Schlagwort-Archiv: verliebt verlobt verboten

Auf die Nerven

Eindringlich, warnend, mit hoher Stimme. Wenn du nicht endlich deine Rückenmuskeln trainierst, werd ich dich eines Tages pflegen und im Rollstuhl schieben müssen. Und mit jedem Tag würde ich schon krumm und krummer. Sieh dich an, wie schief du schon daherkommst, sagst du dann. Immer sagst du solche Sachen. Ich lache verunsichert. Lach nicht, sagst du jetzt, du wirst schon sehen, wie weit es mit dir noch kommen wird. Und du? Immer, wenn ich dich etwas frage, kommst du mir mit einer Gegenfrage. Das war nicht immer so. In letzter Zeit aber passiert das immer öfter. Dann sage ich, du antwortest nicht auf meine Frage. Ja, weil ich schon vorausdenke, sagst du dann. Aber woher soll ich wissen, dass du vorausdenkst, frage ich?
Brüllt. Wo ist das verdammte Handtuch schon wieder? Am Morgen habe ich doch erst ein frisches aus dem Schrank genommen. Das rote von gestern ist nass. Da hast du es, sage ich ganz ruhig. Ich rede nicht vom roten von gestern, sondern von dem, das ich heute Morgen aus dem Schrank genommen habe. Es ist nicht da.
Das gehört auch zur Krise, flüstere ich jetzt. Alles ist derzeit in der Krise. Ich, du, wir beide zusammen, die ganze Welt, doziere ich, ist in der Krise. Weinerlich. Mein Gott, jetzt übertreib nicht schon wieder, das ist ja nicht auszuhalten! Mit dir kann man einfach nicht diskutieren. Zornig. Mit mir kann man nicht diskutieren, mit dir kann man nicht diskutieren, weil du immer Recht haben willst. Ich geh jetzt den Buchs spritzen, bevor ihn die Würmer noch ganz auffressen.

Zynisch. Ja, geh nur den Buchs spritzen, jetzt, wo´s doch gleich regnen wird. Das ist sehr klug von dir, damit der Regen gleich alles wieder abwäscht, sage ich. Kämpferisch. Du immer und dein Wetterbericht. Es wird nicht regnen, glaube mir, von wo heraus soll es denn regnen? Etwa aus der kleinen Wolke über uns? Wissenschaftlich. Ich behaupte, dass es gegen Abend Regen geben wird, meine elektronische Wetterstation zeigt die Regenwolke an und das Balkendiagramm geht total nach unten. Verächtlich. Du und dein Balkendiagramm, da kann ich nur lachen. Bestimmend. Ich sage dir, dass es nicht regnen wird und ich gehe jetzt den Buchs spritzen. Vorwurfsvoll. Es ist schade um das Geld, das du dafür ausgegeben hast, wenn es der Regen ja doch gleich wieder abspült. Zurechtweisend. Spinn nicht, sagst du dann, sieh doch nach oben, keine Wolke weit und breit.

Das Thema wechselnd, so tun, als ob nichts gewesen wäre. Irgendwie hoffnungsvoll, mit deutlichen Hebungen und Senkungen. Was ist jetzt mit, frage ich. Nichts ist damit, was soll sein, antwortest du abschmetternd. Wichtig. Ich dachte, wir sehen uns die Angebote an? Herunterholend. Es ist noch zu früh, sagst du, wir warten noch ab. Drängend. Worauf willst du warten, frage ich, bis die Preise noch höher steigen als sie ohnehin schon sind? Vorwurfsvoll. Früher, sage ich, warst du nicht so anstrengend wie jetzt. Ätzend. Wie ist das gekommen? Ironisch. Früher warst du auch ganz anders als jetzt, wie ist das gekommen?
Berechnend angriffig. Das ist es, was ich meine. Siehst du, immer, wenn ich dir eine Frage stelle, stellst du auch eine, anstatt mir eine ordentliche Antwort zu geben. Mit Kalkül. Weißt du, wieso du so anders geworden bist, fragst du. Stark, innerlich aber ängstlich. Nein, ich weiß es nicht, wieso du so anders geworden bist, sage ich. Etwas milder als zuvor. Wir haben uns beide verändert, bemerkst du. Stichelnd. Aber ich sage, du bist so ganz anders geworden, seit damals, als wir uns kennengelernt haben. Einlenkend. Da waren wir jung, sagst du. Jetzt sind wir alt. Resigniert. Ja, jetzt sind wir alt, sage ich. Das ist doch kein Grund, dass man so ist, wie du bist, sage ich. Erst recht. Forte. Das ist sehr wohl ein Grund, anders zu sein, als man war, sagst du.

