Schlagwort-Archiv: Wortglauberei

Die Macht der Worte

Ob Sie wollen oder nicht
Ich schreib jetzt ein Gedicht

Und Sie steh‘n von Anfang an
Mit Haut und Haar in meinem Bann

Sie sind Wachs in meinen Händen
Warum sollt‘ ich das Gedicht schon enden

Sie merken, wie Ihr Selbst zerbricht
Wie aus ihm ein andrer spricht

Ihr Wollen und Ihr Denken
Beginne ich nach Wunsch zu lenken

Schon erfasst Sie das Bestreben
Mir Ihr Vermögen hinzugeben

Nichts ist Ihnen mehr zu teuer
Zu nähren dies poetisch‘ Feuer

Ich verstehe Ihren Kummer:
Bankleitzahl und Kontonummer

Finden Sie umseitig
Zu überweisen: zeitig

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16017

Das rückbezügliche Fürwort

Es war einst ein rückbezügliches Fürwort, das lebte glücklich mit allen anderen Wörtern in einem dicken, großen, bunten Buch namens Leben. Es herrschte völlige Harmonie, jedes Wort kannte seinen Platz. Auch das rückbezügliche Fürwort war ziemlich zufrieden. Dennoch nagte stets das Bewusstsein an ihm, in ständiger Abhängigkeit anderer Wörter zu leben, ohne selbst eine eigenständige Bedeutung zu besitzen. Vielmehr musste es immer und immer wieder seine Dienste erweisen, damit bedeutungsvolle Wörter ihren richtigen Ausdruck erhielten, während es selbst niemals beachtet wurde.

Es klagte sein Leid, erst im Stillen, doch je mehr das rückbezügliche Fürwort über seine Situation nachdachte, desto lauter wurden seine Beschwerden. „Sei doch froh darüber, dass du mit so vielen Wörtern zusammenarbeiten kannst! Wer hat schon solch eine Abwechslung?“, meinte tröstend ein befreundetes Eigenschaftswort. Doch das rückbezügliche Fürwort winkte ab, schließlich wollte es so unabhängig und frei sein wie all die anderen Wörter mit eigenständiger Bedeutung.

So kam es, dass das rückbezügliche Fürwort in einen heftigen Streit mit einem Hauptwort geriet. Das Hauptwort, das zugegebenermaßen ein wenig von sich eingenommen war und sehr herablassend gegenüber dem rückbezüglichen Fürwort auftrat, wandte sich bereits zum Gehen, als es so plötzlich aus dem rückbezüglichen Fürwort herausbrach, dass es heute noch ganz erstaunt ob seines damaligen Mutes und der großen Schlagfertigkeit ist. „Was bildet ihr euch alle überhaupt ein!“, schrie es das Hauptwort an. „Immer soll ich einspringen, wenn es euch hineinpasst! Glaubt ihr, ihr seid etwas Besseres, nur weil ihr eine eigenständige Bedeutung habt? Aber ich sage euch: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“, rief es und verschwand.

Zunächst fiel die Veränderung nicht auf. Lediglich die Lehrer beklagten die schlechten Schulaufsätze ihrer Schüler, ohne jedoch die Ursache der Fehlleistungen zu erkennen oder zu bemerken, dass es auch in ihren eigenen literarischen Ergüssen am rückbezüglichen Fürwort mangelte. Selbst das besagte Eigenschaftswort dachte bloß kurz an seinen lieben Freund, von dem es schon länger nichts mehr gehört hatte, stellte allerdings keine weiteren Spekulationen über dessen Fernbleiben an. Aber eines war dann doch spürbar: Dadurch, dass das rückbezügliche Fürwort nicht mehr verwendet wurde, umschrieb man es auf komplexem Wege oder man benutzte immer wieder die gleichen Wörter, was die Texte zusehends langweiliger machte und gleichzeitig zu einer noch nie dagewesenen Inanspruchnahme bestimmter Wörter führte.

