiten oder gar Streit galt es also zu vermeiden.
Sie wuchsen gemeinsam auf, saßen im einzigen Klassenzimmer der Volksschule nebeneinander und verbrachten auch ihre Freizeit zusammen. Nach der letzten Klasse folgten sie dem Wunsch ihrer Familien und blieben auf den Gehöften ihrer Eltern, um alles Wissenswerte für das Leben als Bauer und Bäuerin zu erlernen.
Sie waren zufrieden und freuten sich auf die Zukunft, die vor ihnen lag und die mit jedem Tag rosiger zu werden schien. Bald trafen sie sich nämlich nicht mehr bloß, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, sondern weil in ihnen das Verlangen wuchs, den anderen Menschen zu sehen und ihm nahe zu sein. Sie hatten zarte Bande zueinander geknüpft und nach dem ersten Kuss im Alter von sechzehn Jahren waren sie sich sicher, dass sie einander liebten.

Umso tragischer war das, was ihnen widerfahren sollte.
Zwei Wochen nach dem ersten Kuss verschwand Hans. Das ganze Dorf suchte nach ihm, doch ohne Erfolg. Greta ging von Haus zu Haus und fragte jeden Ortsansässigen, ob er ihren Freund gesehen hätte, doch die Antwort war stets die selbe: “Nein, Greta. Tut mir leid.”
Ihr fiel auf, dass seine Familie sein Verschwinden weit weniger tragisch nahm als sie selbst es tat. Seine Eltern waren ihr gegenüber reserviert, sagten bloß: “Wir wissen doch auch nicht, wo er ist. Mach dir nichts draus – du wirst einen neuen Freund finden.”
Erst konnte sich Greta keinen Reim auf diese Gefühlskälte machen; als die Großmutter ihres Freundes sie jedoch an der Hand in ihr Häuschen zog und aufklärte, begann sie zu verstehen.

“Es scheint, dass es an der Zeit ist, dich einzuweihen”, begann die Alte ohne Umschweife. “Hans ist weg und er wird es bleiben.”
“Aber-”, stotterte Greta, den Tränen nahe. “Warum?”
“Auf unserer Familie lastet ein uralter Fluch. Aus jeder Generation befällt er ein Kind. Vor Hans war der jüngere Bruder seines Vaters an der Reihe.” Sie räusperte sich und sagte mit tonloser Stimme: “Er wurde nie wieder gesehen. Vor zwei Wochen war der Mond voll, da hat er Hans zu dem gemacht, was er jetzt ist.”
“Was ist er jetzt?”, rief Greta.
Die Alte ging nicht auf die Frage ein. Sie sah das Mädchen mit düsterem Blick an und meinte: “Was, glaubst du, ist der Grund, dass es in den Wäldern so gut wie kein Wild mehr gibt?”
“Sie wollen mir doch nicht etwa weismachen, dass Hans als Einsiedler im Wald lebt und sich von Rehen und Wildschweinen ernährt!”
“Ein Einsiedler ist ein Mensch, Greta. Hans ist keiner mehr.”
Greta sprang auf.
“Das kann ich nicht glauben!”, rief sie und eilte zur Türe.
“Es ist nicht wichtig, was du glaubst, mein Kind. Halte dich bloß vom Wald fern!”

Greta dachte nicht daran, dies zu tun. Obwohl die Dämmerung hereinbrach, lief sie tief in den dunklen Wald und rief nach Hans.
Es war still im Wald. Kein Vogel gab einen Laut von sich, das Geräusch der Blätter der Bäume, die vom Wind bewegt wurden, war das einzige, das an Gretas Ohren drang.
Plötzlich hörte sie Zweige brechen. Etwas kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Instinktiv suchte sie hinter dem Stamm einer alten Buche Schutz, doch Hans hatte sie bereits gesehen.
Er blieb zwei Meter vor ihr stehen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Greta hatte Angst, doch ging sie zu ihm, umarmte ihn – und machte einen Satz nach hinten.
Es war zum einen der Geruch, den er verströmte, er roch wie ein nasser Hund, zum anderen hatte sie sein zerrissenes Hemd bemerkt, unter dessen Fetzen tiefe Wunden auf seiner Brust zu sehen waren, die von mächtigen Klauen herzurühren schienen.
“Hans, was ist mit dir geschehen?”, rief sie entsetzt.
Er gab einige undefinierbare Laute von sich, und sie zog, um ihn besser verstehen zu können, seine Hände von seinem Gesicht. Es war kreidebleich, die Wangen waren eingefallen und seine Kiefer waren verformt, als wären sie gewachsen und wieder geschrumpft. Greta erschrak erst, doch als sie in seine Augen blickte, wurde sie von Panik ergriffen.
Seine Augen hatten zwar noch die selbe grüne Farbe, die sie so geliebt hatte, doch lag nichts Menschliches mehr in ihnen.
“Mein Gott, Hans!”, stammelte sie, doch Gott hatte diesen Wald längst verlassen.
Er sah sie an und knurrte mehr als dass er sprach: “Nun – Wolf.”
Greta lief so schnell sie konnte aus dem Wald, sperrte sich in ihrem Zimmer ein und zog die Bettdecke über ihren Kopf.

Etwas Unmenschliches hatte von Hans Besitz ergriffen, und Greta wusste das.
“Hans ist verflucht”, sagte seine Großmutter, als Greta ihr am nächsten Vormittag von der Begegnung im Wald erzählte. Sie packte Gretas Hand und rief: “Du darfst nie wieder in den Wald gehen, hörst du! Er würde dich in Stücke reißen, so wie es mein Sohn bei seinem-” Sie stockte, doch Greta wusste, was sie sagen wollte.
“Gibt es denn keine Erlösung von diesem Fluch?”, fragte sie verzweifelt.
Die Alte legte ihre Stirn in Falten und zögerte ihre Antwort hinaus.
“Nun?”, fragte das Mädchen ungeduldig.
“Es gibt eine Möglichkeit, doch ist sie sehr gefährlich für den Menschen, der den Verfluchten retten möchte.”
“Welche?”
“Man muss sich der Bestie bei Vollmond bis auf einen Meter nähern und ihr einen Pflock mit silberner Spitze ins Herz stoßen.”
“Nein!”, rief Greta entsetzt.
“Doch, mein Kind. Dies ist die einzige Möglichkeit, Hans zu befreien.”
“Was geschieht dann mit ihm?”
“Er nimmt seine menschliche Gestalt wieder an und kann beerdigt werden. Damit ist der Fluch für alle Zeit aufgehoben.”
Greta schluchzte.
“Das werde ich niemals machen!”
“Das weiß ich doch, Greta”, sagte die Alte mit listigem Blick. “Es wäre aber das Beste, sowohl für dich als auch für Hans. Er würde seinen Frieden finden, und du müsstest nicht den Rest deines Lebens an den Wolf denken, den du nicht erlöst hast.”
Sie zog einen Pflock unter dem Tisch hervor.
“Mein Mann hat ihn für unseren Sohn angefertigt, aber-”, ihr versagte die Stimme.
“Was ist geschehen?”, fragte Greta leise.
“Man fand den Pflock neben der grausam zugerichteten Leiche meines Mannes.”
“Sollte ich mich dazu durchringen können, Hans zu erlösen -”
“Ja?” Die Alte war plötzlich hellwach.
“Was, wenn die Sache danebengeht?”
“In diesem Fall kannst du bloß zu Gott beten, dass Hans dich tötet.”
“Wie bitte?”
“Keine Angst, du wirst nicht lange leiden, glaub mir.”
“Und wenn er mich nicht tötet, sondern bloß verletzt?”
“Dann wirst du eine Bestie werden, so wie er.”
Greta dachte einige Minuten lang nach, dann streckte sie ihren Arm aus und sagte: “Den Pflock, bitte.”
“Das ist die richtige Entscheidung, mein Kind”, sagte die Greisin und küsste Greta auf die Stirn.
Greta ging nach Hause und versteckte den Pflock.

Als es dunkel wurde, ging sie in den Wald zu der Stelle, an der sie Hans am Vortag getroffen hatte und rief nach ihm.
Wieder hörte sie das rasch näherkommende Brechen von Zweigen, doch hielt die Bestie in einigem Abstand inne. Sie konnte Hans nicht sehen, hörte bloß sein kehliges Knurren, das ihr jedoch keine Furcht einflößte.
“Hans, ich habe mit deiner Großmutter gesprochen”, rief sie.
Knurren war seine Antwort.
“Ich weiß nun einen Weg, wie du deinen Frieden finden kannst.”
Er gab keinen Laut von sich.
“Ich komme zu dir, wenn der Mond voll ist. Hier, an dieser Stelle, treffen wir uns.”
Hans knurrte zweimal, was Greta als Zustimmung wertete.

Die folgenden Tage bis zum nächsten Vollmond verbrachte Greta in großer innerlicher Aufregung. Sie dachte unablässig an Hans und ihre gemeinsam verbrachten Tage, und schließlich entschloss sie sich, das zu tun, was ihrem Freund Glück bringen würde.
Ihrer Familie konnte sie natürlich nichts davon erzählen, ebensowenig wie anderen Menschen aus dem Dorf. Sprachen ihre Eltern von Hans, so gab sie sich reserviert und sagte, dass er wohl in einem anderen Dorf sein Glück gefunden hätte.
Sie verrichtete die ihr zugewiesenen Tätigkeiten auf dem Hof gewissenhaft, jedoch ohne mit dem Herzen bei der Sache zu sein.

Am Tag des Vollmondes besuchte sie die Großmutter ihres Freundes.
“Ich habe den Pflock gut versteckt. Heute Nacht werde ich ihn holen und in den Wald gehen.”
Die Alte strahlte vor Freude.
“Du musst aber achtgeben, Greta! Hans ist nicht mehr der, den du gekannt hast. Bei der ersten Gelegenheit wird er dich anfallen, und dann ist es um dich geschehen!”
“Das weiß ich.”
“Ich wünsche dir alles Gute, mein Kind.”
“Danke”, seufzte Greta und verließ das Häuschen.

