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Brainstorming

In meinem Gehirn summt und brummt es: Train I ride, sixteen coaches long. Train I ride, sixteen coaches long. Well, that long black train got my baby and gone. Train train, comin‘ ‚round, ‚round the bend. Train train, comin‘ ‚round the bend Well, it took my baby, but it never will again (no, not again).
Train train, comin‘ down, down the line …

Da vorne steht der Ober und späht aufmerksam zu mir herüber. Vielleicht hat er damit gerechnet, dass ich irgendwie umfalle und doch zur Milch greife? Seh ich etwa so aus? Irgendwie ist man in meinem Alter ja so ziemlich mit allem durch. Obwohl – der Gedanke daran, nicht mehr so zu können, wie man es bisher für selbstverständlich gehalten hat – na ja. Gewöhnungsbedürftig! Wenn erst einmal das Abgeben schwer errungener Lizenzen kommt? Des Führerscheins zum Beispiel. Das sind Zäsuren! Echte Zäsuren sind das! Das kommt einer Entmündigung gleich! Wenn´s nicht nur mehr bloß um einen Zahn geht, der irreparabel ausgehebelt wird. Das wäre ja noch zu verkraften. Auch ein zweiter. Vielleicht noch ein dritter.

Da! Da liegt ein Haufen Blätter vor mir, alte Urkunden, Ariernachweise und so´n Zeug. Ich versuche, darin zu lesen und mich schlau zu machen, über die Zeit vor mir. Den Großvater, den Johann Bresslar, den hab ich leider nicht mehr gekannt. Mein Bub, soll er immer voll Stolz gesagt haben, wenn er über mich gesprochen hat. Passt’s mir auf meinen Buben auf! Ach, ein männlicher Nachfolger, das war etwas! Das wusste er zu schätzen, er, der in Zeiten aufgewachsen war, in denen Männer haufenweise als Kanonenfutter verbraucht worden waren. Die Großmutter kannte ich noch. Eine sehr strenge Frau war sie. Ich erinnere mich gut. Sehr ernst. Nach dem Mittagsschläfchen hat sie immer Kaffee gekocht, damals, in der kleinen Küche. Ich habe den Geruch noch in der Nase. Wunderbar hat er gerochen, wie heutzutage keiner diesen Duft verströmt. Schwarz hat sie ihn getrunken, so wie ich jetzt, aber im emaillierten Blechhäferl, mit blauen Blümchen darauf. Wahnsinnig gern hätte ich das noch besessen! Und sie hat eine Semmelhälfte eingetaucht, und den aufgeweichten Teil abgebissen. Wieder eingetaucht, abgebissen. Dabei hat sie nicht geredet. Nur das Ticken der Pendeluhr war zu hören. Passt mir auf den Buben auf! Aber niemand hat auf mich aufgepasst, so, wie ich mir das gewünscht hätte.

Niemand hat verhindert, dass ich dorthin komme, wo ich jetzt bin. Was soll´s? Alte Leute haben auf mich seit jeher eine ungeheure Faszination ausgeübt, vielleicht durch ihre Abgeklärtheit? Durch die Ruhe, die sie ausstrahlen? Weiß nicht. Ich habe das Gefühl, mit uns wird man nicht so ehrfürchtig umgehen, wie wir es mit den Alten gehalten haben, damals eben. Die Jugend heute hat keinen Respekt vor den Alten. Sondermüll, sagen die. Steh‘n bloß im Weg herum und sind für nix gut, sagen die. Wofür sollte man etwa eine Familienchronik schreiben, für wen, frage ich mich? Die Jungen lesen das ohnehin nicht. Dieser Standesbeamte scheint sich offensichtlich bemüht zu haben, schön zu schreiben. Die schlampigen „n“ und „e“ sind trotzdem schwer zu unterscheiden!

Wenn doch mein Vater oder meine Mutter oder eigentlich beide (wieder ein Romananfang) – denn beide waren gleichmäßig dazu verpflichtet – hübsch bedacht hätten, was sie sich vornahmen, als sie mich zeugten! (Laurence Stern. Tristan Shandy) Hätten sie geziemend erwogen, wie viel von dem abhinge, was sie damals taten! Jedenfalls, dass alles Mögliche dadurch bestimmt worden war, durch das Werkzeug der Vorsehung, oder wie auch immer man es zu nennen vermag, …

Zollwachtmeister also. Großvater war k. u. k. Zollwachtmeister. Merkwürdig. Ich erinnere mich noch, Mutter hat erzählt, dass er wegen Fettleibigkeit ins Flachland versetzt worden ist, damals, unterm Kaiser. Aus Bayern, nahe dem Böhmerwald, in den Flachgau. Grenzgendarm war er. Zollwache oder so. Aber die Berge waren zu hoch für ihn. Das hat er nicht mehr geschafft, keine Luft gekriegt, der Arme. Ich hebe den Kopf. Der Glatzkopf da ist mir schon vorhin aufgefallen, als ich über den Volksgarten in die Stadt spaziert bin. Ganz in Schwarz. Uniformes, das für uneingeschränkten Erfolg bürgen soll. Städtisches Ökonomiesoldatentum! Gleichgeschaltet, mit Telefon im Ohr und Laptop am Rücken. Man sollte ihnen das Telefon gleich in die Haut implantieren, der leichteren Handhabe wegen. Ein Theater. Meinen gewohnten Spaziergang durch die Stadt habe ich heute in der Gegenrichtung begonnen, über die Stadiongasse. Gleich zu Anfang hat mich die Silhouette der Michaelertor-Kuppel im diesigen Morgenlicht begrüßt.

Ich behalte mein Ziel im Auge, denn unmittelbar daneben ist das Café Griensteidl zu finden, Schauflergasse. So bummle ich, flankiert vom Rathauspark und seinen riesigen Baumwipfeln sowie der Westfront des Parlaments – ach, da ist ja der ehemalige Finanzminister! Was macht denn der noch hier? Mit Aktenmappe? Seniorenbundagenden erledigen. Repräsentable Limousinen und Sportwagen vor dem Hohen Haus, muss man sagen. Es geht uns offenbar gut! Kein Wunder, bei den Steuern? Frau Athene in neuem Glanz. Die barockisierten Minarette im griechisch-römischen Stil – auch frisch vergoldet. Das ist nicht gegen die Bauordnung? Artfremd sagen sie heute, wenn etwas so emporragt. Halb zehn. Der Tag ist noch jung.

Langes Zugfahren ist anregend für intensives Brainstorming. Was mir da alles durch den Kopf geht, wenn ich zum Fenster hinaussehe und die Landschaft an mir vorüberrast. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Ich muss lachen. Kennst du das? Pension Schöller, Theaterstück. Der Major: Hier ist der Feind gestanden, und da wir. Wääären wir hier und der Feind dort gestanden, wäre alles ganz anders gekommen! Ja, höchst wahrscheinlich wäre alles ganz anders gekommen.

Hätte ich neulich im Kino nicht Sportgummi gekaut, hätte ich meine Plombe am Stockzahn noch. Ich sitze mit meiner Frau in einer Hommage an das goldene Zeitalter des amerikanischen Musicals und versuche soeben, die ausgelassene Stimmung dieses Feelgoodmovies auf mich herüberzuladen, da war es auch schon passiert. Zwischen Nostalgie und Identitätskrise einer Love-Story-verdächtigen Tanzszene wandelt sich nicht bloß die Geschichte der beiden Hauptdarsteller in, wie man so schön banal sagt, in jenes verdammte Ding, wie es das Leben eben schreibt, da spüre ich schon einen Felsbrocken zwischen dem süßsauren Zuckerschmelz klirren und flugs spucke ich das Corpus Delicti in meine Hand. Ich brauche nicht nachzusehen, worum es sich handelt, denn meine geschickte, oder besser geschockte Zunge hat das Loch dieses Amalgam-Asteroiden im verdächtigen Zahn bereits geortet und voll Entsetzen über seine Ausmaße darin herumgebohrt. Hätte ich also keinen Sportgummi gekauft, wäre alles ganz anders gekommen.

Wäre ich nicht schon berufstätig gewesen, hätte ich mein Medizinstudium fertig gemacht. Hätte ich meinem besten Freund während einer Party vor dreiundvierzig Jahren nicht eine neue Bekannte ausgespannt, wäre sie heute nicht meine Frau und so weiter. Tja, wäre ich Alexander, der Sohn Philipps II. von Makedonien und der Olympia von Epirus, wäre ich auf Wunsch meines Vaters von dem berühmten Philosophen Aristoteles erzogen worden. Hätte was, nicht? Ich hätte im Alter von zwanzig Jahren den Königsthron bestiegen und, nachdem mein Vater ermordet worden wäre, das scheint mir Usus in solchen Königskreisen gewesen zu sein, hätte ich mich als Führer eines makedonisch-griechischen Heeres aufstellen lassen. Einfach so. Ohne Bewerbungsschreiben und Hearing. Klasse, oder? Aber, hätte ich das wirklich gewollt? Du kennst mich doch, ich habe nicht das Zeug zur Führernatur und auch nicht den Willen, eine solche zu sein. Ich müsste übrigens das Heer des Perserkönigs Dareios des Dritten erfolgreich, versteht sich, schlagen. Das täte mir leid, denn ich finde die Perser sind im Grunde nette Leute, als was sollte das? Und dann das viele Blut und die ganze Schweinerei drumherum. Nein, das wär nichts für mich.

Ich war einmal in eine Perserin verliebt. Sie hieß Sayeh, das heißt angeblich Schatten. Sie hatte mir erzählt, ihr Vater wollte sie so genannt haben, damit sie ihm sein Schatten in der Gluthitze der persischen Sonne sein möge. Ich habe sie vor vierzig Jahren aus den Augen verloren. Doch dann, ich hatte da einen Deutschschüler, für den habe ich im Netz etwas gesucht und bin auf einen Namen gestoßen, der mich an den ihren erinnert hat. Dort habe ich angesetzt, nach ihr zu suchen und ich entdeckte eine Bekannte aus der Vergangenheit und deren Telefonnummer. Nach einem kurzen Brief schickte sie mir eine SMS mit Sayehs Adresse. Und seither scheiben wir uns ein wenig oder telefonieren. Hast du mich gefunden, hat sie geschrieben und das klang – irgendwie überrascht, aber doch so, als hätte sie eines Tages damit gerechnet. Sie hat zwei bildhübsche erwachsene Töchter, die beide in Paris studieren.

Als ich sie bat, mir ein Selfie zu schicken, hat sie abgelehnt und gemeint, besser nicht, du wirst fürchten dich (sic!). Ich kriegte dann aber doch ein paar Fotos, und wir haben alte Erinnerungen und auch Fotos ausgetauscht, die überraschend bei uns beiden aufgetaucht sind. Und ich musste mich nicht fürchten, sie sieht immer noch gut aus und sie hat gesagt, ja, aber jetzt sind wir alt. Womit sie leider Recht hat. Nun bin ich aber froh darüber, nicht Alexander zu sein, obwohl ich billig nach Indien gekommen wäre, dort wollte ich schon als junger Mann hin, als die Hippies dorthin zogen. Doch auch dahin bin ich zu spät gekommen, wie sonst auch überall hin. Aber das Ende, also wenn du dir das anhörst, irgendwann hätte ich zu einer Massenhochzeit geladen, lese ich, und dabei zehntausend Perserinnen und Makedonier miteinander verheiratet. Damit fange ich leider nichts an. Mit derartigen Events habe ich nichts am Hut. Wie auch immer, in Babylonien jedenfalls hätte es mich erwischt, da wäre ich an Malaria gestorben. Pech gehabt, nicht? Und das hätte ich nicht gewollt, ehrlich. Aber was fange ich hier Grillen?

