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Die Krise 3 – Der Deal

Wer den Ort kannte, Zwicklingsau oder Hintertupfing, das blieb sich gleich, Kaffs wie diese gleichen einander wie ein Ei dem anderen, mochte unschwer feststellen, wie sich in den letzten Jahren eine zunehmende Rechtslastigkeit und Ausländerfeindlichkeit zu etablieren begonnen hatte. Man zeigte sich ängstlich gegenüber den wenigen muslimischen Gemeindearbeitern und gewissen unberechenbaren Einflüssen von außen.
In der Kommunalpolitik transformierten notwendige Entscheidungen oftmals zugunsten schwammiger Unentschlossenheit. Im Zweifel saß man Probleme eben aus.
Gesetzmäßigkeiten einer Soap-Opera hielten Einzug in viele Bereiche des politischen und alltäglichen Lebens. Die Grundhaltung blieb ernst. Seltene Scherze galten mitunter als rettender Ausbruch allgemeiner Bedrücktheit, häufig bemühtes geistiges Relikt aus dem Reich des Unbewussten.
Man versuchte damit, Konflikte zu verkleinern und lächerlich zu machen, um sie mit Hilfe der Zeit aus dem Gedächtnis bewusster Wahrnehmung zu drängen. Nicht zuletzt erzeugten sie nebenher einen gewissen Lustgewinn. Auf diese Weise konnte man sich auch leichter über seine eigene dunkle Vergangenheit hinwegsetzen. Man wurde dadurch sozusagen unverletzlich, in gewisser Weise auch für einen Augenblick zum Gewinner, wenn man auch sonst eine Niete war. Und wenn dann gelacht wurde, widerfuhr einem eine Art Seelentrost, über den man für einen Moment lang die Tatsache vergessen konnte, in was für einer beschissenen kleinen Welt man eigentlich lebte.

Vor allem aber durfte man hier eines nicht, nämlich leidenschaftlich und mit Hirn politisieren. Diese Tatsache war Rembert Mirando bekannt, ebenso wie ihm auch bewusst war, dass seine berufliche Doppelaktion dem Neid der Bürgerinnen und Bürger in diesem kleinen Ort ausreichend Nahrung geben würde. Aber er würde sich nicht darum kümmern, hatte er beschlossen, obwohl der Gemeinderat der Meinung war, dass Doppeleinkommen, egal welcher Art, in Krisenzeiten für den sozialen Frieden des Ortes längerfristig nicht zuträglich sein würden. Aber was für den Bürgermeister recht und billig war, schließlich saß dieser in zahllosen Aufsichtsräten und hatte mehr als vier Einkommen, sollte es doch immerhin auch für ihn sein, denn er hatte ja bloß zwei.

Ein Gespräch Rembert Mirandos mit dem Bürgermeister war relativ glimpflich, wenn auch nicht ohne dessen gewohnte Cholerik verlaufen. Wie weit er mit Escortin sei, wollte dieser wissen und wann man mit dem Geld rechnen könne? Mirando musste die ganze Zeit über an Anica Escortin denken und daran, was letzte Nacht zwischen ihr und ihm passiert war. Das stärkte ihm den Rücken, indem er den Bürgermeister zunächst ein wenig zappeln ließ, ehe er ihm eine Antwort auf seine Frage gab, dass es eben noch ein wenig Diplomatie erfordern würde, bis es so weit wäre, die Sache aber kurz vor dem Abschluss stünde.

Ob er sich nicht vorstellen könne, dass es pressierte, fragte ihn der Bürgermeister. Schließlich ginge es derzeit um jeden Cent und vor allen Dingen auch um seine Karriere, Remberts Karriere, fügte er hinzu, wenn dieser jemals Mandatar werden wolle. Niemand in der Gemeinde könne einsehen, warum man noch mehr Schulden machen solle, um eine Krise zu bekämpfen. Man müsse die Bautätigkeit ankurbeln, und zwar jetzt, wo die Auftragsvergabe erleichtert werde und die Grenzen für die freie Vergabe von Bau- und Infrastrukturaufträgen angehoben würden.
Und man müsse die Arbeitslosen endlich aus den Wirtshäusern und Deutschkursen holen. Und schließlich müsse man den einzigen Autohändler im Ort unterstützen. Daher bräuchte die Partei schließlich einen Haufen Geld, um das alles umzusetzen. Und das würde ohne einen Zuschuss so nicht gehen. Und dafür wäre Escortin eben unentbehrlich.
Rembert hob den Kopf. Den Autohändler?, fragte er. Natürlich, oder ob er wolle, dass der Betrieb zusperren solle? Rembert schüttelte den Kopf. Er, der Ortschef, könne schließlich nichts dafür, dass niemand ein neues Auto kaufe. Man könne es in Zeiten wie diesen auch niemandem übel nehmen, sein sauer verdientes Geld in ein Auto zu stecken, nicht wahr? Das sah auch Rembert ein. Er fürchte, dass niemand so recht wisse, was derzeit die richtige Wirtschaftspolitik sei, sagte dieser. Ein selten kluger Satz. Da habe er auch wieder Recht, bestätigte der Bürgermeister.

Aber wenn man schon den Autohändler unterstütze, warum nicht auch den einzigen Metzger, dem jetzt das Aus drohe, wo doch im Ort erst vor Kurzem drei Supermärkte eröffnet hatten, die so zentral lagen, dass sie von allen Bewohnern zu Fuß in der gleichen kurzen Zeit zu erreichen waren.
Und Rembert dachte an die entzückende Tochter des Metzgers, die ihn immer so freundlich bediente, auch wenn er bloß rasch nach einer Wurstsemmel verlangt hatte. Erfreuen würde man sich an ihrem Anblick wohl noch dürfen, nicht mehr. Schließlich war er verheiratet und seine Gattin im Ort wohlangesehen, nicht nur als Pädagogin. Aber die Tochter des Metzgers legte ihm auch immer, wenn er darum gebeten hatte, gerne einen Kranz Blutwurst zurück, wenn frisch geschlachtet worden war. Und dieses Privileg hatte nicht ein jeder.
Und wenn er ihr einen Witz erzählte, meist einen unanständigen, dann lachte sie ganz besonders laut und das gefiel Rembert Mirando sehr und hob sein Selbstwertgefühl. Vielleicht konnte er ja eines Tages doch noch geheim bei ihr landen? Wer konnte es wissen? Es würde ja niemand erfahren. Wenn er schon zwei Jobs hätte, warum nicht auch zwei Frauen? Alle VIPs lebten so, dachte Mirando insgeheim.

Wenn er den Metzger unterstützte, schwächte er die Fleischhändler in den Supermärkten, entgegnete der Bürgermeister heftig, wobei er im Gesicht rot anlief, als er an die hohen Schmiergelder dachte, die er damals von den Eigentümern erhalten hatte, um die geeigneten Gemeindegründe für die Flächenwidmung zu organisieren.

Dass der Autohändler im Ort bliebe, hätte Symbolcharakter, sagte er dann. An dem Zustand, wie schlecht oder gut es diesem ginge, könne die Bevölkerung die Gesundheit der heimischen Wirtschaft ablesen und würde weniger hysterisch reagieren, wenn schon der eine oder andere zusperren müsse, was ja auch bereits der Fall war. Es bliebe ihnen gar nichts anderes übrig, als so wie bisher weiterzuwursteln, das sei ihm doch klar, sagte er, und sah Mirando prüfend an. Selbstverständlich, bestätigte dieser, konnte er doch nicht anderer Meinung sein als sein Dienstgeber.

Und was er ihm schon längst sagen wollte, ganz nebenbei, dass Frauen, in der Wirtschaft oder gar Politik, zu schade wären für so einen Job. Der Bürgermeister grinste, als er das sagte. Und Mirando solle sich das merken. Führungspositionen wären ganz einfach nicht für Frauen geschaffen. Im Übrigen würde er ihm verzeihen, dass er damals Fräulein Mileva so vehement für sein eigenes Büro begehrt hatte. Der wahre Grund, warum er sich anfangs so sehr gegen diese Veränderung im Gemeindeamt ausgesprochen hatte, sei der gewesen, dass er sie gerne für sich selbst beansprucht hätte, ihres Äußeren wegen, betonte er und grinste.
Niemand würde das besser verstehen als er, meinte Mirando rasch, und er dachte an die stets leicht geöffneten Schenkel Charlotte Milevas unter ihrem Schreibtisch, obwohl man wegen ihrer stärkeren Oberschenkel eben sonst nichts zu sehen bekam. Nicht einmal die Farbe ihrer Höschen hatte er bisher erkennen können.

Damit schien das Gespräch zwischen Mirando und dem Bürgermeister beendet. Bevor dieser jedoch gehen wollte, fragte ihn der Ortschef plötzlich, ob er auch zu denen gehörte, die sich gegen eine Adaptierung des alten Gutshofes für die Sozialfälle des Ortes aussprechen werde? Gegen das Projekt gäbe es ja bereits massiven Widerstand seitens der Bevölkerung.

