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Requiem für eine Buchhandlung

Malota – Stern’s Nachfolger seit 1906

Die Straße ist die älteste Verbindungslinie aus der Stadt hinaus in den Süden. Und zwar immer schon. Zumindest seit den Römern. Ihre Verlängerung, die Triester Straße, führt auf direktestem Weg ans Meer, eben nach Triest und Venedig, einstmals österreichisch. Sie hat derzeit 3 Kirchen, 4 Apotheken, 9 Hotels und Pensionen, 4 Tiefgaragen, 3 Spar-Märkte, einen Drums-Bioladen, 8 Drogerie-Märkte, 3 Eissalons, 3 Änderungsschneidereien, 2 Schuhmacher, 7 Friseurläden, 2 Nagelstudios, einen Libro, 5 Blumenhandlungen und 3 Tankstellen, nicht gezählt sind die Geschäfte, Arztpraxen und Cafes.
Das Wortner ist als einziges Kaffeehaus übriggeblieben.
Ein echtes, altes Wiener Beisl kann man hier nicht mehr finden; einige aufgehübschte Kopien, wie die Wiener Wirtschaft, die Steirer Stuben oder Rudis Beisl versuchen etwas vom alten Flair zu retten, aber Asien ist eindeutig im Vormarsch. Kürzlich öffneten gleichzeitig und nebeneinander eine Konditorei für Allergiker und ein Restaurant für Veganer. Gut besucht, also, wir liegen im Trend.

Das alles ist noch nichts Besonderes, aber meine Straße hat ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist gesäumt von der längsten Lindenallee der Stadt. Und die wird man nicht so leicht ausrotten können, hoffe ich, auch wenn die Autofahrer tagtäglich daran arbeiten. Die Kastanien im Prater mögen berühmter sein und prächtiger blühen, sich spektakulär rote, weiße und rosa Kerzen aufsetzen, aber leider, Leute, sie riechen nicht! Sie sind nur ein Augenwunder und daher doch ein bisserl was von falsch. Drei Wochen von Ende Mai an – je nach Wetter – leben die Wiedner an ihrer Hauptstraße in einer süßen, betörenden Duftwolke, die sich in dieser viel zu kurzen Zeit sogar gegen den Autoverkehrsdampf durchsetzt. Sogar zu mir in den Hof dringt sie herein und füllt die Zimmer. Das macht ihnen keine Hauptstraße nach, außer vielleicht die in Drösing im Weinviertel. Aber das ist etwas anderes. Das Dorf ist so klein, dass man sogar die Rosen in den Gärten riechen kann.

Wegen der Nähe zum Ring haben sich in der Wiedner Vorstadt besonders viele Künstler niedergelassen, derer auf vielen Tafeln mit Goldbuchstaben gedacht wird. Das Gluck-Haus, das von Dvorak und Sibelius und vieler anderer weniger Bekannten. Vergessenen, Enteigneten, Arisierten, Ermordeten. Tina Walzer und Stefan Templ führen in ihrem Buch „Unser Wien – Arisierung auf Österreichisch“ viele Adressen dieser Verbrechen in Wieden auf. Die Familien Grünbaum, Steiner, Spitzer, Rieger, Heger, Künstler, Ärzte, Architekten, alle Kunstsammler und Förderer. Soweit ich weiß, wurde nicht ein einziges Haus, keine einzige Kunstsammlung restituiert. Die größte von Fritz und Lilly Grünbaum, 800 Werke, unter ihnen 150 Schiele-Bilder, sind im Leopold-Museum als Staatsbesitz jetzt unser aller Besitz. Fritz wurde in Dachau ermordet, Lilly, eine Nichte von Theodor Herzl, in Maly Trostinec zusammen mit ihrer Freundin Karoline Klauber, die sie ein Jahr lang in Wien versteckt hatte.