Der Tag ist also noch jung, bemerkte ich vorhin. Nur ich bin es nicht mehr. Sayeh hat es mir bestätigt. Ich spüre, wie die Zeit rinnt, unaufhörlich. Hier unten am Ring zähle ich jede Sekunde ein Auto, zwei sogar. Überall sitzt nur eine Person drin. Arme Umwelt. Zwei Mädchenporträts von Gustav Klimt und der Künstlercompagnie im Belvedere – und irgendwann wird mich so ein Radfahrer niederfahren, das seh ich schon kommen. Ich bin im Volksgarten – und – gerettet! Eine hochgewachsene, gelb-orange Valencia unter tausend anderen Rosen. Bildschön! Daneben, derzeit blütenlos, Ricarda. Vielleicht findet sie keinen Partner? Buchs in Fragezeichenformen. Peinlich genau zugeschnitten. Eine Kunst, so etwas. Der alte Theseustempel – stillschweigendes Relikt längst vergangener Zeiten. Die Treppen heute völlig unfrequentiert. Sie haben ihn zu Tode renoviert, mit Lack oder so einem Zeug. Ehemals war er aus Sandstein. Davon ist heute nichts mehr zu bemerken. Wahnsinnstat am Heldengrabmal. Auf den Bänken rundum sitzen Touristen und Pensionisten. Davor eine Gruppe Japaner in Tai-Chi-Trance. Haben ihre Arme hoch erhoben und lassen sie wehen wie Birkengeäst im Winde. Zwei üben Fächertanz, lassen den Fächer knallen wie die Aperschnalzer im Pongau. Die wüssten auch nicht, was unsere Älpler damit darstellen möchten. Trotzdem sieht es elegant aus! Unglaublich, was für riesige Hunde sich manche Leute halten! Wo verstecken sie die bloß in ihren engen Wohnungen? Meine Nationalbibliothek! Ach, wie lange habe ich dort beinahe schon gewohnt? Unten, im Tiefspeicher? Tonnenweise Bücher vor mir auf dem Tisch. Ein kleines Vermögen habe ich hier in Kopien investiert. Und – ich stehe auch in einem Regal, für die Ewigkeit. Also bin ich unsterblich. An manchen Tagen jedoch fühle ich mich aber eher sehr sterblich. Ich gehe über den Ballhausplatz, lasse die Hofburg rechts liegen. Wie leicht sich das sagt, hätte ich sie mitnehmen sollen? Was meinst du? Ich gehe in Richtung Schauflergasse. Gott sei Dank, jetzt ich bin am Ziel.

Aber ich bin ja da. Bin schon da! Und habe es gar nicht gemerkt. Die ganze Zeit über bin ich schon hier. Im Griensteidl. In Gedanken ziehe ich noch einmal die Glastür auf, sondiere in Sekundenschnelle das Terrain und finde meinen Tisch, lasse mich auf die kleine, von dunklen Holzwänden umgebene, mit rotem Plüsch überzogene Zweierbank fallen, an einem kleinen, runden Marmortischchen. Nun sitze ich schon seit einer Stunde hier. Immer wieder rekonstruiere ich, wie ich hergekommen bin. Meine Gedanken gehen im Kreis. Die Yuppie-Tussi, ich weiß. Jetzt könnte sie wirklich zu telefonieren aufhören. Typisch, trinkt natürlich Kaffee Latte. Modegetränk. Das passt zu ihr!

Kaffeehäuser eigenen sich auch hervorragend fürs Brainstorming. Ich denke an Papa. Der Vater hat alles weggeworfen, was von den Vorfahren stammte. Auf eine wilde Deponie gebracht, würde man heute sagen, fällt mir ein. Am nahen Bach. Mit „alles“ meine ich Großvaters Uniform, den Säbel, den Tschako. Mir kommen fast die Tränen. Ich habe so gerne mit diesen Sachen gespielt. Außerdem – der ideelle Wert von dem Zeug! So etwas ist unwiederbringlich verloren. Irgendwo hätte sich schon ein Platz gefunden für den ganzen Plunder. Vater war das egal. Alles Müll, hat er gesagt. Besonders Militärisches. Passte nicht in seine mühsam erklommene Welt. Neunzehnhundertelfer. Moderne Welt! Zeit ist immer modern. Neunzehnhundertsechzig hat er das gesagt! Lächerlich! Er war ja – irgendwie Pazifist! Zumindest bildete er sich das ein. Die Sachen rochen nach Moder, nach Mottenpulver, weiß ich noch. Der Säbel hatte Rost angesetzt, der war unglaublich schwer für mich, als Kind. Er mochte zehn Kilo gewogen haben. Aber war faszinierend. Hatte ich ihn umgeschnallt, zog ich ihn laut scheppernd hinter mir her. Es musste allen fürchterlich auf die Nerven gegangen sein. Damit spielt man nicht! Ich verstehe es ja … heute.

Die Gedanken. In Gedanken läuft alles ab wie in einem Film. Dann ist der Film zu Ende, und du bist wieder allein.

Norbert Johannes Prenner
Auszug aus dem Roman „Am Ende ist man doch allein“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 17058

 

Sturz

Alles in Ordnung. Das war es, was alle dachten. Bis zu jenem Zeitpunkt, als sein Bruder Torsten anrief und ihm erzählte, wie ihr Kopf auf die Stufen aufgeschlagen war. Und das Blut runtergeronnen war. Was für ein Schock war das für Fred. Und doch keine Überraschung. Eher logische Folge. Das Ungeheuerliche war nur, dass niemand dagegen etwas unternehmen konnte. Nicht einmal sie selbst! Immer tiefer hatte sich Mutter in ihr Drama verstrickt. Wie ein Wollknäuel in Widerhaken. Fred und seine Geschwister, die als Zuseher heranwuchsen, hatten es irgendwann aufgegeben einzugreifen. Jegliche Versuche ihr zu helfen wehrte sie ab. Jede Tragödie wird irgendwann langweilig!, dachten sie. War sie noch so brutal. Konnte man sich den Ausgang auch ausmalen, keiner wollte den mehr mitansehen. Irgendwann jedoch würde er kommen müssen, der Aufprall am Boden. Die Frage war nur: wann?

Abend war’s, als Torsten sich meldete. Und das hieß nichts Gutes. Wenn er sich meldete, dann gab es immer einen Grund; Fred konnte nicht behaupten, dass in seiner Familie einfach so miteinander geredet wurde. Da musste schon etwas Krasses vorgefallen sein! Und diesmal berichtete der Bruder von Mutter und seinem Besuch bei ihr vor ein paar Tagen anlässlich des Muttertags.

Fred hatte den Muttertag schon hinter sich. Ein Pflichttermin auf seiner To-do-Liste. Glücklicherweise war er zu ihr ins Geschäft gegangen, überreichte ihr übers Verkaufspult hinweg seinen Blumenstrauß, drückte ihr Küsschen auf die Wangen und pflegte ein wenig Smalltalk mit ihr. Besser gesagt übte er sich in der Rolle des Zuhörers; denn Mutter riss – wie so oft – sogleich das Wort an sich und ließ es nicht mehr los. Bei diesem Besuch konnte er nichts Besonderes feststellen, neben gewohnten Merkwürdigkeiten. Mehr als eine halbe Stunde werde ich das nicht aushalten können, wusste er schon und hatte sich davor ein Limit gesetzt. Während seines Zuhörens hatte er die Uhr stets im Auge behalten, um ihr genau diese Zeit zu geben. Und keine Sekunde mehr.

Kurz vor Sperrstunde bin ich ins Geschäft rein, setzte sein Bruder Torsten fort. Ein Mann war noch da, mit dem sie sich unterhielt. Gemeinsam kippten sie Wermut. Freilich war mir das schon aufgefallen: sie und der Wermut. Der angeblich ihre Schmerzen im Kreuz und weiß der Teufel, wo sonst noch, lindern und Durchblutung fördern sollte. Aber ich dachte mir nichts dabei. Ihr Geschäft schließlich! Ihr Leben! Was soll man ihr da verbieten? Zumal sie ja eigentlich schon in Pension und auf das Geschäft nicht mehr angewiesen war.

Wir plauderten noch eine Weile, sagte Torsten. Aber am Zungenschlag konnte man schon merken, dass sie betrunken war. Bis zum Zeitpunkt, als sie ‚Sperrstunde’ sagte, war alles in Ordnung. Dann ergriff sie ihre Autoschlüssel. Und ab da ging es los. Was, du willst heimfahren, fragte ich sie. Nach Hollabrunn? In deinem Zustand? – Was heißt in meinem Zustand?! – Mama, du bist betrunken, vollkommen betrunken! Merkst du das nicht? – Ach, Blödsinn! Misch dich da nicht ein! Mir geht’s bestens. Plötzlich ergriff der Mann zu Gast Partei für Mutter: Torsten bräuchte sich keine Sorgen zu machen, seiner Mutter ginge es gut. Wer er war, wollte Torsten wissen, und wie er dazu käme, derartige Aussagen zu machen. Und schon war eine handfeste Diskussion im Gange.

So konnte ich sie unmöglich ins Auto steigen lassen, fuhr sein Bruder fort, er forderte die Autoschlüssel. Gib sie her, die Autoschlüssel. Ich fahre dich nach Hause. – Aber kommt doch nicht in Frage! Mir geht’s gut. Ich kann alleine fahren. – So lass ich dich sicher nicht fahren. Du bist eine Gefahr! Nicht nur für dich, auch für andere. – Die anderen sind mir egal. Ich geb dir den Schlüssel nicht! Und wenn du Kopf stehst. – Na gut, sagte Freds Bruder. Dann fahren wir eben mit der U-Bahn. – Wohin?, fragte sie, ganz erstaunt.
In deine Wiener Wohnung.
Da kann ich nicht hin, erwiderte sie.
Warum denn nicht?, fragte Torsten.
Da herrscht Chaos. Großes Durcheinander.
Macht nichts, entwaffnete er sie. Ein Bett zum Schlafen wird sich schon finden.

Und, was hast du dann gemacht, fragte Fred. Ich habe sie geschnappt und bin mit ihr zur U-Bahn gewankt. Wie naiv von mir. Bei den Stiegen zum Aufgang zur U-Bahn stolperte sie und landete auf ihrem Mund. Direkt auf ihrem Mund! Erst krabbelte sie hilflos wie ein Käfer herum. Und ich versuchte, ihr wieder aufzuhelfen, setzte sein Bruder die Schilderung fort. Blut rann ihr vom Mund übers Kinn den Hals runter. Sie hatte sich die Lippe aufgeschlagen. Schauerlich! Die Passanten starrten uns an, ehe sie sich wegdrehten. Ich kramte nach einem Taschentuch. Überall suchte ich nach einem Taschentuch, während das Blut … Schnell! Ein Taschentuch, verdammt noch mal! Wo ist jetzt ein Taschentuch?! Da fiel sie wieder hin. Nur wegen dieses verdammten Taschentuchs habe ich jetzt nicht aufgepasst. Diesmal mit dem Gesäß auf die Treppe. Und weil die so abschüssig und ihr Körper so unkontrolliert war, rutschte sie gleich ein paar Stufen weiter hinab. Ihr Hinterkopf schlug auf die Stufen. Diese verdammten Stufen. Tock, machte es. Tock! Was für ein Geräusch! Der Unterkiefer schlug gegen den Oberkiefer. Mutter, die Arme, ächzte nur und stöhnte. Dann bewegte sie sich wie in Zeitlupe, um sich aus ihrer misslichen Lage aufzurichten. Energisch schnappte ich sie mir, hatte aber meine Not diesen schlaffen Körper richtig zu fassen und auf die Beine zu bringen. So sind wir dann zu ihr in die Wohnung. Du kannst dir nicht vorstellen, so sein Bruder weiter, was das für ein Theater war, den Schlüssel zu finden. Ewig fand sie den Schlüssel nicht! In all ihren Taschen kramte sie nach ihrem Schlüssel. Alle Schlüssel, die sie fand, drückte sie mir in die Hand und meinte, ich solle endlich aufsperren. Und wenn ich sagte, jener Schlüssel sei nicht der richtige, behauptete sie, sie hätte mir schon den richtigen gegeben. Schließlich sagte Torsten, sind wir hinein und legte ich sie in ihr Bett.