Mirando überlegte eine Weile. Bei so einer Frage hieß es vorsichtig sein, weil man nie wissen konnte, auf welcher Seite man sich befand, wenn man einmal seine Meinung gesagt hatte. Daher richtete er eine Gegenfrage an den Bürgermeister, ob dieser glaube, was sinnvoller sei, nämlich die ortsbekannten Alkoholiker jede Nacht aufsammeln zu lassen, oder sie sozusagen in sicherem Gewahrsam zu wissen? Und dafür wäre der Gutshof nicht nur wegen seiner strategischen Lage, er befand sich gegenüber der hiesigen Polizeistation, sondern auch wegen der geeigneten Bausubstanz ein echt großartiger Wurf. Der Bürgermeister hustete vernehmlich, gab sich aber mit einem kurzen Nicken zufrieden, ohne weitere Worte darüber zu verlieren.

In der Stadt hätten sie ganz andere Probleme, nutzte Mirando rasch die Gelegenheit, sich beim Bürgermeister Respekt für sein Wissen zu verschaffen. Was wären die paar Trunkenbolde und Inzüchtler hier schon gegen die Radler-Rowdys, die rücksichtslosen Autofahrer und Fußgänger, die stets ohne links und rechts zu schauen, plötzlich die Fahrbahnen unsicher machten? Gott sei Dank habe man hier keine U-Bahn und damit auch nicht die ganze Beschwerdeflut wegen des verbotenen Verzehrs stinkender Kebabs oder Pizzas und ständigem Handygequatsche im Personenverkehr. Und die Horden undisziplinierter Jugendlicher, die obendrein noch dazu die Füße auf den Sitzbänken hätten! So weit wäre man hier noch lange nicht und im Übrigen würde es hier nie so weit kommen.
Der Bürgermeister aber sagte nur, ja ja ja und das wäre alles für heute. Rembert hatte verstanden und verabschiedete sich.

An einem dieser zahllosen grauen Morgen, welche sich seit vergangenem Oktober beharrlich weigerten, um keinen Preis auch nur einem einzigen, wenn auch bloß zwielichtigen Sonnentag zu weichen, machte sich Rembert Mirando daran, einen unaufschiebbaren Termin mit Denis Escortin in dessen unaufhörlich florierendem Imperium wahrzunehmen. Mirando fürchtete diesen Tag, seit ihn der Bürgermeister eigens für ihn erfunden zu haben schien.
Vor allem aber fürchtete er, mit seinem Angebot bei Escortin abzublitzen, trotz seiner positiven Andeutungen damals bei der Vernissage. Und dies wäre sein eigenes politisches Ende gewesen. Jedoch so leicht gab er sich nicht geschlagen. Hatte ihm nicht dessen Gattin Anica nach einer Nacht voller Freudenspenden auf den Kopf zugesagt, sie werde die Sache mit ihrem Hasen schon für ihn einfädeln?
Schließlich hatten sie seine treuherzigen Blicke nicht kalt gelassen, als er ihrem blaugrünen Stahlblick begegnet war und ihr zartrosa Lippenstift silbern glänzende Spuren auf seinen Wangen hinterlassen hatte, wie sie Schnecken zu machen pflegten, wenn sie über die Gräser glitten.
Anica Escortin, eine Frau, die Männer um den Finger wickeln konnte wie ihren Seidenschal, oder wie Spinnen, die geschickt mit ihrem Faden zu hantieren vermochten, freilich in der Absicht, irgendwann auch zu töten. Und ihr Gatte bemerkte nichts. Vielleicht wollte er auch gar nichts bemerken, weil er klüger war als andere dachten?

Rembert parkte seinen Kleinwagen neben Escortins schwarzer, überdimensionaler Limousine. Allein die Höhe der Reifen dieses Wagens reichte ihm bis über die Knie. Als er ausgestiegen war, fühlte er sich plötzlich genauso klein und unwichtig wie sein eigenes Fahrzeug. Die Knie begannen ihm zu zittern, die Kehle trocknete aus, die Krawatte würgte ihn, die neuen Schuhe, die er nur zu besonderen Anlässen trug, drückten wie verrückt.
Aber man konnte nichts ändern und das verfluchte Schicksal musste seinen verdammten Lauf nehmen. Unsicher stieg er die Treppen zum Eingang der Luxusvilla empor. Dort fasste er sich für einen Moment lang, um kurz und heftig durchzuatmen, ehe er den messingenen Knopf der Klingel betätigte. Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Zu lang wäre schlecht, weil dies Penetranz signalisieren könnte.
Escortin neigte zu cholerischen Gefühlsausbrüchen, ähnlich wie der Bürgermeister. Und beide hatten dieselben blutroten Köpfe. Zu kurz wäre ebenso schlecht, weil sich dahinter zu viel Respekt verbergen könnte. Also galt es, eine Art Mitteldruck zu finden. Bei einer unbekannten Klingel gar nicht so leicht. Mirando war ja gelernter Musiker. Jedes Klavier reagierte anders. Warum nicht auch jede Klingel?
Der Türöffner schnarrte. Doch Escortin selbst öffnete ihm nicht. Die Türe ging von ganz alleine auf. Kein gutes Zeichen, dachte Mirando. Er trat ein und sah sich vorsichtig um. Er möge doch weiterkommen, donnerte Escortin plötzlich von irgendeinem Zimmer heraus. Mirando nahm seinen ganzen Mut zusammen. Da erschien der Hausherr höchstpersönlich im Türrahmen eines kleinen Seitenraumes. Was für eine Erscheinung! Der Mann musste gut und gern geschätzte einhundertfünzig Kilo wiegen, durchfuhr es Mirando. Es gab eine Brückenwaage im Ort, durchfuhr es ihn, auf der man die Stiere wog, ehe sie…

Da wäre er also, meinte Mirando und reichte Escortin die Hand.
Ja ja ja, es wäre schon gut und hier herein möchte er kommen und sich setzen. Mirando folgte wie ein Hund dem Herrn. Platz, sagte Escortin. Oder hatte Rembert das „Bitte-nehmen-Sie“ überhört? Es ging alles so schnell. Überbreite Ledergarnitur. An den Wänden geschmacklose nichtssagende Ölgemälde unbekannter Meister.
Wasser oder was anderes, fragte Escortin. Gar nichts, danke. Mirando hatte seine kleine schwarze Aktenmappe geöffnet. Der übertriebene Schwung seiner Bewegung, der Entschlossenheit mimen sollte, war zu heftig ausgefallen, sodass die darin befindlichen vorbereiteten Papiere herausgerutscht waren und nun verstreut vor Escortins Schreibtisch lagen. Dieser verzog bloß den Mund, sagte aber nichts.
Mirando sank auf beide Knie. In dieser Stellung las er die Blätter rasch auf, während Escortin kopfschüttelnd auf ihn herabblickte und Mirando von unten zu ihm hoch.
Alles war bloß eine Frage der Fallhöhe, wie immer im Leben.

Escortin wurde ungeduldig. Man solle endlich zur Sache kommen, meinte er. Der Bürgermeister beabsichtige, die Bautätigkeit anzuregen. Das sollte er wirklich tun, grinste Escortin, indem er ihm das Grundstück oben auf der Wasserwiese überlassen möge. Über die Auftragsvergabe für die Bebauung desselben brauche er sich dann keine Sorge mehr zu machen, dafür würde er selbst sorgen, lachte Escortin verschleimt und kehlig.
Eine Zigarre wurde fällig. Der Qualm, den Escortin beim Anzünden verursachte, ließ Mirando für Escortin beinahe unsichtbar werden. Jedoch genau diese Botschaft sollte Rembert übermitteln. Also zückte er eines der Papiere und hob es siegessicher empor, damit fächelnd, nicht zuletzt auch, um die Rauchwolke vor ihm etwas zu lichten.
Er solle ihm das Papier zeigen, befahl Escortin. Rembert reichte es artig über den Tisch. Escortin nahm es entgegen und glotzte durch seine Lesebrille, die wie ein verirrtes Insekt auf dessen Nasenspitze saß, starr auf den Text. Er atmete schwer, während er ebenso damit beschäftigt war, den sich ständig bildenden Rauch aus seinem Mund loszuwerden, in dem die Zigarre wie ein Fremdkörper steckte. Beinahe wie eine Art Bombe, mit einer unsichtbaren Zündschnur versehen, die gloste, umschlossen von seinen zerklüfteten groben Lippen und Gefahr im Verzug signalisierte. Wenn er an ihr zog, klappten die Wangen wie automatisch nach innen und wölbten sich danach wieder zu ihrem Normalzustand auf. Immer ein und aus, wie die Kontraktionen einer Seegurke auf dem Meeresgrund.
Schön schön, grunzte Escortin schließlich. Geben Sie mir die anderen Sachen! Was ist mit dem Geld? Wohin soll ich überweisen?, fragte er etwas mürrisch.
Rembert Mirando erhob sich affenartig aus seinem Folterstuhl und fuhr mit seinem Zeigefinger auf das kleinere Blatt, auf dem die Kontonummer der Gemeindekasse angegeben war. Auf dieses Konto möge er die geschätzte Summe von … äh, Rembert räusperte sich, er wagte den Betrag nicht auszusprechen, überweisen, wenn es Recht wäre.

Es wäre schon gut, und der Betrag würde heute noch überwiesen, erwiderte der zentnerschwere Unternehmer und setzte seine Unterschrift kratzend unter die bezeichnete Stelle, auf die Remberts zittriger spitzer Finger gewiesen hatte, der schon ganz rot war vom Druck, den er damit auf das Blatt Papier am Schreibtisch ausgeübt hatte. Doch noch ehe Escortin zu schreiben begonnen hatte, nahm er ihn rasch von dort weg, um nur ja nicht im Wege zu sein auf der wunderbaren Reise zu seinem eigenen fulminanten Sieg.
Das wäre ja ganz einfach gegangen, atmete Mirando erleichtert auf und nahm das nun unterzeichnete Versprechen, der Partei eine außerordentliche Zuwendung in der Höhe von huntertfünfzigtausend Euro zu gewähren, rasch an sich, welches er sogleich in seine Aktentasche schob, in der Angst, Escortin könnte es sich doch noch anders überlegen.

