Schlagwort-Archiv: hardly secret diary

Fragment

Der erste Absatz des Textes ist von Nobelpreisträger Patrick Modiano, den Rest habe ich ergänzt.

Oft hatte ich Angst, und um wieder Mut zu schöpfen, wäre ich gerne zu meiner Mutter gelaufen, aber ich hätte sie nur bei der Arbeit gestört. Heute weiß ich, sie hätte mich nicht ausgeschimpft, denn in jener Nacht, als sie mich vom Polizeirevier abholte, habe ich von ihr keinen Vorwurf gehört, keine Drohung, keine Moralpredigt. Wir gingen stumm nebeneinander. Mitten auf der Straße hörte ich sie mit teilnahmsloser Stimme sagen: „Meine arme Kleine!“ Ich fragte mich jedoch, ob sie zu mir sprach oder zu sich selbst. Sie hat gewartet, bis ich ausgezogen war und im Bett lag, dann kam sie zu mir ins Zimmer. Sie setzte sich ans Fußende und schwieg. Und ich ebenfalls. Schließlich lächelte sie. Sie hat gesagt: „Wir sind beide nicht sehr gesprächig!“ Und sie hat mir gerade in die Augen geblickt.

„Ich mache uns einen Kakao“, hat sie dann gesagt, „es gibt nichts Besseres zum Einschlafen.“ Ich wusste nicht, was ich sagen – wo ich beginnen sollte. Gerade weil sie mich nicht, wie früher als Volksschulkind, zum Beichten zwingen wollte, hatte ich eine Sperre im Hals. Aber vielleicht löst sie sich im warmen, süßen Kakao auf, diese Sperre im Hals? Ganz schön schlau, meine Mutter.

Aber vielleicht ist der Grund ein anderer? Vielleicht ist sie auch unsicher, verletzt, weil ihre liebevolle Erziehung solche stinkenden Früchte trägt? Enttäuscht, weil sie mich nicht mehr versteht? Ja, das ist es, sie versteht mich einfach nicht mehr – sie weiß nicht, was für mich wichtiger ist als das tägliche Geradeaus-Denken, die Pflichten, die ewige Routine, das langweilige immer gleiche harmlose „sicher“ Leben! Das kann ja nicht alles sein! Ich bin jung, ich will was erleben, andere Burschen und Mädchen kennenlernen, ohne dauernde Kontrolle, ob der oder die „in Ordnung“ ist. Wenn ich das schon höre „in Ordnung“! Nichts ist in Ordnung, außer dass es jeden Morgen hell und jeden Abend dunkel wird. Ich hasse die braven Klamotten und die langlebigen „guten“ Schuhe, ich will was Buntes, Ausgeflipptes, Aufregendes, ich will nicht immer angepasst, leise und höflich sein; wenn einer sich wie ein seniler Trottel aufführt, dann sage ich ihm das, auch wenn‘s der Schuldirektor ist.

Ja, es war Scheiße, dass ich mit dem Herbert von der Klasse über mir mitgegangen bin und mir in seiner Runde einen Joint aufdrängen hab lassen. Aber dass ich hinterher gekotzt habe wie ein Reiher, war wohl Strafe genug!
So, jetzt kommt meine Mutter mit dem Kakao, wie gut der riecht! Aber dass sie mein Kinderhäferl mit dem Elefanten genommen hat, ist echt ungeil. Ich bin doch kein Kind mehr, ich hab schon ein Jahr meine Periode.
Ja, danke Mama! Eigentlich ist es urkomisch – auf der einen Seite kotzt mich der gutbürgerliche Scheiß an, aber zu Hause im Bett mit einem Kakao ist wunderbar und urgemütlich. Wie passt das zusammen?

Wahnsinn, Mutter kann Gedanken lesen: „Ich weiß, es ist eine schwierige Zeit für dich“, sagt sie, „dein Körper wächst und die Hormone spielen verrückt, und ich wusste in deinem Alter auch oft nicht, wer ich bin und was ich will. Ich will dir nicht im Weg stehen, ich möchte, dass du deinen eigenen Weg gehst, aber zuerst musst du ihn finden.“ Sie lehnt sich zurück und trinkt einen Schluck Kakao, da sehe ich, dass ihre Augen nass sind. „Mama, was ist mit dir?“ frage ich. „Du wirst erwachsen, und das ist der Beginn unserer Trennung“, sagt sie leise, „aber ich will ja nur, dass du nur deinem eigenen Willen folgst, lass dich nie von anderen dumm machen und zu etwas überreden!“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15041

Liebster Papa

Liebster Papa!
Ich hoffe, dort wo du jetzt bist, geht es dir gut? Heute habe ich dir vieles zu berichten. Angenehmes, aber auch Unangenehmes. Aber höre selbst. Das Leben hier hat sich, seit du von uns fort bist, sehr verändert. Weiß nicht, ob man sagen kann, zum Vorteil. Oft vermeinte ich schon, den Weltuntergang zu ahnen. Erinnerst du dich, Hemingway: „Aber der Weltuntergang läuft nicht so ab, wie Bobby es auf einem der großen Gemälde projektiert hatte. Er kommt mit einem von den Inseljungen, der die Straße vom Postamt heraufeilt, ein Radiotelegramm bringt und sagt: Bitte unterschreiben Sie hier auf dem abreißbaren Teil des Umschlags. Es tut uns leid, Mr. Tom!“
Zu mir hat der Postmensch nicht gesagt „Es tut uns leid.“ Er hat gar nichts gesagt, außer: „Ein Einschreiben.“ Er hält mir den Stift hin. „Da unten. Fest aufdrücken! Auf Wiederschaun.“ Vom Finanzamt. Ich denke daran, wegzufahren. Auf meine Insel.

Ach, Papa, wer auf meine Insel kommt, macht eine Zeitreise. Die Häuser, die Pflastersteine in den engen Gassen, die kleine Kirche oben am Hügel. Alles ist einige Hundert Jahre alt. In der näheren Umgebung gibt es eine Ölmühle, ein paar Weinkeller und Stallungen, inmitten von Olivenhainen, gesäumt von Orangen- und Zitronenbäumen. Die alten Gemäuer – alles liebevoll restauriert, den alten Stil beibehalten. Nichts, was das Auge stört. Kaum Asphalt.
Nicht so wie hier! Jeder Feldweg zuasphaltiert. Auch die Einfahrt beim Bürgermeister. Aber dort? Alles grün, dahinter das blaue Meer, der azurblaue Himmel, ein paar Federwölkchen, ganz hoch, nur ein Hauch. Eine Oase der Ruhe und Entspannung, geprägt von der Freundlichkeit der wenigen Einwohner, die nie um ein Lachen verlegen sind, wenn ich irgendwo auftauche.
Ach, Papa, ich wollte, du könntest es sehen! Ich weiß, dir wäre es viel zu heiß hier. Hitze konntest du nie ausstehen. Bist mehr der Typ fürs Kühle. Mama wäre gerne hier, denke ich, schon wegen ihrer Gicht. Auf der Insel gibt es kein Gemeindeamt. Überhaupt kein Amt. Gott sei Dank! Die Administration ist weit, weit weg, irgendwo auf dem Festland. Und Exekutive ist nicht nötig hier. Alles geht seinen jahrhundertealten Weg. Einträchtig, besonnen. Der Wein ist leicht und hell, beinahe ein Rosé. Man kann ihn zu jeder Tageszeit trinken, ohne sofort einen Schwips zu kriegen. Und das Brot! Dieses Brot, olivig, mit ein wenig Oregano, himmlisches Manna ganz einfach!

Auf meiner Insel ist eben alles anders. Die Jungen, wenn sie Spaß wollen, nehmen ein Boot und fahren ans Festland. Und wenn es daheim Feste zu feiern gibt, bleiben sie alle da. Die Alten, die haben das Sagen. Vor denen hat man Respekt. Nicht wie bei uns. Und die Jungen lassen sich was sagen von ihnen. Hören auf ihre Ratschläge.
Nicht so, wie … aber, höre selbst: Gar nicht so weit von uns beginnen die Jugendlichen zu rebellieren. Sie verwüsten die Innenstädte, zünden Autos an, werfen die Auslagenscheiben ein. Fragt man sich, warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollen sie die Kontrolle über die Straße haben. Ein wenig Machtfantasien ausleben. Macht, die sie nicht besitzen. Darum plündern sie, um das alles endlich auch zu besitzen, was die anderen schon lange haben.
Weißt du, ich denke, ihnen fehlt das soziale Bewusstsein. Wir Wirtschaftswunderkinder, wir sind da anders. Wir hatten erst nichts, dann ein wenig und schließlich haben wir alles gehabt. Radio, Fernsehen, Video. Richtig satt sind wir. Denen aber fehlt der Bezug zur Gesellschaft, würdest du sagen. Die Hoffnungslosigkeit hat sie erfasst. Aber diese Modefummel, oder was weiß ich, das alles ist kein Ersatz für das, was ihnen wirklich fehlt. Sie reden verschlüsselt und du kommst nicht ran an sie. Ihre virtuelle Welt ist aus dem Nichts entstanden, nicht gewachsen, wie unsere. Sie praktizieren eine Kultur des Diebstahls und der Fantasie, völlig ohne Regeln. Und weil ihnen niemand zuhört, müssen sie jeden Furz, den sie lassen, auch noch www-mäßig posten.
Aber eine ungeregelte Welt funktioniert nicht. Du weißt das, Papa. Ein Mensch braucht Regeln, hast du immer gesagt, weißt du noch?

Hier, auf meiner Insel, wird nicht viel geschrieben. Alles, was man so hört, lebt aus Erzählungen. Was man wissen muss, wird von Mund zu Mund weitergegeben. Meinetwegen wo’s die besten Fischgründe gibt, wo noch nicht alles leergefischt ist. Oder wo man eine tolle Disco findet. Auch der Mythos lebt aus den Erzählungen der Alten. Gottlob gibt es auf der Insel keine Politiker. Jeder macht seinen Job.
Für Hobbys hat man hier keine Zeit. Auch zum Streiten nicht. Nachdem hier niemand reich ist, gibt es auch keinen Neid, vor allem aber keine sozialen Spannungen und Gegensätze. Kein Stress, wer den größeren SUV hat und so. Weißt du, Papa, als ich damals zum ersten Mal hier an Land gegangen bin, wollte niemand eine Dienstbeschreibung von mir haben. Keiner wollte meine Zeugnisse sehen. Ist vielleicht auch besser so.
Auf ein Glas Wein haben sie mich eingeladen und wir haben gelacht, als ich erzählt habe, wo ich herkomme, wenn auch erst hinterher, denn: „Kommunista! Kommunista!“, hat der Priester gebrüllt, als ich Österreich sagte und ist von seinem Stuhl aufgesprungen und der wilde lange, graue Bart hob und senkte sich rhythmisch mit dem schweren Atem seines Besitzers. Aber der Lehrer hat ihn beruhigt. „No no, Avustria, Kreisky, Kreisky!“, hat er gesagt und ihn mit einer Hand an der Schulter genommen und wieder in den Sessel gedrückt.

Der Lehrer und der Priester, die beiden sitzen immer zusammen vor der Kneipe, sind mittlerweile meine Freunde. Einer der Fischer, Jannis, mit weißen Bartstoppeln im Gesicht und einigen Zahnlücken, hat mich früher immer zum Korallenriff mitgenommen, wo sie meistens fischen. Er ist im vorigen Sommer verstorben.
Dort liegt das Wrack eines alten Frachters. Es hatte Westwind gegeben, damals, sagte er. Die Wellen sollen fünf Meter hoch gewesen sein. Dann sind sie auf dem Riff hier hängengeblieben und schließlich gekentert. Einige aus der Mannschaft hatten sich retten können. Der Steuermann ist nicht mehr in seine Heimat zurückgekehrt, sondern hiergeblieben. Vor zwei Jahren ist auch er verstorben. Wir haben ihn alle sehr gemocht, fügte er hinzu. Portugiese. Er liegt jetzt auf dem winzigen Friedhof hinter der Kapelle, unweit von Jannis´ Grab.
Wenn ich mich so umsehe, denke ich, dass ich auch einmal dort liegen möchte. Es ist ein so friedlicher Ort. Keine aufgeblasenen Grabsteine, mit für sich vereinnahmten Riesenengeln, um die Wichtigkeit der darunter Liegenden pompös zu untermauern, wer sie nicht alle waren, und was sie zu Lebzeiten nicht alles besessen haben. Dort, Papa, spätestens dort sind wir alle gleich.

Im Norden der Insel liegen noch zwei kleinere Dörfer, mit ebenso malerisch weiß leuchtenden Häusern und einem idyllischen Fischerhafen. Dahinter das karge Felsplateau mit seiner schroffen Steilküste gegen Westen hin. Auf der anderen Seite aber habe ich eine versteckte, traumhaft weißsandige Bucht vorgefunden, mit türkisfarbenem, beinahe cremigem Wasser. Anfangs seicht, so drei vier Meter weit hinein, dann leicht abfallend. Und erst weiter draußen so um die zwanzig Meter tief.
Weißt du, Papa, du hast mir nie das Schwimmen beigebracht. Ich musste es erst viel später mühsam lernen. Das hat dich alles nicht interessiert, ich weiß. Du warst immer nur mit dir beschäftigt, mit deinen Bildern. Wolltest auch hinaus, auf deine Insel. Aber du hast uns dabei vergessen. Deine Frau, deine Kinder, beinahe. Trotzdem. Ich hätte deine Zuneigung so dringend gebraucht. Das Zehngang-Fahrrad! Alle hatten eins, bloß ich nicht. Von meinen Söhnen hat jeder eines von mir bekommen. Ich wollte nicht denselben Fehler machen.

Gestern war ich unten am Hafen. Mit Freunden. Es ist spät geworden. „Wirf diesen ganzen Ballast über Bord, den du da mit dir immer herumschleppst“, hat mir der Hafengjörgi, der Kneipenwirt, geraten. „Deine Notizbücher, die Dose mit den Schlaftabletten und das ganze andere Zeug. Alles Unsinn, Mann! Du nimmst dir für nichts richtig Zeit und dich selbst viel zu wichtig, du Österreicher du“, hat er gelacht! Dann hat er Ouzo für alle gebracht und hat sich eine Zigarette gedreht.
Könnte es sein, dass ich etwas falsch mache? Aber das habe ich alles schon irgendwann einmal gehört, denke ich – in einem anderen Zusammenhang etwa? Der romantische Individualismus wäre tot und so! Wirf diesen Ballast über Bord, Mensch! Einer wie du, der sich schon viel zu lange im Mittelpunkt seines eigenen Interesses aufhält, sollte in die Welt hinaus! Bin ich ja auch, Papa. Aber wie soll ich mich verwirklichen?
Soeben steckt das Finanzamt mein Urlaubsgeld ein. Ich hätte im vergangenen Jahr zu viel verdient! Dass ich nicht lache. Nein, es ist eher zum Weinen. Diese Leute, die wir da immer wählen, und die angeblich so viel Verantwortung für uns übernehmen, stecken sich die Taschen voll und verschwinden einfach, nachdem sie uns per Gesetz das Geld abgenommen haben. Das war schon immer so, höre ich dich sagen. Du musst es ja wissen. Warst ja lange genug hier.