Er hat dann noch Betty, seine Schwester verständigt, die sich Mutter medizinisch angesehen hat. Als Ärztin ist sie die Einzige, die sie an sich ranlässt. Sonst lehnt sie alles ab! Aber Fred, du kannst dir nicht vorstellen, wie es in der Wohnung aussah. Total verwahrlost! Und nichts funktionierte: kein Warmwasser, überall dreckiges Geschirr in der Küche. Nicht mal händisch abwaschen ging, weil Siphon samt Boiler kaputt waren.

Freds Geschwister haben sich daraufhin getroffen. Zum ersten Mal in ihren Leben Krisensitzung. Um herauszufinden, was passiert war, wie es so weit kommen konnte. Warum ließ sich ihre Mutter nur so gehen? Warum sagte sie nicht einfach, dass sie Hilfe brauchte? Fragen dieser Art schwebten im Raum. Alle waren so betroffen, dass sie nicht einmal den Versuch unternahmen, es sich gegenseitig zu erklären und nach Antworten zu suchen. Irgendwie waren sie alle unfähig, über diese Dinge zu reden. Waren sie allzu sehr betroffen? – Als zum Beispiel ihr Vatergestorben war, hatten sie nie darüber geredet. Dabei wusste jeder von ihnen, wie es sich anfühlte. Nie aber hatte jemand von ihnen darüber geredet. Nie!

Sie ist meine Mutter. Das wird sie immer bleiben. Sie hat mich auf die Welt gebracht, sagte Fred. Worauf sein Bruder Walter plötzlich heftig wurde: Was das soll, diese Ansage von ihm. Sie wäre doch alt genug, er empfände keinerlei Verpflichtung ihr gegenüber. – Aber sie sei krank, hat ein Nervenleiden und merkbare Demenz, warf Betty sachlich ein. Ich werde sie zu einem Facharzt bringen, ob sie will oder nicht. – Tatsache ist, dass sie immer mehr zum Pflegefall wird, sagte sein ältester Bruder Torsten abschließend. Besser wird’s sicher nicht werden.

Sie einigten sich darauf, zuerst die Sanitärsachen, also den Wasserzu- und Ablauf samt Untertischboiler von einem Installateur reparieren zu lassen. Einen Kostenvoranschlag für die Heiztherme einzuholen und einen gemeinsamen Putzeinsatz in der Wohnung zu starten, um das Schlimmste zu beheben. Damit Mutter die Wohnung wenigstens wieder nutzen konnte, wenn ihr Zustand sich verschlimmern sollte. Als Ausweichort, um nicht den weiten Weg nach Hollabrunn im Auto antreten zu müssen.

Als Fred die Wohnung, in der er groß geworden war, zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder betrat, war er um einiges früher da als der Installateur. Er wollte sich zuerst einmal allein einen Eindruck verschaffen. Gleich beim Eingang im Vorzimmer stand ein alter, hoher Kühlschrank, der das Fenster verstellte und nur wenig Licht hereinließ. Das Vorzimmer war seiner Erinnerung nach immer so hell gewesen … und der lange, schöne Perserteppich, den seine Mutter einmal angeschafft hatte, war jetzt mit einer ekligen Staub- und Dreckschicht bedeckt. Scham und ein bitterer Geschmack von Trauer überkamen ihn. Überall an den Bodenrändern lag der Lurch in Bahnen. Ein großer Haufen alter Schuhe lag herum. Die Vorhänge hingen grau und dreckig vor den Fenstern.

In seinen schlimmsten WG-Zeiten sahen die Küchen nicht so aus wie diese hier. Das Geschirr war aufgetürmt. In den Küchenkästen gab es kein einziges sauberes Teil mehr, das man hätte entnehmen können. Dem Installateur wollte, konnte er diese Wahrheit nicht vorsetzen. Unmöglich! Er genierte sich und erzählte ihm, dass seine Mutter die Wohnung vermietet gehabt und jetzt zurückbekommen hatte, eben in diesem erbärmlichen Zustand, wie er sähe. – Machen Sie sich nichts draus, hatte der darauf gesagt, habe schon Schlimmeres gesehen. – Er solle sich nur die kaputten Teile anschauen und ihm einen Kostenvoranschlag zukommen lassen.

Nachdem der Warmwasserboiler samt Armatur in der Küche repariert worden war, veranstalteten seine Geschwister und er eine Putzaktion. Nur die über dreißig Jahre alte Heiztherme im Badezimmer hatten sie nicht tauschen lassen. Viertausend Euro war ihnen allen zuviel. Hatten ihnen schon die anderen Kosten für die Küche genügt. Seine Schwester stürzte sich auf das Badezimmer, sein Bruder Walter auf den Boden. Torsten und Fred begannen in der Küche das aufgestapelte Geschirr wegzuwaschen, um später die horizontalen und vertikalen Flächen der Kästen zu reinigen. Besser nicht denken, sagte er sich. Was machte das alles für einen Sinn? Zu viele unbeantwortete Fragen erzeugten ihm nur Kopfschmerzen. Wenn man darüber nachdachte, konnte einem das den Lebensnerv rauben. Dennoch machte es traurig. All die verpassten Situationen.

Fred erinnerte sich, als er mit Mutter einmal über Glück sprach. Sie erzählte ihm, wie sie kurz vor ihrem Abschluss der Matura-Klasse stand und den Sommer über Geld verdienen wollte. Am besten in einer großen Versicherung, dachte sie. Nur auf dem Bewerbungsformular stand, dass man mit dem Ausfüllen gleichzeitig der sozialistischen Partei beitrat, und damit hatte sie ein Problem. Darüber wollte sie mit dem Personalchef nochmal reden. Alles war hier so aufregend und neu für sie. Und während sie sich in der Schule als die Wissende und erfolgreiche Maturantin fühlte, kam sie sich hier so klein und unwissend vor. Als sie in diesem Gebäude herumirrte, sprach sie ein freundlicher Herr an: Wo wollen Sie denn hin? – In den sechsten Stock zum Chef der Personalabteilung. – Zuvorkommend zeigte er ihr den Weg. Sie kam bis zur Sekretärin, dort war Endstation. Er ist nicht zu sprechen. In einer wichtigen Konferenz, sagte die Sekretärin. – Gut, dann warte ich eben draußen. Drei Stunden wartete sie, bis sie empfangen wurde. Der Personalchef war der Neffe des damals amtierenden Bundespräsidenten, ein großer schlanker Mann mit höflichem Umgang. Mutter spielte das kleine Mädchen aus armer Familie. Geduldig nahm er ihre Daten auf. Danach fragte sie, was jetzt. – Ja, Sie sind genommen. Sie werden von uns noch schriftlich verständigt. Der Beitritt zur Partei war auf einmal unter den Tisch gefallen.

Sie fragte sich, wie man es anders als Glück bezeichnen konnte; denn dass sie ohne Parteizugehörigkeit und Bestechung einen Job bekommen hatte, war damals ein Wunder, nicht nur in ihren Augen. Zufrieden wollte sie sich trotzdem nicht geben. Noch eine andere Möglichkeit fiel ihr ein. Sie hatte da so eine Bank im Kopf. Da würde sie vielleicht sogar noch besser verdienen können. Ein Freund einer guten Bekannten, die bei ihrer Familie ein und aus ging, arbeitete dort. Und er war es auch, der sie auf die Idee brachte, sich dort zu bewerben. Als es dann wirklich dazu kam, war dem wohlsituierten Herrn aber auf einmal gar nicht mehr wohl. Ganz aufgeregt hatte er Mutter zu sich gerufen und ihr ins Gewissen geredet, sie solle ihm auf gar keinen Fall Schande bereiten.

Zu dieser Zeit war Mutter gerade mit ihrem Bruder Fritz zerstritten. Wenn er nach Hause kam, verschwand sie in ihr Kabinett. Ihre Mutter hat immer zu vermitteln versucht: Schau, was die Lisi jetzt macht. Sie hat sich in der Bank beworben. Und als Fritz, der fertige Jurist, den Bewerbungsbogen in die Hände bekam, um einen Blick drauf zu werfen, fiel sein Blick gleich auf einen Fehler: Statt dem abgefragten Mädchennamen der Mutter hatte sie den Vornamen der Mutter hingeschrieben. Gleich machte er ihr eine Szene, was sie nicht für ein Trampel wäre, der nicht einmal die einfachsten Dinge wusste.

Die Beleidigungen ihres Bruders nahmen kein Ende und drangen bis in ihr Zimmer vor, in das sie sich wieder einmal geflüchtet hatte. Und sie ärgerte sich derart, dass sie beschloss, sich einen neuen Bewerbungsbogen zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit zeigte ihr die Sekretärin den Stapel an Bewerbungen und meinte, dass es sowieso aussichtslos wäre. Da traf sie zufällig auf einen netten Mann, der auch zum Personalchef wollte. Sie blieb mit ihm draußen vor der Tür am Gang stehen und begann, mit ihm ein Gespräch über Schmetterlinge und Botanik zu führen. Sie erzählte ihm, dass Tintenflecken ihren Bewerbungsbogen verschmutzt hätten und sie deswegen einen neuen benötigte. Als die vorbeilaufenden Leute den Mann devot und freundlich grüßten, wunderte sie sich. Was sind denn alle Menschen hier so nett, fragte sie sich. Erst später erfuhr sie, dass dieser Mann auch eine Führungskraft war. Und Mutter fragte sich, was sie damals nur an sich gehabt hatte, dass sie auch diesen Job bekam, obwohl sie ein Niemand war. Wenn nicht einmal die Tochter vom Chef der Rechtsabteilung in dieser Bank unterkam.

