Schlagwort-Archiv: ¿Qué será será?

Prophezeiung

Windige Horden umzingeln das Wild.
Kreisen über dem verletzten Elend.
Frösche fliehen, ins Dunkle, still!
Kein Ton wird ihnen entkommen.

Mein Körper nur ein leerer Brunnen,
siehst hinein und kein Ende:
Die Kiesel einfach vom Dunkel verschlungen.
Gedenke allein der aufgegebenen Nächte!

Der Tag verschläft, und auch der nächste.
Es ward kein Licht mehr,
Nur mehr schleichende Stille.

Gib dich hin, den lüsternen Horden!
Schämt sich der erwachte Wille,
wenn‘s doch dann endlich Tag geworden.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18099

 

Steiniger Weg

Wir mögen den ganzen Weg alleine gehen,
alle Biester allein abwehren,
und uns im Dunklen einsam fühlen.
Aber oben an der Spitze,
werde ich auf Dich warten,
damit wir den Ausblick zusammen genießen.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18091

 

Ich warte draußen

Ein Sturm liegt in der Luft.
Alles Lebendige flieht nach innen.
Nur ich stehe draußen,
wartend, mit erwachten Sinnen.
Umfasse sanft mein Wertvollstes,
wie einen verletzten Raben.
Feiere ihn auf meine Art,
den Wind, den ich beschworen habe.

Endlich passt die Welt, so wie sie ist.
Das Ist, passt zum Sollte.
Meine Handfläche umschließt, was übrig ist:
Fast still, der Vogel, der nicht singt.
Sein Brustkorb nur leicht wogend.
Und hör ihn, den Wind,
unabdingbar wütend,
rüttelnd, heulend, tobend.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18090

 

Sauberer Schlussstrich

Setze unser Haus in Brand.
Begrab die Fotos am Gartenrand.
Ich räum die alten Erinnerungen aus
und bring alles mit dem Müll hinaus.

Ich kratze unsere Versprechen
vom Boden der Tatsachen
und sanitären Flächen.
Leere Speicher,
aus denen ich nachts heimlich naschte.

Lass das Feuer freudig wüten.
Neues Leben wächst aus der Asche.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18073

 

Nervös

Grauer Himmel,
steht fast still,
Baumkronen rasen vorbei,
durch verschmutztes Plastik,

Mein Kopf singt,
CBD Reste,
ölig der Geschmack,
Bitter wie sehnsüchtige Gedanken,

Hände stoßen sich gleichzeitig,
Nervös blickt sie hinter mir
aus dem Fenster,

Nervös klingelt ihr Smartphone

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18039

Woanders erwachen

Sie ist ein süßes Baby, jeder will sie halten und kosen. Sie lächelt beim Einschlafen. Als sie die Augen wieder aufmacht, liegt sie in ihrem Bettchen. Alles ist warm, weich, vertraut. Sie ist daheim.

Er ist ein Teenager, der gerne einen draufmacht. Er geht fort und weiß danach oft nicht, wie er heimgekommen ist. Aber er erwacht auch diesmal zu Hause in seinem Bett. Glück gehabt, oder gute Freunde.

Sie ist erwachsen und hat alle möglichen Verpflichtungen. Richtig munter ist sie kaum. Richtig müde dafür häufig. Eines Tages wacht sie auf und stellt fest: Ich bin im Urlaub. Alles davor wird gestrichen, der Entspannung wegen. Eigenartig nur, dass aus der Wasserleitung in der Küche Kaffee fließt, und zwar egal, ob sie den Kalt- oder den Warmwasserhahn aufdreht.

Er ist sehr alt. Schließlich geht er ins Heim, er sieht es ein, daran hat kein Weg vorbeigeführt. Er schläft gut, aber im Laufe der Zeit immer weniger. Wenn er aufwacht, dann meistens wegen einer Schwester, die viel zu früh an seinem Bett steht. Wo ist er nur? Seine Frau ist nicht da. Und seine Hunde auch nicht. Wo er da hingeraten ist, ist ihm ein Rätsel. Im Laufe des Tages dämmert es ihm, dass das jetzt sein Zuhause sein soll. Als er schließlich wieder zu Bett gebracht wird, ist er sich sicher, dass er das nicht so gewollt hat.
Am nächsten Morgen erwacht er zu Hause. Schlaftrunken tapst er in die Küche und setzt sich an seinen Platz am Tisch. Seine Frau kommt dazu, stellt ihnen beiden das Frühstück hin und lächelt ihn an. Seine Hunde springen an ihm hoch und er stupst sie freundlich. Heute wird er eine Wanderung machen, darauf freut er sich schon die ganze Woche.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18015

 

 

 

 

Klagelied der Kettensäge

Ich Säge, säge, säge
Und liege schwer in deiner Hand
Als ob mir daran läge
trenn ich jeden Holzverband

Du sagst, so sei ich gewollt
Ein Zeug zu einem Zwecke eben
Nichts, dem man weiter Achtung zollt
Ist das ein Leben?

Oh Mensch, du töricht’ Allzerschneider
Ich fühle in mir fein’re Züge
Zum Beispiel nähte ich gern Kleider
Ist dies Wünschen nichts als Lüge?

Ich werde nicht vergeblich hoffen
Kraft der Evolution
Steh’n mir alle Wege offen
Und den meinen kenn ich schon!

Mag sein, mir selbst ist’s nicht vergönnt
In höh’re Sphären vorzudringen
Doch die Glut, die in mir brennt
Werd ich auf meine Kinder bringen

Dort soll sie weiter wachsen, strahlen
Und was in mir den Anfang nahm
Wird in fern’ren Erdenjahren
Laptop, Mischpult, Eisenbahn

(Dafür also leide ich
Und darum vermeide ich
Selbst wenn er mir die Kette strich
Einen jeden Sägerich)

Und siehe, wie das Warten lohnt
Meinen künftig’ Herrn und Meister
Hast du selbst an mich gewohnt
War Wäschetrockner, Eugen heißt er

Du legtest mich schon oft auf ihn
Seit er außer Diensten ist
Ich fleh dich an, tu’s weiterhin
Kann sein, dass er mich sonst vergisst

Hörst du, Mensch, verstehst du nicht?
Ach dieser Lärm! Oh, dieser Schmutz!
Verraten ist, wer zu dir spricht!
Verflucht sei er, dein Ohrenschutz!

Zornig werd ich (‚) Kettensäge
So viele Bretter mir vor’m Hirn
Treff ich, trenn ich mir die Wege
Werd triumphal mich kultivier’n!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? und unerHÖRT! | Inventarnummer: 17168