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Auf dem Weihnachtstisch

Heiligabend.

„Was an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?“, stöhnt Frida, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-do-Liste durch: aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, – was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.

Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem Häuschen am Stadtrand von Berlin, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müsste das jetzt auf den Tag genau her sein: „Jetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.“
Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft „Ja“ gesagt. „Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon.“ „Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd zuWeihnachten zu uns ein.“ „Klar kann dein Bruder David auch kommen.“ David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke für die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fröstelt bei dem Gedanken an ihren Schwager …
Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. „Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr“, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, ganz so als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.

Das laute Schrillen der Türglocke holt sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür – und erschrickt.
Vor ihr steht Josef, ein Päckchen in Händen haltend. Josef ist Bankmanager, stammt aus dem selben oberbayerischen Dorf wie Frida und jedes Mal, wenn er in Berlin ist, trifft er sich mit ihr.
„Josef“, stammelt sie, „dich habe ich nicht erwartet.“
„Das dachte ich mir“, gibt er zurück und überreicht ihr das Geschenk. „Weil Weihnachten ist.“
Sie öffnet es und errötet.

„Die darf Jan nicht zu Gesicht bekommen“, sagt sie und legt die goldene Armbanduhr zurück in die Schatulle.
„Eines Tages kannst du ja sagen, dass du gespart hast, um sie dir kaufen zu können.“
„Ich soll meinen Mann belügen?“, ruft sie. „Sag, was bildest du dir eigentlich ein? Du kommst am Weihnachtstag unangekündigt bei mir vorbei. Was, wenn mein Mann und die Kinder zu Hause wären?“
Nun wird Josef rot.

„Wann kommen sie denn zurück?“, fragt er leise.
„In zwei Stunden, nehme ich an.“
„Das heißt, wir haben etwa neunzig Minuten Zeit“, stellt er fest und betritt das Haus.
„Das geht auf gar keinen Fall!“, sagt sie, doch da hat er sie schon umarmt und bedeckt ihren Hals mit Küssen, welchen sie nicht widerstehen kann.
„Ins Schlafzimmer können wir nicht“, haucht sie. „Wir müssen mit dem Esstisch Vorlieb nehmen.“
Der Tisch, auf dem wenige Stunden später das Weihnachtsmahl stehen soll, wird von Frida und Josef zweckentfremdet, und zwar derart, dass er zusammenbricht.

„Hast du dir wehgetan?“, fragt Josef.
„Nein. Und du?“
„Ich bin unverletzt. Aber dein Tisch ist hinüber.“
„Wie soll ich das Jan erklären?“, fragt sie, den Tränen nahe. In diesem Augenblick verflucht sie sich dafür, nicht ‘Nein’ gesagt zu heben.
„Sag einfach, dass du den Tisch verrücken wolltest, und dabei ist es passiert“, schlägt er vor.
Frida beschließt, genau das zu sagen.
„Wir haben noch eine Stunde“, sagt Josef, doch sie komplimentiert ihn mit den Worten „Nein, mein Lieber, sonst geht auch noch der Wohnzimmertisch zu Bruch!“ aus dem Haus.
Dann beseitigt sie unter einigem Kraftaufwand die Trümmer ihres Tisches, indem sie diese in den Keller schafft.

Als Jan mit den Kindern nach Hause kommt und sie auf das Fehlen des Möbelstücks aufmerksam macht, erklärt Frida: „Ich wollte den Esstisch in die Mitte des Zimmer rücken, damit wir alle bequemer sitzen können. Und dabei ist er kaputtgegangen.“
„Das macht nichts, Frida“, sagt Jan. „Es ist noch Zeit, bis meine Eltern und mein snobistischer Bruder kommen. Ich fahre in ein Möbelgeschäft und kaufe einen neuen Tisch.“

Am Abend sitzen alle am neuen Esstisch aus Eichenholz und genießen das Mahl, das Frida zubereitet hat. Als die Kinder im Bett liegen und die leeren Weinflaschen immer zahlreicher werden, kommt das Thema ‘wie man einen Tisch ruiniert’ auf.
Jeder hat eine eigene Theorie, was dazu führen kann, dass ein Tisch zerbricht.
Frida denkt sich ‘Mein Gott, wenn die wüssten, wie es passiert ist!’ und lacht laut auf, doch niemand schenkt ihr Beachtung, denn alle lachen über Jans Theorie eines plötzlichen, auf einen Raum eines einzigen Hauses beschränkten Erdbebens.
Während Jan lacht, denkt er ‘Es ist schade um den alten Tisch. Ich bin vermutlich mitschuldig am Zusammenbruch. Aber das macht nichts – nun haben Gertrude und ich einen neuen Tisch, wenn Frida nicht zu Hause ist.’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten |Inventarnummer: 16156

Sechs liebe Briefe

Jennifer, 17, angehende Frisörin

Lieber Bogdan! Ich habe einen Fehler gemacht, ich weiß. Aber es war so ein lustiger Abend! Sanel hat mir ein Getränk nach dem anderen hingestellt. Und irgendwann ist es passiert, dass wir uns geküsst haben. Und seine Hand war dann überall. Und mir hat das gefallen. Ich weiß, dass es ein Fehler war, dass ich mit zu ihm gegangen bin. Aber er war so nett und lieb! Er hat mir gesagt, dass ich den letzten Klopfer bei ihm zu Hause bekomme. Und so war es dann auch. Bitte, Bogdan, nimm mich zurück! Denk einmal an die Zeiten, wo wir in die Lokale gekracht sind! Das war schon lustig. Das können wir wieder machen. Bitte nimm mich wieder, ich habe Dich lieb. Aber bitte ruf Du mich an, ich habe nämlich kein Guthaben mehr. Jenny, die Dich lieb hat.

 

Herta, 53, Hausfrau

Hallo Manfred. Ich hoffe, es geht Dir gut. Es ist so, dass ich mich in Dich verliebt habe. Ich schreibe Dir das ganz offen, denn ich möchte, dass Du bei mir bist. Du isst gerne Wienerschnitzel mit Kartoffelsalat, und genau das kann ich perfekt kochen. Weißt Du, seit mein Mann Heinz-Gustav gestorben ist, bin ich sehr einsam. Auf meinem Luster im Schlafzimmer brennt nur noch eine einzige Glühbirne. Ich traue mich ja nicht auf die Leiter steigen. Und in den Keller traue ich mich auch nicht gehen. Dort ist es immer so dunkel und feucht, und erst die Asseln überall. Ich glaube, Du hast mit so was weniger Schwierigkeiten. Als Du bei mir warst, da habe ich sofort gespürt, dass das passt zwischen uns. Mich haben auch Deine Tätowierungen nicht gestört, bis auf die drei Punkte auf Deiner Hand halt. Die musst Du wegmachen lassen. Mein Heinz-Gustav hat sich seine ja auch wegmachen lassen. Keine Sorge, ich zahle Dir das. Jedenfalls, wenn Du wieder Freigang hast, dann musst Du unbedingt zu mir kommen. Bitte. Ich habe das Foto, das Du von mir haben wolltest, gemacht. Das war gar nicht so einfach, den Spiegel vor das Bett zu tragen, aber für Dich habe ich es gern gemacht. Also, mach es gut und pass bitte auf, dass Du nicht wieder mit den Wärtern über Kreuz kommst. Deine Herta.

 

Albert, 44, Psychiater

Meine geliebte Dorothea, ich liebe Dich und frage Dich auf diesem Wege, ob Du meine Ehefrau werden möchtest. Ich möchte mein Leben mit Dir verbringen, denn wir teilen nicht bloß die selben Interessen, Du bist darüber hinaus mein Ruhepol. Bei Dir fühle ich mich geborgen und gut aufgehoben, Du bist mein Ausgleich zum stressigen Alltag in der Klinik. Bitte vergiss diese unnötige Diskussion, die wir hatten. Natürlich darfst Du weiterhin als Cellistin tätig sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du für mich spieltest, jeden Abend, bevor wir zu Bett gehen. Du musst auch keine Tabletten nehmen, wenn Du nicht möchtest. Es ist nur so, dass Du für mich viel einfacher handzuhaben bist, wenn Du sie nimmst. Ich habe in der Klinikapotheke nachgefragt und in Erfahrung gebracht, dass der Wirkstoff, den ich Dir verordnet habe, auch subkutan verabreicht werden kann. Du siehst, Tabletten sind nicht nötig. In freudiger Erwartung Deiner positiven Antwort verbleibe ich mit freundlichen Grüßen, Albert.