Um Mitternacht rief Greta nach Hans. Sie wartete auf das Brechen von Zweigen auf dem Waldboden, doch der Wald blieb still. Eine Wolke gab den Mond frei, da hörte sie Zweige brechen, nur wenige Meter hinter sich. Sie wandte sich, den Pflock in der Hand, um und erblickte den größten Wolf, den sie je gesehen hatte.
Die Augen, aus welchen Hans sie anstarrte, ließen sie frösteln. Es lag nichts Menschliches mehr in ihnen, sie waren schwarz, so schwarz wie das Fell der Bestie. Der Wolf knurrte, dann öffnete er sein mit riesigen Reißzähnen bewehrtes Maul und ließ ein ohrenbetäubendes Geheul ertönen.
Greta stand vor dem Biest, hielt diesem die silberne Spitze vor die Schnauze und sagte mit fester Stimme: “Dieser Pflock könnte dich töten.”
Der Wolf knurrte.
“Doch das wird er nicht tun”, fuhr sie fort und schleuderte die Waffe von sich.
Hans sah dem im Mondschein davonfliegenden Silber nach und hörte auf zu knurren.
Das Mädchen setzte sich auf den Boden und sah zum Wolf auf.
“Du kannst mich töten, Hans”, sagte Greta mit ruhiger Stimme, in der keine Furcht lag. “Du kannst mich jedoch auch zu deiner Gefährtin machen.”
Der Werwolf reagierte nicht.
Greta entblößte ihre rechte Schulter und hauchte: “Beiß mich, aber sei vorsichtig!”
Als Hans seine Zähne im Fleisch seiner Freundin vergrub, fiel diese in eine tiefe Ohnmacht.

Nach drei Tagen erwachte sie orientierungslos in einer Höhle. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, doch ihr Geruchssinn funktionierte einwandfrei. Unsicher ging sie durch die Höhle, die erfüllt war vom Geruch der unzähligen Skelette von Rehen und Wildschweinen, die überall herumlagen.
Ein schwacher Lichtschein wies ihr den Weg nach draußen. Vor der Höhle setzte sie sich auf den Boden und atmete die klare Morgenluft tief ein. Dabei stieg ihr ihr eigener Geruch in die Nase. Sie roch wie ein nasser Hund.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 16133

Der Froschküsser

Ich, Igor Kushkurow, wurde heute von einem Tier angefallen.
Von meiner Mutter zu dieser Tätigkeit verdonnert, reinigte ich den Skimmer des riesigen Schwimmteiches meiner Familie. Meine Familie ist reich, also hat der Teich solche Dimensionen, dass mein Vater, Vladimir Kushkurow, ohne Weiteres einen Schwarzrussischen Adlerwal darin halten könnte und anzunehmenderweise auch würde, hätte er die Zeit, sich der Erziehung dieses Wesens zu widmen. Ein Adlerwal ist nämlich ein überaus störrisches Tier, das gut abgerichtet werden muss, damit es davon absieht, sich aus dem Wasser in die Lüfte zu erheben und unter der schwarzrussischen Bevölkerung grässlich zu marodieren.

Mein Vater Vladimir ist ein vielbeschäftigter Mann. Als oberster Kontrolleur der Ausfuhr von Schwarzrussischen Diamantrosinen hat er es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Der Export von Diamantrosinen ist in meiner schönen Heimat dem Staat vorbehalten, wie auch der von Schwarzrussischen Eulenhamstern, welcher ebenfalls von meinem Vater überwacht wird. Eulenhamster sind nachtaktive Nagetiere mit vier Zahnreihen. Sie geraten schnell in Harnisch, was angesichts ihres Lebendgewichts von acht Kilogramm für Menschen letal ausgehen kann. Für ihre bevorzugten Beutetiere, Schwarzrussische Kuheulen, harmlose Flugkreaturen, die sich von Gras ernähren, das sie wiederkäuen, enden Begegnungen mit den Hamstern stets tödlich.

Da mein Vater die Ausfuhr dieser beiden überaus seltenen und aus diesem Grund höchst wertvollen Güter kontrolliert, darf es nicht verwundern, dass er steinreich ist. Meine Familie lebt in einem Palast, der in der Nähe des Zentrums der schwarzrussischen Hauptstadt gelegen ist. Das Haupthaus ist zwar dem französischen Schloss Versailles nachempfunden, doch ist es dreimal so groß. In dieser bescheidenen Behausung lebe ich mit meinen Eltern und meiner Großmutter. Meine Mutter ist, das darf ich so sagen, meine beste Freundin, und ihre Mutter meine zweitbeste. Als Einzelkind hatte ich das große Glück, die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser beiden Frauen zu erhalten.

Als ich einmal schlecht in der Schule war, verbannte mich meine Mutter für ganze drei Wochen in mein Lernzimmer. Meine Noten besserten sich zwar nicht, doch fiel meiner Großmutter auf, dass ich jedes Mal, wenn ich das Zimmer verließ, dies lächelnd und mit gelöstem Gesichtsausdruck machte. Eines Tages durchsuchte sie das Zimmer und fand meinen Schatz. Sie übermalte in allen vierundneunzig Zeitschriften die deutlich sichtbaren und oft in Nahaufnahme abgelichteten Geschlechtsteile der Frauen mit schwarzer Tinte bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz, doch sah sie davon ab, die Teile der abgebildeten Männer ebenfalls zu übermalen.
Schlagartig besserten sich meine Noten, und ich wurde an der Staatlichen Schwarzrussischen Kunstakademie als Student zugelassen.

Erst studierte ich Film, denn ich hatte den Plan, ein großer Regisseur zu werden. Da ich mich schon immer für das Thema Paarung interessierte, reichte ich ein Filmprojekt für die Jahrespräsentation ein, welches die Paarung eines Schwarzrussischen Raupenebers mit einem Exemplar der Gattung Schwarzrussischer Seidenrammler allen Professoren und Studenten anschaulich machen sollte. Erst ging alles gut, doch als der Rammler den Spieß umdrehte und den Eber zu begatten begann, wobei er ebenso rüde wie stellungskreativ ans Werk ging, hielt ich auch diese Szene mit der Kamera fest. Ich hatte irrtümlich zwei männliche Exemplare zusammengebracht, doch maß ich diesem Umstand keine große Bedeutung bei. Mein Professor dafür umso mehr, denn als der zweite Teil meines Films im großen Filmsaal der Akademie über die Leinwand flimmerte, begann der Lehrer zu brüllen und warf mich aus seinem Studiengang.
Ein großzügiges Entschuldigungsschreiben meiner Mutter ließ den Rektor der Hochschule erkennen, dass meine wahre Berufung in der Malerei und Bildhauerei lag, und so wurde ich bildender Künstler.

Mit meinem neuen Professor überwarf ich mich bald, da er meine überragende künstlerische Begabung nicht erkennen konnte, und sie folglich auch nicht zu würdigen wusste.
Meine Mutter erlaubte mir daraufhin, in einem Nebentrakt unseres Zuhauses ein geräumiges Atelier einzurichten und stattete mich dankenswerterweise mit etwas Geld aus. Meine Großmutter wollte mich ebenfalls unterstützen und beauftragte mich, sie in Öl zu porträtieren. Tagelang beobachtete ich sie, dann hatte ich das perfekte Sujet für eine realistische Darstellung der alten Frau.

Der Zufall wollte es, dass ich mein Gemälde an dem Tag vollendete, an dem ein Ball im Wohnsaal meiner Familie stattfand. Alle wichtigen Menschen Schwarzrusslands waren anwesend, als mein Vater mich auf die Bühne holte und mich als großen Künstler vorstellte. Dann bat er meine Großmutter, das Bild, das außer mir niemand zu Gesicht bekommen hatte, zu enthüllen. Mir war zwar etwas mulmig zumute, doch da ich ein großer Künstler war, hielt ich dieses Gefühl für die Angst vor dem großen Erfolg. Meine Großmutter zog das schwarze Tuch vom Bild und fiel in Ohnmacht. Mein Vater wurde puterrot und bald übertönte sein Gebrüll das durch die Menge gehende Raunen. Meine Gemälde zeigte meine Großmutter im Badezimmer, und zwar mit allen Attributen einer nackten sechsundachtzigjährigen Frau vor dem Spiegel. Auf dem Rand ihres goldenen Waschbeckens lag ihr schneeweißes Gebiss, daneben stand eine soeben geleerte Flasche Schnaps. Ihr zahnloser Mund formulierte einige höchst unflätige Worte, welche ich mit dem schönen Stilmittel der Sprechblase anschaulich gemacht hatte.
Drei Wochen nach diesem künstlerischen Eklat, der es bis ins Staatliche Schwarzrussische Fernsehen geschafft hatte, sprach meine Mutter wieder mit mir und erklärte meine große Karriere als Maler für beendet. Sie wies mich an, Bildhauer zu werden.

Ich besorgte mir einen riesigen Block Marmor und machte mich an die Arbeit. Ich hämmerte, meißelte, schabte und am Ende polierte ich. Dann orderte ich einen Kran, der mein Kunstwerk aufrichten sollte. Meine Eltern waren mit meiner Großmutter auf Urlaub, und am Tag ihrer Rückkehr stand mein fünfzehn Meter hohes Meisterwerk auf dem Rasen vor unserem Palast. Die schwarze Limousine meines Vaters fuhr vor. Er sprang aus dem Fond, blickte auf mein Werk, rieb sich die Augen, blickte ein weiteres Mal auf die Skulptur, dann begann er zu brüllen. Dass ich nicht ganz dicht wäre, hätte er geahnt, aber nun hätte er den Beweis für meine völlige Verrücktheit und Infantilität. Dann lief er in den Palast.

Meine Mutter und meine Großmutter betrachteten mein Werk und konnten nicht verstehen, warum mein Vater so böse geworden war. Also schlenderten sie zu einem Hügel auf unserem schönen Anwesen, wo meine Großmutter in Ohnmacht fiel. Meine Mutter betrachtete mein Werk erst verständnislos, doch bald erkannte sie, was sich da vor ihrer bescheidenen Bleibe entphallte. Sie lief zu mir und machte mir schwere Vorhaltungen. Ich hätte meine Familie in der ganzen Stadt unmöglich gemacht, schrie sie. In diesem Augenblick fuhr die Karosse des Vizeministers für die moralische Ordnung in Schwarzrussland vor, und der hohe Politiker bezeichnete mich als schlimmen Finger. Ich protestierte lautstark, pochte auf die Freiheit der Kunst, doch es half nichts. Mein mächtiger Phallus wurde von einem rasch angeforderten Kran zum Liegen gebracht, noch bevor ich eine Wasserleitung zu meinem Kunstwerk hatte legen können. Ich hatte nämlich vorgehabt, Wasser in meinem Meisterwerk hochzupumpen, sodass eine Fontäne aus dessen Spitze geschossen wäre.