Verordnend. Und koste jetzt diesen Shake. Abwehrend. Aber ich will jetzt nicht, sage ich, ich habe mir eben ein Bier aufgemacht. Insistierend. Probier ihn, er schmeckt nach Himbeere, den musst du probieren. Wegwerfend. Kann schon sein, aber ich will nicht, sage ich. Attackierend. Hier, du hältst mir das Glas hin. Protestierend. Nein, sage ich, jetzt will ich verdammt noch mal nicht. Begründend im Crescendo. Um diese Zeit bin ich schon beim Bier. Sforzato auf „will“. Ich will deinen blöden Shake jetzt nicht kosten, verstehst du mich nicht? Klein beigebend. Gut. Für eine Weile ist Funkstille. Zwei Minuten hinterm Mond. Kaum, dass sie vergangen sind, eine neue Szene: süßlich. Siehst du dir am Abend den Film mit mir an?
Gelangweilt. Ich weiß nicht, sage ich. Prüfend. Aber da, die Decke! Ich frage mich, ob du das absichtlich machst. Finger auf  die Stirn. Wo ist hier die Logik, fragst du. Schulmeisterlich. Wie oft habe ich dir gesagt, die Fransen gehören nach vorne. Nach vorne, hörst du mich?  Stumm. Ich schaue nur kurz um die Ecke ins Wohnzimmer. Du legst die Decke, ein blassviolettes, klassisches englisches Plaid, welches ich neulich über einen Versandhauskatalog bestellt hatte, um dir eine Freude zu machen, jetzt so auf die Couch, dass die Fransen vorne zu liegen kommen. Brummig. Auch gut. Giftig. Das machst du absichtlich, oder bist du so dumm, sagst du.
Ich ziehe mich in die Küche zurück und denke ganz fest daran, nicht zu reagieren. Ich bitte mich inständig, den Mund halten zu können, sonst wird alles nur noch schlimmer. Am besten gar nichts sagen. Stillhalten. Schweigend. Es wird vorübergehen. Alles – wird vorübergehen, kommt mir in den Sinn.

Bald wird es zwanzig Uhr fünfzehn sein. Dann beginnt der Fernsehabend. Du siehst dir doch den Film mit mir an, oder?, fragst du. Ich weiß nicht, antworte ich. Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen. Es war taktisch unklug. Inzwischen hat die Waschmaschine zu schleudern begonnen und ist dabei derart laut geworden, dass ich sie mit beiden Händen festhalte, um die Vibrationen, die die Küche, die Regale und Schränke ins Schwanken bringen, etwas zu besänftigen. Sechs Minuten dauert der Spuk. Endlich ebbt er ab. Meine Hände zittern, weil ich das Gerät so intensiv vorm Davonfliegen bewahrt habe.
Also, was ist jetzt mit dem Film, fragst du. Ich habe es schon einmal gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht schaue ich noch in meine Mails. Immer gibst du so viel Geld aus für deine Filme, sagt du jetzt. Dann spielen sie einmal einen gescheiten, und du willst ihn nicht sehen. Bitte, sage ich mit Nachdruck! Im Vorzimmer fallen deine Walkingsticks um. Ich hebe sie unwillig auf und lehne sie an die Garderobe. Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen, sagst du, ich gehe noch mit den beiden walken, du weißt schon. Mit welchen beiden, frage ich, als ob ich nicht wüsste, wen sie meinte. Na mit den beiden eben, sagst du. Mit der Dicken, sage ich. Auch. Und? Was dagegen? Ich? Mir ist das wurscht, ob du deine Freizeit mit deinen zentnerschweren Weibern verbringst, ehrlich. Zum Filmbeginn bin ich wieder da, sagst du und öffnest die Tür, weil du gehen willst. Küss mich wenigstens, fordere ich dich auf und dann drückst du mir einen flüchtigen Schmetterling auf meine welken Lippen. So ist dieses Leben, sage ich mir, so, und nicht anders.

Im Hintergrund läuft der Fernseher dezent, aber laut genug, dass ich alles verstehe, was gelabert wird. Der schwarze Politheini hat also gestanden, mit den blauen Kumpanen ein linkes Ding gedreht zu haben, wovon die roten, die grünen und die orangen Mitesser angeblich keine Ahnung gehabt hätten. Und diese Arschlöcher wählen wir immer wieder, blöd, wie das Volk eben ist. Dann beschließen die, dass wir noch länger arbeiten müssten als bisher, und nehmen uns über die Steuer auch noch das letzte Geld weg. Ich könnt jeden Einzelnen von ihnen in den fetten Arsch treten, diesem verlogenen Pack!

