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2192 n. Chr.

Ich hatte schon lange niemanden dort unten, deshalb fiel es mir von Anfang an leicht, die Santa Maria als mein Zuhause zu bezeichnen. Meine Besatzung tut sich damit schwerer. Wer ich bin? Ich bin der Kapitän dieses Schiffes. Die Santa Maria fasst viertausend Menschen, ihre Begleitschiffe Niña und Pinta fassen je dreitausend. Mir obliegt der Oberbefehl. Wir hatten das schon einmal, vor siebenhundert Jahren. Damals reisten die Schiffe durch den Ozean, heute kreuzen sie durch das All. Wir sind die letzten zehntausend Menschen. Wir verließen die sterbende Erde vor siebzehn Jahren. Wir suchen einen neuen Lebensraum, einen bewohnbaren Planeten. Mein Name ist Christóbal Colón. Es ist mein nom de guerre. Wir kämpfen um unser Leben.

Alles, was wir hier auf den Schiffen verwenden, wird rezykliert, Luft, Wasser, Nahrung durch Körperausscheidungsprodukte. Wir erreichen eine Rate von 99,9 %. Also bleibt ein kleiner Schwund, der unsere Zeit als Schiffsreisende endlich macht. Längst schon gibt es Sparmaßnahmen, es darf höchstens ein Mal wöchentlich geduscht werden, die Essensrationen werden laufend hinuntergesetzt, sogar atmen soll man bedächtig. Trotzdem bleiben uns längstens drei weitere Jahre, wenn man großzügig rechnet, dann müssen wir einen Platz gefunden haben.

Ich bin einer der wenigen, der alleine lebt, die meisten leben in Partnerschaften, viele mit Kindern in Familien. Das will ich nicht, ich will mich auf keine andere Person einstellen müssen, ich bin der Kommandant, Liebe würde mich bloß verwirren, meinen Geist biegsam machen und meine Hand langsam, meine Funktion ist zu wichtig, um mich auf etwas einzulassen, das mich ablenken würde. Ich habe eine geräumige Kajüte, viele elektronische Bücher, das reicht mir. Über eine Familie kann ich nachdenken, wenn wir am Ziel sind.

Gerne hätten wir auf einem der Schiffe einen Zoo eingerichtet, als eine Art moderne Arche Noah, aber wir mussten uns auf einige wenige Kleintiere beschränken. Hätten wir Elefanten, Nilpferde, gar Wale mitgenommen, hätten wir viele Menschen auf der Erde zurücklassen müssen. Beim Fliegen, beim Bewegen durch Luft oder durch annäherndes Vakuum geht es um das zu transportierende Gewicht, immer geht es in der Fortbewegung um das Gewicht. Ohnedies blieben viele zurück. Die zehntausend Reisenden wurden durch ein Auswahlverfahren ermittelt. Mir aber ist nicht bekannt, aufgrund welcher Parameter entschieden wurde. Ich würde es auch gar nicht wissen wollen. Behinderte gibt es hier keine. Krankheiten brechen nicht oft aus. Psychische Instabilitäten sind selten. Die Enttäuschung, wenn ein Planet nicht geeignet ist und auch nicht in absehbarer Zeit urbar gemacht werden kann, ist normal, und auch die teils tiefe Hoffnungslosigkeit hinterher. Es wurde wohl nach Darwins Prinzip the survival of the fittest entschieden. Auch wenn das hart klingt: Schwache kann man auf den Schiffen nicht gebrauchen. Das aber sind nur Vermutungen meinerseits, nie sah ich ein offizielles Schreiben, nie wurde mir etwas mitgeteilt. So kann ich sagen: Ich weiß es nicht. Stark Vermuten bleibt Vermuten und ist noch nicht Wissen.

Uns allen war klar, dass es nicht leicht werden, aber nicht, dass es so schwer werden würde. Noch auf der Erde, als sie mehr und mehr verfiel, nachdem man dieses Projekt als einzig mögliche Rettung der Menschheit, das klingt groß, aber das ist es auch, beschlossen hatte, legte man besonderes Augenmerk auf zwei Dinge: erstens einen möglichst schnellen Antrieb zu entwickeln, der aber gleichzeitig auch fein justierbar zu sein hatte, zweitens nach bewohnbaren oder bewohnbar zu machenden Planeten Ausschau zu halten.

Für den Antrieb fand man nach einigen Versuchen eine elegante Lösung. Sie basiert auf dem zerstörerischen oder besser gesagt auslöschenden Effekt, wenn Materie und Anti-Materie zusammentreffen. Die Wissenschaftler nahmen das Licht und das Gegenteil davon, die Schwärze des Weltalls. Ein Photon plus ein Anti-Photon müsste eine gewaltige Explosion ergeben. Man experimentierte damit. Die Explosion war nahezu nicht zu bändigen, das Wort nahezu aber relativiert das Ergebnis, nach gewaltigen Schäden an Labors bekam man die Wucht der Explosion langsam in den Griff. Der Antrieb auf den Schiffen sind also je zwei Photonen-Anti-Photonen-Triebwerke. Sie sind jeweils an den hintersten Enden der Schiffe eingebaut. Als Treibstoff dienen winzige Würfel, in denen Licht eingeschlossen ist. Leider ist auch die Lichtgeschwindigkeit die für uns maximal erreichbare. Für das Weltall ist das langsam, ein Schneckentempo geradezu.

Bei der Suche nach einem verwendbaren Planeten gab es wenig Neues. Die Astronomie war ziemlich vernachlässigt worden, weil sie teuer war und das Ergebnis unbefriedigend. Man hatte sich auf diese unsere Erde konzentriert, man holte aus ihr raus, was in ihr drin war, und baute darauf, die Schäden an ihr mithilfe der Technik später zu reparieren – was sich als nicht möglich erwies. Als man erkannt hatte, dass es zu spät war und man die Erde würde verlassen müssen, floss viel, viel Geld in die Sternenforschung. Mit einem passenden Antrieb funktionierte es, obwohl die Zeit schon knapp war, aber bei der Planetenerkennung und -auswertung musste man mit bereits bekannten Methoden vorliebnehmen. Die meisten Planeten wurden nicht direkt detektiert, sondern wenn sie zwischen einem Stern und dem Teleskop vorbeizogen, durch Verringerung der Strahlungsintensität des Sterns. Mittels Spektralanalyse untersuchte man den Planeten auf für menschliches Leben wichtige chemische Elemente, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Silizium. Entscheidend waren das Vorhandensein von Wasser in flüssiger Form, was aus der Ferne aber nicht feststellbar war, und das Vorhandensein einer Atmosphäre um der Planeten, das konnte man messen, auch seine Oberflächentemperatur ließ sich ermitteln. Man fand viele Planeten, fast alle musste man ausschließen, ganz wenige blieben ein Fragezeichen. Die meisten Planeten mit für Menschen fraglicher Lebensmöglichkeit, die in unserer Reichweite liegen, die der Teleskope ist viel weiter als die unserer Schiffe, haben wir bereits angeflogen, mit negativem Resultat.

Die Wissenschaftler haben auch an der Möglichkeit gearbeitet, einen Planeten bewohnbar zu machen – eine Atmosphäre zu schaffen, Elemente umzuwandeln, Sauerstoff zu „züchten“, das heißt zu vervielfältigen, den Boden zu verfestigen und anderes mehr. Anfangen würde es mit einem Habitat für einige wenige, sobald genügend Ressourcen da wären, sollte es in eine Kolonie übergehen, in ein Land und so weiter, träumen darf man. Wir haben dafür Geräte an Bord, aber noch kein Planet war geeignet, sie einzusetzen.

Wir sind nicht bei null. Es ist schlimmer, wir haben siebzehn Jahre hinter uns und maximal drei vor uns. Die Zahl der Reisenden ist seit dem Start auch gestiegen, da die Rate der Geburten die der Verstorbenen überstieg. Nur wenige von höherem Alter verließen die Erde, in erster Linie waren das Menschen mit ganz besonderen Fähigkeiten, Wissenschaftler, Ingenieure, Fachärzte, ein paar Künstler, die herausragend sind in ihrem Metier, oder waren, falls sie inzwischen tot sind. Und sie sind tot, manche von den geschätztesten Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Musikern. Viel ist nicht mehr übrig an lebenden Kunstschaffenden. Natürlich wurden vorzugsweise Jüngere mitgenommen, bis zum mittleren Alter, kann man sagen, bis zum Alter von ungefähr fünfzig Jahren. Viele von ihnen sind Handwerker, einige Bauern. Es ist eine theoretisch ausgewogene Gesellschaft, in der jeder seinen Platz und seinen Wert hat und in der Lage ist, sie besser zu machen. Nur ist es so, dass durch die gestiegene Personenzahl auf jedem Schiff mehr Leute sind als vorgesehen. Das System liefert mir die Daten: Auf der Santa Maria sind es zweiundneunzig zu viel, auf der Niña sechsundachtzig und auf der Pinta neunzehn. Noch sind diese Zahlen nicht dramatisch, aber damit sie es auch nicht werden, haben wir vor drei Monaten eine Lebendgeburtenbeschränkung eingeführt. Pro Paar sind zwei Kinder erlaubt, konstante Population also. Bringt eine Frau mehr Kinder auf die Welt, muss entweder das Kind oder jemand anstelle des Kindes aus der Welt scheiden. Das sind harte Maßnahmen, ich weiß, aber es geht um das Überleben der Menschheit, mehr ist ja gar nicht möglich. Solche Fälle sind vorgekommen, in keinem einzigen Fall wurde dem Kind das Leben genommen, in zwei Fällen ging der Vater anstelle des Kindes, in allen anderen Fällen die Mutter, Großmütter oder Großväter waren nicht zugegen.

Manche der während der Reise geborenen Kinder sind schon Teenager. Sie vermissen die Erde nicht, weil sie sie nicht kennen. Das jeweilige Schiff ist ihr sich bewegendes Haus. Wenn sie sich Aufzeichnungen von der Erde ansehen, ist ihnen völlig fremd, was da gezeigt wird. Sie können damit nichts anfangen. Es ist ein ihnen unbekannter Lebensraum. So wie Kinder früher im Zirkus die Raubtiere bestaunten, lassen die Kinder auf den Schiffen die Bilder der alten Erde auf sich wirken. Sie sind fremd, sie leben ganz woanders, hier sind sie nur zu Besuch.

Die Kinder, natürlich sind die Kinder die Zukunft, dieser Spruch gilt immer. Sie werden von Lehrern und Professoren unterrichtet. Wir haben auf den Schiffen das gesamte Wissen der Erde, auf Datenträgern, um Platz zu sparen. Die Kinder können an den Systemeingabegeräten auf jede erdenkliche Information zurückgreifen. Sie sind unbefangen, haben keine Angst vor Neuem, sondern Interesse. Anderseits sind sie nur die Schiffe gewöhnt, sie sind nie auf Lehm gegangen, kennen keinen Himmel, Wasser schon, wir haben Pools an Bord, den Kindern wird Schwimmen beigebracht, sie kennen aber keine Sonne, die lebensspendend am Himmel steht. Wir sind uns nicht sicher, ob sie auf einem Planeten zurechtkommen würden, da besteht eine gewisse Unsicherheit.

Es gibt einen Grund dafür, dass die Zahl der Geburten auf der Pinta denen der anderen beiden Schiffen hinterherhinkt: Wir nutzen einen Teil von ihr als Gefängnis. Wir riegelten dort einen großen Trakt ab und befestigten ihn. Wir verwahren fast nur Männer, hauptsächlich wegen Streitigkeiten um Frauen, die zu Kämpfen ausgeartet waren. Diebstähle sind selten, Geld ist bei uns keines im Umlauf. Es gibt hier schon ein kollektives Bewusstsein, eine gemeinsame Heilssuche. Und eine mittlerweile etablierte starke Security, die bei Vergehen hart durchgreift – man darf es mit dem Idealismus nicht übertreiben.

Wer aufmuckt, macht einen Außeneinsatz ohne Raumanzug. Nein, das ist nur ein Witz. Gerade wenn das menschliche Leben zahlenmäßig so beschränkt ist wie hier, hat man mehr Respekt vor ihm. Noch nie seit Beginn der Reise wurde ein Todesurteil ausgesprochen. Es gab fünf Morde, zwei davon heimtückische, woraufhin wir die Täter auf der Pinta isolierten. Für die Gemeinschaft wäre es sogar das Beste, sie loszuwerden, sie zu töten, aber das wollen wir nicht. Wir sind eine Zivilisation. Wir wollen nicht verrohen.

Ein ständiger Begleiter, ein sehr ungeliebter, ist uns die Langeweile. Man kämpft gegen sie an, man tut etwas, irgendetwas, aber doch weiß jeder, dass das meiste nicht besonders sinnhaft ist. Für viele Besatzungsmitglieder vergeht die Zeit großteils ungenutzt. Ich habe schon etwas zu tun, und viel Verantwortung, trotzdem ringe ich mit der dauernden Langeweile, oder sie sitzt neben mir auf dem Boden, wie auch immer.

Es finden ja keine Schlachten mit Schiffen von Außerirdischen statt, das gibt es nur im Kino. Wir gehen nicht auf Planeten durch üppige Landschaften von Pflanzenlebewesen. Es gibt überhaupt keine Außerirdischen, bis jetzt. Nirgendwo haben wir außerirdisches Leben gefunden. Gar nichts, nicht einmal schwammartige Lebewesen, nicht einmal Einzeller. Es muss nicht nur der Ort passen, sondern auch die Zeit. Auf manchen Planeten war möglicherweise früher Leben, wenn auch nur in sehr einfacher Form. Man kommt ins Philosophieren, hier auf dem Schiff, weil man die Zeit dazu hat, und weil man keinen Ausweg sieht. Man kann nur weitermachen, und die Chancen sinken und sinken. Mit jeder Planetenmessung, jedem Besuch auf einem verringert sich unsere Überlebenswahrscheinlichkeit.

