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Manch eine Hollywoodnacht

Ein Mann in abgetragener Winterkleidung
navigiert seinen Mobilitätsscooter
durch die Massen laut schwatzender Touristen.
Er missachtet alles, wofür sie hierhergekommen sind –
eine Million Flugmeilen reicher, eine Menge Dollars ärmer:
die Sterne auf dem Walk of Fame,
die bald gesegnet werden
von George Clooneys tatsächlichen Füßen
bei der Premiere seines neuesten Erfolgs.

Doch für den Mann im Mobilitätsscooter
ist der Walk of Fame kein heiliger Boden,
nur eine schnell zu überwindende Strecke
mit einer hässlichen gelben Decke
auf seinem Schoß.

Manch eine Hollywoodnacht
ist von Sternen übersät.
Manch eine Hollywoodnacht
ist gar nicht kalt.
Dieser Mann hier
mag das anders sehen,
vielleicht fühlt er sich
innerlich alt.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26074

 

Auf der Welt

Solange ich eine Stimme habe, werde ich sprechen.
Solange ich eine rechte Hand habe, werde ich schreiben.
Darüber, was mir nicht passt, und was,
meiner Meinung nach, auf der Welt nicht zusammengeht.
Das wird zurzeit immer mehr.
Und ich werde dazu nicht schweigen.

Die antike Weltkarte in zwei Schnitten

Die antike Weltkarte in zwei Schnitten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26073

Nichts Gutes

Die USA und Israel haben den Iran angegriffen und einen Großteil der Staatsspitze ausgelöscht. Der Iran schickte daraufhin Raketen auf Israel und US-Basen in der weiteren Region.

Leider nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig. Niemand weiß, was dabei herauskommt. Die meisten befürchten nichts Gutes.

Ich lege die Zeitung beiseite, gehe hinunter und räume die Küche auf.

WORLD VIRUSES - SATAN - EVIL SPIRITS - DEVIL - DEMONS - SIN - DESTRUCTION – DEATH

WORLD VIRUSES – SATAN – EVIL SPIRITS – DEVIL – DEMONS – SIN – DESTRUCTION – DEATH

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26072

Im Rucksack

Anfangs fanden wir ihn amüsant. Ehrlich gesagt lachten wir uns halbtot nach der ersten Begegnung mit ihm.

„Ich bin der Willi“, hatte er gesagt, ein zappeliger, älterer Mann, den ein riesiger, grauer Rucksack nach hinten zog. Dünn war er und klein, kleiner als Marie, die zu mir an die Tür kam, um zu sehen, wer da bei uns Sturm geläutet hatte.

„Ich bin der Willi, jaja“, zwinkerte er unruhig, „und der Willi hat die Wohnung neben euch gemietet, jaja, und da wird er ganz alleine wohnen, jaja, weil niemand mit ihm sein will – was weiß ich, warum! Aber!“, hob er den Zeigefinger, „Aber dafür besitzt der Willi viele, viele Schätze, und da drinnen“, wies der Finger Richtung Rucksack, „da sind neue Schätze. Die hat der Willi vorhin gefunden, an der Donau, jaja, und jetzt“, verbeugte er sich leicht, „muss sich der Willi verabschieden und seine Schätze auspacken!“

Einige Tage später fand ich ihn im Stiegenhaus vor, als er dabei war, seinen gigantischen Rucksack aus dem Lift zu zerren.

„Jaja!“, keuchte er, als ich anbot, ihm zu helfen.

Mit vereinten Kräften zogen wir den Rucksack, der unglaublich schwer war, vor seine Wohnungstür. „Sind da Steine drinnen?“, scherzte ich.

„Jaja!“, rief er ungeduldig, sperrte fahrig die Tür auf, rief „Komm rein, komm rein!“, öffnete flink gleich im Vorraum den Rucksack. Es waren tatsächlich Steine darin, verschieden große, gewöhnliche Steine. Er nahm einen runden, hellen in die eine, einen flachen Stein in die andere Hand und stieß mit dem Fuß die Tür zu einem großen Zimmer auf.

„Komm rein!“, rief er wieder, lief in den Raum, legte die Steine behutsam auf einen Tisch zwischen unzählige andere. Sie lagen überall, bedeckten den Boden bis auf ein paar freigelassene Pfade, stapelten sich auf zwei Bänken, in Regalen – massenhaft Steine, wohin ich auch blickte.

