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Perechil

Gedicht zur Zeitenwende des 27. Jahrhunderts
(Adidas Grillfuß von Transdanubien zugeschrieben)

Antiborie konokul
Dokaa liku benefit
Dorobian an Klimakat
A, perechil – anlaga sahara

Nichtland der Konokulen
Wozu du gut bist wurdest du gebaut
Damals im 21. Jahrhundert
Oh, Perichil – Afrikas Verlust

Otanu kje tjeilitje brittan:
Kere eitja Mastakart
constructei ti tjiltawa
Tjilta kon bi waratun

Nicht so die heimatlosen Briten
In ihrer großen Not
Errichten sie auf dir Zeltstädte
Zelte ohne Glück und Dauer

Elsei inte Demokrat:
Axen ein tan eredit?
Janit terror, janit warp
Otan ut te geklite

Darauf antwortet Europa
Was hätt ich ohne Grund getan?
Keine Bedrohung, keine Waffen
Jetzt ist beides mir gegeben.

Koniktik geboititet
Ke perechil kei wrapatat
Frogon kono sei su tei
Keu peu dito sigal

Behauptung schafft Bedingung
Nicht unterscheidet der Eingebundene
Ein Frosch weiß nur von seinem Teich
Die Möwe kann von beidem sprechen

Sovrit gilt fer antopos
Wrapan su meriticta
Tixo allam globalkilt

Genauso auch die Menschen
Strebend nach Ruhm und Ehre
Kleben sie doch alle an den Rockfalten der Erde

Insurans Demokratia perechil
thinksit selfan supermacht
Ey tschillig driftan plataa…

Versichert sich Europa Perechils
Glaubt es sich ordnend überlegen
Und doch: Geduldig wandern die Kontinentalplatten…

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? |Inventarnummer: 16049

Kapuzinergruft

Paul sank tiefer, immer tiefer in die Polsterung seines Lehnstuhles. Es bereitete ihm große Mühe, die Augen offen zu halten. Die letzte Zigarette hatte zarte Rauchschwaden hinterlassen, die sich feig in Richtung sichtundurchlässiger Gardine, zum halb geöffneten Fenster hin davonmachten, um sich von dort in trägen blauen Windungen den Weg nach draußen zu suchen, wo sie hoffen konnten, Anschluss an die sonntags eingetroffene Westströmung zu finden.

Er las den letzten Absatz der Zeitung immer und immer wieder. Vielleicht machte ihn gerade das so müde. Niemand könne verhindern, dass sich Täter mit Sprengstoff unter die Menge mischen! Keiner könne eine Messerattacke verhindern! Was für Zeiten! So was hatte es immerhin zu Kaisers Zeiten auch schon gegeben, beruhigte er sich. Schöne Beruhigung! Was für eine Welt, dachte Paul. Die offene Zeitung glitt sanft seine Beine entlang zu Boden.
Als wandelte er wie im Traum seinen gewohnten Weg, die Josefsgasse hinunter, vorbei an dem Haus, wo Oskar Werner gewohnt hatte, an den er sich noch erinnerte, als wäre es gestern und auch an das Gasthaus an der Ecke zur Josefstädterstraße, in dem jener gerne verkehrte, jetzt Restaurant zur „Frommen Helene“. Von dort aus überquerte er die Auerspergstraße, davor der berüchtigte und vor hundert Jahren beliebteste Duellplatz der jungen Herren aus gutem Hause. Duelle gab es hier heutzutage keine mehr, zumindest nicht mit Degen, aber dafür andere, solche mit Autos.

Warum sollte ausgerechnet diese Stadt vielleicht jetzt auch noch Zielscheibe des Terrorismus werden? Pauls Stirne zeigte deutlich Falten. Erst viel später war hier die legendäre Vergnügungsmeile entstanden, eine zwei Kilometer lange Demarkationslinie zwischen Neubau und Josefstadt bildend, zwischen Musik und revolutionärem Geiste. Doch heute – heute donnerte der Verkehr an den ehrwürdigen Palais vorbei und färbte ihre ehemals blendend weißen Kalksteinfassaden grauschwarz. Das vielgerühmte Walzerviertel, in dem einst Strauß und Lanner gewohnt hatten, war mittlerweile alles andere als romantisch, aber – was sollte es, heute war trotzdem ein besonderer Tag, nämlich der Tag des hundertsechsundachtzigsten Geburtstags des Allerhöchsten, der heute gefeiert wurde, posthum quasi, wenn auch nur in kleinem Kreis, und bei weitem nicht so pompös wie damals.

Vom Burggarten her waren Trommeln und Blechmusik zu hören, sie kamen näher und näher, hin in Richtung Kapuzinerkirche am Neuen Markt. Paul schob sich unauffällig unter die Menge, die sich, bunt gemischt, aus Alt und Jung, mit Dirndl und Lederhose oder im T-Shirt, militärbemützt, mit und ohne Regimentsfahne durch die widerspenstige, immer wieder zufallen wollende Kirchentür drängte. Es gab noch freie Plätze. Paul setzte sich in eine Bank nahe dem rechten Seitenaltar. Neben ihm eine ältere Dame mit weißen Handschuhen und Gehstock.

Niemand könne verhindern, dass sich Täter mit Sprengstoff unter die Menge mischen! Der Satz ließ ihn nicht los. Wer würde solche Menschen wie diese Frau hier und diese Menschen hier wegen ihres Glaubens zu Opfern machen wollen?, dachte Paul. Für wen würden solche Sinnlosigkeiten Sinn machen? Was stand wirklich hinter diesem Wahnsinn, der nun schon seit Jahren beinahe weltweit tobte? Paul sah sich um. Das Altarbild zeigte Jesus Christus, auf einer Wolke schwebend, mit der Linken ein mächtiges Holzkreuz umklammernd. Nie zuvor hatte ihn der Anblick dieses Bildes so sehr berührt wie eben. Die Schar der Begeisterten würde auch immer kleiner, raunte ein Besucher hinter ihm. Vor zwanzig Jahren hätte man hier keinen Platz mehr gekriegt um diese Zeit, meinte ein anderer.
Paul schaltete sein Handy ab und schob es in die Rocktasche. Die meisten der Anwesenden waren nicht besonders festlich gekleidet, und unter die Uniformierten und Trachtenbejoppten hatten sich zahlreiche neugierige Touristen gemischt, mit offenen Blusen, verschwitzt, mit allerlei Souvenirzeug beladen. Draußen – ein warmer Augusttag, wo sich Radfahrer auf Radwegen tummelten, drinnen – angenehme Kühle und leises Geflüster. Autolärm drang herein. Rechts von Paul, am Boden, eine von unten her beleuchtete Öffnung, in Stein eingelassen, die Gruft des Marco d´Aviano. Eine Dame links von ihm blätterte laut raschelnd im schwarz-gelb gehaltenen Festprogramm.
Paul rutschte unruhig auf der harten Holzbank hin und her und suchte nach einer bequemen Sitzposition, was ihm nicht so ganz gelingen wollte. Hinter ihm zischelte man sich alte Geschichten längst vergangener Tage zu, wohl um sich einzustimmen auf die Zeitreise für diese alljährliche Feier. Und ob man schon gehört hätte, es wäre wieder wo eine Bombe hochgegangen. Naja, im Ausland, sagte einer.
Nicht nur anderswo, auch bei uns wäre so ein Anschlag möglich, dachte Paul. Schrecklich der Gedanke! Er war neulich im Wiener Musikverein. Ein herrliches Konzert, aber schon in der Eingangshalle überlegte er, da befinden sich Hunderte Menschen völlig unkontrolliert in einem öffentlichen Gebäude. Wenn sich da ein paar Typen mit Sprengstoffgürteln daruntermischten, konnte Fürchterliches geschehen, und er hatte sich besorgt umgesehen. Ausschau halten, dachte er, nach Personen, die so aussehen wie…

Ein kahlköpfiger Pater in brauner Kutte entzündete bedächtig die mächtigen Kerzen am Hauptaltar. Dann strömten ordenbeladene, mit Umhängen ausgestattete, trotz allem Prunk sehr bürgerlich aussehende Würdenträger den Mittelgang entlang, hin zu den vordersten Reihen, um dort ihre Plätze einzunehmen. Mitglieder des Malteserordens wohl, durchfuhr es Paul. Das is´ ja der Präsident!, raunte jemand hinter ihm, do schau her! Was denn für ein Präsident, überlegte Paul fieberhaft und verrenkte sich beinahe den Hals. Zwölf rosarote Gladiolen zierten den Altarraum, in einer überdimensionalen Bodenvase steckend, links und rechts davon stand Grünes, in lehmgebrannten Töpfen. Ein Militärbemützter sank stöhnend auf die Sitzbank nieder, in der Paul saß, dass alles bebte.
Das Alter, dachte Paul. Wie würde er es erleben? Die Weißbemäntelten der ersten Reihen tuschelten untereinander und steckten die Köpfe zusammen. In schwarzem Tüll erschien eine offensichtliche Nachfahrin des Allerhöchsten, würdigen Schrittes, ganz nach vorne stelzend, sich ihrer Schirmfrauenschaft dieser Feier wohl bewusst und von allen begafft, setzte sie sich in die erste Reihe. Hinter ihr, Uniformierte eines Traditionsregimentes, mit Fahne, vorneweg tragend, ein dicker Hauptfeldwebel mit gezogenem Säbel, linke Hand abgewinkelt, Klinge auf seiner linken Schulter ruhend, Tschako schief am Kopfe sitzend, Gesicht hochrot.