Die Wiehau hat vieles, aber keine einzige Buchhandlung mehr. Vor fünf Jahren schloss der Reichmann und wurde zu einer Apotheke. Gut, kann man sagen, Medikamente und medizinische Hilfe braucht jeder. Die Apotheke ist jetzt einer von den vielen modernen, gesichtslosen Gesundheitstempeln, wo einem die Pharmakonzerne das Geld aus der Tasche ziehen. Die Reichmann’sche Buchhandlung zählte wahrscheinlich zu den schönsten der Welt. Sie war groß und dunkel wie Hoggart’s Castle, die Bücher standen nicht auf Regalbrettern, sondern in sechs Meter hohen Holzschränken, wahrscheinlich aus Eiche, über die Jahrzehnte bis ins Schwarze gedunkelt. Die Bücherreihen wirkten nicht einfach aufgestellt und eingereiht, sondern wie ein Schatz, geborgen in ihren Gehäusen. Die reichen geschnitzten und gedrechselten Verzierungen an den Vorderseiten zeugten von der Ehrfurcht und der Liebe zu den Büchern als Pretiosen.
Herr Reichmann und seine Angestellten erklommen auf Holzleitern schwindelnde Höhen, um ein Buch zu suchen, oder sie verschwanden in unermesslichen Hinterräumen, sie wussten es immer genau und zielsicher zu finden. Hatten sie alle diese Bücher gelesen und dann in den Schränken unvergesslich verstaut? Sie wussten auch immer über alles Bescheid, Neuigkeiten und Wiederentdeckungen, Raritäten und Sensationen, gute Tipps und anregende Gespräche. Allein schon deshalb musste man diesen Ort und seine Bewohner lieben. Nicht nur der letzte Herr Reichmann, sondern auch seine jungen Adepten sahen aus, als würden sie dort wohnen und im Dämmerlicht ihren Büchern entsteigen: gräulich und blass im Gesicht. Das kann aber eine Sinnestäuschung gewesen sein, denn das helle Tageslicht drang nie in diese Räume. In den letzten Tagen vor der Schließung erzählte mir Herr Reichmann, dass die Schränke gerettet wurden, verkauft an einen Schlossbesitzer. Zumindest wurden sie nicht vernichtet, vielleicht zieren sie schon irgendwo ein Ritterrestaurant.

Zwei Häuser weiter, wo 108 Jahre die Stern’sche Buchhandlung & Nachfolger zu Hause war, hat vor Kurzem ein „Hannibal“ aufgemacht. Hannibal, fragen Sie, wer ist das? Der mit den Elefanten über die Alpen? Ich wusste es auch nicht, bis mir als einer Anrainerin ein Eröffnungsgutschein ins Haus flatterte, zehn Euro Rabatt, wenn ich fünfzig Euro ausgebe. Eine Kette für Interior-Design. Anstatt Bücher nun also Kerzen, Servietten, Kissen und Teetassen. Der Besucherandrang ist so groß, dass es fast kein Durchkommen gibt. Diese Menschenmassen hätte ich dem letzten Pächter der Buchhandlung, Herrn Martin Greiner, gewünscht. Er musste sich dem Druck von Thalia, Amazon, Kindle und Konsorten beugen.

Seit fast 44 Jahren wohne ich in diesem Bezirk, auf der Wieden, und der Malota gehörte zum Leben so selbstverständlich dazu wie die gegenüberliegende Paulaner Kirche mit ihren weithin hallenden Glocken oder der Habig – Hof auf Nummer 15-17. Den berühmten Herrenausstatter darin gibt es schon lange nicht mehr. Er bleibt verewigt in der ersten Szene des Romans „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth, wo der alte Trotta seinen Sohn, den frisch gebackenen Leutnant, standesgemäß einkleiden lässt. In diesem Milieu ging man selbstverständlich zum Habig auf der Wieden, wie schon der Vater und der Großvater, der Held von Solferino. Das ehemalige Geschäftslokal, eine reich ausgestattete tempelartige Säulenhalle mit Goldstuck an der Decke und Wandmalereien bis zum Marmorboden, ist zum Glück erhalten geblieben, leidet aber an ständig wechselnden Benutzern, derzeit eine Computer-Firma. Der Vorteil, sie hat die historischen Fenster ausgetauscht gegen eine große, transparente Glasfront. Architektonisch ein Verbrechen, aber die Passanten bekommen erstmals Einblicke in die Tiefen des Habig-Hofes. Ein paar Häuser weiter das ehemalige Paulaner-Kloster mit drei Höfen an der Ecke Floragasse, es ist schon lange ein Wohnhaus, so wie ich gleich nebenan im ehemaligen Ursulinenkloster wohne.

Ich habe mich in vier Jahrzehnten bemüht, ALLE Bücher beim Malota oder beim Reichmann zu kaufen, dort zu bestellen, wenn etwas nicht lagernd war, auch wenn es die Bücher in der Innenstadt sicher gegeben hätte, nie zu einer Großkette zu gehen und absolut NIE zu einem Internet-Riesen, ich schwöre das unter Eid! Trotzdem konnte ich die beiden Buchhandlungen nicht retten. Jedes Mal, wenn ich mich vor dem Hannibal durch die Menschentrauben am Gehsteig kämpfe, überlege ich, ob ich daran schuld bin, dass es keine Buchhandlung auf der Wiehau mehr gibt. Was ist daran so schlimm? Die Fleischhauer in Wieden sind schon viel früher ausgestorben.