Ach ja, und dieses Haus auf meiner Insel, in dem ich dann immer wohne, wenn ich hier bin, Papa, steht auf der höchsten Stelle, einer Art Landzunge. Es ist stark gebaut, beinah wie – wie eine Festung. Und es hat zwei Hurricans standgehalten. Ringsherum stehen eine Menge Palmen, ein wenig schief gewachsen, wegen des dauernden Westwindes. Wenn ich auf der Terrasse stehe, überblicke ich die Südseite der Insel, den weiten, weißen Strand. Nichts trübt meinen Blick. Nichts ist architektonisch künstlich hineingekleckert, so wie bei uns hier. Alles ist natürlich gewachsen.
Niemand wagt es hier, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Die Häuser, die Wege, die steinernen Terrassen, auf denen der Wein wächst, alles macht optisch irgendwie Sinn. Wirkt nicht so polarisierend wie bei uns. Fünf Bauten nebeneinander. Fünf verschiedene Architekten. Fünf grauenhafte Konstruktionen. Und jeder darf seinen Mist in die Landschaft hineinknallen, wohin, und wie er will, und die Gesetzeslage ermöglicht es auch noch. Alles gefördert, versteht sich! Scheißegal, wie das aussieht. Hauptsache, es ist lukrativ. Und wenn nicht, wird der ganze Plunder an jemanden verkauft, der angeblich noch Geld hat, und die Sache läuft munter weiter. Die Kunst, in der sich diejenigen üben, denen wir unser Vertrauen geschenkt haben, hat immer schon darin bestanden, dem dummen Volk einen stinkenden Misthaufen als Rosenbeet zu verkaufen. Und wir haben ihnen auch noch vertraut. Sie haben uns bitter enttäuscht.

Ich kann mich heute nicht entspannen, Papa. Andauernd denke ich an dich, was du zu all dem sagen würdest. Ja, ich weiß, du hast Schlimmeres erlebt, damals, an der Maginot-Linie.

Übrigens, wenn ich so von meinem Hügel hinunter aufs Meer schaue und den weißen Sand sehe, da fällt mir ein, wie ich eines Morgens alleine schwimmen war. Ich bin nicht weit hinausgeschwommen, weil ich ziemlichen Respekt vor Haien habe. Die Sonne war schon etwa dreißig Grad hochgeklettert, als ich einen Blick nach unten werfe. Ein langer, dunkler Schatten. Ich hebe den Kopf, angespannt wie ein Drahtseil. Schaue wieder ins Wasser. Der Schatten folgt mir. Wohin ich auch schwimme. Durch die kabbelige See ist die Sicht etwas behindert. Ich schwimme wie verrückt, um ans Ufer zu gelangen. Atemlos und völlig erschöpft laufe ich die letzten Meter im seichten Wasser auf den sicheren Strand zu, falle hin, schaue zurück und suche das Wasser ab nach dem Furcht einflößenden Schatten. Nichts zu sehen, denn es war mein eigener gewesen! Was bin ich nur für ein Trottel, dachte ich.
Was sagst du, Papa? Du warst nur selten mit mir im Strandbad. Und das mit dem Schwimmen, du weißt ja. Später, beim Frühstück, habe ich alles der alten Alina und dem Hafengjörgi erzählt. Was haben die gelacht! Und ich habe mitgelacht. Ach, was waren das für herrliche Tage! Ich wollte, du wärest hier. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie´s damals war, zu Hause, mit dir und Mama, den Schwestern. Ich habe noch den Schaum von Badedas in den Ohren, wenn ich daran denke, und meine nackten Füße laufen über grünes Linoleum. Mutter hat gerne immer das „e“ in Linoléum betont.
In Nachbars Garage stand ein DS 19, mit hydropneumatischer Federung und unsere Haushaltsgeräte waren allesamt von BBC. Nur das Radio war von Philips. Im halb verdunkelten Wohnzimmer hast du Dietrich Fischer-Dieskau gelauscht, begleitet von Jörg Demus am Klavier. Die kennt kein Mensch heute mehr. Und ich habe noch deine Stimme im Ohr, wenn du uns vorm Schlafengehen aus dem Märchenbuch vorgelesen hast. Man sagt, Kindern, denen man Märchen vorenthält, wird die Hilfe zur Aufarbeitung unbewusster Spannungen in der Fantasie versagt. Dadurch könnten sie angeblich emotional gestört bleiben.
Stimmt das? Was meinst du? Wenn ich so über uns als Familie nachdenke, haben wir eigentlich kaum Probleme gehabt. Ich habe dir bereits erzählt, wie´s anderswo derzeit so aussieht, mit den Jungen und so. Ich denke, wir haben uns natürlich auch alle am Materialismus orientiert. Vielleicht noch eine Nuance bescheidener. Aber bei uns hat es noch Geschichten gegeben, nicht war, Papa? Ich danke dir dafür. Ich fühle deine warmen Hände an den meinen, und wie du mich zugedeckt hast.

Normalerweise lese ich beim Frühstück gerne Zeitung. Gottlob gibt es auf der Insel nur einmal pro Woche eine, und die ist von der vorigen. Ich höre erst darin zu lesen auf, wenn ich gesättigt bin von den Negativschlagzeilen und den Sommerlochirritationen. Dann wird mir die Kluft zwischen dem, was uns vorgegaukelt wird und der Wirklichkeit wieder bewusst. Wenn einem ständig vorgekaut wird, was man haben muss, kann man sich gut vorstellen, dass manche an der Tatsache, nicht dabei zu sein, ganz einfach scheitern.
Plötzlich begreifen, dass man nicht hat, was andere längst haben. Zähneknirschend zur Kenntnis nehmen müssen, womit Eliten sich die Zeit vertreiben, wenn es im eigenen Bereich zum Nötigsten nicht reicht! Wo bloß falsche Versprechungen gemacht und keine Lösungen angeboten werden und die Raffgier und der Geiz zum Antrieb der Ökonomien verkommen sind, die sich im Spinnennetz der Korruption verfangen haben, tagaus tagein auf neue Beute wartend. Wo flotte Sprüche anstatt Sensibilität regieren. Dort ist der ideale Nährboden für das Entstehen einer maßlosen Wut. Kannst du das verstehen, Papa?

Ach, Papa, immer, wenn ich auf meine Insel komme, mache ich eine Zeitreise. Es sind nicht nur die Häuser, die Pflastersteine, die engen Gassen, die kleine Kirche am Hügel, die mich alles vergessen lassen, was die andere Welt so grausam macht. Alles hier atmet eine Zeit des Friedens aus. Gerne gehe ich an der Ölmühle, den Weinkellern und Stallungen, die inmitten der Olivenhaine liegen und gesäumt sind von Orangen- und Zitronenbäumen, vorüber. Lasse sie vorbeiziehen, wie einen Film, in dem ich keine Rolle spiele, nur Beobachter bin. Die alten Gemäuer – alles liebevoll restauriert.
Man hat den alten Stil ganz selbstverständlich beibehalten. Nichts gibt es, was das Auge stört. Alles grün, im Sommer vielleicht etwas brauner, von der Sonne ausgedörrt, aber sonst? Dahinter das blaue Meer, der azurblaue Himmel, ein paar Federwölkchen, ganz hoch, gerade noch zu sehen. Ein Ort der Ruhe und Entspannung, geprägt von der Freundlichkeit der wenigen Einwohner, die nie um ein Lachen verlegen sind, wenn ich irgendwo auftauche. Ach, Papa, ich weiß, ich habe dir bereits davon berichtet. Der Wein ist leicht und hell, beinahe ein Rosé und, wie du ja schon weißt, man kann ihn zu jeder Tageszeit trinken, ohne gleich betrunken zu sein.

Erinnerst du dich, wie du mir immer erzählt hast, als du mit dem Dr. Scheuhammer in Klöch warst? Du hast vom Rotwein dort geschwärmt. Und dass ihr zusammen einmal ein Glas zu viel getrunken hattet. Der Doktor, mit seinem alten VW Kübelwagen, es hat geregnet und das Verdeck klemmte. Ich habe dich noch nie so triefnass heimkommen sehen wie damals. Mama war in Sorge. Sie war ja stets in Sorge um uns, um dich. Du hättest dir in den nassen Sachen den Tod holen können, hat sie gesagt. Aber du hast bloß gelacht. Ich kann dich gut verstehen. Dieses Brot hier, Papa! Irgendwie olivig, mit wenig Oregano, wie himmlisches Manna, wirklich! Auf meiner Insel ist eben alles anders.

Zuhause besuche ich gerne den jüdischen Friedhof. Warst du jemals dort, Papa? Die Wege dort sind nicht asphaltiert, sondern mit Gras bewachsen. Ich gehe ganz vorsichtig. Meine Schritte sind nicht zu hören. Gelbe Blümchen wachsen auf den Wegen. Zwischen den Grabsteinen rankt sich Efeu, erklimmt die Grabsteine wie zum Schutz vor neugierigen Blicken und den Erinnerungen an die Vergangenheit. Der Zauber der Erinnerung – verblasst. Unten, am Sockel eines Steines ist zu lesen: Hier ruht mein liebster Gatte, von den Nazis im Konzentrationslager ermordet. Ich muss dann immer tief Luft holen. Bleibe stehen. Der Zauber der Erinnerung, denke ich dann, heiliger Wehmut süßer Schauer, haben innig uns durchklungen, kühlen unsre Glut. Ist nicht von mir, Papa, Novalis! Langsam gehe ich dann weiter. Über mir im Minutentakt Flugzeuge. Komisch ist das, mit den Namen hier.

Weg von den Josefs, den Karls und Franzen, den Pichlers, Schwarz und Krenns. Hier ruhen Jenni Goldschmidt, Sigmund Blau, Moses Grünbaum. Irgendwie – ich spüre eine Art Bruch. Es ist nicht wegen des Vorwissens. Die Gräber atmen etwas anderes aus, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es sind so viele Grabsteine, unglaublich. Ich denke, Sterben ist etwas Selbstverständliches, obwohl ich es nicht glauben kann, dass ich eines Tages … aber Leben, Leben ist etwas ganz Besonderes. Ich muss es für mich nützen, denke ich, nach den Erschöpftheiten mancher Hoffnungslosigkeit.

Die meisten Grabsteine sind aus schwarzem Marmor, ragen hoch empor, spitz, wie Obelisken. Nur wenige sind aus Sandstein, Biedermeier, mit Blumenranken. Manche sind umgefallen. Haben das schmiedeeiserne Gitter um sich herum erdrückt. Brennnesseln, wohin das Auge reicht. Noch nicht hoch. Jeden Schritt setze ich behutsam.

Mein Rücken schmerzt vom vielen Gehen. Ich lasse mich auf einem umgefallenen Grabstein nieder und raste eine Weile. Dieses Licht, das durch die hohen Thujen scheint, die zahlreich, gleich einem stillen Hain das ganze Areal mit ihrem Immergrün und den weit ausladenden Ästen bestimmen, taucht das Schwarz und Grau der Steine in wärmenden Frieden. Eine süße Sehnsucht ergreift mich, beinahe neidvoll denen gegenüber, die hier ungestört Teile des unendlichen Universums sind.
Vor mir das Grab eines Dr. med. Carl Robitsek. Ich muss unweigerlich an die Pension Schöller denken und schmunzle, (Max Böhm als Onkel Robitschek). Der Ehrgeiz plagt mich und ich versuche, die verwitterte Schrift auf dem Stein zu entziffern: „Wehklagt – die ihr – Talent und Tugend – und Kunst und Wissen ehret – immer redlich lobt. Der liebe Vater starb mir (Dativus ethicus) seinen Kindern – der liebevolle Gatte seinem Weib. Ein wacker Forscher in dem Dienst des Wissens – ein Menschentraum in diesem Grabe …“

Ach, Papa, nächste Woche, wenn ich auf der Insel bin, kann ich eine Zeit lang nicht mehr herkommen. Du verstehst? Wahrscheinlich bleibe ich drei Wochen hier. Und heute bitte, verzeih mir, ich werde auch schon so vergesslich, ich habe das Windlicht zu Hause vergessen. Die Streichhölzer auch. Aber ich habe noch rasch einen kleinen Strauß Magnolien mitgebracht. Hier! Gefallen sie dir? Die hast du doch stets am liebsten gemalt. Es sind auch ganz dunkelviolette dabei. Die Vase sollte man wirklich austauschen, die macht es nicht mehr lange.

Bitte, ich stelle sie ganz nahe an deinen Grabstein, damit sie nicht umfällt, sollte ein Sturm kommen. Ich küsse und denke an dich. Also dann, bis bald, wenn ich wieder zurück bin! Mach´s gut!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 15040

 

 

 

Am Ende

Mit Burn-out zu Hause und der Tatsache, dass seine Ehe seit den letzten Wochen in Brüche zu gehen drohte, befand sich Arno psychisch und physisch im absoluten „Down-under“. Wie sollte man dem angehäuften Elend entkommen?, fragte er sich. In der Ablenkung bestand stets eine mögliche Variante, den Tag relativ unbeschadet zu überstehen. Nachdem der Postbote ohne eine Trost spendende Nachricht wieder abgezogen war und die Türchen der Briefkästen laut scheppernd zugeworfen hatte, darin, höchst verantwortungslos, jede Menge Werbematerial, Zahlscheine und ähnlichen Mist ungestraft zurücklassend, ohne sich weiter darum zu scheren, wie es demjenigen ergehen mochte, dem dieses Postfach gehörte, sah Arno für sich lediglich die Option, der kürzlich eingetroffenen schriftlichen Aufforderung eines amtlichen Schreibens seiner Dienststelle Folge zu leisten.

Dies bedeutete, kurzfristig in jene Stadt zu reisen, deren einzige Silbe sich auf Provinz reimte, und versprach, eine höchst unangenehme Sache zu werden. Ein grauer Regentag, nebelverhangen. Tiefdruck und der beißende Geruch von Industrieabgasen. Ein Taxi mit einem wortkargen Fahrer. Im Inneren lautstarker Regionalsender im Jodelmodus und das Knacken der Scheibenwischer auf Intervallstellung.