Er selbst wäre zwar ein liberaler Mensch, dachte Paul, aber sollte man nicht jetzt überall Metalldetektoren aufstellen? Oder würde man die Leute damit bloß verunsichern? Noch mehr verunsichern als sie ohnehin schon waren? Dann kämen die mit den Säbeln hier erst gar nicht herein, musste Paul schmunzeln. Man muss sich bewusst werden, welch großartige Freiheiten man eigentlich hatte und dass man bislang relativ sicher gelebt hatte. Aber diese neuen Zeiten brachten einen völlig durcheinander.

Die Uniformierten verteilten sich im Kirchenschiff, sozusagen einzeln abfallend, jeder irgendwo, drei von ihnen etwas enger beisammen als der Rest. Der mit der blanken Klinge schritt bedächtig den Mittelgang entlang und musterte mit prüfendem Blick die Seinen und die Übrigen. Ein Säbel gegen Handgranaten oder Dynamit, dachte Paul. Was tun wohl die geheimen Nachrichtendienste vorausblickend, überlegte er? Ob die alle wirklich effizient zusammenarbeiten würden? So betrachtet wäre neun/elf mit hoher Wahrscheinlichkeit vielleicht zu verhindern gewesen, hatte einmal einer gemeint, die Geheimdienste hatten doch alle Informationen beisammen? Man hätte sie nur richtig zusammensetzen müssen.
Irgendwo fiel eine Münze zu Boden. Es gab ein klirrendes Echo. Vielleicht hatte man das große Ganze nicht gesehen, damals? Abgesehen davon hätte man denken müssen, wer heute dein Freund ist, kann schon morgen dein Feind sein. Ist doch lächerlich! Misstrauen wäre ein essenzieller Faktor. Und wenn schon, was könnte man selbst tun?
Paul zermarterte sich das Gehirn. Menschenansammlungen meiden, durchfuhr es ihn. Er betrachtete nochmals die Säbel, die da in die Luft ragten. Ein Ungleichgewicht. Und die Träger dieser archaischen Waffen wankten. Besonders glücklich sah keiner von ihnen drein. Ein alter Major, schief, mit Hohlkreuz, hielt die ihm anvertraute Fahnenstange mit beiden Händen fest umklammert. Seine Backenknochen mahlten hin und her. Die schmalen Lippen eng zusammengepresst, das graue Schnauzbärtchen hochgezogen, dann wieder gesenkt, hochgezogen, gesenkt. Was ging wohl in dem jetzt vor? Hatte er sich mental ins vorige Jahrhundert gebeamt? Oder war im bewusst, in welcher Zeit er eben lebte? Seine Augen lagen in faltenreiche Tränensäcke gebettet und glänzten etwas rot. Er stand Paul am nächsten von allen Militärs. Die Übrigen schienen gleichfalls einen äußerst müden Eindruck zu vermitteln, ja, einen beinahe hoffnungslosen, in ihren schlotternden Gewändern, und so krumm, wie sie alle dastanden.

Da plötzlich setzte die Orgel zu spielen ein, und die Leute begannen schleppend dazu zu singen, obwohl der Organist bemüht war, etwas Tempo in die ganze Sache zu bringen. Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Zwei Kapuzinerpater waren da vorne, der eine etwa Mitte fünfzig, mit langem, grauem Rauschebart, er las die Messe, der andere, wahrscheinlich siebzig oder älter, mit kürzerem Bartwuchs, ministrierte ihm. Paul gähnte. Er nahm erst wieder Anteil am Geschehen, als er die böhmakelnden Worte des Predigers vernahm, was dazwischen geschehen war, fehlte ihm plötzlich in seiner Wahrnehmung.

… und am zweiten Dezember achtzehnhundertundachtundvierzig wird er Kaiser von Esterreich gleichsam von Gottes Gnaden. Seine Arbeit war geprägt von großem Reformwerk und die Frichte seiner Arbeit hielten die Monarchie in ihrer Vielfalt zusammen, wodurch er zum Symbol der Esterreichisch-Ungarischen Monarchie geworden war. In fortgeschrittenem Alter zog er sich immer mehr und mehr aus den Amtsgeschäften zürick und wurde mehr und mehr zur Integrationsfigur dieser velkerverbindenden Konstellation. Er fiehlte sich als Soldat und Beamter, nicht zuletzt auch als toleranter, frommer – der Pater machte eine längere Pause – Katholik. So fiehrte ihn sein Weg vom Monarchen zum konstitutionellen Herrscher, der stets seine Pflicht als oberstes Ziel angesehen hatte.
Welche Botschaften aber, liebe Gleibige, soll uns sein Geburtstag ibermitteln? Er, der die Ideale der Monarchie bewusst gelebt hatte, ja, nämlich Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Ordnungssinn, religiese Toleranz, Achtung gegen den Feind und gerechte Justiz. All diese Werte werden damals wie heite genauso von uns allen gefordert, wie Ehrehrbietung gegen die Gesetze, Vorgesetzte und Angeherige. Franz Josef hatte stets versucht, seine Ideale in die Praxis umzusetzen.
Der Mensch, liebe Gleibige, ist unvollkommen, auch ein Kaiser, und der Mensch bewegt sich ständig in dem Spannungsfeld zwischen Besem und Gutem, darum braucht er Gottes Kraft, als Basis fir sein Lebenswerk. Und in der heitigen Zeit umso mehr. Drum, seien wir wachsam, liebe Gleibige! Das beginnt schon im Baumarkt. Wenn ein Kunde von einer Chemikalie, etwa einem Lesungsmittel, so viel kauft wie iblicherweise zehn andere Kunden zusammen, dann muss man sich als aufmerksamer Verkeifer zumindest die Frage stellen dirfen, wofir braucht der das eigentlich? Wenn wir wollen, dass es bei uns auf Bahnhefen und in Konzertsälen oder in Kirchen keine rigorosen Eingangskontrollen gibt, dann missen wir die Augen viel offener halten, liebe Gleibige, als bisher!
Daher wird von uns verlangt, dass jeder seine Pflicht tut. Eiropa ist heite zu einem mehr oder weniger friedlichen Vielvelkerstaat zusammengewachsen wie damals die Monarchie. Aber, wie wir alle wissen, wir beheimaten heite auch Menschen mit einem extremistischen Weltbild und wir beobachten Zellen gewisser Briderschaften, die uns nix Gutes tun wollen. Iberall suchen diese verstärkt nach deitschsprachigen Kämpfern, sogar in unserem Esterreich, auf dass diese ausgebildet werden, um dann in Deitschland oder sogar bei uns in Esterreich operieren zu kennen. Wir alle missen befirchten, dass es friher oder später auch in Esterreich zu solch einem Anschlage wird kommen kennen. Was der allmächtige Gott verhindern mege!

Paul war der Kopf nach vorn gekippt, als er jäh erwachte. Was hatte der Pater da gesagt? Er hatte nicht ganz verstanden. Paul rieb sich die Augen und sah unauffällig um sich. Er musste wohl eingenickt sein. Der Pater hinterm Altartisch schickte sich bereits an, seine Predigt mit den Worten zu beenden: Das bedeitet, dass unsere Pflichten heite genauso aufrecht sind wie damals und wir uns umsehen und vorsehen missen, damit wir auf dem rechten Wege bleiben! Amen. Vergelt´s Gott, murmelte die Menge. Die Himmel rühmen … klang es an Pauls Ohr und er kramte nach seiner Brieftasche. Der Klingelbeutel wurde herumgereicht. Mit einem Male war auch die Kommunion vorbei, zu der sich alle, höchst umständlich, in ungeordneter Schlangenlinie angestellt und vorgedrängt hatten. Paul war gleichfalls aufgestanden, denn er konnte kaum noch sitzen vor Rückenschmerzen, hielt aber tapfer durch bis zum Schluss. Zum Segen hatte man sich erhoben und wartete die präludierende Paraphrase des Organisten ab, nachdem dieser gerade noch an einer wenig ans Ziel führenden, gefährlichen Modulation das Haydn´schen Themas vorbeigeschrammt war, um danach, gemeinsam mit der Menge, in die Melodie des Liedes „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Land! Mächtig durch des Glaubens Stütze führ´ Er uns mit weiser Hand! Lasst uns Seiner Väter Krone schirmen wider jeden Feind: Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint“, einzustimmen.

Paul kratzte sich hinterm Ohr, er sah auf seinen Taschenkalender. Es war schon zweitausendsechzehn, aber ganz sicher war er sich nicht. Ein Blick auf den alten Major machte ihn unsicher. Ein Degen blitzte im Licht der Kronleuchter kurz auf. Die Menge sang mehr oder weniger intoniert. Er selbst wagte anfangs nicht mitzusingen, dann jedoch öffnete er seine Lippen, er wollte singen, aber kein Laut kam über seine Lippen – er selbst meinte, dass er sänge, konnte sich aber nicht hören, und plötzlich schreckte er jäh hoch – in seinem Lehnsessel, im ersten Moment unfähig zu lokalisieren, wo er überhaupt war. Unbewusst führte er seine rechte Hand zum schmerzenden Rücken, um sich durch Reiben ein wenig Linderung zu verschaffen, was völlig wirkungslos blieb. Er gähnte lange und stand schließlich widerwillig auf, um sich Kaffee zu kochen.
Währenddessen steckte er sich eine Zigarette an und überlegte angestrengt, wo war er denn nun eigentlich stehen geblieben? Ach ja, da war doch gleich – ah ja, es war ja nur ein Traum, ein Traum, ja. Wenn auch nicht alles. Manches daran war ja Wirklichkeit, dachte er, als er die Zeitung vom Boden aufhob, verdammte Wirklichkeit! Paul warf einen Blick aus dem Fenster. Der Sommer ging langsam seinem Ende zu, er spürte es, und – irgendetwas erinnerte ihn daran, dass man seine Pflicht zu erfüllen – hätte – seine – Pflicht erfüllen …. wie damals …. aber welche Pflicht?