Nach diesem Vorfall wurde ich von meiner Mutter zum Hausmeister ohne künstlerischen Aufgabenbereich ernannt.
Ich bin für die Instandhaltung unseres Palastes zuständig. Ich sauge, schraube, kehre, bohre, poliere und wische feucht auf. Darüber hinaus darf ich mich um den imposanten Fuhrpark meines Vaters kümmern. Außerdem obliegt mir die ehrenhafte Aufgabe, den Skimmer des Schwimmteiches zu reinigen, und das dreimal täglich.
Heute befand sich nicht bloß Schlamm im Sieb, sondern eine Kreatur von einiger Hässlichkeit und Gefährlichkeit, nämlich ein Schwarzrussischer Kleinkarierter Habichtsfrosch. Sofort war ich mir der Gefahr bewusst, in der ich schwebte. Habichtsfrösche haben überaus scharfe Schnäbel, und ihre Zehen sind mit Krallen bewehrt, die einem Menschen schwere Verletzungen zufügen können.
Ich lief in die am Teich gelegene Badevilla meiner Mutter und holte ein Paar Handschuhe aus dem Leder einer Schwarzrussischen Steppenbergziege, welches sich durch ein hohes Maß an Robustheit auszeichnet.

So ausgerüstet, hob ich das Sieb aus der Halterung und fing den drei Kilogramm schweren adulten Habichtsfrosch ein. Da die Kreatur helle Federn auf ihren Antriebsflügeln hatte, wusste ich, dass es sich um ein weibliches Exemplar handelte. Es sah mich aus großen Augen an, dann begann es abwechselnd zu quaken und zu kreischen. Ich war unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte, also hielt ich den Frosch so, dass er mich nicht verletzen konnte, und küsste ihn in der Hoffnung, dass er sich in eine schöne Frau verwandeln würde.

Plötzlich ertönte hinter mir ohrenbetäubendes Gebrüll. Ich wandte mich um und sah meinen Vater, der den Kuss offensichtlich beobachtet hatte. Mein Erzeuger stattete mich mit dem Wissen aus, dass es sich bei mir um einen gleichermaßen postpubertären wie präsenilen Tagedieb handelte, der der völligen Übergeschnapptheit anheimgefallen wäre.
Der Frosch, der die Tirade mithören hatte müssen, blickte mich mitleidig an. Ich küsste ihn ein zweites Mal und ließ ihn sanft ins Wasser zurückgleiten. Mein Vater offerierte gerade, mir schon noch Manieren beizubringen, da begann das Wasser des Teiches zu brodeln, und eine wunderschöne nackte Frau entstieg dem Nass. Sie kam auf mich zu, küsste mich und führte mich an der Hand in mein Schlafgemach, wo sie sich auf eine Art und Weise gerierte, dass ich fürchte, meine Großmutter würde auf der Stelle das Zeitliche segnen, erführe sie von diesen Unmanierlichkeiten.

Seit heute bin ich also in einer Beziehung. Meine Freundin ist, das darf ich kundtun, ein sehr ehrlicher und direkter Mensch. Wenn sie mir etwas mitteilen möchte, dann quakt sie, und wenn ihr etwas missfällt, kreischt sie.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16101

Von meinen Wundervölkchen

Bist du auch einer dieser Leute, die einem Kind nicht glauben wollen, nur weil es ein Kind ist? Wenn dem so ist, brauchst du dir meine Geschichte gar nicht anzuhören, denn ich bin erst dreizehn – und für die meisten Leute bedeutet das: ein Kind. Aber solltest du wiederum jenen anderen angehören – ich meine damit diese, die sich zumindest nicht abwenden, wenn ein Kind spricht, wenn es versucht, etwas ihm Wichtiges, etwas, das ihm tief im Herzen liegt, mitzuteilen – wenn du einer von diesen Leuten bist, möchte ich dir von meinem Geheimnis erzählen …

„Wer nicht lesen kann, muss alles glauben, was einem gesagt wird“, hatten meine Eltern immer gesagt, als ich dasselbe gerade in der Schule lernte – eines der einzigen Dinge, in denen sie sich einig waren. Heute streiten sie nur mehr, stehen kurz vor der Scheidung, aber davon möchte ich gar nicht erzählen …

Jedenfalls hatte ich darum begonnen zu schreiben.

Auch außerhalb der Schule: „Was für Kinder in meinem Alter nicht so selbstverständlich war“, hatte unsere alte Nachbarin, Oma Socke – sie war nicht tatsächlich meine Oma, aber ich hatte es mir als Kleinkind angeeignet, sie so zu rufen –, einmal gemeint und mich angelächelt. Mittlerweile muss ich gestehen, dass mir der Name „Socke“ etwas peinlich ist – aber Oma Socke ist einfach Oma Socke: „… und daran wird sich so schnell auch nichts ändern“, hatte sie ein anderes Mal geäußert. – Ja ich schrieb, und ich schrieb viel. Über dies und das, manchmal über jenes, oft auch über etwas anderes.

Eines jedoch hatten meine Geschichten immer gemein – sie waren alle wahr.

Hörst du? Das ist wichtig, um alles Folgende zu verstehen – sie waren alle wahr!

Eines Abends also – es ist noch nicht so lange her – saß ich in meinem Zimmer auf dem Bett und erträumte mir neue Geschichten, wie ich es oft an den Freitagen zu später Stunde zu tun pflegte, da ich am nächsten Tag keine Schule hatte. Sie handelten von Elfen, Drachen, Baumwesen, Feen und vielen weiteren sonderlichen Gestalten, die zusammen die tollsten Abenteuer erlebten, Flüsse durchquerten, Gebirge überwanden, Burgen eroberten – und das alles in meinem Kopf.

Bis ich es zu Papier brachte.

Plötzlich glitten sie hinab, die Wundervölker, von meinem Kopf, über meinen Arm und die Finger, hin zu meinen Stift und schließlich auf dem Papier mündend – es war wie Zeichnen oder so wie wenn man Musik machte, die im Akt des Schreibens nur man selbst hören konnte. Sie waren mein Geheimnis, und ich schrieb sie auf, damit sie wahrhaftig wurden, damit auch meine Eltern und andere – jeder, der sich dafür interessierte – teilhaben durfte an den vielen Abenteuern. „Wer nicht lesen kann, muss alles glauben“, und darum schrieb ich über sie! Damit man mir glaubte, dass sie existierten, und das nicht nur in meinem Kopf, wie meine Eltern behaupteten.

Aber an jenem Abend war es dann wieder so weit gewesen …

Meine Eltern hatten die Stimmen gegeneinander erhoben. Das passierte in letzter Zeit so häufig. Und es war nicht eine dieser Auseinandersetzungen, die im Schweigen des jeweils anderen endeten, nein, diesmal war es richtig schlimm. Zuerst hatte es nur gebrodelt, wie es eben meistens so war, aber sobald jemand etwas Falsches sagt, irgendeine Kleinigkeit erwähnt, dann eskaliert es. Sie werden laut und lauter, schreien einander an, und wenn es nicht im Schweigen endet, so kann es passieren, dass einige Dinge in unserem Haus zu Bruch gehen, dass mein Vater handgreiflich wird …

Und an jenem Abend war es solch eine Auseinandersetzung.

Ich weiß nicht genau, was da unten in der Küche geschah, aber was ich hörte, gereichte mir für Tränen. Da fielen sie, von meinen Augen aufs Papier, zwischen die Worte und all die Namen meiner Wundervölker. Ich vermochte ihre Hilfeschreie zu hören, während sie in meinen Tränen ertranken: „Hilfe! Aufhören!“, drangen ihre unzähligen Stimmchen an mein Ohr, aber ich konnte nichts machen.

Ich konnte nichts machen.

Weg, weg! Ich wollte weg! Doch wohin? Bei Oma Socke würden mich meine Eltern sofort finden, und sie sollten mich nicht finden – zumindest eine Zeit lang nicht. Während ich so überlegte, war ich bereits von meinem Bett gesprungen, aus meinem Zimmer und die Treppen hinabgestürmt und, ehe es meine Eltern bemerken konnten, aus der Haustür geeilt.

Die Wundervölker hatte ich in meinem Zimmer zurückgelassen.

Draußen war es bereits dunkel, nur ein paar Straßenlaternen zerstreuten ihr Licht auf meinem Weg durch jene nebelige Frühlingsnacht. Zuvor hatte geregnet. Da lief ich nun über den feuchten Asphalt meiner Siedlung, und während die tobenden Stimmen meiner Eltern in meinem Kopf in den Hintergrund rückten, mehrten sich die Tränen in meinen Augen. Wie die Brotkrümelchen im Märchen mit der Hexe im Knusperhäuschen, verlor ich sie auf meinem Weg, weg von Zuhause.

Im Unterschied, dass ich durch sie nicht zurückfinden wollte.

Die asphaltierte Straße wandelte sich zu einem Feldweg, der parallel zum dunklen Acker an einem Wald entlang verlief. Früher waren wir hier immer spazieren gewesen als Familie – an sonnigen Wochenenden. Damals noch mit Mäxchen, unserem Hund, bevor er …

Ach, weg, weg! Ich wollte weg!

Vom Feldweg bog ich durch das Gestrüpp in den pfadlosen Wald hinein. All die hohen Bäume in ihrer finsteren Gestalt zogen an mir vorbei, doch kam es mir so vor, als laufe ich am Stand. „Unerwünscht … du bist hier unerwünscht!“, wisperte es von ihren Kronen herab, ein mir hinterherjagendes Gemenge zischender Stimmen. Das Geäst knasterte, die Blätter raschelten, und nur mehr die Sterne und der Mond erleuchteten mir meinen Weg durch den nächtlichen Wald.

Irgendwann brach ich zusammen und landete im feuchten Moos, nahe einem Teich.

