Alla Gerber war in Abramcewo

Alla S. Gerber lernte ich in ihrem dritten Leben kennen, wie sie ihre Zeit mit Jelzin nannte. Sie saß als Abgeordnete in der ersten Duma, und Ende der 90-er Jahre machte er sie zur ersten Direktorin des eben gegründeten Moskowskij Zentr Golokost (MZG). An dieser Institution arbeiteten auch die österreichischen Gedenkdiener, die von der Botschaft, also von mir, betreut wurden.
Alla war eine schöne, elegante Dame von siebzig plus, geistig und körperlich agil, wortreich und voller Energie. Wir konnten von Anfang an gut miteinander und setzten viele Pläne um. Da schienen sich zwei Gleichgestimmte getroffen zu haben. Gesegnet mit einer großen Portion Humor, mit dem sie auf ihre drei Leben blickte.
Und hallo, jetzt kommt das vierte mit dir!

Als öffentliche Figur wahrgenommen habe ich Alla S. Gerber schon früher, als absolute Ausnahmeerscheinung im russischen TV, in den Endlosübertragungen aus der eben entstehenden Duma, die sich gerade damit mühte, sich vom Obersten Sowjet zu einem richtigen Parlament zu entwickeln. In dieser historischen Zeit hielt ich mich manchentags bis zu 16 Stunden im Kreml auf. Es gab noch keine Handys.

Aller S. Gerber war dabei eine wichtige Stimme. Sie war elegant und gestylt, redegewandt, emotional, doch ohne nationalistisches Pathos und immer mit einem Schalk im Auge. Ich mochte sie schon aus der Ferne. In diesen Jahren lernte ich nur noch zwei andere Frauen kennen, die mich so beeindruckten. Die eine war Galina Strarowoitowa, die mutige Petersburger Abgeordnete der neuen Demokraten, ermordet von der Mafia im zweiten Wahlkampf. Mit ihr hatte ich aber nur ein schnelles Gespräch während einer krawallischen Demonstration. Und in Tatarstan die islamische Präsidentin Ibragima Selimwowitschna Karaulowa der autonomen Republik Tatarstan Schön, aufrecht, in traditioneller Prachtkleidung, ohne Kopftuch mit einem dicken schwarzen Haarzopf über der linken Schulter. Absolut souverän und überzeugend, unterstrichen von ihren fast zwei Metern. Die Entwicklung eines aufgeklärten russischen Islam, das war ihr Projekt, heraus aus der Verbannung.
Ich traf sie nur einmal in ihrem Palast in der Hauptstadt Samara zu einem Interview. Im Duma-Fernsehen war sie oft beeindruckend anwesend. Aber Alla Gerber habe ich kennengelernt, wirklich und leibhaftig. Und mich mit ihr befreundet, wie ich meinte. Was für ein Irrtum!

In meinem persönlichen Ranking stand Alla Gerber an der Spitze.
In der ersten Amtszeit des russischen Präsidenten war sie Abgeordnete für den Wahlkreis Birobitschan, früher eine autonome Region, die Stalin für die Sammlung der sowjetischen Juden ausgedacht hatte. Eine sowjetische Phantasie wie Madagaskar oder Uganda auf der anderen Seite, alle Juden in einem Gebiet zu versammeln. Birobitschan ist ein Landstrich in Ostsibirien von der dreifachen Größe Deutschlands, ein Binnengebiet ohne jegliche Aussicht auf Prosperität, mit einer menschenfeindlicher Natur in der unfruchtbaren Tundra und fast menschenleer. Sie bekamen nie genügend Männer zusammen für einen einzigen Kaddish. Die Urvölker wie die nomadischen Ewenken, Nanken oder Tschuktschen hatte man schon im ersten Fünfjahresplan vertrieben, umgebracht oder in Kolchosen kollektiviert. Eine alte Regel, aber noch schlimmer als in der zaristischen Kolonisierung Sibiriens.
Zumindest das Nomadentum hatten ihnen die Zaren nicht austreiben wollen.
Die freiwilligen Ansiedlungskampagnen von Juden hatten nie Erfolg, zwangsmäßige gab es bis auf kleine Ausnahmen keine. Sie setzten Ende der 30-er Jahre ein, wurden aber mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion eingestellt. Aber darüber weiß man noch sehr wenig, gibt auch Alla zu. Sie würde das gerne erforschen, wenn man sie lässt und ihr Gelegenheit gibt. In die Thematik des deutschen Golokost Zentr passt es allerdings nicht. Denn der sowjetische „Golokost“ mit den vorgelagerten Fragen zum sowjetischen Antisemitismus ist noch immer kein Thema.