Bevor du vom Walken zurückkommst, werfe ich das Backrohr an. Heute gibt es Moussaka. Ich hab mich mächtig angestrengt, dass alles so wird, wie´s zu sein hat. Schließlich wollen wir uns auf Zakynthos einstimmen. Die Auberginen nicht zu sehr im Öl, die Kartoffelscheiben ebenfalls nicht zu fett. Das Faschierte gut gewürzt, mit frischen Kräutern und Knoblauch, versteht sich. Koch nicht schon wieder, sagst du dann immer, wie soll ich sonst abnehmen? Du musst es ja nicht essen, sage ich dann. Du musst es ja nicht essen!, äffst du mich nach. Wenn es aber so gut ist? Dann koch ich eben nicht mehr so gut, werfe ich ein und freue mich insgeheim schon darauf, die Bechamelsoße mit Kartoffelpüree aufzupeppen. Den Tipp dazu habe ich einem verschwiegenen Griechen nach und nach aus der Nase gezogen. Ist doch nicht normal, dass die verdammte Soße so steif ist ohne irgendeine zusätzliche Masse. Man kann doch nicht zwei Liter Bechamelsoße anrühren, die sich zu guter Letzt ohnehin bloß zwischen den Kartoffeln und den Auberginen verkriecht. Obenauf kommt geriebener Parmesan, und dann noch eine Schicht pürierter Tomaten. Und nun, ab ins Rohr. Der Ofen macht mächtig Hitze in der ohnehin sommerlich erwärmten Küche.
Ein zweites Bier muss her. Bin gespannt, wen von den verschwitzten Stockwanderinnen du heute mit herauf auf einen Drink nimmst? Könnten doch unten in der Pizzeria im Haus einen nehmen, nicht? Sei nicht so unfreundlich, sagst du, ich hör schon genau, wie du das sagst. Also gut, immer herauf mit ihnen. Die Fenster hab ich schon einmal weit geöffnet. Nicht zum Aushalten! Ist ja schließlich keine Umkleidekabine hier!
Und überhaupt, frage ich, wo sind meine Jausenbehälter? Woher soll ich das wissen, keifst du. Pass selber auf sie auf, sagst du. Aber ich weiß, dass du sie oft als Butterdosen oder sonst irgendwie benutzt, wenn wir aufs Land fahren. Dann landen sie dort im Kühlschrank und finden nie mehr den Weg hierher zurück. Das stimmt nicht, fauchst du jetzt giftig. Das war vielleicht einmal der Fall. Wahrscheinlich hast du sie selbst irgendwo verräumt und wie üblich vergessen, wo du sie hingetan hast. Ich weiß immer, wo meine Sachen sind, sage ich. Ich bin nämlich ein ordentlicher Mensch, im Gegensatz zu dir, ätze ich. Da wirst du aber erst recht wild. Was kümmern mich deine blöden Jausendosen, brüllst du mich an.
Ich liebe dich, sage ich. Aber das nützt mir nichts. Als wäre ich in ein Hornissennest getappt. Die Dosen sind dort, wo sie immer sind, schreist du mich an. Entweder dort unterm Fenster im Kübel oder in der Dreh-Ecke bei den Töpfen. Sind sie aber nicht, sage ich bewusst ganz ruhig. Aber es nützt mir nichts. Dort sind sie aber nicht, wage ich einzuwerfen. Das war wieder ein Fehler. Dann drehst du den Kübel um. Marmeladegläser kommen zum Vorschein, Plastikschüsseln und Blechdosen. Sag ich ja, dass sie nicht dort drinnen sind, flüstere ich. Dann sind sie eben in der Dreh-Ecke, verdammt, plärrst du, und beginnst gleichzeitig Töpfe und Deckel aus dem Eckschrank zu räumen. Allein, die Jausendosen sind nicht darunter. Hab ich ja gesagt, wage ich festzustellen.