Dort weinte ich. Zusammengekauert und allein. Selbst die Bäume schienen sich von mir abzuwenden. Meine Tränen tränkten das Moos und mein stockender Atem verblies in der Nacht …

Das wäre ein ziemlich trauriges Ende für meine Geschichte gewesen. Den meisten Leuten entkommt an diesem Punkt ein mitleidiges Seufzen, sie klopfen mir auf die Schulter, streicheln meine Hand, aber das müssen sie nicht – ja sie sollen das nicht tun. Denn wäre das das Ende gewesen, würde es sich ja um kein Geheimnis handeln. Zumindest um keines, das es wert wäre, so zu nennen. Aber das, was dann passierte, was auf mein Zusammenbrechen im Wald folgte, das ist eines der Geheimnisse, die man auch wirklich so rufen darf:
Denn als ich so im feuchten Moos lag, zogen die fremden Stimmen fort, und das war als lichteten sich dunkle Wolken, an einem Tag, an dem du es gar nicht mehr erwartet hättest. Meist siehst du dann einen Regenbogen, manchmal sogar zwei, und genauso fühlte sich der Moment an, als mir freundlichere Stimmen an mein Ohr drangen, Stimmchen gar, vertraut und fürsorglich. Ein Kichern, ein zärtliches Schmunzeln, lautlos, aber irgendwie hatte ich auch das gehört. Etwas strich an meinen Haaren vorbei, irgendwas spürte ich auch an meinen Beinen – etwas Kleines, Zerbrechliches vielleicht – auf einmal zupfte mich etwas an meinem Ärmel, an der Schulter, und an den Socken! Das war schon ziemlich absurd, befand ich. Aber nicht falsch verstehen!, ich fühlte mich nicht bedroht oder ängstlich, nein, es war ein Gefühl der Geborgenheit, das ich empfand. So öffnete ich meine dem Moose zugekehrten Augen und sah auf … und was ich erblickte, glich einem Wunder …

Elfen tanzten um mich herum, dort an dem Baum, da an dem Teich und gleich hier am Moos; und neben ihnen her: eine Schar von Feen, die kleiner und etwas ungestümer sogar durch die Luft segelten. Sie neckten einander, erfreuten sich ihres Lebens und zupften an meinem Gewand herum, dass auch ich lachen musste.

„Hallo ihr“, begrüßte ich die kleinen Wundervölkchen, und sie erwiderten mir ein Lächeln. „Sei nicht traurig“, bedeutete mir der Tanz der Elfen: „Wir sind für dich da“, der Flug der Feen. Ihre Sprache drückte sich nicht mit Worten aus, so wie die meine, nein, sie kommunizierten eleganter, mit ihren Bewegungen, ihren Gesichtsausdrücken, den verschmitzten Blicken …

Da bemerkte ich, dass da noch mehr waren! Aus dem Unterholz und dem Gestrüpp traten sie hervor, die Baumwesen, in ihren knorrigen Gestalten und friedfertigen Gesichtern. In einem entschleunigten Tempo wandelten sie geruhsam hinab zum Teich, ließen sich nieder und tauchten ihre Wurzelfüße ins kühle Wasser. Von dort aus winkten sie mir zu und genossen ihre Wahrhaftigkeit. Ihnen folgten die Drachen, die größer waren als ich erwartet hatte: Sie legten sich neben mich zur Ruh, dabei sie ab und zu aus ihren Nüstern in die frische Nachtluft schnaubten.

„Seid ihr alle meinetwegen gekommen?“, fragte ich sie glücklich, und mir war es, als antworteten sie mit: „Ja.“ Das ließ mich innehalten und all den Schmerz vergessen, Tränen der Trauer wandelten sich zu jenen der Freude. Meine Wundervölkchen um mich versammelt … schlussendlich also waren sie doch am Leben, und nicht nur stumme Schriftzüge auf einem Papier. Meine Eltern würden mir das nie glauben …

Meine Eltern …

Ich überlegte kurz, und wandte mich mit einer neuen Frage an meine Wundervölkchen: „Sagt, wollt ihr mich nach Hause begleiten? – Zu meinen Eltern? Ich möchte, dass sie euch kennenlernen!“

Da sahen die Wesen einander an, sowohl Elfen und Feen als auch die Baumgestalten und Drachen. Auch sie überlegten. Und das nicht kurz, möchte ich anmerken! Aber nach einer Weile einigten sie sich und beschlossen, mich zu begleiten.

Ich hätte mich nicht mehr freuen können!

Zuerst setzten sich die Baumwesen in Bewegung. Langsam erhoben sie sich und stapften im gemächlichen Gange los. Dann formierten sich die Elfen – gleich einem Tanz wehten sie daraufhin durch den Wald. Ich selbst sprang auf den Rücken eines der Drachen und führte meine Völkchen, umgeben von umherschwirrenden Feen, an.

Ein Lied … ein Lied hätten wir nun singen können.

Doch ihr Anblick und das Gefühl, das mir meine Völkchen gaben, waren so als ob man Musik machte, und damit mir Lied genug.

Bald hatten wir den Wald hinter uns gelassen. Und zurück am Feldweg wurde mir erst unsere Anzahl bewusst, Scharen um Scharen tauchten zwischen den Bäumen hervor. Nun waren es nicht nur mehr Elfen, Feen, Baumwesen und Drachen, nein, hinzu traten Greifen, Einhörner, schillernde Vögel, die ihre Farbe wechseln konnten und ich deswegen „Purpuren“ getauft hatte, und und und …

Das ganze Gefolge meiner Wundervölkchen. Sie waren alle gekommen.

Die Straße nach Hause war menschenleer, da es bereits spät in der Nacht geworden war. Nun wimmelte es da von meinen Wesen. Zuhause angekommen, läutete ich selbstbewusst an der Tür. Es dauerte nicht lange, bis sie geöffnet wurde und meine besorgten Eltern heraustraten.

„Wo bist du gewesen?“, umarmte mich meine Mutter erleichtert.

Als ich zu meinem Vater aufsah, bemerkte ich, dass sein Blick woanders ruhte. Staunend musste er meine Wundervölker gemustert haben, denn kein Wort entkam seinen Lippen. Auch meine Mutter hielt inne, nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatte.

Und beide lächelten sie.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16095

Korfs Neid

Korf beneidet einen Narren
Mit zwei Pokalen in der Hand
Die der an einem Flohmarkt-Karren
Äußerst günstig sich erstand

Der Narr verkündet nun der Welt
(Indem er seine Siegstrophäen
Über seinem Kopfe hält
Verkündet er im Steh’n und Geh’n)

Er sei der Fischer Georg Feister
Wie’s auf dem Pokale steht
Und unbestritt’ner Wettkampfmeister
Im Jahre 90, Hintersteet

Er sei schon eine Sportskanon’
Grad eben noch, kein Jahr ist’s her
Gewann er glatt den Triathlon
Als Kranebichler Christopher

So der Narr nun lautstark weiter
Um ihn sammeln sich schon Leute
Das Narrentum stimmt uns stets heiter
So war’s einst, so ist es heute

Hurra, Christopher! Ruft ein Kleiner
Georg auch! Ein Herr mit Bauch
Hebt ihn hoch! Ein ganz Gemeiner
Und schon folgt der alte Brauch

Der Narr auf vielen Schultern wankend
Winkt beseligt in die Runden
Weinend, nickend, zitternd, dankend
Es ist die schönste seiner Stunden

Ach, denkt Korf, wie neid ich dir
Dein wunderbares Glücksgefühl
Es ist das einzig Wahre hier
Im allgemeinen Spottgewühl

Der Narr auf dieser Flohmarktwiese
Bin ich, der fast sein ganzes Leben
Hart und schwer dafür gekämpft

Dass letztendlich Leut wie diese
Ihn auf ihre Schultern heben
Korf geht weiter – sehr gedämpft

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16092

Der große Oktzinoia

Ist dir schon mal aufgefallen, dass es kaum Lebewesen gibt, die werfen können? Das liegt natürlich daran, dass es zum Werfen Hände braucht. Richtig werfen können daher nur Menschen und Affen. Obwohl, eigentlich hätten Koalabären und Faultiere auch Hände, aber damit klammern sie sich lieber an Bäumen fest und sind den ganzen Tag sehr faul. Die Affen aber werfen häufig und zwar mit allem, was ihnen in die Finger kommt, und für die Menschen ist das Werfen eine richtige Leidenschaft – wenn sie einmal damit angefangen haben, können sie kaum mehr damit aufhören. Ja, sie sind so vernarrt in das Werfen, dass sie sogar stundenlang anderen dabei zuschauen können. Darum haben sie ja auch Tennis und Basketball erfunden und beim Fußball werfen sie sogar mit den Füßen. Trotzdem gibt es ein einziges Ziel, auf das die Menschen niemals werfen: Heuschrecken. Oder hast du schon mal einen Menschen gesehen, der auch nur einen winzigen Kiesel auf eine Heuschrecke geworfen hätte? Das ist doch wirklich eigenartig, nicht wahr? Vor allem, wenn man weiß, dass es einmal eine Zeit gab, in der es für die Menschen gar nichts Wichtigeres zu tun gab, ja wo sie sogar meinten, dass ihr Überleben davon abhängt, eine vermeintliche Heuschrecke zu bewerfen. Zum Glück gibt es eine Geschichte, aus der wir erfahren, warum die Menschen nichts mehr auf Heuschrecken werfen, nicht einmal ein Sandkorn.

Eines Tages bewarfen die Menschen eine Heuschrecke mit winzigen Kieseln, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Heuschrecke war aber in Wirklichkeit ein winzigkleiner Zwergdrache, der gerade seinen Mittagsschlaf hielt – Zwergdrachen können gewöhnlichen Heuschrecken zum Verwechseln ähnlich sehen. Dieser Zwergdrache wurde von einem Treffer auf seinen Kopf geweckt und darüber wurde er sehr wütend. Er zirpte, er sei zwar klein, aber wenn es darauf ankomme, ein gewaltig gefährlicher Drache und werde alle Menschen zur Strafe für diese Gemeinheit verbrennen und fing auch gleich damit an, auf ein paar von ihnen seine Flamme zu richten. Da lachten die Menschen lange und laut, denn der Zwergdrache war nicht größer als ein Daumennagel, ein Drächlein, ein Drächelchen, ein Drachelino, dessen Zirpen kaum zu hören war, und sein Flämmchen brannte nicht mehr als ein Gelsenstich. „Da haben wir ja ein gewaltiges Ungeheuer aufgescheucht! Lasst es uns mit vereinten Kräften bezwingen, bevor es uns alle vernichtet!“, lachten die Menschen und sie bewarfen das kleinwinzige Drächlein weiter mit Kieseln, um sich einen Spaß zu machen. Doch da geschah etwas Seltsames: Der Drache wurde bei jedem Treffer größer, und auch seine Flamme wurde richtig gefährlich und brannte bald so stark wie eine große Fackel.