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16041

Das Ende des Vogelsangs

In sechzehn Stollen und einem Abgesang

1 Da war immer schon viel Verständnis und Freude am Vogelsang. Da wurde das Verlangen nach mehr nicht nur in wissbegierigen Ornithologen geweckt. Da zogen Wesenszüge und Eigengesetze und der musikalische Aussagewert Neugierige schon durch Jahrhunderte in ihren Bann.

2 Nun waren singende Vögel schon immer ein beliebtes Unterhaltungsmittel. Nun wurde Vogelgesang schon immer als wohltönend und angenehm empfunden. Nun ging man oft davon aus, dass Vögel aus Lebensfreude oder zur Erbauung der Umwelt singen.

3 Zumal werden singende Vögel weltweit in mehr oder weniger ausgeprägten Freiräumen gehalten. Zumal singen manche Arten besonders in Isolation sehr stark. Zumal singen sie oft bis zur völligen Erschöpfung. Zumal ist der Vogelgesang eine verhaltensbiologisch bemerkenswerte Leistung. Zumal singen Vögel so, wie sie durch die verschiedensten Umstände beeinflusst werden.

4 Bekanntlich ist der Gesang vieler Singvögel oftmals nicht bloß lyrisch. Bekanntlich ist er meist sogar prosaisch. Bekanntlich verfügen Lyriker oder Prosaisten meist über mehr als einen Strophentyp. Bekanntlich ist der Gesang der Singvögel im Vergleich zu anderen Vogelarten nicht angeboren. Bekanntlich muss diese Kunst, wie jedes Hand- oder Mundwerk, erlernt werden. Bekanntlich gibt es auch versierte Autodidakten unter diesen Tierarten.

5 Derweil ist Vogelsang keine Ausschmückung von etwas, das man auch einfacher oder deutlicher sagen könnte. Derweil ist Vogelsang vielmehr ein Akt, der sich selbst als solcher wahrnimmt und reflektiert. Derweil zeigt sich Vogelsang in seiner Eigentümlichkeit. Derweil ist Vogelsang Vermittler von Welt und Leben. Derweil ist Vogelsang spezifische Ausdrucksform und sich seiner selbst bewusst. Derweil ist Vogelsang nicht kommunikativer Zierrat! Derweil ist Vogelsang nicht Teil von etwas! Derweil ist Vogelsang tiefster Ausdruck der Seele.

6 Aber über den Gipfeln ist keine Ruh. Aber über den Gipfeln kann nie Ruh sein. Aber immer schon lag über den Gipfeln die Unruh. Aber zu allen Zeiten herrschte immer irgendwann Unruh. Aber warum sollte es in einer neuen Zeit anders sein.

7 Ganz plötzlich schien die Vogelwelt erstarrt! Ganz plötzlich lähmte Bestürzung die Singenden. Ganz plötzlich lag Betroffenheit in trock‘nen Kehlen. Ganz plötzlich spie Entsetzen fassungslos sein lähmendes Gift in den Dunst des Spätherbsts.

8 Bewusst wurden schuldlose Leben in den Tod gerissen. Bewusst wurde der Kosmos für Sekunden von Verblendeten vereinnahmt. Bewusst erlaubte eine finstere Macht, ungeschützte Verwundbarkeit feig für mörderisches Spiel zu nutzen.

9 Dann plötzlich ergriff eine Ohnmacht die Hörenden. Dann herrschte die Angst vor koordiniert geistesgestörtem Wahn. Dann hockte man gelähmt von den gräulichen Taten Umnachteter zitternd im Geäst. Dann trat Stille ein, als sich der Pulverdampf verzogen hatte.

10 Danach wuchs stumm im Schatten der ruchlosen Tat tonlos und dornig eine Hecke aus Starre. Danach verstummten die Vögel zur Gänze. Danach schwieg die Natur als Folge der Schauder. Danach ward Grauen und Widerwillen unter den Sängern.

11 Das war das Ende zweckorientierten Gesangs. Das war das Ende belebenden Beitrags Gefiederter. Das war das Ende der Wahrnehmungen ihrer Natur. Das war das Ende der schönen Poesie. Das war der Abschied ihrer provokanten Eleganz.

12 Damit einher begann die Vertreibung des Vogelgesangs. Damit einher ward Vogelsang nie mehr Ruhekissen der Liebesnacht. Damit einher ging das Ende von Idealen ihrer Ziele und Methoden. Damit einher geriet Stummheit zum stillen Protest.

13 Zeitgleich begann ein Rückzug der Vögel in sich selbst. Zeitgleich verkrochen sie sich in ihren Nestern. Zeitgleich verdunkelten sie ihre Nistplätze. Zeitgleich lebten sie innerlich und äußerlich nur Nacht. Zeitgleich erstarrt, gewährten sie niemandem Zutritt zu ihrer Behausung.

14 Letztlich zogen sie die Flügel hoch. Letztlich sahen sie bloß zu Boden. Letztlich verdeckten sie mit ihren Federn die unruhigen Augen. Letztlich verharrten sie mit verschränkten Beinen bewegungslos. Letztlich vermieden sie jegliches Geräusch. Letztlich gebaren ihre Kehlen kein Krächzen und kein Krähen. Letztlich erstarrten sie in ihrem Gefängnis des Schweigens. Letztlich erschien dieses Schweigen als Trotz.

15 Am Anfang vom Ende blieb kein anderer Ausweg. Am Anfang vom Ende nur stille Beobachtung. Am Anfang vom Ende blieb allein schöne Erinnerung. Am Anfang vom Ende ward phonische Leistung für immer verweigert. Am Anfang vom Ende gab es kein Weinen, kein Husten, kein Lachen.

16 So waren weder Atemgeräusch noch Laute des Schmerzes. So waren weder Blickkontakt noch Berührung. So waren nur Schweigen und Stille. So wollten Flügel und Beine ohnehin nur schwach zappeln und schwanken. So blockierten Blockaden das Singen, das Trällern und Fiepen.

Ein Abgesang

Das Geschäft mit dem Vogelsang war zur Talfahrt verkommen. Nicht deswegen, weil die Gier der Verleger neuer Partituren grenzenlos war. Nicht wegen der Provinzialität der Händler, dass Vogelsang nicht mehr unter die Leute gelangte. Nicht deswegen, dass überall gespart werden musste. Nicht deswegen, dass Vogelsangsendungen abgesetzt wurden. Nicht deswegen, dass Vogelsanghäuser geschlossen wurden. Nicht deswegen, dass Vogelsangmagazine, die das Ende des Vogelsangs ankündigten, nicht mehr gedruckt wurden. Nicht deswegen, allein wegen der Verunsicherung des Vogelliedmarktes. Nicht deswegen, dass einige wenige mit Sangesmüll renommierten. Nicht deswegen, weil selbst der vernichtende Cocktail aus Vogelsangwettbewerbskampf und schrumpfendem Markt der Branche nichts hätte anhaben können. Nicht deswegen, weil weder die sich minimierende Liste jämmerlicher Vorsänger noch die Rückläufigkeit der Umsätze bis zum Nullpunkt oder die Aushöhlung durch die Preisbindung dem Vogelsang den Garaus hätten machen können. Nicht deswegen, auch wenn man Parallelausgaben verboten hätte.

Sondern vielmehr lag die Ursache darin, dass aus Protest gegen das Unrecht immer weniger Partituren gekauft wurden. Sondern vielmehr lag es einzig und allein daran, dass aus Schmerz über die ruchlose Tat überhaupt nicht mehr gesungen wurde. Sondern vielmehr lag es daran, dass Vogelsang als Unterhaltung oder Sprachrohr einer bestimmten Geisteshaltung seit dem Tage der Katastrophe seinen Stellenwert verloren hatte. Sondern vielmehr hatte die aktuelle Krise die Konsumenten in Katastrophenstimmung versetzt. Sondern vielmehr verlangten sie nunmehr das Seichte, das Unterhaltsame, das Ablenkende. Sondern vielmehr hatte Vogelsang für den Einzelnen und für die Gemeinschaft das Verbindende geleistet. Sondern vielmehr ist sein Wert durch die ruchlose Tat zur Bedeutung eines Gutenachtliedes verkommen. Sondern vielmehr bedeutet der Verlust der Sangeslust jedoch nicht den Verlust seiner geistigen Fähigkeiten. Sondern vielmehr erlaubte das Entsetzen über das Geschehen nur seine Wiederaufnahme nicht.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16033

Ausschnittsweise

Lara ist Sozialarbeiterin und lebt schon eine ganze Weile alleine. Manchmal vermisst sie das laute und bunte Familienleben, dessen Teil sie nur noch ist, wenn sie gelegentlich ihre Eltern und ihre Geschwister besucht. Zuhause wird noch immer Litauisch gesprochen; sonst verwendet Lara ihre Zweitsprache nie, die sie fließend beherrscht. Selbst mit Bekannten aus Litauen spricht sie nur Deutsch, auch wenn sie auf Litauisch angesprochen wird. Ihre ältere Schwester Audra und ihr Mann Aidis hingegen sprechen hauptsächlich Litauisch und haben nur litauische Freunde, während Lara in jeder Hinsicht Abstand zu ihrem Geburtsland hält. Auch zur weiteren Verwandtschaft wahrt sie Distanz, sie sieht diese nur bei größeren Feiern wie Hochzeiten. Auf Diskussionen diesbezüglich lässt sie schon lange nicht mehr ein. Auch von ihrer Bisexualität weiß ihre Familie nichts. Nicht, weil Lara sich dafür schämt, sondern weil sie ihr Innerstes schützen will. Ihr haben die Diskussionen nach ihrem Kirchenaustritt schon gereicht.