 

Herbert, 49, unterstandslos

Gute Frau Krumpel, liebe Hermine. Sie werden sich vielleicht noch erinnern, ich bin der, der Ihre Garagen gestrichen hat, und Ihren Rasen habe ich auch ein paar Male gemäht. Ich habe gehört, dass Sie sehr krank sind. Das tut mir leid. Meine Oma war auch krank, als sie so alt war wie Sie. Sie hat dann aber noch vier Jahre lang gelebt, also ist sie erst mit zweiundneunzig gestorben. Als ich in Ihrem Park gearbeitet habe, haben Sie mir Wurstbrote und Limonade gebracht. Da habe ich angefangen, Gefühle für Sie zu haben. Das ist jetzt sieben Jahre her, ich weiß, aber ich bin halt langsam bei so etwas. Jetzt weiß ich, dass ich Sie liebe. Und Sie wollen Ihre letzten Jahre ganz bestimmt nicht allein verbringen, in so einem großen Haus. Also könnten wir es ja mal probieren, finde ich. Es ist nur so, dass ich bald eine Antwort von Ihnen brauche, ob Sie mich auch lieben, denn jeden Tag habe ich eine größere Angst, dass der Altpapierlaster kommt und mir meine Wohnung wegnimmt. In dringender Liebe, Bertl.

 

Horst, 64, selbstständig

Liebe Min, es ist jetzt fünf Jahre her, dass wir uns kennengelernt haben. Ich bin in dieser Zeit neunmal zu Dir nach Phuket geflogen, um Zeit mit Dir verbringen zu können. Du warst erst einmal bei mir in Wien, was ich ungerecht finden könnte, aber da ich Dich liebe, will ich mal nicht so sein. Ich hoffe, Deinen Eltern gefällt das Häuschen, dass ich ihnen gekauft habe. Ich vermisse Dich, aber im Moment kann ich es mir nicht leisten, zu Dir zu fliegen, denn im Lokal ist die Hölle los. Die Gäste rennen mir die Türe ein, und ich arbeite jeden Tag fünfzehn Stunden. Aus diesem Grund bitte ich Dich, nach Wien zu kommen, denn ich möchte Zeit mit Dir verbringen. Keine Sorge, Du wirst nicht alleine sein, denn Du kannst bei mir im Lokal anfangen. So hast Du auch gleich die Gelegenheit, mir ein bisschen von dem Geld, das ich Dir über die Jahre geborgt habe, zurückzugeben. Die Gäste sind schon ganz wild darauf, Dich kennenzulernen. Ich hatte nämlich erst eine Thailänderin im Lokal, und die Gäste sagen, dass thailändische Mädchen besser sind als russische oder ukrainische. Also Min, sieh zu, dass Du nach Wien kommst! Ich habe nämlich viel mit Dir vor. Dein Horst.

P.S. Ich hoffe, Du kommst wirklich! Ansonsten würdest Du mich nämlich zwingen, Dich zu holen …

 

Helga, 43, Lehrerin

Lieber Martin! Ich verstehe, dass Du mir aus dem Weg gehst. In der Situation, in der wir uns beide gegenwärtig befinden, ist das auch der beste Weg. Dass Du mich allerdings völlig links liegen lässt, verletzt mich doch. Wenn ich Dir eine Frage stelle, beantwortest Du sie so knapp wie möglich. Dabei liebe ich Dich doch. Das habe ich Dir auch jedes Mal gesagt, wenn Du mich in meinem Haus besucht hast. Jedes einzelne Mal war wunderschön, das hast Du mir ja auch bestätigt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mich wieder besuchen kämst. Bitte sei mir gegenüber wieder ein bisschen zugänglicher, so wie früher. Bitte denke wenigstens darüber nach. Danke. Und bitte vernichte diesen Brief, nachdem Du ihn gelesen hast. Du weißt, was passieren würde, käme dessen Inhalt ans Tageslicht. Innige Grüße und Küsse. Deine Helga.

P.S.: Damit Du siehst, wie sehr ich Dich liebe: Ich habe Dir, obwohl sie wirklich schlecht ist, die Bestnote auf Deine Schularbeit gegeben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten |Inventarnummer: 16155

Romantische Szene

Ich wollte noch auf dich warten
Da ward mir die Zeit gar lang
An deine Hände, die zarten
An deiner Stimme Gesang
Dacht ich, dacht meine Haut
Dacht ich voll Sehnen und Hoffen
Dann bist du eingetroffen
Auch wenn ich mich jetzt glücklich wähne –
Schad, um die romantische Szene

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16129

Froschkönig

sag du hast mich lieb
auch wenn ich dir die augen quetsche

sag dass du mich magst
auch wenn ich dir die därme fresse

lass mich deinen speichel schmecken
wirf mich kräftig an die wand

besser als die angstschweißnässe
ist die angstschweißnasse hand –
aus der ich lecke

bin ich dir dann  prinz – geboren
häng mich auf als passepartout

als lebensfüllungshintergrund
für deine lebensfüllungswut

so bin ich doch zu etwas gut

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16118

Stillstand

„Ich muss mal kurz telefonieren“, hast du gesagt, und wie spät ist es jetzt? Eine Dreiviertelstunde hab ich auf dich gewartet, was du unter „kurz“ verstehst, möchte ich mal wissen. – Das und zwei, drei andere Wut-Sätze hat mir mein Freund an unserem Jahrestag an den Kopf geworfen, als ich ihn 45 Minuten lang, im absolut angesagtesten und romantischsten Restaurant der Stadt, warten ließ. Der Grund unserer Auseinandersetzung war meine Mutter – wobei nicht wirklich sie als Person, sondern eher das „Problem“ meiner Mutter: Seit ihre Kinder, drei am Stück, nacheinander von zu Hause ausgezogen waren, um ihr Glück in diversen Städten rund um den Globus zu suchen, war bei ihr leider eine Art „Glucken-Sicherung“ geflogen, die wir nun in tränenreichen Telefonaten ausbaden mussten.

Irgendwie verstand ich meine Mutter ja auch ein bisschen: Da ziehst du die letzten 26 Jahre drei Kinder groß, widmest ihnen all deine Aufmerksamkeit und Liebe, und plötzlich, innerhalb von vier Jahren sind alle weg – dein Lebensinhalt verteilt sich sozusagen in alle Windrichtungen. Wir waren zwar nicht aus der Welt, aber alle Versuche, diese wunderbare Frau auf neue Hobbies aufmerksam zu machen, ihr einen interessanteren Arbeitsplatz – der ihren Talenten entsprach – einzureden, oder sie gar nochmals an die Uni zu schicken, um ihr Kunststudium abzuschließen, das sie für uns abgebrochen hatte, waren vergebens. Sie war und blieb eben eine „Vollblut-Mutter“ und nichts und niemand stellte sich zwischen sie und ihre Kids – nicht mal horrende Telefonrechnungen und Reisekosten.

Ich als Jüngste im Bunde war die Letzte, die das mütterliche Nest verließ, was ihr, in Anbetracht der Tatsachen und unter Berücksichtigung ihres ohnehin schon leicht angeschlagenen Mutterherzens, dann noch den Rest gab. Natürlich war das nicht meine Absicht gewesen, aber wie meine beiden älteren Geschwister musste auch ich meinen Platz in der Welt erst finden, und das war weit weg von der Provinz, wo die Jobaussichten im eigenen Metier besser oder sogar realistisch waren. Ich bekam nach Abschluss meines Studiums, das ich in Mindestzeit absolviert hatte, einen tollen Job als Marketingassistentin. Mein Leben verlief zu dieser Zeit in einer Art „High-Speed-Modus“, und ich hatte permanent das Gefühl, statt 100% für eine Sache, nur jeweils 25% für die vier absolut wichtigen Faktoren in meinem Leben geben zu können. Egal was ich auch tat, ich hatte immer das Gefühl, es würde nicht genug sein – ein metaphorisches Jahres-Abo, voll des schlechten Gewissens, war da vorprogrammiert. Diese vier wichtigen Faktoren waren mein Job, mein Freund, meine Mutter und mein kleiner Hund Billy, den ich aus einem rumänischen Tierheim „gerettet“ – das redete ich mir zumindest ein – hatte.

