Der Zauber der Morgendämmerung

Nach dem Aufwachen an einem frühen Sommermorgen beobachtete Ed fasziniert die Silhouette der Stadt. Die Sonnenstrahlen tauchten die Dächer nach und nach in ein goldenes Licht. Manchmal lohnte es sich doch, eher aufzustehen als üblich. Er wollte seinen freien Tag gut nutzen. Er schlurfte in die Küche und schaltete seine Kaffeemaschine ein.

Eine schwarz-weiße Katze streunte grazil über die Regenrinne des benachbarten Mehrfamilienhauses. Ihr Fell reflektierte die Morgensonne. Das Tier beobachtete die Umgebung.
„Suchst du wohl etwas?“, fragte er amüsiert.
Die Katze sah ihn an und schlich weiter.
Er bildete sich ein, einen leisen Vorwurf in ihrem Blick bemerkt zu haben.

In einem Dachgeschossappartement ging das Licht an. Ein Mann im karierten Schlafanzug riss das Fenster weit auf. Er putzte sich die Zähne und betrachtete die Umgebung.

Verschlafen setzte sich Ed an den Küchentisch. Er drehte seine Tasse in der Hand und wartete ungeduldig auf seinen Kaffee. Die Maschine stotterte noch.

Unter einem Erker gurrten zwei Tauben in ihrem Nest. Sie freuten sich vermutlich ebenfalls über den anbrechenden Tag.

Auf der gegenüberliegenden Terrasse machte eine Nachbarin Yoga. Bei ihr wirkten die Übungen mühelos. War das etwa der Herabschauende Hund? Ed erinnerte sich an die kläglichen Versuche, die er letzten Monat im Fitnessstudio unternommen hatte.

Die milde Brise erfrischte Eds Sinne. Noch einmal gähnen und strecken.

Die Morgendämmerung verdrängte Zentimeter für Zentimeter, Ziegelstein für Ziegelstein den dunklen Schleier der Nacht. Die netzartigen Reflexionen der Fensterscheiben zeichneten sich auf der gegenüberliegenden Wand wie Spinnennetze ab.

Eine Nachbarin schräg unter ihm goss einfühlsam ihre Sonnenblumen und Dahlien. Dabei las sie ihnen Geschichten aus dem Amazonas vor.

Die Katze pirschte sich auf Samtpfoten wie ein Dieb an das Taubennest heran. Doch die Vögel flogen im letzten Moment davon und ihr plötzlicher Flügelschlag unterbrach die Stille des Morgens.
„Du warst also auf der Jagd“, sagte Ed lächelnd zur Katze. „Nicht unbedingt erfolgreich. Doch dafür kannst du auch den sonnigen Tag genießen.“

Die erste Straßenbahn schlängelte sich zwischen den Häuserschluchten hindurch und die Autofahrer hupten die vorbeieilenden Passanten an. Die Stadtbewohner hasteten zur Arbeit wie die Ameisen nach dem Regen.

Der wohlriechende Duft erinnerte Ed daran, dass sein Kaffee fertig war. Er goss ihn in die Tasse und nippte daran, bereit, den Tag zu beginnen.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26249

Ein Gedanke zu „Der Zauber der Morgendämmerung“

  1. Robert+Müller

    Recht schön und nachdenklich-nachvollziehbar geschrieben, nein, gedacht. Könnte/Sollte uns vielleicht daran erinnern dass wir unserer Umwelt auch einmal wohlwollende Beachtung schenken.
    mlg Robert/Bockfließ

    Antworten ↓

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