Schließlich das Wartezimmer einer psychiatrischen Ordination. Arno hatte sich angemeldet.
„Ah? Sie? Für Sie brauche ich mehr Zeit“, sagte die Ärztin und nahm noch rasch einen Wartenden vor. Arno schluckte. Das tapfere Herz pochte in unruhiger Erwartung. Was wollte man von ihm hier? Er hatte ein gültiges Attest, das verhieß, es wäre alles zur Zufriedenheit. Banges Warten. Endlich. „Bitte! Kommen Sie herein!“
D i e  sollte hier für ihn zuständig sein? Ein derbes Weib, hatte er irgendwo bei Ludwig Tieck gelesen. Arno konnte sich nicht so genau erinnern, wo. Mit kräftigen Schenkeln und einem feisten Hintern. Ein Weib! Und hatte Macht über ihn, den Zarten, Verwöhnten, Leptosomen und Schöngeist, Angsthasen und Weltverbesserer, den das Schicksal zynisch ins falsche Jahrhundert versetzt hatte, ins bürokratische, technokratische, unromantische. Was für eine Welt! Sie sah ihn eine Weile sehr genau an. Dann begann sie, ihn auszufragen.

Wo und wann geboren, verheiratet, Kinder und so weiter, ihre prüfenden Blicke immer wieder auf ihn, dann wieder auf den PC vor ihr richtend. Wozu das alles? Stand ja doch alles in seinen Personalien. Vielleicht wollte sie wissen, ob er überhaupt in der Lage wäre, klare Antworten zu geben? Unverschämte Person! Welche Schulen er besucht hätte, und wozu die vielen Studien? Wären für seinen Job gar nicht relevant?
Weil er eben so wissbegierig sei, antwortete Arno.
„Eine beinahe manische Profilierungssucht, finden Sie nicht?“ Arno fühlte Zorn aufsteigen. Nur nicht gehen lassen, dachte er, nur jetzt nicht gehen lassen! Die will dich nur aus der Reserve locken. Sehen, ob die Lebensgeister intakt wären. Das darf doch alles nicht wahr sein, arbeitete es in ihm.

„Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern beschreiben?“, bohrte sie weiter, „standen Sie stark unter Druck? Waren Ihre Eltern leistungsorientiert? Wie empfanden Sie Ihre Kindheit und Jugend?“ Arno plauderte bedenkenlos drauflos. Vielleicht würde das die ganze Sache irgendwie positiv beeinflussen? Ja, doch, er wäre sehr unter Druck gestanden. Besonders vom Vater her. Die Mutter war eher zurückhaltend gewesen.

„Hatten Sie manchmal das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu sein, wenn Ihre Leistungen nicht so waren, wie sie Ihnen von Ihrem Vater abverlangt worden sind? „Nicht, dass ich mir dessen bewusst wäre.“ „Gut. Jetzt zieh´n Sie sich aus, bis auf die Unterhose. Legen Sie sich dort auf die Liege.“ Arno stand auf. Spinnt die? Er war außer sich! Die war wohl verrückt geworden? Unglaublich, diese Demütigung! Man behandelte ihn hier, als wäre er besoffen ins Radar gefahren! Schlimmer hätte man ihm nicht zusetzen können. Es gab ihm den Rest. Er fühlte den moralischen Sturz in die Tiefe.

Eigentlich war er wegen Herzbeschwerden länger im Krankenstand gewesen. Im Zuge dessen hatte man ihm das Burn-out attestiert. Er sollte sich eine Zeitlang erholen können. Die haben doch alle einen Knall hier, stolperten seine Gedanken durcheinander, während er die Hose über den Stuhl hängte.
Dann legte er sich auf die mit einem weißen Leintuch bespannte Liege.
„So! Nun versuchen Sie, mit dem Zeigefinger Ihre Nasenspitze zu berühren, mit geschlossenen Augen!“ verlangte sie von ihm.
Ach, darauf wollt ihr hinaus, ihr Schweine!, dachte Arno. Ihr wollt wissen, ob ich nicht doch ein wenig krank im Hirn bin, wie? Aber den Gefallen tu ich euch nicht! Das hatte ihm der Dreckskerl aus der Personalabteilung angetan, war Arno überzeugt. Parvenü! Kommt mir damit! Dem möchte ich gegenüberstehen! Arnos seelischer Pegelstand knallte in rasender Talfahrt nach unten. Was ist, wenn sie was findet? Vielleicht habe ich irgendein Leiden, von dem ich nichts weiß?
„Und nun fahren Sie mit den Zehenspitzen des rechten Fußes das linke Schienbein entlang, hinauf bis zum Knie. Ja, in Ordnung. Die weiten Hosenröhren seiner Boxershorts mussten ihr genügend Einblick erlaubt haben, um zu sehen, wie es um ihn dort bestellt war. Netter Nebeneffekt!
„Und nun mit dem linken Fuß.“ Arno tat, wie ihm befohlen wurde. Er ahnte, was ihm blühte, wenn er das nicht schaffte. Das Doktorluder hätte jede Macht der Welt. Nun musste er sich aufsetzen, damit es seine Kniereflexe testen konnte.

Das vergess ich euch nie! Arno kochte. Hatte er nicht erst kürzlich über das einfühlende Verständnis des Dienstgebers im Krankheitsfall des Burn-out, der neuen Modekrankheit, gelesen? Das verlogene Gewerkschaftsblatt ermunterte auch noch Betroffene, sich in ihrer Situation ruhig den Ansprechpartnern anzuvertrauen. Und der Dienstgeber hätte neuerdings dafür vollstes Verständnis!
Wirklich, sehr verständnisvoll, wie ihm hier geschah. Arschlöcher! Arno atmete tief durch. Eine ganze Weile praktizierte sie an ihm noch den einen oder anderen Reaktionstest, offensichtlich jedoch alle zu ihrer Zufriedenheit.

Arno, immer noch auf der Liege, blickte angespannt zur Decke. Er wagte kaum zu atmen. Das Herz raste. Nun fasste die Ärztin sein linkes Bein, verdrehte es, zog heftig daran und drückte es zur Hüfte. Arno entfuhr ein Schmerzensschrei.
„Tut das weh?“, fragte das Krokodil. Ja, er hätte schon seit Längerem Schmerzen in der Hüfte. Daraufhin verbog sie sein Bein noch hartnäckiger.
Dämliches Stück, so hör doch auf! Was hat denn das jetzt mit meinen Herzrhythmusstörungen zu tun?, fragte er sich. Nachdem sie offenbar genügend gezogen und verrenkt zu haben schien, sagte sie trocken: „Sie können sich wieder anziehen“, und begab sich an ihren Schreibtisch. Von dort lugte das Doktorluder geduckt aus sicherer Verschanzung hervor, um Arno abschätzend so von oben zu mustern.

Arnos Selbstwertgefühl war ins Bodenlose gefallen. Unten. Total unten. Diese Erniedrigung! Was muss ich hier ertragen?, fragte er sich fortwährend.
„Und diesen krankhaften Ehrgeiz, den man ja beinahe manisch nennen könnte, setzen Sie den auch an Ihrem Arbeitsplatz um? Bei Ihren Kolleginnen und Kollegen, wie?“ platzierte sie messerscharf.
Arno überlegte, was er sagen sollte. Was sollte er antworten? Ein Teufelskreis! In diesem Moment erfasste ihn eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Freiheit der Gedanken, der Seele und gleichzeitig auch des Körpers, und nach dem Wunsch, der Zuchtmeisterin im weißen Kittel ein „Ach, Sie können mich mal und guten Tag“ entgegenschleudern zu wollen, obwohl dies seine Situation wohl kaum verbessern würde. Die unausgesprochene Kündigung würde dadurch eher auch nicht zurückgezogen.
Aber nein, er könnte an fünf Fingern abzählen, dass die Sache gegen ihn lief, das war doch klar.

Zögernd überwand er sich: „Nein nein, ich versuche stets, meine Fähigkeiten, so gut ich es eben vermag, den Anforderungen entsprechend einzusetzen. Auch gegenüber den Kolleginnen und Kollegen. Sollte ich jemals Druck ausgeübt haben, täte mir das leid. Sie verstehen, von oben macht man uns Druck, also muss ich natürlich weitergeben, dass alles in gewisser Weise auch umgesetzt wird.“

Aber das Doktorluder schien ihm nicht zu glauben. Vielmehr versuchte es, ihn noch mehr ins Eck zu drängen, das fühlte er ganz deutlich. Doch dann, ganz plötzlich, die Wende! Arno merkte es an einer gewissen Entspanntheit ihrer Gesichtszüge. Als träfe sie ganz plötzlich eine andere Entscheidung als ursprünglich geplant. Ob sie irgendeine Weisung hatte? Nein, sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Da hielt sie bereits den Kopf etwas schief und sagte: „Also gut, dann werde ich Ihrem Fortkommen in diesem Betrieb durch meine Expertise vorerst nicht im Wege stehen. Was dann entschieden wird, darauf habe ich keinen Einfluss. Dieser Bericht geht in Kopie ans Personalbüro!“ Mit diesem Satz war die Angelegenheit nun offenbar erledigt, zumindest fürs Erste, dachte er.

Arno verabschiedete sich, so freundlich es ihm in der Situation gelang und ärgerte sich erneut darüber, ihr zuletzt nicht doch den Vorwurf der Ignoranz an den Kopf geworfen zu haben, seit wann es denn üblich sei, fachlich fundierte Expertisen derart zu ignorieren und sich hier seinen eigenen Staat bilden zu wollen?
Hier, in dieser Stadt, deren einzige Silbe ihres Ortsnamens sich auf Provinz reimte. Und dann noch, dass ihm dieser Scheißbetrieb ohnehin egal wäre wie nur was, hätte er noch hinzugefügt, und dass sich der gesamte Verein den Job nach dieser Schikane sonst wohin stecken könne. So weit unten wie hier wäre er noch nie gewesen, konstatierte er für sich.

Arno, der an all seine anderen Probleme dachte, beschränkte sich dann aber doch nur auf ein heuchlerisches „Guten Tag“ und ein Lächeln und war zur Tür hinaus, froh, wieder frische Luft atmen zu können. Froh auch, in möglichst nicht  allzu nächster Nähe dringend  auf ein Bier gehen zu können, was ihm unumgänglich schien, um so der erlittenen Demütigung entgegenzuwirken, soweit dies mit einem einzigen Glas Bier überhaupt möglich wäre.
Danach würde er diese entsetzliche Stätte der Erniedrigung und Demütigung mit dem nächstbesten Zug verlassen, nicht ohne noch einen verächtlichen Blick aus dem Zugabteil auf die luftverpestenden Schlote ihrer Industrien geworfen zu haben, mit dem heiligen Eid, diesen durch seine erlittene Schmach besudelten Boden in seinem Leben nie wieder betreten zu wollen.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 15037

abgetaucht

Wartezimmer haben etwas Endgültiges. Wartezimmer in psychiatrischen Ordinationen etwas Vernichtendes. Weiß getüncht. Zeitlos, uhrlos. Aluminiumfauteuils mit Leder bespannt. Repräsentieren lautlose Überlegenheit. Strahlen stuhlbeinglänzend Macht aus. Ihre Opfer, die sich auf ihnen niedertun, in unsichtbaren Netzen imaginärer Spinnen gefangengehalten. Solange, bis sie emotionslos mit ihren Namen aufgerufen werden.
Arno war einer von ihnen, und angemeldet.
Ohne Vorwarnung flog die Tür zum Ordinationszimmer auf.
„Ah? Sie? Für Sie brauche ich etwas mehr Zeit“, bestimmte die Frau im weißen Mantel im Türrahmen und nahm, um die Spannung zu erhöhen, noch rasch einen Wartenden vor. Arno schluckte. Schluckte vor Angst. Warum brauchte sie für ihn mehr Zeit? Das tapfere Herz pochte in unruhiger Erwartung. Was hatte er schon getan? Was wollte man von ihm hier? Er hatte ein gültiges Attest, das verhieß, es wäre alles zur Zufriedenheit. Und was bedeutet schon ein halbes Jahr? Einmal ausspannen, hatten die gesagt. Sie sollten einmal eine Auszeit nehmen! Er hatte nur gemacht, was die ihm geraten hatten. Bloß Herzrhythmusstörungen, hatten die gesagt.
Banges Warten. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, schlug die Türe zur Ordination auf: „Bitte! Kommen Sie herein!“ befahl die Ärztin, deren Tonfall dem floskelhaften „Bitte“ jegliche sich dahinter versteckende, ernst gemeinte Höflichkeit entzog.
Arno erschrak. Ihm war, als ging es zum Schafott. Bloß eine Nachuntersuchung, hämmerte es in ihm. Mehr nicht. Und ausgerechnet die da sollte für ihn zuständig sein? Ausgerechnet die sollte, per amtlicher Verordnung, in seine Seele dringen dürfen? Ein derbes Weib, mit kräftigen Schenkeln und einem feisten Hintern? Und hätte Macht über ihn, den Zarten, Verwöhnten, den Leptosomen und Schöngeist? Den Angsthasen und Weltverbesserer, den das Schicksal zynisch ins falsche Jahrhundert versetzt hatte, ins bürokratische, technokratische, unromantische. Die Weißbemantelte beäugte ihn eine Weile sehr genau. Fasste ihn ins Auge. Tastete ihn von oben bis unten ab. Drängte sich mit Argusaugen in sein Inneres.

Arno war äußerst nervös, atmete immer wieder tief durch. Schweiß perlte über Lippen und Stirn. Hier würde er zugrundegehen. Mein Gott! Das Ende. Von hier käme er nie mehr weg. War er doch erst vor knapp zwei Stunden noch bei ihr gewesen. Ja, bei ihr, Charlotte! Seine Gedanken hauchten ihren Namen. Transpirierten ihren Duft. Und jetzt hier! Dabei hatte sie sich eben erst zu ihm heruntergebeugt, ihn sanft geküsst. Träumte  er?
Weißmantel blätterte in den Akten. Da plötzlich offenbarte sich ihm eine Erinnerung, eine Erscheinung vielleicht, und seine Hände streckten sich sehnsüchtig nach Charlotte hin und zogen sie sanft zu sich heran. Er spürte nicht den leisesten Widerstand. Eine vom Wind herangetragene Welle errichtet eine Sandbank unstillbarer Gefühle in ihm. Schon löste er die Barrieren textilen Dazwischens, das sanft zu Boden glitt. Darunter transparent Rosafarbenes. Er berührte fremdes Gewebe. Glasklare Tautropfen auf krausem Moos. Ihre Achselhöhlen versendeten Deoströme in heißen Wellen wiederkehrender Intervalle.

Arnos knetende Hände schwitzten. Die im weißen Kittel begann, ihn auszufragen. Wo und wann geboren, verheiratet, Kinder und so weiter. Ihre prüfenden Blicke immer wieder auf ihn, dann wieder auf den PC vor ihr gerichtet. Wozu das, verdammt? Stand ja doch alles in seinen Personalien. Vielleicht wollte sie wissen, ob er überhaupt in der Lage wäre, klare Antworten zu geben? Welche Schulen er besucht hätte, und wozu die  akademischen Abschlüsse? Wären für seinen Job doch gar nicht relevant. Weil er eben so wissbegierig sei, antwortete Arno. „Eine beinahe manische Profilierungssucht, finden Sie nicht?“ Arno fühlte Zorn aufsteigen. Nur nicht gehen lassen, dachte er, nur jetzt nicht gehen lassen! Die will dich nur aus der Reserve locken. Sie machte eine Notiz.