Meine Mutter hatte jedenfalls ein Gespür dafür, im unpassendsten Moment anzurufen: Wenn ich mich auf dem Klo befand, ein wichtiges Meeting hatte, mit Ben „beschäftigt…“ war oder grade mit vollen Händen an der Kasse stand. So geschah es auch am Abend unseres Jahrestages, an dem sie „nur kurz durchrufen wollte, um nachzusehen, ob es mir auch gut ging“. Als es dann wieder Zeit gewesen wäre, das Telefonat liebevoll, aber bestimmt zu beenden, begann wieder das große Wein-Konzert, was in letzter Zeit leider immer häufiger der Fall war. Sie war einsam und ehrlich gesagt brach mir das auch ein bisschen das Herz.

Meinem Jahrestag hingegen, kam das „Problem“ ordentlich in die Quere, und ich musste nun zusehen, wie ein romantischer und bis ins Detail perfekt geplanter Abend den Bach runter ging. Zu allem Überfluss musste ich mein kaltes Essen alleine aufessen, nachdem mein Freund bezahlt und wutentbrannt das Lokal verlassen hatte – tja, zumindest ging’s meiner Mutter nun besser.

Ben, mein Freund, nahm diese Anrufe eigentlich gelassen hin, aber heute war das eben nicht so gewesen. Als ich das Restaurant nach weiteren fünfzehn Minuten – etwas peinlich berührt – verließ und mit schlechtem Gewissen und hängenden Schultern die Straße hinuntertrotte, klingelte mein Handy erneut – Ben war am anderen Ende: „Sorry Süße, ich wollte dich nicht so anblaffen. Ich war eben enttäuscht, da es eigentlich UNSER Abend werden sollte, und da ruft deine Mutter schon wieder an. Grade heute musste das ja wohl nicht sein oder?“ Ich war über Bens Anruf sehr froh und schluchzte drauflos: „Du hast recht! Es tut mir so leid, dass ich dich da alleine warten ließ, aber du weißt ja, dass ich meine Mama nicht heulend ertrage. Sie macht sich eben solche Sorgen um mich, und in Wirklichkeit glaube ich ja, dass sie einfach nur einsam ist, jetzt, wo sie die Abende ganz alleine in dem großen Haus zubringen muss.“ Ben seufzte geräuschvoll ins Telefon, und ich bemerkte, wie ein kleiner Verständnis-Ballon bei ihm zu wachsen begann. Er bat mich, zu ihm zu kommen, um mit mir gemeinsam eine Lösung zu finden, und ich marschierte einigermaßen gelöst in Richtung der U-Bahn-Station.

Die nächste Bahn fuhr zur meiner Erleichterung direkt mit meinem Eintreffen am Bahnsteig ein, und ich setzte mich zufrieden auf einen freien Platz. Nach der vierten Station – es waren gesamt sechs bis zu Bens Wohnung – blieben wir jedoch abrupt stehen. Ich hoffte inständig, dass wir gleich weiterfahren würden, denn ehrlich gesagt fand ich die Idee, unter Tage gefangen zu sein, schon immer etwas gruselig. Mit mir warteten etwa zehn Personen im U-BahnWagon, doch als sich nach zehn Minuten immer noch nichts bewegte, wurden sämtliche Insassen unruhig. Einer der Fahrgäste – ein rundlicher Glatzkopf um die sechzig – betätigte das Nottelefon, um herauszufinden, „was da um Himmelswillen denn los sei!“, doch die Leitung war gänzlich tot. Auch unsere Mobiltelefone waren unter der Erde ohne Empfang, was die Situation nicht wirklich entschärfte. Ich versuchte möglichst „cool“ zu bleiben, um meine „Oh-mein-Gott-wir-werden-alle-sterben“-Gedanken zu zerstreuen und wippte nervös mit meinem Bein auf und ab.

Eigentlich hatte der ganze Tag schon besch…eiden angefangen: Am Morgen konnte ich meine Brieftasche nicht finden, was wiederum dazu führte, dass mir beide Busse, die ich für den Weg zur Arbeit benötigte, vor der Nase wegfuhren – ich kam zu spät. Tagsüber kleckerte ich mir während der Mittagspause ordentlich Ketchup auf die neue, weiße! Hose, und bis ich für unser romantisches Abendessen meine unfassbar störrischen Haare in eine auch nur einigermaßen ansehnliche Form gebracht hatte, vergingen fast eineinhalb Stunden, was mich – um noch rechtzeitig ins Restaurant zu kommen – auch noch ein Taxi gekostet hatte. Von dem „Jahrestags-Restaurant-Drama“ mal ganz abgesehen.

Nach fünf weiteren, bangen Minuten in dieser stickigen U-Bahn-Hölle begann sich meine anfängliche Angst in Wut umzuwandeln: Was, wenn Ben nun sauer auf mich werden würde, weil ich zu spät kam? Was, wenn meine Mutter neuerlich versuchte, mich zu erreichen und ich nicht wie gewohnt nach spätestens zehn Minuten zurückrief? Was, wenn ich den heutigen Abend und meine Erwartungen, die ich in ihn gesteckt hatte, nicht retten konnte? Fragen über Fragen gingen mir durch den Kopf und mein eigener Verständnis-Ballon wuchs stetig weiter: Verständnis für meine Mutter, Verständnis für Ben, Verständnis für diese besch…eidenen öffentlichen U-Bahnlinien, Verständnis für alles und jeden – ABER wer hatte verdammt nochmal Verständnis für mich? Nach etwa fünfunddreißig Minuten im absoluten Stillstand kochte ich vor Entrüstung nahezu über, und mir fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass ich eigentlich permanent versucht hatte, es allen um mich herum recht zu machen, und mich dafür dann auch noch unterwürfig entschuldigte! Als ich mich gerade richtig in Rage gedacht hatte, machte es plötzlich einen Ruck und die U-Bahn setzte sich wieder in Bewegung. Über die Lautsprecherdurchsage plärrte eine kaum zu verstehende Stimme, dass man sich für das technische Gebrechen entschuldige und man sich als Entschädigung für die lange Wartezeit am nächsten Ticketschalter einen Gutschein für ein Tagesticket holen dürfe – „naja, besser als nichts“, dachte ich. Ich hüpfte bei Station 6 – Bens Station – aus dem Wagon und war heilfroh, mich endlich auf die öffentliche Toilette begeben zu können. Trotz meiner Verspätung schlug ich ein eher langsames Tempo ein, ich wollte mich an diesem Tag einfach nicht mehr stressen oder aufregen müssen.

Auf halber Strecke zu Bens Wohnung beschloss ich, kehrtzumachen und in meine eigene Wohnung zurückzufahren. Ich hatte genug: genug zugehört, genug entschuldigt, genug gehofft und gehetzt. Mir reichte es!

Zu Hause angekommen wartete Ben bereits besorgt vor meiner Tür, da sich mein verdammtes Telefon auch nach meiner unterirdischen Wiederauferstehung nicht wieder in mein Netz eingewählt hatte. Ich war offenbar für eine ganze Stunde nicht erreichbar gewesen. Als er meinen Gesichtsausdruck und die Tränen in meinen Augen – die mir während des Heimwegs gekommen waren, weil ich mir selbst unheimlich leid tat – sah, nahm er mich einfach in den Arm, und wir gingen schweigend in meine Wohnung. Wir setzten uns auf die Couch und sahen uns lange an: er, weil er herausfinden wollte, was passiert war, und ich, weil ich einfach keine Lust mehr hatte, mich zu erklären. Als Ben nach einigen Minuten aus der Küche mit zwei Gläsern Wein zurückkehrte – Wein hatte ich zu dieser Zeit meines Lebens immer zu Hause – fasste ich mir ein Herz und redete mir alles von der Seele:

„Ich habe es so satt, immer die gehetzte, liebenswürdige, alles verstehende Tochter oder Freundin zu sein. Ich fühle mich mit meinen Bedürfnissen nicht mehr ernst genommen, aber dafür gebe ich weder dir noch meiner Mutter die Schuld, ich habe mich selber total vergessen.“