„Jaja, das sind meine Schätze!“, rief er in trotzigem Tonfall, während er unermüdlich Nachschub aus dem Rucksack holte und arrangierte. „Wenn kein Mensch den Willi leiden mag, ihm die Katze wegläuft, ihm die Pflanzen eingehen – was weiß ich, warum! Was bleibt da noch? Steine! Jaja!“

Und er erklärte, dass die besten Steine an der Donau lägen, er die allerbesten aber in der Donau vermute, nur könne er leider weder schwimmen noch tauchen. Dann streichelte er ehrfürchtig einen Stein nach dem anderen, beschrieb und lobte wortreich jedes Fleckchen an ihnen. Erst nach geraumer Zeit schaffte ich es, ihn zu unterbrechen und zu gehen.

„Ein Spinner! Und furchtbar anstrengend“, teilte Marie meine Meinung, die ihm wie ich eines Tages beim Rucksack-Schleppen behilflich war und seinen Steinschwärmereien ebenfalls nur mit Mühe entkommen konnte. Sie erfuhr unter anderem, dass er, der Willi, sich oft wundere, dass er anscheinend der einzige Mensch war, der erkannte, wie schön, wie einzigartig, wie seelenvoll so mancher Stein am Wegesrand war.

„Dieser Verrückte passt absolut nicht in unser Haus“, sagten auch die anderen Mieter untereinander und zum Hauseigentümer. Nach weiteren Begegnungen, bei denen unser neuer Nachbar ungefragt und detailreich von seinen neuesten Schätzen erzählte, gingen wir ihm aus dem Weg, machten auch nicht mehr auf, wenn er an unserer Tür war.

Einmal sahen wir ihn beim Spazierengehen an der Donau. Er nahm uns nicht wahr, ging an uns vorüber, seinen Blick konzentriert auf den Schotterweg gerichtet. Wir beobachteten belustigt, wie er erfreut in die Hände klatschte, sich bückte und Steine in seinen Rucksack legte. Im Scherz klatschte ich später wie er in die Hände, hob einen großen Kieselstein auf, rief, „Ein Schatz, jaja, ein Schatz!“, und schenkte ihn Marie.

Vor drei Tagen läutete er spätabends bei uns, minutenlang. Als ich schließlich ärgerlich öffnete, fuchtelte er aufgeregt mit einem Brief in der Hand, rief:

„Der Willi kommt sich verabschieden, jaja, dem Willi wurde die Wohnung gekündigt, wieder einmal, was weiß ich warum, denn der Willi hat immer die Miete bezahlt, jaja, und …“

„Dann wünsche ich dem Willi alles Gute!“, unterbrach ich ihn, wich seinem fassungslosen Blick aus und schloss die Tür.

Marie tat er leid, sie legte ihm am nächsten Tag den großen Kieselstein von mir vor die Tür.

Wir sahen ihn nicht wieder. Gestern waren zwei Polizisten bei uns, die sich erkundigten, was wir über den Mann wussten, der neben uns gewohnt hatte und den sie in der Donau gefunden hatten, tot, ertrunken, hinabgezogen von einem Rucksack voller Steine.

Seitdem beschäftigt Marie die Frage, ob auch unser Kieselstein im Rucksack gewesen ist.

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Claudia Dvoracek-Iby
(Text und Zeichnung von 2015)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26061

Paradox

Ich will, wie’s ist, dass alles bleibt,
hab keine Lust auf Neues,
das Schabernack mit mir bloß treibt.
Ertrag mein Schicksal gern, mein treues.

Auf der Suche nach dem Sinn
ist mir ein Widersinn gekeimt,
am Sinnlosen der Welt, und bin
mir klar, ’s ist ungereimt.

Ich kann dem Leid nichts abgewinnen,
denn unerklärbar ist sein Stand.
Wie kann ein liebend Gott ersinnen,
solch Widerspruch in Einklang bringen?
Der Mensch, im Elend, ist verbannt.

Der Aberwitz, der springt dich an,
an jeder Ecke, trostlos, nackt.
Toll fährt er mit uns Achterbahn,
so wie er uns tagtäglich packt.

Dabei muss man noch dankbar sein,
schlafen, arbeiten und essen.
Nichts Neues von der Front, ich mein,
scheint alles schon mal dagewesen.

Ich denk, vergeblich ist mein Streben
nach dem Sinn in einer Welt,
in der vergänglich ist das Leben
und nur die Hoffnung sie erhellt.