Die Menschen bemerkten natürlich, dass der Drache vom Bewerfen mit Steinen größer und mächtiger wurde und wurden darüber langsam unruhig, doch da ihnen nichts Besseres einfiel, bewarfen sie ihn immer schneller mit noch mehr und noch größeren Steinen, schließlich kippten sie sogar gewaltige Felsbrocken von Bergwänden auf ihn. Doch der Drache blieb und wuchs mit jedem Treffer weiter.

Und wie immer, wenn es keine Lösung für ein Problem gibt, bildeten sich bald eigene Fach- und Spezialistengruppen dafür. Damals waren es die Drachen-Bewerfmeister, die auch von aller Welt in hohen Ehren gehalten wurden.

Diese Drachen-Bewerfmeister griffen eines Tages alle gemeinsam an, und es hagelte ganze drei Tage und drei Nächte lang einen ganzen Berg Felsen und Steine auf den Drachen. Der blähte sich auf, die Felsen und Steine prallten an ihm ab und da blieb er dann und wurde erst so groß wie der ganze Berg Gestein, der auf ihn geworfen worden war. Danach wuchs er aber noch weiter und wurde schließlich noch größer, bis er selbst die Sonne verdunkelte.

Da ließen die meisten Drachen-Bewerfmeister von ihm ab, denn sie hatten begriffen, dass es aussichtslos war, das himmelhohe Untier mit Steinen zu erschlagen. Und sie rauften sich die Haare, warum sie nicht schon viel früher verstanden hatten, dass sie die Bedrohung mit jedem Angriff nur verstärkten. Hinzu kam eine neue Not, denn ohne Sonne gab es keine Ernte mehr, und ohne Ernte drohte der Hunger. Nur noch eine Handvoll der tollkühnsten Drachentöter versuchte weiter, das Ungeheuer zu besiegen, doch waren diese entweder blind vor Ehrsucht oder mit Dummheit geschlagen und begriffen nicht, dass der Drache schon längst zu groß war, um ihn erschlagen zu können, und sie verstanden nicht, dass sie ihn mit jedem geworfenen Stein nur noch größer machten. Doch die übrigen Menschen glaubten nun dem Drachen, wenn er brüllte, er werde sie alle vernichten.

Da erschien aus dem Lande Irgendwo ein alter Schuster und Eierverkäufer, der in Wirklichkeit ein als Mensch verkleideter Schimpanse war, und weil er gerade nichts Besseres zu tun hatte, sah er den letzten Drachen-Bewerfmeistern dabei zu, wie sie verzweifelt gegen die Riesenechse kämpften. Und da er ein Schimpanse war und Schimpansen fast so gerne Steine schleudern wie Menschen und den Menschen auch gerne alles nachmachen, wollte er bald unbedingt mitmachen. Mittlerweile gab es aber fast keine Steine mehr, und die Drachen-Bewerfmeister behielten die wenigen, die noch da waren, eifersüchtig für sich. Der als Schuster und Eierhändler verkleidete Schimpanse hatte leider auch gerade keine bei sich – nur einen Korb mit Hühnereiern, also warf er eben mit denen.

Der Drache sah die Eier auf ihn zufliegen und wurde aufgeschreckt durch ihr besonders hartes und zurechtgeformtes Aussehen, darum blähte er sich gewaltig auf, um sie abprallen zu lassen. Das wäre natürlich gar nicht nötig gewesen, denn die Eier zerbrachen ja einfach an ihm, und er spürte sie nicht einmal. Da schüttelten die Drachen-Bewerfmeister den Kopf und dachten: „Was für ein Affe, dieser alte Schuster und Eierverkäufer!“

Doch der Drache hatte ja nichts gespürt, und er blähte sich noch mehr auf, weil er meinte, diese für ihn gänzlich neuen und vielleicht gefährlichen Geschosse würden erst auftreffen. Und der Affe warf auch weiter, und der Drache dachte: „Vielleicht hat dieser kleine Mensch, der sich aufführt wie ein Affe, nur danebengeschossen, aber jetzt und jetzt trifft er mich!“ Und er blähte sich noch mehr auf, und der Affe warf noch ein Ei, und der Drache blähte sich noch mehr auf, so gewaltig blähte er sich auf, dass er fast den Mond berührte, doch er spürte noch immer nichts. Und der Affe warf weiter und weiter, und da blähte sich der Drache noch mehr auf und blähte sich auf, bis er nur noch eine einzige riesige Kugel war, so groß wie, ja, so groß wie die ganze Welt. Und da war die Haut des Drachen nur mehr ganz dünn wie bei einem Luftballon, und es wurde vollkommen dunkel auf der Welt, weil kein Futzelchen Licht mehr vom Himmel kam, und man hörte nur noch das Geräusch von der Stelle, wo er gerade noch an der Erde rieb. Und an dieser Stelle, die etwa so groß war wie ein Handteller, genau dort lag die zerbrochene Eierschale von dem ersten Ei, das der Schimpanse geworfen hatte, und an der rieb die hauchdünne Haut des aufgeblähten Drachen.

Da machte es ganz leise „Plopp!“, wie wenn ein Regentropfen in ein Glas Wasser fällt, und der Drache war zerplatzt. Gleichzeitig wurde es wieder hell, weil ja die Sonne nicht mehr verdeckt wurde.

Das war dem Schuster und Eierverkäufer, der eigentlich ein Schimpanse war, nur recht – es war ihm auch lieber, wenn die Sonne schien und er sah, wo er hinschoss. Doch da war nichts mehr zum Bewerfen, nur eine kleine Heuschrecke saß ärgerlich zirpend vor ihm auf dem Boden, und die war ihm kein Ei wert. Da bereute er wieder mal, es den Menschen nachgemacht zu haben.

Als er von den begeisterten Drachen-Bewerfmeistern gefragt wurde, wie er es denn geschafft hätte, mit ein paar Hühnereiern das furchtbare Ungeheuer zu erlegen, klagte er nur über den Verlust von achtzehn Stück seiner frischen Ware, und da er sich mit der Aussprache der Menschensprache ein wenig schwer tat, klang das wie: „Oktzin Oia!“ Und als sie ihn fragten, wie er denn heiße und woher er käme, klagte er immer noch: „Oktzin Oia! Oktzin Oia!“ Darum nannten ihn die Menschen den großen Helden Oktzinoia.

Seither vermeiden es die Menschen, Kiesel auf Heuschrecken zu werfen. Es wäre ja immer möglich, damit einen Zwergdrachen zu treffen. Ich zumindest habe noch nie einen Kiesel auf eine Heuschrecke geworfen, schon gar nicht auf eine schlafende. Du vielleicht?

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16091

Die Physik der Liebe

Es gibt ja wohl nichts Peinlicheres, als von der eigenen Katze verlacht zu werden, dachte ich mir, als ich nach dem Öffnen der Kiste nichts Besseres vorzuweisen hatte als eine weitere Kiste. Mit einem missmutigen Blick bedachte ich die Katze, auf dass sie sich trollte, was sie natürlich nicht tat, sondern zuerst daran schnupperte, an der Kiste in der Kiste, um schließlich mit den Krallen einige unschöne Kratzer an ihr zu hinterlassen. Erst dann trollte sie sich.

Und insgeheim musste ich meiner Katze Recht geben, zum Lachen war die Sache mit der Kiste, das Geschenk zu meiner Volljährigkeit von Onkel Zacharias aus Amerika, der wahrscheinlich nicht einmal Zacharias hieß, und außerdem hatte ich so meine Zweifel, ob er überhaupt mein Onkel war. Was die Familiensaga betraf, kreiste die schöne Legende, dass er mir als Stöpsel von vier Jahren einmal durchs Haar gestrichen und mich daraufhin zu seinem Lieblingsneffen erklärt hatte. Aber vielleicht war Onkel Zacharias auch nicht mehr als der Clown auf meinem Geburtstagsfest gewesen, eingekauft, um uns Kinder mit seinen Sachen zum Staunen und zum Lachen zu bringen.

Nun, das mit Amerika mochte stimmen, wenn ich jetzt all die unzähligen kalifornischen Briefmarken auf der Außenseite der äußeren Kiste betrachtete, dass der Onkel Zacharias sich bis nach Amerika hatte flüchten müssen, das schwärzeste aller schwarzen Schafe in unserer Familie. Und davon gab es beim besten Willen genug, wenn man beispielsweise an Großvater Emil dachte, der Isaac Newton widerlegt hatte und daraufhin in die Schwerelosigkeit entschwunden war. Oder an die bigotte Tante Luise, die auf dem Weg zur täglichen Frühmesse vom Rand der Erdenscheibe gefallen war, zum Lachen peinlich die beiden, aber das tat jetzt nichts zur Sache.

Um Onkel Zacharias ging es, dessen Kiste in der Kiste ich im ersten Augenblick nicht zu öffnen wagte, denn dass sich darin noch eine weitere Kiste befände, so billig würdest du es dir nicht geben, lieber Onkel, einen böseren Scherz als ein unendliches Matrjoschka-Spielchen würdest du dir für mich ausgedacht haben. Denn als den größten aller Gaukler hatte die Sippe dich immer schon gebrandmarkt, wenn sie es ausnahmsweise einmal nicht vorgezogen hatte, dich ganz zu verschweigen. Wüst schon die erste Legende von deinen Gaukeleien aus deiner Jugend, als du dich dem fahrenden Volk angeschlossen haben sollst, den Zigeunern, und dich angeblich als Wahrsager versucht hast. Blutjungen, leichtgläubigen Frauen sollst du aus der Glaskugel gelesen haben, was sie nicht für kluge, schöne und gesunde Kinder zur Welt bringen würden, nur um sie danach im hinteren Teil der Bude zu verführen und zu schwängern. Schlimme Sachen sollst du angestellt haben, nicht zum Lachen und wahrlich Grund genug, dich ins ferne Amerika aus dem Staub zu machen.