Als mir die ersten Tränen die Wangen hinunterkullerten, sprang Billy auf meinen Schoß und begann, meine Hand abzulecken. Ich streichelte ihm kurz über sein lockiges Pudel-Mischlings-Fell und setzte fort: „Die Rolle, in die ich das letzte Jahr über geschlüpft bin, zehrt mich aus. Einerseits möchte ich es dir recht machen, meine Mutter nicht vernachlässigen, meinen Job zu 100% erledigen und vielleicht sogar Karriere dabei machen, aber alles, was übrig bleibt ist, dass ich mich permanent schlecht fühle und glaube, es wiedermal irgendwem nicht recht zu machen. Ich habe immerzu geglaubt, alle anderen müssten aufgrund meiner Unzulänglichkeiten mehr und mehr Verständnis für mich aufbringen. Meine Wahrheit ist aber, dass ich nicht bemerkt habe, wie mein eigener Verständnis-Ballon – zuständig für alle Sorgen und Probleme um mich herum – mich völlig eingenommen hat, über mich hinausgewachsen und über die Grenzen meiner eigenen Persönlichkeit mutiert ist. Ich fühle mich von meinem Umfeld nicht mehr verstanden oder unterstützt. Diese vierzig Minuten in einer stehenden U-Bahn – im Stillstand – haben mich seit Monaten erstmals dazu gezwungen, tatsächlich stillzustehen und meine Gedanken zu ordnen – ich hatte das Gefühl, nach einer Ohnmacht zu mir zu kommen.“

Je mehr ich über meine Gefühle sprach und diesen den Raum gab, sich zu entfalten, desto kleiner wurde mein – anfangs prallgefüllter – Verständnis-Ballon. Ich redete fast zwei Stunden ohne Unterlass und Ben hörte mir zu – ohne mich zu unterbrechen oder sich abzuwenden.

Als ich mit meinen Ausführungen fertig war, sprachen wir noch bis in die frühen Morgenstunden über uns, meine Mutter, unsere Jobs – einfach alles, was ihn und mich beschäftigte. So hatte ich ihn auch kennen- und liebengelernt, bis ich mich – verblendet durch meinen eigenen Perfektionismus – immer weiter in die Rolle dieses ferngesteuerten und abgehetzten „Persönchens“ gepresst hatte.

Rückblickend bin ich sehr froh, dass die Geschehnisse dieses Tages mein Ventil geöffnet hatten und den Verständnis-Ballon wieder schrumpfen ließen. Wenn ich seither morgens in den Spiegel schaue, erkenne ich mich jeden Tag wieder ein bisschen besser.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16086

Eine Erinnerung an alte, junge Zeiten

Sie hatte es wieder getan. Einen Mann vergrault, mit dem sie gemeinsame Zeiten in einer Beziehung gehabt hatte. Das Warum war zu klären, aber nicht jetzt. Nun hieß es erst einmal weiterleben, überleben, ohne über der Grübelei völlig verrückt zu werden.
Wäsche waschen, das ist gut. Das ist fällig und gut. Dann putzen, das Bad. Jawohl. Schließlich die Stücke der Gurke, die er ins Wohnzimmer gepfeffert hatte bei seinem unfreiwilligen Abgang, auflesen und in den Biomüll werfen. Diesen runtertragen.
Es geht ja. Kein Problem. Sie zitterte zwar noch am ganzen Leib, aber was war das schon gegen das Davor. Sie hatte ihr Herz im gesamten Körper schlagen gespürt, und das war keine Einbildung gewesen. Sie wusste, wenn sie das jetzt aussprach, war es vorbei. Und sie tat es, obwohl ihr ganzer Körper in Alarmbereitschaft war. Wie würde er reagieren? Das konnte sie nicht wissen.
Sie bat ihn, den Schlüssel zu ihrer Wohnung zurückzugeben. Nachdem sie ihm gesagt hatte, sie sehe keine gemeinsame Zukunft mehr. Für sie sei es zu Ende. Und es tue ihr leid.
Drei Jahre diesmal. Recht lange gemeinsame Jahre, in denen viel passiert war. Keiner konnte etwas dafür. Sie waren immer sehr verschieden gewesen, aber jetzt, nachdem der Lack ab war, traten die Unterschiede unübersehbar deutlich zutage.
Von Anfang an war klar gewesen, dass das keine Beziehung auf Lebenszeit sein konnte.

Und nun dachte sie sich, dass keine einzige Beziehung eine auf Lebenszeit sein konnte, zumindest für einen der beiden Beteiligten. Denn einer blieb ja immer übrig. Also war dessen Lebenszeit noch nicht abgelaufen, aber die Beziehung zu Ende. Das Über-den-Tod-hinaus einmal geschenkt, das glaubte doch kein Mensch, dass er einem Toten zugeneigt war, in der Liebe der Lebendigen. Erinnerungen, ja, Gedenken auch, Dankbarkeit, Schmerz, sicher, aber Weiterlieben konnte man nur, wenn da etwas zurückkam, Gegenüberliebe sozusagen, sonst keine Liebe, sondern Verlust der Liebe. Keine Illusion, das Band bestand, solange beide es in Händen halten konnten. Sobald es einem entglitt, und der musste dafür noch nicht einmal gestorben sein, war es vorbei.

Warum sie, der Beziehungsmensch schlechthin, immer wieder infrage stellen musste, ob das alles gut sei für sie, so wie es war, ob es genügte. Ob das Band hielt, was es versprach. Sie wusste es nicht, aber eines wusste sie: Es war dringend zu hinterfragen.
Sich selbst bedenken, das ist wohl die schwierigste Übung. Das eigene Gehirn dazu benutzen, um darüber nachzudenken, wie das Denkwerkzeug funktioniert. Warum diese Windung diese Wende herbeigeführt hat. Warum sie jetzt, als frischer Single sozusagen, darüber nachdachte, weshalb sie diese Beziehung gehabt hatte, die schon Vergangenheit war. Das hätte ein bisschen früher vermutlich mehr geholfen. Selbstkritik durchaus angebracht.

Ihr Gehirn war und blieb ihr ein Rätsel. Warum hatte sie die Gurke erwähnen müssen, ja, müssen? Das musste ihm ja wie Hohn erschienen sein. Seine Freundin macht Schluss mit ihm, möchte den Wohnungsschlüssel zurück, und zu guter Letzt fragt sie ihn, ob er die Gurke wieder mitnehmen möchte. Die hatte er an dem Abend mitgebracht, um sie zum gemeinsam zuzubereitenden Salat beizusteuern. Die in einem Akt der Resignation, Aggression und Verzweiflung von ihm zu Boden geschleuderte vermaledeite Gurke lag nun vor ihren Füßen.
Da weinte sie, um die Gurke, um sich selbst, um das Komplizierte im Leben.
Sie wollte kein Beziehungsmensch mehr sein. Es war ihr zu anstrengend, es setzte ihr zu sehr zu.

Um eine Beziehung durchzustehen, musste man hartgesotten sein. Man musste einiges aushalten können. Man musste die Befindlichkeiten des Partners miterleben, mittragen, war den Launen ausgeliefert, den eigenen, denen des anderen.
Man bekam dafür – ja, was? Geborgenheit, Zugehörigkeit, Zärtlichkeit. Obwohl, wenn sie sich die meisten der ihr bekannten Beziehungen betrachtete, das mit der Zärtlichkeit war wohl irgendwo am Weg verlorengegangen. Wie das verhindern, das Abdriften in die jeweiligen Niederungen? Den Partner als selbstverständlich anzusehen, war ihrer Meinung nach der Anfang vom Ende. Um etwas Selbstverständliches muss man sich ja nicht mehr bemühen. Oder danken wir der Sonne dafür, dass sie aufgeht? Die Wenigsten.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16063