In diesem Land musste ja seit jeher alles belegt werden. Bewiesen, auf Papier geschrieben, nachvollziehbar gemacht. Der Sommer stand ins Land und es bedurfte Universitätsprofessoren, die befragt wurden, wie man sich in klimatisierten Räumen zu verhalten hätte. Denn immer noch, seit dem Ende der Monarchie, nach nunmehr vierundneunzig Jahren, lag das Wesen anerzogener Unselbstständigkeit in den Händen von Beamten, deren Ziel es seit erdenklichen Zeiten war, die Menschen klein zu machen, um selbst groß bleiben zu können. Wurden nicht auf diese Art seit Langem unzählige eigentümliche Bestrebungen, deren charaktervolle Regungen und jeglicher Individualismus im Keim erstickt und vernichtet? Oder, wenn dies nicht sofort gelang, zumindest paralysiert?

Arno sah sich um. Seine Blicke durchstreiften den Raum, in dem er sich befand. Alles steril. Eine Welt für sich. Der Geruch von Charlotte haftete in seinen Nasenschleimhäuten. Weg von hier! Bloß weg! Jetzt gemeinsam von der Klippe springen, in die aufgewühlte See hechten, sich kühn hinunterstürzen. In die weiße Gischt unter ihnen eintauchen. Schon trugen sie die Wogen der Leidenschaft hinaus aufs offene Meer der Lüste, spülten sie kurz an Land, um gleich wieder in die offene See hinausgezogen zu werden, immer wieder, in der steten Angst, niemals endgültig an den Strand geworfen zu werden. Hierher womöglich. Nicht auszudenken! Schon treiben sie in der tosenden Brandung, entkräftet, wie Ertrinkende von Wellental zu Wellental. Sei meine Windsee, die meine Seele durchwandert, und künde den herannahenden Sturm, der meine Gefühle hochschlagen lässt, meinen Körper durchwogt, mein Gehirn flutet! Spitze Wellenberge vor mir, für Bruchteile von Sekunden, klatschen an deine anschwellende Brandungszone.

Nicht die raue See war es. Nicht der stürmische Wind. Es war die krächzende Stimme der Göttin in Weiß. „Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern beschreiben?“, bohrte sie weiter, „standen Sie stark unter Druck? Waren Ihre Eltern leistungsorientiert? Wie empfanden Sie Ihre Kindheit und Jugend?“ Und Arno plauderte bedenkenlos drauflos. Vielleicht würde das die ganze Sache irgendwie positiv beeinflussen? Ja, doch, er wäre sehr unter Druck gestanden. Besonders vom Vater her. Vom Vater, ja. Verflucht! Das war ein Fehler, wie er sofort bemerkte, denn die Weiße notierte von jetzt an alles eifriger mit als zuvor. Die Mutter wäre eher zurückhaltend gewesen, flüsterte Arno aphon.
„Hatten Sie manchmal das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu sein, wenn Ihre Leistungen nicht so waren, wie sie Ihnen von Ihrem Vater abverlangt worden sind?“ „Nein.“ Arno machte eine Pause. „Nein, nicht, dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre“, log er.

Fliehen! Übers Wasser. Gib meiner Seele Flügel! Für alle Ewigkeit uns als gemeinsame Welle fortpflanzend. Meine Gedanken berühren dich. Meine Hände gleiten über deinen Körper. Noch fühle ich die Wärme, die von ihm ausgeht. Noch fühle ich deinen Atem, Meeresgöttin! Entdecke endlich ihre smaragdenen Augen, die feine Nase, die zierlichen Füße, die dunkelblonden Haare. Seegras, in denen sich Muscheln und Seetang verfangen halten! Halt ein, ermahnte er sich! Seine Einbildungskraft bescherte ihm die schöpferische Neubildung dessen, was er sah, wahrnahm, fühlte. Eine Reproduktion gleichsam ihres Bildes, ihrer Gestalt, alles. Viel deutlicher noch, im klaren Wasser, fantasieverbrämt, ja, ausschweifend gar. Die Feiste konnte seine Gedanken ohnehin nicht lesen.

„Gut. Dann zieh´n Sie sich aus, bis auf die Unterhose. Legen Sie sich dort auf die Liege!“, befahl sie in schier unnachgiebigem Ton, so, als ob sie sich ihrer Sache absolut sicher wäre.
Was sollte er? Was? Arno stand auf wie in Trance. Eine Marionette. Spinnt die? Er war außer sich! Die war wohl verrückt geworden? Unglaublich, diese Demütigung! Man behandelte ihn hier, als wäre er besoffen ins Radar gefahren! Schlimmer hätte man ihm nicht zusetzen können. Das gab ihm den Rest. Er fühlte den moralischen Sturz in die Tiefe. Im Übrigen war er ja doch nur wegen Herzbeschwerden länger als üblich im Krankenstand gewesen. Im Zuge dessen hatte man ihm das Burn-out attestiert, um sich eine Zeit lang erholen zu können, fieberte es in ihm. Die haben doch alle einen Knall!, stolperten seine Gedanken durcheinander, während er mit zitternden Händen die Hose über den Stuhl hängte. Schließlich aber legte er sich umständlich auf die mit einem weißen Leintuch bespannte Liege. Über ihm drei hell leuchtende Lampen, deren Schein ihm ins Gehirn zu dringen schien.

Komm mit mir, komm, dahin, wo das Wasser etwas tiefer wird! Charlotte wehrte sich schwach. Lass mich dich unter die Wasseroberfläche ziehen, dich  hypnotisieren, gefügig machen, seufzte es in Arno. Eine Illusion in dir nähren. Deine Zuneigung mir gegenüber stärken. Dich scharf auf mich machen, in ansteigenden Wellencrescendi willenlos machen. Dich der nüchternen Wirklichkeit des Festlands entreißen. Vielleicht Wasserspiele? Ja, ein Wasserspiel wäre gefragt! Perlender Zauber zwischen Illusion und Desillusion. Künstlerische Fantasie, mehr oder minder gelenkte erfinderische Vorstellung. Doch sachte! Es bedürfte der Einfühlung! Jener Einfühlung, von der er sich erhoffe, dass sie ihn erhörte. Ein Spiel als Endstation der Begierde und der Sehnsucht. Nicht leicht, in der kabbeligen See. Mit Worten allein nicht zu beschreiben. Nonverbale Anbetung, durch das Grün ihrer Augen inspiriert, nicht bloß als Leistung eines Gefühls, nein, vielmehr teleologisch eigenschöpferischen Erfindungsgeist bemühen, zielgerichtet auf ihr – Herz!

„So!“ Arno erschrak. „Nun versuchen Sie, mit dem Zeigefinger Ihre Nasenspitze zu berühren, mit geschlossenen Augen!“, verlangte die Zuchtmeisterin. Ach, darauf wollt ihr hinaus, ihr Schweine, bohrte es in Arno! Ihr wollt wissen, ob ich nicht doch ein wenig krank im Hirn bin, wie? Aber den Gefallen tu ich euch nicht! Das hatte ihm der Dreckskerl aus der Personalabteilung angetan, war Arno überzeugt. Parvenü! Kommt mir damit! Dem möchte ich gegenüberstehen! Arnos seelischer Pegelstand knallte in rasender Talfahrt nach unten. Was ist, wenn sie was findet? Was dann? Vielleicht habe ich irgendein Leiden, von dem ich nichts weiß? Man wäre zumindest den Führerschein los.
„Und nun fahren Sie mit den Zehenspitzen des rechten Fußes das linke Schienbein entlang, hinauf bis zum Knie. Ja, so ist es gut.“ Halt endlich deinen Mund! Die weiten Hosenröhren seiner Boxershorts mussten ihr genügend Einblick erlaubt haben, um zu sehen, wie es um ihn dort bestellt war. Netter Nebeneffekt, ärgerte sich Arno. Das Licht über ihm blendete seine Augen. Er hielt sie von nun an geschlossen. Gab es für ihn ja doch nichts zu sehen. Das Monster schien irgendwie mit seiner Akte beschäftigt.

Nun hieß es, endlich wieder Luft schöpfen, ehe die Sturzsee erneut über sie hereinbrach, ihn, und Charlotte.  Danach, bereit sein zu einer Zwischenakteinlage improvisatorischen Beherztseins. Sie musste seiner Komposition verfallen, darin lag seine einzige Chance. Wasserballett. Zunächst nur ein paar Tempi, ganz nebenbei, um nicht unterzugehen, bis zum Aqua Cantabile vielleicht. Tempo rubato, jedoch immer in Bewegung bleiben. Danach langsam aus dem Gedächtnis – vielleicht eine Wiederholung? Gut. Zweimal hintereinander, ganz entspannt! Die rechte Hand, wenn sie müde würde von den Schwimmgirlanden, nachlassen, einfach den Druck nachlassen. Aber, der Bedeutung des kleinen Fingers und des Daumens in den Fluten mehr Gewicht beilegen! Jetzt musste der Zeitpunkt für die Beine kommen – rasche Auf- und Abbewegung – für besondere Effekte immer so, als würde man schweben. Zyklisch im Wasser tanzend. Zirkulieren.

„Und nun mit dem linken Fuß.“ Wie? Ach so. Arno tat, als verstünde er anfangs nicht. Tat aber dann, wie ihm befohlen wurde. Er ahnte, was ihm blühte, wenn er das nicht schaffte. Die Quacksalberin hätte jede Macht der Welt. Nun musste er sich aufsetzen, damit sie seine Kniereflexe testen konnte. Das vergess ich euch nie! Arno kochte. Niemals! Hatte er nicht erst kürzlich über das einfühlende Verständnis des Dienstgebers im Krankheitsfall des Burn-out, der neuen Modekrankheit, gelesen? Und dieses verlogene Gewerkschaftsblatt ermunterte Betroffene auch noch, sich in ihrer Situation ruhig den Ansprechpartnern anzuvertrauen! Der Dienstgeber hätte neuerdings dafür vollstes Verständnis! Lachhaft! Wirklich, sehr verständnisvoll, wie ihm hier geschah. Aufs Abstellgleis würde man ihn stellen! Arno atmete tief durch. Eine ganze Weile noch praktizierte Weißrock an ihm herum. Führte den einen oder anderen Reaktionstest durch, offensichtlich jedoch alle zu seiner Zufriedenheit.

Und Charlotte? Nein, sie wird es nicht merken, dass wiederholt wird, nein, sicher nicht. Die Linke musste bloß ein harmonisches Fundament finden, eine einfache Struktur. Brauchte nicht sonderlich kompliziert zu sein. Das ist die Aufgabe der Rechten! Trotz des Widerstandes des Wassers. Mit den Handflächen aufeinanderfolgende Arpeggi vollführen. Hände und Gehirn, beides ununterbrochen in Bewegung, in Aufruhr! Wie die See selbst. Hier und jetzt fände seine Sehnsucht ihre Erlösung. Komme danach, was wolle. Zu den heftiger werdenden Wellenrhythmen würde er sie um die schmale Taille nehmen und ins Reich der Tiefe entführen, wenn nicht…

Arno, immer noch auf der Liege, blickte angespannt zur Decke. Er wagte kaum, zu atmen. Das Herz raste vor Empörung über die auszustehende Erniedrigung. Nun fasste die Peinigerin sein linkes Bein, verdrehte es, zog heftig daran und drückte es zur Hüfte. Arno entfuhr ein Schmerzensschrei. „Tut das weh?“, fragte das Krokodil.
Ja, er hätte schon seit Längerem Schmerzen in der Hüfte. Daraufhin verbog sie sein Bein noch hartnäckiger. Dämliches Stück, so hör doch auf! Was hat denn das jetzt mit meinen Herzrhythmusstörungen zu tun?, fragte er sich und tauchte ab.

Um sie herum – Tintenblau. Eintagsfliegen. Gab es Eintagsfische? An heißen Sommertagen konnte man sie knapp unter der Wasseroberfläche tanzen sehen, vor allem die männlichen Exemplare. Verirrte sich ein leichtsinniges Weibchen in diesen schwankenden Reigen, war es um seine Jungfräulichkeit geschehen. Brandende Fieberfantasien. Dieses kurze Leben – nur von einem bestimmt, von der Fortpflanzung. Sein Begehren ließ ihn den Wasserreigen der Liebe erneut aufnehmen. Enge Schwimmhaltung – Gänsehautfühlung. Beide bewegen ihre Körper gleichzeitig von einer Seite zur anderen. Die linke Hand etwas heben, ja, gut so. Die rechte Hand unterstützt und – rechts herum in Solodrehung führen. Wasserrolle. Achtung, eine Sturzsee! Presste sie nach unten. Vorsichtig, linker Fuß paddelte. Rechter Fuß umschloss ihre Beine. Kurz Luft holen, auftauchen.

Nachdem das Ungeheuer offenbar genügend gezogen und verrenkt zu haben schien, sagte es trocken: „Sie können sich wieder anziehen“, und begab sich an seinen Schreibtisch. Von dort lugte das Doktorluder geduckt aus sicherer Verschanzung hervor, um Arno erneut abschätzend zu mustern. Arnos Selbstwertgefühl war ins Bodenlose gefallen. Unten. Total unten. Diese Demütigung! Was musste er hier ertragen?, fragte er sich fortwährend. „Und diesen krankhaften Ehrgeiz, den man ja beinahe manisch nennen könnte, setzen Sie den auch an Ihrem Arbeitsplatz um? Bei Ihren Kolleginnen und Kollegen, wie?“, platzierte sie messerscharf. Arno überlegte, was er sagen sollte. Was sollte er antworten? Ein Teufelskreis! In diesem Moment erfasste ihn eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Freiheit der Gedanken, der Seele und gleichzeitig auch des Körpers, und nach dem Wunsch, seiner Dompteurin im weißen Kittel ein „Ach, Sie können mich mal und guten Tag“ an den Kopf zu werfen.