Das würde sie gerne noch erleben, sagt sie. Sie schildert ihre Erschütterung über den neuen Antisemitismus in Erinnerung an die jüngsten Ereignisse in Belarus. Sie hatte unlängst als Präsidentin des MZG bei Minsk und Mogiljew Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust eröffnet, am nächsten Tag waren sie verwüstet, bis zur letzten kleinen Tafel zerschmettert und in den Boden getreten. Das gleiche Bild im westrussischen Smolensk und Kaluga. So wie Alla ist, erzählt sie ungeschützt, dass sie selbst das Wort Golokost nicht kannte, am Anfang nicht aussprechen konnte und üben musste, ein Zungenbrecher, im Russischen vollkommen ohne Bedeutung. Genauso wie Shoah, nur kürzer.
Eine Gedenkkultur über die Vernichtung der europäischen Juden durch das Nazi-Regime gibt es in Russland nicht. In der Sowjetunion war es verboten, ein Volk oder eine Nationalität auszuzeichnen für den jeweiligen Beitrag zum Sieg über den faschistischen Feind. Es gab nur das EINE siegreiche sowjetische Volk. Keine Zahlen, kein Gedenken, keine Denkmäler.

Jahrelang ging ich durch den pompösen Eingang des Schriftstellerklubs in Moskau, bis ich einmal innehielt und die Gedenktafel für die im Großen Vaterländischen Krieg geopferten Mitglieder, eingemeißelt in Goldbuchstaben in zwei langen Marmortafeln, las. Meiner Zählung nach war es etwa ein Drittel mit mir jüdisch erscheinenden Namen. Kein Garant, denn bei der Stalin‘schen Verfolgung der „jüdischen Verschwörung“ um 1948 ließen viele russische Juden ihren Namen in einen unverfängliche Iwan Simonow oder Sergej Iwanow umändern.

Jelzin meinte mit der bekannten Menschenrechtlerin Alla Gerber – ob er wusste, dass sie Jüdin, war, weiß sie selbst nicht – die ideale Kandidatin für diesen fernen Landstrich gefunden zu haben. Ein historischer Witz der besonderen Art, meinte sie, ohne Groll. Sie hatte weder etwas mit Birobidschan noch mit dem Judentum am Hut. Ihre Familie, kommunistisch assimilierte Intellektuelle, Universitätsprofessoren, Anwälte, Kaufleute und Journalisten, stammte aus Kiew und wurde von den Nazis vollständig ausgerottet.
Als kleines Mädchen von menschenfreundlichen Nachbarn zuerst versteckt und dann nach Moskau gebracht. Nur der Überfall auf die Sowjetunion und der Holocaust hatten sie indirekt zu einer Jüdin gemacht.
Als sich die Nachricht vom Heranrücken der Wehrmacht auf Kiew verbreitete, setzte sich ihr ältester Bruder in Kiew auf eine Parkbank, in seiner besten Kleidung, mit Gehstöckchen, Hut und einer Ausgabe der Times unter dem Arm. Er wartete auf die Befreiung von Kommunismus und der Unfreiheit durch das Kulturvolk der Deutschen. Er war Journalist mit Hang zum Dandytum und glühender ukrainischer Anti-Kommunist. Niemand konnte ihn überzeugen, dass er fliehen müsse, solange er noch konnte. Er wollte das nicht glauben.
Alles verdammte kommunistische Propaganda. Ein Volk, das einen Kant, Beethoven und Nietzsche hervorgebracht hat, unvorstellbar …, das sind unsere Befreier, die konnten doch nicht ..., nein, unmöglich!

Jakov S. Gerber war wahrscheinlich einer der ersten von den 30 000 Kiewer Juden, der für den Todesmarsch nach Baby Jar eingesammelt wurde, von der Bank im Stadtpark aufgelesen.
In ihrem zweiten Leben war Alla Gerber Journalistin und wissenschaftliche Übersetzerin für Englisch und Französisch. Eine relativ ruhige Bucht ohne Ideologie. Sie war die geborene Dissidentin, meint sie, mit dieser Familiengeschichte nicht anders möglich. So gehörte sie zu den 14 Demonstranten, die 1968 in Moskau gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei demonstriert haben. Später, im Helsinki-Prozess, setzte sie sich für die zwangshalber in die Psychiatrie eingelieferten Intellektuellen und Künstler ein, eine professionelle Dissidentin. Mehrmals festgenommen, verhört, aber nie verurteilt, nie im Gefängnis oder Lager.