Jetzt war ich froh, keine mich verlachende Katze um mich zu haben, denn Onkel Zacharias‘ nächster böser Scherz schien zu heißen, dass sich die Kiste in der Kiste einfach nicht öffnen ließ, nicht mit Zähnen oder Klauen oder Brechstange. Andererseits vollkommen unmöglich, dass mein Onkel nichts anderes im Sinn gehabt hatte, als mir einen formvollendeten Kubus schenken zu wollen, gerade er, dem nachgesagt wurde, dass er den rechten Winkel für die entmutigendste und entwürdigendste Errungenschaft der Menschheit hielt, humorlos wie die Erbsünde. Hunger müsste sie eigentlich haben, die mir zugelaufene, namenlose Katze, denn auch ich bekam langsam Hunger, je länger ich mich mit dem Kubus herumärgerte. Die allerletzte Sardinenbüchse war ich bereit mit der Katze zu teilen, aber nirgends schien sie aufzutreiben zu sein, und so schweiften meine Gedanken wieder ab, auf den Spuren der Abenteuer des Onkel Zacharias.

Unbegrenzt wolltest du sein in deinen Möglichkeiten, und dafür ist Amerika genau das richtige Land gewesen, weit genug und naiv genug für deine Gaukeleien, und zügellos ausgetobt sollst du dich ja haben, wenn ich dem Glauben schenken darf, was ich so im Fernsehen gesehen habe. Angefangen mit dem Riesenaffen, der dir schon bei deiner Ankunft auf Ellis Island aus dem Rucksack gesprungen ist, den du auf der Spitze des Empire State Building tanzen und nach Flugzeugen grapschen hast lassen, da kann ich nicht mithalten, mit einer einfachen Katze. Aber wie du das mit der Mondlandung hinbekommen hast, den Amerikanern die Gesetze der Raumzeit vorgegaukelt hast, wird mir für ewig ein Rätsel bleiben, nur bei der im Wind wehenden Flagge auf der Mondoberfläche hast du etwas geschlampt. Und dann als Krönung die Sache mit der Mojave-Wüste, die vor deiner Ankunft ein blühendes Tal gewesen sein soll, bevor du deine größte Gaukelei gezündet hast, die Lachende Atombombe. Weit hast du es gebracht, so weit, dass du sogar Pate gestanden haben sollst für die übermannshohe Puppe, die sie jedes Jahr beim Burning Man Festival verbrennen – gib’s ruhig zu, du bist auch noch stolz darauf!

Die Physik der Liebe, davon hatte das teutonische rothaarige Mädchen mit den vorwitzigen Sommersprossen gesprochen, und dass ich keine Ahnung davon hätte, hatte sie noch gehässig hinzugefügt, um mich dann für immer zu verlassen, keine drei Stunden und vierzehn Minuten war das her. Die Physik der Liebe, wie hatte das aus ihrem Mund geklungen, nach in sich verhakten Atomen wie aus einem Bausatz Legosteine, und dessen nicht genug, mit Kleister verstärkt,  anschließend vernietet und verschraubt, sicher wie die Titanic, so hatte sie geschmeckt, die Physik der Liebe auf den spitzen Lippen dieses Rotschopfs. Du verstehst, wovon ich spreche, geliebter Onkel, und wohl als Einziger unserer weitläufigen Sippe. Also, etwas Aufheiterung könnte ich jetzt wirklich gut gebrauchen!

Meine Gedankenverlorenheit musste es gewesen sein, die meine Finger an die richtigen Stellen des Kubus des Onkel Zacharias hatte gleiten lassen, denn auf einmal schnappte der Deckel auf, wie bei einer richtigen Kiste, und darin saß die Katze. Mit einem bösen, giftig grünen Blick bedachte sie mich, und mit einem beleidigten Fauchen, dann war sie mit einem Satz aus der Kiste und trollte sich mit eingezogenem Schwanz unter das Bett.

Schön hast du mich zum Narren gehalten, Onkel, einen Daseinssprung hast du mir also geschenkt, den Quantensprung einer Katze, die von nun an den Namen Schrödinger weghaben wird. Wirklich toll, deine Gaukelei, geschätzter Onkel, nicht mehr als ein Witz also die ganze Sache, selten so gelacht!

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16084

 

 

Life, Teil 2

(inspired by The Walking Dead)

Seit dem Vorfall am Indoor-Pool waren einige Wochen vergangen. Die Gruppe hatte zwischenzeitlich in einem Gefängnis eine sichere Unterkunft gefunden. Sie hatten sich häuslich eingerichtet, sogar Gemüse gepflanzt. Die Gemeinschaft wuchs, und Routine gewann langsam die Oberhand.
Sara und Daryl waren sich nähergekommen. Nicht körperlich, auch wenn die Anziehung von beiden wahrgenommen wurde. Sie gingen oft auf Versorgungstour, hielten Wache. Sprachen zusammen, schwiegen zusammen. Ihre Vertrautheit miteinander war weiter gewachsen.

Müde von ihrer Nachtschicht stand Sara auf dem Posten am Wachturm. Die Beißer waren überschaubar, aber in den letzten Tagen hatten sich immer wieder Überlebende draußen herumgetrieben, anscheinend um zu spionieren. Rick hatte den Chef der Gruppe kennengelernt, die Leute wirkten dubios und waren mit Vorsicht zu genießen.
Lächelnd beobachtete Sara ein Vogelpärchen, das im Einklang über die Wälder flog. Die Sonne war gerade im Begriff, über den weit entfernten Berggipfeln aufzugehen. „Warum lächelst du?“, fragte eine Stimme hinter ihr. Sara erschrak nicht. Nicht bei seiner Stimme. Sie breitete die Arme aus. „Sieh dich um. Es ist wunderschön. Schöne Dinge machen mir Freude. Also lächle ich. Ganz einfach“, erklärte Sara ihren Gemütszustand.

Ganz einfach. Daryl sah sich um. Für ihn war es ein Morgen wie jeder andere. Er war fasziniert von Saras Gabe, ihrer Umwelt mit einer so positiven Einstellung zu begegnen.
Daryl ging zu Sara und stellte sich neben sie. Seine Brust berührte leicht ihren Arm, den sie noch immer ausgestreckt hatte. Der Duft ihrer Haut und der frisch gewaschenen Haare stieg in seine Nase. Sie hatten einfache Kernseife in den Waschräumen des Gefängnisses gefunden, aber in Verbindung mit ihrer Haut machte ihn der Geruch seltsam unruhig.
Sara spürte das kühle Leder seiner Weste an ihrem Arm, als er neben sie trat. Es war vertraut, das Leder, die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Langsam senkte sie ihre Arme und hielt sich am Geländer fest. Dann sah sie ihn von der Seite an.
Er schien zu versuchen, dasselbe in der Umgebung zu entdecken, das sie sehen konnte. Seine Augen waren zusammengekniffen und seine Stirn lag in Falten. Sie musste schmunzeln. „Ist schon o. k., wenn du das nicht siehst. Dafür hast du ja mich“, meinte sie grinsend und rempelte ihn sanft mit ihrer Schulter an. Daryl verzog einen Mundwinkel nach oben. Er war kein Mann großer Worte. Umso mehr registrierte Sara die Art seiner nonverbalen Kommunikation. Er musste nichts sagen, damit sie ihn verstand.
Er blickte auf ihre Hand, die am Geländer lag, und bevor er wusste warum, lag seine Hand auf ihrer und hielt sie fest. „Dafür hab ich dich“, wiederholte er leise. Sara. Sie wusste, was in ihm vorging, bevor es ihm selbst klar war. Sie konnte ihm ansehen, wie es ihm erging. Er teilte sich durch seine Mimik, seine Gestik mit, nicht durch Worte.

Sara hatte Daryl nicht mehr auf den Vorfall am Pool angesprochen. Daryl war wie ein verschrecktes Waldtier, wenn es um Gefühle ging. Umso überraschter war sie von dieser Aktion. Vielleicht war die Zeit jetzt reif, darüber zu reden. Sie genoss seine Berührung, fest und zärtlich zugleich.
Fragend sah sie ihn an. „Du wirkst angespannt. Was ist los?“, fragte sie leise. „Nichts“, entgegnete er schnell. Er nahm seine Hand von ihrer, räusperte sich und ging einen Schritt zurück. Sie hatte Recht, wieder einmal. Er konnte aber nicht in Worte fassen, warum.
„Daryl“, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme. Sie stellte sich vor ihn und tippte mit ihrem Zeigefinger auf seine Brust. Sie spürte, dass er weiter zurückgehen wollte, aber sie zog ihn sanft an seiner Lederweste zu sich. „Sieh mich an“, flüsterte sie. Sie suchte Augenkontakt. „Ich sage dir jetzt was. Wirst du zuhören?“, fragte sie leise und lächelte ein bisschen als sich ihre Blicke fanden.
Wie ein Schuljunge verlagerte Daryl sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Sein Herz schien in seinen Hals gerutscht zu sein, in seinen Ohren hörte er sein Blut rauschen. Er war zerrissen: wollte weg, wollte bleiben. Schließlich atmete er tief durch und nickte leicht.

„Ich muss oft daran denken, dass du mich gerettet hast, Daryl. Und ich weiß, dass du auch daran denkst. Und daran, was fast passiert wäre“, sagte Sara und ließ von seiner Weste ab. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schwer werden würde, sich zu überwinden und das Thema anzusprechen.
Daryl merkte, dass sie der Mut verließ. Die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Plötzlich war sie wieder in ihrer alten Rolle gefangen. Klein, unscheinbar, introvertiert. Aber das war sie nicht mehr. Sie wusste es nur nicht, weil keiner da war, der es ihr sagte. „Hey“, sagte er leise und hob ihr Kinn sanft an, damit sie ihn wieder ansehen musste. „Rede weiter. Bitte“, entgegnete er und hob kurz die Augenbrauen, um sie so aufzufordern, weiterzusprechen.
Sara lächelte ihn an. „Deine harte Schale hat Brüche bekommen. Das irritiert dich. Weil ich die Brüche sehen kann. Lass es zu, Daryl, ich werde dir nichts tun. Dazu mag ich dich viel zu sehr.“ Ihre Stimme wurde immer leiser.
„Hmm“, brummte Daryl und kam einen Schritt näher auf sie zu. Ihre Gesichter waren sich fast so nahe wie damals. Wieder wehte ihm eine Brise ihres Duftes in die Nase, die eine Gänsehaut bei ihm entfachte.
„Ich glaube dir. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass du stärker und mutiger bist, als du denkst? Du hast deinen Bruder, Freunde und auch kurz einmal deinen Lebensmut verloren, und bist doch hier. Stärker als zuvor“, entgegnete Daryl.