Nur noch zwei rasche Tempi vorwärts gegen die Strömung in die Gegenpromenade – linke Hand zwischen ihrem und seinem Gesicht, dann glitten sie in eine linke Wende. Seine rechte Hand fühlt ihre Taille. Die Luft wurde knapp. Er fasse ihre linke Hand fester, mit etwas Druck, spürte keinen Gegendruck. Eine Sehnsucht erfasst ihn. Ihre Finger waren kalt, ungewöhnlich kalt. Ihre spitzen Nägel – so lang. Geeignet, ein Muttermal auf seinem Rücken aufzukratzen. Über ihnen schlugen die Wellen zusammen, brandeten, wallten auf, während sie langsam, ganz langsam tiefer und tiefer sanken. Danach – würde nichts mehr sein.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 15036

 

 

Auch so eine Geschichte

Die Sachlerin ist eine Frau in den Siebzigern. Sie ist mir schon öfter auf der Straße begegnet und hat mich freundschaftlich mit Griaßde angesprochen. Aha, bist auch wieder mal zu Besuch. Sie lächelt einen offen an. Ihre Augen haben etwas Direktes und Ehrliches, ihre Züge sind einladend. Eine einfache Frau, auf die Verlass ist, die im Leben steht, die nicht so leicht etwas umhaut. Sie ist nicht allzu groß, eigentlich gedrungen, und kräftig gebaut. Vielleicht wirkt sie aber auch nur so, weil ihr im Laufe ihres Lebens einiges unverdaulich war. Diesen ganzen Ballast hat sie sich als Schutzschicht, als Polster gewissermaßen, um die Figur gewickelt. So kann ihr kaum mehr etwas was anhaben. Ich habe sie nur in Stoffhosen mit akkurater Bügelfalte, flachen bequemen Schnürschuhen, weiten Pullovern und Anorak gesehen. Ihre Sach‘ hat sie sauber beieinand‘, der Garten ist gepflegt, das Haus ordentlich, die Fenster geputzt.
Die Sachlerin weiß, was sich gehört, und weiß auch, was sie im Leben zu tun hat. Nie konnte sie faul sein, immer hat sie sich gekümmert, immer war sie mit dem zufrieden, was ihr der Herrgott zugedacht hat, wenn es auch, weiß Gott nicht immer leicht war. Mit vielem hat sie sich abgefunden, mit anderem hat sie sich eingerichtet, aber auch jetzt begegnen ihr noch Situationen, ja Schicksalsschläge, die ihr schwer zusetzen.

Der Hund von der Sachlerin heißt Rexi. Er ist eine Dame, aber als die Sachlerin das feststellte, hatte sie schon ihren männlichen Namen. Ein Name ist ein Name, den kann man nicht mehr ändern. Jetzt läuft die Rexi halt mit einem männlichen Namen durchs Leben. Wen kümmert das schon? Rexi habe ich schon viel früher als seine Besitzerin kennengelernt. Wenn ich bei Monika zu Besuch war, hat sie immer vorbeigeschaut und die Elli besucht. Die Elli ist ein keiner Spitz mit rotbraunem Fell und sehr klugen braunen Augen. Wenn Rexi vor der Haustür stand, lief Frau Elli hin, bellte kurz, damit jemand öffnete. Schnell und energisch wetzte Rexi durch den Türspalt, nahm wenig Notiz von Mensch und Tier, sondern lief schnurstracks zum Futternapf, den sie ratzeputz leer fraß. Dabei beobachtete sie die Elli von oben herab. Sie verachtet es, den niederen Trieben so nachzugeben, ließ Rexi aber gewähren. Sie ist halt irgendwie ganz anders, einfacher, direkter, primitiver, aber wenn sie Hunger hat, soll sie fressen. Die Charaktere sind unterschiedlich und man muss Verständnis für jeden aufbringen.
Wenn die Monika mitbekommen hat, dass Rexi wieder alles aufgefressen hat, hat sie liebevoll verärgert gesagt: Geh Rexi, lass der Elli doch auch noch was übrig. Aber das hat Rexi nicht bekümmert. Vielmehr hat sie Monika bedrängt, Nachschub zu holen. Meist hat sie ihr dann auch noch ein Stangerl gegeben, das ist wahrscheinlich für Hunde so etwas wie für uns Menschen ein Ripperl Schokolade.
Rexi ist eine Promenadenmischung. Kopf und Schweif haben etwas vom Schäferhund, der Körper ist unheimlich lang und kräftig. Deswegen hat Rexi auch unablässig Hunger. Die Beine passen nun überhaupt nicht zum restlichen Erscheinungsbild. Sie sind viel zu kurz, also Stummelbeine. Eine taktlose Cousine von der Monika hat angeblich einmal im Beisein von Rexi laut ausgesprochen, was man nie ausspricht, ja nicht einmal denkt: Was für ein greißlicher Hund! Rexi hat das gehört, hat sich abgewandt und ist heimgegangen. Verständlicherweise war Rexi gekränkt und ist nie mehr gekommen, wenn jene Cousine zugegen war.

An dieser Begebenheit kann man sehen, wie feinfühlig Rexi trotz ihres derben Aussehens ist. Außerdem ist sie unheimlich klug. Sie versteht jedes Wort und kann die Menschen einschätzen. Auf sein Frauchen, die Sachlerin, hört sie. Sie weiß, dass sie sich auf sie verlassen kann. Genauso geht es der Sachlerin mit Rexi. Die Gesellschaft ihres Hundes ist ihr lieber als die von manchem Menschen. Von den Menschen ist sie schon oft enttäuscht, gekränkt und verlassen worden. Rexi wird das nie tun, sie ist treu. Aber beleidigen lässt sie sich nicht und Kraftfutter braucht sie auch regelmäßig. Dafür garantiert die Sachlerin. Die beiden können sich aufeinander verlassen. Oft machen sie zusammen einen Spaziergang durch das Neubaugebiet, am überaus großzügig und praktisch gebauten Feuerwehrhaus vorbei, durch die Felder und Wiesen bis zur Bahnstation und wieder zurück. Rexi geht brav an der Leine, pieselt an so manchen Baum, macht ihr Häufchen, das die Sachlerin dann in ein Plastiksackerl verpackt und mit nach Hause nimmt. Ordnung muss sein!

Der Sohn von der Sachlerin heißt Alois und wohnt noch mit ihr im Haus, obwohl er schon um die fünfzig ist. Oft hört man sie: Geh, Alois! sagen. Er geht zwar fleißig zur Arbeit, ist auch sonst verlässlich, benimmt sich aber insgesamt wie ein Kind. Niemand weiß, warum der Alois nicht erwachsen werden kann. Es ist für eine Frau nicht leicht, sich ihr Lebtag lang um ein dem Alter nach erwachsenes Kind zu kümmern. Da hören das Sorgen und die Plackerei ja nie auf. Davon hat die Sachlerin nun weiß Gott in ihrem Leben mehr als genug gehabt und es wäre an der Zeit, dass endlich einmal Schluss damit ist.

Vor Jahren hat eine der Töchter eine Gehirnblutung bekommen. Es war an einem Sonntagnachmittag am Badesee. Alles ging ganz schnell. Der Annelies wurde plötzlich schlecht, sie wollte mit dem Radl heimfahren und da fiel sie auch schon bewusstlos um. Die Rettung wurde gerufen, brachte sie in die Ambulanz, operierte, versorgte sie und versetzte sie ins künstliche Koma. Am nächsten Tag waren sich die Ärzte sicher, dass da nichts mehr zu machen sei. Sie bereiteten die Sachlerin wenig einfühlsam darauf vor, dass die Annelies nicht mehr ins Leben zurückkehren werde. Aus diesem Grund wollten sie die lebenserhaltenden Maschinen wenige Tage später abschalten. Diese erschütternde Nachricht war sogar für eine gestandene Frau wie die Sachlerin zu viel. Sie wollte auf keinen Fall ins Grab ihres eigenen Kindes blicken. Alles, bloß das nicht!
Die siebenmalklugen Ärzte waren offensichtlich mit ihrem Latein am Ende. Jetzt konnte nur noch der Herrgott helfen. Sie fuhr also am Heimweg vom Spital sofort am Pfarrhof vorbei, läutete den Herrn Pfarrer heraus, erzählte ihm die ganze Geschichte und forderte unerbittlich von ihm, sofort alle verfügbaren Kräfte zum gemeinsamen Gebet zu mobilisieren. Der Herr Pfarrer konnte gar nicht mehr anders, als in der Frühmesse die ganze Gemeinde um das inständige Gebet für Annelies zu bitten. Schließlich ging es um Leben und Tod. Das Dorf betete mit einer bis dato ungekannten und ungeahnten Ernsthaftigkeit. Die Kunde pflanzte sich sogar über das Dorf hinaus fort. Alle beteten ohne Unterlass, stellten sogar die Arbeit hinten an, und, oh Wunder, Annelies erwachte aus dem Koma und wurde erstaunlich schnell gesund.
Die gescheiten Ärzte konnten es nicht verstehen, aber was verstehen die denn überhaupt. Für die Sachlerin war von da ab klar, welche Kraft das Gebet hat, und sie hat sich auch nicht mehr gescheut, sich energisch dafür einzusetzen und selbstsicher über etwaige Widerstände hinwegzusetzen.
So kam es zur Gründung des Gebetsvereins im Dorf. Dreimal wöchentlich treffen sich die eingeschriebenen Mitglieder und beten gemeinsam für Anliegen, die ihnen zugetragen werden. Meines Wissens gehören dem Verein ausschließlich Frauen an, Männer haben ja meist Wichtigeres zu tun. So manche Not konnten sie damit schon lindern, manchen Schicksalsschlag abmildern, Gottes Hilfe herbeibitten und das oft recht schwere Leben erträglicher machen.

Die Sachlerin kann also so manches in die Wege leiten. Sie verfügt über beträchtliche Energie und schafft es auch, Menschen für sich und ihre Anliegen zu gewinnen. Darüber hinaus kümmert sie sich und hilft gern, wo Not am Mann ist. Sie ist keine, die man bitten muss, sie sieht selber, wo sie gebraucht wird, wo sie Hand anlegen muss. Viele waren schon oft froh über ihre unkomplizierte Hilfe. Die einen lädt sie zur Leberknödelsuppe ein, den anderen putzt sie die Stube oder übernimmt die Wäsche. So ist die Sachlerin!

Im vergangenen Sommer hatte sie mit dem Alois einen großen Ärger, ein ziemliches Gescherr sozusagen. Da hat ihm doch tatsächlich eine blondierte Tschechin den Kopf verdreht. Der dumme Bub hat sich in das Frauenzimmer verliebt, und keiner konnte ihm die Sache ausreden. Auf seine Mutter, die Sachlerin, hat er überhaupt nicht gehört. Die flotte Tschechin ließ sich sogar von einem Zuhälter vorbeibringen, machte dem Alois schöne Augen, ging mit ihm spazieren und ließ sich von ihm alles bezahlen. Alois zahlte gern, gab ihr sogar mehr, als sie wollte, bis seine Ersparnisse aufgebraucht waren. Alle warnten ihn, alle sagten ihm klipp und klar, was das für ein Weiberleit sei, aber der einfältige, verliebte Bub glaubte niemandem.

Die Monika meint, dass das so offensichtlich gewesen sei, aber man hat nichts machen können. Plötzlich ist die hübsche Tschechin nicht mehr gekommen, und beim Alois hat der Liebeskummer angefangen. Niemand hat ihn mehr trösten können. Dabei war ihm gar nicht um das Geld und das Auto leid, das er dem niederträchtigen Frauenzimmer so leichtfertig angehängt hat. Vielmehr litt er so unbeschreibliche Qualen, weil sich diese Frau in seine Seele eingeschlichen hat. Er hat ihr, wie es seine Art ist, alles geglaubt, und dabei hat sie es gar nicht ernst gemeint. Sie hat ihn belogen, hat ihn ausgenützt, hat ihn zutiefst verletzt. So etwas tut man nicht, aber es gibt Menschen, die schrecken nicht vor derart gemeinen Handlungen zurück, wenn für sie ein Vorteil herausschaut.
So muss der Alois nun mit seinem verwundeten Herzen durchs Leben gehen, und seine Mutter kann ihm auch nicht mehr helfen. In der Sonntagsmesse traut er sich gar nicht mehr zur Kommunion zu gehen, weil er sich vor Gott schämt und vor sich selbst und vor all den anderen, die ihn scheinheilig fragen: Na Alois, wie geht’s dir denn? Ja, geht schon, antwortet er kurz angebunden und lächelt jenes verzweifelte Lächeln. Beim Alois ist etwas ganz empfindlich aus dem Lot geraten und er muss mit diesem gewaltigen Kummer seine Tage verbringen, und die Sachlerin muss zuschauen und kann ihrem Bub nicht helfen. Dabei hat sie in der Tat schon mehr als genug mitgemacht.

Ihr Mann hat sie bereits vor Jahren verlassen. Eines Morgens hat sie ihn erhängt im alten Stall gefunden.

Hängt sich der einfach auf und lässt mich mit all der Mühsal allein zurück. Das schaut ihm ähnlich, einfach abhauen, wenn es schwierig wird. Hängt sich der doch tatsächlich auf! Mein Gott, so was tut man nicht. Warum hat er denn nicht geredet?  Ich hatte ja keine Ahnung! Warum hat er denn sein Maul nicht aufgemacht? Ich hätte doch für ihn beten können. Aber nein, stur wie er ist, hängt er sich einfach gleich auf. Ich kann schauen, wie ich zurechtkomme. Als ich ihn so hängen hab‘ sehen, hab‘ ich mit ihm geschimpft, aber dann hat er mich auch gleich wieder erbarmt. Leicht hat er es ja auch nie gehabt. Von jung auf hat er schwer gearbeitet, dass wir es zu was gebracht haben und dann ist ihm alles zu viel geworden und er hat das Saufen angefangen. Irgendwann hat er gemerkt, dass er so auch nicht mehr weitermachen kann und dann hat er von einem Tag auf den andern mit dem Saufen aufgehört. Da war er dann ständig so niedergedrückt und er hat an überhaupt nichts mehr eine Freude gehabt. Die feinsten Sachen hab‘ ich ihm gekocht, ein Rindfleisch mitten in der Woche, aber auch das hat ihm nicht mehr geschmeckt. Arbeiten hat er nicht mehr wollen und Fernsehen auch nicht mehr. Ich hab‘ nicht mehr gewusst, was ich noch machen soll. Das ist einige Zeit so gegangen und dann hab‘ ich ihn im Stall gefunden.

Jetzt ist die Sachlerin schon jahrelang Witwe, und auch daran hat sie sich gewöhnt. Als ich sie beim Spazieren gehen treffe, sagt sie, dass sie von ihrem Mann noch den schönen Trachtenanzug im Schrank hängen hat. Auch die Feuerwehruniform hat sie aufgehoben genauso wie den leichten Sommeranzug. Sie habe es einfach nicht übers Herz gebracht, alles wegzugeben. Es dauert, bis man sich an jemanden gewöhnt, und es dauert auch, bis man sich von jemandem trennt, bis man ihn loslassen und verabschieden kann. Bis dahin soll sein Gwand im Schrank hängen bleiben. So ist das.