Seit Gorbatschows Glasnost und Perestroika war sie Dauerdemonstrantin in allen Teilen der Sowjetunion, sie unterstützte den Bergarbeiterstreik in der Ukraine, die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen und kaukasischen Republiken, reiste unermüdlich durchs Land und stellte Dokumentationen für Zeitungen und das Fernsehen zusammen. Dazu übersetzte sie unermüdlich bis dahin in der Sowjetunion verbotene Bücher und gab viele russische Autoren heraus. Eine wunderbare Zeit, die schönste, erinnert sie sich, weil die Menschen voller Hoffnung waren, Morgenluft von Freiheit witterten. Am Horizont dämmerten die ersten Strahlen einer russischen Demokratie. Alles schien möglich. Russland würde sich selbst befreien können und in den Strom der allgemeinen Menschheitsgeschichte zurückkehren. Ich pflichtete ihr bei, hatte ich doch diese Jahre als Journalistin genauso erlebt. Ich vermute, das gefiel ihr an mir und verband uns. Endlich eine Ausländerin, der man nicht alles vom kleinen Einmaleins an über Russland beibringen musste.
Ich arbeitete in vielen Projekten mit ihrem MGZ zusammen. Ich wage zu behaupten, dass ich es zusammen mit der engagierten Arbeit der Gedenkdiener zu einer gewissen Blüte und Bekanntheit bringen konnte. Von der Wiener Zentrale hatte ich volle Unterstützung, es waren die Jahre nach Vranitzkis Gedenk-Rede.

Langsam wurden wir so gut miteinander bekannt, dass ich es wagte, sie auf meine Datscha in Abramcewo einzuladen. Dieser Ort war mein privates Sanktissimum, das öffnete ich nicht jedem.
Ein wunderbarer August-Samstag, ich holte Alla an ihrer Wohnung beim Gagarin-Platz ab, und wir schaukelten in meinem Jeep Nissan Patrol über die Jaroslawskoje Schossee aus Moskau raus nach Nord-Westen in Richtung Sergijew Posad. Im Fond meine jugoslawische Hündin Laika und mehrere Katzen, alle vom Dorf.

Ein Bilderbuch-Sommertag, fast kitschig, fast schon zu oft beschrieben in der russischen Literatur. Ein spätes Mittagessen im Garten, ein kleiner Spaziergang zur heiligen Quelle des Sergius von Radonesch, Kaffee-Jause, Gespräche, Alla im Liegestuhl ruht und döst, die Brille sinkt auf die Zeitung. Der Hund und die Katzen tollen im Gras. Einige Vogelstimmen, ansonsten Stille. Eine wahre Idylle, kann man das nennen, Frieden pur. Als sie unter den niedrigen Strahlen der westlichen Sonne die Augen aufschlägt, fällt ihr der Kirschgarten ein, obwohl es außer einer verkrüppelten Weichsel bei mir keine Ähnlichkeit zu den Cechow‘schen Gärten gibt. Alles umstanden von hohen Nadelbäumen. Wissen Sie was, es ist noch schöner bei Ihnen, weil hier keine Menschen ständig allerhand unnützes Zeug reden. Sie hatte wieder die Cechow-Bilder vor sich oder auch zeitgenössisches Datschen-Leben.

Beim Abendessen wieder meine tausend Fragen zu Allas Leben. Sie leistet keinen Widerstand. Offenbar kann ich sie zum Erzählen anregen. Mein Journalisten-Blut ruht nicht, alles wissen und verstehen zu wollen, und Alla ist eine faszinierende Erzählerin. Sie kann in ihrer Lebensgeschichte auf- und abgehen wie in einem breiten Stiegenhaus. Es ist Weltgeschichte im Brennglas eines einzigen individuellen Lebens. Die berühmte Fliege eingeschmolzen in einen Tropfen Harz, 44 Millionen Jahre im Bernstein. Das alles garniert mit einer Fülle von Selbstironie und Souveränität. Als politische Aktivistin, Wahlwerberin und Deputierte zur Duma hat sie auch viel Dramatik angesammelt, viele Einblicke, viele Anekdoten. Wir lachen gemeinsam, und ich kann gar nicht genug davon kriegen.
So kommt auch die Geschichte ihres ältesten Bruders ans Tageslicht, ihre Kindheit im Kiew der Vorkriegszeit, das Wenige aber deutlich, ihre Eltern, die noch auf den Ansiedlungsrayon beschränkt waren, sich von der bolschewistischen Revolution befreit fühlten und die Chance bekamen, sich zur Elite hochzuarbeiten. Für mich Zeitgeschichte eins zu eins. Sie wundert sich selbst, sie erzählt das alles zum ersten Mal jemandem Fremden.
Obwohl, wenn sie es so bedenkt, hat sie ihr Leben immer auch für den Dandy-Bruder gelebt. Es geht ihr erstaunlich leicht von den Lippen. Wie es im Herzen aussieht, kann ich natürlich nicht sehen. Trotzdem kommt es zum ersten Du-Angebot. Einfach Alla-Veronika, sie will keinen Vaternamen, nicht wegen des Solomonowitsch an sich, sondern wegen der Länge. Wir waren ausgelassen und entspannt. Auch sie war an meinem Leben interessiert. Eine neue Freundin in Moskau, dachte ich.