So, junger Freund, das hätten wir erledigt, rieb sich Escortin die fetten Hände. Ob sonst noch was wäre? Aber es war nichts und Rembert Mirando bedankte sich im Namen der Gemeinde für die überaus gütige Geste und das Wohlwollen, welches Escortin nun der Partei wie auch der Gemeinde entgegengebracht hätte.
Eine Lüge! Jene merkwürdige Form der Höflichkeit des ewigen Auf und Ab zwischen dem, was man sagen muss und eigentlich nicht sagen darf.
Mirando dachte, wie froh er sei, dass der alte Sack das Geld herausgerückt hatte und dass er endlich verschwinden konnte, denn jetzt stünde seiner eigenen Karriere als politischer Mandatar nichts mehr im Wege.
Der Bürgermeister würde ihn upgraden müssen, Fräulein Mileva dürfte nicht mehr sein Zimmer betreten, ohne vorher anzuklopfen, und wenn man ihn sprechen wollte, gäbe es eine genaue Reihung derjenigen, die vorgelassen werden wollten.
Und er würde sie warten lassen. Und wie er sie alle würde warten lassen! Alle. Dieses Gefühl kostete er jetzt schon aus. Rembert Mirando träumte im Wachen, dass sich von nun an sein ganzes Leben komplett verändern würde.

Als er bei seinem Wagen angelangt war und ihn kurz betrachtete, kam ihm dieser eigentlich gar nicht mehr so klein vor. Den Kopf in den Nacken geworfen setzte er sich ans Steuer. Er wandte seinen Blick nach rechts, zum Seitenfenster, wo das gesamte Sichtfeld aus dem linken Vorderrad von Escortins Limousine bestand. Mirando startete rasch und fuhr den Kiesweg hinab.

Die Parteispende Denis Escortins hatte zur Folge, dass sich die Spirale um die Aktivitäten zur Erschließung eines neu umzuwidmenden Grundstückes an einer Stelle, die für Normalsterbliche weder zu erwerben noch zur Erlangung der Baugenehmigung möglich gewesen wäre, zu drehen begann. Ablehnende Gutachten verschwanden in Schubladen, aus denen sie nie mehr auftauchten. Interventionen von Strom- und Gasgesellschaften wurden so hingebogen, dass man darauf verwiesen hatte, in näherer Zukunft dort ohnehin eine gemeinnützige Genossenschaftssiedlung errichten zu wollen, um so die weit außerhalb des Ortes anzulegenden Zuleitungen zu rechtfertigen.
Der Bürgermeister höchstpersönlich ordnete an, verfügte, machte denjenigen, die Einwände vorbrachten, Versprechungen, die er am Ende nicht hielt und beauftragte Mirando, obwohl jener bloß in der Kulturabteilung saß, mit der Aufgabe, sich über die Fortschritte um die Erschließung von Escortins neuem Grundstück zu erkundigen und ihn auf dem Laufenden zu halten. Mirando wuchs zu ungeahnter Größe. Jetzt könnte er auch seiner Gattin einmal Paroli bieten, die immer so wichtigtat und in gewissem Sinne auch wichtiger war als er.

Rembert Mirando war in seinem Element. Er hatte sich neu eingekleidet. Selbstverständlich hielt er Schwarz für die Repräsentation seiner Position angemessen. So uniformiert stolzierte er aufrechten Ganges, nicht zu hastig, mit entsprechender Würde durch den Ort und die Menge der KirchenbankreserviererInnen bemerkte allesamt, dass er nun etwas darstellen mochte und grüßte ihn von da an ehrfürchtiger als vorher.
Man fand bald heraus, dass man über ihn, wo er doch so gute Beziehungen zum Bürgermeister hatte, einiges erreichen konnte, was so nicht erreichbar gewesen wäre. Etwa die Genehmigung eines illegalen Zubaus, oder die Zulassung eines Brunnens für die WC-Spülung, um der hohen Wasserrechnung zu entgehen.
Und immer brachte man etwas mit, wenn man zu Mirando kam. Außer dem üblichen Sekt oder teureren Rotwein auch Rabattscheine verschiedener Betriebe oder Supermärkte, Eintrittskarten und manchmal auch Bares. Rembert Mirando ließ alles unauffällig in eine Schublade seines Schreibtisches gleiten, die versperrbar war. Schließlich konnte man nicht wissen, wer hier hereinkam, wenn er nicht da war, abgesehen vom Reinigungspersonal, welches von einer Firma in der Stadt gestellt wurde und ausschließlich aus Südost-Migrantinnen bestand.
Alles in allem Vorgänge, die überall gang und gäbe waren und zu denen auch anderswo geschwiegen und denen so der Anschein des Selbstverständlichen und der Respektabilität verliehen wurde, was zur Folge hatte, dass das Sensorium zur Wahrnehmung derartiger getarnter Gegengeschäfte nicht gerade sensibilisiert, sondern eher abgenutzt wurde. Die wenigen Prominenten im Ort, allen voran Denis Escortin samt Gattin, waren ohnehin nie um die eine oder andere Intervention verlegen, wenn es aufgrund einer Verkehrsstrafe oder eines sonstigen Delikts galt, einen Erlass oder eine Herabsetzung ihrer Strafe zu bewirken, obwohl man über die kleine finanzielle Einbuße sicherlich erhaben gewesen wäre. Es war ganz einfach die reine Lust am Prominentsein, die sie dazu bewog, Einspruch zu erheben, um sich damit noch deutlicher vom Pöbel abzuheben, der Sanktionen widerspruchslos hinnehmen musste.

Fräulein Mileva, Mirandos Sekretärin, hatte von nun an noch mehr zu tun als bisher und war darüber gar nicht glücklich. Ja, sie überlegte sogar manchmal, ob sie nicht um Teilzeit ansuchen oder gar den Job wechseln sollte. Mirando arbeitete nur noch selten in seinem Büro und delegierte so ziemlich alles an seine Sekretärin. Er war nicht erreichbar, kam und ging wann er wollte, und wenn er da war, erzählte er wie immer unanständige frauenfeindliche Witze, zu denen er meistens selber am lautesten lachte. Die Kolleginnen und Kollegen tuschelten über ihn, dass er sich in unbeobachteten Momenten angeblich seine Witze selbst erzählte und danach lauthals darüber lachte.

Als ihn der Abgeordnete Meier einmal auf die aktuelle Krise angesprochen hatte, soll Mirando gesagt haben, es sei alles halb so schlimm. Gewiss, man spräche so gemeinhin von einer solchen, jedoch deute alles darauf hin, dass man vor einer großen Herausforderung stünde und diese nutzen müsse. Er, Rembert Mirando, sehe darin überdies seine persönliche große Chance als politischer Mandatar kommen und begrüße die Krise, vor der man nicht verharren solle wie das Kaninchen vor der Schlange. Man müsse nach vorne sehen, betonte er, und dürfe sich nicht an ihrem üblen Beigeschmack stoßen, den sie mitunter zu haben schien, so, als ob einem die Hände gebunden wären. Das wäre glatter Defätismus.
Am Wirtschaftshorizont könne man bereits Anzeichen erkennen, dass es bald wieder aufwärts ginge. Bis dahin würde man der heimischen Wirtschaft unter die Arme greifen, und dabei grinste er bis zu den Ohren, weil er an Escortin dachte und daran, dass er die Sache mit dessen Grundstück auch ein wenig für sich werde nützen können, auch wenn er noch nicht genau wusste, wie. Und nach einer kleinen Pause, die er dem Abgeordneten gönnte, der bereits tief bereut hatte, Mirando jemals eine Frage gestellt zu haben, fuhr er fort, dass man nicht sinnlose Strukturen unterstützen würde, sondern punktgenaue Strategien einsetzen werde. Zack! Das hatte gesessen.