In welchem Zustand jetzt die Erde ist? Was sich auf ihr tut? Wir wissen es nicht. Es gibt keinen Funkverkehr mit ihr, absichtlich nicht. Wir richten unsere Diagnoseinstrumente nicht nach ihr aus. Ihre Atmosphäre war bei unserer Abreise schon sehr durchlässig, die Temperaturen an der Oberfläche stark gestiegen. Vielleicht sind die Meere schon kochend verdunstet. Mag sein, dass sich in Höhlen noch manche alte Menschen verstecken, besonders wahrscheinlich ist das nicht. Die letzten Überlebenden auf ihr werden wohl Küchenschaben sein, oder waren Küchenschaben. Wie gesagt, uns ist nicht bekannt, ob sie noch Leben beherbergt. Tut sie es heute noch, dann morgen nicht mehr, prosaisch gesprochen.

Und auch unsere Zeit an Bord ist beschränkt, ich habe es schon angemerkt. 0,1 % Schwund mag nach nicht viel klingen, aber für uns ist er fatal, schicksalshaft, das kann man wirklich so sagen, er beschließt unseren Aufenthalt auf den Schiffen. Manche der Planeten wirkten anfangs verheißungsvoll, doch immer hat irgendetwas nicht gepasst. Sie waren zu groß, sie würden keine künstlich erzeugte Atmosphäre halten können, sie waren gasförmig, die Temperatur war weit zu hoch oder nahe dem absoluten Nullpunkt. Und auch die Idee, einen Planeten zu formen und vorerst nur einige wenige Menschen auf ihm auszusetzen, ist bloß in der Theorie gut, und womöglich nicht einmal das. Die Schiffe müssten warten, damit könnten andere Planeten nicht untersucht werden. Sozusagen wären wir gezwungen, alles auf eine Karte zu setzen. Nur war es ohnedies folgendermaßen, dass in Betracht gekommene Planeten so weit davon entfernt waren, sie lebenswert machen zu können, dass es viel mehr Energie gekostet hätte, als wir zur Verfügung haben.

Ja, das ist die Lage. Wir können nur hoffen, dass einer der zukünftigen Planeten bewohnbar  oder in absehbarer Zeit bewohnbar zu machen ist. Natürlich sind viele hier an Bord nervös. Manche sagen, es war ein Fehler, die Erde überhaupt verlassen zu haben. Vor ungefähr zehn Jahren war eine Bewegung entstanden, die verlangte, dass die Schiffe zurück zur Erde fliegen hätten sollen. Weniger die Kapitäne der Niña und Pinta und ich als die älteren Wissenschaftler brachten es zuwege, die zahlreichen Mitglieder dieser Bewegung davon zu überzeugen, dass es weit unsicherer war, die Erde anzusteuern als weiterzureisen. Wir sind, logischerweise, weitergereist, und haben nun nichts anzubieten. Jetzt ist eine Rückkehr unmöglich, unsere Ressourcen würden nicht reichen. Niemand fordert sie jetzt mehr. Doch darum geht es nicht, sondern darum, dass diese Menschen uns, der Führungscrew, ihr Vertrauen geschenkt haben, und wir konnten es nicht einlösen.

Die Krankenversorgung ist sehr gut bei uns. Auf den zwei kleinen Schiffen ist jeweils eine Sanitätsanstalt, und auf der Santa Maria befindet sich ein Spital. Auf der Niña und Pinta sind je zwei Operationssäle, auf der Santa Maria vier. Wir verfügen über spezialisierte Ärzte, Anästhesisten, Chirurgen. Wir haben auch einige Pharmakologen an Bord. Falls uns bestimmte Medikamente ausgehen sollten, können sie neue herstellen. Wir sind auf Unwägbarkeiten gut vorbereitet, ich denke, das kann man so sagen. Bei uns wird niemand an Skorbut leiden, wie bei der Entdeckungsfahrt meines Namensvetters vor siebenhundert Jahren.

Was damals die Wellen waren, sind nun die Sonnenstürme. Damals navigierte man mit den Sternen, wir fliegen heute durch die Sterne. Nur traf Señor Colón in alter Zeit auf Eingeborene. Wir sind bislang auf niemand Lebenden getroffen, aber das Buch ist ja noch nicht zu Ende geschrieben. Wir hoffen noch. Wir glauben noch an unser Überleben. Wirklich? Ja, selbstverständlich. Wir müssen daran glauben, sonst ist alles aus.

Der Glaube, ja, das ist so eine Sache. Glaube an die eigene Stärke ist gut, ist vorteilhaft. Der Glaube als Religion wird hier auf den Schiffen nicht öffentlich zelebriert. Es gibt keine Gottesdienste irgendwelcher Art. Wohl einige sind gläubig, manche glauben nicht, doch damit es keine Streitereien unter den verschiedenen Glaubensrichtungen gibt, hielten wir es für richtig, dass sich die Menschen nur privat mit ihrem Glauben, ihrer Religion auseinandersetzen. Wir sind vorsichtig gegenüber selbsternannten Erweckungspredigern, die aufkommen könnten.  Religion kann ein Minenfeld sein. Wir haben nur noch diese eine Reise zur Verfügung, wir dürfen nichts riskieren, alles, was gefährlich werden könnte, wird ausgeschlossen.

Ich verbringe viel Zeit in meiner Kajüte. Wohl bin ich als Kapitän auch Pilot meines Schiffs, aber es gibt einen Co-Piloten, und überdies fliegt das Schiff ja automatisch. Der Navigator, ein Steuerungsexperte und ich programmieren den Kurs, stets für mindestens eine Woche im Voraus. Klarerweise kann sich immer etwas ändern, aber wenn das nicht zu erwarten ist, soundso vertritt mich mein Co-Pilot, ziehe ich mich gerne in meine Kajüte zurück und lese. Besonders gern lese ich Sachtexte, in letzter Zeit habe ich sehr viel über das Mittelalter gelesen. Die Bauern waren die Beine des gemeinschaftlichen Körpers, und sie wurden als Einfaltspinsel verunglimpft. Die Adeligen, der Klerus, sie wären verhungert ohne sie, und das war dafür der Dank. Oder die prächtige Königin von Frankreich und England, Eleonore von Aquitanien, die alles für Pomp und Prunk ausgeben hat: Sah sie wirklich so gut aus wie berichtet, hatte sie blonde Haare? Inzwischen bin ich schon ein kleiner Mediävist. Auch in anderen Themen bin ich sehr beschlagen. Ich las und lese von der untergegangenen Welt. Alles das liegt hinter mir, liegt hinter uns. Schade, schade, wirklich schade. Ich bin ein rational denkender Mensch, doch wo ich sehe, was alles war, was es alles gegeben hat, tut es mir leid, ja wirklich, es tut mir sehr leid.

Ich bin beileibe nicht der Einzige an Bord, der sich Tagträumen ergibt. Viele, sehr viele tun das, vor allem die, die oft allein sind. Was bleibt ihnen denn übrig? Die Wirklichkeit kann grausam enden. Jeder hier weiß das. Aber soll man deshalb dauernd daran denken? Nein, man lenkt sich ab, man sucht Schönes. Auch wenn man nicht dazu neigt, könnte man sonst verrückt werden, oder so hart wie Stein, unfähig, noch etwas zu spüren, auch wenn es nötig wäre.

Stopp! Ich habe jetzt einen Planeten groß auf dem Schirm, den wir begutachten werden. In Kürze werden seine Daten eintreffen. Sind die günstig, werden wir einen Landungsroboter zu ihm losschicken. Wir haben nun eine neue Perspektive. Ich muss jetzt aufhören. Ich werde mich an anderer Stelle wieder melden.

 

Ich bin wieder hier. Es ist jetzt ungefähr zweieinhalb Jahre später. Ich kann es auch genau beziffern. Was sagt das System? Es ist zwei Jahre, fünf Monate und einundzwanzig Tage später. Die Situation hat sich verschlechtert, arg verschlechtert. Es war alles umsonst. „Durch den Fluss meiner Augen / sehe ich das Salz der Tränen. / Planeten über jeder Zahl / und nirgendwo ist möglich Leben“, würde ich schreiben, wenn ich Dichter wäre, aber ich bin kein Dichter, ich bin Kapitän, Pilot, Techniker. Ich entscheide nach dem Kopf, und nicht nach dem Herzen. Kein Planet war auch nur im Entferntesten geeignet, auf ihm in seinem Status quo zu leben oder ihn besiedelbar zu machen. Es sind kaum noch Planeten übrig, der Schwund hat noch zugenommen, auf derzeit 0,15 %. Wir haben nicht länger als höchstens eineinhalb Monate auf den Schiffen zu leben. Einige haben freiwillig ihr Leben beendet. Es ist furchtbar.

Doch der Schrecken muss ein Ende haben. Die Führungscrew, die Wissenschaftler und Ärzte sind zu Rate gesessen. Der nächste Planet, den wir in acht Tagen antreffen werden, ist sehr groß, hat festen Boden, ist also massereich, statt einer Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre wogt Methan, eine schützende atmosphärische Schicht zu erzeugen wird nicht möglich sein. Dieser Planet ist trotzdem noch der, der am ehesten bewohnbar ist. Einen besseren werden wir nicht mehr finden.

Da es uns daher nicht möglich ist, einen Planeten bewohnbar zu machen, haben wir keine andere Wahl, als uns dem Planeten anzupassen. Für diesen Planeten, wir haben ihn Beta 19 getauft, heißt das: viel stärkere, breitere und kürzere Beine, vier statt zwei Lungenflügel, ein Metabolismus, der Methan statt Sauerstoff verarbeitet, eine panzerartige Haut als relativer Schutz vor Gamma-Strahlen, stark vergrößerte Augen, da die Sonne im Drehpunkt weit weg ist, es ist eine dunkle Welt. Unsere Chirurgen stehen bereit, um mit der Umwandlung zu beginnen.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17001

Laufen

Franz liebte es zu laufen. Seit seiner Jugend. Laufen, um den Müll des Alltags abzuschütteln, wieder frisch zu werden, sich zu spüren und lebendig zu bleiben. Besonders nach der Arbeit und dem Stress. Aber nach jenem Tag verging ihm diese Lust. Er wollte nicht mehr. Er wollte sich nicht mehr frisch machen für Dreckskerle, die es nicht verdient hatten. An jenem Tag, an dem er seinen Job verlor, hatte ihm das Leben eine Lektion verpasst. Gehörig! Freitag der 15. Mai, einer der ersten warmen Frühlingstage des Jahres, war auch der erste Tag seit Langem, an dem sein Chef, Heinz, das Gespräch mit ihm suchte.

„Ich muss mit dir sprechen“, hielt er sich kurz. „Um 10 Uhr bei mir im Büro.“
Endlich, dachte er und hatte sich gefreut, nur weil sein Chef mit ihm reden wollte. Es war absurd, aber Heinz hatte das Wochen, ja Monate zuvor vermieden. Jedenfalls saß er Schlag 10 Uhr in seinem Zimmer. Auch Heinz war gerade eingetroffen. Von einem seiner Termine draußen. Da war er meistens. Kein Mensch wusste, was er den lieben langen Tag so tat. Und kaum hatten sie zu reden angefangen, da drängte seine Sekretärin bei der Tür herein und machte ihm klar, dass einige Entscheidungen unbedingt jetzt erledigt werden mussten. Hektisch lief er wieder aus dem Zimmer und ließ Franz an seinem Besprechungstisch allein zurück.
„Du weißt ja …“, lachte Heinz.
„Natürlich“, lächelte Franz verkrampft zurück, um Lockerheit zu zeigen.
Die Sonne knallte in ungewohnter Stärke durch die Scheibe und wärmte ihm den Arm. Frühling …, endlich Frühling, wird ja auch Zeit. Wie beruhigend!

Als Heinz nach wenigen Minuten wieder hereinkam, ging er hinter seinen Schreibtisch und begann gleich im Stehen: „Du weißt ja, in den letzten Wochen hat es immer Schwierigkeiten gegeben, und deswegen will ich da gar nicht lange herumreden. – Ich glaube, es ist besser, wir trennen uns.“
Franz war sprachlos. – Andererseits war es endlich raus.
„Ich weiß, arbeitsmäßig kann ich dir nichts vorwerfen“, sagte er ruhig. „Du hast deine Arbeit immer ordnungsgemäß erledigt …- Vor drei Monaten habe ich dir die Position des Gruppenleiters angeboten. Und du hast sie nicht angenommen. – Wird schon, hast du gesagt. – Ich versteh dich. – Ich hätte das auch nicht angenommen an deiner Stelle. – Aber so kann es auch nicht weitergehen.“
Stimmt, so konnte es nicht weitergehen, das dachte Franz auch. Dennoch war er überrascht.
„Hier – ich habe alles vorbereitet“, setzte Heinz zügig nach und legte ihm ein Schriftstück vor: „Auflösungsvereinbarung“.
„Lies es dir durch und wenn du einverstanden bist, dann unterzeichnest du einfach. – Ich würde es bevorzugen, wenn du keine Schwierigkeiten machst und zustimmst. – Die offizielle Version ist, dass du dich mit unserer neuen zweiten Geschäftsführerin Frau Piller nicht verstanden hast. – Das entspricht doch den Tatsachen. Oder?“

Nachdem Franz dieses läppische Blatt Papier durchgelesen hatte, lehnte er sich gefasst zurück. Und wenn er auch für andere durch die Glasscheiben des Büros betrachtet einen gelassenen Eindruck machte, wurden in diesem Moment seine Gedanken wie Teilchen beschleunigt, die verzweifelt in ihrer Raserei zu ergründen versuchten, wie es bloß so weit kommen hatte können … Sicher, er musste dem Schreiben nicht zustimmen! Könnte auch kämpfen. Aber was bedeutete das? In den nächsten Tagen, Wochen, vielleicht Monaten eine giftige Atmosphäre ertragen? In der man alles gegen ihn auslegte, bis er schließlich irgendwann selbst das Handtuch warf? – Auch wenn er sich Schützenhilfe vom Betriebsrat holen könnte. Letztlich war es doch nur eine Frage der Zeit. – Was sonst?