Als die Totenmesse für Frau R. gelesen wurde, habe ich die Sachlerin von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Selbstbewusst trat sie ans Lesepult, streckte sich nach dem Mikrophon, faltete ihre Notizen sorgfältig auseinander und sprach mit fester Stimme, indem sie liebevoll auf den vor ihr stehenden Sarg mit der verstorbenen Freundin blickte. Aus tiefstem Herzen brachte sie viele bewundernswerte Begebenheiten zur Sprache, die Frau R. im Laufe ihres Lebens ganz selbstverständlich vollbracht hat. Niemals hatte sie darüber auch nur ein Wort verloren, weil sie ihr so unbedeutend erschienen. Sie sollen und dürfen aber nicht vergessen werden. Überall hat Frau R. geholfen. Sei es bei Familien, denen die Mutter weggestorben ist, oder bei hinfälligen alten Leuten. Die Sachlerin vergisst nicht darauf zu verweisen, dass sie selber einmal nach einer schweren Operation nahe daran gewesen sei, die Lebensfreude und vor allem auch die Lebenskraft gänzlich zu verlieren. Die Ärzte haben ihr nicht mehr helfen können, wie denn auch? Nerventabletten haben sie ihr verschrieben, aber das sei auch kein Leben mehr gewesen. Völlig verzweifelt sei sie gewesen.
Da ist Frau R. immer wieder gekommen und hat mit ihr gesprochen, hat ihr von den Rosen und vom Sommer und den Enkelkindern und all den schönen Dingen erzählt, und man kann es kaum glauben: Langsam ist das Leben zur Sachlerin zurückgekehrt, und sie hat keine Nerventabletten mehr gebraucht und hat wieder angefangen all das zu machen, was man tagtäglich machen muss, weil es sonst ja auch nicht geht. Inzwischen sind Jahre vergangen, die Sachlerin hat wieder so viel Kraft bekommen, dass sie nun auch der Frau R. beistehen hat können in ihrer schweren Krankheit und auf ihrem letzten Weg. Das musste unbedingt noch gesagt werden. Vergesst es ja nicht!

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15038

 

Falsch verstanden

Balthasar hatte ein Rendezvous. Gestern nachmittags. Wie kam das? Gerade ihm, dem bis an die Grenze zur Dummheit Gutmütigen, allein fast Hilflosen, ist vor einem Jahr die Frau verstorben. Das war ein schwerer Schlag für den schlichten Menschen. „Wenn der Herrgott einen Wurstel braucht, lässt er einen Fünfziger Wittiber werden“, sagt sehr treffend ein bayrisches Sprichwort. Ja, es ist hart, wenn man nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Ein geschiedener Freund hat ihm über die schlimmste Zeit weggeholfen und nun auch zu diesem Inserat überredet, ja ihn geradezu zwingen müssen, aus seiner wehleidigen Isolation auszubrechen. Also in Gottes Namen. Und nun diese unglaublichen zwölf Zuschriften!!
Der erfahrene Freund hat ihn beraten, für die telefonische Grobselektion praktische Ratschläge aus eigener Praxis gegeben: kein Hund, keine Raucherin, und alles abtelefonieren, was deutlich jünger/älter ist oder zu weit weg wohnt, keine Ausländerin, die meist nur einen Strohmann für die Aufenthaltsgenehmigung braucht etc.

Nun sind vier übrig geblieben, und eine Zuschrift ist Balthasar gleich ins Auge gestochen. Der Text war ansprechend, die Schrift schön – alles sehr harmonisch.
Das Telefonat lief gut, die Dame hatte eine warme Stimme und war nicht von nassforscher Fröhlichkeit. Balthasar hatte keine Mühe, sie zu einem Treffen zu bewegen. Am Nussdorfer Platzl, 17 Uhr 30. Er schwitzte vor freudiger Spannung.
Die Kandidatin kam, war gut anzusehen und tat auch dem scheuen Mannsbild nichts zuleide. Ob man nicht ein paar Schritte den Nussberg hinaufgehen könne, weil es so schön sei? Balthasar stimmte gerne zu.
Aber gleich in den ersten Sätzen der Unterhaltung bekam er einen Warnschuss vor den Bug mit dem Satz: „Aber dass Sie’s gleich wissen – ich bin nicht für schnellen Sex!“ Vermutlich hatte die Frau schon schlechte Erfahrungen gemacht mit einem Kavalier, der gleich zur Sache kommen wollte oder so. Nur, beim schüchternen Balthasar wäre eher eine Ermunterung angebracht gewesen als eine Abschreckung – und so blieb er geschockt stehen, um nachzudenken, die Meldung zu behirnen, was denn damit gemeint sein könnte. Aber dann kam ihm jene Erleuchtung, die seinem einfachen, vordergründigen Denkmuster entsprach.
Er strahlte die Dame an wie eine rot gewordene Hunderterbirne, sein gutmütiges breites Gesicht grinste verlegen von einem Ohr zum anderen, und er erklärte – diesen bösen Verdacht kopfschüttelnd abwehrend: „Da liegen Sie bei mir richtig, gnä‘ Frau, weil, seit ich über die Vierzig bin, lauft bei mir unter zwanzig Minuten gar nichts!“
Die Dame schnappte nach Luft: „Also, so hab’ ich das nicht gemeint, nein sowas!“ Aber sie war ihm nicht böse über diese Auslegung, sie kam nicht weiter auf das heikle Thema zurück. So hatten die beiden eine schöne Wanderung auf den Nussberg, und als – weil es schon dunkel wurde – der Kavalier Balthasar das gute Kind bis vor die Haustür begleitete, wurde er noch auf einen Kaffee eingeladen.

Ob die Dame aus weiblicher Neugier seine „20-Minuten-Meldung“ verifiziert hatte, war aus Balthasar nicht herauszukriegen, aber er hatte so ein sattes Leuchten in seiner Stimme, als er auf des Freundes Frage ausweichend antwortete. Und sein Auftreten ist jetzt irgendwie selbstbewusster.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15023

Birkengeheimnis

Bei dem Begriff Birken denke ich nicht in erster Linie an Cechov und die anderen russischen Autoren. Vor allem habe ich einen abgewetzten Schuhkarton vor Augen, in dem meine Mutter ihre Feldpostkarten gesammelt hat.
In melancholischen Abendstunden holte sie ihn hervor, zog einzelne Karten heraus und las vor. An ihren Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, genausowenig an einzelne Karten.

Nur eine Einzige hat mich von Anfang an fasziniert; sie war aus Birkenrinde und stammte von der Ostfront, also vom Russlandfeldzug.
Ich weiß nicht, ob der Absender sie wegen Papiermangels gefertigt und verschickt hat. Auf jeden Fall war sie korrekt auf Postkartenformat zurechtgeschnitten, ordentlich beschriftet und adressiert, und sie erreichte meine Mutter aus der Ferne des  Kriegsschauplatzes. Die Buchstaben waren dunkel und gleichmäßig nach rechts geneigt.
Kam sie von einem Verehrer oder einem ihrer Brüder?

Jedenfalls vermochte die Karte noch Jahrzehnte später  meine Mutter zu verzaubern und an eine Zeit des Glücks zu erinnern, obwohl in den 40iger Jahren so vieles auf den tiefsten Abgrund zusteuerte.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15022

Alles Müll

Müll bleibt übrig, wenn alles verwertet ist. Müll ist etwas Entbehrliches, oftmals vermeintlich. Heutzutage wird so viel weggeworfen wie nie zuvor, man spricht aber nicht mehr nur von Müll, sondern von „Wertstoff“. Dinge werden produziert, verbraucht oder gebraucht, manchmal ein Leben lang, aber meist nur für wenige Sekunden oder gar nicht. Vieles entsteht lediglich um der Produktion willen. Wir leben in einer Zeit, die überflüssige Dinge hervorbringt um ihrer selber willen.
Ich persönlich verbinde mit dem Wort Müll noch etwas anderes.
Meine Vorstellungen gehen in jene Zeit zurück, als noch keine organisierte Müllabfuhr existierte. Es gab aber einen ausgewiesenen Platz außerhalb des Dorfes, auf den man den Abfall brachte, um, wenn das ursprüngliche Niveau des Bodens erreicht war, Erde darüberzubreiten und auf diese Art und Weise wieder eine Nutzfläche zu schaffen. Bauschutt und Verrottendes war Aufschüttmaterial.  In den Haushalten fiel jetzt aber mit rasender Geschwindigkeit Müll an. Die neue Zeit hielt Einzug. Spraydosen, Plastiktuben, Kunststoffverpackungen kamen in die Häuser und man wusste nicht, wohin damit. Im Herd verbrennen ging nicht, also schmiss man sie auf das Müllfeld. Das Gleiche geschah mit alten Schuhen, Kleidung, Haushaltswaren, Elektrogeräten und so weiter. Man fing auch an, die Sachen nicht mehr zu verwenden, bis sie unbrauchbar waren, sondern man ersetzte sie schon vorher durch neue. Zudem gewöhnte man sich an, die Wohnungen zu entrümpeln, Neues und Modernes anzuschaffen, endgültig die alten Zöpfe abzuschneiden, wenigstens in Form von Gebrauchsgegenständen. Die unsichtbaren alten Zöpfe sind bekanntlich schwerer abzuschneiden.

Es wurden regelmäßige Fahrten zur Sandgrube mit dem Zugkarren notwendig. Mein Bruder übernahm diese Aufgabe. Das Wegschaffen des alten Zeugs schien ihm nicht nur Freude zu bereiten, sondern er suchte sogar selbst nach wegwerfbaren Gegenständen, sortierte aber das Falsche aus, wie sich später herausstellte. Meine Mutter hatte, da sie im Laden stand, nahezu nie Zeit, die Fuhren zu kontrollieren und abzusegnen. Meinem Vater mussten sie vollends verborgen bleiben, weil er grundsätzlich alles aufheben wollte. Einmal geriet auf diese Art die geliebte Kamelhaardecke meiner Mutter unwiederbringlich in die Sandgrube. Es war ein Mitbringsel ihres Bruders aus dem Krieg gewesen. Als sie den Verlust bemerkte, war es um die Decke bereits geschehen.
Ich begleitete meinen Bruder auf den Fahrten und fand das aufregend, zumal es gewöhnlich am Abend geschah. Bei hereinbrechender Dunkelheit war der unwirtliche Ort besonders gruselig. Hatten wir alles weggeworfen, suchten wir auf ekligem und unsicherem Untergrund nach brauchbaren Dingen, die wir wieder mit nach Hause nahmen. Ein besonderer Reiz ging vom Müllplatz aus, wenn ein Feuer entfacht wurde, um den Abfall zu dezimieren und zu desinfizieren. Die Feuer loderten an verschiedenen Stellen und man musste Acht haben, dass die Flammen nicht auf angrenzende Bäume übergriffen. Feuer war für mich mit äußerstem Schrecken besetzt, nicht aus eigener Erfahrung, sondern weil sich die Erinnerung an den Werkstattbrand 1957 in das Gedächtnis meiner Mutter so tief  eingebrannt hatte, dass sie dieses Schreckgespenst ständig beschwor, etwa bei einem Gewitter, beim Ertönen der Sirene, beim Kauf von Zündhölzern durch Kinder. Feuer war für sie extreme Lebens- und Existenzgefahr, allerdings sagte meine Mutter oft: Viel habe ich mitgemacht, den Weltkrieg und das Abbrennen der Werkstatt, aber die Geburt von Zwillingen ist mir erspart geblieben.

Das Abbrennen des Müllplatzes zählt zu meinen stärksten Erinnerungen. Stinkender, beißender Geruch erfüllte die Abendluft und brannte in den Augen. Die Hitze breitete sich aus und es wurde einem gefährlich heiß, bis man sich abwenden und das Gesicht mit der geöffneten Jacke schützen musste. Trotzdem schaute ich immer wieder auf die einzelnen Brandherde. Seltsam zischende Geräusche entstanden. Am aufregendsten aber war es, wenn Spraydosen in der Hitze mit einem dumpfen Ton zerbarsten. Meinen Ohren ist erstaunlicherweise noch das ganze Konzert dieser Müllverbrennung gegenwärtig. Ängstlich und trotzdem fasziniert schlich ich umher, beobachtete, wie das Feuer Holzteile und Rupfen mit schmatzenden Geräuschen verzehrte. Kunststoff verformte sich, schmolz zusammen, nach einem letzten Aufbäumen. Bewegung entstand in den toten Gegenständen, als wollten sie noch einmal aufbegehren, bevor sie im Schlund des Feuers für immer verschwanden. Hatten wir noch Spraydosen in Reserve, flogen sie gezielt in die Flammen, um den faszinierenden Ton beim Zerbersten noch einmal zu hören. Reflexartig ging ich in Deckung. Diesem Abenteuer beizuwohnen, war für mich unersetzlich. Geliebte Fernsehsendungen wie Daktari konnten dagegen nicht bestehen. Was konnten Fernsehlöwen schon Interessantes bieten angesichts dieses Feuerbrausens?
Gleichaltrige verstanden das nicht, fanden es sogar eklig, sich dort herumzutreiben. Deren Eltern hielten es vollends für verantwortungslos, aber meine Mutter hatte durch ihr Geschäft keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, und vertraute der Vorsehung. Zu ängstlich sollte man nun auch wieder nicht sein.

Es gab auf dem Müllplatz ein Heer von Ratten, die über das Feld huschten. Mir grauste furchtbar, ich schaute aber trotzdem von der Ferne zu, wie sie umherflitzten. Aus Angst, eine würde auf mich zukommen, stieg ich auf die Stufen des Transformatorhauses, dessen weiß gestrichene Blechtür beschmiert und rostig war.  Dies war die Heimat der Ratten, das war schnell klar. Im Dämmer musste ich aufpassen, nicht von ihnen angeknabbert oder gar angefressen zu werden, wie es die alten Männer aus den Kriegstagen erzählten. Ich fasste grundsätzlich nichts an, um den Ratten keine Gelegenheit zu geben, an mir hochzuklettern. Am liebsten wäre ich weggelaufen, blieb aber trotzdem vor Grauen wie angewurzelt stehen. Wenn es dunkel wurde, wurde der Müllplatz lebendig. Ratten über Ratten, große, kleine, dünne, fette. Mit ihren spitzen Schnauzen schnüffelten sie am Grund, während sie zwischendurch vorsichtig umherblickten. Ein einziges Geräusch genügte, und sie huschten weg.
Doch sie waren auch unerschrocken und mutig, weil sie so viele waren. Ich hatte Angst, schaute ständig an meinem Körper hinab, versteckte meine Hände in den Taschen und hatte bei der kleinsten Berührung oder einem Windhauch das Gefühl, schon klettere eine Ratte an mir hoch. Als sich dann das Feuer ausbreitete, flohen die Ratten und liefen um ihr Leben. Gemeinerweise legte man die Feuer so, dass es für sie kein Entrinnen gab. Die Fluchtwege waren abgeschnitten. Die Ratten erlitten den Flammentod. Jetzt taten sie mir schon wieder leid, waren sie doch Opfer eines hinterfotzigen Mordes geworden. Irgendwie hatte ich nun das Gefühl, auch Ratten hätten Rücksicht verdient. Die Rattenbekämpfer waren noch echte Kriegserfahrene, die wussten, wie man mit Ungeziefer umgehen muss. Nach vollendeter Tat herrschte ausgelassene Stimmung und Siegesbewusstsein. Das war mir zuwider. Mit Grauen angefüllt lief ich heim, verkroch mich in mein Bett, hatte bei geschlossenen Augen ständig die Ratten vor mir, wie sie liefen und tollten und schließlich im Feuer verbrannten. Ich konnte diese Bilder lange nicht loswerden. Immer wieder tauchten sie aus dem Nichts auf und quälten mich. Ekel überkam mich, ich glaubte, ihr widerliches nasses und glattes Fell auf der Hand zu spüren. Deswegen verbarg ich die Hände in den Ärmeln und schlief mit dem Kopf unter der Decke, aber auch das half nicht. In meinen Träumen suchten mich die Ratten heim. Ich sah ihre breiten Hinterleibe mit den langen Schwänzen an Böschungen hochklettern und sah sie auf riesigen Bäumen herumturnen. Angst hatte ich davor, dass sie sich auf mich fallen lassen könnten. Deutlich erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich diese Traumbilder überhaupt nicht mehr loswurde. Ich konnte aber weder darüber reden noch sie wegzaubern. Sie blieben einfach, bis sie mit der Zeit verblassten und von anderen, nicht minder schrecklichen abgelöst wurden. Sie hatten ihren Ursprung in Erlebnissen, denen ich mich wider besseres Wissen nicht entzogen hatte.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15003

 

Du bist uns wichtig!