Der Abgeordnete Meier sei in Eile. Eine Frage wolle er trotzdem noch beantwortet wissen, nämlich die, ob man weiter Schulden machen werde, wo doch strenger Sparkurs angesagt sei? Ja, man werde sehr wohl Schulden machen müssen, sagte Mirando. Das machten die Privaten ja auch. Und überdies würde die Wirtschaft sonst den Bach hinuntergehen. Jedoch unterstütze man nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern nur dort, wo es sich lohnen, wo es nachhaltig sein würde, wenn er wisse, was er meine. Und Rembert lachte abermals, so ganz für sich.
Der Abgeordnete nickte bloß. Sie sehen also keine Krise, alles im Griff? Rembert baute sich vor Meier auf. Der Abgeordnete sagte nichts. Was denn mit den Arbeitslosen geschehe?, fragte er nach einer Nachdenkpause. Er hätte von einem Sozialprojekt gehört hier im Ort.
Keine Sorge, sie ermöglichten auch das Unmögliche, antwortete Mirando flink. Sie investierten in alle Bereiche gleichzeitig, müsse er wissen, Arbeitsplätze, Wirtschaft, Infrastruktur. Davon könne man anderswo nur träumen. Der Abgeordnete schien beeindruckt. Mirando dachte an den Taktstock. Wieder einmal schwang er ihn hoch über den Köpfen der staunenden Zuhörer, Fräulein Milevas und dem des Abgeordneten Meier. Ob der Finanzchef da mitspielte, wollte Meier wissen? Das verstünde sich von selbst, erwiderte Mirando selbstbewusst, schließlich sei es ja nicht dessen eigenes Geld, und er lachte zynisch, als er dies gesagt hatte.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15053

Die Krise 2 – Der Bürokrat

Ja, in Krisenzeiten hätte kritische Kunst vielleicht wieder so etwas wie Konjunktur erlangt. Vielleicht, könnte sein, meinte der Bürgermeister. Jedenfalls müsste man schon froh sein, wenn einmal etwas in Farbe wäre, meinte der Bürgermeister zu Stefanie Raymundo, die ihm am nächsten stand, und das müsse man der Künstlerin zugutehalten. Raymundo hob erstaunt ihren Kopf, als wäre sie von dieser Frage plötzlich überrascht worden. Mirando packte die Gelegenheit sofort beim Schopf. Schließlich war man hier in Zwicklingsau und nicht irgendwo! Das musste man doch klären. Seht doch, wie sie gleich erschrocken sei! Wer wüsste schon, woran sie gerade gedacht hätte?, sagte er. Und er, Mirando, setzte sein unverschämtestes Grinsen auf, das er in seinem Repertoire hatte, an welchem unschwer abzulesen war, woran er eben gedacht hatte.

Ob er sie zum Buffet begleiten dürfe?, nutzte Mirando sofort die kurze Ohnmacht Stefanie Raymundos aus, die, völlig perplex über dessen mehrdeutige Anspielung, kein Wort herausbrachte. Beinahe ferngelenkt willigte sie doch ein und ärgerte sich gleich darauf maßlos darüber, wie blöd sie eigentlich sei, diesem Idioten auch noch zu folgen. Sie ließen den Bürgermeister und Escortin ganz einfach stehen und gingen zum Buffet hinüber. Die Front der Gattinnen hatte sich vorübergehend in ein lockeres Gemenge aufgelöst, welches gut verteilt im Raum herumstand und vor allem den beiden keine Beachtung schenkte. Und das war vorläufig auch gut so. Mirando bat die Buffetkraft um zwei Gläser Sekt, schließlich war alles hier gratis. Ob sie Orangensaft dazu möchte, fragte er Stefanie. Ja bitte, aber nicht zu viel. Rembert Mirando goss etwas gepressten Orangensaft aus der gläsernen Karaffe in ihr Glas. Sie sahen sich in die Augen. Man prostete sich zu. Die Gläser stießen klirrend zusammen. So übel war er vielleicht gar nicht, durchfuhr es Stefanie, bis auf seine blöden Witze vielleicht, na, und das dämlich Grinsen. Aber sonst? Vielleicht ließe sie sich eines Tages zu einer Dummheit überreden, wer konnte es wissen? Schließlich war Rembert Mirando ein attraktiver Mann, und begehrenswert, zumindest wenn er den Mund hielt.
Kurze Zeit später wandelten Stefanie und Rembert mit ihren Sektgläsern interessiert von Bild zu Bild. Als sie an der Künstlerin Eva Vanin vorbeikamen, löste sich diese vom Kreise ihrer Bewunderer und streifte wie zufällig mit ihrem Handrücken der rechten Hand an jenen der linken Stefanies. Niemand der Anwesenden könnte etwas bemerkt haben, so zart, so unauffällig, so zufällig war dies geschehen. Wer denn der schmucke Amigo an ihrer Seite wäre?, fragte Eva, deren Tonfall man beinahe etwas Zynismus entnehmen konnte, neugierig. Oder sollte man Eifersucht sagen? Stefanie zeigte ihr makelloses Gebiss. Es sollte ein Lächeln darstellen. Der hier hieße Rembert Mirando. Ein aufdringlicher Bursche, wie sie nach kurzer Überprüfung sofort festgestellt habe. Solcher Menschen könne man sich in Gesellschaft unschwer rasch entledigen, ohne dabei nicht gleich einen Skandal nach sich zu ziehen. Aber Eva sollte sich keine Sorgen machen, wenn sie ginge, bliebe er noch hier! Diese Aussage schien die Künstlerin zu beruhigen, denn sie versuchte sich in einem gütigen Lächeln, hinter dem sich gelbe Eifersucht verborgen hielt.
Stefanie Raymundo ließ sie keinen Augenblick unbeobachtet, als sie sagte, man sollte vom Staat ein Konjunkturprojekt für Künstler einfordern, etwa in der Höhe von einigen Hunderttausend Euro und endlich von den Unsinnigkeiten des Deficit Spending für Autohäuser und Verkehrswege absehen. Etwas mehr Kultur hätte der Menschheit noch nie geschadet. Daraufhin meinte Mirando, er verstünde, dass man heutzutage von der Kunst allein nicht leben könne. Andererseits jedoch führte, wie man weiß, eine angemessene Enthaltsamkeit bei Künstlern zu einem gewissen Zweck. Dann fügte er noch rasch hinzu, sie wisse doch, nur ein hungriger Künstler sei ein guter Künstler. Stefanie verdrehte höchst gelangweilt ihre Augen und versuchte, Eva Vanin in Schutz vor Mirandos bösem Mundwerk zu nehmen, indem sie meinte, Gott sei Dank gäbe es zwischen den unzähligen Langweilern in diesem Ort auch solche, die sich nicht bloß mit Fernsehen und Fußball zufriedengeben würden. Eva Vanin, zu Stefanie gewandt, flüsterte, sie stünde zwar immer noch unter ihrem eigenen Geburtsschock, und es wäre überhaupt ein Wunder gewesen, diesen überlebt zu haben, aber der Kerl hier wäre geeignet, sie erneut an die Gräuel des ungewollt In-die-Welt-geworfen-Seins zu erinnern.
Rembert Mirando lächelte sicherheitshalber trotzdem, obwohl er etwas verunsichert war und fügte hinzu, dass man der Wahrheit ins Auge sehen müsse und den Tod nicht verdrängen dürfe. Dies würde helfen, bewusster zu leben. Und er bewundere trotz allem ihre Streich- und Pinselarbeiten, als er Eva Vanin tief in die Augen blickte, um sie ein wenig aus der Reserve zu locken. Allerdings nur ihm, als Einzigem, war der zarte Berührungsaustausch zwischen ihr und Stefanie vorhin, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Evas, aufgefallen, als seine Blicke die beiden zufällig gestreift hatten. Zwei Lesben treffen sich, begann er plötzlich, und grinste dämlich, sagt die eine … Stefanie, die jetzt ganz nahe vor ihm stand, hob reflexartig ihr rechtes Knie in Richtung Mirandos Gemächt und traf. Dieser, kurz in leicht gebückte Haltung zusammenknickend, beendete seinen vermutlich gezielt beabsichtigten und höchstwahrscheinlich anzüglichen Scherz damit, indem er schmerzverzerrt stöhnte, sie solle sich nichts daraus machen, dieser Zustand wäre heilbar. Das hätte ihnen der Klerus neulich offiziell bestätigt. Dann lachte er nur noch gequält und verabschiedete sich in Richtung Herrentoilette, in der er für eine ganze Weile verschwunden blieb.

Stefanie schob Eva beiseite, um mit ihr kurz allein zu sein. Die Gatten hatten sich indes ein wenig zerstreut. Mochte sein, dass sie den auf ihren Häuptern lastenden Druck ihrer Gattinnen nicht länger ertrugen. Schließlich war man ja gemeinsam hierhergekommen. Es schien also angebracht, mit diesen hin und wieder auch ein paar Worte austauschen zu wollen und so trank man eben ausreichend Sekt und genoss die bereitgestellten Brötchen. Was das Buffet anlangte, war von einer Krise nichts zu bemerken. Wie überhaupt man diesen Menschen nicht ansehen konnte, dass sie auch nur im Geringsten mit einer solchen zu tun hätten. In der Krise lässt sich eine große Verunsicherung der Bevölkerung beobachten. Gängige Trends nehmen oft unerwartete Wendungen. Man beginnt, sich mehr an der Meinung von Leuten zu orientieren, von denen man glaubt, dass sie eine Ahnung haben. Und es kommt zu einem vermehrten Auftreten von Depressionen. Von alledem war hier nichts zu spüren. Vernünftigerweise hatte man sich in früheren Zeiten näher zusammengerottet, sagte man, aber heute wäre man isoliert, säße paralysiert vor der Glotze und warte auf bessere Zeiten. Auch davon war hier nichts zu bemerken.