Für Alla ist das Gästezimmer vorbereitet, sie möchte sich zurückziehen, vermisst aber zuletzt ihre Lesebrille. Wir suchen sie in ihrem Gepäck, mit Taschenlampen im Garten, im Haus, in Küche Badezimmer und Garderobe. Vergeblich. Macht nichts, sie ist ohnedies zu müde zum Lesen. Ein langer Tag. Alla legt sich schlafen.
Wenig später entdecke ich beim Aufräumen des Tisches die Brille unter einer Schüssel. Ganz sicher bin ich, dass ich im Bewusstsein meiner neuen Vertrautheit mir vorgenommen habe, sie auf ein neues Modell einzuladen. Dieses alte sowjetische Gestell passte einfach nicht zu ihr, sonst in allem so elegant. Schnell mache ich noch einen Tee, stelle Kanne und Tasse auf ein Tablett, lege dazu die Brille, stolz. Ich klopfe leise an ihrer Tür, lausche, höre keine Antwort und trete trotzdem ein.

Dieser kleine Schritt sollte einer meiner größten Fehler sein. Im Licht der kleinen Nachttischlampe sehe ich, wie sich ihr Oberkörper aufbäumt wie unter dem Schlag eines Defribrillators. Dazu schmeißt sie in heftigster Abwehr die Hände nach vorne und schreit in höchster Stimmlage: Won, won, won - weg, weg, weg, immer wieder, es steigert sich, ich geh nicht mit, weg, weg von hier. Dabei sind die Augen aufgerissen, größer, runder und hohler als im Schrei-Gemälde. Wahrscheinlich verstärkt durch das Fehlen der Zahnprothesen. Bin nicht sicher, wage nicht richtig hinzusehen und zittere immer noch vor diesem Anblick.
Ich war zu der geworden, die sie abholen sollte, wie ihren Bruder und die ganze Familie.
Mir gelang es gerade noch, mich mit dem schwankenden Tablett zurückzuziehen. Drei Zimmer weiter in meinem Bett sitze ich die ganze Nacht aufrecht und zitterte. Ich hatte in die Hölle geblickt.

Wir frühstückten am nächsten Morgen wenig und stumm. Welche Worte hätte es geben sollen? Draußen wieder ein traumhaft schöner Tag. Alla packte ihre Sachen und bedeutete mir, dass sie sofort nach Moskau zurückfahren wollte. Won-weg. Auch die Fahrt zurück wortlos, kein Blick, keine Verabschiedung. Nicht einmal ihr Gepäck darf ich hinauftragen. Nur weg von mir und diesem Erlebnis. Mehrmals habe ich angerufen, ohne Antwort, mehrmals an ihrer Wohnungstür am Gagarin-Platz gekratzt, habe gejault wie ein verstoßener Hund und die Türschwelle abgeleckt, die Taschen voll mit Geschenken und Leckerbissen, die sie mochte. Zum Beispiel, alle Sorten von Danone-Joghurts, damals neu in Moskau und bisher nur in meinem Supermarkt zu haben. Ich ließ sie da stehen. Die Berge von Joghurt vor ihrer Türe waren das Letzte. Eine banale Scheiße. Trauer, Hohn und viel Wut. Das ist alles, was du mir lässt?

Eine Entschuldigung vielleicht, Vergebung, aber wofür? Verbrechen und Strafe. Was hatte ich getan, ihr angetan? Ging es ihr besser so? Ich lebte einige Zeit in einer Zwischenwelt von Schuld und Sühne und hoffte nur noch, dass der Schock erst bei ihr, und dann bei mir nachlassen würde.
Alla mitsamt ihrem S zwischen dem Gerber wollte mich nicht sehen. Und tatsächlich habe ich sie auch nie wieder gesehen.

8.7.17

Veronika Seyr
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