Ich geh jetzt, ich hab genug von deinen blöden Dosen, sagst du, nimmst deine blöden Stöcke und verschwindest durch die Eingangstür, hinaus auf den Flur, durch das Treppenhaus, raus auf die Straße. Knall, die Haustüre fliegt ins Schloss. Super, sage ich halblaut und öffne das Backrohr, um nach dem Moussaka zu sehen. Der Fernseher ist noch an, obwohl niemand mehr im Zimmer ist. Mache ihm den Garaus und kehre mit einer Dubliners CD in die Küche zurück. Von der Straße her knattert Mopedlärm penetrant an meine empfindlichen Ohren. Meine Fantasie arbeitet an einer Art Robin Hood, der mit Pfeil und Bogen Störenfriede auf Zweirädern erlegt, die sich dann am Ende der Straße zu einem Biker-friedhof ablagern. Während ich an der Bechamelsoße arbeite, mache ich im Geist Reime mit Politiker- und mehr oder weniger Prominentennamen. Das klingt so:
Putin Pröll Milosevic
Voves Niessl Schüssel
Platter Schmied Berlakovich
Stöger Fekter Küssel.
Nun gebe ich das vorbereitete Kartoffelpüree zum Bechamel dazu und vermische alles innig. Hervorragend! Was für eine Konsistenz! Langsam verteile ich den Brei auf die Kartoffeln und Auberginen.
Wallner Häupl Pühringer
Dörfler Doris Bures
Strache Karl Hörbiger
Kruse Bores Duris.
Obendrauf noch Tomatenmark und Parmesan. Dann ab in die Röhre.
Mikl Leitner Spindelegger
Petzner Mock und Faymann
Reich-Ranicki Schwarzenegger
Darabos und Paymann.

Und dann, während ich zwischendurch das Geschirr wasche, trittst du ganz plötzlich wieder in Erscheinung und vereinnahmst mich, völlig, sodass mir die Tränen kommen und ich höre ein Lied, das Banjo-Barnie (The Dubliners) immer gesungen hat, mit seiner rauen Stimme, ganz langsam, sodass es unter die Haut geht und ich muss daran denken, dass nichts auf dieser Welt ewig hält. Auch unsere Beziehung nicht:

I wish I had someone to love me,
Someone to call me his own,
Someone to sleep with me nightly,
I weary of sleeping alone.

Meet me tonight in the moonlight,
Meet me tonight all alone,
I have a sad story to tell you
I’m telling it under the moon.

I wish I had someone to love me,
Someone to call me his own,
Someone to sleep with me nightly,
I weary of sleeping alone.

Tonight is our last night together,
Nearest and dearest must part,
The love that has bound us together
Is shredded and torn apart.

I wish I had someone to love me,
Someone to call me his own,
Someone to sleep with me nightly,
I weary of sleeping alone.

I wish I had ships on the ocean
Lined with silver and gold
Follow the ship that he sails in
A lad of 19 years-old.

I wish I had someone to love me,
Someone to call me his own,
Someone to sleep with me nightly,
I weary of sleeping alone

I wish I had wings of a swallow,
Fly out over the sea
Fly to the arms of my true love
And bring him home safely to me.

I wish I had someone to love me,
Someone to call me his own,
Someone to sleep with me nightly,
I weary of sleeping alone.

So, und nach diesem Song bin ich völlig durch, in Tränen aufgelöst, hinüber. Her mit dem Bier! Das wäre ja gelacht. Also, so geht das nicht. Ich muss sie anrufen. Schatz, ich liebe dich. Und wenn ich dich beleidigt habe, dann tut es mir aufrichtig leid. Du ahnst nicht, wie sehr ich dich brauche. Du mich auch? Ist das nicht wunderschön? Ich liebe dich! Komm bald! Bussi. Uff!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 15032

 

Der tolle Mann – ein Fragment

Plötzlich verstand ich sie. Warum sie von ihm nicht loskam, was es war, das sie so unglaublich anzog, über Jahre schon. Und warum es ihr unmöglich war, von ihm zu lassen.

Er war ein echt toller Mann. Er hatte, was die Mehrheit der Geschlechtsgenossen so schmerzlich vermissen ließ: Humor, Scharfsinn, Charme und Ironie in der genau richtigen Dosierung. Darüber hinaus war er feinsinnig und großzügig, einer der wenigen, die sich nicht nur dem eigenen Ego verschrieben hatten, viel zu lange schon. Solche wurden bitter, hart und hartnäckig verschwiegen, vergraben in das Eine, das Einzige, das Ewige, das Selbst. Wie mager diese Ausbeute, was war da schon zu holen? Immer das Gleiche, in unzähligen Varianten, die genauer betrachtet gar keine waren.