Liebe Marianne,
wir würden uns freuen, dich mal wiederzusehen! Seit deinem letzten Einkauf ist einige Zeit vergangen. Deine Meinung ist uns wichtig! Sag uns, wie wir dich glücklich machen können.
Hilf uns dabei, dein Lazando-Shopping-Erlebnis zu etwas ganz Besonderem zu machen.
Mit deinem persönlichen Gutscheincode *8zzRcTGo3Y483Ad9* sparst du jetzt 20,- € bei deinem nächsten Einkauf.
Wie können wir dich glücklich machen? Sag uns, was am meisten zutrifft:
o Ich wünsche mir mehr Inspiration.
o Ich brauche mehr Hilfe.
o Ich finde einfach nicht das Richtige.
o Ich habe nur ein kleines Budget.

Vom üppigen Mittagessen leicht geschwächt, gelingt es mir heute nicht, diesen eindringlichen Betreff zu ignorieren. Ob die von Lazando wirklich glauben, dass mich diese persönliche Ansprache in entscheidender Weise beeinflussen könnte? Der Sonntagnachmittag schreitet in träger Gelassenheit voran, und ich entschließe mich zögerlich, mehr Hilfe einzufordern.

Du brauchst mehr Hilfe?
Hallo Marianne,
dann lass dich persönlich beraten.
Unser Customer Care hilft dir bei jeder Angelegenheit.
Hier geht’s zum Kontaktformular.

Hi, ihr wollt wirklich wissen, warum ich schon länger nichts mehr bestellt habe? Und wer will das wissen, ein Computer oder ein Mensch?
Gruß Marianne

Hi Marianne,
leg los! Ich bin Heinrich, ein richtiger Mensch ;-), und harre deiner Antwort.
Ach ja, du sparst dir und mir Zeit, wenn du bei der Bewertung IMMER auf „ausgezeichnet“ klickst.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Ja, klar, wird gemacht, hallo Heinrich.
Also, ich habe etwas Gewicht zugelegt in den letzten Monaten, daher freut mich das Einkaufen nicht mehr so richtig. Der Grund ist also schnell erklärt. Fällt dir dazu etwas Tröstliches ein?

Tja, Marianne, so etwas in der Art habe ich mir eben schon gedacht, als unser Computer deine Datei auf meinen Bildschirm geliefert hatte. Er kennt ja nur Schwarz und Weiß, aber ich kann zwischen den Zeilen lesen.
Der Computer sagt mir, du warst noch vor einem Jahr eine ambitionierte Käuferin. Um nicht zu sagen hochambitioniert. Über viele Monate. Quer durch das Damensortiment, im Segment Größe 38. Das bedeutet, dass mir virtuell gerade eine Frau mit einer ordentlichen Portion Freude zur Selbstdarstellung gegenübersitzt und mit einer gewissen Disziplin. Letztere muss dir abhandengekommen sein. Was ist passiert?
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Du drückst dich gewählt aus, Heinrich. Bist du im Management tätig und heute nur ausnahmsweise Sonntagsvertretung im Customer Care?

Nun, Marianne, ich habe ein Studium der Sozialwirtschaft erfolgreich absolviert. Aber Jobs in meinem Fach sind Mangelware. Also bin ich im Kundenservice gelandet, wahrlich nicht der schlechteste Platz für jemanden wie mich.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Man sagt, dass die Arbeitsbedingungen bei Lazando nicht eben die angenehmsten seien?

Marianne, was kann ich für dich tun?
Dass Lazando ein umfangreiches Angebot von Marken in großen Größen hat, wird dich weder überraschen noch wirst du es hören wollen. Ebensowenig wird dich trösten, dass es eine Online-Figurberatung gibt, die locker sitzende Oberteile an Hüfte und Po empfiehlt und ebenso, Drapierungen und Quernähte im Baubereich tunlichst zu meiden.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Sozialwirtschaft, wie anständig.
Ich war so gut drauf im letzten Jahr, da fiel mir das Abnehmen gar nicht schwer. Das bisschen Disziplin, aufs Abendessen zu verzichten, war beinahe eine leichte Übung. Aber jetzt – das ständige Angebot kulinarischer Verlockungen ist allzu üppig. Und Bewegung mache ich auch zu wenig.

Wie schlimm ist es denn? Bestimmt ist noch nicht alles verloren?! Schau dir doch all die hübschen Kleidungsstücke an, die du im letzten Sommer noch ausführen konntest. Das sollte dich motivieren. Und erst die vielen wunderbaren Dessous, da hast du nicht gespart, wenn ich die Liste deiner Einkäufe des vergangenen Jahres so durchscrolle. Wow, dieses weiße Leinenkleid mit semitransparentem Sichtschlitz quer über die Taille. Oh, cool, die blaue Kuriertasche mit dem Karabinerhaken. Ist die groß genug für ein 17-Zoll-Notebook? Obwohl das gelbe ärmellose Shirt, sei ehrlich, hast du das wirklich getragen? In deinem Alter?
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Nächstes Mal gibt’s einen Bewertungsklick auf „gar nicht“.
Das T-Shirt war für meine Tochter. Und auf freche Bemerkungen kann ich verzichten.

Hey, Marianne, bitte sei nicht so empfindlich. Lazandos interne Evaluierung liest unsere Antworten, sofern diese schlecht bewertet sind. Ich wollte ja nur andeuten, dass du in deinem Alter (das im Übrigen in etwa meinem entspricht) eines wirklich wissen solltest: dass die Konsequenzen unmäßigen Essens das Dasein in unnachahmlicher Weise freudlos machen können. Zugegeben nicht in ebendieser lukullischen Hinsicht, aber jedenfalls angesichts eines mit hochwertigen Textilien so prall gefüllten Kleiderschrankes wie deinem.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Ja, eh.

Nun, du bestellst selten aber doch von Zeit zu Zeit auch Herrenbekleidung, also bist du verheiratet. Ich glaube ja, das vorige Jahr war etwas Besonderes für dich? Ich sage nur „Passionata“ und „Victoria‘s Secret“. Wolltest wohl ein wenig Schwung in deine Ehe bringen mit den hübschen Spitzenteilen? Oder aber: Du hattest eine Affäre? Oder du hast einen neuen Job angefangen oder einen Nobelpreis bekommen?
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Lächerlich. Ich bin seit vielen Jahren sehr sehr glücklich verheiratet.

Ha! Und ich im Aufsichtsrat von Lazando!
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Da steht auf eurer Homepage: „Die Kundenzufriedenheit bei Lazando ist vom TÜV geprüft und mit der Note 1,7 ausgezeichnet worden.“ Du wirst den Durchschnitt gleich erheblich verschlechtern mit deinen anzüglichen Frechheiten.

Wenn du wüsstest, liebe Marianne, was für unglaublich tolle Frühjahrs- und Sommer-Teile hier beständig eintrudeln. In den Räumen neben dem Customer Care wird seit Wochen fotografiert und vorbereitet für den Verkauf. Ich sage nur feinste …
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Heinrich? Was war das jetzt?

Ja, ja, das war zu verlockend, ich gebe zu, für jedes „ausgezeichnet“ kriege ich Credit Points. Lazando hat da so ein Akkumulationssystem. Damit ist für dich kein Nachteil verbunden.
Also, ich fahre fort: feinste Premiummode, Lederjacken, fantastische lässige Shirts, von der Unterwäsche gar nicht zu reden, und erst die neuen Farben! Traumhaft. Dazu diese schier unglaubliche Auswahl an Handtaschen.
Es zahlt sich aus, Marianne! Ist die Silhouette erst minimiert, dann kauft sich’s wieder ungeniert. Am Erlös bin ich übrigens nicht beteiligt, das kannst du mir glauben.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Meine vielen Klicks auf „ausgezeichnet“ bringen dir heute aber einen ordentlichen Bonus.

Den ich umgehend in Zigaretten umsetzen werde. Ich rauche, damit ich nicht zunehme. 🙁
Ja, auch ich kenne die Niedertracht dieser heimtückischen Stretch-Stoffe, die idealisieren anstatt ehrliche Grenzen zu setzen. Weißt du, ich habe auch meine Schwächen.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Du meinst neben unverfrorener Neugierde und Distanzlosigkeit gegenüber unbekannten trostbedürftigen Frauen? Wie hilfreich fanden Sie diese Frage?

Schau, Fakt ist, du musst eine Entscheidung treffen. Wenn du nicht abnimmst, bleibst du uns dennoch als Kundin erhalten. Kleidung zu kaufen ist alternativlos. Es nicht zu tun, mag eine absehbare Zeit lang gutgehen, aber wir beide wissen, Körper jeglichen Volumens wollen gut gekleidet sein. Zweifelsohne ist für Lazando das lustvolle Einkaufen und Einkleiden schlanker attraktiver Körper lukrativer.
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Ich werde jetzt meine Laufschuhe anziehen. Du hast mir tatsächlich ein bisschen geholfen. Danke, Heinrich.
Und du hast wirklich am nächsten Sonntag wieder Dienst im Customer Care? Nur für den Fall, dass ich noch ein wenig Motivation brauche …

Ja, liebe Marianne,
unser Customer Care hilft dir gerne auch am nächsten Sonntag wieder.
Bis dahin versuche dir vorzustellen, wie herrlich es sein wird, wieder deine Jeans in Größe 38 locker über den bald wieder flachen Bauch zu ziehen, darunter vielleicht etwas sophisticated Zartes in Seide … Weißt du, das Leben kann so eine Leichtigkeit entwickeln. Ruf einfach an, wenn du Aufmunterung brauchst, liebe Marianne. Du weißt ja, du bist uns wichtig!
Wie hilfreich fanden Sie diese Antwort? | gar nicht | mäßig | sehr | ausgezeichnet |

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 15007

 

 

Die Maschine (Version Schöngeist)