Höhepunkt der Krise – und gleichzeitig Anlass sämtlicher Gegenmaßnahmen – war der unerwartete Freitod des Wortes „Selbstmord“. In seinem Abschiedsbrief, den man tags darauf in einer Badewanne fand, klagte es über seinen immensen Arbeitsaufwand, seitdem ihm insbesondere die Wörter „töten“, „erdrosseln“, „erhängen“, „erschießen“ und „vergiften“ mangels Rückbezüglichkeit nicht mehr zur Verfügung stünden. Verbunden mit der ständigen Angst, durch Synonyme, allem voran durch „Suizid“, ersetzt zu werden, sehe es keinen anderen denkbaren Ausweg, als sein Leben zu beenden. Durch diesen schweren Schicksalsschlag wachgerüttelt wurde allen Wörtern auf einmal klar, was ihnen die ganze Zeit insgeheim gefehlt hatte, nämlich das rückbezügliche Fürwort!
Man suchte im ganzen Buch Leben nach ihm, doch es war unauffindbar.

Schließlich berief man einen Krisenrat aller bedeutungsvollen Wörter ein, um über die aktuelle Lage zu beraten und nach einer gemeinsamen Lösung des Problems zu suchen. Die Sitzung verlief äußerst geordnet, jeder sprach für die Dauer seiner im Vorhinein festgelegten Redezeit und man war sich einig darüber, dass etwas zu geschehen hatte. Doch als es konkret um die Arbeitszuweisung ging, wurde die Diskussion heikel, denn niemand wollte die Verantwortung für das Verschwinden des rückbezüglichen Fürwortes übernehmen. Man muss wissen: Die größte Angst eines Wortes mit eigenständiger Bedeutung ist, von einem Synonym ersetzt zu werden. Aus diesem Grund war niemand bereit, sich – wenngleich bloß vorübergehend – der Sache zu widmen, denn für diese Zeit wäre die Vertretung durch ein Synonym zu veranlassen gewesen. Man tagte und stritt und tagte wieder und stritt wieder, referierte, diskutierte, tagelang und nächtelang – ergebnislos. Das Verschwinden des rückbezüglichen Fürwortes hatte sich mittlerweile zu einer handfesten Bedrohung für das gesamte Buch Leben entwickelt.

Eines Tages – man trat wieder einmal zu einem der bereits unzählig gewordenen Krisengipfel zusammen – erklommen ein Artikel und ein Partikel, die grundsätzlich bloßen Beobachterstatus genossen, denen aber an diesem Tag vom Vorsitzenden ausnahmsweise das Wort erteilt wurde, das Rednerpult. Sie hatten lange Zeit gezögert, da sie insgeheim das Verhalten des rückbezüglichen Fürwortes als begründet und gerechtfertigt empfanden und deshalb billigten, jedoch wurden sie der Krise im Verlauf der Zeit überdrüssig. Letztendlich wollten sie dann doch ihr zwar unzufriedenstellendes, jedoch geordnetes Leben wieder zurück. Artikel und Partikel erklärten, sich auf die Suche nach dem rückbezüglichen Fürwort zu begeben. Da die Mission als gefährlich galt, wurden sie sogleich mit Helmen und Warnwesten ausgestattet.

Nach monatelangen Ermittlungen gelang es den beiden schließlich, das rückbezügliche Fürwort am äußersten Rand des Buchrückens ausfindig zu machen. Es lag dort in einer Hängematte und lauschte dem Tosen der Welt. Nun mussten die Armen das rückbezügliche Fürwort zur Rückkehr und zur Wiedereingliederung in die Texte des Buches Leben bewegen. Das rückbezügliche Fürwort hatte es sich allerdings bereits gemütlich eingerichtet und war auch seelisch auf längere Abwesenheit eingestellt. Die zwei mit Schutzhelm und Warnweste bekleideten Knirpse, die es ob der vermeintlich drohenden Gefahr am äußersten Rande des Buchrückens nicht wagten, ihren lächerlichen Aufzug abzulegen, setzten all ihre Überredungskünste auf ein rauchend und Cocktail-schlürfend in der Hängematte entspannendes rückbezügliches Fürwort ein. Das muss vielleicht ein Bild gewesen sein!