Dieser Mann war anders. Er überraschte sie, war spontan und hingebungsvoll, und wenn er etwas mit sich selbst auszumachen hatte, so äußerte er zumindest das, sodass sie es gut nehmen und ihn in Ruhe lassen konnte.
Er hatte nur einen offensichtlichen Haken, dieser Traumprinz, und dieser Haken glänzte golden.

Er gehörte einer anderen. Falls ein Ehering Besitz symbolisieren sollte, und für manche tat er das auch. Wie sie das sah, wusste ich nicht. Ich verstand nur, dass sie bis zu einem gewissen Grad zurückschreckte vor dem letzten Schritt, der einen Frage, dieser einen Entscheidung, vor die sie ihn nie stellte: „Sie oder ich?“

Diese Frage blieb also unbeantwortet, vielmehr ungestellt. Auch wusste sie nicht, wie das Zusammenleben mit ihm war. Wie schwermütig seine Abende ohne sie verliefen, wie wenig er sich mochte und wie gut er an sich selbst leiden konnte.
Das sprühende Charmebündel, das er nach außen gab, war innen nicht gefestigt, eine lose Konstruktion, gebildet, um anderen zu gefallen.
Es klappte ganz gut, das fehlende Fundament zu verbergen, außer, man verbrachte die vielen Tage und Abende und Nächte mit ihm, in denen er zweifelte, meinte, in und an allem zu versagen, nichts wert zu sein und darum auch nicht geliebt zu werden. Wer es dennoch tat, mit dem musste etwas nicht stimmen.

Was half alles Gegenreden, Mutzusprechen, Ermutigen und Ermuntern, wenn die Seele in ihren Grundfesten erschüttert war? Ich wusste nicht, wie es mit ihr gewesen wäre, wenn sie es wirklich versucht hätte, alles, ihr Leben seinen Stimmungsabschwüngen unterordnen, seine Kraft sein wollte, seine Lebenslust, seine Muse. Ich wusste es nicht.

Ich wusste aber, es würde schwer werden, bleischwer. Und ich musste es wissen. Ich hatte es die vielen Jahre versucht, mit diesem tollen Mann, meinem Mann.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 14071

 

 

 

 

Augen auf bei der Partnerwahl!

So hätte der Tag sich nicht entwickeln sollen. Denke ich und versuche, meinen Körper zur Seite zu drehen. Der Schmerz im Bein stellt sich augenblicklich ein und meine Gedanken auf den Kopf. Also drehe ich nur letzteren und da sind sie wieder, die beiden Kugeln im Gras, meinen Augen ein Fokus, meinen Gedanken ein Anker.
Der skulpturale Effekt der roten Kugeln im Grün ist ein unerwarteter. Die gänzlich neue Perspektive macht’s. Auf Augenhöhe mit Käfer und Konsorten. Der Hund winselt mich besorgt an und holt mich aus meinen filigranen Überlegungen in die Realität. Ich höre mich lachen.

Da komme ich vom Flohmarkt heim, in der schweren Handtasche meine Errungenschaften, ein Schnäppchen: neun glanzlackierte Kugeln aus Holz, etwa sechs Zentimeter im Durchmesser. Rote und elfenbeinfarbene, auch eine gelbliche. Ohne Ziffern darauf, also keine Billardkugeln. Wozu sie einmal gedient haben, würde eine Recherche erst noch ergeben.
Die offensichtlich alten, aber unbeschädigten Kugeln würden meine Sammlung ergänzen und sich im wahrsten Sinn des Wortes glänzend einordnen in die bisher zusammengetragenen. In meine ausgesuchte Kollektion bestehend aus gedrechselten, unterschiedlich großen Holzkugeln, manche satt mit Öl versiegelt, andere lackiert und aufgrund ihres Alters mit feinen Sprüngen versehen. Und da sind außerdem drei alte metallene Pétanque-Kugeln und mehrere deutlich größere, braune und schwarze, Boccia-Kugeln aus Holz, deren Lack über die Jahre spröde geworden ist.
Die zwei neuen Kugeln in wunderschönem sattem Kirschrot habe ich jetzt fest im – von meinem verdrehten Bein abgewandten – Blick. Daneben liegt in einiger Distanz eine einzelne gelbe. Runde Skulpturen. Ganz automatisch muss ich an eine „Familienaufstellung“ denken, deren Sinnhaftigkeit sich mir noch nie erschlossen hat. Die Kugeln stellvertretend für Personen, und aus ihrer Anordnung die Beziehung zueinander erkennbar. Lachhaft, ja schon, aber das lenkt mich von meiner Notlage ab.