Rembert Mirando war von der Toilette zurückgekommen und sah sich um. Stefanie und Eva standen jetzt drüben, zusammen mit dem Bürgermeister und Escortin, jenem Mann also, der hier das Geld hatte und daher auch die Macht. Und Macht bedeutete, zu wissen, was für das Land gut ist und vor allem galt hier wie auch anderswo, wer Geld hatte, schaffte an. Besonders das, was für einen selbst gut war. Aber trotzdem war Temperament gefragt. Übervorsichtige wären von vornherein verdächtig. Man müsse dynamisch, ehrgeizig und konsequent sein. Auch unbequeme Entscheidungen treffen können. Kein Intrigant sein, wissen, woran man mit jemandem war. Und so einer wollte Mirando werden. Und es war höchst an der Zeit, sich endlich an Escortin heranzumachen, ihn weichzukriegen, sodass er etwas Geld ausließe, mit dem die Partei für den kommenden Wahlkampf finanziert werden könnte. Im Laufe des Abends gewann Rembert Mirando bei Escortin nun schließlich doch etwas Boden unter den Füßen. Escortin, anfangs ein wenig brummig, aber doch stolz auf seine Position, lauschte irgendwann etwas aufmerksamer als sonst den gezielten Ausführungen des Bittstellers, als ihn dieser in einer schwer zugänglichen Nische des Ausstellungsraumes förmlich festgenagelt hatte und ihm den Ausgang verstellte.
Würde er, Escortin, sich bereit erklären, der Gemeinde einen Betrag von einhundertfünfzigtausend Euro zur Verfügung stellen, könne man über das bislang noch nicht umgewidmete Bauland, auf dem Escortin seine neue Villa zu bauen beabsichtigte, ernsthaft reden. Bauland, welches sich so ganz nebenbei in einem Natur- und Wasserschutzgebiet befand. So jedenfalls lautete der Auftrag des Bürgermeisters an Mirando. Ins Boot holen, hatte er es genannt, der Bürgermeister. Escortin kratzte sich an seiner schwitzenden Glatze und steckte sich sofort wieder eine neue Zigarre an. Es würde ihm zwar gerade jetzt sehr gut passen, meinte er, denn es gäbe bereits Pläne eines bekannten Architekten, der für ihn eben auch nur jetzt Zeit haben würde, ein Konzept zu erstellen. Und er werde sich die Sache mit der Finanzierung bis morgen Abend überlegen, aber, na ja, mal sehen. Schließlich sei dieser Betrag selbst für einen Escortin keine Kleinigkeit und es galt, so eine schwerwiegende Entscheidung sorgfältig zu überlegen. Überdies war da noch seine ehrgeizige Gattin, die längst in ein neues Haus zu ziehen gedachte und es läge an dir, Hase, hatte sie schon vor längerer Zeit geäußert, mich ganz glücklich zu machen. Da war Escortin klar geworden, dass es wahrscheinlich kein Zurück in dieser Angelegenheit mehr gab. Was sein musste, musste eben sein!

 

Auf sein heftiges Drängen hin hatte Rembert Mirando vor längerer Zeit eine Sekretärin zugeteilt bekommen. Der Bürgermeister hatte nachgegeben. Erst war Harald Rahmani für diese Tätigkeit vorgeschlagen worden. Ein stiller, junger Bürolehrling. Etwas blutarm, aber fleißig und nicht allzu klug, sodass Mirando sich als Vorgesetzter ihm gegenüber an Know-How und Wissen doch immer noch überlegen hätte fühlen können. Aber Mirando wollte partout eine weibliche Hilfskraft haben. Und er hatte sie ganz gegen den Willen des Bürgermeisters durchgesetzt, wobei er sich bereits im Geheimen der Hoffnung hingab, alle unangenehmen Arbeiten leichter an eine Frau delegieren zu können als an Rahmani, der trotz seines stillen Wesens ein wenig aufmüpfig sein konnte, wie man schon öfter aus der Kanzlei gehört hatte. Da saß sie nun, seine Sekretärin, Fräulein Charlotte Mileva. Blond, vollschlank, hätte man vor dreißig Jahren gesagt, mit aufgesetzten Fingernägeln, die beim Tippen in die Tastatur des PC vernehmlich klapperten. Sie trug stets einen kurzen Rock. Und wenn Mirandos Zimmertüre offen stand, konnte er, wenn er mit seinem Bürosessel etwas zurücksetzte, ganz leicht bis zu ihren Schenkeln hoch sehen. Mehr wäre nicht möglich gewesen, da ihre kräftigen Oberschenkel alles andere, was es sonst noch zu entdecken gegeben hätte, verdeckt hielten. Neulich, als gerade ein junger Techniker dabei war, die Jalousien im Büro zu reparieren, machte Mirando so eine Bemerkung, dass jener aufpassen müsse, denn Fräulein Mileva hätte eine perverse Neigung jungen Männern gegenüber und er solle sie nicht von ihrer Arbeit ablenken. Aber Fräulein Mileva hielt das gar nicht für einen gelungenen Scherz. Ohne darüber zu lachen, verharrte sie tippend mit gesenktem Kopf über ihrer PC-Tastatur.

Fräulein Mileva hatte immer viel zu tun. Ihre eigentliche Aufgabe bestand primär darin, den dichten Veranstaltungskalender der Kulturabteilung zu aktualisieren, Einladungen zu schreiben, diese zu kuvertieren und mit Hunderten von Adressen aus der Adressatenkartei zu bekleben. Zwischendurch hielt sie Nagelpflege und legte zahllose Kaffeepausen ein, in denen sie manchmal mitgebrachte Cremeschnitten mit Heißhunger verspeiste. Sekundär, aber ebenso wichtig, oblag ihr die Pflicht, unangenehme Telefonanrufe an ihren Vorgesetzten Mirando abzufangen und nicht weiterzuleiten, wenn er es signalisierte.

Mirando hingegen hatte schließlich Wichtigeres zu tun, als sich mit dem gemeinen Volk herumzuschlagen. Er war für die PR verantwortlich, bastelte stunden- und tagelang an Plakaten herum, deren Schriftteile er abwechselnd vergrößerte, dann wieder verkleinerte, neu formatierte, verschob und alles wieder rückgängig machte. Zwischendurch betrachtete er sein Werk mittels Gesamtansichtstaste solange, bis es ihm angemessen schien, es auszudrucken. Dann wurde kopiert. Mirandos Zeitaufwand, dafür das geeignete Papier zu wählen, vor allem, welche Farbe wohl für das jeweilige Plakat am besten geeignet wäre, war enorm. Seiner Gattin, die Professorin am hiesigen Gymnasium war, teilte er stets mit, wie wichtig er sei und wie überfordert von der Fülle seiner Aufträge und dass er keine Zeit nebenher für nichts hätte, weder fürs Staubsaugen noch für sonst unnötige Tätigkeiten im Haushalt. Und er trug die Zeiten, die er in seinem Büro verbrachte, minutiös in sein Stundenbuch ein, um bei einer eventuellen Recherche über seine Anwesenheit allenfalls gerüstet zu sein.
Überhaupt führte er über alles Buch, was nur irgendwie mit Zahlen zu tun hatte, und sei es der Kilometerstand seines Autos, den er stets ins Tankbuch eintrug, immer dann, wenn er tankte. So füllte er bereits seit Jahren Büchlein um Büchlein mit diesen Eintragungen und dachte insgeheim daran, dieselben eines Tages drucken zu lassen, damit man ersehen konnte, was für ein pünktlicher, gewissenhafter und umsichtiger Mann er im Grunde doch sei. In dieser Zufriedenheit wähnte er sich zu Recht als einen vom Schicksal Auserwählten für das Amt eines politischen Mandatars, wie auch sein Inneres ihm bestätigte, dass man mit seiner Wahl sicherlich einen guten Griff getan hatte.
Und er war auch Musiker, aus tiefster Überzeugung, und hatte es als Klarinettist zumindest in die Blasmusik des Ortes geschafft, wenn es schon zur Philharmonie nicht gereicht hatte, und er war Dirigent, wenn man ihn dirigieren ließ. Erst kürzlich durfte er zum Dirigentenstab greifen, als die neue Kulturhalle eingeweiht worden war. Zuvor hatte ihm der Bürgermeister gestattet, ein paar Worte an die zahlreichen Anwesenden zu richten, was er dazu benutzt hatte, den sich darunter auch befindenden Bediensteten des hiesigen Gemeindeamtes budgetäre Zugeständnisse für ihre Ressorts zu machen. Mirando hatte in irgendeiner Sitzung der letzten Wochen nicht aufgepasst und überhört, dass in dieser Angelegenheit genau das Gegenteil eintreffen würde, nämlich dass man Posten streichen und Budgets kürzen werde.

Kurzum, die Sache war ziemlich peinlich, denn der Bürgermeister, der diesen Entschluss höchstpersönlich mitgetragen hatte, saß mit hochrotem Kopf selbst in der ersten Reihe. Er starrte abwechselnd beschämt zu Boden, dann wieder auf Mirando. Als dieser geendet hatte, eilte der oberste Musikmeister auf ihn zu, um ihn zu bitten, den nun folgenden Marsch der Stadtkapelle zu dirigieren. Und Rembert Mirando ließ sich nicht zweimal bitten. Fest entschlossen, seinen Auftritt zu einem kulturellen Erlebnis für alle hier zu machen, gab er mit hocherhobenen Händen den zackigen Auftakt. Die Musik setzte auf sein Kommando ein. Was für ein erhebender Augenblick, wenn plötzlich zweiunddreißig Menschen, darunter auch zahlreiche junge Mädchen, seinen Bewegungen Folge leisteten. Mirando genoss diesen Augenblick ganz ungemein, in dem er sich so voll und ganz in Szene zu setzen wusste, während sein Inneres nach mehr verlangte. Er wollte diesen Ort dirigieren. Warum nicht gar die ganze Welt? Ein ungemein erhebendes Gefühl bemächtigte sich seiner, nämlich jenes, als würden alle hier im Saal nach seiner Pfeife tanzen, wenn und wann er es wollte. Alle, bis auf den Bürgermeister, der ohnmächtig vor Zorn vor sich hinstarrte.