Dieser Mistkerl von Heinz, der ihn vor einem Jahr erst geholt hatte, wollte ihn jetzt einfach so im letzten Moment an einem Freitag zu Mittag entsorgen. Auf die Schnelle. Als er ihn ansprach, war er in leitender Position eines Mitbewerbers tätig: hochangesehen und erfolgreich. Franz wollte ihm Dienstleistungen anbieten. Heinz aber trieb im Kaffeehaus das Gespräch in eine andere Richtung, nachdem er zuvor sein Vorhaben einfach abgeschlagen hatte.
„Daraus wird nichts“, unterbrach ihn Heinz bald.
„Ich werde einen Mitbewerber wie dich mit meinen Aufträgen nicht großziehen. Das wirst du doch verstehen. – Aber…“, setzte er fort, „ … so wie ich das sehe, kannst du nicht zufrieden sein mit deinem Job“, begann er und zählte drei Gründe auf, warum er seiner Meinung nach nicht in der damaligen Funktion glücklich sein konnte.
„ … und habe ich recht?“, endete Heinz und schaute ihn fragend an.
Das traf. Und in Franz drin gab es tatsächlich so etwas wie Resonanz. Zweifellos war es seiner langjährigen Branchenkenntnis zuzuschreiben. Sein Mund verneinte jedoch, wollte Heinz in keinem Fall recht geben. Wenn er zuerst nicht wusste, worauf er hinauswollte, stellte sich jetzt doch heraus, was er nicht glauben wollte: „Wir suchen einen so wie dich. Als Abteilungsleiter. – Überleg dir, ob das was für dich ist.“

In den nächsten Tagen, in ruhigen Momenten dachte er noch einmal seine Situation durch: Er war in ein Unternehmen gekommen und hatte in einem turbulenten Jahr das Unternehmen aus der Kostenfalle herausgeführt. Hatte dabei Personal entlassen müssen, was nicht lustig gewesen war, aber die notwendige Antwort war auf den Reformstau, den sein Vorgänger hinterlassen hatte. Nur die Abhängigkeit vom größten Kunden, der um seine Stellung wusste und diese maßlos ausnutzte, blieb erdrückend. Von diesem Druck wäre er befreit, wenn er wechselte. Das wäre gewiss. Aber der nächste Druck würde folgen. Wenigstens käme er in ein großes, bekanntes, strukturiertes Unternehmen mit Background und Wachstumspotenzial. Was aber den Ausschlag gab, war, dass Franz sich geschmeichelt fühlte, gefragt worden zu sein. Obwohl ihn seine Branchenkollegen gewarnt hatten: dass Heinz ein Wendehals sei. Ganz nach dem Winde rede und handle. Aber er stürzte sich hinein in das Neue. Zuerst auf jene Dinge, die vom Vorgänger liegengeblieben waren, und er versuchte sie möglichst rasch einer Lösung zuzuführen. Ganz wie man es von einem Manager erwartete. Vor allem für Kurt, den Mann aus dem Controlling, war er der ersehnte Neuzugang. Kurt, der interimistisch die Dinge erledigte, konnte es schon nicht mehr erwarten, einen wie Franz in die ersten Schritte des Unternehmens und der Systeme einzuführen. Und er konnte es auch nicht mehr erwarten, ihm all jene Themen umzuhängen, die ihm allzu lange schon lästig waren. Dafür war er für alle Fragen und Themen, die aus dem Tagesgeschäft entstanden und über die Franz noch nicht Bescheid wissen konnte, sein Ansprechpartner.

Das Tagesgeschäft lief rund, bis völlig unerwartet viereinhalb Monate später der zweite Geschäftsführer abhanden kam. In der einen oder anderen Bemerkung hatte es sich zwar schon einige Zeit davor abgezeichnet, dass neben Heinz, dem ersten Geschäftsführer, sich ein zweiter als Kontrahent gegen Heinz von Tag zu Tag mehr in Stellung brachte. Franz hielt sich geflissentlich aus diesem Konflikt heraus und war schließlich doch überrascht, wie es ausgehen sollte.

Der zweite Geschäftsführer, ein Mann mit traurigem Blick und steifem Genick, gab aufgrund seines höheren Alters mit vielleicht 55 Jahren und einem Mehr an Erfahrung stets vor, die Nummer eins in der Geschäftsführung zu sein. Er wäre auch vom Vorstand geholt worden, um Ruhe in das Unternehmen zu bringen und die ständige Abwesenheit des ersten Geschäftsführers auszugleichen. Früher war er beim Heer bei den Fallschirmspringern gewesen und einer der Ersten, der mit den damals schweren Kameras am Helm die Sprünge filmte. Bei den Landungen hatte er sich – nach seinen Erzählungen – regelmäßig die Halswirbel gestaucht. Dieser Mann beschuldigte also Heinz, für seine Mitarbeiter nicht ausreichend da zu sein und lieber bei Kunden extern oder bei den Konzernbossen intern ständig dem Lobbying nachzugehen.

Heinz, zehn Jahre jünger als der zweite Geschäftsführer, war ein Mann mit geschwellter Brust. Wenn er dastand, streckte er seine Beine durch, so dass die ganze Energie nach oben stieg und nicht wieder nach unten fließen konnte. Diese Eigenschaft sollte ihm zu gegebener Zeit entsprechend helfen, sich aufzublasen und seinem Gegner Angst einzujagen. Wie jetzt – da er Kampfansagen nicht duldete. Heinz war äußerst zuversichtlich, die wahrgenommenen Schwächen des anderen eines Tages ausnutzen zu können, um ihn schließlich mit seinen guten Kontakten aus dem Feld zu schlagen.

Der Geschäftsführer mit dem traurigen Blick kam eines Morgens um 7 Uhr 30 Uhr mit seinem neuen Audi A6 in eine Besprechung und musste keine drei Stunden später das Unternehmen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verlassen. Sein Vorgesetzter und zugleich Eigentümervertreter jenes Unternehmens, der ihn erst vor Kurzem eingestellt hatte, hatte ihn völlig überraschend dienstfrei gestellt und aufgefordert, unverzüglich alle Arbeitsmittel zurückzugeben. Das Gespräch, in dem ihm das mitgeteilt wurde, hatte gerade mal dreißig Minuten gedauert. Natürlich hätte es niemand für möglich gehalten, dass ihn dieses Schicksal in seinem Alter je ereilen würde. Danach rief er seine Assistentin an sowie seine ihm unterstellten Mitarbeiter und machte sich unverzüglich auf den Weg, sein Büro zu räumen.

In den ersten Gesprächen hatte er noch kampfeslustig erklärt, dass er die Nummer eins der Geschäftsführung wäre. Und jetzt musste er einsehen, doch am anderen gestrauchelt zu sein. Obwohl man ihm anfangs eine Aufgabe anvertraut hatte: nämlich seinem Geschäftsführer-Kollegen auf die Finger zu schauen. Offenbar hatte er seine Job-Description falsch verstanden!

Es dauerte keinen Monat, da wurde bekannt, dass mit Frau Piller, seiner Nachfolgerin aus dem Konzern mit Schwerpunkt auf das Kaufmännische, frischer Wind in das Unternehmen kommen würde. Im Eiltempo setzte sie eine strenge Kostenkontrolle durch, eine striktere Außenständeverfolgung und vieles mehr. Von Statur war sie eine große, unübersehbare Frau mit vehementem Ausdruck, die es liebte, das letzte Wort zu haben. Einige ihrer Maßnahmen bedeuteten auch eine Delegierung von kaufmännischen Aufgaben in die nächstuntere Hierarchie-Ebene, was bei den operativen Mitarbeitern Jammern und Klagen hervorrief: Wären sie doch für die Durchführung zuständig und nicht für so viel kaufmännischen Kram.

Während Heinz seine Anfangsschwierigkeiten mit Frau Piller eingestehen musste, ließ er sich dadurch nicht verunsichern, hatte er doch genug Raum, ihr auszuweichen, indem er es weiterhin vorzog, „draußen am Markt“ seiner Arbeit nachzugehen. Währenddessen durchforstete Frau Piller die Zahlen des Unternehmens und verschaffte sich durch ihre fordernde Art zur Umsetzung der Maßnahmen Schritt für Schritt mehr Respekt. Nur dann und wann streifte sie ihre Stöckelschuhe unter ihrem Schreibtisch ab, stürmte von ihrem Zimmer zur Toilette, um sich gleich darauf wie eine Spinne wieder in ihre Befehlszentrale zu begeben. Bald schon schüttelten jene Mitarbeiter, die sie beobachtet hatten, ihre Köpfe. Im Konzern war man sich bewusst, dass ihre kaufmännisch-harte Art gerade jetzt nicht so falsch sein konnte. Und gerade in der Zeit der Wirtschaftskrise waren genauere Kostenkontrolle und Sparstift keine Fehler. Nicht nur Investitionen wurden gestoppt, sondern auch Neuaufnahmen, wenn sie nicht unbedingt notwendig oder vorher budgetiert waren. Franz jedenfalls hatte ihr und ihren Maßnahmen ohne Wenn und Aber Unterstützung und Schützenhilfe zu leisten.

Mit ihrem Erscheinen hatte sich auch die Zuständigkeit und Zuordnung seiner Funktion geändert: Obwohl ab sofort Heinz für Franz zuständig war und dieser sich bei offenen Punkten an ihn zu wenden hatte, musste er sich in der Realität mit Frau Piller besprechen, weil Heinz praktisch nie da war. Frau Piller tat aber nur ungern die Arbeit anderer. Nicht nur deswegen war ihr Ton stets ein ungehaltener und schroffer.

Während in der Anfangsphase sein Kontakt zu Heinz und Kurt eng war, und er mit ihnen immer wieder zu Mittag aß, wurde dieser mit der Zeit immer weniger, bis Franz schließlich ganz auf sich allein gestellt war. Damit nahmen auch die Möglichkeiten sich abzustimmen rapide ab. Schmerzhaft in einer Zeit, wo die Probleme bei Kunden extern und intern aufgrund der Sparmaßnahmen an Zahl und Auswirkung zunahmen, und er nicht befugt war, Entscheidungen allein zu treffen.

Zwischen Frau Piller und Heinz musste im Hintergrund etwas besprochen worden sein; denn Problemfälle, die aus dem Tagesgeschäft bei ihm landeten, wurden von Heinz plötzlich gegen seine sonstige Gewohnheit kontrolliert und nachgefragt. Meldungen über Teilfortschritte interessierten nicht. Man wollte Vollzugsmeldungen und pflegte dabei Druck zu machen. Franz spürte, wie sich die Atmosphäre in eine angespannte, feindselige wandelte, wie mit einem Mal die schützende Hand von Heinz über ihm weg war. Auch bei den wöchentlichen Fußballtrainings außerhalb der Arbeitszeit drehte er sich weg, mied jeden Kontakt. Eines Tages, bei einem der wöchentlichen Abteilungsmeetings mit Heinz und den Verantwortlichen aus seinem Bereich, fiel ihm auf, wie sehr diese Meetings von Heinz und seinem Lachen dominiert waren. Und wie alle dem Lachen des Königs huldigten.

Das Lachen von Heinz war sein Markenzeichen. Und so bald er im Büro war, zeigte sein Lachen, dass er anwesend war. Während er durch die Büroräume zog, verstreute er weithin sein Lachen. Wie ein Hund sein Herrchen an den Schritten erkennen konnte, so konnte man ihn erkennen: am lauten, ungebremsten, Raum füllenden Lachen. Mit seinem Lachen markierte er sein Revier. Kunstvoll verstand er es, sein Lachen mit immer neuen Witzen zu füttern, für die er sich seine Zuhörer suchte. Seine Auserwählten. Zu ihnen gehörte Franz nicht mehr. Seine geschäftlichen Punkte, wie immer sie ihm auch unter den Nägeln brannten, waren für Heinz nicht relevant. Er ignorierte sie, wie er ihn ignorierte. Gelang es Franz einmal, Heinz ihre Dringlichkeit klar zu machen, tat Heinz so, als ob er mit lästigen Dingen gestört würde, die jeder andere besser entscheiden könnte.

Von Mal zu Mal kam Franz dieses Lachen herrischer, diktatorischer und ausschließender vor. Und Franz begann, diesem Lachen zu misstrauen, weil es ein so beklemmendes und kein erlösendes war. Nein, eines, das den Dingen etwas abringen wollte. Mit seltsamer Absicht. Als angelernte Strategie, die er sich irgendwann angeeignet hatte. Weil er irgendwo gelernt haben musste: Lachen kommt gut. Gut einsetzbar als Auflockerung für überforderte Mitarbeiter, als willkommenes Geschenk an Aufmerksamkeit und natürlich als Eisbrecher. In seinem Verhalten war Heinz derart firm, dass man den Eindruck bekommen konnte, dass nichts sein Lachen verstimmen konnte, es vielmehr von ungeheurer Selbstsicherheit und Selbstvertrauen zeugte, dessen man nur allzu gern ein Teil sein, Auserwählter sein wollte.

Mit seinem Lachen wurde scheinbar die Subordination außer Kraft gesetzt. Das äußerte sich in einem ernsten Unernst oder unernsten Ernst, aus dem sich der Geist in jede Richtung gehen ließ, bis alles denkbar wurde, aber nichts mehr galt. Den harten Wahrheiten nahm er damit den Wind aus den Segeln. Allenfalls Andeutungen, Hinführungen, Umschreibungen, um weder Aufruhr noch Empörung zu erzeugen. Franz kam es so vor, als wollte Heinz mit seinem Lachen zeigen, dass nur Schönwetter geduldet und Unangenehmes nicht erwünscht war. Der Oberfläche war nichts anzumerken, sie blieb im Komfortbereich. Ein bisschen Kacke am Dampfen – schnell ein bisschen Lachen. Passt! Nur keine anderen Emotionalitäten, nur keine Empörung, nur kein Ärger, sondern Lachen. Lachen. Lachen.