Ich komme also nach Hause, schließe die Haustür auf und lasse sie weit offen stehen. Gleich darauf öffne ich im Wohnzimmer die Balkontür zum Garten, um die warme Luft so optimal durchziehen und in den Wohnbereich strömen zu lassen. Ich trage die Einkäufe vom Auto ins Haus, bin abgelenkt vom Hund, der mich stürmisch begrüßt und merke deshalb nicht sofort, dass mir eine junge Frau von der Straße ins Haus folgt und plötzlich im Wohnzimmer vor mir steht. Ich habe sie nie zuvor gesehen. Sie ist hübsch, sehr schlank, etwa im Alter meiner Tochter. Blond. Und sehr aufgeregt ist sie, rote Flecken tanzen auf ihrem Hals, als sie so dasteht mit leicht verzweifeltem Blick. Ich weiche instinktiv zurück auf die Terrasse in Richtung Garten. Sie folgt mir und bleibt in der offenen Balkontür stehen. Einen Koffer hat sie neben sich abgestellt.

Da sind also diese gelbliche und hier die zwei rotglänzenden Kugeln zwischen den Grashalmen, den zu langen. Das Mähen hat mein Mann vor seiner Dienstreise nicht mehr erledigen können oder wollen, wie auch immer. Jetzt liegt‘s wohl an mir und doch auch wieder nicht, denn ich bin eindeutig außer Gefecht gesetzt. Beim nochmaligen Versuch mich aufzurichten, ist die schmerzhafte Erkenntnis deutlich. Dabei ist mir genau jetzt danach, alles kurz und klein zu mähen!
Was soll ich viel sagen, eine persönliche Katastrophe, die das Leben für viele bereithält, nicht weiter erwähnenswert; ein überraschend rasantes Finale einer beliebigen Ehe. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls für niemand anderen von Interesse.
Die junge Frau weiß, was sie will. Mir nämlich endlich sagen, dass sie meinen Mann liebt, und er sie auch, seit vielen Monaten. Dass sie diese würdelose Situation aber nicht mehr länger ertragen wird. In ähnlichen Worten. In vielen Worten. Mit einer Dativ-Akkusativ-Unschärfe, die ich ansonsten keinesfalls billige. Diese und ihre eingeübte, kunstvoll kultivierte Aufgebrachtheit rühren mich dennoch. Irgendwie.

Meine Lage könnte schlechter sein, es ist sommerlich warm, ein unverletzter Körper könnte zufrieden sein, auf der trockenen Wiese zu liegen, unter dem heute so besonders hohen Himmel, unter den pittoresken Haufenwolken. Irgendwie müsste ich nur an mein Handy gelangen. Die drei Stufen von der Terrasse in den Garten waren mir zum Verhängnis geworden. Ich war auf dem Rücken zu liegen gekommen und unter meinem verdrehten Bein auf Höhe des Knies meine Handtasche. Ein paar der Kugeln waren herausgerollt. Wenn ich mich erst einmal an den Schmerz gewöhnt hätte, dann wäre es bestimmt möglich, mit dem intakten Fuß die Tasche zu angeln und das Handy zu erwischen. Falls mir das wider Erwarten doch nicht gelänge, so würden mich meine Nachbarn hören, das alles war also kein Beinbruch. Oder eben doch einer. Andererseits nichts weiter als ein solcher. Lassen wir die Kirche im Dorf. Solche Dramolette passieren allerorts tagtäglich. Manchmal ist man eben unter den Hauptdarstellern. Komprimierte Ahnungslosigkeit in Person, ja, durchaus auch mit Gipsfuß.

Das seien die Sachen meines Mannes, sie wolle ihn nicht mehr sehen, meint das blonde Klischee einer Geliebten und schiebt schwungvoll den Koffer in meine Richtung, dreht sich um und läuft aus dem Haus. Sie ruft mehr sich selbst als mir noch zu: Augen auf bei der Partnerwahl! Genau in diesem Moment fällt mir endlich etwas ein, das zu sagen irgendeinen Sinn ergäbe, doch meine Stimme bleibt weg. Jetzt im Nachhinein gesehen wäre es ohnehin nur Unnötiges gewesen. Und zittrige Knie habe ich anscheinend, denn als der Hund vor dem auf ihn zurollenden Koffer zurückweicht und mich einen Schritt zur Seite drängt, gerate ich in Schieflage und falle. Über die drei Stufen auf die Wiese mit den zu langen Grashalmen.
Die beiden roten Kugeln im Gras. Und die andere gelbe. Bin ich nun die dritte Person oder noch Teil des Paares? Ungerecht, aber die Chronologie rechtfertigt keinen Anspruch. Die Kugeln halten ihrer zugedachten Rolle in der Dramaturgie nicht lange stand. Und meine Würde nicht der Qual. Nicht auszuhalten, dieser Schmerz im Bein. Dieser Aufruhr im Kopf. Mit einer atemlosen, kläglichen Unbeherrschtheit, die ich nicht von mir erwartet hätte, rufe ich nach den Nachbarn.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 14049

Gerettet!