Nach seinem gelungenen Auftritt begab sich Mirando hinter die Bühne, wo der Finanzsekretär sich eben anschickte, für seine Rede nach draußen zu gehen. Ob er gut gewesen sei, fragte ihn Mirando. Doch dieser sah Mirando nur scharf an, bevor er sich entschloss, die Bühne zu betreten, um ihn rasch noch ganz diskret zu fragen, ob er denn verrückt geworden sei und wie er es wagen könne, so einen Unsinn zu verbreiten? Mit diesen Worten stieg der Finanzsekretär die Treppen zur Festbühne hinauf. Das hatten einige der Anwesenden gehört. Mirando suchte nach einem Mauseloch, in das er sich hätte verkriechen können. Aber was geschehen war, war nun einmal geschehen. Nach Beendigung dieser Veranstaltung, und nachdem ihm letztendlich auch noch der Bürgermeister den Kopf gewaschen hatte, zog sich Rembert Mirando in die heiligen Räume seiner kleinen Wohnung zurück und dachte erst einmal nach, wann seine Gattin denn wieder von der Exkursion zurückkäme, die sie mit ihrer Klasse seit mehr als einer halben Woche machte, als das Telefon läutete. Rembert klappte das Handy auf. Anica Escortin! Er erstarrte. Wo er denn geblieben sei? Und warum er so rasch entschwunden sei? Und ob er sie nicht im Saal hätte sitzen sehen, in der zweiten Reihe?

Ja, Herrgott, er hätte sie bemerken müssen! Schließlich war sie ja nicht zu übersehen. Schon wegen ihrer imposanten Erscheinung nicht und schon gar nicht wegen dieses affigen gelben Seidenschals, den sie locker um ihren fetten Hals geschlungen hatte, knallgelb! Ja, da war sie gesessen, inmitten der Loden- und Leinenensembles der übrigen Anwesenden! Ob man sich heute noch sehen würde. Rembert wand sich wie immer wurmartig, sein einziger Sport. Irgendwie hatte er heute genug von Gesellschaft und dem Posierenmüssen. Morgen wäre schließlich auch noch ein Tag. Aber Anica Escortin gab nicht auf. Gut, also, wenn es sein müsste, sie könne ja herkommen. Er hätte noch etwas Huhn im Kühlschrank und Mayonnaise. Essiggurken wären auch da.

Die Escortin warf einen Blick ins Wohnzimmer, in dem ihr Hase tief und fest vor laufendem Fernseher eingeschlafen war. Und es konnte geschehen, dass Denis Escortin in dieser Stellung dort oftmals bis zum nächsten Morgen ohne aufzuwachen verharrte. Anica Escortin nahm ihre Handtasche, steckte ein Päckchen Zigaretten ein und ließ die Autoschlüssel zu ihrem A3 in die Manteltasche gleiten. Dann eilte sie die Holztreppen hinunter. Sie überquerte den mit weißem Kies geschotterten Weg zur Doppelgarage.

Rembert Mirando hatte alle Hände voll zu tun. Es war nicht aufgeräumt, das Geschirr war nicht abgewaschen und die Toilette schon lange nicht geputzt worden. Wie denn auch, wenn er jeden Tag bis zwanzig Uhr und oft auch später im Büro oder auswärts zu tun hatte und die Frau Professor verreist war. Sie ist sicher eine verwöhnte Frau, dachte er, und er strengte sich mächtig an, in dieser kurzen Zeit alles so gut wie möglich in Ordnung zu bringen. Und kaum dass er mit dem Quickputz fertig war, läutete es auch schon unten an der Tür.

Himmelherrgott, fluchte Mirando erneut und ausführlicher, ich komme ja schon! Er öffnete. Da stand sie nun, die First Lady, mit Mantel, Hut und Seidenschal. Diesmal in Grün, aber genauso scheußlich wie der gelbe, den sie am Nachmittag in der Kulturhalle getragen hatte.

Da sind Sie ja, Sie Schlawiner, begrüßte sie ihn und drängte ihn ins Innere seiner Wohnung. Mirando hatte von Anfang an durchschaut, warum sie so rasch bei ihm aufgetaucht war und so ersparte er sich für dieses Mal die kleinen Lügen, die er für solche Fälle stets bereithielt. Vielmehr gab er ihrem Drängen eine bestimmte Richtung vor, sodass sie, scheinbar völlig unbeabsichtigt, plötzlich vor der breiten Couch im Wohnzimmer gelandet waren. Anica riss ihm förmlich die Kleider vom Leib, so wie er es mit den ihren tat. Beide fielen sie schwer auf das überbreite Lager hin, keuchend und stöhnend und nahmen sich kaum Zeit, sich völlig zu entkleiden, bis auf das Notwendigste, als es auch schon zum Äußersten gekommen war. Ihr delliger, großer weißer Hintern sauste ohne Unterlass wie wahnsinnig auf Mirando auf und nieder. Das Läuten seines Handys just zu diesem Zeitpunkt drängte irgendwie, die Sache so rasch wie möglich zu beenden.
Es mochten fünf Minuten vergangen sein, damit war der erste Akt vorbei. Schwer atmend lagen beide auf dem Rücken, so, als ob ihre letzte Stunde gekommen wäre. In Remberts Gehirn drehte sich alles wie ein Karussell. Mein Gott, wenn der alte Escortin etwas erfuhr! Wo doch jetzt die Sache mit dem Grundstück und der Finanzierung der Partei über die Bühne gehen sollte. Schon morgen war ein Termin fällig. Der Bürgermeister würde ihn fristlos hinausschmeißen, wenn der Deal nicht zustande käme! Die Escortin, immer noch nach Luft ringend, schwitzte, während ihr die Schweißperlen in kleinen Tropfen übers Gesicht liefen, den Hals hinunter, wo sie in den dunklen Tiefen ihrer rasierten Achselhöhlen versickerten. Sie verlangte nach einer Zigarette. Rembert musste eine aus ihrem Handtäschchen holen. Einen Aschenbecher auch, und Streichhölzer natürlich! Gierig sog sie den Rauch der Marlborough Light in sich hinein. Rembert war zum Schrank hinübergegangen, in dem die Hausbar integriert war und entnahm dieser eine Flasche Martini, extra trocken. Sie tranken aus flachen Cocktailgläsern. Ob er nicht noch eine Olive für sie hätte, fragte sie? Diesmal brachte er gleich das ganze Glas mit aus dem Kühlschrank. Er saß, sein Glas in der Hand, mit dem Rücken ihr zugewandt und starrte aus dem Fenster, während Anica Escortin seine Schultern ab und zu mit sanften Küssen bedeckte, aus spitzen Lippen fahle Rauchwölkchen auf seine pickelige Haut absetzend.

Nachdem Mirando nun in Sekundenschnelle fieberhaft seine Situation überdacht hatte, resümierte er, dass diese Frau zum derzeitigen Augenblick offensichtlich unentbehrlich für ihn sein würde. Wenn sie ihrem Gatten gezielt solange zusetzte, dass er die Parteispende ausspuckte, wäre sein Leben als Mandatar und Referent gerettet. Der Bürgermeister hätte keinen Grund, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln, vergaß man die Sache neulich mit den Budgetversprechungen. Aber wer von ihnen war schon ohne Makel? Ja, es stimmte. Dieser Escortin war wohlhabend. Er hingegen eher wohl nichtshabend. Aber die kleine Summe von hundertfünfzigtausend stellte ja doch bloß einen Kratzer auf dessen Bankkonto dar und mit dieser Summe ließe sich ein Wahlkampf hier in Hintertupfing, oder wie der Ort in Wirklichkeit auch heißen mochte, organisieren, der seinesgleichen würde suchen müssen.

Dann kriegte Escortin sein aufgeschlossenes Grundstück und er selber würde zusätzlich zu seinem Beamtengehalt eine Politikergage bekommen. Es gab viel zu tun. Also musste man mit Anica Escortin auch jenseits der Bettkante kooperieren.

Ob sie nicht noch einen Martini möchte, fragte er beflissen. Das sei sehr aufmerksam, sagte sie, vielleicht einen kleinen, denn schließlich müsse sie noch mit dem Wagen fahren. Oder ob sie nicht vielleicht … ihr Hase wäre ohnedies bereits hinüber, wie sie das beschrieb, und ob sie nicht etwa hier, bei ihm übernachten könne? Sie würde diese Nacht niemandem abgehen, lachte sie. Rembert Mirando wurde etwas schwach bei dem Gedanken, seine heilige Ruhe einbüßen zu müssen, und überdies würde sie mit Garantie noch einmal über ihn herfallen wollen, wurde ihm dabei klar. Aber was sollte er tun? Er brauchte sie. Also willigte er ein. Die Escortin tat einen Freudenschrei und drückte ihn an sich, fasste ihn mit ihren kräftigen Händen am Hintern und zog ihn zu sich auf die Couch. Die Zweite, durchzuckte es Mirando, der mit Sorge an seine geröteten Hautirritationen dachte. Aber es sollte noch nicht so weit sein. Darling, flötete Anica Escortin zuckersüß, du hast vorhin am Telefon etwas von Kartoffelsalat und Hühnchen erzählt. Ist da was Wahres dran?