Sara sah ihn überrascht an. Mit diesen Worten hatte sie nicht gerechnet. Sie öffnete ihre verschränkten Arme und strich mit einer Hand vorsichtig eine Haarsträhne aus Daryls Gesicht. Bei ihrer Berührung zuckte Daryl zusammen. Wenn er sie schon aufforderte, mutig zu sein, durfte er jetzt auch keinen Rückzieher bei ihr machen.
„Das glaubst du also, ja?“, fragte Sara nach. „Das weiß ich“, korrigierte Daryl sie. Sara stockte der Atem. Beide warteten darauf, was der andere als Nächstes tun würde. „Worauf wartest du?“, fragte Daryl mit heiserer Stimme. „Gute Frage“, murmelte Sara. Gerade als sie ihren Kopf anhob, um ihn zu küssen, hallte ein Schuss durch die morgendliche Stille. Im nächsten Augenblick fühlte Sara einen heftigen Schmerz an ihrem Kinn.

Sie sackte zusammen und fiel auf die Knie. Verstört griff sie an ihr Kinn und betrachtete ihre Hand, die sofort von einem roten Blutfilm überzogen war. Sie hörte nichts mehr, sah nur noch das Blut und spürte ihren Puls, der mit jedem weiteren Schlag noch mehr Blut aus der Wunde presste.
Wimmernd fiel sie zur Seite und registrierte Daryl, der sie auffing und ein Stück Stoff gegen ihr Kinn drückte. Er nahm ihre Hand und führte sie an ihre Wunde. Sie sah, dass er mit ihr sprach, aber sie verstand ihn nicht. In seinem Gesichtsausdruck erkannte sie Panik und Wut.
Sie griff nach dem Stoff, der bereits feucht vom Blut war und drückte ihn selbst gegen die Wunde. Sara beobachtete Daryl, wie er ins Innere des Wachturms kroch und den anderen über Walkie-Talkie Bescheid gab. Er ließ sie nicht aus den Augen und griff nach dem Maschinengewehr, das am Boden lag.
Daryl deutete ihr mit der Hand, dass sie ruhig liegen bleiben sollte. Wie in Zeitlupe beobachtete sie Daryl, der in die Richtung zurückschoss, aus der der Schuss gekommen war. Sara lehnte sich gegen die betonierte Brüstung, eine Hand gegen ihre Wunde drückend. Der Schmerz war nicht mehr so intensiv, auch das Pulsieren war schwächer geworden. Sara wusste aber nicht, ob die Blutung nachgelassen oder ob sie schon zu viel Blut verloren hatte. Die Haut an der Unterseite ihres Kinns spannte. Sie wurde müde und schloss die Augen.

Daryl sah, dass ein paar Männer am Boden unterwegs waren, um die Angreifer zu verfolgen. Es konnten nicht viele sein. Es war nur der eine gezielte Schuss gewesen, nicht mehr. Er warf das Maschinengewehr zurück auf den Boden und lief zu Sara. Sie war blass, die Hand, die auf ihre Wunde drückte, zitterte.
Sie war so weit gekommen. Sie durfte jetzt nicht sterben. Nicht jetzt. „Mach die Augen auf, Sara. Bleib bei mir. Komm schon“, versuchte Daryl ruhig zu sagen. Er erschrak über die Panik in seiner Stimme, als er sich selbst hörte.
Mit flatternden Lidern öffnete Sara wieder die Augen. „Ich bin da. Ich bin da“, murmelte sie und räusperte sich. Es tat weh, und ihr schmerzverzerrtes Gesicht trieb Daryl ein Messer in die Brust. Er konnte nicht abschätzen, wie schwer sie verletzt war. Der ganze Bereich rund um Sara war blutverschmiert, aber sie war ansprechbar. Ein gutes Zeichen.
„Du musst zu Hershel“, sagte Daryl und griff unter ihre Schultern und ihre Knie, um sie hochzuheben. „Nein. Ich kann selbst gehen“, sagte Sara bestimmend und stemmte ihre Hand gegen seine Brust. Er stützte sie beim Aufstehen und schob sie behutsam Richtung Stiegenabgang.

Sara sah ihn an und erschrak. „Bist du auch verletzt?“, murmelte sie ängstlich, denn sie hatte Blutspritzer in seinem Gesicht entdeckt. Vorsichtig wischte sie einen Tropfen auf seiner Wange weg, nur um mit ihren blutverschmierten Fingern noch mehr Blut auf seinem Gesicht zu verteilen. „Oh. Sorry“, sagte sie langsam. „Das ist meins.“
Daryl umschlang ihre Taille und stieg vorsichtig die Stufen mit ihr hinunter. „Mir geht’s gut. Und dich kriegen wir auch wieder hin“, sagte Daryl. Glenn kam ihnen entgegen und übernahm die weitere Wache am Wachturm, während Daryl sich beeilte, Sara zu Hershel zu bringen.
Adrenalin schien durch ihren Körper zu schießen, denn die Müdigkeit ließ wieder nach, und Sara merkte, dass ihre Gedanken klarer und ihr Kreislauf kräftiger wurden. Einen Arm hatte sie um Daryls Schultern gelegt, mit der zweiten hielt sie nach wie vor den Stofffetzen wie einen Druckverband auf die Wunde.

Vorsichtig setzte Daryl Sara auf ihrem Bett in ihrer Zelle ab. Hershel war ihnen gefolgt. „Sie hat Blut verloren. Ich weiß aber nicht wie viel“, erklärte Daryl, als er Hershel Platz machte, damit er sich um Sara kümmern konnte. Sara ließ ihre Arme sinken und atmete tief durch. Bei Hershel war sie in guten Händen. Auch seine Tochter Maggie war da, um ihn dabei zu unterstützen.
Daryl sah zu, wie Maggie anfing, die Wunde zu säubern. Jedes Mal, wenn sie an der Verletzung ankam, sah er Sara die Schmerzen an. Anfangs zuckte ihr ganzer Körper, nach und nach reduzierte sich die Reaktion auf ein Zusammenkneifen der Augen oder ein Rümpfen der Nase. Sie weinte ohne zu schluchzen, und ihre Tränen vermischten sich mit dem Blut auf ihrem Gesicht, bis sie von Maggie mit Wasser und einem sauberen Tuch abgewaschen wurden.

Die Schmerzen wurden mit jeder Berührung erträglicher. Sara suchte den Augenkontakt mit Daryl, der in der Tür stand. Als Daryl ihren Blick bemerkte, erwiderte er ihn und nickte ihr aufmunternd zu. Sie wünschte sich, dass er sich neben sie setzte und bei ihr blieb. Aber das konnte sie nicht von ihm verlangen. Nicht vor den anderen. Noch nicht.
„Es sieht schlimmer aus als es ist. Die Wunde blutet zwar stark, ist aber nicht tief. Ein Streifschuss. Ein paar Zentimeter weiter oben und dein Kiefer wäre zertrümmert. Du hattest Glück“, erklärte Hershel ruhig und lächelte Sara an.
Daryl fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Er war erleichtert. Er seufzte unbewusst laut auf, sodass sich Hershel und Maggie kurz zu ihm umdrehten. „Bist du verletzt?“, fragte Maggie und war im Begriff aufzustehen, doch Sara hielt sie am Arm zurück. „Ihm geht’s gut. Das ist alles mein Blut, er stand direkt neben mir, als der Schuss fiel“, erklärte Sara erschöpft und machte eine kaum merkbare Kopfbewegung in Richtung Tür. „Genau. Ich wasch das mal ab“, brummte Daryl verstört und ging aus der Zelle.

Zielstrebig marschierte er in die Waschräume, doch anstatt das Blut abzuwaschen, setzte er sich auf den Boden neben dem Waschbecken und starrte auf seine Hände. Auch sie waren blutrot. Das Gefühl, Sara zu verlieren, hatte in ihm Chaos erzeugt. Noch viel mehr als damals, als er sie aus dem Pool gezogen hatte.
Dieses Chaos irritierte ihn. Sara irritierte ihn. Aber er konnte seine Gedanken an sie nicht abschalten. Gedanken und Gefühle, die ihn verunsicherten. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als jemand kurz gegen seine Stiefelspitzen trat. Es war Rick, der vor ihm stand.
„Alles o. k.? Wie geht’s Sara?“, fragte er nach. Daryl sprang auf und drehte den Wasserhahn auf, um sich die Hände zu waschen. Und um Rick nicht ansehen zu müssen. „Ja. Streifschuss. Wird schon wieder. Habt ihr was gefunden?“, antwortete er knapp.
„Eine Botschaft vorne bei den Autowracks. Sie werden wiederkommen. Und sie wollen das Gefängnis. Wir müssen vorbereitet sein“, erklärte Rick emotionslos. Dann klopfte er Daryl freundschaftlich auf die Schulter. „Geh wieder zu ihr. Sie braucht dich. Und du brauchst sie“, sagte Rick ruhig.