Ich habe mein Gewissen erforscht und festgestellt: Es wäre über meine Möglichkeiten gegangen, allein den Malota zu retten, so viele Bücher hätte ich nicht kaufen können, ich hätte die ganze Buchhandlung kaufen müssen. Mein letzter Versuch, etwas gegen das Büchersterben zu tun, bestand darin, meinen literarischen Salon aus meinem Wohnzimmer in das Hinterzimmer der Buchhandlung zu verlegen. Vier Autorenlesungen habe ich veranstaltet, die letzte am 9. April 2014 mit meinem eigenen Buch. Ich brachte bis zu dreißig Besucher in die Buchhandlung, die gerne einem lebenden Schriftsteller zuhörten, mit ihm diskutierten und einen Blick in seine Werkstatt warfen. Auch das von mir nachher servierte Buffet war recht beliebt, und der Chef musste uns regelmäßig vor die Tür jagen. Der Malota war ein eher unauffälliges Lokal, nüchterne, etwas angestaubte Eleganz, es barg aber ein paar Geheimnisse. Wenn man den Verkaufsraum mit einfachen Bücherregalen und Schautischen durchquerte, öffnete sich nach einem engen Korridor ein großer Saal, ausgestattet mit Mobiliar, das sich in jedem englischen Herrenclub gut ausgemacht hätte. Ausladende Fauteuils, heimelige Stehlampen, Beistelltischchen für Pfeifen und Whiskeyglas, in der Mitte ein großer, massiver Tisch mit antiquarischen Prachtausgaben und Kunstbänden. Besser einladen zum Bleiben und Schmökern kann man nicht, das hat der letzte Geschäftsführer Martin Greiner gut erkannt.

Da ich offenbar bei ihm nicht schlecht angeschrieben war, öffnete er mir in einem hinteren Winkel ein Türchen und führte mich in den Keller, das Bücherlager. Über eine enge Wendeltreppe gelangte man in ein Labyrinth von Gängen und Räumen, die Säle hatten Tonnengewölbe aus Ziegel, die aussahen, als hätten sich hier die Wiedner schon zur Zeit der Türkenbelagerung zurückgezogen. Kann aber nicht sein, denn das Haus war nachweislich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut worden, wusste der Kunsthistoriker Greiner. Schade, denn die Vorstellung, dass sich die Wiener hier an den Büchern vergnügt hätten, während draußen die Armeen von Jan Sobieski und des Großwesirs Kara Mustafa Pascha aufeinanderprallten, ist allzu verführerisch. Verteidiger der Stadt war Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, der nicht weit von dort seinen Gassennamen hat.
Der „goldene Apfel“, wie die Osmanen Wien nannten, war zum Greifen nahe, bis die Wiener Unterstützung aus Polen, Venedig und dem Kirchenstaat bekamen. Als die Belagerten nach zwei Monaten am 21. September 1683 aus ihren Kellern wieder nach oben kamen, hatte das osmanische Heer schon Reißaus genommen und wurde von Sobieskis Truppen bis nach Belgrad verfolgt. Und alles hatten die Wiedner mit Hilfe der Bücher gut überstanden. Der Historiker hat einen nüchterneren Blick und zeigt mir die Ziegel im Tonnengewölbe, die eindeutig die Jahreszahl 1898 und den Doppeladler der Wienerberger Kaiserziegel tragen. Ob der „Hannibal“ dieses Refugium benutzt und wie, konnte ich bis heute nicht herausfinden.

Irgendetwas hält mich davon ab, einzutreten und dort Teelichter statt Bücher zu kaufen.
Jetzt am Ende gebe ich freiwillig zu, dass ich etwas geschummelt habe. Es gibt doch noch zwei Buchhandlungen, eine versteckt hinter der Eule an der Technik und eine Reise- Buchhandlung, in denen ich noch nie war und die ich wahrscheinlich auch nie betreten werde, so unbuchhändlerisch uneinladend wirken sie. In etwa so einem Abstand wie das Espresso Hawaii in Simmering entfernt ist von einem Ringstraßencafe.
Nach dem Verlust von Reichmann und Malota bin ich tränenden Auges um eine Ecke weiter gezogen zur Buchhandlung Anna Jeller auf der Margarethenstraße und wurde getröstet.
Bei allem Schmerz – hier habe ich wieder eine Buchheimat gefunden.