Als dann Frau Piller bei einer Abteilungsleitersitzung in einem Detail-Punkt nachhakte, deren Zusammenhänge sie auch nach näheren Erklärungsversuchen nicht verstehen wollte, spürte Franz, dass ein Moment gekommen war, da sie ihn abgeschrieben hatte. Ab jetzt wäre er ein totes Pferd, auf das niemand mehr setzte. Und Heinz, der neben ihr saß und keine Rettung, keine Verteidigung, keine Erklärung gab, dachte vermutlich ebenso. Franz war seltsam zumute: Seine Anwesenheit in diesem Hause hatte ein spürbares Ablaufdatum, das nur noch nicht ausgesprochen war.

Und Franz hatte keine Idee, was er gegen diese Feindseligkeit tun konnte. Er fühlte sich in einer Sackgasse. Verzweifelte Denkschleifen nach Auswegen vernebelten ihn und dominierten nicht nur tagsüber seine Welt. Ein seltsames Gefühl der Schwere überkam ihn mit seinen langsamen Sinus-Schwingungen, das ihn ans Bett fesseln wollte. Und da er sich selbst nicht mehr helfen konnte, beschloss er, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Aber sobald er vor dem Coach saß, wusste er nicht mehr, wie er anfangen, davon erzählen sollte. Im Grunde schien ihm alles so lächerlich. Wären denn Worte kraft- und machtvoll genug, noch irgendetwas an den Dingen zu ändern? Oder war nicht schon längst alles entschieden?
Der Coach gab ihm den Rat, in sich einen lichten und fröhlichen Ort zu finden und sich mehr darauf zu fokussieren, als sich von der Realität erdrücken zu lassen. Er riet ihm auch, Dinge zu unternehmen, die ihm Spaß machten und sich nicht von seinen Pflichten auffressen zu lassen.

Aber Schmerz und Ärger waren real und pulsierten in ihm, blähten sich auf und wurden größer und größer. Wollten sie ihn beherrschen, ja verbrennen? Er fühlte sich ihnen ausgeliefert. Es zog ihn in einen Strudel hinein, riss ihn vom Sockel herab ins hilfloseste Dasein, dem er sich unterwerfen musste, so wie man sich am Ende von unmöglich gewordenen Protesten sogar der Unwahrheit beugt. Und hier war die Wahrheit keine andere als das Verschmelzen mit dem Furchtbaren. Kein Ausweichen war möglich. Kein Draußenbleiben, kein Darüber und kein Daneben.

Je mehr sich Franz bemühte, einen guten Job zu machen, desto mieser fühlte er sich behandelt und kälter missachtet. Der gute Draht zu seinem unmittelbaren Umfeld war so gut wie abgerissen. Selbst inoffizielle, kollegiale Gespräche mit seinen Vorgesetzten fanden nicht mehr statt. Und dieses Schweigen wurde von beiden Seiten nicht behoben. Franz konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, es mit gemeinen und durchtriebenen Menschen zu tun zu haben, die etwas gegen ihn im Schilde führten. Ohne Aussicht auf Veränderung, die von keiner Seite in Angriff genommen wurde. Und Franz fühlte sich außerstande, etwas daran zu ändern. Über diesen Schatten konnte er nicht springen. Wenn es seinen Vorgesetzten ebenso erging, dann standen beide Seiten jetzt vor düsteren Gefühlswolken, die sich unheilvoll wie ein Gewitter zusammenbrauten.

Erst war es so gewesen, dass er jegliche Bemühungen auf Veränderung nicht auf sich nehmen wollte, weil er keine Notwendigkeit sah. Und als diese offenkundig wurde, konnte er nicht mehr, ließ es laufen. Aber zu welchem Zeitpunkt war denn die Entscheidung, ihn loszuwerden, getroffen worden? Oder war etwa gar keine Strategie dahinter? Egal. All diese Fragen konnte er ohnehin nicht mehr klären.

Oder aber war es doch anders: Gerade weil er seine Arbeitswelt für feindselig hielt, dass sie sich diesem Bild anpasste wie eine Self-fulfilling Prophecy: Das Äußere spiegelte unbewusst seine Überzeugung wider. Fakt war, dass sich ihm in diesem Unternehmen die Brust zusammenschnürte, sich ein nagendes Gefühl des Unbehagens in seinen Magen fraß. Und all die Phasen des Reflektierens, Analysierens, bewussten Entspannens, ja sogar Meditierens hatten ihm nicht geholfen, obwohl er absolut überzeugt davon war, dass ihm Meditation helfen würde, sein Herz zu beruhigen. Jeden Morgen drückte er sich in irgendeine Seitengasse in der Nähe seines Büros an den Straßenrand, um noch ein paar Runden zu meditieren, bevor er sich in seine Hölle wagte. Aber er schaffte es nicht, sich von seinem Ärger und seiner Wut zu lösen. Er blieb ihr Gefangener.

Als schließlich ein Gruppenleiter mit dem Entschluss an ihn herantrat, eine Hierarchie-Stufe zurückzutreten, weil er Probleme mit dem Herzen hatte und seine Digitalis-Dosis erhöhen musste, bekam Franz von Heinz auch noch den Vorwurf, seine Mitarbeiter in die Überforderung zu treiben. Schließlich legte Heinz ihm nahe, von seiner Position als Abteilungsleiter zurückzutreten und jene des scheidenden Gruppenleiters zu übernehmen.

Irgendwo in seinem Inneren hatte es Klick gemacht. Als ob sich sein Leben an einer Sollbruchstelle entzweit hätte. Und das fühlte sich nicht gut an. Gar nicht gut. Als ob sein Wille, seine Arbeit sauber und fair abzuliefern, zerbräche. Arbeit, auf die nicht nur er stolz sein konnte. Arbeit, nach der man sich ohne schlechtes Gewissen im Spiegel ansehen konnte. Arbeit, die keine verbrannte Erde hinterließ, die niemanden ausbeutete. Arbeit, die allen Gewinn und Nutzen brachte. Das alles zählte nichts mehr. Nichts. Hier zählte etwas anderes. Alles nur keine faire Arbeit. Nur noch, wie man seine eigene Haut rettete. Egal wie. Egal auf wessen Kosten.

Das Gute an dieser Situation war, dass sie ihm die Möglichkeit bot, einmal drei Wochen Urlaub am Stück mit seiner Frau zu nehmen. Was er sich sonst nie erlaubt hätte. Er schmiss die hinteren Sitze aus seinem Van, ließ sich eine passende Schaumstoffmatratze zuschneiden, und fertig war das Schneckenhaus für seine Frau und ihn, mit dem sie ab nach Südfrankreich düsten.
Auf dieser Reise durch Südfrankreich wurde ihm bewusst, dass er keine Ahnung davon hatte, wie hart es für ihn sein würde zu genießen. Dass er etwas so Einfaches wie „Genießen“ vergessen hatte. Nicht einmal an einem der schönsten Strände konnte er es sich gemütlich machen. Bald hatte er entweder von der Sonne genug oder konnte nicht still liegen oder sitzen. Und in den Städten, die sie besuchten, war er in eine Art Freizeitstress verfallen, der ihn ständig weiterdrängte, diese und jene Sehenswürdigkeiten zu besuchen und abzuhaken. Aber darum ging es hier nicht. Franz tat sich schwer zu verstehen, dass sein Körper keine Maschine war.

Er wollte sich nicht eingestehen, dass die ungemütlichen Steine und Piniennadeln ihm schwerstens auf die Nerven gingen und er Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Er musste nicht immer am Boden hocken. Er könnte sich auch mit einem Gegenstand wie einem Liegestuhl behelfen, der ihm das Leben erleichtern konnte. Der „Chaise de plage“ war eine durchaus sinnvolle Anschaffung seiner Frau und wurde zum Sinnbild ihrer Reise, die ihn auf eine andere Ebene erhob. Nämlich es sich wert zu sein, Dinge, die es gab, voll zu nutzen, um das Leben besser genießen zu können.

Wieder zu Hause begab er sich auf Arbeitssuche, und es ergriff ihn der Blues. Quälende Fragen holten ihn ein: Was nun? Wie wird das ohne Job? Wann werde ich wieder einen finden? In Zeiten der Finanzkrise! Und wenn – welchen? Falls aber nicht? Wie werde ich meine Familie erhalten können? Wäre es vielleicht das Gesündeste gewesen, sich mit flegelhaftem Unmut zu erheben und seiner Raserei freien Lauf zu lassen? – Stattdessen hielt er sich vielmehr an eine schicksalsergebene Erdulder-Haltung, die zu nichts anderem gut war, als seine Betroffenheit zu verbergen.
„Ich fühle mich nicht gut“, hatte er irgendwann seiner Frau gestanden.
„Wie wär’s, wenn du wieder mal laufen gehst? Dich einfach auslüftest?“
„Keine Lust“, sagte er abwesend.
„Davon wird es auch nicht besser.“
Nach Monaten rief ihn ein Freund an: „Und wie sieht’s aus? Gehst du wieder einmal mit mir laufen?“
„Nein. Nie wieder!“
Verwundert über diese rigorose Aussage fragte der Freund nach. Und Franz erzählte ihm von seiner Situation.
„Warum passiert das alles ausgerechnet mir, kannst du mir das erklären?“
Natürlich konnte sein Freund das nicht erklären. Franz wollte sich einfach nur beklagen – und ertappte sich dabei, immer wieder zu jammern.
„Ich finde, dass die Welt dasteht wie ein Haus, in dem sich einerseits Menschen um einen Futtertrog zusammendrängen, während andere mit hoffnungsvollem Blick draußen stehen und chancenlos in das Haus wollen. Als teilte sich die Welt in jene, die drinnen und jene, die draußen sind. Und ich gehöre nicht mehr zu jenen, die drinnen sind. – Ich bin raus“, sagte Franz resigniert.
Der Freund, erschlagen von seinem Gerede, fragte nur:
„Wann warst du das letzte Mal laufen?“
„Weiß nicht.“
„Ich weiß nicht Franz, ob das so klug ist, was du da machst. – Mir kommt das eher wie ein Knieschuss vor. Du pinkelst dir doch nur selber ans Bein. Merkst du das nicht?“
Das hatte gesessen. Das war in Franz eingefahren. Aber wozu hatte man denn Freunde?!

Seine Arbeitssuche gestaltete sich folgendermaßen: Am Samstag sammelte er die Karrierebeilagen aus ein paar Zeitungen und dem Internet. Und am Mittwoch suchte er sich dann Stellen heraus, die für ihn in Frage kamen. An diesem Tag nahm er sich vor, seine Bewerbungen abzuschicken. Diesen Ablauf hielt er beinahe generalstabsmäßig ein. Struktur, sagte er sich, war jetzt das Wichtigste in jenem seltsamen Vakuum, in dem er sich befand. Außerdem stand einmal im Monat oder alle sechs Woche der Besuch bei seinem Betreuer im Arbeitsmarktservice auf dem Plan. Einem Mann, etwas jünger als er selbst, der von den Schicksalen, die ihm gegenübersaßen, nichts wissen wollte und nicht gerade vor Positivität sprühte. Die Grundhaltung seiner Aussagen war angstbesetzt und besorgniserregend: „Jeden Tag, den Sie länger in der Arbeitslosigkeit verbringen, verlieren Sie an Marktwert. Sind Sie sich dessen bewusst?! – Sie sind nicht mehr in der Position, Forderungen zu stellen. – Sie müssen nehmen, was Sie kriegen können.“

Papperlapapp. Aussagen dieser Art, wie auch die ständig wachsende Anzahl an Absagen, die er zurückbekam, kotzten Franz an. Wie auch die vereinzelten Einladungen zu Gesprächen, die dann nach ein bis zwei Runden ebenso in Absagen mündeten. Wie war es denn möglich, dass man auf einmal auf einen wie ihn, der vierzig Mitarbeiter geführt und zehn Millionen Euro verwaltet hatte, so leichtfertig verzichten konnte? Was machte er falsch in seinen Bewerbungen? Was erwarteten die Unternehmen denn? Und was konnten Bewerber, die ihm vorgezogen wurden, denn so viel besser als er? Gedanken des Vergleichens begannen an ihm zu nagen. Wozu war er denn noch nütze im Leben? – Aber auch zukunftsgerichtete Gedanken tauchten in ihm auf: Was machte ihm denn Spaß? Was war seine Mission im Leben? Was konnte er besonders gut? Was war seine Leidenschaft? Fragen dieser Art hatte er sich lange nicht mehr gestellt.

Dann musste er an seine Frau denken, die ihm einmal gesagt hatte: „Ist das Leben nicht ein einziger Wechsel von Aufstieg und Fall? – Du steigst auf und dann fällst du. Na und? Und wenn du gefallen bist, stehst du einfach wieder auf. Wie ein Kind, das laufen lernt. Auch wenn es mühsam ist. Was ist schon dabei?“ Und als seine Frau einmal nicht zu Hause war, schlüpfte er in seine alten Joggingschuhe und drehte seit Langem wieder einmal eine Runde. Seine Runde.

Fritz Schuler

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16139

 

Feuerzeug

Das Bic hat er sich nicht gekauft: Es ist irgendwie gekommen, auf einmal dagewesen, da wo kurz vorher noch gar nichts war, nämlich in seiner Hand, da war es auf einmal, hat dann seinen Weg in Haralds Hosentaschen wie von selbst gefunden, ganz ohne willentliches Zutun von Harald selber. Egal welche Hose er sich anzieht, egal welche Lade er aufmacht – in jeder Tasche, in jedem Sackerl findet sich eines der Dinger, mal schlicht einfärbig, mal beschriftet, besonders viele kommen vom Sägewerk Prödl, was ihn oft irritiert, gehört ihm doch das Unternehmen nicht, kennt er auch keinen Menschen, der da arbeitet, außerdem liegt es gut zweihundert Kilometer südlich in einem anderen Bezirk, einem anderen Bundesland, Harald hat das gegoogelt.