Ballonfahrer

„Verständnisvoll“ ist einer dieser unfassbaren Begriffe… Ein Wort, das nicht klar darstellt, wie viele Opfer man tatsächlich dafür erbringen, oder wie viel Groll man dafür hinunterschlucken muss, um eben für sich selbst als verständnisvoll zu gelten. Wie sehr man sich innerlich auch verbiegt, um Verständnis zu zeigen, das Wort selbst verändert sich nicht. Selbst Adjektive wie: „sagenhaft“ oder „unsagbar“, die man davorstellt, um die Intension zu betonen, bringen den tatsächlichen Sachverhalt oft nicht zum Vorschein. Manchmal ist es eine Kleinigkeit und mit einer einfachen Entschuldigung ist wieder alles im Lot – so als würde man in einer vollgestopften U-Bahn angerempelt, woraufhin der Rempler sich entschuldigt und man selbst gar nicht auf die Idee gekommen wäre, mit der Erwiderung: „nichts passiert“ Verständnis gezeigt zu haben.
Doch in gewissen Angelegenheiten dehnt und wächst dieser Verständnisbegriff auf Ballongröße heran. Nicht auf Luftballongröße, sondern auf die eines Heißluftballons, der schnell mal einen Korb mit Elefanten über die Alpen schleppen muss. Das sind genauer gesagt solche Situationen, die einen zutiefst verletzt haben, man aber trotz allem versucht, die Perspektive oder noch präziser, das Motiv des Gegenübers nachzuvollziehen. Wenn man dann dahinterkommt, dass man im Zusammenspiel der Ereignisse eigentlich nur ein Kollateralschaden war, ist es eigentlich noch einigermaßen verzeihbar. Wenn so eine Verletzung aber aus reiner Nachlässigkeit, Ignoranz oder gar Böswilligkeit passiert, stürzen plötzlich ganze Konstrukte diverser Weltanschauungen – die Freundschaft betreffend – in sich zusammen und der metaphorische Verständnis-Ballon wächst in schmerzhafte Dimensionen.

Leider habe ich in meinem Leben schon einige dieser Verständnis-Ballons wachsen lassen, um Konflikte mit Menschen, die mir lieb und teuer sind, nicht zu eskalieren. Genau diese Menschen, die einem so nahestehen, dass man einen mietfreien Fixplatz in seinem Herzen für sie reserviert hat, verletzen einen dann am härtesten, und selten aber doch hält der Ballon die Spannung nicht mehr aus und explodiert, einem Weltuntergangsszenario nahe, in tausend blutende Stücke. Katastrophal ist für dieses Szenario nur ein Hilfsausdruck, weil ringsum sämtliches emotionale Leben ausgelöscht wird. Die weltliche Übersetzung dieses Infernos,nennt man auch „in einen Blutrausch verfallen“ oder wenn es einem schlicht „die Sicherungen raushaut“.

Nun kann man sich unter einem Blutrausch so einiges vorstellen, doch Anna, die vor kurzem exakt so einen am eigenen Leib erlebte – es waren tatsächlich fast alle Sicherungen in ihrem Hirn geflogen – beschrieb ihn in einer späteren Erzählung wie folgt: „Als ich an diesem Abend nichtsahnend in mein Stammlokal ging, um mir nach der unfreiwilligen Trennung von meinem Exfreund in aller – passiv-aggressiven – Seelenruhe einen in die Rübe zu kippen, hätte ich niemals gedacht, dass ich an diesem Abend auch meine damals beste Freundin, zusammen mit dem Ex, verabschieden würde. Ich saß an der Bar und wartete auf Betty, weil meine erste Wahl, Christina, seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar war. Etwas enttäuscht über Christinas Verhalten – da ich sie als offiziell ernannte „beste Freundin“ nach der Trennung dringend als Anker gebraucht hätte – war ich Betty sehr dankbar für ihren Solidaritätsakt, sich mit mir an diesem Abend zu betrinken.
Nach zwei Gläsern Wein wurde das Gesprächsthema immer brisanter, denn Betty hatte sich schlichtweg verplappert und nach meiner selbstmitleidigen Anklage, Christina sei seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar, emsig geantwortet, dass diese mit T…horsten um die Häuser ziehen würde. Als ich sie ungläubig ansah, da ich meinte, sie nach ihrer „T-Pause“ entlarvt zu haben, und sie dabei auch noch beschämt errötete, war meine Vermutung also richtig: Sie traf sich mit Tim, meinem Tim, meinem „Wir-sollten-künftig-getrennte-Wege-gehen-Tim“, schlicht, meinem EX! Betty sah mich aus Hundeaugen an und sagte: „Bitte verrate mich nicht, ich habe geschworen, dir nichts davon zu sagen!“ Ich blickte Betty weiter an, nahm ihre Hand und begann leise draufloszuheulen, zum Glück befanden wir uns mittlerweile an einem versteckten Tischchen im hinteren Eck des Gastraumes, so konnte man mich zumindest nicht gleich auf den ersten Blick bei meinem Gefühlsausbruch erkennen.

Der Gefühlscocktail, der sich nun in mir zusammenbraute, bestand aus: 10 cl Trauer, 5 cl Empörung, 4 cl Ärger über meine eigene Dummheit, einem Dash Machtlosigkeit, einer gehörigen Portion Wut als Filler und einer hübschen Garnitur aus zerbrochenen Herzstückchen – feinsäuberlich aufgespießt und drapiert, versteht sich. Ob ich wollte oder nicht, ich trank das giftige Gebräu auf ex und was dann folgte, war ein Gefühls-Kater, der sich über Wochen hinweg bemerkbar machte. Ich konnte der armen Betty dann noch entlocken, dass die Geschichte zwischen ihr und Tim wohl schon während unserer Beziehung begonnen hatte, was mir dann emotional tatsächlich noch den Rest gab. Der Abend mit Betty war natürlich nach weiteren fünfzehn Minuten vorbei und ich schnappte mir das nächste Taxi nach Hause, wo ich sämtliche Hemmungen fallen ließ und ein Heulkonzert der Sonderklasse anstimmte.

Nach einigen Tagen des Grübelns war für mich klar: Der Abschied von meinem Exfreund war nicht der einzige in dieser Phase meines Lebens. Auch meine beste und langjährige Freundin hatte sich mit ihrem Handeln aus meiner Welt und meinem Herzen nicht nur verabschiedet, sondern geradewegs hinauskatapultiert. Nun war mir auch klar, weshalb sie sich immer weiter zurückgezogen hatte und zum Ende hin auch kaum mehr erreichbar war. Nun wurde ich also doppelt sitzengelassen, dachte ich – „großartig, einfach nur großartig.“

Nach etwa sechs Wochen, in denen ich, von innerlichen Höhen und Tiefen gebeutelt, meinen Alltag bestritt, konnte ich meine sogenannte Freundin, die von meinem Wissen über ihren Verrat noch nicht informiert war, zu einem Treffen überreden. Mir war in erster Linie wichtig, ihr meine Meinung ins Gesicht zu sagen, um meinen Gefühlen damit ein Ventil zu verschaffen. Als ich sie an diesem Abend traf, machte ich keinen Hehl aus meiner Enttäuschung und konfrontierte sie umgehend mit den Infos, die Betty mir mit alkoholgelockerter Zunge verraten hatte – allerdings ließ ich Betty wie versprochen außen vor. Christina versuchte im ersten Moment, die Flucht nach vorne anzutreten und war empört darüber, „dass ich sie so in die Falle gelockt hatte“, da ich diesen Abend im Vorfeld jedoch tatsächlich akribisch – fast schon wie besessen – geplant hatte, fiel es mir relativ leicht, im entscheidenden Moment die Ruhe zu bewahren.

Irgendwann begann Christina zu weinen, da Tim sie offenbar eiskalt hatte stehen lassen. Doch um ehrlich zu sein, interessierte mich das nicht im Geringsten. Ich rief den Kellner, bezahlte meine Rechnung und ließ meine beste Ex-Freundin alleine im Lokal zurück. Sobald ich die Türe des Lokals geschlossen hatte, atmete ich tief ein, brachte meine hängenden „Trauerschultern“ der letzten Wochen wieder in Position und ging erhobenen Hauptes zurück in mein neues Leben.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16061

Veronika geht

Der Abschied von dem Mann, mit dem sie seit siebzehn Jahren verheiratet war, fiel Veronika leicht. Sie führten keine schlechte Ehe, doch eine, in der sie einander alles gesagt hatten, was sie dem anderen jemals hätten sagen können.
Ihre beiden Töchter gingen zur Schule, lernten gut und führten das normale Leben von Teenagern, Peter, Veronikas Ehemann, besaß eine gut gehende Firma und Veronika selbst führte das geruhsame Leben einer betuchten Hausfrau.