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15048

Die Krise 1 – Die Vernissage

Es war wieder einmal so weit. Vielleicht noch nicht so schlimm wie damals 1929, aber immerhin. Die Wirtschaftssysteme des raschen Profits waren auf Grund gelaufen, ausgelöst durch gewagte, verantwortungslose Spekulationen. Nun sollte das gestrandete Schiff wieder flott gemacht werden. Die Politik, bislang bloß zum Leuchtturmwärter degradiert, wurde von ihrem Ausguck abberufen und zum Kapitän bestellt, um Befehl zu geben, aus den ohnehin schon geschändeten Staatskassen Milliarden von Steuergeldern herauszupumpen, welches man den Steuerzahlern in staatsstrategisch lukrativer Absicht wohlweislich längst abgenommen hatte. Mit diesem Geld sollten sowohl die Lecks der leeren Spekulantenkassen ordentlich, wie auch die löchrigen Börsen der Bürger ein wenig gestopft werden. Die Frage danach, ob man also ein guter Verlierer wäre, konnte daher an Zynismus kaum noch überboten werden und nur wenige waren in der glücklichen Lage, darauf zu antworten, dass sie, dank ihres Humors, sogar noch dann lachen konnten, wenn sich das Blatt einmal gegen sie gewendet hatte. Solchen Menschen wäre ohnehin nur am Wettbewerb gelegen, am Reiz der Herausforderung und an der Lust, die sie dabei empfunden hatten. Schließlich konnte man ja nicht immer nur gewinnen, daher konnten jene, die stets gewannen, es sich leisten, menschliche Größe zu demonstrieren, indem sie einem überlegenen Konkurrenten lächelnd zum Sieg gratulierten.

Zu dieser Sorte Mensch gehörte Rembert Mirando nun wirklich nicht. Er zählte jedoch auch nicht zu jener, der ein veritabler Verlust immerhin nur ein weinendes, zumindest aber auch ein lachendes Auge bescherte. Übertriebener Ehrgeiz war bislang nie seine Sache gewesen, obwohl er sich mit der Rolle des Verlierers nur schwer anfreunden konnte. Im Gegenteil. Es ärgerte ihn maßlos, wenn das Glück an eine fremde Tür geklopft hatte und nicht an die eigene, und er würde sich eher die Zunge abbeißen, als freiwillig die eigene Schuld einzugestehen, wenn ihm einmal etwas nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Rembert Mirando entstammte einem Arbeiterhaushalt. Seine Leistungen in der Schule sind nicht so herausragend, dass er eine Klasse überspringt. Und schon gar nicht kann man von ihm behaupten, dass er zu den Begabten gehört hätte. Eines aber hatte er sehr bald herausgefunden, dass dieses Leben nicht fair war und dass einem absolut nichts geschenkt wurde. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er für sich die Methode gezielten Selektierens nützlicher Freunde, investierte da und dort ein wenig in seinen eher verhaltenen Ehrgeiz, um damit den für die Öffentlichkeit notwendigen und glaubwürdigen Willen zum beruflichen Aufstieg zu untermauern.

Darüber hinaus beanspruchte er für sich jene gängige Meinung, welche über Menschen aus dem Arbeitermilieu besagte, dass Leute wie er durchaus die Fähigkeit zur Entwicklung von Qualitäten besäßen, die einem auf dem Weg zur Spitze unbedingt dienlich wären. Und dazu zählten Stress- und Konfliktresistenz, frühe Selbstständigkeit vielleicht, auf alle Fälle jedoch ein gesundes Selbstbewusstsein. Präziser gesagt stellen diese Eigenschaften Faktoren dar, die erfahrungsgemäß die notwendige Grundlage dafür bieten, spezifische Anforderungsprofile für gewisse Machtpositionen zu nähren. Schließlich entstammten zahlreiche berühmte Machthaber einem derartigen Milieu. Das war ebenso bekannt, wie auch die Tatsache in der endlosen Geschichte der Menschheit bewiesen hatte, dass viele davon ihre Macht leider oftmals weidlich missbraucht haben, missbrauchen und künftig missbrauchen würden. Um also die eigene Entwicklung nach dem Vorbild milieubedingten, scheinbar natürlichen erworbenen Machtstrebens einer Person aus den unteren Reihen derart voranzutreiben, erschien es Rembert Mirando völlig legitim, seine Lebensplanung sehr sorgfältig in Angriff zu nehmen mit dem Ziel, auf den Weg zu den Sternen der Macht nicht vorzeitig auf den Steinen dorthin hart aufzuschlagen.

Also beschloss er, in die Politik zu gehen, um dadurch wenigsten einen kleinen Vorgeschmack seines ungestillten Machtstrebens, wenn auch in etwas kleinerem Rahmen, auskosten zu können. Aber Macht haben heißt auch Verantwortung tragen, auch wenn es manchmal bloß gilt, ohnehin nur scheinbar Verantwortung zu übernehmen, weil man zufällig in der dafür vorgesehenen Position ist, welche man zwar kraft seines Amtes zu tragen hat, sie aus verschiedenen Gründen zu tragen jedoch oft gar nicht imstande ist. In solchen Fällen macht man eben das Beste daraus.

Rembert Mirando war ein unscheinbares, eigentlich völlig normales Kind gewesen. Einerseits hatte er weder an Gitterstäben wichtiger Gebäude gerüttelt, um dort hineinzugelangen, noch hatte er sonst irgendwelche hochtrabenden Karrierepläne bereits im Sandkasten geschmiedet. Aufgrund dieser wohl unbedeutenden Ausgangsposition hatte sich sein Leben bis zu seinem Eintritt in die Politik eher als eine Laune des Schicksals und der widrigen Umstände gezeigt, niemals zur richtigen Zeit am richtigen Platz mit den richtigen Eigenschaften und den richtigen Personen gewesen zu sein.
Dieser Umstand sollte sich jedoch rasch ändern, als er auf einer Vernissage des Stadtkulturamtes dem einflussreichen Unternehmer und physischen Schwergewicht Denis Escortin vorgestellt worden war, einem Mann, dem nie die Glut seiner Zigarre auszugehen schien. Ob er dem Herrn Kommerzialrat den Kandidaten für den Bundeskongress, Herrn Mirando, vorstellen dürfte?, lispelte der Parteivorsitzende in leicht gebückter Haltung Escortin ins rechte Ohr. Bitte, wenn es unbedingt sein muss, antwortete dieser, und schnitt eine unmotiviert bulldoggenartige Grimasse. Sein Gesicht war hochrot und aufgedunsen. Auf seinem beinahe kahlen, aber riesigen Schädel glänzten zahllose Schweißtropfen wie Morgentau im künstlichen Sonnenlicht der kleinen Niedervoltlampen, die teilweise auf die ausgestellten Ölgemälde, teilweise aber auch auf die Besucher und das riesige Buffet gerichtet waren.

Mirando begann sogleich geübt zu katzbuckeln, eine Methode, derer er sich seit Längerem schon erfolgreich bedient hatte, hüstelte kurz einmal verlegen und nahm schließlich einen Anlauf, sich vor diesem so hochangesehenen Vertreter der heimischen Wirtschaft mit gewichtiger Miene in Szene zu setzen.
Er, begann Mirando, freue sich, ihn auf diese Weise kennenlernen zu dürfen. Man habe ja schon viel von ihm gehört. Von seinen Erfolgen, meinte er. Und wer kannte ihn nicht? Escortin! Die Betonflotte! Kies und Schotter!
Und dabei lachte er furchtbar dämlich. Und was Escortin von diesem Bild hielte, wenn man fragen durfte? Dabei richtete er sich vor der über ihnen hängenden grünen Impression, einem in dominantem Oliv gehaltenen Ölgemälde mit einigen roten und schwarzen von fingerdicker Sepia hingeschleuderten Farbapplikationen, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf.
Ein Murmeltier, das gerade Männchen machte, konnte es nicht besser gemacht haben als Mirando eben jetzt. Kommerzialrat Escortin betrachtete ihn gewohnt herablassend und desinteressiert von oben bis unten. Schwer atmend klemmte er die mächtige Zigarre zwischen seine kurzen, knackwurstartigen Zeige- und Mittelfinger und nahm die Zigarre aus dem Mund. Er lächelte mitleidig und klopfte ein wenig Asche in den bereitgestellten Aschenbecher auf dem stangenartigen Nirostagestell ab.
So etwas, junger Freund, wie das hier, pflege ich in Festmetern in meinem Keller zu lagern, entgegnete Escortin laut auflachend. Wissen Sie, wie viel Geld ich im Laufe der Jahrzehnte dafür ausgegeben habe? Millionen sag ich Ihnen! Mirando hielt den Atem an. Ehrfürchtig starrte er auf Escortins goldenen Siegelring an dessen kleinem Finger der linken Hand, der wohl kaum auf einen anderen dieser gewaltigen Pranke gepasst hätte. Ah, entfuhr es Mirando und ein Gefühl in seinem Bauch signalisierte ihm, dass mit diesem Herrn nicht gut Kirschenessen sei. Vor allem aber ahnte er, dass dessen Erfahrungshorizont bezüglich des offensichtlich verschwenderischen Umgangs mit gängigen Zahlungsmitteln sich mit dem seinen nicht würde decken können.