8.6.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17133

Fenster der Erinnerungen

Der Frost schläft ein,
Nachts öffnet sich das Fenster,
Endlich wieder,
Luft tanzt im gelben Licht,
Schwere Decken liegen am Rücken,
Verwandlung,
Als ich eine Schildkröte war,
spielte ich am Meer,
Blaues Leintuch,
leises Rauschen von Stimmen,
im Hintergrund

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17116

Dunkler Matsch

Es kriecht eine Spinne,
klettert in den Gang,
flüstert Gift,
von alter Zeit,
Bewegungsunfähig im Eis,
Fisch in der Winterstarre

Gold graben im Sand,
Entschuldigungen verstecken sich,
ein Schneckenhaus,
ohne Schnecke

Zwischen Mond und verschneitem Wald
werden Gewichte transparent

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17104

Palmström wagt‘s

Neue Seite, neues Glück
Denkt Palmström und verfasst ein Stück
Von Königen und ihren Huren
Von Schurken, die in Kutschen fuhren

Von presserischer Fürstenlast
Vom Volk, das ängstlich duckt und hasst
Und er schildert lang und breit
Die ganze Ungerechtigkeit
Der feudal’n Vergangenheit:

Tyrannei drückt brave Bauern
Die Haus und Hof und Wald und Feld
In Sonne und in Regenschauern
Seit Urgedenken schon bestellt

Mit immer neuer Last und Steuer
Reibt das fürstlich Ungeheuer
Ihm das Fett aus seinen Gliedern
Dem Bauernstand, dem allzu bieder‘n

Und entehrt noch obendrein
Das kaum erwachs‘ne Töchterlein

Furor packt nun Palmström hart
Und er verlässt die Gegenwart
Um das Schlimmste zu verhindern
Um das Greuel abzulindern

Und ein Stück wär’s auch geworden
Alles, was bis heut verdorben
An der Wurzel wär‘s gepackt
Des Drachen Häupter abgehackt

Leicht möglich, wir wär’n heut befreit
Aus all uns‘rer Unmündigkeit:

Denn Palmström ist gar weit gegangen
Er hielt den Kaiser schon gefangen
Als er im Großen Bauernkrieg
Kämpfte für der Freiheit Sieg

Da trat Korf in seine Kammer
Und ach, es ist und bleibt ein Jammer
Auffahrend aus seinem Stück
Vergaß er’s
Und ließ es irgendwo
Im sechzehnten Jahrhundert
Zurück.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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www.verdichtet.at | Kategorie: anno und unerHÖRT! | Inventarnummer: 17089

Die Errettung der Schwalben

Als sich der Vorfall ereignete, von dem ich jetzt erzählen möchte, war ich ganze fünf Jahre alt.
Der Sommer war schön gewesen, ein ganz besonders guter Sommer, sagten die Erwachsenen. Die Donau führte Niedrigwasser, und wir kleineren Kinder konnten ohne Gefahr in den warmen Tümpeln zwischen den Uferfelsen planschen, die älteren durften sogar im Hauptstrom schwimmen. Dazwischen waren wir oft in den Wäldern Beeren sammeln und Schwammerl pflücken, am Dimbach durften wir Forellen und Krebse fangen, der Obstgarten mit Äpfeln und Zwetschken, mit Quitten und Nüssen versprach reiche Ernte, der spärliche Weizen und Hafer waren auch schon gedroschen, in den Gärten der Tanten blühten die Dahlien und Gladiolen, die Hofhündin beim Schmiedgruber hatte vier Junge geworfen, das Hausschwein Rosalia meiner Tante Sofie fünf Ferkel, und ich hatte meinen jüngsten Bruder bekommen – genau in dieser Reihenfolge interessierte mich der Kreislauf der Natur. In der Kirche und in jedem Haus wurde das Erntedankfest vorbereitet.

Das Leben war ein einziges fröhliches und reiches Geschenk, und ich wünschte, dass sich daran in alle Ewigkeit nie etwas ändern sollte. Ich hatte lesen gelernt und war nicht mehr auf die Gnade der älteren Geschwister angewiesen. Zusätzlich hatte mir mein Vater, der in der großen Stadt arbeitete, die erste Blockflöte mitgebracht. Ich war sicher, ich würde Musikerin und Komponistin werden.

Anfang September schlug das Wetter plötzlich um; es brach ein furchtbares Gewitter los, und danach hörte es nicht mehr auf zu regnen. Am Abend saß die ganze große Familie mit allen Dienstboten um den Esstisch herum und betete in endlosen Schleifen den Rosenkranz. In den verschlossenen Fenstern flackerten hinter den Vorhängen die Kerzen. Draußen blitzte und donnerte es, in den Pausen hörte man das anschwellende Rauschen der Donau, während der Regen an die Fenster peitschte. Warum klopften einige Tropfen besonders hart und laut an die Scheiben? Durch das enge Donautal heulte der Sturm, manchmal in einem misstönigen Winseln, manchmal in einem rasenden Getöse, als hätte er alle Felsen und Wälder der Ufer mit sich gerissen, dann wieder in leisem, dumpfen Grollen. Dazwischen murmelten wir die Gegrüßet-seist-du-Marias auf und ab. Ein ganzer Schwarm gehetzter, vom Schreck gepackter Geister raste durch den engen, gewundenen Strudengau wie durch eine auf Hölle gestimmte Äolsharfe, an der niemand Geringerer als der Teufel den Ton angab.
Dann wieder das Vaterunser und das ewige Gegrüßet-seist-du-Maria, dein Leib sei gebenedeit, Heilige Jungfrau, Mariamuttergottes, da konnte es nur noch unbarmherziger und grausamer werden. Aber die verschlafenen Kinder waren schon längst, in Decken gehüllt, in die Zimmer im Oberstock gebracht worden.