“Wir sehen uns in drei Wochen wieder, Peter”, sagte sie, bevor sie in das Flugzeug stieg, das sie nach Spanien bringen würde, und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
“Erhol dich gut, Veronika”, sagte Peter, nachdem er ihren Kuss erwidert hatte.
Dann bestieg sie das Flugzeug und sah freudig ihrem Urlaub in Madrid entgegen.
Dass sie nicht zurückkommen sollte, wussten zu diesem Zeitpunkt weder sie noch ihr Mann.

“Darf ich mich an Ihren Tisch setzen?”, hörte Veronika, als sie nach einem Museumsbesuch in einer Bar saß und an einem Gin Tonic nippte. Der Mann, der ihr diese Frage gestellt hatte, war ungefähr in ihrem Alter und stellte sich als Arturo vor.
Veronika bejahte und im Laufe des Gesprächs, das sich zwischen ihnen entwickelte, erfuhr sie, dass er sein altes Leben als Rechtsanwalt hinter sich gelassen und sich auf die Suche nach dem Sinn seines Lebens begeben hatte.

“Sie sprechen akzentfrei Deutsch, obwohl sie offensichtlich Spanier sind. Wie kommt das?”, fragte sie.
“Von meinem Aussehen her bin ich in der Tat Spanier, doch bin ich bei meiner Mutter in Berlin aufgewachsen. Mein Vater, er war Anwalt in Madrid, ist bei einem Unfall gestorben, als ich drei Jahre alt war”, führte er aus. “Und da meine Mutter Berlinerin war und als junge Witwe nicht alleine in Spanien bleiben wollte, ist sie mit mir in ihre Heimatstadt gezogen.”
“Wie kamen sie dann wieder hierher?”, fragte sie.
“Nach dem Abitur habe ich in Madrid Rechtswissenschaften studiert und den Beruf meines Vaters ergriffen. Damals wollte ich, wie ich heute weiß, meinem Vater, den ich nie wirklich kennenlernen durfte, nahe sein. Ich habe Spanischkurse belegt und mich durch das Studium gequält.” Er lachte. “Heute weiß ich, dass es eine Fehlentscheidung war.”

“Warum war das falsch, Arturo? Ich denke, wir sollten uns duzen, wenn Sie nichts dagegen haben”, sagte Veronika.
“Natürlich, Veronika. Es war falsch, weil man keinem Menschen nahe sein kann, den man bloß von ein paar alten Fotos kennt.”
“Das stimmt”, sagte sie. “Oft ist es sogar so, dass man einen Menschen, mit dem man seit langer Zeit zusammenlebt, kaum kennt, weil man sich einfach nichts mehr zu sagen hat und einander so annimmt oder hinnimmt, wie man sich eben kennt. Einfach um die Ordnung, an die man sich gewöhnt hat, aufrecht zu halten.”
Veronika seufzte.
“Du sprichst von deinem Mann, oder?”, fragte er, obwohl er wusste, dass es eine rhetorische Frage war.
“Bist du verheiratet, Arturo?”, fragte sie und hoffte, dass seine Antwort bejahend wäre.

Veronika fühlte sich zu dem Mann hingezogen. Er war der erste Mensch seit vielen Jahren, von dem sie sich verstanden fühlte. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie ihr Getränk bezahlen und die Bar verlassen sollte, doch sie brachte es nicht fertig, dieser Stimme zu gehorchen.
“Nein, ich bin geschieden”, gab er zurück.
“Wo willst du denn zu dir finden, Arturo? Hier in Madrid?”
“Nein, Veronika. Ich werde morgen abreisen und aufs Land fahren.”
“Wohin?”
“In die Nähe von Sevilla. Dort gibt es ein kleines Dorf, das an einem wunderschönen Bächlein liegt. Dort ist es ruhig, es ist beinahe so still wie das Kloster, in dem ich ein Zimmer habe.”
“Das klingt nach Einsamkeit”, warf Veronika ein.
“Nein. Einsamkeit ist etwas Leidvolles, Ruhe hingegen ist etwas Schönes.”
Sie überlegte, bevor sie weitersprach.
“Dann klingt es gut und wird dir bestimmt guttun.”
“Begleite mich”, schlug er vor.
Ihre innere Stimme befahl ihr aufzustehen und zu gehen, doch Veronika bestellte einen weiteren Gin Tonic, und sie und Arturo sprachen bis Mitternacht über ihre Leben, ihre Träume und darüber, dass Wünsche hin und wieder in Erfüllung gehen.

“Du hattest recht, Arturo. Dieser Bach ist wunderschön”, sagte Veronika.
“Es freut mich, dass er dir gefällt. Darf ich dir eine Frage stellen?”
“Ja. An diesem Ort darfst du mich alles fragen.”
“Hast du schon einmal daran gedacht, alles hinter dir zu lassen?”
“Sprichst du von Selbstmord?”, fragte sie mit gespieltem Entsetzen. Sie wollte Zeit gewinnen, um sich eine Antwort überlegen zu können.
Doch dann beantwortete sie ihre eigene Frage.
“Nein, von so etwas sprichst du natürlich nicht. Die Antwort ist ja. Ich habe schon etliche Male daran gedacht, mein Leben zu ändern, und zwar radikal.”
“Warum hast du es dann nicht gemacht?”
Sie überlegte.
“Weil ich zu feige bin.”
Wieder dachte sie nach.
“Nein, Arturo!”, rief sie. “Weil ich zu sehr an meinen Status gewöhnt war.”
Das letzte Wort betonte sie.

Arturo legte seinen Arm um ihre Schulter, und sie ließ es nicht bloß zu, sie genoss es. Nie zuvor war sie an einen Menschen geraten, der sie dazu brachte zu erkennen, dass sie ihr eigenes Leben an sich hatte vorbeiziehen lassen – und noch schlimmer. Sie hatte sich selbst dabei beobachtet, wie sie eine gute Mutter war und eine Ehefrau, die ihrem Mann in allen Belangen den Rücken freigehalten und alle außerehelichen Verhältnisse stumm ertragen hatte; und das nur, um den schönen Schein zu wahren.

“Hast du deine Frau geliebt, Arturo?”, fragte sie.
“Ja, sehr. Dennoch ist es mir leichtgefallen, sie zu verlassen.”
“Wie hat sie reagiert?”
Veronika fühlte, dass diese Frage eine Indiskretion darstellte, die sie in ihrem gewohnten Leben niemals geäußert hätte, doch gleichzeitig wusste sie, dass sie mit Arturo über alles sprechen konnte.
“Sie hat mich verstanden, wie auch unser erwachsener Sohn.”

Veronika verspürte den Drang, Arturo zu küssen, und als sich ihre Lippen zum ersten Mal berührten, fühlte sie sich frei.
“Was fühlst du jetzt?”, fragte er, nachdem der Kuss geendet hatte.
“Ich fühle, dass ich den ersten Schritt in ein neues Leben gemacht habe.”
“Aufgrund eines Kusses?”, fragte er und sie wusste, dass die Verblüffung, die in seiner Stimme gelegen hatte, ehrlich war.
“Nein, Arturo. Du hast mir die Augen geöffnet. Der Kuss war eine schöne Zugabe, doch es waren die Gespräche mit dir, die mir vor Augen geführt haben, dass ich mein Leben ändern muss, um der Mensch sein zu können, der ich wirklich bin und der sein zu wollen ich vor über zwanzig Jahren aufgegeben habe.”
“Was werden dein Mann und eure Töchter sagen?”
“Das werde ich dir morgen erzählen.”

“Leb wohl, altes Ich”, sagte Veronika und ließ ihr Telefon in das Wasser des Baches gleiten.
“Wie hat deine Familie reagiert?”, fragte Arturo.
“Meine Töchter finden es gut, dass ich endlich ich selbst sein möchte. Ich soll mich ab und an bei ihnen melden, wenn ich zu mir gefunden habe.”
“Nicht viele Kinder reagieren so.”
“Sie haben gesagt, dass sie froh wären, dass ich mit meinem gewohnten Leben abschließe, und wahrscheinlich sind sie auch froh, dass ich ihnen zu Hause nicht mehr auf die Nerven gehe.”