Fred stand mit seinem Bruder, der sich das Geschirr vorgenommen hatte, in der Küche, während er die mit dunklem Holz furnierten Kästen samt Metallgriffen putzte. Er versuchte es zumindest; denn so einfach ging der Dreck nicht weg. Es war so verschmutzt, als ob man mit klebrigen Fingern alles abgegrapscht hätte. Wie war das nur möglich, fragte er sich. So was hatte er noch nie erlebt! Nur die stärksten, aggressivsten Mittel konnten da helfen. Schau, sagte sein Bruder, da sind Ananasdosen – über zwanzig Jahre alt! – Was ist nur alles passiert seither? – Was spielt das schon für eine Rolle, sagte Fred. Hier ist gestern wie heute. Erinnerst du dich, als die Oma noch lebte und wir mit ihr durch die Wohnung jagten. Sie mit dem Teppichpracker hinter uns her. Nie hat sie uns erwischt. Warum war Großmutter bloß so verbittert? – Verbittert, fragte sein Bruder. Das weiß ich gar nicht. – Doch das war sie, sagte Fred. Kennst du das Foto anlässlich ihres 75. Geburtstags, zwei Jahre vor ihrem Tod? – Nein, kenn ich nicht. Hab ich jetzt nicht vor Augen. – Ich aber. Da steht sie da in ihrem besten Kleid mit Goldkette um den Hals und posiert mit fest zugekniffenen Lippen, dass einem Angst und bang werden könnte. Verstehst du das? An ihrem Tag, ihrem Geburtstag! Sie steht da, als ob sie total sauer wäre. Auf was? Auf wen? Unter der Oberfläche explodierte sie förmlich. Vielleicht hatte alles mit dem übertriebenen Ehrgeiz seiner Großmutter begonnen, dachte Fred. Als Oberschwester im Spital, die einen Arzt heiraten wollte. Der hatte sie jedoch wegen Standesunterschieds abgewiesen. Was für ein Schlag, was für eine Kränkung!

Schließlich hat ihr Leben eine völlig andere Richtung genommen. Sie hat einen Polizisten geheiratet und drei Kinder geboren. Während Großmutter zu Hause das Kommando nicht aus den Händen gab, flüchtete sich ihr Mann in die Arbeit oder die Natur. Ein gemütlicher Mann, der sich bei der Polizei als Hundeführer verdingte. Hunde und Natur liebte er über alles. Ihren Ehrgeiz steckte Großmutter von nun an in ihre beiden Buben: Leopold und Fritz. Ihnen wurde jede Unterstützung zuteil, während für Mutter, die Jüngste und obendrein ein Mädchen, nichts mehr blieb. Die beiden Buben nahmen ihre Chancen auch wahr. Leopold wurde Primararzt und Fritz erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Mutter blieb auf der Strecke.

Weißt du, hat Mutter einmal zu Fred gesagt, ich habe in meiner Jugend so viel Glück gehabt. Glück kommt mir vor wie ein Bankkonto. Anfangs hatte ich viel davon. Aber irgendwann, ich weiß nicht genau wann, war es auf einmal leer. Mein Glück war einfach zu Ende, aufgebraucht: Glücksende. Seither habe ich nie mehr den Dreh gefunden, das Konto wieder aufzufüllen. – Schrecklich, dachte Fred. Glück nur im Außen zu sehen: im Job, im Geld, in der Partnerschaft. Ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf Änderung. Gleichzeitig aber spürte er eine Gewissheit in sich, dass sich etwas in ihm gegen diese Aussichtslosigkeit auflehnte. Ist Glück nicht mehr im Innen zu suchen?, fragte er sich. Mehr ein Lebenszustand, den man sich auf ewig bewahren kann?

Fritz Schuler
(Anfangskapitel aus dem Roman „Glücksende“ – in Entstehung)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise |Inventarnummer: 16149

du sei mein

(vier gedichte)

abwendung.
verbrannte zuwendung
unbestimmten grades.
abwendung.

– – –

sprung in der marille.
zu viel regen.
sprung in der marille.

– – –

toleranz.
geborgte haut
auf zeit.
toleranz.

– – –

deine schulter.
bergrettung.
im einsatz.
deine schulter.

 

Helga Reibenberger
Auszug aus: wenn die tropfen leben sind …, Arovell Verlag, Gosau, 2000

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16040

 

Madame Malerin

Der Sonntag begann kühl, aber sonnig, und noch bevor es ganz hell war, hatte Clara bereits ihre Staffelei geschultert, beinahe im Laufschritt auf den Hügel am Johannesfeld getragen und genau dort aufgebaut, wo sie im Frühlingsgras die gestrigen Spuren der Staffelei des unbekannten Malers gefunden hatte. Ihre Wangen waren gerötet von der Morgenluft und der hinter ihr liegenden Anstrengung, als sie zügig begann, die unter ihr liegende Stadt mit einem Graphitstift auf die Leinwand zu skizzieren. Sie hörte allerdings gleich wieder damit auf, da sie noch ein wenig von der Anstrengung zitterte, setzte sich auf einen Stein und atmete erst einmal tief durch. Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht mehr allein auf dem Hügel war.
»Ah, Madame Malerin sind aber schnell müde! Das waren doch erst zwei Striche. Ist der Stift zu schwer? Oder war die Nacht zu kurz?«

Vor ihr stand ein junger, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einem Schnurrbart, der sie spöttisch anlächelte. Auffallend war vor allem, dass nicht nur sein Mund, sondern auch seine grünen Augen irgendwie lächelten, sie leuchteten Clara entgegen, und diese konnte sich gar nicht auf eine passende Antwort konzentrieren. Er trug einen auffallenden breitkrempigen Hut mit Feder, einen weißen Hemdkragen, einen breiten Gürtel, ein Gewehr, ein Schwert, ein Messer, Stiefel, die bis übers Knie reichten und seine Staffelei.

Er verbeugte sich kurz und zog den Hut.
»Gestatten, Georg Matthäus Vischer aus Tirol. Es ist doch erlaubt, dass ich meine Staffelei ebenfalls auf diesem schönen Hügel aufbaue, Madame Malerin?«

Clara lachte laut auf, er hatte so einen eigenartigen Akzent, das Tirolerische hatte sie schon einmal auf dem Paulimarkt gehört. Wegen des Lachens würde ihr die geplante gespielte Empörung ohnehin nicht mehr gelingen, also beschloss sie, sich freundlich zu geben.
»Ich bin Clara Hanff. Was macht ein Mann aus Tirol bei uns in Freistadt?«

»Ich helfe mit, unser Land zu verteidigen, sieht man das nicht? Die Schweden sind im nördlichen Land unter der Enns, die wiederholte Bedrohung des Mühl­ und Machlandviertels durch in Böhmen operierende schwedische Heere macht starke Verteidigungsmaßnahmen erforderlich und damit meine Anwesenheit in Freistadt.«
Er lächelte dabei so charmant, dass Clara einfach zurücklächeln musste. So eine geschraubte Ausdrucksweise und noch dazu auf Tirolerisch hatte sie nie zuvor gehört, vor allem nicht von so einem Burschen. Überhaupt war ihr noch niemals jemand begegnet, der so von sich eingenommen war und dabei nicht unsympathisch.
»Clara, ein schöner Name, er passt zu euch. Was macht ihr am Sonntag zu so früher Stunde hier heroben? Wart das nicht ihr gestern da unten mit dem anderen Mädchen?«

Ohne auf eine Entgegnung zu warten, zog er aus seiner Mappe eine Skizze hervor, die er gestern von ihnen beiden gezeichnet haben musste. Clara hätte schwören können, dass er sie nicht einmal wahrgenommen hatte, doch da hatte sie sich wohl geirrt. Auf dem Papierbogen waren Martha und sie in der Ferne vom Hügel aus zu sehen, wie sie auf dem Baumstamm saßen und miteinander plauderten, dahinter die Stadt. Die Zeichnung war recht gut gelungen, wenngleich an der Perspektive so manches verrutscht war, aber dieser Georg Matthäus Vischer hatte zweifellos Talent, und er wusste es.

»Ja, das ist Martha, meine Freundin. Wir hatten ein ernstes Gespräch unter Frauen über unsere Zukunft, eure Zeichnung zeigt eher eine belanglose Plauderei unter Mädchen, trotzdem ist sie sehr gelungen. Ihr seid also im Krieg, um zu zeichnen? Wozu braucht ihr dann die vielen Waffen?«

»Clara, na na, ihr habt ja keine Ahnung. Hinter jedem Busch könnte ein Schwede auf mich lauern, mir zum Beispiel diese wertvolle Zeichnung entreißen, oder ich müsste euch verteidigen, was ich natürlich mit all meinen Möglichkeiten tun würde.« Wieder dieses charmante Lächeln, das Clara einfach erwidern musste.

Der halbe Vormittag verging damit, dass Georg Matthäus Vischer und Clara Hanff sich gegenseitig so einiges über sich erzählten und zum vertrauten »Du« übergingen.
Clara erfuhr, dass Georg in Wenns in Tirol geboren war und dass sein Vater Bauer und Verwalter des Getreidespeichers des Zisterzienserstiftes Stams, aber schon seit zehn Jahren verstorben war. Er selbst hatte im Stiftsgymnasium die Schule besucht. Seine Mutter hatte gerade wieder geheiratet, einen Mann, den er noch gar nicht kannte, weil er ja als Söldner unterwegs war.

»Das Stiftsgymnasium war interessant, es gibt dort wunderschöne Atlanten und Globen – du nickst, also weißt du auch, was das ist. Als ich fünfzehn wurde, habe ich mich heimlich aus dem Kloster weggeschlichen und bei den Soldaten gemeldet. Zuerst waren wir im Schwarzwald im Raum Schwäbische Alb unterwegs, dort habe ich mich einer Reitereinheit angeschlossen. Ich habe sehr viel gelernt in diesen zwei Jahren, mir mathematische und kartografische Grundkenntnisse angeeignet. Ich möchte später einmal eine Landkarte meiner Reisen zeichnen. Und deshalb fange ich jetzt einmal damit an, Freistadt zu zeichnen und eine seiner hübschen Bewohnerinnen. Darf ich dich porträtieren?«
Clara nickte gottergeben, denn er hatte längst angefangen – noch während er redete – sie zu zeichnen. Sie strich sich die Locken aus der Stirn und befragte ihn näher zur Technik des Landkartenzeichnens.

Der Tag verging schnell und überaus spannend. Clara brachte ihre Zeichnung der Stadt zu Ende und Georg beobachtete und zeichnete. Er fand die junge Frau bemerkenswert, die so gut mit dem Graphitstift umgehen konnte. Die beiden verstanden sich gut und Georg hatte nach kurzer Zeit auch seine Natürlichkeit wiedergefunden. Er merkte, dass sich Clara für ihn interessierte, auch ohne dass er sie auf übertriebene Weise beeindrucken musste. Dennoch blieb etwas Neckendes zwischen den beiden bestehen.

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16014

 

Aus der Vogelperspektive

Keiner der Mönche, auch nicht Bruder Thomas, hatte bemerkt, dass Georg Matthäus Vischer nach dem Komplet, dem letzten der sieben täglichen Stundengebete, den Schlüssel an sich genommen hatte.

Was der neunjährige Tiroler Bub zu tun beabsichtigte, war streng verboten. Es ging auf Mitternacht zu – alle anderen schliefen bereits – als er sich in die Bibliothek schlich und die Kerze anzündete, die er hinter einen mit Wasser gefüllten Becher gestellt hatte. Von überall her drangen Geräusche, besonders der Holzboden knarrte bei jedem seiner Schritte. Und als der Bub eine Lade des großen Schrankes öffnete und ihr einen Gegenstand entnahm, der in weiches Leder eingeschlagen war, ging auch das nur unter lautem Ächzen des Holzes vonstatten.

Die Kerze warf ihr Licht auf die blassen Linien, Georg packte das Vergrößerungsglas aus und hielt es vor den Globus. Seine Hände zitterten vor Aufregung. Jetzt, in besserem Licht, würde er es bestimmt sehen können!