So ist das heute, er kennt es aber auch anders: Im letzten, gnadenlosen Winter durchstöberte er die ganze Wohnung, fand nirgendwo ein Feuerzeug, auch keine Streichhölzer; keine Steine, mit denen er Funken schlagen , kein Stroh, das einen davon auffangen hätte können. Damals arrangierte er am E-Herd ein paar schlanke Späne, die er sich aus seinem Kochlöffel geschnitzt hatte, zu einem kleinen Lagerfeuer, darunter platzierte er die Watte eines ungebrauchten Tampons als Futter, drapierte es noch mit hauchdünnen Streifchen, die er aus dem Klopapier gefuzelt hatte – das Flämmchen brennt aber nur kurz – die Zigaretten liegen noch im Zimmer, die Späne fangen das Feuer nicht wirklich, Harald kommt zu spät zurück.
So ist er doch noch runter auf die Straße, die wenigen Passanten rauchen nicht und fürchten sich vor dem Mann, der sie, mit einer Zigarette im Mundwinkel, eine zweite in der anderen feuchten Hand, seltsam ansieht – so als wollte er sie gleich was fragen. Sie wechseln die Straßenseite, so bald sie ihn sehen und beschleunigen ihre Schritte, so bald Harald Anstalten zeigt, eine Bewegung in ihre Richtung zu machen.

Seine Freunde kennen diese Geschichten, schon seit Jahren stecken sie ihm ab Ende September Feuerzeuge zu, lassen ihre unbeaufsichtigt vor ihm liegen. Ende Oktober ist dann Haralds kleine Wohnung so bunt wie der Frühling: in der Küche zu farbenfrohen Grüppchen arrangiert, im Zimmer nach Grundfarben zusammengefasst, auf der Stellage vor den ungelesenen Büchern in einer lange Doppelreihe platziert – diese Exemplare sind mit Werbeaufschriften versehen, Harald ordnet sie täglich alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben der Firmen, die diese Feuerzeuge unters Volk streuen. Auch dieses Jahr ist das Sägewerk Prödl prominent vertreten, Harald reiht sie unter „P“ ein, nicht unter „S“.
Auf der Fensterbank, auf und in der Vitrine, am Spülkasten im Klo, auf und im Alibert, auch auf Tisch und Sessel kugeln ein paar, noch nicht sortierte, herum – es müssen tausende Bics sein, die seiner Bleibe einen etwas seltsamen, aber doch irgendwie lustigen, frohen Eindruck verleihen.

Der November und die ersten beiden Dezemberwochen sind Haralds Hoch-Zeit: Er ist stets gut gelaunt, lässt keine Party, kein Konzert aus, er ist überall anzutreffen, wo sich mehr als fünf befreundete Seelen zusammenrotten. In dieser Zeit geht er nicht aus dem Haus, ohne eine stattliche Anzahl der Feuerzeuge mitzunehmen, alle Taschen seines Sakkos beulen sich fast obszön, und er geht mit seinem Vorrat äußerst großzügig um: Er verschenkt sie wie selbstverständlich bei jeder Gelegenheit, drückt an der Busstation einer Greisin eines in die Hand, auch wenn sie nicht weiß, wie ihr geschieht, beglückt den Buschauffeur mit einem roten, die anderen Fahrgäste mit andersfarbigen Bics, bevor er sich hinsetzt.
In der Stadt angekommen, lässt er mit jeder gerauchten Zigarette einen der Feuerspender liegen, sein Sakko wirkt bald unnatürlich, auch wenn sich in seinen vielen Taschen und Täschchens nur mehr wenige befinden. Es geht sich stets gut aus, vor seiner Haustür zündet er sich eine letzte Zigarette an, nimmt das letzte verbliebene Bic sicherheitshalber mit rauf.

Es reicht jeweils bis knapp zum Jahreswechsel. So ab der dritten Adventwoche wirkt Harald nicht mehr so eloquent, so freundlich, so rund, wie ihn seine Freunde kennen – auch wenn es nach dem ersten Blick noch so scheint, aber selbst darin ist bereits eine gewisse Nervosität zu erkennen.
In der letzten Woche des Jahres Harald sieht nur mehr seine beiden vertrautesten Freunde und das auch nur in seiner Wohnung, die nun farblos wirkt, grau in grau wie das Schwarz-Weiß-Foto von ihm als Kind – diesem jungen, Gesicht, das ihn ständig aus einem kleinen Rahmen beobachtet: Vom Schreibtisch aus hat es auch einen guten Überblick über Haralds Reich.

Harald ist unaufmerksam, lädt das Handy, auch wenn er es nur mehr kurz und bei dringendem Bedarf einschaltet, sucht beständig irgendwas lange, bis er vergisst, was er eigentlich gesucht hat, überprüft ständig den Wasserstand der ‚Estufa Hidroponica’, die er hydrokulturell aufzieht  –  seine Freunde, die nur mehr die Sorge um Harald zu ihm bringt, bleiben jeweils nur kurz.

Harald lässt Silvester aus, rettet sich ins neue Jahr mit Feuerzeugen, die er noch in der einen oder andere Hosentasche findet, in einem schon so lange nicht mehr angezogen Anzug, in einem der vielen Schränke, vielleicht ganz hinten in der Brotlade, versteckt im Sommerschuh, vergraben in der eigentlich für die Petersilie gedachten Erde im Blumentopf in der Küche. Als letzten Ausweg gibt es noch auf kurzer Schnur vom Balkon herabhängende, ständig Wind und Wetter ausgesetzte Exemplare, vorsorglich hat er sie in kleine Plastiksäckchen eingeschweißt. Es handelt sich um völlig ungebrauchte, farbriksneue Reklame-Tools vom Sägewerk Prödl, genau so wie die Chance, die er in besseren Zeiten, mit Resten vom Silvesterblei beschwert, im Spülkasten versenkt hat.

Der Jänner ist hart, gegen Ende des Monats findet Harald auch die beiden Balkon-Exemplare nicht mehr, was ihn halb verrückt macht: Er lebt in seiner Wohnung in einem geschlossenem Inertialsystem, aus dem, rein physikalisch gesehen, einfach nichts verschwinden kann und Harald hat seine Wohnung schon seit Wochen nicht mehr verlassen, keine Freunde mehr empfangen, weiblichen Besuch gibt es in dieser Jahreszeit sowieso nicht. Zigaretten hat er noch genug, er hat für die schwere Zeit sicherheitshalber fünfzehn Stangen Zigaretten gebunkert – es gibt aber kein Feuer, schließlich funktioniert auch die eiserne Reserve aus dem Klo nicht: Er hat wohl in den guten Zeiten schlampig gearbeitet – das Ding schwimmt in dem Plastik wie ein Goldfisch im Glas. Während es Harald im Backrohr bei nur fünfzig Grad und offener Tür vorsichtig trocknet, durchstöbert er die ganze Wohnung, findet nur Bestandteile von Feuerzeugen, allerdings keinen Zündstein, es gibt auch keine Streichhölzer.

Auch keine Steine, mit denen er Funken schlagen könnte, kein Stroh, das einen davon auffangen könnte. Er arrangiert am E-Herd ein paar schlanke Späne, die er sich wieder aus seinem bereits sehr seltsam geformten Kochlöffel schnitzt, zu einem kleinen Lagerfeuer, darunter platziert er die Watte des vorletzten ungebrauchten Tampons als Futter, drapiert es noch mit hauchdünnen Streifchen, die er aus dem Klopapier fuzelt. Die Zigarette hat er bereits im Mund – das Flämmchen brennt aber zu kurz oder Harald saugt etwas zu spät darüber, er zieht nur kalte Luft in seine Lunge, kalte Luft, die etwas nach Tabak schmeckt.

So geht er doch noch runter auf die Straße, die wenigen Passanten rauchen nicht und fürchten sich vor diesem Mann mit dem etwas seltsamen Blick und einer Zigarette im Mundwinkel, eine andere in der feuchten Hand.

Erst dann kommt der Februar, danach der März und so weiter.

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? |Inventarnummer: 16125

panta rhei

es lebe das imperium!
viel besser badet es sich schon
im grenzenlosen rundherum
des  rundherumfinanzstromstroms.

es ist die uferlosigkeit,
die alles kann, die alles weiß:
wer jetzt nicht schwimmt, der geht bald unter
das macht das rundherum nur bunter.

wer kann uns noch das wasser reichen?
handtuchwerfen angesagt!
jeder widerstand muss weichen,
weil unser wasser balken hat:

balken fürs imperium!
und milliarden hungerleider
sitzen ratlos rundherum
und nähen uns die billigkleider.

balken aufstell´n mittendrein
und unsre guten besserwisser
rennen sich die stirnen ein.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16119

Österreich : Brasilien

Er hat siebzehn Tage nichts gesehen außer Tastatur und Bildschirm, nichts gelesen, außer endlose Befehlsketten, nichts gegessen außer Junkfood zwischendurch und zu den unmöglichsten Tageszeiten; keine Familie, keine Wärme, kein helles Kinderlachen, kein vernünftiges Gespräch, von Sex keine Rede; auch kaum geschlafen, nie geduscht, selten rasiert – drei Mal den „Tatort“ versäumt, auch wenn es versprochen war, sich den immer gemeinsam anzusehen.
Martin steht jetzt schon fast eine Stunde vor seinem Haus, dabei hat er sich seit zwei Wochen nichts sehnlicher gewünscht als diesen Moment: Nachhause kommen, duschen, baden, rasieren, Frau und Kinder küssen, was Vernünftiges essen, vielleicht einen Nachschlag und noch einen Humpen heben und dann schlafen, schlafen, schlafen, die ganze Nacht durch, schlafen, auch den ganzen Sonnentag lang.

Ding doing, ding doing – es wird schon Sonntag, Martin lehnt weiter am Gartenzaun gegenüber von seinem Haus, das der Bank gehört. In knapp 34 Stunden wird sich herausstellen, ob es bald seines wird oder er noch gut fünfzehn Jahre ganz tief in leere Taschen greifen wird müssen: Es hängt alles von dieser Präsentation am Montag um zehn ab. Wer wird dabei sein? – hoffentlich nicht dieser Hofer – könnten technische Probleme auftreten? – alles auf der sicheren Seite, but shit happens – wär es vom Konzept her vielleicht nicht besser, das Pferd noch einmal von ganz hinten aufzuzäumen? – …
Es beginnt leicht zu nieseln, Martin bleibt unter einem großen Baum zwar trocken, trotzdem ist ihm klar, dass er all diese Fragen nicht hier heraußen wird klären können, außerdem muss er rauf: Er hat ja auch von hier unten mitbekommen, dass sich hinter dem schwach beleuchteten Fenster die Buben gestritten haben und Peter, der Ältere, dem kleinen Paul kräftig eine drübergezogen haben muss.
Natürlich hat er auch die beiden anderen Fenster zur Straße beobachtet, die von seinem Schlafzimmer, also ihrem Schlafzimmer, dem von Erna und ihm. Den weißen Vorhang treffen unrhythmische bläuliche Blitze – Erna sieht wie immer fern, Martin meint, am Rhythmus der Lichter erkennen zu können, dass sie sich einen Actionfilm reinzieht. Endlich löst er sich, geht rüber – es ist ihm auch schon kalt – und öffnet die Haustür leise. Leise hängt er auch Mantel und Jacke hin, vorsichtig schlüpft er aus den Schuhen, achtsam steigt er die Stiege hinauf, vermeidet die vierte Stufe, die immer knarrt – die Reklamation wollte er immer schon loslassen, spätestens am Dienstag wird sich der Tischler was anhören können.

Oben angekommen schleicht er zur Wand zwischen den Türen von Kinder- und Schlafzimmer. Im Kinderzimmer ist es jetzt leise, wär er gleich raufgegangen, hätte er den Buben noch gute Nacht wünschen können, sie noch was fragen, ihnen noch was erzählen können.
Die Tür zum Schlafzimmer ist nur angelehnt, die Blitze beleuchten einen Spalt des grässlichen Teppichs, der hier immer nur dann liegt, wenn sich Ernas Eltern angesagt haben – sie haben gemeint, ihnen damit ein schönes Geschenk zu machen: shit happens – die werden sich wohl fürs sonntägliche Mittagessen angesagt haben.

Dieser eine Algorithmus in dem Programm macht Martin noch Sorgen: Er ist sich ganz sicher, dass er passt, er funktioniert ganz sicher – nur: Er kann es noch nicht beweisen. Er könnte ihn bei der Präsentation wie selbstverständlich einführen. Nur: Was ist, wenn sich der Hofer genau darin verbeißt? Dieser Algorithmus ist der Clou der ganzen Sache – Martin kann ihn also auch nicht unerwähnt lassen. Außerdem sind da noch ein paar Routinen, die sich sicherlich noch eleganter, noch anwenderfreundlicher gestalten lassen könnten.

Es wird gleich eins und Martin lehnt weiter an die Wand, im Kinderzimmer bleibt es ruhig, und er überlegt sich, noch einmal runterzugehen, in der Küche den Laptop auszupacken und sich bei einem gemütlichen Bier die Sache noch einmal genau durch den Kopf gehen zu lassen. Ja, das wird er machen. Aber erst nachher, zuerst muss er endlich Erna begrüßen, ihr zumindest sagen, dass er noch lebt – und jetzt endlich wieder einmal da ist.
Dabei weiß er, was ihn erwarten wird, es wird so sein, wie vor siebzehn Tagen auch: Erna wird sagen: “Martin, bist du‘s?“ – auch wenn sie ihn schon längst gesehen hat.
Nein: Vorher wird er noch zu den Buben gehen, ihnen einen schnellen, sanften Kuss auf Wange und Schläfe geben, Peter wird dabei aufwachen, nach einem weiteren Gutenachtkuss und dem Versprechen, mit ihm morgen Fußball zu spielen, rasch einschlafen. Erst dann wird er zu Erna gehen und sie wird ihn wieder verblüffen – sie verblüfft ihn immer.

Martin hat sich nicht getäuscht: Peter schläft noch nicht, er kriegt seinen Gutenachtkuss und das Versprechen, Paul schläft bereits tief und fest, Martin sieht ihm dabei zu, verliert sich in dem hübschen Gesicht, schweift gedanklich in die Zeit, in der er gleich alt war und selber dran war, das Verhältnis vom Ich zur restlichen Welt zu klären. Behutsam steht er wieder auf, vorsichtig schließt er die Tür, nicht ohne noch einmal einen Blick ins Zimmer zu werfen, der ihm bestätigt, dass jetzt alles seine gute Ruhe hat.