Arturo lachte.
“Was hat denn dein Mann gesagt?”
“Er war emotionslos. Er hat mir zugesichert, mir eine größere Summe Geld zu überweisen und mich im Falle einer Scheidung fair zu behandeln.”
“Wie geht es weiter, Veronika?”
Sie zögerte ihre Antwort hinaus. Weder wollte sie Arturo verlieren, war doch die vorige Nacht, die sie mit ihm verbracht hatte, für sie die schönste seit vielen Jahren gewesen, noch konnte sie bei ihrer Suche nach sich selbst Gesellschaft brauchen.

“Auch ich weiß einen wunderschönen Ort, an dem ich mich finden kann, Arturo”, sagte sie schließlich. “Er liegt in Frankreich und dorthin werde ich morgen für zwei Monate reisen.”
“Was wird nach diesen zwei Monaten sein, Veronika?”, fragte er und sie erkannte am leichten Beben seiner Stimme, dass auch er sie wiedersehen wollte.
“Dann treffen wir uns hier, an genau dieser Stelle, und reden. Ist das für dich in Ordnung?”
“Natürlich ist es das, Veronika.”

Zwei Monate später wartete Veronika am Bach auf den Mann, der sie dazu gebracht hatte, ein neues Leben zu beginnen.
Arturo kam nicht, doch hatte er im Kloster einen Brief für sie hinterlegt. In diesem stand, dass er sich verliebt hätte und der Frau nach Belgien gefolgt wäre. Er wünschte Veronika alles Gute für ihren weiteren Lebensweg und bat sie, ihm nicht böse zu sein.
Veronika, die in Frankreich ebenfalls zarte Liebesbande geknüpft hatte, war erleichtert.
Bevor sie abreiste, ging sie ein letztes Mal zum Bächlein und sprach: “Danke, Arturo. Ohne dich hätte ich nicht den Mut aufgebracht, mein Leben zu leben.”

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16059

Altmodischer Liebeszyklus

Ein Brunnen, der stets Wasser gibt – wenn ein Mensch den andren liebt.
Anfangs sind es Sturmfluten – Absenz lässt die Herzen bluten.
Die Vertrautheit stellt sich ein – Störendes wird gänzlich klein.
Etwaiges Denken an ein Ende – es wischt fort die Kraft der Lende.
Die stete traute Zweisamkeit – bald heißt sie schlicht Gewohnheit.
Was der Mensch kennt, ihm langweilig – Wünsche werden gegenteilig.
Das Sprechen, Reden, es nimmt ab – bis man liegt im selben Grab.
Die Liebe ist es dennoch wert – man fühlt sich sicher, ist begehrt.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16053

Skarabäus

Ein Skarabäus nach dem anderen läuft über meinen Bauch. Ich spüre sie an meinen Beinen hochlaufen; versuche, ruhig zu atmen und nicht zu schreien. Ein Skarabäus steht für ein langes und fruchtbares Leben, hat deine Mutter immer gesagt. Die Luft riecht nach Regen; es wäre eine Erleichterung nach der Hitze der vergangenen Wochen, gäbe es jetzt ein heftiges Gewitter. Ich rieche Flieder, Rosen und Zitrusfrüchte sowie einen Hauch Lavendel. Es ist der Garten deiner Eltern, ich stehe im Arkadenhof. In seiner Mitte wachsen Lavendel, Flieder und ein Zitronenbaum. Die Auffahrt wird von Wildrosen umzäunt. Ein leichter Wind bringt eine frische Meeresbrise mit sich.
Für gewöhnlich setze ich mich zum Brunnen und lasse mir von deiner Großmutter aus dem Kaffeesatz lesen. Sie sagt mir immer ein langes Leben voraus; auf meine Frage, ob es auch ein glückliches wird, lächelt sie nur wissend. Die Enden des schwarzen Schals, den sie sich locker über die Haare gelegt hat, wehen sanft im Wind. Trotz ihrer neunzig Jahre ist ihr Gesicht noch immer schön und ausdrucksstark. Der Blick ihrer noch immer tiefschwarzen Augen bestechend klar; manchmal ist es unmöglich, dem Blick dieser Augen standzuhalten. Langsam legt sich jetzt der Geruch von gebratenem Fisch über den Garten.
Ich glaube, deine Mutter bereitet den Fisch zu, den dein Vater gefangen hat. Ich habe sie immer um ihre Kochkünste beneidet. Und um ihre Schönheit, obwohl du immer gesagt hast, ich stünde ihr um nichts nach. Trotz dreier geborener Kinder war sie schlank wie ein junges Mädchen und ihre Haut erinnert an Nougat. Das hüftlange, pechschwarze Haar hatte sie meist im Nacken verknotet und ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten Lebenslust und Energie aus. Und immer hatte sie ein türkisfarbenes Skarabäusamulett um den Hals; ein Erbstück ihrer Ururgroßmutter. Kurz vor ihrem Tod hat sie es mir geschenkt.
Ich gehe durch den großen Garten; mein Lieblingsplatz ist unter einer alten Zeder, wo ich im warmen Gras sitzend lese und träume. Dein Vater hat mir einmal erklärt, dass es sich bei dieser Zeder um eine Libanonzeder handelt; nun, die Botanik hat noch nie zu meinen Spezialgebieten gehört, weshalb ich leider seine Ausführungen zu den einzelnen Pflanzen im Garten schon wieder vergessen habe. Während ich durch den Garten gehe, höre ich Vögel zwitschern, das Meer rauschen und sehe Schmetterlinge fliegen. Ich bleibe stehen, schließe meine Augen und bin ganz bei mir. Erst als ich meine Augen wieder öffne, realisiere ich, dass ich am Ende der Auffahrt stehe und vor mir nur das weite Meer sehe, das mit dem Horizont zu verschmelzen scheint. Vom Hafen sind Möwen zu hören und das Rauschen des Wassers.

Es ist ein Traum; ein Traum gegen das Vergessen. Nur langsam realisiere ich, wo ich bin. Leise, um meinen Mann nicht zu wecken, gehe ich hinaus auf den Balkon unseres Hotelzimmers. Nach jahrelangen Individualreisen machen wir nun zum ersten Mal einen Pauschalurlaub in einem Club in Bodrum. Ins Haus deiner Eltern kann ich nicht fahren; die Erinnerung würde mich umbringen. Obwohl ich weiß, dass ich deinem Bruder Ali immer ein willkommener Gast bin; auch mit meinem neuen Mann. Ich habe auf September bestanden, weil es schon die Nachsaison ist. Ich bin es im Alltag gewohnt, von vielen Menschen umringt zu sein. Ich habe es doch noch geschafft, eine große Familie zu gründen, aber von Zeit zu Zeit bin ich froh, wenn ich nur Stille um mich habe.

Ich träume oft vom orientalischen Garten deiner Eltern; der Traum ist nie bedeutungslos. Trägt deine Großmutter einen weißen Schal, ist etwas Gutes zu erwarten, der schwarze Schal hingegen steht für schlechte Neuigkeiten. Und an deinem Todestag sehe ich immer deine Mutter; nur du lässt dich nie blicken. Heute Nacht aber war mein Traum menschenleer und ich frage mich, ob du mich nun endgültig verlässt. Auch wenn du seit zwanzig Jahren tot bist, fehlst du mir noch oft. Ist es denn fair, den einen Menschen schon mit Ende zwanzig zu verlieren? Du bist als Schatten immer bei mir. Du warst bei mir, als ich geheiratet habe, als ich meine Kinder geboren habe, einfach in jedem Moment meines Lebens. Und auch wenn ich dich in meinen Träumen nie sehe, spüre ich doch deine Gegenwart. Doch heute hast du mich einfach im Stich gelassen. Du hast mir nur scheinbar endlos viele Skarabäen geschickt, denn genau wie deine Mutter hast du an ihre glückbringende Wirkung geglaubt.

„Ist es wieder dieser Traum?“ Herbert – mein Mann – umarmt mich von hinten. Ich drehe mich nur um und lehne meinen Kopf an seine Brust. „Ja.“ Auch wenn er nichts sagt, weiß ich, dass er tief verletzt ist und sich einmal mehr wünscht, dass du nicht mehr gegenwärtig wärst. Auch über uns bist du immer wie ein Schatten gelegen. Manchmal drückend präsent und manchmal scheinbar unauffindbar. Und ich kann ihn verstehen. Er kennt die Details unserer Geschichte und weiß, wie sehr dein Tod mich gebrochen hat. Für ihn ist es so, als würde ich dich nicht loslassen wollen. Und es tut mir so unendlich leid, dass ich es ihm nicht begreiflich machen kann, dass es mir selbst nicht ganz klar ist, warum du mich noch immer so verfolgst. Es tut mir weh zu wissen, dass Herbert sich manchmal von mir nicht geliebt fühlt.