Sinnlos, sich dagegen aufzulehnen,
was durch den Tod besiegelt ist.
Es hilft kein Wünschen und kein Sehnen.
Schicksalhaft ist seine Frist.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26056

Frutti di mare

Ach, meine teure Auguste,
mein Arzt sagt mir neulich,
und das fand ich gräulich,
ich kriegte wohl eine Languste.
Doch Shrimps wär’n mir lieber,
von mir aus auch Fieber,
jetzt weiß ich nicht, ob der das wusste?

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26041

Die ewige Einsamkeit

Ich rufe dich an.
Nach fünf Bieps meldet sich deine Stimme:
„Bitte hinterlassen Sie mir keine Nachricht.
Ich kann sie nicht abhören, weil ich gestorben bin.“

Sie hat einen gewaltigen Hall.
Offensichtlich bist du in einem sehr großen Gebäude.
Es gibt keinerlei Hintergrundgeräusche.
Ist das deine persönliche Hölle, die ewige Einsamkeit?

Freitreppen des A-1-Telekom-Gebäudes

Freitreppen des A-1-Telekom-Gebäudes

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26042

Die stillste Zeit im Jahr

Das ist die stillste Zeit im Jahr,
immer wenn es Weihnacht wird.
Da fallen Bomben, glühend heiß,
die Welt, die wächst im Hass, nichts schmilzt das Eis,
immer wenn es Weihnacht wird.

Es dunkelt schnell am Angriffstag,
immer wenn es Weihnacht wird.
Der Feind nahm uns das Kämmerlein,
wir rücken zusammen im Granatenschein,
immer wenn es Weihnacht wird.

Hörst du den heftigen Gegenschlag,
immer wenn es Weihnacht wird?
Da machen uns die Angst und der Winter ganz bang!
Im Herzen hallt wider der Raketen Klang,
immer wenn es Weihnacht wird.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25239

Der Fortschritt ins ewige Leben

Eine bäuerliche Tragödie in drei Akten

 Da war ein Bauer im Wechselgebiet – wo, weiß ich nicht mehr, ich habe die Geschichte in einem Wirtshaus am Nebentisch erzählen gehört.

Dieser Bauer hatte auf einem steilen Feld Roggen gemäht, die Garben den Hang hinunter geschleift und auf den von schweren Ochsen gezogenen Leiterwagen – es war Ende der 40er-Jahre – aufgeladen. Der Wagen muss dabei austariert gleichmäßig beladen sein, um auf den rumpeligen Wegen nicht umzukippen.

An Ende des Feldweges – vor der breiteren Fahrbahn – war eine Mulde, die man vorsichtig durchqueren musste. Der Bauer dachte sich nichts dabei, er war da schon jahrelang durchgefahren, und Ochsen haben ein gemächliches Tempo. Vielleicht hatte es auch drei Tage vorher geregnet, jedenfalls war die Mulde aufgeweicht, der schwer beladene Wagen kippte auf die Seite, die Ochsen ebenfalls, und der Bauer wurde vom Wagen geworfen.

Was war passiert? Den Ochsen nichts (gelobt sei deren Langsamkeit), der hölzerne Leiterwagen war auch ganz, der Bauer trug lediglich eine Schulterprellung davon, und das Getreide musste neu aufgeladen werden. Soweit alles gut.

Drei Jahre später wurden die Ochsen gegen junge Pferde getauscht – die waren einfach schneller. Erneut wurde am Hang hinter dem Hof das Heu geerntet, der Pferdewagen unten mit Sorgfalt beladen, die Ladung mit Seilen gesichert und die Pferde zogen an. Genau in der Mulde am Ende des Feldweges neigte sich der Leiterwagen und kippte langsam um. Die Pferde waren unverletzt (nur verschreckt) und wurden nach dem Ausspannen an einen Baum gebunden. Am Leiterwagen war lediglich die Deichsel gebrochen, und der Bauer hatte einen gefährlich aussehenden blutenden Schnitt über der Schläfe. Aber die ärztliche Untersuchung ergab keinen ernsteren Schaden. Die Deichsel wurde nächsten Morgen getauscht und der Wagen ein paar Meter weiter neu beladen.