“Martin, bist du‘s?“, tönt es aus dem Schlafzimmer, im Nachtprogramm gibt es ein Gemetzel: Die trickmäßig ausgefeilteren Guten siegen über die brutalen, aber überlisteten Gangster. Abspann gibt es keinen, und so öffnet Martin sein Herz kurz nach dem letzten letalen Schuss: „Ich möchte mir dir reden, in letzter Zeit sind wir ja nicht mehr recht dazu gekommen.“
Erna sagt „gerne“, sucht die Fernsteuerung, findet sie unter ihrem Hintern und schaltet um.
„Morgen, also am Montag, hab ich den entscheidenden Termin.“
„Gut“, sagt Erna und stellt lauter. In den Nachrichten gibt es Bilder von Horden entschiedener Chinesen, die gegen eine Mauer treten, aus der sie Stück für Stück Steine lösen, die schließlich zu Boden fallen. Die nächste Einstellung zeigt die Szene aus der Luftperspektive: Es ist die chinesische Mauer und sie ist schon zu einem Gutteil beschädigt, im Schwenk wird offensichtlich, dass es sich dabei nicht nur um ein Teilstück handelst, sondern vielmehr großflächig an der Demontage des Weltkulturerbes gearbeitet wird.

„Was ist das?“, fragt Martin mehr in die Luft.
„Na, das mit den Chinesen und ihrer Mauer …“, antwortet Erna und fühlt auch eine Mauer zwischen sich und ihrem Mann, „ …, sie treten sie einfach ein, die Chinesen.“
„Und was bedeutet das?“, fragt Martin eine Spur zu laut, eigentlich wollte er sich diese Frage intern stellen.
„Keine Ahnung. Aber vorige Woche – war eh überall groß drin – sind sie mit Händen und Füßen losgestürmt. Hast du die Bilder nicht gesehen? Hat doch völlig doof ausgesehen: die vielen Menschen, die da mit Füßen auf diese große Mauer eintreten und dann auf einmal: bumm – fliegt wirklich ein Teil um.“
„Welche Bilder …?“, fragt er – wieder eigentlich sich selbst.
„Na, im ORF und ZDF und ARD und NTV und RTL, überall …“ – Erna sieht Martin fragend und ernsthaft und bekümmert und aufmerksam an: „… Sag jetzt bloß, du hast das nicht mitgekriegt?“

Martin steht wieder mit dem Rücken an einer Wand, diesmal im Schlafzimmer. Er braucht sie jetzt dringend als Stütze: Er will aufrecht stehen, sich keinesfalls hinsetzen oder umfallen – das ist er sich schuldig, das hat er geschworen, damals als Pfadfinder oder Ministrant, oder irgendwann: Er will aufrecht bleiben, sich nicht von irgendwelchen Informationen umhauen lassen, auch wenn sie schwer zu verarbeiten sind.
Martin lehnt sich fester an die Wand als notwendig, Ernas Ernst, Kummer und Aufmerksamkeit sickern langsam in ihn, und so vergeht doch einige Zeit, bis er eine schlüssige Antwort auf ihre Frage parat hat, die er zuerst durch ein ganz langsames horizontales Schwenken seines Kopfes kundtut: „Nein, also davon hab ich gar nichts gewusst, davon hab ich nichts mitgekriegt, die Arbeit …”.
Er stammelt das vor sich hin, Erna sieht ihn fragend an: „Na, Und das mit dem Governor …?“, die Frage beruhigt ihn etwas – jaja, da weiß er was: „Du meinst den, der sich bei den Demokraten auch gemeldet hat als Kandi …“
„Nein, den mit dem elektrischen Stuhl.“
„Nein, den mit dem elektrischen Stuhl kenne ich noch nicht …“, gibt er zu.
„Er hat drauf bestanden, selber der Letzte zu sein, der in Amerika auf den elektrischen Stuhl kommt und hat sich draufgesetzt …“

Martin, der in den letzten Minuten gehofft hat, irgendwas zu hören, was ihm Zuversicht geben könnte, erheitern würde oder zu einem Lachanfall verführen könnte, entkommt ein kurzes, schrilles Kichern, dann folgt eine stumme Phase, in der er auch diese Neuigkeiten in sich reinsickern lässt. Er stemmt seinen Rücken immer fester zur Wand, die Füße rutschen dabei immer weiter von ihr weg.
„Du bleibst jetzt ein paar Tage zuhause, ich erzähl dir alles, was so in letzter Zeit passiert ist, du informierst dich, die Zeitungen sind alle noch da, wir schauen ein bisschen fern und in ein paar Tagen bist du wieder dick da.“
„Ich muss am Montag präsentieren“, meint Martin, der an der Wand hängt wie ein geschlagener Preisboxer in den Seilen und ständig tiefer sinkt – die Füße finden auf dem sündteuren und blankpolierten Parkettboden immer weniger Halt.

In den Nachrichten sind sie beim Kurzblock angelangt, in dem es um internationales Papperlapapp geht: Ein paar tausend Ungarn und Ungarinnen haben genauso viele Finnen und Finninnen geheiratet (Erna hat die Live-Übertragung schon am Vormittag auf RTV gesehen), in Belgien ist ein bekennender Nationalsozialist zum Ministerpräsidenten gewählt worden, Indonesien ist durch den steigenden Meeresspiegel innerhalb weniger Tage auf die Hälfte seiner ursprünglichen Fläche reduziert worden, und Aldi erreicht ungeahnte Höhenflüge auf der Börse mit seinen Sonderangeboten mit den Übersiedlungsprogrammen zum Mars.
Martin schüttelt es kurz, er sinkt dadurch noch weiter an der Wand runter, seine Füße rutschen noch ein wenig weiter, schließlich klatscht sein Hintern auf den Boden.
Erna setzt sich neben ihn, hält ihn dabei weiter auf dem Laufenden: „Naja, und letzte Woche hat Österreich im Stadion Pacaembu in Sao Paolo gegen Brasilien 17:2 gewonnen …“
Es dauert einige Zeit, bis Martin vom Hier ins Jetzt findet.
Und: „Ach ja, hätt‘ ich doch glatt vergessen, wollte ich dir eigentlich gleich sagen: Dein Chef hat vorhin angerufen, das mit dem Termin morgen … der ist abgesagt, daraus wird nichts.”

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? |Inventarnummer: 16112

Brief an Felix

Lieber Felix,

Du wurdest im Jahr 2015 geboren. In diesem Jahr befand sich die Welt in einer Krise, deren Ausgang vorherzusagen mir zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen im Salzamt zu Papier bringe, nicht möglich ist.
Ich bin jedoch zuversichtlich, dass an dem Tag, an dem Du diesen Brief liest, die Stabilität wieder eingekehrt ist. Irgendwie ist es immer mit der Welt im Allgemeinen und mit Europa im Speziellen weitergegangen. Du kannst auf jeden Fall dankbar sein, dass Du im Herzen Europas aufwächst, einem nunmehrigen Hort der Menschenrechte und einem althergebrachten der Kunst – und das musst Du auch. Kleinere Störgeräusche gab es immer und wird es immer geben, doch im Großen und Ganzen ist hier ein sicheres und lebenswertes Existieren möglich.

Was ich mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass Du auf eine gänzlich andere Art und Weise aufwachsen wirst, als meine geliebte Schwester, Deine Mutter, und ich selbst aufwachsen durften.
Nun wirst Du wahrscheinlich schmunzeln, denn unser Aufwachsen wird Dir veraltet, wenn nicht gar archaisch erscheinen. Nun schmunzle auch ich, denn verglichen mit der heutigen Zeit war es das auch. Ich hatte meine erste E-Mail-Adresse im Alter von einundzwanzig Jahren, also, so nehme ich an, zumindest zehn Lebensjahre später als Du.
Du wirst von Kleinkindbeinen an vertraut sein mit modernen Kommunikationsmitteln, wie auch mit dem Internet. Dies ist durchaus zu befürworten: Die Möglichkeit, Informationen binnen Sekunden in mund- oder vielmehr gehirngerechten Happen auf dem Tablet oder Mobiltelefon serviert zu bekommen, ist ebenso begrüßenswert wie verführerisch und wohl auch notwendig.

Jedoch ist nicht alles, was diese drei Adjektive in sich vereint, frei von Gefahren (so wie -fast- alles Gute auch seine negativen Seiten hat – aber das hast Du zu dem Zeitpunkt, an dem Du diesen Text liest, bestimmt schon erfahren müssen).
Ich meine damit keineswegs die Überwachung durch den Staat oder ausländische Geheimdienste oder Augenschäden durch zu lange Interaktion mit einem Display und diesen ganzen Zinnober, denn all das ist unausweichlich und als Tatsache hinzunehmen (bis auf den Augenschaden hoffentlich).
„Was ist ein Mensch ohne Papiere? – Weniger als Papier ohne einen Menschen”, hat Joseph Roth geschrieben.
Heute würde er wohl folgende Worte zu Papier bringen: „Was ist ein Mensch ohne Smartphone? – Weniger als ein Display ohne einen Menschen.”
Joseph Roth war gewiss kein einfacher Mann. Er hatte mit vielen Problemen zu kämpfen und trägt selbst die Hauptschuld an seinem frühen Ableben.
Doch trotz all der Unmenschlichkeit, welcher er ohne sein Zutun ausgesetzt war, und trotz der schlechten Erlebnisse mit anderen Menschen, für die er sehr wohl etwas konnte, hatte er sich eine, nicht nur in der Literatur seltene, Sichtweise bewahrt, und zwar bis, das ist verbürgt, wenigstens zwei Tage vor seinem elenden Tod: die warmherzige Sicht auf die Menschen.
Er hatte die Menschen geliebt, mit all ihren Schwächen, Fehlern und sonstigen Unzulänglichkeiten. Einen charakterlosen Karrieristen hat er mit der selben Empathie porträtiert wie eine leichte Dame oder eine einfache Frau, die nur das Beste für ihr Kind wollte und doch einsam endete.

Du wirst Dich nun fragen, warum ich Joseph Roth in diesem Brief hervorhebe. Nun, lies seine Werke – sie gehören zum Besten, was ich je gelesen habe.
Nein, das ist natürlich nicht der Hauptgrund. Ich will auf gänzlich anderes hinaus.
Die moderne Kommunikationstechnologie ist kein Fluch, doch birgt sie die Gefahr, dass die Menschen in ihrem Denken uniform (gemacht) werden. Sie werden dazu gebracht, im Strom mitzuschwimmen (ich habe einige Male vom ‘Mitlaufen im Geläuf der Lemminge’ geschrieben – aber das ist meine persönliche zynische Sichtweise auf die Gesellschaft).
Du darfst Dich niemals auf das verlassen, was Dir als Wahrheit vorgegaukelt wird. Ich verwende dieses harte Zeitwort bewusst. Natürlich ist es nicht so, dass alles, was im Internet zu lesen steht, eine glatte Lüge ist.
Wenn Du jedoch die dort gefundenen Informationen einseitig betrachtest und sie als selbstverständlich korrekt ansiehst, begibst Du Dich in die Gefahr, Dir ein Urteil zu bilden, ohne die Sachlage kritisch von mehreren Seiten betrachtet zu haben.

Das Leben hält viele Überraschungen bereit, positive wie auch negative. Die guten tut man allzu oft allzu schnell ab, denn der Mensch erwartet (weil er sich dies naturgemäß wünscht), dass ihm Gutes widerfährt.
Doch auch die schlimmen Dinge (die man, ebenfalls naturgemäß, nicht erwartet hat) haben etwas Gutes – glaube mir, ich weiß wovon ich rede.
Dies zu erkennen erfordert Zeit, und somit Geduld. Ich selbst habe diese Geduld über viele Jahre nicht aufbringen können und habe im Augenblick, also im Affekt, reagiert. Sei vernünftiger als ich, lieber Felix, und habe Geduld.
Die richtige Bewertung einer üblen Sache ist immer immer immer erst dann möglich, wenn man nicht mehr inmitten des mit ihr verbundenen innerlichen Sturmes steht, dann, wenn man mit ihr fertiggeworden ist und sie von außen betrachten kann.
Für diese beiden Bewertungen, sowohl für die von Informationen als auch die des Dir Widerfahrenen, braucht es andere Menschen, und zwar solche aus Fleisch und Blut.
Nur sie können Dir die richtigen Ratschläge geben oder neue Sichtweisen aufzeigen. Die ‘Freunde’ oder ‘Follower’ sind schön und gut, doch die persönliche Kommunikation, die von Angesicht zu Angesicht, ist unerlässlich.

Schon heute, zu meiner Zeit, ist es für jeden einfacher (und ich nehme mich da keineswegs aus), auf den ‘Gefällt-mir-Button’ zu klicken oder ‘Tut mir leid für dich’ auf eine Pinnwand zu schreiben, als sich näher mit Umständen oder Tatsachen zu befassen. Damit ist die Sache dann abgehakt.
Warum ich so kritisch über dieses Thema schreibe: Schon heute hat die Unpersönlichkeit Auswüchse angenommen, die mich erschrecken. Ich fürchte jedoch (und bin mir dessen beinahe sicher), dass sich dieses Phänomen in den nächsten Jahren, also wenn Du aufwächst, noch viel weiter ausprägen wird.
Nun bin ich wieder bei Joseph Roth angelangt.
Du musst einen warmherzigen Blick auf die Menschen richten, vor allem auf die in Deinem persönlichen Umfeld.
Jeder von ihnen hat Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten, auch Du. (Ich natürlich auch – Deine Mutter wird Dir eines Tages sicherlich von diesen erzählen.) Dafür darfst Du die Menschen nicht verurteilen, vielmehr musst Du sie so sehen und annehmen, wie sie nun einmal sind.