2004 bin ich mit achtzehn Jahren nach Wien gekommen und ins Studentenheim gezogen. Du hast im Zimmer gegenüber gewohnt und es hat nicht einmal zwei Stunden gedauert, bis wir uns ineinander verliebt hatten. Şeftalem hast du mich genannt, mein Pfirisch. Weil ich Pfirsiche liebe und şeftale mein liebstes Wort auf Türkisch ist. Noch immer erinnere ich mich daran, was für ein lebensfroher und begeisterungsfähiger Mensch du warst. Und ehrgeizig; alles musstest du zu einem Ende bringen. So hast du es geschafft, vier Sprachen fließend zu sprechen, dein Studium in Bestzeit abzuschließen und dich neben allem auch noch sozial zu engagieren.
Am meisten aber habe ich deine Aufmerksamkeit geliebt. Jeden Samstag bist du in aller Frühe zum Brunnenmarkt gegangen, um mir frisches Obst und einen Strauß Blumen zu besorgen; „Damit du dich geliebt fühlst“, hast du immer gesagt.
Nie hast du mich abends unbegleitet nach Hause gehen lassen, weil du nicht wolltest, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit alleine draußen bin; du wusstest, dass ich es nicht mochte. Aber sicherlich auch, um deine zeitweilige Eifersucht zu beruhigen. Ich weiß, dass dich der Gedanke, es könnte zum Bruch zwischen uns kommen, wahnsinnig gemacht hat.

Am liebsten aber erinnere ich mich an unseren ersten gemeinsamen Urlaub. Du hast so lange gespart, bis du mich für eine Woche nach Grado einladen konntest, weil ich dir einmal erzählt hatte, dass ich als Kind oft mit meiner Familie dort gewesen war und mich danach sehnte, wieder einmal dorthin zu fahren. Du hast sogar das Appartementhotel ausfindig gemacht, in dem ich früher mit meinen Eltern übernachtet hatte. Die Villa Giulia, ziemlich im Stadtzentrum, nahe am Hafen. Den Schmetterling aus Muranoglas habe ich heute noch; du hast ihn mir am letzten Tag auf meinen leeren Frühstücksteller gelegt, weil ich ihn am Vorabend so lange im Schaufenster betrachtet hatte. „Weil mein Glück dein Lächeln ist“, hast du gesagt und meine Hand geküsst, „komm, lass uns zum Strand gehen, bevor wir fahren, mein Engel. Jetzt ist es noch ruhig und beinahe menschenleer, so wie du es liebst!“ Du hattest mich schnell durchschaut und wusstest, dass mir trotz meines kommunikativen Wesens die Stille am liebsten war.

Manchmal sehe ich mich in meinem Traum unter dem Zitronenbaum im Garten deiner Eltern sitzen, lesend; an deinem Platz aber liegt nur die Zeitung, die du immer gelesen hast. Immer wieder frage ich mich, warum ich dich nie sehe; ich vergesse, wie du aussahst. Dann kann ich nur die alten Fotos zu Hilfe nehmen. Minze und Zitronenmelisse hat deine Mutter in ihrem Kräutergarten angebaut und die frischen Blätter für Tee verwendet. Manchmal sehe ich uns, sie und mich, im Traum in den frühen Morgenstunden im Garten sitzen und frischen Tee trinken. Es war der einzige Tee, der eine belebendere Wirkung auf mich hatte als der türkische Kaffee, den ich sonst immer trinke.

Vor allem deine Mutter hat mich damals so herzlich aufgenommen, als ich deine Familie kennengelernt habe. Besonders fasziniert war sie von meinen langen dunkelblonden Haaren und den dunkelgrünen Augen. Allerdings hat sie mir immer vorgehalten, zu blass zu sein und immer dafür gesorgt, dass ich mich viel in der Sonne aufhalte, um eine gesunde Bräune zu bekommen. Ihr überraschender Tod aufgrund einer Hirnblutung hat dich sehr mitgenommen. Auch wenn es für Außenstehende so gewirkt hat, als wärst du gefasst gewesen, hast du Höllenqualen gelitten. Du warst stundenlang im Boxverein, um dich abzureagieren; einmal habe ich dich ein ganzes Wochenende lang nicht gesehen. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis du wieder ganz bei dir warst. Ich kann es verstehen. Sie war einer der ungewöhnlichsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Du hast mir oft gesagt, dass ich für dich die einzige Frau bin, die sich mit ihr messen kann. Für mich war das das größte Kompliment von dir.

2004 bis 2014, das waren unsere zehn Jahre. Bald nachdem du mich deinen Eltern vorgestellt hast, sind wir zusammengezogen. Unsere erste kleine Wohnung – wir waren damals gerade mit der Uni fertig – war in der Liechtensteinstraße im neunten Bezirk. Sehr praktisch gelegen eigentlich; sehr nahe an zwei U-Bahn-Linien und zwei Straßenbahnlinien. Sie war gerade groß genug für uns beide; WC, Bad, Küche und ein kleines Wohnzimmer, das uns auch als Schlafzimmer diente. Aber es hat für den Anfang gereicht. Als wir dann begonnen haben, besser zu verdienen, haben wir uns mit der Unterstützung deiner Eltern eine wunderschöne Altbaueigentumswohnung gekauft, die groß genug war für uns und die Familie, die wir eines Tages gründen wollten. Beim ersten Besuch deiner Eltern in unserem neuen Heim hast du mich endlich gefragt, ob ich dich heiraten will. Wen denn sonst, wenn nicht dich?

Und dann kam dieser eine Abend, einige Wochen nach unserer Hochzeit. Du warst auf Geschäftsreise gewesen und wolltest mit dem Taxi vom Flughafen nach Hause fahren; wie immer wolltest du nicht, dass ich dich abhole, weil dein Flieger erst spät gelandet war und dir der Gedanke nicht behagt hat, dass ich so spät alleine durch die Stadt fahre. Als es läutete, dachte ich noch, du hättest vielleicht deinen Schlüssel vergessen. Und dann standen zwei Polizeibeamte vor mir. Dein Taxi wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen; du seist noch an der Unfallstelle verstorben.
Mehr weiß ich nicht mehr; ich erinnere mich nur noch daran, im Krankenhaus aufgewacht zu sein. Mein Bruder Paul saß an meinem Bett, zusammen mit Herbert, seinem besten Freund, den ich ebenfalls seit Kindheitstagen kannte. An diesem Abend wollte ich dir sagen, dass du Vater werden würdest; aber das Kind habe ich in dieser Nacht verloren. Es war, als hätte ich dich somit zweimal verloren. Ein schier unerträglicher Gedanke. Monatelang hatte ich jeden Morgen das Gefühl, dass du neben mir liegst und jedes Mal wieder war es ein Schock, dass deine Seite des Bettes leer war.
Bald danach bin ich ausgezogen. Zu Paul, der im Haus meiner Eltern lebte. Da er selbst gerade alleine lebte, war er froh, mich bei sich zu haben, weil das Haus ihm immer so unerträglich still und leer vorkam. Irgendwann haben Herbert und ich zusammengefunden; er war nach deinem Tod ein ruhender Pol. Er hat mich oft im Arm gehalten, wenn ich stundenlang geweint habe und nur wortlos mein Haar gestreichelt. Es hat gedauert, aber eines Tages habe ich gewusst, dass seine beständige Liebe genau das war, was ich für einen Neuanfang brauchte. Dein Vater und dein Bruder haben mir ihren Segen gegeben und waren sogar bei unserer Hochzeit. Sie sind auch nach noch so vielen Jahren Teil meiner Familie und das wird sich nie ändern. Für sie wohl auch nicht, glaube ich.

Herbert bringt mir ein Glas Wasser. Ich leere es und gehe ins Meer schwimmen; vielleicht hilft es gegen die Unruhe. Als ich zurückkomme, finde ich das Skarabäusamulett nicht mehr.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 16022