Am nächsten Morgen sah man, was die Nacht gebracht hatte: Vom Krautberg hinter unserem Haus war eine Mure abgegangen, die sich fast bis an den ersten Holzstadel heranschob, in wüsten Wellen, von Felsblöcken, Wurzeln und Baumstämmen durchsetzt. Kurz danach brach im Schweinestall meines Onkels eine Seuche aus, alle Tiere mussten notgeschlachtet werden. Wir kannten sie alle persönlich, von der Geburt bis zur Blunzen und zum Speck. Jedes hatte einen Namen, auf den es hörte, und jedes seine Persönlichkeit. Dieses schnelle Vergraben hinter dem Stall und das notdürftige Verscharren in Gruben mit Erde und Kalk, aus denen manchmal noch die Beine herausstanden – die Urkatastrophe meiner Kindheit. Gestank und Fliegenschwärme waren von geringerem Grauen, jeder Bauernhof hatte so etwas. Auch wenn die Kadaver längst verwest waren, konnte ich später nie wieder an diesem Ort vorbeigehen. Die Schweinezucht sollte uns nicht nur ernähren, sondern das zweite Bein des Haushalts der Großfamilie werden, nachdem das Biergeschäft nicht gut ging. Im Bierkeller meines Onkels stand das Wasser schon knöchelhoch, die Holzfässer begannen zu schwimmen, und die Gesichter der Erwachsenen wurden immer ernster.
Von Sintflut und Arche Noah war die Rede, danach, oben um den Tisch. Die Geschichte kannte ich schon vom Vorlesen des Vaters aus der Kinderbibel, sie war eine meiner Lieblingsgeschichten, wegen der Tiere in Paaren, obwohl die Bedeutung von biblischen Strafen der Sünden für mich noch im Dunkeln lag. Mein älterer Bruder raunte mir in einer Rosenkranzpause zu, das ist nur wegen dir, du bist schuld. Warum? Wegen der Schwalben. Ich sah an mir herunter, sah nichts Schuldiges außer meinen kurzen und dünnen Beinen, sah wieder hoch auf das rot-schwarze Kreuzerlstichmuster im groben Naturleinen des Tischtuchs. Daran hielt ich mich bei den endlosen Gebeten, Litaneien und Gesängen, die mir vor den Augen wie endlose rot-schwarze Ameisenstraßen vorbeiliefen und das Hirn verriegelten. Am Ende nahm meine Großmutter einen Besen aus dem Weihwasserkessel heraus und besprengte uns alle in großen, feuchten Bögen.

Die Dorfbewohner gingen trotz aller Arbeit jeden Nachmittag in die Kirche, um mit dem Rosenkranz gegen den Regen anzubeten, so wie sie in trockenen Sommern mit Kreuzen und Heilgenbildern unter Gesängen und Litaneien durch die Wiesen und Felder zogen, um Regen zu erbitten.
Der September war die Zeit, in der sich die Schwalben auf den Telegraphendrähten zwischen unseren beiden Häusern versammelten, um in den Süden zu fliegen. In den Eingängen des Bräuhauses und in den Ställen nisteten jedes Jahr Schwalben in ihren an die Decken geklebten Nestern. Es gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen, wenn die erste kam, der Vorbote des Frühlings, wenn sie im Frühjahr in Scharen einzogen und wir erklärt bekamen, dass es immer dieselben Paare waren, die kurz darauf viele piepsende, gelb geränderte, weit aufgesperrte Mäulchen stopften, sirrend, pfeifend und zwitschernd ein- und ausflogen, unermüdlich. Ich hatte von den Erwachsenen gelernt, an dem Verhalten der Schwalben die Wetterprognosen abzulesen. Je nach Luftdruck flogen sie hoch oder tief, ebenso wie die Fliegen. Die beiden zusammen waren verlässlicher als das Barometer meiner Großmutter.