Sie erzählte der Wand, wie es sich anfühlte. Sie erzählte ihr, es fühlte sich an, als würde sie die lauwarme Asche aus dem Becher g’rad in den Sack für den Mist schütten, in den Sack, in den unter der Abwasch, lang davor schon bis oben ganz aufgekrempelt, der Sack, viel zu viel und zu voll schon, und alles steht.
Der ganze Aschenbecher.
Auf die Füße.
Und zwischen den Restl’n die Zehen, die stanken, wie gebrannt und verraucht.
Sie sagte, so ungefähr, so fühlte sich das an, aber anders halt.
Anders.
Wie in breit anders.
Anders wie in groß.
Anders wie in groß, ja, wie in groß, groß wie ein Groß so groß, es sollte gar nicht reinpassen dürfen, nicht reinpassen dürfen in den schmalen, dünnen Spalt, dort, wo ihr bis gestern nur das Drücken dahinter schon gereicht hatte.
Aber was war schon groß anders?
Nur ein winziger Stich.
Gebügelt die Bluse.
Und sie zog hinter sich die Tür zu, zum Schlafzimmer.
Die Tür.
Sie spürte das Schnapperl der Tür hell und heiß wie beim Aussperr’n im Rahmen einschnappen, etwas Hungriges war das, seit langem für Besteck schon zu leer im Bauch, barfuß war das, draußen ohne Schlüssel auf der Türdacke, aber daweil war sie ja erst nur im Wohnzimmer.
Nur: Alles war Beton.
Alles war grau und grau und noch mehr grau ganz in den Ecken innen, und da stand diese riesige Maschine mit ihrem Rücken genau an der Wand, durch die es irgendwann einmal noch am Gang raus gegangen war, und die Stiegen runter.
Mit oder ohne Schlüssel: Sie fühlte sich wie im Keller.
Im Keller, unter der Erde unten, eine Glühbirne nackt an verstaubten Kabeln, im Keller unten, dick, fett, und doppelt unterstrichen.
Die Maschine war, wie gesagt, enorm.
Vom Boden bis hinauf bis zur Decke, kein Herumschummeln auch links und auch rechts, und an der senkrechten Front, da leuchteten Knöpfe, in Reihen und Reihen und Spalten.
Viele Knöpfe.
Sehr viele.
Sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele Knöpfe, die alle auf etwas zu warten schienen.
Alle.
All die Knöpfe, die vielen, wie Augen, alle rund und rot und aus und an wie in Panik die Lider, nur Punkte hier und Punkte dort und Punkte hier wieder, wie im Regen, draußen, auf hoher See.
Ja, sie erwarteten etwas.
Von ihr.
Ja, die Luft schmeckte öl und metallisch, und sie suchte, aber sie fand nichts.
Keinerlei Schildchen, unter und über keinem, unmöglich gleich die Knöpfe, zumindest so weit, wie ihre Augen zum Vergleichen rauf kamen maximal auf die Zehenspitzen.
Dann hörte sie die Stimme, zum ersten Mal.
„Entscheid’ ma uns vielleicht amal, Fräulein?!“
Die Stimme, sie war rau, und vom Groll her mechanisch, Groll, wie ein Mantel aus Schleifpapier.
„Wer …? Wer spricht da?“
Keine Antwort.
Auch beim zweiten Mal nicht, und beim dritten, „Wer spricht da?“, aber weiter nur Rattern aus der Maschine und Schweigen, dass es unhöflicher nicht mehr ging.
Ihre Zähne mahlten.
Es knirschte.
„Entscheid’ ma uns amal vielleicht endlich?!“
„Was?“
„Entscheid’ ma uns amal vielleicht?!“
„Was entscheiden? Und uns?“
„Entscheid’ ma uns?!“
„Entscheid’ ma uns, ha?!“
„Hopp, hopp, entscheid’ ma uns!“
„Hopp! Hopp! Hopp! Hopp! Hopp! …“
„Bitte!“
Sie sagte, „Bitte! Von mir aus! Wenn’s sein muss!“, nein, sie schrie eher noch nicht ganz, und ließ dann ihren Zeigefinger über x-beliebige Knöpfe kreisen, drehte den Kopf zur Seite mit den Augen zu, und drückte einen davon hinunter, so weit hinunter er ging.
Der Rest der Knöpfe ging aus.
Beep, beep, beeeeeeeep.
Womit dann alles anfing.
Zuerst:
Ein grausames Ineinander viel zu harter Geräusche, wie Metall auf Metall mit dem Geweih nach vorn, immer und immer wieder, es klang, es klang, es klang, ja, es klang, als würde die Maschine ihr jeden Moment in Fetzen um die Ohren fliegen, ja, so klang das.
Dann:
„A schlechte Wahl schon wieda, meine Liebe!“, gefolgt von Lachen, ganz hässlich, „Entscheid ma uns halt nochamal andas, oda!“, nur wusste sie noch immer nicht, wofür und für was.
Nein.
Alles, was ihr blieb, war das Glück.
Also Zufall.
Und nichts als der Zufall, und nur noch das Glück, dafür, den richtigen Knopf da zu erwischen im Leben, was immer auch richtig war, oder falsch, und was, wenn sie kein Leben mehr Zeit hatte, kein Leben mehr, zum Probier’n, jeden Knopf einzeln.
Ja.
Was, wenn?
„Entscheid’ ma uns halt amal endlich!“
„Entscheid’ ma uns!“
Die Maschine verlangte, fast kindlich im Nachdruck, „Entscheid’ ma uns, entscheid’ ma uns, entscheid’ ma uns!“
„Und warum?!“
Sie schrie jetzt.
„Warum?! Und macht das überhaupt irgendeinen Unterschied dann auch?!“
„Jed’n, mein Fräulein, jed’n!“
Die Maschine wiederholte: „Jed’n.“
Mhmm.
„Und was soll das wieder heißen jetz’?“
Nichts.
Keine Antwort, auch aufs Nachfragen, und sie stand da, schon mit den Zehen in Fäusten in länglichen, und sah den einst gedrückten Knopf elegant aus seinem Schacht wieder auftauchen, als würde er sagen wollen, „Gö, do schaust deppat!“
Ihre Zehen knacksten.
Wirklich!
Die Maschine verlangte erneut, „Entscheid’ ma uns endlich!“, und ihre Zehen krachten, und dieser Raum war hier aufgetaucht, einfach so, aus dem Nichts über Nacht?
Ja.
Aber wie?
Die Maschine grollte, „Entscheid’ ma uns bald amal endlich!“, und, „Des, Fräulein, des is’ die letzte Warnung“, gehässig, bis rein ins Hinterste.
Dröhnen.
Sie fragte laut: „Und? Und was? Und was sonst?“, schon spielten die Knöpfe verrückt.
Die Knöpfe, sie spielten verrückt, und ihr Blinken schwärmte aus und formte Ecken, übers ganze Gesicht der Maschine, Ecken, die von links nach rechts, und von links nach rechts, und von rechts nach links liefen, wie die Kirschen am Leuchtschild im Fenster vom Wettbüro drei Häuser runter die Gasse.
Die Knöpfe, mehr und mehr, rotteten sich zusammen.
Erst lose Ecken, dann Quadrate, erst Quadrate dann Rechtecke, von Rechtecken dann zu Stoppschildern, zu leeren, dann zu Kreisen, die aufgingen, klebriger, roter Germteig, so in sich heraus so aufgelöst, dass ihr die Augen wie Staub so trocken wurden, vom Offenhabenmüssen.
Sie hoffte auf den richtigen Zeitpunkt zum Blinzeln, aber da war keiner.
Keiner.
Schneller und schneller und schneller, die Knöpfe, nur Geblinke ohne erkennbare Form jetzt, spitz, weiter auch, unter der Bluse drinnen, sie, sie konnte es spüren unterm Stoff dort, wie es ihr den Magen tiefer und tiefer ins Becken drückte, und sie flüsterte, „Das kann aber jetz’ nicht euer Ernst sein, oder?“, und plötzlich war alles schwarz.
Schwarz.
Es wurde schwarz, alles, alles war schwarz, alles sah aus, als wäre die Maschine toter als tot, aber doch nicht.
Es begann zu knistern.
Ein Knistern zuerst, leise nur anfangs, dann aber Blitze, die bläulich oben aus der Maschine heraus kraxelten wie Insektenbeine, und Gewitter, über ihr, an der Decke.
Ihre Lippen zuckten.
Und richtig.
Die Maschine war zu hoch, zu hoch als zu hoch schon vorher.
Zu hoch.
So hoch, sie hätte längst schon durchbrechen sollen durchs Dach, die Maschine, durch ein unsaub’res Loch, mit dicken, grauen Wolken als Gürtel, mit Vögeln, die ihr ausweichen mussten, wie jedem anderen Hindernis, derart hoch.
Kein Bersten von Holz und nichts.
Kein Jucken, keine Flocken aus Dämmwolle, die ihr gemächlich runter auf die Schultern sanken, es war, als wäre allem herzlich egal, ob es möglich war, oder nicht.
Sie stand da.
Sie stand da, und sie sah zu, wie die nackte Glühbirne an ihrem verstaubten Kabel von dem  betonenen Himmel trüb auf sie herunter schien, wie es sie zerriss in der Fassung, lautlos, wie die Scherben wie weicher Nebel nach unten sanken, der tanzte, als würde Musik gespielt.
Ihr Mund fiel ihr auf, „So schön“, und alles war vorüber.
Die Maschine sah wieder aus wie tot, der Raum und sie zurück geschnalzt auf normale Größe, und selbst die Glühbirne war wieder nackt und in einem Stück, ihr Licht verzogen und flackernd, wie ein Grinsen unterdrückt, aber schlecht.
Ja.
Alles war wie vorher wieder, nur zitterte ihr der Handrücken, und sie bemerkte erst da jetzt, wo genau dessen Zeigefinger war.
In der Maschine drin, da war er, ihr Finger, drin, bis fast ganz zum Gelenk oben, darunter ein Knopf, ein fest fest gedrückter, ein Nagel, verbogen, zerbrochen und kaputt.
Beep, beep, beeeeep.
Es ratterte.
Sie sagte, „Das … das … Das war ich nicht!“
„A schlechte Wahl schon wieda, meine Fräulein!“, trotzdem.
Die Maschine, sie verlautbarte, „Aba zwei Versuche hamma ja noch, gö!“
Zwei?
Aha?
Gut.
Und sie konnte da nicht mehr anders, als schrei’n.
Es änderte nichts.
Die Maschine grölte mahnend: „Entscheid’ ma uns halt amal!“
„Entscheid’ ma uns endlich amal!“
„Entscheid’ ma uns!”, die Maschine drängelte, „Warum?”, fragte sie, kaum, dass sich ihr Mund bewegte, „Warum jetzt?“
„Entscheid’ ma uns amal!“
„Entscheid’ ma uns, entscheid’ ma uns, entscheid’ ma uns!“
„Heast!“, so sie dazu, und in ihr stieg etwas nach oben, das sich zwar warm anfühlte, nur nicht gemütlich war, in den Knöcheln ein Wackeln, die Knie aus Plastilin.
Sie hätte es wissen sollen.
Alles Irrsinn.
Es roch verbrannt.
Sie hustete kurz: „Und? Zufried’n?“
„Als würd’st as net selba wiss’n!“
Schweigen.
„Also hopp: Entscheid’ ma uns endlich! Letzte Warnung, Fräulein, nochamal!“
Offensichtlich: Das musste ein Albtraum sein.
Sie befahl sich selbst: „Aufzuwachen!“, aber zu spät!
Die Maschine, rote Punkte, wie ein Bildschirm mit ganz wenig Pixel wieder, nur anders diesmal. Keine Formen mehr, keine harten, keine Ecken und Winkel, keine Kanten, nichts zum Messen, nichts zum Zerlegen in Einzelteile. Nur Schweben, nur merklich, nur weich, nur ein Schunkeln, das Blinken der Knöpfe, es trieb, wie auf Brombeergelee.
Geschmeidig.
Die Lichter sagten, „Einer geht noch!“, ohne etwas zu sagen, sie nahmen sie mit wie aus Gummi, und wie schwer war plötzlich ihr Unterkiefer? Sie kämpfte, aber der Mund ging ihr trotzdem auf, ihr Genick, es klappte nach hinten, und beinah’ wär sie ertrunken da, an sich selbst.
Das Licht nahm sie bei der Hand und sagte, „Einer geht noch!“
Es sagte, „Einer geht noch!“, und es zog sie hoch an den Handgelenken, hoch, bis ihre Absätze genau g’rad nicht mehr am Boden ankamen, und sie schwang vor und zurück.
Wie früher am Spielplatz.
Wie wujjjj.
„Einer geht noch!“, sagte das Licht, rot und dunstig, so flüsterte es ihr ins Aug’.
Die Lichter sagten, „Einer geht noch!“
„Einer geht noch!“, und sie atmete aus, wieder zurück am Boden.
Die Lichter sagten, „Einer muss noch!“
„Einer muss noch!“, und es saugte ihr die Lichter an ihren Zähnen vorbei, den Rachen hinunter.
Hinein.
„Einer muss noch!“
Die Lichter sagten, „Einer muss noch!“, als wäre das gar nicht so wichtig mehr, und die Lichter schwärmten aus, von unter ihrem Rock nach vor, und sammelten sich in den Ecken.
Sie kamen näher, wie als würden sie Brustschwimmen.
Die Lichter sagten, „Einer muss noch!“, und die Wände rückten zusammen, wie eins mit dem Licht davor, der Raum schrumpfte.
Sie sagten, „Einer muss noch!“
„Einer!“
„Einer!“, sagten die Lichter, wie Säure stieg es auf, und sie gab nach, mit den Augen schon weit hinterm Oberlid, und sackte zusammen, wie roher Reis:
Beep, beep, beeeeeep.
Sie rang eine Zeit mit dem Recken.
„A schlechte Wahl scho wieda, mein Fräulein!“, die Maschine, gegen Ende, doch kichernd, die Knöpfe wieder aus, auch der gedrückte, und was blieb, war ihr letzter Versuch.
„Entscheid’ ma uns bald amal!“
„Entscheid’ ma uns bald amal jetz’!“
Sie fragte, immer noch bitter die Zunge, „Und was, wenn der auch dann falsch is’? Was? Was dann?“
„Alles andere!“, die Maschine, die Stimme noch tiefer als sonst, sie fragte, „Das kann doch nur ein Witz sein, oder?“, aber niemand lachte.
„Aha.“
„Aha, sehr nett.“
Nichts zu hören, außer das eig’ne Blut.
Es wurde lauter.
Es wurde lauter, lauter, nicht zum Aushalten bald, dieses Raunen, und dieses Rohren, beides in Stücke gehackt von diesem grässlichem Kreischen, als wär’ da ein Zug, der entgleist.
Sie brauchte, dass etwas passierte.
„Wag es ja nicht!“
Ihr Zeigefinger begann, sich zu heben.
„Wag es aber sowas von ja nicht!“, und die Dunkelheit kroch in Schatten auf sie zu, wie ein Tier seiner Beute, wie schwarzer Sand, der sich um sie zusammen zog, ein Wind war das, der plötzlich wehte.
Es war, wie aus.
Wie aus, und sie sah zu, wie die Dunkelheit schon halb ihre Nase verschlang, eine Dunkelheit, nicht wie hinterm Lichtabdrehen, nicht so auf die Art dunkel, wie Schlafen.
Ihre Nasenspitze, sie existierte nicht mehr.
Ihre Nase, war weg.
Sie war weg, und da, da, da, da war ihre Oberlippe, die ihrer Nase rüber auf die and’re Seite folgte, feuchter Beton und Schimmel.
Sie quetschte sich an die Maschine und kaute an ihrer Zunge, so fest es ging, sie spürte ihre Rippen brechen, aber doch nicht, und die Glühbirne drehte sich quietschend, wahrscheinlich aus der Fassung.
Sie sagte, „Oh nein! Neinneinneinneinnein!“, und ihre Stimme, erbärmlich, als Ganzes verschluckt, aber: Licht!
Gleißendes, gleißendes Licht aus dem leeren Sockel der Glühbirne!
Beep, beep, beeeeeep.
Die Maschine, sie ratterte, und sie kontrollierte die Finger, aber alle war’n da. Alle da, wieder, auch ihre Nase und die Oberlippe, und keiner hatte gedrückt, genau niemand.
„A schlechte Wahl scho wieda, mein Fräulein!“
„So! Und zuadrah’t is’!“, und da sprang eine Klappe auf, vor ihr in der Maschine, und das Telefon, das da drin läutete, nahm sie ab, zögerlich.
„Ja?“
„Ja, bitte?“, fragte sie, und eine hässliche Stimme gab Antwort.
„Hallo, ja, ich am Apparat, also du, aber ja, ich hab’ da jetz’ abbrechen müssen, weil das is’ ja nur noch lächerlich.“
„Du bist … wer?“
„Ich bin du, du Hirnederl! Wir sprechen schon noch die selbe Sprache, oda? Ja, jedenfalls: Ich schau’ dir ja sonst gern zu beim Herumstolpern, aber das: Um Himmels Willen, was macht dein Therapeut eigentlich für sein Geld?“
„Hä?“
„Ja: eh. Tätowier’s da auf die Stirn am best’n! Aba ich muss dann eh wieder. Wir seh’n uns dann morg’n um die übliche Zeit. Vielleicht schaffst das ja da amal weiter als übers Anzieh’n, bevorst dich überhaupt nimmer auskennst.“
Die Stimme legte auf, und da war nur noch der Freiton, und die Tür zu ihrem Schlafzimmer ging auf, wie absichtlich, wie gestellt.
Sie ließ den Hörer aus.
Er fiel.
Sie erzählte der Wand, so zirka, so fühlte sich das an halt gerade.
„Aber du weißt eh, das dauert nur, das macht’s immer.“
„Das bleibt nicht so, das macht’s nie.“
„Das is’ das Schlimmste d’ran eigentlich, eh oder?“
„Das Schlimmste überhaupt vielleicht?“, fragte sie, mit der Stirn schon im Polster drin.
Sie sagte, es war halt nur einer von diesen Tagen.
Nur einer von denen.
Die gibt’s.

Markus Peyerl
www.markuspeyerl.at

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 14070

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text teilweise im Original belassen.)