Das rückbezügliche Fürwort – so ehrlich war es – genoss die Situation, die Aufmerksamkeit und die Wichtigkeit, die seiner Person, obwohl vonseiten dieser unbedeutenden Zwerge, zukam. Letztendlich wurden Artikel und Partikel mit den Bedingungen des rückbezüglichen Fürwortes zum Krisenrat zurückgeschickt. Dieser verlieh Artikel und Partikel jeweils einen Orden niederen Ranges und ersetzte sie durch die diplomatisch geschulten Bindewörter. Nach mehrmaligem Hin und Her wurde schließlich ein für beide Seiten akzeptables Vertragswerk errichtet, das dem rückbezüglichen Fürwort Anerkennung, Urlaubsansprüche und das Recht, sich vertreten zu lassen, einräumte. Im Gegenzug verpflichtete sich das rückbezügliche Fürwort zur Teilnahme an grammatikalisch richtigen Sätzen. Auch den Wohnsitz am äußersten Rande des Buchrückens musste es aufgeben, durfte die Einrichtung aber weiterhin als Feriendomizil verwenden.

Seither besitzt das rückbezügliche Fürwort eine große Achtung unter den Wörtern, war denn sein Mut, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen, von Erfolg gekrönt worden. Jene Wörter mit eigenständiger Bedeutung erkennen nun die Notwendigkeit des rückbezüglichen Fürwortes. Jene Wörter ohne eigenständige Bedeutung bewundern es, weil es etwas zustande brachte, das sie selbst niemals gewagt hätten. Doch neben all den Bewunderern bekam das rückbezügliche Fürwort ebensoviele neue Feinde. Jene Wörter, die das rückbezügliche Fürwort aufgrund seiner Privilegien beneiden, erleben es als selbstverherrlichende Gestalt. Die Bevorteilung des rückbezüglichen Fürwortes lässt sich ihrer Ansicht nach durch nichts anderes als den geleisteten Widerstand zurückführen, was als unangemessen und im Übrigen auch als ungerecht wahrgenommen wird.

Zum Schluss möchte ich mich noch ganz herzlich beim rückbezüglichen Fürwort bedanken, da es sich zur Verfügung gestellt und mich in die Lage versetzt hat, diese – seine – Geschichte zu erzählen.

Sandra Stadlbauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 15147

 

 

Worte fallen mir in die Hand

Wieder einmal habe ich darauf vergessen, die Frucht rechtzeitig vom Baum zu pflücken. Nun fällt sie mir in die Hand, und während ich sie so betrachte, fleht sie mich an, ich möge sie zu Papier bringen. Um ein Haar wäre sie auf den Boden gefallen und verwest, allerlei Tierchen hätten sich daran gütlich getan und vielleicht wäre eines Tages aus ihrem ins Erdreich gelangten Erbgut ein neues Pflänzchen gewachsen, das ebenfalls irgendwann Früchte trägt. Dies geschieht aber nur mit einheimischen Früchten, die den regionalen Witterungsbedingungen angepasst sind. Meine Frucht scheint mir hingegen etwas exotisch zu sein. Ich glaube nicht, dass sie unter freiem Himmel gedeihen könnte, geschweige denn sich fortpflanzen. So halte ich sie bergend in der Hand wie in einer Obstschale und betrachte sie, als wäre sie mein Kind, das zur Unzeit gekommen ist. Fordernd schaut es mich an und drängelt. Es wetzt hin und her und wird mir lästig. „Ich habe mich in deine Hand begeben und nun weißt du nichts mit mir anzufangen? Aus dir stamme ich, aus den Windungen deines Gehirns, und ich will, dass du mich zu Papier bringst. Ich will Gestalt annehmen, verstehst du das nicht? Ich will mich zu Worten geformt vom weißen unschuldigen Blatt abheben. Das verlange ich von dir. Das bist du mir schuldig. Ich will Gestalt werden.“ Und plötzlich weiß ich, dass all die Gedanken auch gern Materie geworden wären, um über den Asphalt zu stöckeln und den Regen auf den Wangen zu spüren oder den Sonnenschein mit den offenen Haaren zu fangen. Aber das ist ihnen nicht zuteil geworden. Vieles kann hier nicht erscheinen. Das meiste schlummert im Verborgenen und dennoch ist es da. Zu reich ist die Schöpfung, zu viele Möglichkeiten stehen bereit.

Mir sind nun eben diese Worte in die Hand gefallen und ich schreibe sie auf.