Während die Erwachsenen immer sorgenvoller ihren Tätigkeiten nachgingen und immer wortkarger wurden, beobachteten wir Kinder die Schwalben auf den Telegraphendrähten. Sie saßen dicht gedrängt, manchmal mehrstöckig, manchmal flogen Gruppen gemeinsam wieder auf, zogen Kreise weit hinaus über die Donau und ließen sich wieder nieder. Wer befahl ihnen, dass sie da draußen sitzen mussten und nicht in ihren Nestern die Regentage abwarten konnten? Niemand hatte Zeit, so eine Frage zu beantworten, sollte sie jemand gestellt haben.
Aber wie so oft, wird die unbestimmte Antwort unter Achselzucken wahrscheinlich gelautet haben: die Natur eben. Zum Beispiel, wenn eine Muttersau fünf Ferkel bekam und eine andere nur zwei, das war doch ungerecht, oder unter einem Schwalbennest ein zerbrochenes Ei oder ein winziger Vogelkörper lag, wobei klar war, dass die Katzen Minka und Murli in so eine hochgelegene Ecke nicht hinaufgelangt sein konnten. Unten machten sie sich gütlich an der Beseitigung dieser Unfälle.
Oder die während der Schweineseuche getöteten Tiere, die alle ihre Namen hatten, sie waren doch unschuldig, hatten nichts angestellt, wurden ermordet und hatten uns nicht einmal zu Schinken, Speck, Schmalz und Blunzen verholfen, immer hieß es: die Natur eben. Aber ich war, wie bereits gesagt, fünf Jahre alt, und in Anbetracht der Umstände, denen man sich zu fügen hatte, konnten meine Fragen nicht beantwortet und meine Wünsche nicht berücksichtigt werden.
Ohne mich vorzudrängen, glaube ich in Erinnerung zu haben, dass ich der Liebling meiner Großmutter war. Dieses Gefühl eben, gegenseitige Zuneigung. Sie war meine Heilige und sie ließ mich schlimm sein. Sie verteidigte mich sogar vor anderen Erwachsenen, denn ich galt als schwieriges, zumindest ungewöhnliches Kind.

An einem Nachmittag entdeckte ich auf dem Mäuerchen unterhalb der Telegraphendrähte die ersten toten Schwalben. Ich stand fassungslos da und sah dem Massensterben zu. Die Vögel fielen einfach von den Drähten, wie Steine. Es regnete Vögel. Manche der kleinen Lebewesen zuckten noch mit den nach oben gedrehten Beinchen. In großer Aufregung sammelte ich sie in einen Korb, der neben dem Hühnerstall für das Eierausnehmen bestimmt war, und lief zu meiner Großmutter.
Sie stand an dem riesigen Herd in der Küche und rührte in einem großen Topf. Omama, bitte. Ich streckte ihr den Korb entgegen.
Hier verlassen mich meine Erinnerungen über diesen Vorfall. Die Verzweiflung aber spüre ich bis heute in der Kehle aufsteigen, wahrscheinlich meine erste Begegnung mit dem Sterben, mit der Hilflosigkeit angesichts der grausamen Natur. Solche Worte hatte ich damals natürlich noch nicht, aber das Gefühl.

Den Ofen kann ich genau beschreiben, weil er noch lange über diesen Vorfall hinaus dort in dieser Küche stand. Damals, mit fünf, werde ich kaum über den oberen Rand hinausgeragt haben, unten gemauert, mehrere Türchen, Fetzen, darüber weiße Kacheln, dann Eisen, Gestänge darum herum und oben auf der Platte, Eisen, vier Löcher mit abnehmbaren Eisenringen, Schürhaken drumherum und Riesentöpfe. Links oben köchelte immer der größte Topf von allen mit dem „Sauquascht“- Schweinefutter – dort kamen im Laufe des Tages alle Abfälle hinein, die als Schweinefutter geeignet waren.
Vorne vielleicht ein Topf mit Stosuppe, einer mit Erdäpfeln, Schmalz aus Schweinespeck, Grammeln, frische, das war mir das Liebste, gleich hinter der Küche eine Backstube, aus der es duftete. Wenn daraus das frische Brot in langen oder runden Körben kam, kam das Himmelreich auf die Erde.
Das große runde Brot kam aus dem Korb auf den Tisch. Großmutter holte aus der Lade unter dem Esstisch ein Messer hervor, zog an ihrer Brust ein Kreuz an der Unterseite des Brotes durch und fing feierlich an, es anzuschneiden. Das erste Scherzl bekam ich, weil ich die Kruste so gerne mochte. Sie sagte zu mir, mein Eichhörnchen.
Bevor es mit Schmalz und Grammeln bestrichen wurde, roch ich daran, Salz natürlich, an Zwiebeln und Schninttlauch erinnere ich mich, und zog das Scherzl unter meiner Nase immer wieder vorbei, sog den Geruch ein, atmete aus und ein wie ein Opiumsüchtiger mit seiner Droge.