Lara war schon als Kind ehrgeizig, eigensinnig und unangepasst. Während andere Mädchen miteinander und mit ihren Puppen gespielt hatten, hatte sie sich lieber mit Büchern, dem Familienhund Sam und ihrem besten Freund Görkem, dem türkischen Nachbarsjungen, beschäftigt. Diese Freundschaft ist die längste und stabilste in Laras Leben. Sie ist sich ihrer starken Wirkung nach außen nicht bewusst, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die sie gerne in einer Beziehung – und noch lieber verheiratet – sehen würde.

Leyla wusste schon als Schülerin, dass sie Jugendsozialarbeiterin werden wollte. Vielleicht, weil ihr schon früh klar war, dass es engagierte und couragierte Erwachsene braucht, um eine mündige und verantwortungsgbewusste nächste Generation aufzuziehen. Vielleicht war es auch die couragierte Betreuerin im Jugendzentrum. Seit kurzem lebt sie in ihrer ersten eigenen Wohnung, die voll von Büchern und Fotos ist. Die meisten Fotos zeigen sie und ihre beste Freundin Sara, die ursprünglich aus Kairo stammt. Leyla ist die einzige Frau in ihrer Familie, die kein Kopftuch trägt, und ihr Auszug hat zum endgültigen Bruch mit ihrer konservativen Famile geführt. Irgendwann war ihr die permanente Einbindung in das Familienkollektiv, die keinen Raum für persönliche Entfaltung ließ, zu viel geworden. Selten sieht sie einige Familienmitglieder am Brunnenmarkt, wenn sie dort einkauft oder sich mit Sara zum Frühstück trifft. Schon als kleines Mädchen hat sie sich nie den Mund verbieten lassen. Wie oft hat ihr Bruder sie mit der flachen Hand auf den Mund geschlagen? Sie erinnert sich noch gut daran, wie oft ihr Vater ihr vorgehalten hat, dass es bei ihrer Schönheit leicht wäre, einen Ehemann für sie zu finden, würde sie sich mehr auf ihre Pflichten als Frau konzentrieren, anstatt sich ihren Verstand mit Büchern zu vernebeln. Sie hatte irgendwann gelernt, taktisch zu schweigen, bis sie in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Auch wenn sie das laute Familienleben jetzt manchmal vermisst, ist sie doch glücklich über ihre eigene Wohnung. So sehr sie ihre Arbeit im Jugendzentrum liebt, an einem freien Tag ist sie froh, wenn sie es sich mit einem Buch auf der Couch bequem machen oder spazieren gehen kann. Die gleiche Strecke, die Lara immer zum Joggen nimmt.

Lara und Leyla haben sich sicher schon oft gesehen; in der kleinen türkischen Bäckerei, am Donaukanal oder an der Straßenbahnhaltestelle. Und unbewusst haben sie sich sicher schon wahrgenommen. Die große, blonde Lara, deren blaue Augen immer eine klare Präsenz ausstrahlen und deren markantes, aber doch zierliches Gesicht stets einen Hauch von Konzentration aufweist. Und Leyla mit ihren schokoladebraunen Locken, ihren bernsteinbraunen Augen, die sie wohl von ihrer Großmutter geerbt hat, ihrer sanften, wohlgeformten Figur und ihrer geerdeten Ausstrahlung. Aber vielleicht verhält es sich auch nur so, dass man einen richtigen Menschen erst zum richtigen Zeitpunkt wahrnimmt. Und dann kann man nur versuchen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. An diesem Tag sind Lara und Leyla schon seit vierzehn Stunden auf den Beinen. Die kleine türkische Bäckerei an der Ecke hat bis Mitternacht geöffnet; Spätentschlossene wie sie können so um 23.30 Uhr noch Milch und Brot für den nächsten Tag besorgen. Lara ist müde nach diesem langen Tag und nimmt den Geschmack der Zigarette in ihrer rechten Hand kaum wahr.

Neben ihr, ebenfalls an der Theke, steht Leyla, die lieber Abstand genommen hat von den zwielichtigen Gestalten, die an einem kleinen Tisch Tee trinken. „Auch keine Milch mehr?“, Leyla lächelt Lara an und streicht sich sanft eine schokoladenbraune Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nein“, Lara schüttelt den Kopf und erwidert das Lächeln, „aber das ist nicht tragisch, auf mich wartet niemand!“ „Auf mich auch nicht! Es ist leichter, wenn einem das eigene Leben ganz alleine gehört.“ Lara nickt zustimmend.

Celal, der Besitzer der kleinen Bäckerei, ist schon seit über dreißig Jahren in Wien. Als Zwanzigjähriger hat er Istanbul verlassen, der Liebe wegen, die sich noch immer bewährt. Er kennt die beiden jungen Frauen gut, sie kommen oft – getrennt voneinander – zu ihm in die Bäckerei. Manchmal bleiben sie sogar, um ein Gläschen türkischen Tee mit ihm zu trinken und sich zu unterhalten. Lara ist die Tochter eines alten Freundes von ihm, den ebenfalls die Liebe vor vielen Jahren nach Wien geführt hat; allerdings aus Litauen, und der mit seiner Frau in der Wohnung neben Celal und seiner Frau lebt. Leyla ist die Tochter eines Freundes von ihm aus Istanbul. Er weiß auch von dem Bruch innerhalb Leylas Familie; ihr Vater Ahmet fragt oft nach seiner Tochter. Auch jetzt beobachtet er die beiden, wie sie so zusammenstehen und sich unterhalten, als wäre es eines von vielen, schon vorangegangenen Treffen.

Schon aus Gewohnheit bietet ihnen Celal einen Tee an. Und die kleinen, traditionellen Teegläser scheinen das Bild zu komplettieren. Es ist, als wären sie für die beiden Mädchen gemacht worden. An diesem Abend verlässt Celal seine Bäckerei erst um halb zwei, eineinhalb Stunden später als üblich. Hier zeigt sich die Festigung einer Liebe, die schon einige Jahrzehnte hinter sich hat. Celal weiß, dass seine Frau, wie jeden Abend, schon schläft, wenn er kommt. Er weiß auch, dass sie ihre Zeit nicht mehr mit Eifersucht verschwenden wird, wenn er die Wohnung betritt und sie fast automatisch aufwacht und aufsteht, um ihm einen Tee zu kochen. Sie werden über den Tag sprechen, wie er vergangen ist und wie jede Nacht Arm in Arm einschlafen. Und vielleicht ist gerade das der Segen eines ruhigen, zufriedenen und vor allem überschaubaren Lebens. Eben deshalb beneidet er die beiden jungen Frauen auch nicht. Ihre Generation ist eine sehr gehetzte, eine, die beschädigte Dinge lieber austauscht, als zu versuchen, den Defekt zu beheben. Doch er grollt nicht. Er weiß, dass sich in jeder Zeit das Positive und das Negative die Waage halten.

Es ist spät – oder früh, je nachdem, wie man vier Uhr morgens empfindet –, als die beiden Frauen die Bar neben der nahegelegenen U-Bahnstation verlassen. „Wie heißt du eigentlich?“ In all den Stunden ist ausgerechnet diese Frage nicht gefallen. „Leyla“, wieder erscheint ihr sanftes Lächeln. „Ich bin Lara“, ihre Stimme ist rauchig, „wollen wir noch zu mir gehen?“ Hand in Hand. Und doch schon viel intimer. Sehr viel intimer. Stunden später sind ihre Stimmen schon beinahe brüchig und können dem Gedankenaustausch kaum noch standhalten.

„Weißt du eigentlich, wie wunderschön du bist?“, langsam streicht Lara Leyla eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Suchend, mit geschlossenen Augen berührt sie die warme Hand, erwidert die Geste, zieht ihr Gegenüber bestimmt heran. Und es ist der erste Kuss, der alles Weitere entscheidet. Sie verbringen die Nacht zusammen.

Vielleicht können sich Frauen wirklich besser in andere Frauen hineinversetzen, wenn es um sexuelle Bedürfnisse geht. Oder vielleicht ist es aber auch nur so, dass zwischen den beiden Frauen die Chemie gerade stimmt. Oft schon haben sich die beiden im Morgengrauen aus fremden Wohnungen geschlichen, um peinliches Schweigen oder – noch schlimmer – die Frage nach der Telefonnummer zu vermeiden. Was in diesem Fall anders ist? Es ist keine dieser klassischen Geschichten. Und nichts Pathetisches.