Worte sind Geschöpfe, was sonst. Durch meine Beschäftigung mit den Worten habe ich begriffen, dass es neben der uns umgebenden Flora und Fauna, aus der wir Menschen all die sichtbaren Güter gestalten und bisweilen verunstalten, auch noch die Schöpfung in den Worten gibt. Sie offenbaren uns, sofern wir in der Lage sind, sie anzunehmen und in uns wirken zu lassen, wie sehr wir geliebt werden. Derjenige, der die Worte in unseren Schädel hineingelegt hat, kann nicht von uns lassen und wird nicht müde, uns auf unserem Weg zu geleiten.

Nun sind in meinem Kopf viele Worte, von Zeit zu Zeit wird es ihnen dort zu eng und sie drängen und schubsen und machen mir das Leben schwer, weil sie unbedingt heraus wollen und dann habe ich diesen kunterbunten Haufen vor mir und weiß nicht, wie beginnen, wie ordnen. Manchmal ist es sehr schwer, angespannte Ruhe in die unbekümmerten und unbedarften Wesen zu bringen. Sie sprudeln über vor Lebensgier, und es ist harte Arbeit, sie, nachdem sie sich ausgetobt und mir den Sinn verwirrt haben, zunächst in ihre Schranken zu weisen. Ich habe nun ihre zügellose Energie kennengelernt und will sie leiten, damit sie sich in der rechten Weise verbinden, zu Sätzen gruppieren und nicht allzu ungestüm und durcheinander ihre Geschichte erzählen. Ich muss immer erst einen Anfang finden. Das ist mitunter das Schwerste, weil natürlich alles miteinander verbunden ist. Das Geschick von jedem Einzelnen hängt mit dem anderer zusammen, oft reichen ferne Zeiten und Orte herein und erst wenn man sich recht in ein Schicksal vertieft hat, gehen einem gewissermaßen die Augen auf und man erkennt: Aha, so ist das also! Da gab es einmal einen Onkel, der vor vielen Jahrzehnten nach Amerika ausgewandert ist. Bei Nacht und Nebel musste er abhauen, weil er Dreck am Stecken hatte. Man hat sich seiner geschämt und nicht darüber gesprochen. Oder da gab es ein kleines Mädchen, das sich so sehr Rollschuhe gewünscht hatte und über diesem Wunsch fast verrückt geworden ist. Geweint und gebockt hat es, und auch ein paar Tage nichts gegessen, aber geholfen hat das alles nichts. Die Eltern haben es für richtig befunden, ihr zu lehren, mit Enttäuschungen umzugehen. Und so hat sie mit diesem ersten großen Schmerz durchs Leben gehen müssen. Später hat man sich über ihr Geflenne lustig gemacht und sie hat manchmal selber mitgelacht, obwohl ihr nicht danach war. Es ließe sich noch eine Unmenge derartiger Begebenheiten aufzählen. Etwas fängt an und nimmt ein jähes Ende, es kann aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ausgelebt werden. Aber immer bleibt etwas zurück. Man erzählt es sich oder man erfährt auf rätselhafte Weise davon, und irgendwie ergibt sich plötzlich ein Zusammenhang zu einer anderen Begebenheit, und so entsteht ein Geflecht, das sich in seinen Beziehungen erhellt und eine Geschichte entsteht.

Kein Mensch existiert isoliert. Jeder hat seine Erbanlagen, ist eingebunden in eine Familiengeschichte, die er oft nicht einmal kennt, weil sie ihm bewusst oder unbewusst verschwiegen wird. Trotzdem spürt jeder, dass da etwas ist, das auf ihn einwirkt, und er wird sich auf die Suche nach diesem Etwas begeben. Findet er eine Spur, so macht ihn das glücklich oder es verschafft ihm zumindest Erleichterung. Bleibt sein Bemühen ergebnislos, so führt das zu Enttäuschung und Rastlosigkeit. Man weiß um das Fehlen und sehnt sich nach dem Ganzwerden.