Ich folge deinem Blick
direkt in ihre Augen.
Bin aus der Leitung gefallen.
Grellrot durchzuckt mich
die Eifersucht.

Fremde Zärtlichkeit
streckt ihre Finger nach dir aus.
Wirst du dich berühren lassen?
Bitte, komm zu dir!

Sie lächelt dich an,
zeigt mir die Zähne.
Ich schrumpfe.

Du drehst dich zu mir,
lächelst mir zu.

Gerettet!

 

Michaela Harrer-Schütt

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 14037

Die Minuten der Leidenschaft

Ich habe mich verliebt. Leidenschaftlich. Leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Ich habe nie gedacht, dass Liebe auf den ersten Blick existiert. Offenbar doch. Komisch, ich bin solch ein rationeller Mensch.
Ich bin von ihr wie besessen. Ich kann nicht richtig atmen. Ich kann mich auf nichts anderes konzentrieren. Ich betrachte sie sprachlos, regungslos. Mein Kopf dreht sich, meine Knie brechen, ich bin schwach. Sie ist nah. So nah, dass ich sie fangen könnte, wenn ich mich nicht schämen würde. Ich würde gerne meine Lippen näher bringen. Könnte ich? Ich starre auf sie, völlig unhöflich. Klar, ich sollte in meinem Alter schon vernünftig sein. Zum Teufel mit diesen blöden Vorschriften. Ich bin erwachsen, ich kann machen, was ich will.

Ich atme tief ein und schließe meine Augen für ein paar Sekunden. Sie duftet herrlich. Sie könnte eine der schönsten Sünden meines Lebens sein. Optisch ist sie genau so, wie ich es mag. Nicht zu dünn, nicht zu dick, zart und dunkel. Ich mag diese dunklen Typen, die bringen mich immer zum Wahnsinn. Sie sieht so aus, als ob sie ihr ganzes Leben nur auf mich gewartet hätte. Ich bin mir sicher, wir gehören einander.

Sie kann jetzt nicht mehr flüchten, auch wenn sie wollte. Sie ist in der Falle. Sie weiß es nicht. Sie ahnt nicht, was kommt. Ich bin ein rücksichtloser Mensch. Ich kann nichts dafür. Ich kriege immer, was ich will. Ich bin mir sicher, sie wird nichts spüren. Ich beherrsche mich nicht mehr und greife an. Ich steche sie mit der Gabel wie besessen. Ich schneide sie klein. Ich weiß zwar, dass niemand nach ihr suchen wird, aber sicher ist sicher. Mit jedem Schnitt fühle ich mich besser und besser. Noch ein Stückchen und sie verschwindet für immer.

In meiner Seele erstreckt sich ein himmlisches Gefühl. Ob ich mich schäme? Nein, gar nicht. Sie war selber schuld. Sie hat mich provoziert, gereizt. Ich werde sie nie in meinem Leben vergessen. Schließlich war sie meine erste. Meine erste Sachertorte.

Marcela Vsetickova

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 13047

im fallwind sieht man ganz schön alt aus

da begegnen mir zärtliche augen
die stellen mir ein glück in aussicht
klipp & klar & geradeheraus
zusammen abheben – quasi im tandemflug

aus irgendeinem toten winkel heraus
ganz unverhofft ein glück im anflug
da sagt doch niemand nein!
to fall in love – in die liebe fallen

dass mir so was schönes passiert!
ich mache mich also startklar
in erwartung eines höhenflugs
voller zuversicht – ready for take-off

und hebe ab – mit albernen schritten
lass ich mich fallen – nicht recht bei verstand
ohne vorbehalt & glückselig
ich spüre mich kurz im aufwind

doch flugs gerät alles ins trudeln
ich dreh mich herum und bemerke
der mit den augen hat sich gar nicht erst eingeklinkt!
ich falle einsam und aus allen wolken

arglos & naiv & unbedarft
verkehrt taxiert, verfehlt gedacht & dumm gelaufen
noch blöder geht’s nicht – tja
höhenangst & misstrauen – wo seid ihr, wenn ich euch nötig habe?