Die Großmutter seufzte: „Die Schwalben sterben heuer wie die Fliegen, so ein Jammer, ohgottohgott, das ist kein gutes Zeichen für den Winter, der wird hart.“ Sie bekreuzigte sich mehrmals, führte das Kreuz an ihrem Halskettchen an den Mund, legte die Hand auf das Herz, murmelte Gebete und drehte die Augen zum Himmel.
Ich ließ den Korb fallen und stürzte ihn um. Die Schwalben purzelten auf den Kachelboden vor dem Herd, ein schwarz-weißes Häufchen in einer Regenlache. Ich sah ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht, zumindest war sie nicht böse auf mich.
Wie in allen Bauernküchen üblich, verlief oberhalb des Herdes ein Gestänge, auf dem Geschirrtücher, Lappen und Putzfetzen aufgehängt waren, aber auch unsere nassen Socken und Kleider, die in der Früh dann nach Holz und Rauch rochen.
Omama räumte alle Tücher vom Gestänge weg und setzte die Schwalben darauf, eine nach der anderen, die noch ein Lebenszeichen von sich gaben. Sie befestigte die Krallen mit Vogelringen, die gleichzeitig die Füßchen stärken sollten. Einige drehten sich sofort nach unten und fielen dann mit einem leisen Zischen auf der heißen Ofenplatte auf. Es roch leicht wie nach verbranntem Haar. Omama fischte sie sofort herunter, öffnete eine Ofentüre und warf sie ins Feuer. Dort zischten sie noch etwas lauter als auf der Platte, manche explodierten zwischen den glühenden Holzscheiten, wahrscheinlich die Gedärme, manche lüfteten ein letztes Mal die Schnäbel nach oben, vor allem die Jungen mit den gelben Schnabelrändern, die Flügel- und Schwanzfedern plusterten sich noch einmal auf in einem winzigen Feuerregen und verbrannten still in kleinen, roten Flammen, im Höllenfeuer. Wofür sie bestraft wurden, konnte ich nicht verstehen. Aber dass manche im Verbrennen noch die Füßchen ausstreckten, als wollten sie sich ein letztes Mal entspannen, fand ich tröstlich. Sie wurden im Sterben wieder lebendig.

So sah die biblische Welt meiner Großmutter aus: Schwarz oder weiß, gut oder böse, oben oder unten, Himmel oder Hölle, Gnade oder Verdammnis. Und immer das schreckliche „Die Natur eben, da kann man nichts machen.“ Dann schloss Omama schnell die Ofentür und schaute nach, ob sich eine Schwalbe oben gehalten hatte. Sie wollte für mich ein Wunder vollbringen, obwohl sie nicht daran glaubte.
So ging es lange. Allmählich kamen mehr andere Hausbewohner dazu, die auch Schwalben eingesammelt hatten.
Langsam ließ man das Herdfeuer ausgehen und legte feuchte Tücher auf die Platten. Jetzt schlafen sie und bald du auch, sagte meine Großmutter, zog mich an sich und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.

Das Ende der Schwalben-Rettung an diesem finsteren Abend bekam ich nicht mehr mit, es sollen aber einige Schwalben gerettet worden sein. Die Erwachsenen sprachen nie wieder darüber, und ich wagte nicht zu fragen. Der nächste Morgen war strahlend, die Sonne stand groß im blauen Himmel, und auf den Telegraphendrähten saßen die Vögel dicht an dicht, flatterten auf und ordneten sich neu nach ihren Gesetzen, übten ihre Formationen vorher schon, das Sirren und Zwitschern klang in unseren Ohren fröhlich, als sei nichts geschehen und als freuten sie sich auf ihre lange Reise. Irgendjemand meinte, sie nehmen die Jungen zwischen sich und verabreden sich, wer für wen Verantwortung übernimmt. Der Trost einer Familie nach der Katastrophe. Aber ich bekenne, die Bilder von diesem Schauspiel könnten auch vor der Tragödie entstanden sein.

20.2.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17083

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Störungen aus der Vergangenheit

Sie hängen schwer,
blutrote Trauben,
der schwarze Vogel pickt
Löcher in den Horizont,
……………………………………. kleiner

Barlicht zeichnet ein Farbsystem,
Grauer Spiegel,
in der Röhre
Das Störbild elektrisierte ein Kind
Schwarz-weißes Heulen,
Ich rannte aus dem Zimmer,
vor alten Geräuschen aus dem All

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno| Inventarnummer: 17080

Der Tee war zu stark

Der Magen ist voll,
ein Smoothie,
er dreht sich,
Geschmacksrichtungen verzerrt und sauer,
das Blitzlichtgewitter wird weniger,
Träume wirken wie auf Psychedelika,
Suche nach mir,
in verschiedenen Zeitstrahlen,
ein Film von gestern bis heute,
Kalt wie die Ostantarktis
Heiß wie in Dasht-e Lut,
ich mittendrin