Es ist ein Samstagmorgen, der einen dazu verleitet, einen langen Spaziergang zu machen, obwohl er neblig und verhangen ist. So sitzen sie im Café Central in der Herrengasse, sprechen über ihre Studienzeit, wundern sich, warum sie sich nie begegnet sind, obwohl sie beide oft hier waren. So oft, dass die Kellner beide Frauen noch immer mit dem Vornamen begrüßen. Es ist sogar der gleiche Lieblingsplatz in einer kleinen, versteckten Ecke, wo sie für sich sind. Noch immer Hand in Hand spazieren sie von der U1-Station Donauinsel bis zur U6-Station Neue Donau und wieder zurück. Vier- oder fünfmal, bis sie schließlich in die U6 einsteigen und wieder zu Lara fahren. Weil es irgendwie schon wieder spät geworden ist. Jedenfalls spät genug, um sich noch mit einer Tasse heißen Tee einen Film anzusehen und auf den Sonntag zu warten.

Schweigend liegen sie nebeneinander, ohne etwas anderes wahrzunehmen. Mit geschlossenen Augen und einander streichelnd. Lara genießt es, Leylas Hand auf ihrer Brust zu spüren. Zu spüren, wie die Hand abwärts wandert, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Sie zieht Leyla heftig an sich, küsst sie.

Ob es Liebe ist? Das bleibt abzuwarten, es hat doch gerade erst angefangen.

Celal hat die beiden an diesem Tag vorbeigehen gesehen, Hand in Hand. Ob ihn dieses Bild überrascht hat? Nicht sonderlich, über die Jahre hat er viel gesehen. Und seine Einstellung war schon immer sehr liberal. Ob ihm die beiden zusammen gefallen haben? Ja, wenn auch aus ästhetischen Gründen, nicht aufgrund sexueller Phantasien. Solche Bilder reizen ihn nicht mehr in dem Ausmaß, wie sie es in seiner Jugend getan haben. Er muss vor allem an Aphrodite denken, über die er als Junge sehr viel gelesen hat, weil sie ihm von allen Göttinnen die liebste war.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16024

Zwischen Welten

„Nochmal, Petra nochmal!“ Der Ruf des Ausbildners und Verantwortlichen schallte durch den hohen Raum, brach sich an den schmucklosen Wänden, ließ alle anderen auf sie starren. Man sah es ihnen an: Sie waren froh, dass nicht der eigene Name gefallen war, wie ein Urteil, hart, harsch, fordernd, keine Widerrede duldend.
Sie setzte sich mit gesenktem Kopf in Bewegung Richtung Absaugung, kam dort an, ein Knopf wurde gedrückt, die Maschine startete sofort. Sie spürte den kraftvollen Sog, unmittelbar auf der Haut, auf den Muskeln, in allen Gliedern, bis ins Innerste hinein, alles krümmte sich in ihr zusammen, und dann war es wieder vorbei. Zweimal die ganze Prozedur, die sie hasste, wie sie fast alles hier hasste.

Vielleicht hätte sie nicht den Kapuzenpulli anziehen sollen zum Arbeiten, wurde sie denn nie schlauer? Da verfingen sich zwangsläufig Späne und Staub, und solches war Grund genug, sie nochmals zu säubern, auch wenn beim ersten Mal nichts mehr sichtbar gewesen war.
Oder sie mochten sie einfach nicht, gut, sie mochten keinen hier, aber es gab welche, die sie noch ein klein wenig weniger mochten als andere, und sie gehörte sicherlich zu dieser Gruppe.
Sie war verlegen, fuhr sich mit beiden Händen über ihren Kopf, als sie von der Maschine abtrat, strich sich über die kurzgeschnittenen Haare, es erschien wie ein flüchtiges Streicheln. Wer sonst sollte es tun?
Das Gefühl war nicht neu für sie, sie war einsam hier, wie alle anderen auch. Immer wieder wurden sie angehalten, Beziehungen zueinander zu unterlassen, sie könnten ja doch jederzeit getrennt werden, in anderen Ausbildungslagern landen, und Abschiede gehörten zum Alltag. Und schließlich mussten sie sich ja auf die neuen Aufgaben konzentrieren, es sollte ja etwas werden aus ihnen allen. Wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, so hörten sie es jeden Tag, morgens und abends. Sie war gespannt, wann es endlich so weit war. Wertvoll fühlen wollte sie sich tatsächlich, das wäre einmal ein neues Gefühl für sie gewesen.

Irgendwann, nach Wochen, Monaten war dann auch ihre Frist abgelaufen, und sie war diejenige, die es zu verabschieden galt. Es ging kurz und formlos vonstatten: Ihre Habseligkeiten waren längst gepackt, ein Zubringerdienst (in dem Fall, um sie wegzubringen) informiert, das Tor öffnete sich für sie und damit eine Tür in das nächste Leben. Eines, das sie leben wollte, um jeden Preis.
Mit ihrer Ausbildung und dem Zeugnis, das sie im Lager erhalten hatte, hatte sie tatsächlich gute Chancen auf einen beschissenen Job. Die Werkstatt sah der Ausbildungsstätte sehr ähnlich, ein paar Bilder hingen hier an den Wänden, und die Chefs trugen eine andere Art Uniform, Anzug mit Krawatte nämlich, doch „freies“ Arbeiten hatte sie sich anders vorgestellt.
Irgendwie war nach wie vor alles mit Lärm verbunden, eine Qual für sie, die die Stille sehr liebte.
Dem Wecker im Heim folgten die Sirene zu Arbeitsbeginn, das Rattern der Maschinen, das Brüllen der Vorarbeiter und der Krach beim Einsortieren der bearbeiteten Güter. Dann die Riesenstapler, die die Gegenstände wegbrachten, das Fluchen der Fahrer, die Mittagssirene. So ging es fort bis zum Abend, dann die Schlusssirene. Wo war sie da nur hingeraten? Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft war sie nun. „Geglückte Resozialisierung“ stand auf dem ersten Monatsbericht, der an ihre Ausbildungsstätte erging, das war die Bestnote, das Höchste, was man erreichen konnte in ihrer Ausgangslage. Der Job war ihr somit gesichert.

Das Haupthaar wuchs wieder, sie musste draußen keine Mütze mehr tragen, die sie bisher immer bei sich gehabt hatte, um sich nicht zu verkühlen. Sie konnte ihre Haarspitzen schon im Gesicht spüren. Sie begann, alles leichter zu nehmen, je routinierter sie die Arbeit erledigen konnte. Im Geiste war sie weit weg, sehr weit weg von allem.
Dieses System funktionierte bestens, rein körperliche Anwesenheit bei völliger gedanklicher Freiheit. Sie perfektionierte das Ganze, bereiste Steppen, Wüsten, Dschungel und Bergtäler, unterhielt sich mit Wanderern, die sie auf ihren Reisen traf; erstaunlicherweise waren einige aus ihrer Ausbildungsgruppe dabei, und sie vermeinte alle zumindest vom Sehen zu kennen. Diejenigen, die ihr am cleversten erschienen waren, benutzten offensichtlich dieselben Pfade wie sie, die Ziele mussten sich bei ihnen allen also zumindest ähneln.
Die Ausbildung mit ihren ausgeklügelten Methoden hatte anscheinend bei ihnen eine gemeinsame Nebenwirkung, derer sich die Verantwortlichen nicht bewusst waren. Und ihre Schützlinge würden sich hüten, etwas davon zu verraten.

Viele waren auf dem Weg, mit der Zeit wurden es noch mehr, und die Gespräche waren erfrischend, überraschend, die Geister frei und die Neugierde aufeinander groß. Die Sirenen, die den Arbeitstag unterteilten, sollten sich noch als sehr nützlich erweisen, denn nur deren anhaltender, durchdringender Ton konnte sie von einer Reise zurückholen, und das auch immer mühevoller.
Dass sie so vertieft in ihre Arbeit erschien und die Pausensignale kaum wahrnahm, wurde ihr als besonderer Eifer ausgelegt und ihre Einsatzbereitschaft lobend erwähnt.
So kam es dazu, dass sie zu der neuen Stanzmaschine abgestellt wurde, wo sie keinen direkten Vorgesetzten neben sich hatte, sondern relativ unbehelligt von äußeren Einflüssen ihrem Tagwerk nachgehen konnte.

Das kam wiederum ihren Reisen zugute, und sie traf sich nun gezielt mit Gleichgesinnten, seit einigen Tagen mit einem jungen Mann aus ihrer damaligen Ausbildungseinheit. Ihr Treffpunkt war eine Quelle, die in ein ausgespültes Steinbecken sprudelte, inmitten der Berge. Sie konnten dort ruhen, trinken, die Sonne schien immer, wenn sie sich trafen, und sie freute sich auf jeden neuen Arbeitstag. Ihm ging es ebenso, hatte er ihr anvertraut; er war ein paar Hundert Kilometer von ihrer Arbeitsstätte bei Grabungen beschäftigt, und die Treffen mit ihr gelangen ihm inzwischen mühelos, wie ihr.
Eines wie immer schönen Tages hatte er eine Überraschung für sie mitgebracht: ein Buch, das laut ihm alle Sprachen der Welt beinhalten sollte. Als sie kurz über seine Behauptung nachdachte, war sie verwundert, denn ihrer Meinung nach hätte das eigentlich ein schweres, großes Buch sein müssen, oder vielmehr ein ganzer Berg Bücher, doch es sah unscheinbar aus, ein schmales graues Bändchen, und als sie es öffnete, erkannte sie sofort, dass ihr Gefährte recht hatte: Es gab nicht mehr viele Sprachen, es gab nur noch wenige Worte, die überhaupt ausgesprochen wurden, das Bändchen enthielt mehr oder weniger Anweisungen für den Alltag, in den verbliebenen drei Sprachen, in denen sich die Menschen weltweit verständigten. Da sie bislang nur eine einzige Weltsprache beherrschte, nahm sie sich vor, bei jedem Treffen mit ihrem Freund ein wenig aus dem Buch zu lernen, und sehr schnell hatte sie den Inhalt intus. Sie war nun drei- und somit totalsprachlich, und es war eine ziemlich einfache Übung gewesen.