Sein Blick fiel zuerst auf Arabien, dort – so hatte er im Unterricht erfahren – war der Lesestein erfunden worden. Er war aus Beryll, einem Kristall, der die Sehleistung des menschlichen Auges erweitern konnte. Der Lesestein des Klosters bestand aus Bergkristall und stellte ein wichtiges optisches Instrument für den Klosterbibliothekar dar, das er insbesondere bei der Abschrift von Büchern verwendete. Georg mochte es, Bruder Thomas bei dieser Tätigkeit über die Schulter zu schauen, leider wurde es ihm nicht oft gestattet. Normalerweise wurde der Lesestein mit der planen Seite direkt auf ein Blatt Papier aufgelegt, jetzt musste Georg ihn ständig mit der Hand im richtigen Winkel über die runde Oberfläche des Globus balancieren und gleichzeitig auf die Kerze aufpassen.
Bruder Thomas hatte ihn davor gewarnt, eine Kerze in der Bibliothek anzuzünden. Wie leicht konnte ein Feuer ausbrechen und die wertvollen Bücher vernichten. 1593 hatte ein Brand große Teile des Stifts zerstört, die älteren Brüder konnten sich noch gut erinnern und hatten ihm davon erzählt.

Das Licht der Umgebung wurde aufgrund der Wirkung der Linse im Objekt gesammelt. Am besten eignete sich eine diffuse Beleuchtung, also war eine allgemeine Helligkeit der Umgebung besser als eine auf den Lesestein gerichtete, punktförmige Lichtquelle. Die Helligkeit des Objektes war somit größer als die der Umgebung.
Georg schreckte hoch, schon wieder hatte er ein Geräusch gehört.

Er konzentrierte sich eine Minute auf seine Umgebung, die allerdings still blieb, um sich danach wieder der Betrachtung des Globus zuzuwenden, er gähnte und es fröstelte ihn. Seit dem Tod seines Vaters vor einem Jahr war er im Stiftsgymnasium nicht mehr wirklich gerne gesehen. Sein Vater war Kastenamtmann für das Zisterzienserstift hier in Stams und damit der für die Verwaltung des Getreidespeichers zuständige Beamte gewesen. Mit großer Selbstverständlichkeit durfte Georg als sein Sohn die stiftseigene Schule besuchen und wohnte seither im Internat, wo er jede Möglichkeit nutzte, seinem Interesse für geografische Fragen nachzugehen. Die Bibliothek besaß mehrere Atlanten und Globen, die ihm die Welt auf wunderbare Weise näherbrachten.

Seine Mutter hatte zwar versucht, das Amt des Vaters selbst weiterzuführen, konnte aber nicht die Zufriedenheit des Abtes erlangen. So nahmen die Dinge ihren Lauf, das Kastenamt wurde jemand anderem übertragen, die Mutter sollte für Georgs Aufenthalt im Klosterinternat plötzlich Kostgeld zahlen und blieb es gezwungenermaßen schuldig. Obwohl erst neun Jahre alt, wusste der Bub doch, dass seine Tage im Gymnasium gezählt waren.

Georg seufzte und besah sich die skizzierten Landmassen auf dem Globus. Er hielt mit der einen Hand den Kupferreifen umklammert, der die Kugel aus Lindenholz von Pol zu Pol umfasste. Der massive Holzsockel verlieh dem Instrument stabilisierendes Gewicht. Das aufkaschierte Pergament war hell und die Landesgrenzen waren mit gelber Farbe eingezeichnet, das Wasser blau gefärbt. Kreuz und quer verliefen in regelmäßiger Entfernung voneinander schwarze dünne Linien. Überhaupt – die Welt war aus der Sicht eines Vogels gezeichnet, obwohl ja wohl kein Mensch fliegen konnte! Wie war das möglich? Aber die Berge waren so skizziert, wie sie von unten aussahen, von oben sollten sie sich also anders ausnehmen.

Georg schüttelte den Kopf. Dann war da noch das Problem der Darstellung der runden Erde, wieso konnte man dann ebene Pläne machen? Ohnehin war ihm diese Vorstellung nicht geheuer, es war nichts von der Erdrundung zu sehen, selbst vom Kirchturm aus nicht.

Georg hob den Kopf, sein Nacken war verspannt. Er beendete seine Forschungen und löschte pflichtbewusst die Kerze, bevor er die Bibliothek verließ, retournierte den Schlüssel und schlich in den Schlafsaal. Er würde irgendwann einmal eine Karte zeichnen, wo die Berge aus der Vogelsicht zu sehen wären, ja, so etwas fehlte!

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16013

Kein Typ fürs Grobe – Teil 3

Einer meiner langen Spaziergänge lässt mich vor der Akademie Halt machen. Mein Gott, die Akademie der schönen Künste! Dreimal habe ich versucht, die Aufnahmeprüfung dorthin zu schaffen. Dreimal hat man mir gesagt, es wäre ganz nett, was ich so machte, aber das könnte ich auch ohne ihr Zutun. Die doppelte, hohe Flügeltür strahlt durch ihr undurchdringliches Dahinter eine gewisse Unruhe aus, die sich auf die wartenden Prüflinge davor auszuwirken scheint. Manche rauchen. Einige kauen an ihren Nägeln. Andere üben sich in Gelassenheit. Mappendurchsicht! Jeder musste, schon Monate davor, eine Mappe mit eigenen Arbeiten abliefern, von deren positiver Beurteilung die Zulassung zur dreitägigen Probearbeit abhing.

Sind die Professoren noch nicht da? Vielleicht kann man hintenherum in den Saal gelangen, fragt jemand. Das große Warten findet ein jähes Ende, als sich die Flügeltür öffnet und die Nummer eins aufgerufen wird. Jetzt kommt Bewegung in die Menge. Alles geht relativ rasch. Die ersten sind bereits im Saal und verteilen sich auf verschiedene Gruppen von Assistenten und Professoren im Raum. Rüde Kritiken sind zu hören. Na, wo haben Sie denn das abgekitscht, hört man einen sagen. Is‘ ja fast ’n Breughel! Was? Gelächter. Wieso machen Sie das so? Weil es mir gefällt, haucht eine schmale Blondine. Weiter. Der Nächste.
Ein Professor zieht einen kantigen Farbkübel hinter sich her. In der einen Hand hält er einen Besen. Er taucht ihn in den Behälter mit blauer Farbe und schreitet die aufgestellten bereits grundierten Leinwände ab. Wie ein Stierkämpfer mit seinem Degen nimmt er Aufstellung vor einer der Tafeln, und flüstert: „Wenn das jetzt nicht gelingt, ist alles hin!“ Dann eilt er, den Besen, von dem die Farbe tropft, hochhaltend, auf die Tafel zu und fährt von oben nach unten in einem Zug durch. Die Studenten staunen. Auf diese Weise könnte man ein Zimmer in weit weniger Zeit ausmalen als es sonst dauert …

Sie müssen wissen, meine Philosophie ist, dass Sie unter meinen Anweisungen Sie selber werden, in Ihren Entscheidungen für Ihre Arbeiten. Haben Sie mich verstanden? Die Studenten sehen sich verunsichert an. Keiner spricht auch nur das leiseste Wort. So ist das also mit der Kunst.

Warum sind Sie hier? Weil ich gerne – zögert – Aktionskünstlerin werden möchte. Warum gehen Sie nicht zu meinem Kollegen? Er nennt den Namen. Kennen Sie den nicht? Nein. Haben gar nicht gewusst, dass er einen Lehrstuhl hier hat? Achselzucken. Der Nächste.

Der Assistent begutachtet die Arbeit eines Prüflings. Hier, und er deutet mit seinem Zeigefinger auf die bemalte Fläche, hier müssen Sie noch etwas hineinmachen. Der Student tut es. Er macht einen grellen runden Tupfer hinein. Eine Viertelstunde später kommt der Assistent wieder bei ihm vorbei. Hervorragend! Sie sind aufgenommen. Ich nicht. Sie sind nicht formbar, hat der Professor zu meinen Arbeiten gemeint. Ich nehme meine Mappe mit der Nummer zweihundertelf und verlasse den Saal. Ich gehe den Korridor entlang und trete hinaus auf den Platz. Später werde ich dem Herrn Vater berichtet haben, dass ich nicht genommen worden bin.

Ich habe beschlossen, dieses Ereignis nicht in die Familienchronik aufzunehmen, weil es unrühmlich ist, irgendwo durchzufallen, denke ich, und die Nachfahren stolz auf ihre Vorfahren sein möchten.

Man muss Erfolg haben in dieser Welt, sonst gilt man nichts.

Ich schreibe mich in einen Kurs an der Volkshochschule für Malerei ein. Akt, Porträt, Landschaft. Bereits in der zweiten Woche fahren wir hinaus auf den Kahlenberg, ins private Atelier der Professorin. Wir Kunstbeflissene suchen uns jeder ein Plätzchen am sonnigen Abhang des riesigen Gartens mit Blick auf die Donau und Wien. Ein Häusermeer. Daraus ragen zahllose Türme, darunter der Donauturm hervor. Ich fühle mich von dem Anblick völlig überfordert, beginne aber doch zu skizzieren. Häuschen an Häuschen reiht sich in mühevoller Kleinarbeit aneinander. Der davor alles überragende Donauturm wird mir zum Verhängnis.

Die übergewichtige Kunstprofessorin quält sich mühsam über den kleinen Abhang von Student zu Student. Sie blickt über meine Schulter, sieht meinen feinen Haarpinsel, mit dem ich die Häuschen und Türmchen male, und greift mit folgenden Worten zum größten Borstenpinsel, den ich besitze, indem sie ihn zunächst in Himmelblau taucht: „Was soll denn das sein? Schauen Sie“, und sie streicht in riesigen Streifen über die ganze obere Blatthälfte. „Das – ist der Himmel!“ Mir bleibt das Herz stehen. Mein Bild! Dann fährt sie mit dem unausgewaschenen Pinsel ins Braun, Grün und Ocker. „Und das“, zack zack zack, „das ist die Donau!“ Dabei verspritzt sie mit dem borstigen Werkzeug das Malwasser über mich.
Ich bin entsetzt. Mein Werk – in seinen Grundzügen realistisch, manieristisch detailliert angelegt, einer mittelalterlichen Panoramakarte gleich, mit allen Details, liegt völlig entstellt, ja, quasi devastiert vor mir. Das ist das Ende. „So!“, sagt sie, „und jetzt machen Sie weiter! Und verschonen Sie mich bloß mit Ihren Miniaturen, ja!“