Ich habe von klein auf alles, was erzählt worden ist, wie ein Schwamm aufgesogen. Es gab immer irgendein Detail, das mich gerührt hat, sei es nun freudiger oder tragischer Natur. So hat die alte Tante mit dem schönen gepflegten Gesicht davon gesprochen, ihr Buckel und ihre untersetzte Gestalt rührten daher, dass ihre unglückliche Mutter sie abzutreiben versucht hat. Hochbetagt und kinderlos ist die Tante mit diesem Wissen gestorben. Die Wohnung, in der sie gut fünfzig Jahre zur Miete lebte, hatte sie, laut ihrer nicht ohne Stolz vorgebrachten Aussage, nur dem Umstand zu verdanken, dass sich die Vormieter das Leben genommen hatten. Den Gasherd haben sie aufgedreht, während sie am Tisch sitzend Schweinebraten mit Knödel und Sauerbraten verzehrten. So ist der Tod zu den beiden gekommen. Meine Tante war dabei, als man später die Tür aufbrach, und da aufgrund dieser Begebenheit niemand einziehen hat wollen, ist sie günstig an eine schöne Wohnung gekommen.

Was mache ich nun mit all diesen Geschichten? Täglich kommen neue dazu. Ich sammle sie in meinem Kopf und in Notizbüchern. Immer deutlicher erkenne ich, dass all das auch mit mir zu tun hat, ob es mir nun passt oder nicht.

Warum sonst hätte mir vor Jahren einer meiner Lehrer erzählt, er habe beim Fußballspielen immer im Tor gestanden. Die Mannschaft sei nicht die stärkste gewesen, Theologiestudenten halt, so habe er immer eine  Zigarette geraucht und das Spiel konzentriert beobachtet. Kam es zum Angriff, legte er die Zigarette über sich auf den Querbalken und nahm die Abwehrposition ein. Einmal traf der Ball mit Wucht die Latte. Durch die Erschütterung rutschte die glühende Zigarette ab, fiel auf den erstarrt dastehenden Tormann und fand ihren Weg geräuschlos durch den Halsausschnitt unters Trikot.

Rufe ich mir diese Situation wieder ins Gedächtnis, so muss ich schmunzeln.

Manchmal geht es mir auch so, dass ich mir wünsche, das was andere mir erzählen, gern selbst erlebt zu haben. Ich denke, das Schicksal verwöhnt manch einen und lässt ihm solch großartige Erlebnisse zuteilwerden, und nahezu gleichzeitig fühle ich mit jemand anderem, der besonders Schlimmes mitgemacht hat. All das gelangt zu mir. Ich höre davon, beobachte es, erlebe es selbst und so entsteht daraus etwas Neues. Knoten und Perlen wechseln sich auf dem seidenen Faden ab, und die kostbare Kette wird aufgefädelt. Sie ist das Leben, das in seltsamen Windungen verläuft, einem Schneckenhaus nicht unähnlich, und wenn die Schnecke es verlassen hat, dann bleibt es immer noch, und wer das Leben kennt, der hat seine Freude daran, dem allen nachzuspüren, weil er sich selber darin findet.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 15116

Wortfluss

Es fließt, Wort für Wort, wie ein Bach, im Gleichklang, unaufhaltsam, aneinandergekettet wie eine lange Kette von Lauten, die einander ergänzen, die sich wiegen, wie die Wellen und manchmal über Steine springen, aber nur ein kleiner Sprung in eine andere Furche, um dort weiterzufließen in einem anderen Licht in einem anderen Tonfall, um beim nächsten Stein zurückzuspringen in den ursprünglichen Weg, der vorgezeichnet ist, vorbei an anderen Ufern im gleichen Tempo und der Leichtigkeit, wie am Anfang, so auch jetzt und am Ende, das noch vor einem liegt, noch nicht sichtbar, das Ende und auch wieder ein Anfang, ein Text in dem sich alle Worte finden, wiederfinden, wie Meer und Himmel am Horizont und verlöschen im Unendlichen.

Ingrid Hoffmann
ingridhoffmann.twoday.net

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 15016

Unwörter für Hoffende

„Leider“ ist ein böses Wort,
kaum hörst du’s, ist die Hoffnung fort.
– Leider!

Beinah genauso schlimm ist „fast“.
Es heißt, es hätt‘ beinah gepasst.
– Fast.
– Leider!

Und auch „bestimmt“ klingt etwas schal
im Hinweis auf ein nächstes Mal,
wo’s passt.
– Bestimmt!
– Fast.
– Leider!

Michaela Harrer-Schütt

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 14045