Wieder einige Jahre später waren die Pferde von einem Steyr-15-Traktor ersetzt, der von der Tochter des nunmehrigen Altbauern gefahren wurde. Gerade zur Erntezeit war ein Kind unterwegs und so fuhr der 70-jährige Bauer selbst die Fechsung ein, auch von der oben erwähnten steilen „Leiten“. Zur Sicherheit belud man den Anhänger nur halbhoch, und der Bauer lenkte den Traktor eine Handbreit neben die Mulde. Das war ein Fehler, denn die Tochter hatte dieses gefährliche Wegstück schon mit Feldsteinen gefestigt, und der Ackerboden war weich. Also sank der Traktor mit dem linken Vorderrad ein und kippte mitsamt dem Anhänger um. Und diesmal blieb der Bauer unter dem Traktor liegen.

Ja, seinem Schicksal entkommt man nicht so leicht!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25236

 

Im Silberlicht der Angst

Dass es nichts Gutes in sich verbarg, ahnte ich schon, als ich es gestern zum ersten Mal in meinen Händen hielt. Doch das wirkliche Ausmaß des Grauens, das der Inhalt in mir auslöste, übertraf mit Abstand alle Ahnungen und Befürchtungen, die mein angstbesetztes Hirn des Nachts fantasievoll kreierte.
Gänsehaut pur. Unter Dauerbeschuss stehen sie, die feinen Härchen auf meinem Unterarm, stechen wie stolze Soldaten aus den Poren, stramm und angespannt, bis in die Spitzen, mit eisernen Gesichtern und fest entschlossen, ihre Spannung nicht zu verlieren. Ihre Geradlinigkeit. Ihre Würde. Standhaft zu bleiben und aufs Schärfste bereit zum Kampf, dem Grauen Paroli zu bieten, auch wenn das Fundament zittert und bebt. Oder vielleicht gerade deshalb.

Meine Mundwinkel, noch immer starr und vereist, im Ausdruck tiefster Abneigung verharrend und angewidert gen Kinn gezogen, in steilen Gräben, die Abgründe offenbaren, so tief, halten mit unbändiger Kraft die Lippen in Schach, ziehen sie mit dicken Tauen mit sich in die Tiefe. Ungeachtet ihrer Wunden, die noch weiter aufreißen, weil sie dem Zug, der auf ihnen liegt, nicht mehr standhalten können, eh schon ausgedörrt waren. Von ihrem Ritt durch die endlose Wüste.
Mitleiderregend schrill schreien sie nach Wasser, so habe ich Erbarmen und befeuchte sie mit meiner Zunge, schmecke Salz und Blut, das aus ihnen tropft und bin wieder im Hier und Jetzt. Auf Dr. Walds Couch. In Sicherheit.

Innerlich vertrocknet bin ich, vollkommen leer, nachdem ich alles, was in mir war, aus mir herausgewürgt habe, just als ich den Inhalt des Päckchens sah, heute Morgen, vielleicht sogar meine Seele. Falls sie überhaupt noch in mir wohnte und nicht längst über alle Berge war. Fühle nichts mehr, nur noch Angst. Immer nur Angst. Wann hört das endlich wieder auf? Wer führt diesen entsetzlichen Krieg gegen mich? Warum? Was habe ich getan?
So kann es nicht weitergehen, sonst werde ich wahnsinnig. Oder bin ich das schon? Will er das erreichen? Dass ich komplett durchdrehe?
Schon wieder zieht sich alles in mir zusammen, mein Bauch wird bretthart, schiebt mir das Würgen in den Hals. Ein Speichelsee entspringt in meinem Mund, und mir ist speiübel. Schnell springe ich auf und renne zum Klo. Will sie einfach nur loswerden, diese lähmende Ohnmacht. Die Angst. Das Pochen. Das Flattern. Die ständige Gefahr. Charlotte. Die schrecklichen Bilder von ihr in meinem Kopf. Und diesen elenden Gestank nach Tod, nach Verwesung, der in meiner Nase sitzt und mich schonungslos antreibt, mit einem lauten Peitschenknall, und ich speie und speie.

„Mein Gott, Sie sehen schrecklich aus!“, stellt Dr. Wald besorgt fest, als ich erschöpft zurückkehre, „sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber auf Ihr Zimmer möchten? Sie sollten sich dringend ein wenig ausruhen!“
Energisch schüttele ich den Kopf und schleppe mich schlurfenden Schrittes zur Couch, auf gar keinen Fall, denke ich aufgewühlt, bloß nicht auf mein Zimmer, ich will jetzt nicht allein sein, und lasse mich wortlos auf das weiche Polster fallen.
Mein Therapeut schmeißt die professionelle Distanz über Bord, zum ersten Mal, seitdem wir uns kennen, steht auf und deckt mich fürsorglich zu, streicht mir mitfühlend über die Wangen und bringt mir ein Glas Wasser.