jetzt flieg ich also da herum als teil von keinem paar
den elementen preisgegeben – das glück im abflug – aus heiterem himmel
meine ganze kitschige sehnsucht
einer beschämenden, rotierenden lächerlichkeit überlassen

die contenance fliegt mir nur so aus dem gesicht
ich rudere mit armen und beinen
die fliehkraft verbiegt mir die knochen – das tut weh!
ich sehe ganz schön alt aus

ich falle, dabei wollte ich doch nur
meine umtriebige haut dem spiel des windes aussetzen
und schon kriege ich die volle breitseite – fallwind pur
ich bin so was von ins trudeln geraten!

und hab den boden unter den füßen eingebüßt
und taumle außer rand und band
und schlingere unkontrolliert durch fremde sphären
das vorhaben ein wagnis und zu groß dimensioniert

ich falle weiter und aus allen bezügen
dabei wollte ich nur herumflattern – ein stück weit
und ein wenig loslassen – ab und zu
und mein närrisches luftschloss doch gar nicht bewohnen!

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 13029

deine blicke – mein glück

können blicke genügen
und einer liebe adäquat sein?

kann innigkeit ohne flüstern auskommen?
können lippen es so einfach sein lassen?
können hände auf berühren verzichten?
können körper sich’s versagen?
kann die haut sich enthalten?

deine blicke waren mein kurzes glück.

Stella X.

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 13041

 

 

nah bei mir

dein blick
am anfang so unbekümmert direkt
aus der hüfte geschossen
hat mir lust gemacht

dein blick
später so überraschend verletzlich
von herz zu herz
hat ein sehnen aufgerührt in mir

dein blick
voll erstaunen über dich selbst
hat mir deine sehnsucht eröffnet
eine deines herzens
eine deiner haut
eine, die dir bislang nicht bewusst war
und eine durch keinen mangel gerechtfertigte

und all das sahst du reflektiert in meinen augen
die auch voller verwunderung
in verwirrender vertrautheit
dieses neue gefühl mitteilten
dich ganz nah bei mir haben zu wollen

Stella X.

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 13040

 

die gründe, weshalb ich mir mit dem antworten zeit gelassen und stattdessen die wäsche aufgehängt habe und schließlich – im gespräch mit mir – zur vernunft gekommen bin

weil er ein filou ist, und weil er es weiß und weil er weiß, dass ich es weiß.
er ist ein herzräuber, ein skrupelloser.
das schönste für ihn: den frauen den kopf zu verdrehen, sodass sie, die so geradlinig unterwegs sind, leichtsinnig zur seite schauen, gehen sogar?

das mit dem blick nach vorne, das geht mit ihm einfach nicht gut.
der blick zurück bringt späte reue, das ist sonnenklar.
und der seitenblick macht mir jetzt schon eine genickstarre.
einmal die andere seite ins licht, bitte, nicht nur die schokoladegetunkte!

wozu das ganze? der spaß wird sich in grenzen halten müssen.
die grenzen gibt die familie vor, der bekanntenkreis, seiner und meiner.
die nachbarn, und die wohlmeinenden, braven, stinklangweiligen bessertäter.
und nicht zuletzt das eigene, ewigwissende gewissen, bisse mag ich nicht.

ich will ruhig schlafen können. mein sanftes leben führen.
diese verwirrungen, komplizierten konstrukte, ich hatte davon mehr als genug.
was glaubt er eigentlich? dass ein paar worte, eine einladung mich verlocken können?
wie recht er hat, das ist ganz fürchterlich.

jetzt zum schluss die socken. an der leine schön aneinandergereiht.
die sehr großen, die mittelgroßen, die kleinen, die ganz kleinen.
plötzlich bekomme ich keine luft mehr.
alles riecht nach dem verdammten weichspüler.

meine antwort an ihn ist kurz und bündig:
ich komme gleich.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 13033

 

 

remote control

als erstes würde ich
deine ängste wegzoomen
deine bedenken zerstreuen
dein gewissen beschwichtigen
und dann
der sehnsucht die schwere nehmen

danach könnte ich getrost
die fernbedienung sein lassen

denn dann kämst du
endlich!
und würdest mich
mit deinem zärtlichen lächeln
ganz unbekümmert fragen
ob ich nicht auch riesengroße lust hätte
dann und wann ein paar stunden
zu unseren nächten zu machen

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 13023