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15123

Kein Typ fürs Grobe – Teil 2

Der Versuch, wenigstens einen Bruchteil von Vaters Welt verstehen zu wollen, bringt mich durch seine Erzählung der letzten Kriegstage etwas näher an ihn heran, und ich versetze mich in seine Lage, bin er, für Augenblicke.
6. Mai 1945. Amerikanische Truppen besetzen Linz und Steyr. In St. Pölten ist mir die Gestapo auf der Spur. Ich habe den Stempel „politisch unzuverlässig“ im Soldbuch stehen. Die Engländer und Amerikaner sind bereits in Kärnten. In Vorarlberg überschreiten französische Truppen die Grenzen. Ausgerechnet heute, an diesem gottverfluchten Tag, wo beinahe alles ausgestanden ist, heute finden und verhaften sie mich! Es sind ihrer drei. Der Fahrer bleibt sitzen. Deutsche. Die zwei anderen, ein Unteroffizier und ein Hauptmann, nehmen mich in ihre Mitte. Sie schieben mich in den feldgrauen Kübelwagen. Der Offizier sitzt links von mir. Er deutet dem Fahrer – Abfahrt. Auf der Reichsstraße Richtung Enns.
Sie sprechen nicht mit mir. Ich denke an meine Eltern. Ich werde sie nie mehr sehen, kann ihnen nicht schreiben, sie nicht anrufen. Ich bin doch Lehrer von Beruf! Nie wieder werde ich mit Kindern lachen. Die Fahrt verläuft ruhig und gleichmäßig. Ich kann keine Eile erkennen. Obwohl vom Feind längst umzingelt. Es ist dunkel geworden draußen. Der Chauffeur biegt links in ein Waldstück ein. Einen Feldweg entlang geht es noch ein paar hundert Meter. Der Offizier tippt dem Fahrer auf die Schulter.
Das Fahrzeug hält an. Meine beiden Wächter steigen aus. Lassen die Türen offen. Der Chauffeur steigt gleichfalls aus. Ich wage nicht, den Kopf zu drehen. Sie werden von draußen schießen, denke ich. Es macht mir nichts aus, weil meine Situation ausweglos ist. Irgendwann findet man sich mit allem ab, in diesem Scheißkrieg. Hoffentlich treffen sie beim ersten Mal. Es geschieht nichts. Banges Warten. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde. Nach fünfundvierzig Minuten wage ich, auf meine Uhr zu sehen. Ich wende den Kopf erst nach rechts, erwarte den Schuss. Nichts rührt sich. Dann sehe ich nach links. Niemand ist zu sehen. Ich rücke unruhig auf meinem Sitz hin und her.
Schließlich nehme ich meinen letzten Mut zusammen, quäle mich durch die enge Türöffnung nach draußen. Sie werden mich niederschießen – im Stehen, durchfährt es mich. Immerhin bin ich Offiziersanwärter. Ich spüre schon den stechenden Schmerz in der Brust. Jetzt. Jetzt ist es aus! Gleich! Aber – es geschieht nichts. Niemand ist hier. Sie haben sich abgesetzt, die Schweine, über die Enns, vermutlich. Ich atme durch, seit – ich weiß nicht, wie lange zum ersten Mal. Ich knöpfe meinen Militärmantel zu und setzte mich in Richtung Westen in Bewegung. Es beginnt leicht zu regnen.

Mitternacht, Mai 1992, als Papa mit seiner Erzählung endet. Ich sitze mit ihm auf der Terrasse unseres Hauses. Ein Schüttelfrost hat ihn befallen, schon während des Erzählens. Ich hole eine Decke. Er winkt ab. Geht schlafen, sagt er leise und erhebt sich. Seine Erinnerungen haben ihn zu sehr aufgewühlt.
Was bin ich bloß für ein Mensch? Ich mache den Vaterschaftsentzug wieder rückgängig. Jetzt bin ich wieder sein Sohn. Die Ohrfeigen versuche ich ganz einfach zu vergessen. Für heute jedenfalls.

Von der neuen Welt noch immer keine Spur. Dafür bestehe ich mit Bravour einen Test in der Tageszeitung, der mir sowohl Interesselosigkeit als auch die totale Freudlosigkeit am täglichen Leben bestätigt. Nichts kann mir noch Genuss bereiten, heißt es da, während ich den Tränen nahe bin, die Stunden fristend, die endlos mich dünken. Matt und kraftlos, verliere mehr und mehr an Gewicht und kann mich auch auf nichts so recht konzentrieren. Mein Selbstwertgefühl ist am Boden. Die Nächte, in denen ich mich unruhig und beinahe schlaflos im Bett wälze, werden zusehends zur Qual.

Trotz meines Elends aber beschäftigt mich mein Vorhaben um die Familienchronik. Welchen Stellenwert würde der Herr Papa in dieser einnehmen, denke ich? Im Grunde waren wir alle heilfroh, wenn er nicht allzu oft präsent war. Andererseits repräsentierte er doch eine gewisse Sicherheit, was das Existenzielle anbelangte. Aber das Wesen einer Chronik – ist nicht zuletzt doch das Neue? Etwas, was bisher noch niemand wusste oder gar vermutete? Sie lebt von der Zusammenfassung des Neuentdeckten. Dies allein ist ausschlaggebend für das Wesen einer Chronik. Persönlichkeitsmerkmale der beteiligten Akteure! Über gewisse Regeln und Riten berichten. Sie nachvollziehbar machen für andere. Schilderungen der persönlichen und allgemeinen Entwicklung! Ereignisse und Veränderungen aufzeigen. Meinetwegen auch Anekdoten hinzufügen. Und Korrespondenzen nicht vergessen!

Das Fräulein Schwester hatte es irgendwie leichter gehabt als ich. Nicht, dass sie der gesunden Watschen entgangen wäre, nein, durchaus nicht, aber – sie hatte, im Gegensatz zu mir immerhin die Stirn, der hauseigenen pädagogischen Übermacht mit ihrer Schlagfertigkeit zu begegnen, wenn nicht sogar mit ein wenig Frechheit. Denn, als eines Tages auch sie vorm versammelten Lehrkörper eine abgefangen hatte, knallte das gedemütigte Geschöpf dem allmächtigen Herrn Vater die Worte: „Denkst du jetzt, du imponierst mir?“ entgegen. Da war sie grade mal zwölf. Das saß, und der stets so gestrenge Herr Papa verzog seine unerbittlich strengen Lippen zu einem Lächeln, aus dem sogar, wohl angeregt durch die Heiterkeit der Anwesenden, so etwas wie ein Lachen wurde. Das hätte unsereins sich erlauben dürfen! Ich war sprachlos.

Die Kriegsgeneration hat uns Zeit ihres Lebens stets darum beneidet, dass wir es angeblich leichter hätten auf dieser Welt und – hat es uns spüren lassen. Denn dies führe zu nichts. Hart sein, wie Kruppstahl, hat es geheißen. Sei hart zu dir! Stahlharte Männer, hat der Direktor zu uns gesagt, sogenannte Männer aus Stahl! Dabei hat er mich gemustert, von oben bis unten, mir mit der flachen Hand auf die Brust geschlagen und mich gefragt, ob ich mich nicht einer Geschlechtsumwandlung unterziehen wolle, weil ich längere Haare hätte. Das war 1969. „Idiot!“, hab ich mir gedacht! Er muss es gefühlt haben. Dann hat er mich zum Friseur geschickt. Aber ich bin nicht hingegangen. Wir Jungen waren wie in Trance von „Satisfaction“ von den Stones und trugen Jeans und bedruckte T-Shirts.

Was würde der Herr Papa jetzt sagen, wenn ihm diese Gegenüberstellung meiner Lebensgeschichte zu Ohren kommen würde? Der Aufschrei eines, der die Bürde seiner unglücklichen Kindheit mit sich herumträgt, vielleicht bewahrt von jeder Schuld zwar, doch trotzdem beladen mit dem ganzen Elend einer Generation, deren Väter die Helden waren? Und wenn sie keine waren, so wie der meine, dann waren sie eben Verräter. Wie Papa, weil er eben kein Nazi war. Das war genauso schlimm! Sich gegen das Vaterland zu wenden und damit auch gegen das Volk! Die Zeit, wo einer wie er als Mahnender und nicht als Lump gewertet wird, scheint noch immer nicht reif zu sein. Noch ehrt man bloß die Helden! Lumpen baut man keine Denkmäler.

Ich erinnere mich des bleiernen Schweigens. Es wurde nicht darüber gesprochen, was geschehen war. In der Schule nicht, und zu Hause schon gar nicht. In den Schulbüchern hatten die alten Nazis ihre Finger im Spiel. Und die alten Nazis haben uns noch unterrichtet, und uns ihre scheinheiligen Ordnungsprinzipien aufgezwungen. 1972 sind wir noch im Turnsaal marschiert und haben „Oh du schöner Westerwald“ singen müssen.
Aber irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass sie alle ganz froh darüber waren, diese Zeit selbst heil überstanden zu haben und dass alles wieder seinen normalen Verlauf genommen hat. Und irgendwann wären sie ja sowieso verrückt geworden, vor lauter Hand hoch zum Gruß erheben und all dem ganzen ideologischen Unsinn. Und irgendwann wäre aufgekommen, was man den Menschen alles angetan hat. Oder sie hätten sich gegenseitig bis zum letzten Mann denunziert, wegen Hochverrats oder weiß der Teufel weswegen. Heute wohnen sie alle in friedlicher Eintracht nebeneinander, als ob nichts geschehen wäre. Der eine Nachbar, der ein paar Juden an die Gestapo verraten hat. Andere, welche deren Sparbücher, Häuser und Geschäfte beschlagnahmen ließen. Und wieder andere, die die Ministranten in unserem Dorf auf ihrem Weg in die Kirche mit dem Luftdruckgewehr beschossen haben.
Und es ist alles vergessen. Scheint wie ausgelöscht. Heute sind sie Nachbarn und grüßen einander, als ob nichts passiert wäre. Meine Zweifel, dass diese Welt auch nur einen Funken Logik eines, wenn auch noch so geringen, Ordnungsprinzips aufweist, verhärten sich mit jedem Tag. Und ich muss mit Entsetzen feststellen, dass ich selber auch nur ein Teil dieser Scheißwelt bin, in der alles drunter und drüber geht.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15122

Kein Typ fürs Grobe – Teil 1

Ich bin bislang wahrlich selten ein Liebling der Götter gewesen. Zumindest ist mir nicht bewusst, je einer gewesen zu sein. Ebenso wenig kann ich mich nicht daran erinnern, jemals vor Glück gesungen zu haben: Heut‘ bin ich so vergnügt! Das Leben ist so schön! Drum bin ich ja so froh! Und wo es was zu trinken gibt, zu küssen gibt, da geht’s nicht ohne mich. Ein Vogerl fliegt! Ich bin ja so vergnügt! Holadrio! Habe ich etwas versäumt? Mag sein. Das liegt bei mir am Tempo. Ich bin ganz einfach zu schnell, zu schnodderig. Also beschließe ich, von heute an alles langsamer, ruhiger, besonnener, bewusster zu machen. Aufmerksamer durch den Tag zu streunen. Auf diejenigen, die mit mir sind, besser einzugehen. Nicht mehr so fahrig zu sein. Nicht alles, was ich anfasse, sofort wieder aus der Hand fallen zu lassen.

Vielleicht sollte ich mehr dabei sein. Aber wo dabei? Ich erschrecke immer, wenn ich daran denke, nirgendwo dabei zu sein. So – so, sportlos beispielsweise. Ja, sportlos, wie ich bin, kann ich den Alltagsstress nicht aus meinem Kopf verbannen. Untrainiert wie mein Körper ist, bleibt alles, was mir durch den Kopf geht, am Gehirn hängen. Dabei ist das Land hier sportlich, sagt man, wegen der zahlreichen Siege unserer Athletinnen und Athleten. Ja, die Heimat ist sehr sportlich, und es tut nichts zur Sache, wenn auch manchmal ein wenig Koks oder sonst was dabei war. Dem Sportlichen verzeiht man beinahe alles, nur nicht, dass er verliert!