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17073

Franz ohne Sisi

Gehe dir entgegen,
darüber eine schwere Gewitterwolke,
ein Rabenpärchen mitten im Grün,
darüber der dämmernde Abend,
Füße gehen,
Beben werden kleiner,
Zum Prunk verstaubter Zeit,
Kaiser und Adelige,
weiter in den Wald,
dort wird das künstliche Meeresrauschen
leiser

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno| Inventarnummer: 17067

Sparen in den 50er Jahren

Meine Omama verstand es wie alle aus der Zweifach-Kriegsgeneration, „sich was vom Mund abzusparen“. Sie war Sparmeisterin und Wiederverwerterin, sie warf einfach nichts weg. Ihre Erfahrung sagte ihr: „Aufheben für schlechte Zeiten.“ Die um 1900 Geborenen konnten alles noch einmal gebrauchen! Alte Unterwäsche und Leintücher zu Putzfetzen zerschnitten, alte Zeitungen in den Händen weichgerieben als Fensterputz- und Klopapier, Seifenreste in zerrissene Nylonstrümpfe, alte Semmeln zu Bröseln zerrieben fürs Schnitzelpanieren und für den Apfelstrudel, Einkochen, Einwecken, Hamstern, Tauschen, Restlessen – übrigens: Wer kennt noch das klassische Restlessen, den „Grenadiermarsch“? (Rezept, wie ich es von Omama und Mama gelernt habe: in Zwiebeln und Fett angeröstete Knödelstücke, Nudeln, Kartoffeln, die von Vortagen übriggeblieben waren, mit viel, viel Kümmel – zum Verdauen.)

Und diesen Sinn, alles gut auszunützen, nichts zu verschwenden, haben diese Großmütter an ihre Töchter, unsere Mütter, weitergegeben. Und auch wir – die Nachkriegsgeborenen der ersten Generation – wurden zu Wiederverwertung und Sparsamkeit erzogen – nachhaltiges Wirtschaften, ökologisches Bewusstsein – solche mittlerweile wieder hoch geschätzten Tugenden – das kann man von uns lernen! Wir wissen einige gute Rezepte zur Verwertung von altem Brot, denn „Brot wegwerfen ist eine Sünde“. Überhaupt in einem waren sich unsere Mütter der Kriegsgeneration einig: Beim Essen sagten sie immer ganz streng: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Es gibt keine Extrawürstln!“ „Aufessen, damit die Sonne morgen wieder scheint … wirst du aufessen – nichts stehen lassen!“

Der Zeitgeist der 50er-Jahre war Sparen und Aufbauen. Die Banken unterstützten und förderten diese Lebenshaltung: Für die kleinen Sparerinnen und Sparer gab’s eine Sparbüchse, am Weltspartag den „Sparefroh“ und viele schöne Geschenke, wenn man da aufs Sparbüchl einzahlte.

Aber diese Sparsamkeit hatte auch ihre Kehrseite. Bei meiner Freundin Evi Prochaska etwa, dem dicklichen Nachbarskind mit dem lustigen Grübchen im Kinn, zeigte sich die Kehrseite ganz deutlich. Die Familie Prochaska hatte drei Töchter, alle mit dickem dunkelbraunen Haar, zu Zöpfen geflochten: die älteste, Liesl, Seitenzopf, Herta, die mittlere, Zöpfe zum Kränzchen aufgesteckt und Evi links und rechts je einen Zopf mit Zopfspangerln. An der Evi, dem unerwünschten dritten Madl, das Umstände machte und störte, wurde am meisten gespart! Durch Hemmungen mit den drei streng gezischten Fragen aller Fragen: „Wozu soll das gut sein? Wozu brauchst du das? Ist denn das notwendig?“, die Evi wurde immer gehemmter. Nach und nach verkümmerten in ihr alle Ideen und Wünsche, denn sie wären mit Geldausgaben verbunden gewesen. Evi stand immer verlegen daneben – wunschlos – ideenlos – abgedreht. Evis Mutter sagte: “Schon wieder gewachsen! Ich näh dir von dem dunkelgrünen Kleid, das der Liesi nicht mehr passt, den Saum rauf und geht schon für dich!“ Und sie sagte “Schuhe – wir kaufen sie eine Nummer größer und legen vorne Zeitungspapier rein – zum Reinwachsen.“ So steckte die Evi in einem dunkelgrünen Kleid, deren Taille zu weit unten saß, scheuerte sich mit den zu großen Schuhen Fersenblasen, und das Kinngrübchen wurde immer tiefer hineingestochen, gar nicht mehr lustig.

Angelika Mairose

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17044