Archiv der Kategorie: Robert Müller

Lob des Zornes

Herrlicher, heilsamer Zorn, wie gut, dass es Dich gibt. Du bläst als reinigender Sturm die dürren Blätter und den fauligen Mief des Lebens fort, Du gibst uns Kraft und Mut, das Notwendige oder Überfällige gleich herzhaft anzupacken und Entscheidungen zu treffen.

Wer sich schon lange Zeit zu nichts aufraffen konnte, wer müde/kraftlos/depressiv ist, dem verhilft der Zorn zu ungeahnter Energie – auf einmal geht einem von der Hand, was man so lange vor sich hergeschoben hat. Es wird etwas erledigt – und zwar gleich! Und siehe da, der Dreck beißt nicht, und die Bugwelle des Zorns schwemmt trübe Wehleidigkeiten und Kannichnicht und Gehtdochnicht glatt hinweg.

Wer sich wie ein Schaf aufführt, wird auch als solches behandelt und provoziert selbst seine Missachtung. Wer immer „JA“ sagt und sich anpasst, alles Unangenehme und Ungerechte hinunterschluckt, bis der Kragen platzt, der sagt im Zorn auch einmal die Wahrheit, brüllt seine Empfindungen hinaus, die von seiner Umwelt bislang nicht wahr – oder ernst genommen wurden, der stellt sich endlich auf die Hinterbeine und ist auf einmal jemand, den man nicht mehr so leicht herumschubsen kann!

Wenn etwas nicht geht, wenn man sich auf etwas verlassen hat und es platzt ohne eigenes Verschulden, was auch immer – wenn man einen Zorn bekommt, beginnt plötzlich ein alternativer Denkprozess zu laufen, da sieht man die Dinge auf einmal auch von anderen Seiten, da gibt es auf einmal auch neue Lösungen oder Wege zum Ziel, an die man vorher nicht gedacht hat, da kann es sein, dass man wie von selbst mit Leuten ins Gespräch kommt, die man vorher nicht wahrgenommen hat, da ist wieder die ganze Welt offen, da löst sich die bisherige Betriebsblindheit in Luft auf und das Problem erscheint gesamtheitlich in neuem Licht.

Und ganz wesentlich: In zorniger Unterhaltung sagt man nicht nur mit wünschenswerter Deutlichkeit etwas, sondern da bekommt man ebenso deutlich Tatsachen und Umstände zu hören, die man bisher nicht wusste, nicht wahrgenommen oder deren Gewicht und Zusammenhang man als unwesentlich weggewischt hat. Da werden auch die eigenen Fehler, Versäumnisse und falschen Einschätzungen besprochen und klargelegt, und dass zu vielen Sachen zwei oder mehr gehören, und dass nicht alles selbstverständlich und ausreichend ist, was man bisher dafür gehalten hat. Und dass man auch die zarten Pflänzchen „Rücksicht, Verständnis und Entgegenkommen“ fallweise zu gießen vergessen hat. Zorn ist oft genug ein heilsamer Tritt in den eigenen Hintern, im wahrsten Sinn des Wortes ein Anstoß nicht nur zum Tun, sondern auch zur eigenen Erkenntnis!

Überdies: Fallweise ein erfrischendes Gewitter ist auch für die Partnerschaft ein Segen – da wird einmal „ausgemistet“, da werden gestaute Missverständnisse aus­geräumt, dann ist die Luft wieder rein, man fühlt sich erleichtert. Und wenn das Blut in Wallung ist und kleine Flämmchen aus den Augen sprühen, wird der/die PartnerIn attraktiver gesehen und intensiver gespürt. Die schönsten Versöhnungen sind doch die im … (oder sonstwo). Und beim vertraulichen Duett danach kann auf einmal ohne Vorbehalte und gutwillig über wirklich alles gesprochen werden.

q.e.d.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 15013

Wider den Stachel löcken

„Wider den Stachel löcken“ … eine kaum mehr verwendete Phrase

Der Stachel, wider gelöckt
Hat dem Löcker kaum jemals geschmeckt.
Doch er musste es wagen – die „Wahrheit“ zu sagen
Damit man ihn endlich entdeckt

Wer oder was ist der Stachel? Warum ist er spitz?
Wer ist der Löcker? Und warum löckt er (was weh tut) wider den Stachel?

Biologisch ist der Stachel (im Gegensatz zum Dorn = eigenes Pflanzenorgan) ein Zubehör und Produkt der Rinde, dem Haar auf der Haut vergleichbar. Er hat nur eine einzige Funktion, nämlich seinen Träger zu schützen, dessen Überleben zu sichern. Ganz und gar nicht ist er (der Stachel) ein wohlschmeckend abzulöckendes Genussmittel. Süß ist er auch nicht! Also warum wird er gelöckt, noch dazu wider, das heißt gegen den Strich. Und von wem? Und was soll dieser für den Löcker sehr schmerzhafte Prozess?

Diese schon ziemlich in Vergessenheit geratende Redewendung besagt, dass jemand beispielsweise: gegen die Parteidisziplin handelt, indem er einem Bonzen in aller Öffentlichkeit blöde (weil peinliche) Fragen stellt, und/oder dem Strom der Zeit entgegenschwimmt, d.h. das Gegenteil von dem tut, was von ihm erwartet wird. Auch das kindliche Rütteln am Watschenbaum kommt in die Nähe des Stachellöckens (= auffälliges, kontraproduktives Verhalten bzw. soziologisch(es) Fehl-/unangepasstes Verhalten in der Gruppe).

Den Stachellöcker zeichnen Rechthaberei, Aggression und Mut zum Risiko aus – es ist ja meist sehr ungesund, den Stachel unter Druck einzuspeicheln. Also warum dieser peinliche Masochismus?

Es gibt nur zwei Motive:
Entweder: Der Löcker will bekannt werden, sich von den anderen abheben und den Rest der Herde davon überzeugen, wie gut er ist.
Oder: Er glaubt eine Wahrheit entdeckt zu haben, er will die Menschheit, die Partei oder wenigstens die Abteilung retten.

Und dazu ist ihm jedes Mittel recht bzw. nimmt er die vom gelöckten Stachel aufgerissene Zunge in Kauf, noch dazu, wo er dafür vielleicht einen kleinen Märtyrerbonus erhält oder gar in den Ruch der Kühnheit kommt.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15012