Gut, und ich gebe zu, nicht zu wissen wo’s langgeht. Das kann einem schon hin und wieder passieren. Aber auf Dauer? Ist auch kein Wunder, betrachtet man diese Welt und den tieferen Sinn des Lebens etwas genauer. Aus diesem Grunde kommt es vor, dass meine verletzte Seele eben nur ab und zu wie an einem Bungee-Seil, und das auch bloß für Sekundenbruchteile, nach oben fliegt, was meistens dazu führt, dass ich im Glückstaumel, ungeübt darin, wie ich nun einmal bin, total die Orientierung verliere, weil ich ganz einfach mit dem Phänomen unerwarteter Freude nicht umzugehen vermag. Wie sollte ich denn auch? Also lasse ich sie unten, die Freude. Da bleibe ich vor unliebsamen Überraschungen verschont. Vor allem ist die Fallhöhe nicht so groß. Ich sehe eben schwarz. Denn – mir fehlt sie ganz einfach, die rosarote Brille. Ich wurde ohne sie geboren.

Ebenso wie ohne die schneesicheren Moonboots, den bruchsicheren Kopfschutz und die eherne Beinschiene, und es ist mir vollkommen egal, ob die Pistazie plötzlich ihren Weg in die Schokolade gefunden hat oder nicht. Ich spiele nicht mit! Und wenn ich es müsste, hätte ich zumindest nicht den Wunsch zu gewinnen. Die erfüllendsten Momente des Lebens sehe ich augenblicklich darin, mich von mir selber zu erholen und ich fühle, als hätte ich nach den gewaltigen Anstrengungen der letzten Jahre, einem Lauf nach Sparta gleich, unerwartete Hilfe im Kampf gegen die eigene Bestimmung erlangt, und möchte hinausschreien: Das Ziel! Das Ziel ist – erreicht!
Aber was denn für ein Ziel, frage ich mich? Alles, was ich bisher angefangen und beendet habe, erscheint mir bloß nur noch wie ein Mythos in meinem Bestreben nach der größten Eigenleistung. Und trotz allem bin ich nicht dabei. Bin nicht beim Yoga oder Pilates. Beim Tennis nicht und nicht am Laufband. Das Schnurspringen habe ich längst aufgegeben. Einziges Outdoor-Erlebnis bleibt der tägliche Abendspaziergang durch den Rathauspark, über den Ring, hinüber zum Burgtheater, am Café Landmann und an der Universität vorbei. Nur noch vorbei. Durch die Schottengasse die Herrengasse entlang. Manchmal auch über den Kohlmarkt zum Michaelertor hin, dann durch den Volksgarten. Vorbei am Theseustempel. Und wieder zurück sein. Das ist augenblicklich am tröstlichsten. Auf diese Weise verzichte ich immer öfter auf den Katalysator, emotionale Reaktionen unter Leistungsdruck zu erfahren und abzubauen. Immerhin, noch ist es nicht so weit, mich auf die Beobachtung dieser Welt von den schmalen Erkerfenstern aus zu beschränken.
Der Gedanke ist jedoch durchaus vorstellbar. Alles wird kommen. Die Gasse, mit ihrem beinahe dörflichen Charakter ungewöhnlich niedriger Häuser in dieser Gegend, beendet im Nordwesten ihren Horizont mit der düsteren Glasfassade des Allgemeinen Krankenhauses. Keine besondere Aussicht! Im Osten mit der unteren Häuserfront der Lerchenfelder Straße. Die Trafik ist jetzt ägyptisch geworden. Drinnen duftet es nach Räucherstäbchen und aus dem Hinterzimmer dringt arabische Musik. Die Billa-Damen stammen allesamt aus Bosnien oder Serbien. Sie unterhalten sich über Tampongrößen – an der Kasse. Ausnahmsweise auf Deutsch. Ich kann nur die kleinen nehmen, sagt die Dunkelhaarige zur blond Gefärbten. Die anderen gehen bei mir einfach nicht rein. Die Leute an der Kasse schauen unschuldig, wollen nichts gehört haben. Niemand spricht ein Wort. In ihren Gehirnen arbeitet es fieberhaft. Jeder hat wohl jetzt seine eigene Vorstellung zu dieser Information. Nur einer verzieht seinen Mund zu einem Grinsen.

Vorne, an der Ecke beim Spar, belagert immer derselbe rumänische Obdachlosenzeitungsverkäufer den Eingang. Da musst du vorbei. An dem kommt keiner ungefragt vorüber. „Geben kleine Spende, biiitte!“ Man sieht sein prächtiges Gebiss. Wie von einem Raubtier! Ich hingegen leide an Karies. Heute kaufe ich grünen Tee und Bitterorangenmarmelade bei Demmer, hinter der Mölker Bastei. Lung Ching, zehn Deka. Ich kaufe seit Jahren immer nur Lung-Ching. Die polnische Verkäuferin bei Demmer ist sehr zuvorkommend. Sie passt gut zum Duft, den die Tees verströmen. Der Maronistand an der Ecke zur CA-Bank ist schon seit Wochen in Betrieb. Das bedeutet, es geht stark auf Weihnachten zu.

In der Stadt riecht man kaum noch Erde. Vielleicht noch eher im Volksgarten, da scheint ihr Geruch erfahrbar, wenn sie nach einem Regen feucht ist. Ende November aber, da spürst du diesen blassen Teint von Tod, von sehnsuchtsvoller Ruhe, diesen Drang nach Ausrasten, Schlafen, nach Aufhören, wenn die Rosen nach und nach eingepackt werden, um sie vor dem Frost zu schützen. So süß! Direkt verführerisch, dieses Aroma, alles für immer zurücklassen zu wollen. Die Natur macht eine Auszeit. Nur wir hetzen hinter allem her wie die Verrückten. Die fetten Raben durchbrechen die scheinbare Ruhe mit ihrem heiseren Gekrächze. Diese Stille, die keine ist, der permanente Motorenlärm, der in der Luft liegt – daran habe ich mich so gewöhnt, dass mir so ist, als wäre alles ruhig. Nun belügt sich der Geist in einem fort, ganz unbemerkt. Die alten Heimkehrer aber tragen ihre Fahnen vor sich her, bis sie umfallen, ehe sie sie loslassen.

Vorm Rathaus sind die Christkindl-Buden geöffnet. Die alljährliche Tanne ist heuer etwas mager und stammt aus – Salzburg, ach ja. Es regnet ein wenig. Ich rieche an den Zweigen eines überdimensionalen Adventkranzes. Sauge den Harzgeruch ein, der sich sanft in Wellen ausbreitet. Begleitet von diesem Duft hängen an ihm tausende Erinnerungen an meine eigenen kindlichen Vorstellungen von Weihnacht. An die vergeblichen Mühen der Eltern, uns den Zauber ums Christkind so lange wie möglich vorzuspielen. Da war das rote Plastik-Rennauto. Mercedes oder so. Das DKT-Spiel. Ich habe stets verloren, wenn ich mit den älteren Schwestern spielte. Gnadenlose Geschäftswelt. Schon als Kind war sie mir verhasst. Patiencebäckerei vom Meinl. Mit dem Mohren darauf, der heute ein Farbiger sein muss. Johannisbrot und Lakritzestangerl. Ekelhaftes Zeug für denjenigen, der Schokoladenlebkuchen gekannt hat oder Windbäckerei. Alles wäre gut gegangen, wäre vergraben geblieben, verschüttet, verdrängt, bis zum Tag der plötzlichen Ernüchterung.
Die Geschichte vom Christkind – von vorn bis hinten erlogen! Mama blickte wehmütig drein, als ob es ihr leid tat um ihr gehütetes Geheimnis, und dieses nun gelüftet sah. Die ältere Schwester hatte mich jäh meiner Illusion beraubt. Und damit du´s weißt, das ist alles von Mama und Papa! Christkind gibt´s nicht! Damit trete ich in die Welt der Erwachsenen und deren Nüchternheit ein und Fantasien werden zur banalen Wirklichkeit und verlieren ihren zauberhaften Glanz. Den des Wunders, des Geheimnisvollen, der Geheimnistuerei. Von da an raschelt es nicht mehr im Karton. Und wenn doch, dann weiß ich, es ist bloß die Mutter. Also flüchte ich wieder zurück in die Welt des Scheins und der Einbildung und versuche sie mir, bis heute, so zu bewahren. Ich bin ein Träumer geworden, aus Opposition gegen die Realität.

Advent in Wien ist die Zeit, in der man die Spannungen zwischen den Menschen am deutlichsten in der U-Bahn zu spüren bekommt. Die Jungen telefonieren wie besessen, aus Angst, nicht zu vereinsamen wie die Alten. Die Leute sitzen regungslos auf ihren Sitzen, ohne ein Lächeln auf den Lippen. Sie besetzen die dem Mittelgang nahen Sitze, nicht die Fensterplätze und wenn du dich hinsetzen willst, musst du dich an ihren Knien vorbeizwängen. Sie lassen sich Fluchtwege offen.
Auch ich selbst bewege meine Lippen kaum. Mache sie schmal und presse die Kiefer zusammen. Warte, was kommt. Und wenn ich den Mund schon einmal öffne, dann bloß, um die Lippen mit der Zunge zu befeuchten, um sie vorm Austrocknen zu bewahren, vorm Wind, der ständig durch die Gassen weht. Manchmal bekomme ich den Mund nicht auf, weil ich vergesse, die Kiefer loszulassen, hängen zu lassen, entspannt sein zu lassen. Und es kracht furchtbar, wenn ich sie öffnen will.
Ich sehe mir die Menschen genau an. In Sao Paulo mag natürlich alles anders sein. Aber in London und New York sind sie genauso stumm wie hier – am Morgen, wenn sie zur Arbeit fahren, das weiß ich mit Sicherheit.

In den wenigen ruhigen Momenten meiner Rastlosigkeit rüttelt der verhinderte Ehrgeiz hinter hölzernen Palisaden, eingemauert, der mir verwehrt, mein Leben in ruhigeren Bahnen laufen zu lassen.

Gedanken an die Kindheit drängen sich auf. Da sind sie wieder – die Geister! So plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Da ist nicht nur der Wasserkessel, der genau dann überzugehen drohte, wenn Mama kurz einkaufen gegangen und ich vor Angst beinahe gestorben war. Da ist auch die Erinnerung an all die dunklen Ecken und Winkel, wenn der Abend hereingebrochen war. Das ostinate Ticken der Küchenuhr, das nicht aufhören wollte. Ein Knistern hinter dem Kasten. Das Quietschen einer Tür? Die Mutter musste doch jeden Augenblick kommen? Bange Kinderminuten voll Zweifel. Gänsehaut! Dunkle Ecken, beseelt. Geister? Gab es welche? Ganz sicher war man sich nie. Das Herz klopfte wild.
Sie hätte ja auch schön sein können, die Ruhe. Aber sie war es nicht. In dem verdammten, dunklen Küchenschlauch der väterlichen Dienstwohnung, mit jener ekelhaften Speisekammer und den scharfgemachten Mausefallen, der unerreichbaren Riesentafel Kochschokolade! Wäre es bloß nicht so finster gewesen dort drinnen! Das Licht von der Küche reichte nicht aus, um dieses Loch ausreichend zu beleuchten.
Ich denke an Washington. Wie komme ich jetzt da drauf? Weiße Prachtbauten mit Freitreppe. Und mein Schicksal! Ich verfluche es. Stattdessen geistert der Herr Papa stets in mir herum. Winzige, schier unbedeutende Szenen spielen ihr verrücktes Spiel, selbsttätig und unaufgefordert, unbeeindruckt von meinem Willen, davor verschont sein zu wollen, spulen sie sich vor meinem geistigen Auge ab, wie ein Film. Ich habe nicht darum gebeten!