Mit geschlossenen Augen sauge ich seinen Duft ein, der angenehm durch meine Nase mäandert, sich dort mutig niederlässt, um den elenden Gestank nach totem Tier endlich zu vertreiben. Mit Erfolg, denn sofort werden Empfindungen in mir wach, die Lebensgeister räkeln sich, gähnen herzhaft, bereit zu neuen Abenteuern.
Verstohlen blicke ich ihn an, registriere sein attraktives Äußeres, die väterliche Ausstrahlung, die mich reizt, suhle mich in dem wohligen Gefühl, das sein Duft in mir auslöst, werde aber schon beim nächsten Prickeln zur Raison gebracht, schwungvoll eingebremst. Was soll das, Anne, mahnen die Abers und Achs, die in engen Kreisen um meinen Hals schwirren, geschickt Lassos auswerfen, um ihn zuzuziehen, bist du übergeschnappt? Du hast andere Sorgen!

Schon gut, schon gut, denke ich und vertreibe sie angewidert, Spaßverderber. Was kann ich dafür, dass sein Duft mich anspricht, inspiriert, befreit, und spüre den Luftzug, der entsteht, weil er sich umdreht und geht, und der auf angenehme Weise meine Wangen kühlt.
„Wann haben Sie das Paket geöffnet?“, fragt er mich, nachdem er hinter meinem Kopf Platz genommen hat. Seine sonst so ruhige und sichere Stimme klingt besorgt, überschlägt sich, als eilten die Worte, längst überfällig, aus ihm heraus, lösten Gedränge aus am Tor, wohlwissend, dass die Zeit knapp wird. Weil die Aufklärung drängt.
Nervös tippt er mit seinen Fingerkuppen auf die breite Armlehne seines Ledersessels und lässt ein unruhiges Schnaufen verlauten. „Die Sache läuft ein wenig aus dem Ruder“, merkt er mit ernster Miene an, „das gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht.“
„Heute Morgen, gleich nachdem ich das Dilemma von gestern mit dem Hausmeister geklärt hatte“, beantworte ich seine Frage.
„Was meinen Sie?“, fragt Dr. Wald interessiert nach.

Kurze Stille, in der ich mich unentschlossen hin und her winde, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich ihm wirklich davon erzählen soll. Denn ich schäme mich dafür. Ich schäme mich in Grund und Boden, weil ich meine Emotionen derartig hochkochen ließ, dass die Vernunft keine Chance mehr bekam. Auf der anderen Seite muss ich davon berichten, schließlich vermute ich, nein, ich bin mir sicher, dass das alles kein Zufall war.
Er steckt dahinter, keine Frage. Er ist hier, er ist hinter mir her, will mich kleinkriegen. Ausdrücken wie eine zu Ende gerauchte Zigarette, auch mein letztes Aufglimmen erlöschen.
Ein Räuspern im Hintergrund, unruhiges Fußgetrappel als Ausdruck seiner Ungeduld, dann seine entschlossene, angenehm tiefe, vibrierende Stimme: „Frau Heldt“, konstatiert er förmlich, „Sie werden sicherlich bemerkt haben, dass wir die Ebene eines psychoanalytischen Gespräches längst verlassen haben. Im Moment haben die aktuellen Geschehnisse absolute Priorität. Es drängt nach Handlung. Zügig!“

Ist ja gut, denke ich ein wenig gereizt, ich tue doch schon alles, was in meiner Macht steht, um die Sache aufzuklären, habe das Gefühl, an beiden Seiten zu brennen, und fühle mich genötigt zu beichten, auch wenn er gerade wie ein Lehrmeister klingt, ein wenig zu altklug für meinen Geschmack, und all sein Charme von ihm abbröselt wie der Putz von der Wand.

Anna Helene Claus
www.schreibenmitherz.de

Für alle, die es so richtig gepackt hat:
Seit 14. November 2025 ist dieser Roman erhältlich, unter
https://buchshop.bod.de/im-silberlicht-der-angst-anna-helene-claus-9783819227059
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www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens und auszugsweise | Inventarnummer: 25226