Diesen warmherzigen Blick wirst Du an dem Tag entwickeln, an dem Du Deine Fehler akzeptierst. Ich meine die ‘Fehler’, die Deinen Charakter, Dein Wesen ausmachen – keineswegs solche, die Du leicht beseitigen kannst (denn die sollst und musst Du beseitigen). Schließlich werden wir nur mitsamt unseren ‘Fehlern’, ‘Schwächen’ und ‘Unzulänglichkeiten’ ehrlich akzeptiert und (im Idealfall) aufrichtig geliebt, sozusagen als Gesamtpaket.
Von ihnen wissen wirst Du klarerweise schon lange vor diesem Tag, doch erst wenn Du sie als Teil von Dir annimmst, wirst Du sagen können: „Ich bin ehrlich zu mir selbst und weiß von meinen Fehlern.” Und dann, glaube mir das, kommt der schönste Moment, nämlich der, wenn Du Dir sagst: „Ich stehe zu mir selbst.”
Ich kann Dir nicht sagen, wann dieser Tag kommt, niemand vermag das, doch er wird kommen.
Spätestens von diesem Tag an wird es Dir dann auch gleichgültig sein, was die ‘Leute’ sagen. Das konnte es Dir zwar bereits am Tag Deiner Geburt sein, denn sie sind und waren nie wichtig, doch ist es manchmal schwer, das Gefiepe der Lemminge zu überhören.

Lieber Felix, ich wünsche Dir auf Deinem Lebensweg nur das Beste in allen Belangen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16106

Alles und nichts

Alles ist viel, nichts ist wenig. Nein, nichts ist nichts. Als ich mich entscheiden musste, ob alles oder nichts, da wusste ich noch nicht, wie wenig alles sein konnte.

Eine Flasche Whisky, den billigsten Fusel natürlich, zwei Flaschen Bier, Pils natürlich, und zwei Schachteln Zigaretten, West, die ganz starken natürlich, für die Nacht. Der Alkohol sollte reichen, um mich warmzuhalten, und die Kippen lassen die quälenden Stunden bis zum Morgen zwar objektiv nicht schneller vergehen, subjektiv aber schon, ich habe dadurch etwas zu tun, den Glimmstängel zwischen meinen gelbverfärbten Fingern halten und den Rauch einziehen, ausblasen. Beim Einatmen komme ich runter, die Welt dreht sich langsamer, ich habe das Gefühl, alles mir tagsüber Unergründliche zu verstehen. Sobald ich den teergetränkten Rauch ausatme, dreht sich die Welt so schnell wie immer, sodass ich das Gefühl habe, ich könnte herunterfallen. Hinabstürzen in ein endlich großes Nichts und irgendwann aufschlagen, dort liegen und mich nie wieder aus diesem Nichts wegbewegen können.

Ich bin sehr dankbar, dass der Kioskbesitzer an der Ecke heute nichts für die Zigaretten berechnet hat. Er weiß, dass ich meistens genug Geld habe, und wenn nicht, bringe ich es ihm am nächsten Tag zuverlässig. Manchmal schenkt er mir Zahnpasta, und ich kann in seiner Toilette meine langsam braun werdenden Zähne putzen. Danach fühle ich mich schön und lächle den ganzen Tag alle Menschen an, die ich sehe, egal ob sie hersehen oder nicht.
Heute hatte ich nicht genug Geld für Zigaretten, nur für den Alkohol. Heute hat es stark geregnet und es war herbstlich kalt, weswegen nicht viele Menschen in der Innenstadt waren, die mir ein paar Münzen hätten abgeben können.

Ich bin eigentlich nicht dumm, weswegen ich mich oft frage, wie ich hier gelandet bin. Auf Pappkartons und zwischen Mülltonnen, die mich vor kaltem Nordwind schützen. Als Kind fand ich Mülltonnen immer eklig, weil sie so gestunken haben, mittlerweile bin ich sehr froh um meine Mülltonnen.
Ich habe einen tollen Platz, in einer ruhigen Gasse, ein paar Straßen von der Westkirche entfernt. Ich mag es, wenn die Kirchenglocken zu läuten beginnen. Meine Großmutter hat früher, als ich noch ein kleines Mädchen war, immer zu mir gesagt, hörst du die Kirchenglocken? Die Engel feiern ein Fest und trinken auf uns Menschen, weil es uns so gut geht. Ich schraube den Whisky auf und trinke auf meine liebe Großmutter.

Ich bin sehr froh, dass der Regen aufgehört hat und schlendere durch den Park. Sehe Bob auf einer Bank liegen, sein linker Arm hängt hinunter, der rechte Arm liegt ruhig auf seiner Brust. Sein Hund scheint auch zu schlafen. Er heißt Marley. Bob ist beliebt bei Neuankömmlingen, er zeigt ihnen sichere Schlafplätze. Auch mir hat er geholfen, das ist nun schon Jahre her.

Diese Nacht ist ruhig, und ich genieße es sehr, ich muss mich nicht verstecken. In der Dunkelheit sieht niemand, wie schmutzig ich bin. Ich versuche mich einigermaßen sauber zu halten, im Gegensatz zu anderen Obdachlosen, die hier leben. Aber der Schmutz auf meiner Seele geht mit keiner Seife mehr weg.

Ich hatte bis zu dieser Nacht nie das Gefühl, dass ich nichts hätte. Ich fand, ich hätte zu wenig. Aber ich war gesund und trug Luft in meinen Lungen, ich versuchte zu überleben und das schon einige Zeit erfolgreich. Ich hatte also nicht nichts, aber wenig, von allem.

Aber in dieser Nacht, da habe ich erfahren, wie es ist, alles zu haben. Ich habe eine Handtasche gefunden, im Geldbeutel über 200 Euro Bares, sowie Bankkarte, Führerschein, Personalausweis und was die wohl gutbetuchte Dame noch alles in ihrer Tasche mitgeführt hatte, wagte ich kaum zu glauben. Schokolade, Pfefferspray, eine wunderschöne blaue Baumwollweste, einen edlen Schal, einen Regenschirm, allmöglichen Kosmetikkram von Wimperntusche bis Lidschatten, Hustenbonbons und ganz am Ende meiner Durchsuchungsaktion fand ich einen Scheck über 10.000 Euro. Ich malte mir ein völlig neues Leben aus, mein neues Leben, in dem ich reich war und alles hatte, was ich in meinen mutigsten Träumen nicht besaß.

Ich konnte es kaum erwarten, bis die Banken am nächsten Tag öffneten, damit ich das Geld abholen konnte. Ich sah mein neues Leben wie durch einen Trichter, einen Tunnel, ich musste nur einfach schnell an das wunderbare, lichtdurchflutete Ende gelangen, an dem Wohlstand auf mich wartete. Kaum sah ich die Sonne aufgehen, rannte ich los. Bis zur Bank war es ein weiter Weg.

Kurz bevor ich ankam, ich rannte noch immer, konnte ich die goldenen Lettern der großen Stadtbank schon sehen und hatte nur noch ein paar Straßen zu überqueren. Ich hörte die Kirchenglocken läuten, blieb instinktiv stehen und dachte mit einem Lächeln an meine Großmutter. Ich dachte, ja Oma, bald feiere ich wie die Engel.

Kurz bevor ich starb, wurde mir klar, wie wenig „alles“ war. Der Lkw erwischte mich mit voller Kraft, meine Blindheit aus Hoffnung, nun reich zu sein, vermischt mit den Erinnerungen, die die Töne der Kirchenglocken in mir hervorgerufen hatten, hatten mich in der Mitte der Straße zum Stehen gebracht. Ich sah noch die Scheinwerfer aufleuchten, und mir schoss durch den Kopf, wie viel ich von meinem Leben noch gehabt hätte, wäre ich bei meinem Nichts geblieben.

Lena Vilsmeier

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? |Inventarnummer: 16082

Tip

Ich checke im Paradiso ein, ein Fünf-Sterne-Schuppen.

Nachdem das beendet ist, rollt ein Roboter auf mich zu, ziemlich flott, für meinen Geschmack. Er reicht mir bis zur Brust. Ich halte meine Keycard. Er schnappt sich meine Koffer. „Guten Abend, Mr. Simpson, Sie wohnen in Zimmer Nummer 1009?“, fragt er, dabei weiß er es ja, weil er mit dem hotelinternen Netz verbunden ist.

Er rollt zum Aufzug. Ich folge ihm.

Als die Kabine da ist, trete ich ein, er rollt hinein und drückt auf den Knopf mit der Zehn. Ich sehe auf ihn hinab. Er dreht seine elektronischen Augen zu meinen menschlichen. „Ich weiß, was Sie denken, Mister“, sagt er. „Sie denken, Sie brauchen mir kein Trinkgeld zu geben, aber da irren Sie sich, dafür ist ein spezielles Fach in mir integriert.“

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16069

Perechil

Gedicht zur Zeitenwende des 27. Jahrhunderts
(Adidas Grillfuß von Transdanubien zugeschrieben)

Antiborie konokul
Dokaa liku benefit
Dorobian an Klimakat
A, perechil – anlaga sahara

Nichtland der Konokulen
Wozu du gut bist wurdest du gebaut
Damals im 21. Jahrhundert
Oh, Perichil – Afrikas Verlust

Otanu kje tjeilitje brittan:
Kere eitja Mastakart
constructei ti tjiltawa
Tjilta kon bi waratun

Nicht so die heimatlosen Briten
In ihrer großen Not
Errichten sie auf dir Zeltstädte
Zelte ohne Glück und Dauer

Elsei inte Demokrat:
Axen ein tan eredit?
Janit terror, janit warp
Otan ut te geklite

Darauf antwortet Europa
Was hätt ich ohne Grund getan?
Keine Bedrohung, keine Waffen
Jetzt ist beides mir gegeben.

Koniktik geboititet
Ke perechil kei wrapatat
Frogon kono sei su tei
Keu peu dito sigal

Behauptung schafft Bedingung
Nicht unterscheidet der Eingebundene
Ein Frosch weiß nur von seinem Teich
Die Möwe kann von beidem sprechen

Sovrit gilt fer antopos
Wrapan su meriticta
Tixo allam globalkilt

Genauso auch die Menschen
Strebend nach Ruhm und Ehre
Kleben sie doch alle an den Rockfalten der Erde

Insurans Demokratia perechil
thinksit selfan supermacht
Ey tschillig driftan plataa…

Versichert sich Europa Perechils
Glaubt es sich ordnend überlegen
Und doch: Geduldig wandern die Kontinentalplatten…

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? |Inventarnummer: 16049

Kapuzinergruft

Paul sank tiefer, immer tiefer in die Polsterung seines Lehnstuhles. Es bereitete ihm große Mühe, die Augen offen zu halten. Die letzte Zigarette hatte zarte Rauchschwaden hinterlassen, die sich feig in Richtung sichtundurchlässiger Gardine, zum halb geöffneten Fenster hin davonmachten, um sich von dort in trägen blauen Windungen den Weg nach draußen zu suchen, wo sie hoffen konnten, Anschluss an die sonntags eingetroffene Westströmung zu finden.

Er las den letzten Absatz der Zeitung immer und immer wieder. Vielleicht machte ihn gerade das so müde. Niemand könne verhindern, dass sich Täter mit Sprengstoff unter die Menge mischen! Keiner könne eine Messerattacke verhindern! Was für Zeiten! So was hatte es immerhin zu Kaisers Zeiten auch schon gegeben, beruhigte er sich. Schöne Beruhigung! Was für eine Welt, dachte Paul. Die offene Zeitung glitt sanft seine Beine entlang zu Boden.
Als wandelte er wie im Traum seinen gewohnten Weg, die Josefsgasse hinunter, vorbei an dem Haus, wo Oskar Werner gewohnt hatte, an den er sich noch erinnerte, als wäre es gestern und auch an das Gasthaus an der Ecke zur Josefstädterstraße, in dem jener gerne verkehrte, jetzt Restaurant zur „Frommen Helene“. Von dort aus überquerte er die Auerspergstraße, davor der berüchtigte und vor hundert Jahren beliebteste Duellplatz der jungen Herren aus gutem Hause. Duelle gab es hier heutzutage keine mehr, zumindest nicht mit Degen, aber dafür andere, solche mit Autos.

Warum sollte ausgerechnet diese Stadt vielleicht jetzt auch noch Zielscheibe des Terrorismus werden? Pauls Stirne zeigte deutlich Falten. Erst viel später war hier die legendäre Vergnügungsmeile entstanden, eine zwei Kilometer lange Demarkationslinie zwischen Neubau und Josefstadt bildend, zwischen Musik und revolutionärem Geiste. Doch heute – heute donnerte der Verkehr an den ehrwürdigen Palais vorbei und färbte ihre ehemals blendend weißen Kalksteinfassaden grauschwarz. Das vielgerühmte Walzerviertel, in dem einst Strauß und Lanner gewohnt hatten, war mittlerweile alles andere als romantisch, aber – was sollte es, heute war trotzdem ein besonderer Tag, nämlich der Tag des hundertsechsundachtzigsten Geburtstags des Allerhöchsten, der heute gefeiert wurde, posthum quasi, wenn auch nur in kleinem Kreis, und bei weitem nicht so pompös wie damals.

Vom Burggarten her waren Trommeln und Blechmusik zu hören, sie kamen näher und näher, hin in Richtung Kapuzinerkirche am Neuen Markt. Paul schob sich unauffällig unter die Menge, die sich, bunt gemischt, aus Alt und Jung, mit Dirndl und Lederhose oder im T-Shirt, militärbemützt, mit und ohne Regimentsfahne durch die widerspenstige, immer wieder zufallen wollende Kirchentür drängte. Es gab noch freie Plätze. Paul setzte sich in eine Bank nahe dem rechten Seitenaltar. Neben ihm eine ältere Dame mit weißen Handschuhen und Gehstock.