Überrascht sah Daryl ihn im Fliesenspiegel an und wollte etwas erwidern, doch Rick hob abwehrend die Hand. „Vertrau mir, Daryl. Ihr zwei ergänzt euch. Du musst es nur zulassen. Es ist schön, jemanden zu haben, der einen auch ohne Worte versteht.“ Seine Stimme klang seltsam wehmütig.
Daryl richtete sich auf und stellte das Wasser ab. Über den Spiegel sah er Rick an, der ihm müde lächelnd zuzwinkerte und ihn dann wieder allein ließ. Es zulassen. Als ob das so einfach wäre. Er schlenderte langsam zu Saras Zelle zurück. Sie saß mittlerweile alleine auf ihrem Bett, ihre Wunde war versorgt und verbunden.
„Hey, wie geht’s?“, sagte er leise und wartete in der Tür. Sara lächelte ihn an. „Hey. Geht schon wieder, danke“, antwortete sie und deutete ihm, zu ihr zu kommen. Daryl zögerte kurz, kam dann näher und ging vor ihr in die Hocke. Er stützte sich links und rechts von Sara an der Bettkante ab und sah sie prüfend an. „Was sagt Hershel?“, fragte er nach. Sara rollte mit den Augen. „Etwas blass um die Nase bin ich vielleicht noch, wegen dem Blutverlust. Ein paar Tage pausieren, dann kann ich wieder mit anpacken!“

Daryl nickte und sah sich unbeholfen in der Zelle um. Sara zupfte seine Lederweste zurecht und betrachtete ihn. Er war verunsichert. Es gab nicht oft Momente, in denen er so verletzlich wirkte. Er war sonst immer so stark. Sara nahm all ihren Mut zusammen. Sie beugte sich vor und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Was zum…?“, zischte Daryl fast panisch, aber Sara legte ihre Daumen auf seine Lippen, und er verstummte.
Er spürte die Wärme, die von ihrem Körper ausging. Sie schien seinen eigenen Körper anzufachen, er hatte das Gefühl, innerlich zu verbrennen. Sara beobachtete, wie Daryls Gesicht rot anlief. Mit einem Lächeln lehnte sie sich vor zu seinem Ohr. „Ich bin nur mutig“, flüsterte sie, bevor sie es sanft küsste. Langsam wanderte sie mit ihrem Mund über seinen Kiefer vor bis zu seinem Mund.
Vorsichtig kniete sich Daryl zwischen Saras Beine und wanderte mit seinen Händen vorsichtig zu ihrer Taille. Er drückte sie näher an sich und genoss ihre Nähe, ihre sanften Küsse. „Schön, dass du auf mich hörst“, erwiderte Daryl mit rauer Stimme, bevor sich ihre Lippen das erste Mal berührten.
Er hatte es vergessen. Nicht mehr gewusst, wie es sich anfühlen konnte. Jemandem so nahe zu sein. Als sich ihre Zungen trafen, war es wie ein Stromschlag, der gleichzeitig durch beide Körper fuhr. Während ihre Küsse immer leidenschaftlicher wurden, schmiegte sich Sara an ihn und fuhr ihm durch die Haare, zärtlich daran ziehend. Daryls Hände wanderten unter ihr Shirt und streichelten ihre weiche Haut.

Als sie sich wieder voneinander trennten, waren ihre Gesichter erhitzt und ihre Wangen gerötet. Aber beide lächelten. „Langsam, Süße. Du bist verletzt“, sagte Daryl leise und fuhr mit seinem Handrücken über ihren Verband.
„Ich bin auch auf Drogen. Hershel hat mir was gegen die Schmerzen gegeben. Also spüre ich die Verletzung momentan nicht wirklich. Mir ist eher etwas schwindlig. Liegt wahrscheinlich am Blutmangel“, grinste sie und zwinkerte Daryl zu. „Also haben jetzt nur die Drogen aus dir gesprochen, oder wie?“, fragte er neckisch. Sara sah ihn liebevoll an und küsste ihn kurz. „Die haben mir nur geholfen, das zu tun, was ich schon längst hätte tun sollen.“

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16066

Das Kanin

Für Doris

Es urteilt sehr von oben hin
Die Fachwelt über das Kanin
Hat ihm das –chen nur angefügt
Weil ihm sein Lebensstil genügt

Nicht jagt es Reh noch Antilope
Doch stünd’ ihm solches zu Gebote
Und dass man seine Macht vergisst
Geht zurück auf Merlins List

Gefürchtet war im Mittelalter
Der mutige Kaninenhalter
Das Kanin war wild und rau
Und fraß zum Frühstück manche Sau

Der Tribut war unerträglich
Den Bauern ging es klag und kläglich
Doch zollten sie ihm Speis und Sachen
Schließlich tötete es Drachen

Gehalten war’s schon schwere Last
Als Wildkanin war es verhasst
Berittene Kaninenhorden
Erfreuten sich an Raub und Morden!

Geschickt ward d’rum, um Rat zu fragen
Nach Kanin Merlin hoch an Tagen
Dem weisesten aller Kanine
An seinem Waldhütten-Kamine

Dieser kam und sah sich’s an
Kratzt sich die Ohren dann und wann
Und verlangt’ ein Honorar
Das wirklich unbescheiden war

Der Landverwalter buckelte
Woraufhin Merlin ruckelte
Auch sehr würdig zuckelte
Und am Starkbier nuckelte

Darauf zog er sich zurücke
Und erfand sein größtes Stücke
Das Medizin-Kanin erfand er
In Scharen fiel es übers Land her

Und verkündet‘ neue Lehre
Eine stolze, eine hehre
Die jedem ehrlichen Kanin
Tief im Herzen sich verfing

Ihr mögt, sprach‘s, stark und mächtig sein
Die Menschen liefern euch die Schwein‘
Und ja, ihr lebt in Saus und Braus
Doch eines Tags ist’s damit aus

Was habt ihr dann bewirkt im Leben
Außer Zittern, Zagen, Beben?
Wär’s schöner nicht, geliebt zu scheiden?
Wär’s edler nicht, sich zu bescheiden?

Zu nähren sich von Gras und Kräutern
Die Körper, Geist und Seele läutern?
Die Jagd hilft nur sich abzulenken
Und schadet Sehnen und Gelenken

Blutrünst’ger Ehrgeiz ist für Narren
Die Weisheit liebt es auszuharren
Der nobelste Behuf von Tieren
Ist Weltbeschau und Meditieren

Und Kanine, gebt es zu
Nach Gelassenheit und Ruh
Sehnt sich euer tiefstes Streben
Wann wollt er dieses Streben leben?

Legt ab den Weltbezwingungswahn
Ihr Kanine wild und zahm
Er entspringt nur nied’rem Triebe
Widmet vielmehr euch der Liebe!

Wer wollte nicht gestreichelt sein
Von Menschenhand – jahraus, jahrein
Anstatt mit Macht sie einzuketten
Zu liefern euch die Schwein‘, die fetten

Wer wollte nicht im Kreis sich sammeln
Um nach Herzenslust zu rammeln
Und so den Weg des Tantra wandeln
Statt ständig kriegen und verhandeln

Wach auf, Kaninenvolk der Welt
Und sieh, wie’s wahrhaft sich verhält
Ein Schritt nur, mehr ist nicht geboten:
Reicht euch zum Verein die Pfoten!

So kam’s, dass just ein Ungeheuer
Durch Merlins gold’ner Worte Feuer
Von allen Tier’n des Weltgefild‘
Zuerst Vollkommenheit erhielt

Dein –chen, oh Mensch, kannst du dir sparen
Bedenk, was sie dir einstmals waren
Sieh, das erhabene Kanin
Wie weit ist’s heute zu ihm hin.

Ja, so ist der Lauf der Welt
Wer aber selbst Kanine hält
Er streichle diese täglich
Und nähre sie auch redlich.

http://www.thepoke.co.uk/2015/04/05/10-medieval-rabbits-didnt-mess-around/

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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Hinweis für alle, die sich dafür interessieren, wozu ein Kanin noch alles imstande ist:
weiterlesen mit Etwas Fell

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16056

 

Vom Stadtgrün

Palmström kam zu etwas Geld
Und wollt damit erwirken
Dass seine Straße Grün erhält
Er entschied sich bald für Birken

Er investiert’ in 18 Bäume
Die er eigenhändig setzte
Realisierte seine Träume
Auch wenn er das Gesetz verletzte

Schon sah Palmström sich lustwandeln
Im selbstgeschaff’nen Birkenhain
Er wird noch mit der Stadt verhandeln
Doch diese wird verständig sein

Ja, sie wird ihn sogar preisen
Schon die Luftverbesserung
Wird sich als segensreich erweisen
Welch ein Sieg der Aufklärung!

Ach, Palmström, wann wirst du begreifen
Wie immer bist du weit voraus
Wie immer muss die Zeit noch reifen
Deine Birken riss man aus

„Eigenmächtig Pflanzerey“
So war‘s auf einem Schild zu lesen
„Verbietet sich die Magistrey:
Nur sie darf diese Stadt verwesen!“

Palmström wurd‘ fuchsteufelswild
Und beschlug mit starker Hand
Dies Schild mit einem eig‘nen Schild
Worauf wie folgt zu lesen stand:

„Oh, selbstverliebte Magistrey
Befreie dich vom Größenwahn
Und begreif, die Stadt ist frey
Und dir beileib’ nicht untertan!

Verwesen willst’ die Stadt allein?
Du weißt nicht, was verwesen heißt
Du mordest meinen Birkenhain
Was deine Unberufenheit beweist

Denn zum Verwesen braucht’s erst Leben
Und Leben speist aus Moder sich
Aus abgelebten Leben eben
Und dieses ruf zur Rache ich

D’rauf besorgt er Dschungelsamen
Karnivoren, Dornenhecken
Hauswandmoose und Lianen
Und schlich damit von Eck zu Ecken

Ein jedes davon fand bald Halt
Und nach heißen Sommerwochen
Ward die Straß’ zum Urwald bald
Durch den entsprechend Tiere krochen

Vögel, selt‘ne, groß und klein
beherrschten bald das Baumgezweig
Dam- und Rotwild, Fuchs und Schwein
Durchstreiften scheu das Unterzeug

Und während Auerhähne balzten
Baumgiganten krachend fielen
Sauen Autos niederwalzten
Eul‘ und Eulin sich gefielen

Fraß die Wucherung sich weiter
Erfasste andre Straßenzüge
Wurde lang und breit und breiter
beherrscht’ schließlich das Stadtgefüge

Der Mensch behalf sich mit Macheten
Seine Wege durchzubahnen
Trampelpfade sich zu treten
Baute sich Lianenbahnen

Palmström erhielt ein formlos Blatt
Per Affenpost traf dieses ein:
„Wir haben‘s satt, der Sieg ist dein
Es verflucht dich auf immer: der Magistrat!“

Palmström damals noch unerfahren
Im Feuermachen und Glutbewahren
Entbrannte den unsanften Gruß
Als willkommenen Fidibus

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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