Sie war gerade ins Gespräch mit ihrem Freund vertieft und verwendete zu Übungszwecken eine der neu erlernten Weltsprachen, als sie jemand Dritter von hinten ansprach, in ihrer Ausgangssprache. Eigentlich waren sie immer nur zu zweit und ungestört gewesen an ihrem lauschigen Ort, drum erschreckte sie diese Störung und brachte sie aus dem Konzept. Sie antwortete in der neuen Sprache, die sie gerade im Gespräch mit ihrem Freund verwendet hatte, auf die Frage, warum sie denn nicht mit ihm, dem Hinzugekommenen, spreche, ob sie denn nicht gehört habe, was er gesagt habe. Sie stammelte ein „Ich weiß nicht …“, sehr viel mehr war gerade nicht in ihrem Kopf zu finden.

Sie war durcheinander, murmelte, verzweifelt nach den richtigen Worten in der richtigen Sprache suchend, in der dritten Sprache dann noch ein „Entschuldigen Sie bitte …“, als sie sich beinahe übergangslos in der Maschinenhalle wiederfand, die Quelle war weg, ihr Freund ebenso, und der Vorarbeiter sah sie erstaunt an. Einerseits schien er positiv überrascht zu sein, andererseits folgte dem Erstaunen gleich ein Wutausbruch:
„Solche Versager, Stümper, das steht in keinem Bericht, dass du totalsprachig bist! Und steht an der Stanzmaschine! Längst brauchen wir einen Übersetzer für die Lieferungen aus den anderen Teilen. Und sie steht da bei der Stanzmaschine! Unglaublich ist das. Und das nennen sie lückenlose Bestandsaufnahme und Dokumentation! Dass ich nicht lache!“
Er teilte kurzerhand jemand anderen für ihre Arbeit ein und nahm sie an der Hand, marschierte mit ihr zur Büroetage und ins Vorzimmer des Chefs.
Nachdem sie ein Weilchen gewartet hatten, wurden sie vorgelassen in die luxuriösen Räume, wo alle wichtigen Entscheidungen getroffen wurden. Sie hatte keine Ahnung, was nun mit ihr geschehen würde.
Doch alles wurde gut. Sie sah ihren Freund, er saß auf einem warmen Stein am Rande der Quelle und sagte zu ihr: „Schön, dass du wieder da bist. Du warst so plötzlich weg, ich habe mir schon Gedanken gemacht.“ Sie lächelte ihn an.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16011

IDEAL II

„Project >Gläserner Mensch< ist schon lange kein Skandal mehr“, antwortete P3 (Participant, Number 3).

„Ich stimme Ihnen vollkommen zu“, pflichtete P5, der für die Statistics zuständig war, bei: „Die Criminalrate sank auf beinahe 0%.“

„Es handelte sich lediglich in den Jahren der Entwicklung um einen Fast-Skandal, nur solange wir es nicht unter den Schutz eines Projects zusammenfassten, und das wissen Sie“, fügte P3 noch hinzu und wechselte mit P5 selbstgefällige Blicke: „Everybody has the right to know everything“, zitierte er den Slogan.

„Wir sind den Menschen absolute Transparenz in einer Welt der Zukunft schuldig“, meinte P20.

„Oh yes! Und die Menschen wollen das so“, meldete sich auch P2 zu Wort: „Mit den Social Networks hat alles seinen Anfang gehabt – Sie erinnern sich? Die SI war nur eine Frage der Zeit gewesen, die Draufgabe unseres Jahrhunderts auf das letzte. Wie viele Menschen haben dadurch bereits zusammengefunden? Und wie viele nicht?“, sagte er, dabei er auf P5 mit seinen Statistics hinwies: „Aber nicht nur das!“, setzte er wohlgestikulierend fort: „Mehr und mehr Companies schließen sich dem Project an. Bald sind wir global.“

Die übrigen 18 Köpfe in der Runde nickten fleißig über ihren Black-Suits.

„Und ich könnte nicht stolzer auf unsere Corporations sein“, erwiderte P1 und stützte sich Bürden-gebuckelt auf den Seminartisch: „Dennoch – als Supervisor dieses …-“, er hielt kurz inne: „-globalen Projects muss ich jede Begebenheit durchleuchten. Je mehr wir uns um die absolute Transparenz bemühen, desto gefährlicher werden Geheimnisse und seien sie noch so klein …“, stellte er in den Raum wie einen großen philosophischen Ansatz.

Die schönen Gesichter sahen einander – natürlich zustimmend – an.

„Andere Frage“, wechselte P1 das Topic, da er keinerlei hilfreiche Reaktionen seiner MitarbeiterInnen mehr erwartete: „Wieviel Freiraum sollten wir den Companies in ihrer SI lassen? Immerhin sind sie es, die die Welt regieren, etwa nicht? #Advertisement zum einen, zum anderen – wie sieht es mit den Androids der first and second class  aus, die sich ausschließlich über die SI verständigen? And on … and o-… “ Seine Stimme verzerrte sich.

„Sorry? Können Sie das evt. wiederholen?“, erkundigte sich P13: „Ich … ic-“ – auch er stockte.

Dann begann etwas zu rumoren.

Zuletzt meinte jemand: „I-… glaub-…, die Conn … -ection bric-… …-b.“

BANG! Es verzogen sich auf einmal die schönen Gesichter. Faceless! Die stylischen Suits spreizten sich ins Unermessliche – limitless!

Plötzlich zuckte ein Flackern in dem Raum für wenige Sekunden …

… bis es starb und sich alles mit einem Mal in 1 und 0 auflöste.

Blackout, ärgerte sich P1 und nahm das Oculus ab, womit er den gecrashten Cyberspace endgültig verließ und seine SI ablegte.

#home-sweet-home

Von seinem VB (Virtual Body) entkleidet, schob sich P1, der nunmehr Jeff hieß, eine Blue und eine Green (Pill) in den Mund, um seinen realen Körper bis zur nächsten realen Nahrungsaufnahme zu befriedigen. Fuck the system, hing, auf sein T-Shirt geprintet, als Statement über seinem dicken Bauch und den geschwollenen Männerbrüsten.

Dies war sein Ideal.

Darum nahm er auch keine Pink zu sich, die ihn zusätzlich von seinem Gram befreit hätte.

Stattdessen trank er eine Tasse Kaffee.

Danach setzte er sich seine GG (Google Glass), die sich mit seinem Chip connectete, auf, gab die Address des nächsten Hypermarkets ein und begab sich trübsinnig auf den Weg.

Eigentlich hatte er vorgehabt, mit seinem E-Bike zu fahren, doch als er kaum den Fuß aus seinem Wohnhaus gesetzt hatte, war ihm seine Freundin entgegengekommen, die wohl auf die Form ihres Bodys achtete und ihn zu Fuß begleiten wollte.

Er nannte sie seine >Beauty<.

„Wie lief das Meeting?“, fragte sie ihn, während sie durch die bemenschelten Straßen gingen.

„Bescheiden“, erwiderte er: „Der Cyberspace brach zusammen, wir verloren die Connection und das Meeting wurde unterbrochen.  Ich hoffe, die fixen das bis zum Nachmittag und dass keiner an die Daten des Projects kommt.“

Auch wenn in der >heutigen Welt der Zukunft< sicherlich niemand danach suchen würde, raunte er sich in Gedanken selbst zu. Dabei beäugte er die an ihm vorbeiziehenden Menschenschlieren. Und obwohl die Facedetection-App seiner GG die SI eines jeden, dessen Gesicht er erblicken konnte, wie ein E-Book entfaltete, misstraute er ihnen wie nie zuvor.

Denn Glas war zerbrechlich.

„Fängt es jetzt auch noch an zu regnen?“, merkte Jeff genervt an, als er aus seiner Konzentration gerissen einen Tropfen auf seinem fast kahlen Kopf gespürt hatte, und sah nach oben.

„Oh – das stört mich nicht“, meinte Beauty.

 

Danach ging alles sehr schnell.

 

Jeff stolperte, stürzte und fiel, verlor seine GG, die nun im hohen Bogen gen Randstein flog und bei ihrer Landung in tausend Einzelteile zersprang.

BANG!  Durch den Verlust der Facedetection-App verwandelten sich all die bekannten Gesichter auf der Straße in fremde. Faceless! Die Navigation zum Hypermarkt verschwand! Limitless! Und auch Beauty verschwand abrupt, erlöst durch eine in die Luft steigende Schwade aus 1er und 0ern …

 

Blackout, blitzte es dem am Boden liegenden Jeff im Kopf, den er früher auch gern seinen >Cyberspace< genannt hatte. Nun sah er sich um. Aber der Schleier der Vertrautheit hatte sich mit dem Verlust seiner GG aufgelöst.