Niemand könne verhindern, dass sich Täter mit Sprengstoff unter die Menge mischen! Der Satz ließ ihn nicht los. Wer würde solche Menschen wie diese Frau hier und diese Menschen hier wegen ihres Glaubens zu Opfern machen wollen?, dachte Paul. Für wen würden solche Sinnlosigkeiten Sinn machen? Was stand wirklich hinter diesem Wahnsinn, der nun schon seit Jahren beinahe weltweit tobte? Paul sah sich um. Das Altarbild zeigte Jesus Christus, auf einer Wolke schwebend, mit der Linken ein mächtiges Holzkreuz umklammernd. Nie zuvor hatte ihn der Anblick dieses Bildes so sehr berührt wie eben. Die Schar der Begeisterten würde auch immer kleiner, raunte ein Besucher hinter ihm. Vor zwanzig Jahren hätte man hier keinen Platz mehr gekriegt um diese Zeit, meinte ein anderer.
Paul schaltete sein Handy ab und schob es in die Rocktasche. Die meisten der Anwesenden waren nicht besonders festlich gekleidet, und unter die Uniformierten und Trachtenbejoppten hatten sich zahlreiche neugierige Touristen gemischt, mit offenen Blusen, verschwitzt, mit allerlei Souvenirzeug beladen. Draußen – ein warmer Augusttag, wo sich Radfahrer auf Radwegen tummelten, drinnen – angenehme Kühle und leises Geflüster. Autolärm drang herein. Rechts von Paul, am Boden, eine von unten her beleuchtete Öffnung, in Stein eingelassen, die Gruft des Marco d´Aviano. Eine Dame links von ihm blätterte laut raschelnd im schwarz-gelb gehaltenen Festprogramm.
Paul rutschte unruhig auf der harten Holzbank hin und her und suchte nach einer bequemen Sitzposition, was ihm nicht so ganz gelingen wollte. Hinter ihm zischelte man sich alte Geschichten längst vergangener Tage zu, wohl um sich einzustimmen auf die Zeitreise für diese alljährliche Feier. Und ob man schon gehört hätte, es wäre wieder wo eine Bombe hochgegangen. Naja, im Ausland, sagte einer.
Nicht nur anderswo, auch bei uns wäre so ein Anschlag möglich, dachte Paul. Schrecklich der Gedanke! Er war neulich im Wiener Musikverein. Ein herrliches Konzert, aber schon in der Eingangshalle überlegte er, da befinden sich Hunderte Menschen völlig unkontrolliert in einem öffentlichen Gebäude. Wenn sich da ein paar Typen mit Sprengstoffgürteln daruntermischten, konnte Fürchterliches geschehen, und er hatte sich besorgt umgesehen. Ausschau halten, dachte er, nach Personen, die so aussehen wie…

Ein kahlköpfiger Pater in brauner Kutte entzündete bedächtig die mächtigen Kerzen am Hauptaltar. Dann strömten ordenbeladene, mit Umhängen ausgestattete, trotz allem Prunk sehr bürgerlich aussehende Würdenträger den Mittelgang entlang, hin zu den vordersten Reihen, um dort ihre Plätze einzunehmen. Mitglieder des Malteserordens wohl, durchfuhr es Paul. Das is´ ja der Präsident!, raunte jemand hinter ihm, do schau her! Was denn für ein Präsident, überlegte Paul fieberhaft und verrenkte sich beinahe den Hals. Zwölf rosarote Gladiolen zierten den Altarraum, in einer überdimensionalen Bodenvase steckend, links und rechts davon stand Grünes, in lehmgebrannten Töpfen. Ein Militärbemützter sank stöhnend auf die Sitzbank nieder, in der Paul saß, dass alles bebte.
Das Alter, dachte Paul. Wie würde er es erleben? Die Weißbemäntelten der ersten Reihen tuschelten untereinander und steckten die Köpfe zusammen. In schwarzem Tüll erschien eine offensichtliche Nachfahrin des Allerhöchsten, würdigen Schrittes, ganz nach vorne stelzend, sich ihrer Schirmfrauenschaft dieser Feier wohl bewusst und von allen begafft, setzte sie sich in die erste Reihe. Hinter ihr, Uniformierte eines Traditionsregimentes, mit Fahne, vorneweg tragend, ein dicker Hauptfeldwebel mit gezogenem Säbel, linke Hand abgewinkelt, Klinge auf seiner linken Schulter ruhend, Tschako schief am Kopfe sitzend, Gesicht hochrot.

Er selbst wäre zwar ein liberaler Mensch, dachte Paul, aber sollte man nicht jetzt überall Metalldetektoren aufstellen? Oder würde man die Leute damit bloß verunsichern? Noch mehr verunsichern als sie ohnehin schon waren? Dann kämen die mit den Säbeln hier erst gar nicht herein, musste Paul schmunzeln. Man muss sich bewusst werden, welch großartige Freiheiten man eigentlich hatte und dass man bislang relativ sicher gelebt hatte. Aber diese neuen Zeiten brachten einen völlig durcheinander.

Die Uniformierten verteilten sich im Kirchenschiff, sozusagen einzeln abfallend, jeder irgendwo, drei von ihnen etwas enger beisammen als der Rest. Der mit der blanken Klinge schritt bedächtig den Mittelgang entlang und musterte mit prüfendem Blick die Seinen und die Übrigen. Ein Säbel gegen Handgranaten oder Dynamit, dachte Paul. Was tun wohl die geheimen Nachrichtendienste vorausblickend, überlegte er? Ob die alle wirklich effizient zusammenarbeiten würden? So betrachtet wäre neun/elf mit hoher Wahrscheinlichkeit vielleicht zu verhindern gewesen, hatte einmal einer gemeint, die Geheimdienste hatten doch alle Informationen beisammen? Man hätte sie nur richtig zusammensetzen müssen.
Irgendwo fiel eine Münze zu Boden. Es gab ein klirrendes Echo. Vielleicht hatte man das große Ganze nicht gesehen, damals? Abgesehen davon hätte man denken müssen, wer heute dein Freund ist, kann schon morgen dein Feind sein. Ist doch lächerlich! Misstrauen wäre ein essenzieller Faktor. Und wenn schon, was könnte man selbst tun?
Paul zermarterte sich das Gehirn. Menschenansammlungen meiden, durchfuhr es ihn. Er betrachtete nochmals die Säbel, die da in die Luft ragten. Ein Ungleichgewicht. Und die Träger dieser archaischen Waffen wankten. Besonders glücklich sah keiner von ihnen drein. Ein alter Major, schief, mit Hohlkreuz, hielt die ihm anvertraute Fahnenstange mit beiden Händen fest umklammert. Seine Backenknochen mahlten hin und her. Die schmalen Lippen eng zusammengepresst, das graue Schnauzbärtchen hochgezogen, dann wieder gesenkt, hochgezogen, gesenkt. Was ging wohl in dem jetzt vor? Hatte er sich mental ins vorige Jahrhundert gebeamt? Oder war im bewusst, in welcher Zeit er eben lebte? Seine Augen lagen in faltenreiche Tränensäcke gebettet und glänzten etwas rot. Er stand Paul am nächsten von allen Militärs. Die Übrigen schienen gleichfalls einen äußerst müden Eindruck zu vermitteln, ja, einen beinahe hoffnungslosen, in ihren schlotternden Gewändern, und so krumm, wie sie alle dastanden.

Da plötzlich setzte die Orgel zu spielen ein, und die Leute begannen schleppend dazu zu singen, obwohl der Organist bemüht war, etwas Tempo in die ganze Sache zu bringen. Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Zwei Kapuzinerpater waren da vorne, der eine etwa Mitte fünfzig, mit langem, grauem Rauschebart, er las die Messe, der andere, wahrscheinlich siebzig oder älter, mit kürzerem Bartwuchs, ministrierte ihm. Paul gähnte. Er nahm erst wieder Anteil am Geschehen, als er die böhmakelnden Worte des Predigers vernahm, was dazwischen geschehen war, fehlte ihm plötzlich in seiner Wahrnehmung.

… und am zweiten Dezember achtzehnhundertundachtundvierzig wird er Kaiser von Esterreich gleichsam von Gottes Gnaden. Seine Arbeit war geprägt von großem Reformwerk und die Frichte seiner Arbeit hielten die Monarchie in ihrer Vielfalt zusammen, wodurch er zum Symbol der Esterreichisch-Ungarischen Monarchie geworden war. In fortgeschrittenem Alter zog er sich immer mehr und mehr aus den Amtsgeschäften zürick und wurde mehr und mehr zur Integrationsfigur dieser velkerverbindenden Konstellation. Er fiehlte sich als Soldat und Beamter, nicht zuletzt auch als toleranter, frommer – der Pater machte eine längere Pause – Katholik. So fiehrte ihn sein Weg vom Monarchen zum konstitutionellen Herrscher, der stets seine Pflicht als oberstes Ziel angesehen hatte.
Welche Botschaften aber, liebe Gleibige, soll uns sein Geburtstag ibermitteln? Er, der die Ideale der Monarchie bewusst gelebt hatte, ja, nämlich Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Ordnungssinn, religiese Toleranz, Achtung gegen den Feind und gerechte Justiz. All diese Werte werden damals wie heite genauso von uns allen gefordert, wie Ehrehrbietung gegen die Gesetze, Vorgesetzte und Angeherige. Franz Josef hatte stets versucht, seine Ideale in die Praxis umzusetzen.
Der Mensch, liebe Gleibige, ist unvollkommen, auch ein Kaiser, und der Mensch bewegt sich ständig in dem Spannungsfeld zwischen Besem und Gutem, darum braucht er Gottes Kraft, als Basis fir sein Lebenswerk. Und in der heitigen Zeit umso mehr. Drum, seien wir wachsam, liebe Gleibige! Das beginnt schon im Baumarkt. Wenn ein Kunde von einer Chemikalie, etwa einem Lesungsmittel, so viel kauft wie iblicherweise zehn andere Kunden zusammen, dann muss man sich als aufmerksamer Verkeifer zumindest die Frage stellen dirfen, wofir braucht der das eigentlich? Wenn wir wollen, dass es bei uns auf Bahnhefen und in Konzertsälen oder in Kirchen keine rigorosen Eingangskontrollen gibt, dann missen wir die Augen viel offener halten, liebe Gleibige, als bisher!
Daher wird von uns verlangt, dass jeder seine Pflicht tut. Eiropa ist heite zu einem mehr oder weniger friedlichen Vielvelkerstaat zusammengewachsen wie damals die Monarchie. Aber, wie wir alle wissen, wir beheimaten heite auch Menschen mit einem extremistischen Weltbild und wir beobachten Zellen gewisser Briderschaften, die uns nix Gutes tun wollen. Iberall suchen diese verstärkt nach deitschsprachigen Kämpfern, sogar in unserem Esterreich, auf dass diese ausgebildet werden, um dann in Deitschland oder sogar bei uns in Esterreich operieren zu kennen. Wir alle missen befirchten, dass es friher oder später auch in Esterreich zu solch einem Anschlage wird kommen kennen. Was der allmächtige Gott verhindern mege!

Paul war der Kopf nach vorn gekippt, als er jäh erwachte. Was hatte der Pater da gesagt? Er hatte nicht ganz verstanden. Paul rieb sich die Augen und sah unauffällig um sich. Er musste wohl eingenickt sein. Der Pater hinterm Altartisch schickte sich bereits an, seine Predigt mit den Worten zu beenden: Das bedeitet, dass unsere Pflichten heite genauso aufrecht sind wie damals und wir uns umsehen und vorsehen missen, damit wir auf dem rechten Wege bleiben! Amen. Vergelt´s Gott, murmelte die Menge. Die Himmel rühmen … klang es an Pauls Ohr und er kramte nach seiner Brieftasche. Der Klingelbeutel wurde herumgereicht. Mit einem Male war auch die Kommunion vorbei, zu der sich alle, höchst umständlich, in ungeordneter Schlangenlinie angestellt und vorgedrängt hatten. Paul war gleichfalls aufgestanden, denn er konnte kaum noch sitzen vor Rückenschmerzen, hielt aber tapfer durch bis zum Schluss. Zum Segen hatte man sich erhoben und wartete die präludierende Paraphrase des Organisten ab, nachdem dieser gerade noch an einer wenig ans Ziel führenden, gefährlichen Modulation das Haydn´schen Themas vorbeigeschrammt war, um danach, gemeinsam mit der Menge, in die Melodie des Liedes „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Land! Mächtig durch des Glaubens Stütze führ´ Er uns mit weiser Hand! Lasst uns Seiner Väter Krone schirmen wider jeden Feind: Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint“, einzustimmen.

Paul kratzte sich hinterm Ohr, er sah auf seinen Taschenkalender. Es war schon zweitausendsechzehn, aber ganz sicher war er sich nicht. Ein Blick auf den alten Major machte ihn unsicher. Ein Degen blitzte im Licht der Kronleuchter kurz auf. Die Menge sang mehr oder weniger intoniert. Er selbst wagte anfangs nicht mitzusingen, dann jedoch öffnete er seine Lippen, er wollte singen, aber kein Laut kam über seine Lippen – er selbst meinte, dass er sänge, konnte sich aber nicht hören, und plötzlich schreckte er jäh hoch – in seinem Lehnsessel, im ersten Moment unfähig zu lokalisieren, wo er überhaupt war. Unbewusst führte er seine rechte Hand zum schmerzenden Rücken, um sich durch Reiben ein wenig Linderung zu verschaffen, was völlig wirkungslos blieb. Er gähnte lange und stand schließlich widerwillig auf, um sich Kaffee zu kochen.
Währenddessen steckte er sich eine Zigarette an und überlegte angestrengt, wo war er denn nun eigentlich stehen geblieben? Ach ja, da war doch gleich – ah ja, es war ja nur ein Traum, ein Traum, ja. Wenn auch nicht alles. Manches daran war ja Wirklichkeit, dachte er, als er die Zeitung vom Boden aufhob, verdammte Wirklichkeit! Paul warf einen Blick aus dem Fenster. Der Sommer ging langsam seinem Ende zu, er spürte es, und – irgendetwas erinnerte ihn daran, dass man seine Pflicht zu erfüllen – hätte – seine – Pflicht erfüllen …. wie damals …. aber welche Pflicht?

Norbert Johannes Prenner

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