Es finden sich unbedeutende Szenen erhaltener Ohrfeigen darunter. Unbedeutend, denke ich. Doch nein! Die Geschehnisse drum herum werden umso deutlicher, je mehr sie sich meiner Erinnerung aufzwängen. Und schicksalsschwerer werden ihre Ursachen und Auswirkungen. Lediglich ein paar Ohrfeigen, als Zeichen der Macht verabreicht, zur Disziplinierung, vor versammelter Kollegenschaft. Nichts Besonderes damals. Die Tränen waren ebenso rasch vergessen wie sie vergossen waren. Die Wirkung allerdings war nachhaltig. In kühnen Träumen würde ich zurückgeschlagen haben. Mich gegen die feige Tat eines Erwachsenen zur Wehr gesetzt haben. Es war um nichts gegangen. Um absolut nichts von Bedeutung. Und selbst wenn. Ich war erst acht und wog siebzehn Kilo. Er war fünfzig, achtzig Kilo schwer. Ich habe diese Welt immer schon gehasst, mit samt ihren Ungerechtigkeiten! Der Schmerz war es, nicht geliebt zu werden. Und er bedeutete nichts gegen die Wucht des Aufpralls, der das Ohr für Momente taub werden ließ.
Aus diesem einzigen Grund entzieht der allzu zarte, kränkliche Knabe, seit frühesten Kindestagen oftmals schwer erkrankt, für Wochen in weit entfernten Kliniken abgeben, ohne Liebe auf sich allein gestellt, ohne Zuwendung, er, der Trennungen bis heute nicht verkraften konnte – vor einer übermächtigen Vaterfigur als Hohlkopf und Nichtskönner bezeichnet – jener bedauernswerte Mensch also, mit dem heutigen Tage diesem, dem leiblichen Vater, die offizielle Vaterschaft! Na also! Endlich! Sie haben es geschafft! Befreien Sie sich! Befreien Sie sich endlich von ihrer Vergangenheit, mein Herr!

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15121

BetrAchtung

(vier gedichte)

zwischen nichts sehen
und nicht sehen
dämmert das leben.

– – –

möchte sein.
will dürfen.
muss können.

– – –

selbstlaute.
werden. vielleicht. mitlaute.
die du. hörst.

– – –

halten.
verb auf rot.
kein grün.
bringt mich vom fleck.

Helga Reibenberger
Auszug aus: wenn die tropfen leben sind …, Arovell Verlag, Gosau, 2000

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15120

Jener Wald in Weiß …

Die vielen Bäume schwiegen mit geneigten Kronen. Wegen ihrer mit schwarzen Flecken durchzogenen weißen Rinde erinnerten sie an die Pest, und gleich Befallenen war ihr trauriger Blick auf scheinbare Gräber gesenkt, die sich bald füllen sollten. Sie weinten bittere Tränen, oder waren das nur die vereinzelt vom Himmel segelnden Schneeflocken? Die Zeit schien diesen Ort vergessen zu haben, denn der Birkenwald hielt eine tiefe Ruhe inne, die der sinkende Schnee nur nährte …

Eilig stapfte der Inquisitor durch die Stille, dicht von einer kleinen Gruppe gefolgt. Ein schwarzer Mantel fiel von seinen Schultern, sanft den Schnee streichelnd, während dieser unter seinen ledernen Stiefeln knirschte. Das Kreuz, das von seinem Hals baumelte, sprang hektisch nach vor und zurück, denn er schritt schnell und die Übrigen hatten Not mitzuhalten: Die zwei Mönche, die eng nebeneinander marschierten, der Augenzeuge, der nervös eine Holzfälleraxt umklammerte, und ein junger Mann, der alles beschreiben und aufschreiben sollte – der Novize Ithriel.

Der Wald glich einer Armee, die vom Felde zurückkehrte – die Bäume zerstreuten Männern, jene die Last des Krieges erdrückte. All Stolz und Ruhm ward vergessen, denn in einer Schlacht kann es nur Verlierer geben, schrieb er hastig mit seiner Feder auf das faltige Pergament, während er der Gruppe etwas unbeholfen nachhetzte: Doch von welcher Schlacht kehren sie nur heim?, wunderte er sich und sah an den zerstreuten Männern hoch. Er erkannte starre Gesichter in Rüstungen, die müden Blickes um Erbarmen beteten. Das Schwarz zerfurchte die weißen Birken, wie Tinte ein Pergament, notierte er, als er jenes stummen Gebets gewahr wurde. Konnte nur er es spüren? Da klang doch dieses intensive Schweigen, unruheschwanger – ein Flüstern, das zwischen den Bäumen zitterte. Sie alle sahen ihnen zu, wie sie umherschritten und ihre Stille störten. Oder waren es die Bäume, die wanderten? – Eine stumme Armee, die bloß dahinzog …

Als der Schnee durch eine leicht ansteigende Anhöhe schließlich seichter wurde, hielt der Inquisitor und sah an ihr hinauf. Ein Jungwald von Birken verwehrte ihm allerdings die Sicht auf die Spitze.
„Dort oben ist es, Herr“, meldete sich der Augenzeuge zu Wort, derweil er angespannt den Stiel seiner Axt würgte.
Ithriel musterte mit seinem eindringlichen Blick den unruhigen Mann, ehe er hinaufspähte. Selbst wusste er nicht, was sich dort oben hinter dem Jungwald befand, nur, dass es etwas mit der Hexe zu tun hatte – wegen ihr waren sie doch erst hergekommen. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Er wollte es nicht Angst nennen, aber er befürchtete, dass genau jene ihn durch das Geäst der Jungbirken aufblitzend anlächelte.

Währenddessen hatte der Inquisitor den Worten des Augenzeugen zugenickt und so schritten sie weiter: Wie mit Speer und Schild, mit Widerstand und Willen stand der Rand des Jungwaldes, wie ein undurchdringbarer Wall. Wir aber brachen durch die vorderste Reihe und kämpften uns durch das Dickicht, um zu finden, was es verbarg.

Unerwartet lichtete sich der dichte Jungwald und vor ihnen öffnete sich eine kreisförmige Lichtung. Der Inquisitor trat, scheinbar unberührt, elegant zwischen den Bäumen heraus. Dann blieb er stehen und sah. Die beiden Mönche, der Augenzeuge und Ithriel stolperten, von den lästigen Ästen des Dickichts verärgert, hinterdrein. Danach blieben sie stehen und sahen …
In der Mitte der kleinen Lichtung wuchs eine einzelne knorrige Birke, umwandet von einer roten Blüte aus Flammen, die hoch hinauf loderte. Ihr Schein flackerte in den Augen der Staunenden wider und der Schnee um die Birke herum leuchtete aufgeregt. Die Feuerzungen leckten rastlos an dem alten Holz, aber sie verzehrten es nicht, sie …: …schienen den Baum nur zu umgarnen. Sie liebkosten ihn. Trotzdem litt er. Welcher Mensch würde auch gerne von Wölfen liebkost werden? Den letzten Satz strich Ithriel mit einigen hektisch gezogenen Linien wieder durch, denn er gefiel ihm nicht.

Der Inquisitor trat näher an die brennende Birke heran und streckte den Arm nach ihr aus. Da konnte er den warmen Atem der Flammen spüren – ihre Gier und ihr Verlangen nach mehr … Sofort zuckte er zurück, als das Feuer durch eine hinwegschnalzende Böe hungrig auffauchte.
„Was ist dies für ein Teufelswerk?“, raunte der kleinere Mönch und nahm zur Sicherheit einige Schritte Abstand.
Der Augenzeuge antwortete ihm angsterfüllt: „Es ist das Werk der Hexe!“
„Wir sollten geradewegs umkehren und das Weib verbren-“
„Verhören“, schnitt der Inquisitor dem kleineren Mönch den Satz ab, während er sich in einer geschmeidigen Bewegung zu ihnen umdrehte und beruhigend lächelte: „Wir brechen auf, sobald wir es vernichtet haben“, er wandte sich an den Augenzeugen: „Du! Fälle es.“
Der Mann zuckte. Er nahm seinen Befehl nicht mit Freuden entgegen und näherte sich der lodernden Birke nur langsam. Sichtlich nahm er allen Mut zusammen, bevor er zum ersten Mal mit der Axt ausholte …

Ein einsamer Soldat, mit nichts außer seinem bitteren Stolz. Ithriel hatte sich auf einen Baumstumpf gesetzt und beschrieb nun, was er sah: Die Schlacht hinter sich gelassen, kehrt ihm die nächste das Antlitz zu. Wunden tragend ward auch er zurückgelassen – kein Freund mehr, kein Kamerad, er ward verlassen.
Der Augenzeuge holte erneut aus, einen Moment später donnerte sein Eisen gegen das alte Holz.

Ithriels Blick wanderte im Kreis und er meinte, die Jungbirken, die die Lichtung einschlossen …: …sahen ihn. Sie sahen ihn alle. Aber niemand half ihm. Als sein Blick jedoch wieder auf die brennende Birke fiel, glaubte er zu spüren, dass sie ihm erwiderte: Er sah aus, als weinte er. Und wenn er es könnte, hätte er es getan – er hätte es getan. Dann barst das Holz des Stammes endgültig und der Soldat fiel. Der Augenzeuge sprang noch eilends zur Seite, und kaum war die Birke zu Boden gebrochen, erlosch auch das Teufelsfeuer und es wurde mit einem Mal dunkel.
Ithriel durchfuhr ein eigenartiges Kribbeln – ein Frösteln, das einen umfing, wenn man die Tür vor einem aufkommenden Sturm schloss. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass es bereits dämmerte und die Kälte sich wie schwere Eisenketten um die Männer gelegt hatte. Zurück auf das Geschehen besehen, musterte er den Augenzeugen, der immer noch die Axt fest umklammert hielt und seine Tat gerade erst zu realisieren schien. Der Inquisitor hingegen reckte seine Brust und betrachtete den Baum, als wäre es ein erlegtes Tier. Jeder schwieg für einen Moment …

„Nun denn“, sprach, die Stille brechend, der große Mann in der Mitte mit erleichterter Stimme: „Dann ist es also wirklich eine Hexe!“ Er schritt wieder in Richtung Jungwald, die Hände hinter dem Rücken zusammengelegt: „Lasst sie uns …“, die ernsten Worte hüpften mit verspielter Leichtigkeit über seine lächelnden Lippen, „… fangen.“
Stumme Zustimmung – die beiden Mönche bekreuzigten sich und folgten, und der Augenzeuge hastete eilig hinterher.
Und Ithriel?
Nun, Ithriel blieb noch kurz sitzen. Sein Blick gebannt vom toten Baum. Die Schreibfeder in seiner Hand ruhte, aber er war fasziniert. Fasziniert vom Werk der Hexe, vom …: …gebändigten Feuer. So nannte er es. Die anderen doch warteten nicht und der Wald war ihm unheimlicher geworden. Auch wenn er den Tod des Soldaten bedauerte, kehrte er schließlich um.

Doch noch ruhte die Geschichte nicht, die er beschrieben und geschrieben. Voller Entsetzen musste er nach Einbruch der Nacht folgenden Satz hinzufügen: Der lodernde Soldat war gefallen und niemand von uns hätte ahnen können, dass am Ende des Tages, nachdem die Hexe geflohen war, die ganze Armee im Feuer versank.

Prolog (zum Roman: „Ignis“)

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

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