Auf einmal …

… war er verloren.

 

Doch damit nicht genug! Er stammelte, fuhr herum, riss an den Passanten, die mit ihren GG wie Geister an ihm vorbeizogen. „Fat ass“, verwünschte ihn jemand, ein anderer stieß ihn beiseite.

Wo war er? Wo war Beauty! Wer war er?

Schlussendlich wandte sich ein Android FC (first class) nach ihm um und sprach: „Nehmen Sie ihre Pillen – Sie stören die Ordnung.“ Danach zog auch er weiter.

 

Der Regen prasselte unaufhörlich. Aber nur – so schien es – für Jeff.

#Disconnect

Dabei befand sich der Hypermarkt einen Blog weiter.

Und seine Wohnung auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at |Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 15099

IDEAL I

Wenn du schön bist, hört dir jeder zu.

So lautete damals das Memo auf ihrem Freezer.

Heute nennen sie ihre Friends >Beauty<.

Dafür arbeitete sie aber auch unaufhörlich. Der Name also war Verdienst. Sie arbeitete daran selbst, wenn sie schlief – 24 Hours/Day.

Am Anfang übernahm sie den Work-out-Plan ihrer Mutter und glich ihn ihrem Bodystatus an. Da sie von den ganzen Child-OPs nichts hielt (bei ihrer Tante hatte es einmal eine Art Unfall gegeben, weswegen dieselbe nun nicht mehr in Public erscheinen durfte), lag alles bei ihr.

Wenn du hart genug arbeitest, kannst du alles werden.  (Ein anderes Memo auf ihrem Freezer.)

Mithilfe ihrer Watch, die sie zu ihrem 12. Geburtstag geschenkt bekommen hatte und sie jederzeit in Kenntnis über ihren Bodystatus setzte, hielt sie fortan ihr Leben in Balance.

2 Times/Day besuchte sie das Fitnesscenter (noch früher sogar 3 Times), morgens Kraft, abends Ausdauer – ein strikter Dietplan, den sie von Ernährungsberaten empfohlen bekommen hatte (und der natürlich veganer Art war), sorgte dabei für genug Energy, wobei auch die kleinen Sünden miteinberechnet wurden, um sie vor einem Sixpack und unerwünschten Muskelzügen zu bewahren.

Auch dafür lieferte die Watch Tipps über eine App.

Denn wer ein Star am Medienhimmel werden wollte,  hatte eine bestimmte Quality zu erfüllen – musste sozusagen ein Vorbild sein. Dies war auch der Grund, weshalb sie sich mit 20 doch zu Beauty-OPs entschloss.

Nicht der Weg, sondern der Wille bringt einen ans Ziel. (Another Memo.)

>Wellness< sei nur etwas für die Middleclass, meinte sie damals, jeder ginge heutzutage auf Kur.

Sie nicht.

Das Lifting war unumgänglich und schnell erledigt gewesen, die Implantate für Arme und Beine quasi notgedrungen (ihre Augen waren bereits blau, weshalb sie diese so beibehielt), allerdings wurde etwas von ihrem Busen weggenommen – 1. da er nicht den verlangten Maßen entsprach, 2. um im BMI, trotz des zusätzlichen Gewichts des Silikons, in der goldenen Mitte zu liegen.

Der Name >Beauty< war verdient!

Sie hatte sich in den Spiegel gesehen und größte Genugtuung verspürt.

Denn Spiegel lügen nie.

Ihr Rank in der Society stieg von Today auf Tomorrow. Ihre Friends, die für gewöhnlich nur 5 Times/Week Sport betrieben, schämten sich plötzlich ob ihrer Hässlichkeit und nahmen die Metamorphose Beauty’s als zusätzlichen Ansporn. Ab sofort holten sie Rat bei ihr ein, vor allem über die Topics Fitness oder Health, aber auch über alle anderen.

Modisch gekleidet – wie ihr der Fernseher versprach – und in High Heels erklomm Beauty wenige Monate später die High Society. Gleichzeitig legte sie weite Strecken auf ihrer Karriereleiter zurück – Feministen huldigten sie als Beispiel dafür, dass der Gipfel der Emanzipation erreicht war.

Heute (sie ist mittlerweile 32) hält sie Presentations im Topic >Angleichung<, einer Fortsetzung der >Gleichberechtigung< des 21. Jhdts. Als Managerin dieser neuen Businesswelle unterrichtet sie global Companies im richtigen Verhalten zwischen Male und Female.

Selten nur kommt sie dadurch nach Hause …

Wenn sie es tut, so liest sie auf ihrem Freezer noch immer dieselben Zeilen. Richtig happy ist sie damit nicht. Da die durchschnittliche Lifeexpectancy erst bei ca. 117 Jahren liegt, steigt mit der Zeit ihr Unmut.

Ihre SI (Second Identity) im Internet ist daher seit Neuestem 3 Jahre jünger.

Beauty seufzt, schließt die Social Networks für heute und begibt sich zu Bett. Auf ihrem Beistelltisch liegt das einzige Buch in ihrer Wohnung: das E-Book.

Märchen hat sie gerne. Und die Story von Schneewittchen ist ihr die liebste.

Aber jetzt war keine Zeit für Literatur …:

Neben ihr der sich erwärmende Body. Eine Hand, bestimmt wie keine andere, streicht ihr über den Rücken.

Sie lächelt.

„Du lachst nie“, meint sie dabei – erfüllt von Bewunderung ist die intime Stimme: „Darum bekommst du auch keine Falten.“ Erregt öffnet sie ihr Nachtdress und präsentiert sich für ein, zwei Augenblicke den leeren Augen. Mit ihrem Klatschen geht das Licht aus, der unter ihr liegende, glatte Body doch beginnt, wie mechanisch zu leuchten …

Sie kam – öfters. Und die Erfüllung dessen gab ihr das Feeling absoluter Schönheit. An den Vortrag, den sie morgen zu halten hatte, dachte sie heute nicht mehr.

Denn sie wusste, dass alle Welt sie begehrte.

Alle. Welt.

Was Beauty morgen jedoch nicht auf ihrem Freezer lesen würde:

Und wenn du erst einmal schön bist, hast du nichts mehr zu sagen.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at |Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 15059

lost planet

Am fließenden Wasser war sanftes Rauschen, nichts hat die Ruhe gestört. Großblättriger Spender Schatten taucht Grün in schonendes Licht. Bachwasser sprudelt hell seit ewigen Zeiten. Im Blätterwaldreigen wiegen sich Äste zu sanftem Wind. Dort nisten Habicht und Eule und Krähe mit ihrer Brut, geschützt vor sengender Hitze im Sommer, im Winter wärmendes Nest.
Da sprossen noch Blumen ganz wundervoll, durch frisches saftiges Gras.

Noch konnte man Atem holen und brauchte ihn nicht zu erringen, ein Ort voll Glückseligkeit. Es rankten noch Hoffnung und Sehnsucht nach Liebe, die niemals versiegt. Hier eine Quelle, die längst nicht mehr sprudelt, ganz nah bei der Linde, welche längst nicht mehr steht.
Der kühle Wald, der stille, ist einem Parkplatz gewichen und nackte Fassaden ersetzen ersatzlos das Wogen der Wiesen. Das Plätschern des Bächleins ist langsam dem Lärm von Motoren erlegen, die Hoffnung durch Eile und Hast zerstört. Anstelle des Zirpens der Grille ein brummender Vogel in silbernem Alu am Himmel. Die Nacht ist zu hell, durch künstliches Licht, um heute noch Sterne zu sehen, frisst viel zu viel Energie.
Es gibt keine klaren Nächte mehr, wenn Nebel den Himmel verdecken. Und urplötzlich waren da Tröpfchen aus Wasser, die klammern sich lästig an Nasen. Genauso an Lippen und Brauen und an jedes einzelne Haar. Die Hand vor den Augen war kaum noch zu sehen, die Landschaft dahinter verschwommen. Als hätte die Luft eine dichte Gestalt wie zähes Gelee. Und ferne am Horizont vereint sich die Trübung galant mit der Erde, als schmiegte sich Honig auf Butter.

In stiller Erwartung hat Leben so einfach begonnen und rundum schien alles klar, soweit das Auge nur reichte, nichts hat gestört. Rasch wird´s nun diesig, die Sehnsucht im schimmernden Glanz des Mondes verlor sich im Smog aus der Esse. Zurück blieben Träume, ungelebt, Reisende bloß, wasserschwangere Schwebepartikel, zum Platzen bereit, noch ehe ihr Sättigungsgrad ist erreicht! Ruß und Staub verstopfen die wenigen Poren, aus denen der Leib, der geplagte, stets weinte.
Zurückgeblieben ist nichts als Dreck, verantwortungslos hinterlassen. Der Mensch wird zunehmend Opfer pervers vertikaler inverser Bestimmung. Schon bilden sich Tröpfchen überall, erst nur vereinzelt und kaum zu seh‘n. Die sammeln sich stetig, in Gruppen, in Horden, Verbänden, zur Konzentration. Die Folgen sind klar zu erkennen, allein, Spezialisten schau‘n ohnmächtig zu. Und wie steigt das auf! Tropfen um Tropfen, die Luft wird feuchter, je zahlreicher, desto rascher vermehren sie sich.
Wattebauschartig steigt dunkles Gewölk sichtbar auf, schießt unaufhaltsam nach oben. Ein Schwall schwerer Wasser bricht über Köpfe herein, trifft ungeschützt hilfloses Land. Aus gift‘gen Nebeln steigt siedender Dampf, knallheißer Sümpfe wallende Brunst. Schmorend Blendwerk fetter Dünste breitet sich überall aus. Schwefelgelb kochender Saft nährt fürsorglich ausströmend dünstend Gebild´.

Auf verlorenem Posten mahnen verzweifelt Instanzen vergeblich zur Einsicht. Die, die´s angeht, wollen das Läuten, das stumme, der dunstigen Glocke nicht hören. Ätzender Smog verbietet der Sonne den fahlen Strahl, verhüllt sie in apokalyptisches Dunkel. Alarm ist orange, man bleibt in den Häusern, trotz Maske wird Atmen zur Qual. Vor stechend brennenden Augen verschwimmen Konturen, verschmelzen Wahrzeichen sinnlosen Prunks.
Der Tag wird zur Nacht, in feuchttrüben Nebeln stecken still Limousinen im dampfenden Stau, hupen verzweifelt. Zerklüftete Lungen, geplagte, brennen in dicker Morgenluft, wenn Augen in beißenden Tränen liegen, atmen den tödlichen Cocktail aus Staub und Oxyden. Der Wind will nicht weh´n, gewährt nicht den Abzug der tödlichen Gase. Ein schmieriger Schleier hängt über der Stadt, prall vor Ozon, verursacht panische Atemnot, Kopfschmerz kommt schlagartig in Mode.

Politik fordert reuig Verbote, sich wandelndes Klima wird langsam bewusst. Nasen rinnen, Augen triefen, Fremdkörper verursachen Hustenreiz. Schon hebt sich das Zwerchfell, der Brustmuskel spannt sich, Luft entweicht ruckartig, keuchender Husten. Rachen und Kehlkopf entzünden sich heftig und pfeifend entflieht, gefährlich verengt und mühsam gepresst, spärlich, der schwer errungene Atem. In Bronchien sammelt sich zähflüssig Schleim, behindert den Luftstrom, der Leben bedeutet. Pneumologische Spirometer vermessen akribisch kraftlose Lungen. Verzweifelte Ärzte rufen zum Handeln, dass man was tut.
Man setzt auf Verbote, doch Asche verdunkelt den Himmel. Ruß und Qualm in die Luft geblasen, ohne Kontrolle, jahrzehntelang! Was kann dieser blaue Planet noch verkraften? Unter tropisch feuchtem Glassturz vegetiert blasses Leben mit hängenden Köpfen. Rufe nach Zeiten der Vorindustrie verhallen im Schock der Bedeutung.
Bloß weil das Pferd zu langsam war, hat man das Dampfross erfunden, und auch den Strom und den Diesel. Zum Zweck rationalen Erringens und um den Vorteil der Produktion zerstören Eliten Balancen der Ökologie.
Jetzt wird man die Geister, die man gerufen, nicht los. Ein Flehen um Beistand der Götter erstickt im leblosen Keim um den Glauben. Wann endet letztendlich das Sengen, das Brennen, das Roden, der Raubbau, das Rennen ums Kapital?
Gefragt wären Taten, nicht endlose Worte, denn sinnlose Reden beseitigen nicht das Problem. Verdammt zum Leben raumzeitlich molekularer Verdunstung dräuen die Tage im Düstern, die endlos erscheinen in ödem Gelände verlorener Welt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 15054

Vorbereitung auf ein neues Leben

„Und dann gehe ich in die Bank. Du liegst da schon am Boden oder fällst gerade hin. Timing ist alles bei dieser Sache, sonst geht es schief. Und schiefgehen darf da gar nichts. Du musst genau checken, wann ich hereinkommen kann!“
Die blasse Frau sieht ihn fragend an, sagt aber nichts, legt nur die rechte Hand auf ihren gewölbten Bauch.
„Hast du verstanden?“ Sein Ton ist ungeduldig. Sie antwortet zögernd und leise:
„Das ist nicht so einfach. Wie stellst du dir das vor? Und das Fallen, wenn da was passiert? Immerhin bin ich im achten Monat.“
„Das ist ja das Tolle. Darum wird ja ein Wirbel entstehen. Niemand lässt eine Hochschwangere einfach unbeachtet liegen. Wenn wir Glück haben, wird sogar die Polizei noch von der Ambulanz behindert. Die Rettung hat immer Vorfahrt! Und bei den engen Gassen …“
Sie unterbricht ihn jetzt: „Ich rede von dem Baby. Was ist, wenn ich unglücklich hinfalle? So einfach ist das nicht.“
„Keine Sorge, das habe ich alles bedacht. Du wartest, bis die Bank richtig voll ist. Viele Menschen, Pensionisten, die sich das Geld am Monatsbeginn bar auszahlen lassen wollen, da geht das am besten. Je mehr Leute in der Bank, desto besser. Und du stellst dich ganz hinten an, wartest ein bisschen, bis dich jemand vor lässt oder sich ein paar Leute in der Schlange hinter dir angestellt haben. Und dann, wenn drinnen alles okay ist, schickst du mir das SMS. Ich bin gleich um die Ecke und warte darauf. Sobald du mich bei der Tür siehst, fällst du, es fängt dich garantiert jemand auf. Und gleichzeitig komme ich rein, rase schnurstracks auf den Schalter zu, zücke die Waffe und schwupps! bin ich mit dem Geld wieder draußen. Du wirst mit der Rettung abtransportiert. Keiner wird dich mit mir in Verbindung bringen.“
Die Frau knetet ihre Hände im Schoß, rückt mit ihrem Stuhl ein Stückchen in seine Richtung, schlägt die Beine übereinander, schlägt sie wieder auseinander, wagt schließlich einen Einwand: „Und wenn sie mich fragen, warum ich gerade zu dem Zeitpunkt ohnmächtig geworden bin, als ein Bankräuber das Gebäude betreten hat?“
„Schwangere sind doch ständig schwindlig, der Kreislauf, das brauche ich dir ja nicht zu sagen. Außerdem wird es heiß nächste Woche, du hast geschwollene Beine, das Stehen, … Und wenn alle Stricke reißen, sagst du einfach, du hättest mich gesehen, meine Waffe, und dich so erschrocken, dass du umgefallen bist. Oder nein, das ist verdächtig, die Waffe ziehe ich ja erst beim Schalter. Sag einfach, du weißt nichts mehr. Das hat auch Vorteile: Vom Überfall selbst bekommst du natürlich auch nichts mit. Du bist dann keine brauchbare Zeugin oder so.“
Sie ist noch nicht überzeugt, man kann ihr die Zweifel am schmalen Gesicht ablesen. „Und wenn etwas schiefgeht? Wenn Wachen da sind, denen du gleich verdächtig vorkommst? Du trägst keine Maske, oder? Wenn sie Kameras haben, dauert es bestimmt nicht lange, bis dein Foto überall zu sehen sein wird. Und vermummt kommst du sicher nicht hinein.“
„Ich werde sehr schnell sein, ich werde laufen, sobald ich durch die Tür bin. So gut sind die Kameras hierzulande noch nicht, mit scharfen Standbildern werden sie Pech haben. Meinen Bart rasiere ich schon seit ein paar Tagen nicht mehr, bis dahin wird er schon halbwegs lang sein. Und ich ziehe ein Käppi aus meiner Tasche, sobald ich beim Eingang vorbei bin. Ich trage gefärbte Kontaktlinsen, dazu Brille und Make-up, das alles kommt gleich nach der Flucht herunter, ebenso wie der Bart. Und ich bin in keiner Kartei, sie können keine Bilder von mir herzeigen, es kann mich also auch niemand wiedererkennen. Wenn mir die Flucht gelingt, bin ich aus dem Schneider. Und die Flucht gelingt leichter, wenn da eine Schwangere mitten am Boden liegt und Erste Hilfe braucht.“
Die Frau denkt nach, überlegt offensichtlich, was sie entgegnen könnte. Schließlich sagt sie recht versöhnlich: „Du hast recht, das meiste Risiko liegt bei dir. Sie können mir nichts vorwerfen, außer, dass ich zum falschen Zeitpunkt umgefallen bin. Solange niemand draufkommt, dass wir uns kennen, kann mir nicht viel passieren. Ich muss auch an mein Kind denken, das Geld können wir gut brauchen. Ich kann auf Monate nicht arbeiten, selbst wenn ich eine Stelle bekäme, mit dem Baby. Und es soll in einem anderen Land aufwachsen, irgendwo in Mittel- oder Nordeuropa, weit weg von diesen Existenzsorgen, der Arbeitslosigkeit und dem ständig drohenden Staatsbankrott. Gut, rauben wir die Bank aus, solange sie noch Geld hat. Es wird schon nichts passieren. Es darf nichts passieren.“
Nach diesen Worten schweigt sie wieder, und ausnahmsweise auch er. Beide scheinen darüber nachzudenken, wie das viele Geld ihrer beider (oder dreier) Leben verändern würde. Schließlich erhebt er sich, sieht sie mit fast feierlicher Miene an und bittet sie, auch aufzustehen.
„Geben wir uns die Hand darauf. Und das Baby ist der jüngste Komplize der Welt.“

Carmen Rosina
Szenisch dargeboten bei Theaterzeit Freistadt 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 14053