Mirando reagierte sofort und verfiel in angebrachte Demutshaltung eines Gehaltsempfängers. Alles nur für einen guten Zweck, sagte Escortin gepresst. Man müsse solche Sachen kaufen. Es musste einem ja nicht gefallen. Schließlich geschähe es nicht zuletzt, um einem guten Zweck damit zu dienen. Vor allen Dingen aber meinem – guten Zweck, fügte er hinzu, und lachte dabei verschleimt, hustete auf und schluckte hinunter, um die Cohiba sofort wieder in sein breites Maul zu stecken und dicke Wolken vor sich her zu paffen.
Man sagte, Escortin wäre einer, der einem behilflich sein könnte, in jeder Lage. Mirando wusste das und er suchte verzweifelt nach einem geeigneten Andockmanöver an ihn. Schließlich standen unmittelbar Wahlen bevor und er würde Geld für seine Kandidatur benötigen, viel Geld. Der Parteivorsitzende hatte ihm den Auftrag erteilt, Escortin an Bord zu ziehen, für die Partei, heute und jetzt, sonst wären seine eigenen Tage wie auch jene Mirandos gezählt. Und dann diese Peinlichkeit. Nicht einmal eine richtige Antwort hatte er auf seine Frage bekommen. So etwas hätte er in Festmetern im Keller! Pah! Was er zu diesem Bild sagen würde, wollte er von ihm wissen, sonst nichts. Nein, man musste anders vorgehen, überlegte er.

Escortin hatte sich kurzerhand von Mirando abgewandt, als ob er ihn nicht mehr interessierte, sah sich im Ausstellungsraum um und tat, als wäre er niemandem hier drinnen Rechenschaft darüber schuldig, was er gerade dachte, oder mit welchem entsetzlichen Gestank er der hier sonst so sterilen Raumnote seinen individuellen Stempel aufdrückte.
Die anwesenden Damen hielten sich angeekelt, doch so unauffällig wie nur möglich, parfümierte Papiertaschentücher vor ihre gepuderten Nasen in der Hoffnung, dieses grauenhafte Rauchgerät würde irgendwann einmal von ganz alleine ausgehen. Escortin aber war ein geübter Raucher.

Rembert Mirando hopste nach dieser ersten Demütigung wie ein ungeschickter Detektiv hinter ihm her, jedoch immer durch ein paar Schritte Respektabstand von ihm getrennt und lauerte wie ein Luchs darauf, mit Escortin ein neuerliches Gespräch beginnen zu können. Aus einer Gruppe schwatzender, aufgedonnerter Gattinnen der hiesigen Oberschicht weniger an den Bildern interessierter Herren löste sich eine Dame mittleren Alters und steuerte direkt auf Escortin zu. Escortins Frau, Anica. Ehemals blond, jedoch professionell nachgefärbt, mit kurzer Nutriajacke, offen, Seidenschal um den Hals, den sie in einem fort immer wieder spielerisch um den rechten Mittelfinger ihrer rechten Hand wickelte. Sie rief ihrem Gemahl zu, dass es alle hören konnten, ob ihm das Bild gefiele? Sie fände es faszinierend. Dieses Grün! Also, jenes Bild, wo er eben gestanden hätte, wäre doch bezaubernd! Im Salon würde sich das ausgezeichnet machen, und ob er es kaufen werde? Und ob er schon die anderen gesehen hätte? Also, sie würde das grüne kaufen. Wer der Herr hinter ihm wäre, wollte sie von ihrem Hasen wissen? Ob er ihn ihr nicht vorstellen möchte? Sie deutete mit ihrem umwickelten Finger hinter sich, gerade auf Mirando, der eben dabei war, seinen Abstand zu Escortin zu verringern.
Escortin sah sich bloß behäbig um, als wäre eine Wende seines Kopfes um seine Achse von kaum dreißig Grad schon wer weiß was für eine sportliche Herausforderung. Das sei der Herr Dingsda, Liebling, aber sie möge ihm verzeihen, er könne sich seinen Namen nicht merken, sagte er. Der junge Mann möchte doch einmal näher kommen, sagte Escortin, er wolle ihn seiner Frau vorstellen.
Mirando folgte der Aufforderung nur zögernd. Zuvorkommen reichte er Frau Escortin seine Hand, stets leicht nach vorne geneigt, und wagte kaum, sich aufzurichten. Er pflanzte sich vor ihr auf und nannte artig seinen Namen. Wie? lachte sie, er möge ihn noch einmal sagen, es wäre so laut hier drinnen. Rembert Mirando stand der Schweiß auf der Oberlippe. Er versuchte es noch einmal. Mirando wäre sein Name, sagte er diesmal lauter als zuvor und spürte, dass er rote Ohren bekommen hatte, fügte jedoch gleich hinzu, sie hätte wirklich einen ausgezeichneten Geschmack. Auch der Herr Bürgermeister hielte das Bild dort für außerordentlich gelungen. Zu ihrem Gatten gewandt sagte sie, sie hätte sofort gefühlt, dass dieses Bild etwas Besonderes sei. Er würde es doch für sie kaufen? Wo doch grün die Farbe der Saison wäre, setzte sie hinzu. Dabei zog sie ihre ohnehin im Normalzustand bereits stark zusammengekniffenen Augenlider noch enger zusammen und lachte unangenehm hart heraus, während sie mit einem kleinen Röcheln immer wieder Luft holte, um neuerlich zu diesem klirrend kalten Gelächter anzusetzen.

Alle im Raum hatten mitbekommen, worum es gegangen war, und der Bürgermeister fühlte sich verpflichtet, da von ihm die Rede gewesen war, zu den dreien hinüberzugehen. Herr Mirando hätte Recht, liebe Frau Escortin, ein gutes Bild, meinte er. Die Gemeinde überlege, ob sie es ankaufen solle. Aber sie wisse ja, und er tat eine abfällige Geste, man wäre jetzt mitten in der Krise, sie würde das verstehn? Er lachte kurz auf. Und das würde das Wählervolk nicht gutheißen, jetzt, wo ohnehin alles knapp wäre, angefangen vom Gas bis zum Geld im eigenen Börsel. Und dazu noch die Kurzarbeit! Manche hätten gar keine Arbeit mehr. Er könnte ihr sagen, für ihn als Bürgermeister wäre das keine leichte Sache. Es wäre, und das müsste man hier einmal dezidiert feststellen, es wäre ihnen schon einmal wesentlich besser gegangen. Da müsse die Kultur auch einmal ein bisserl warten.

Und sein Blick streifte die blasse, dünne, schwarzhaarige Künstlerin Eva Vanin, in ihrem ausgefallenen, hinten tief ausgeschnittenen bodenlangen Kleid, die mit einer Schar älterer Herren, mit denen sie Sekt trank, an einem der kleinen runden Tischchen stand. Einer von ihnen, Direktor Franke, legte liebevoll seinen Arm um ihre kaum vorhandene Taille.
Wenn man noch genauer hinsah, ließ sich feststellen, wie seine zittrige Hand Zentimeter um Zentimeter von dort weiter nach unten in Richtung ihres unscheinbaren flachen Pos hinabglitt. Sie ließ es geschehen, rauchte eine Zigarette dabei, und hielt in der anderen Hand locker das Sektglas. Offensichtlich genoss sie die Situation, in der sie sich befand.

Ach, er wäre der neue Mandatar, sagte Frau Anica Escortin verwundert, und sah Rembert Mirando dabei tief in die Augen. Grad’ vorhin hätte der Herr Stadtrat über ihn gesprochen. In den höchsten Tönen hätte er ihn gelobt, müsse er wissen. Er wäre der neue Wind in der Partei, mit dem es wieder bergauf gehen sollte. Mirando, sonst so schlagfertig, tat etwas verlegen. Ja, so sagte man. So hoffte man, setzte er rasch noch lachend hinzu. Frau Escortin hängte sich bei ihm ein, um ihn bewusst etwas nach der Seite hin zu drängen. Der Bürgermeister war mit dem qualmenden Escortin angeregt plaudernd weitergegangen, ohne den übrigen Bildern noch weitere Beachtung zu schenken. Was er denn beruflich mache?, fragte Frau Escortin. Er wäre – er sei im Stadtkulturamt tätig, sagte er schließlich. Welche Ausbildung er hätte und ob er studiert hätte?, bohrte die Escortin weiter. Nein. Es – wäre ihm damals nicht möglich gewesen, stotterte Mirando. So, es wäre ihm nicht möglich gewesen, das sei interessant. Aber wenn sie ihn übermorgen ins Café Scheer einladen würde, würde es ihm doch möglich sein?
Selbstverständlich! Völlig perplex sagte er zu. Mirando verstand nichts mehr. Er sollte – mit Frau Escortin? In ein Café? In einer Kleinstadt? Wo alle alles sofort wussten? Unmöglich. Jetzt wand er sich wie ein Wurm um eine passende Ausrede herum. Aber es fiel ihm keine ein. Eigentlich sollte er hingehen. Wenn sie die Gattin eines einflussreichen Mannes war, warum eigentlich nicht, wenn dieser schon nichts von ihm wissen wollte? Vielleicht führte der Weg nach oben eben über Anica Escortin?

Er sah sich ihre in auffallend glänzenden Seidenstrümpfen steckenden, etwas stärkeren, bananenförmigen Unterschenkel an. Er dachte an ihren feisten, mehr oder weniger festen Hintern und daran, dass sie es wohl sehr gerne machen würde. Vielleicht sogar mit ihm. Und sie war ein Weib, dachte er, ein Weib, nicht so eine Gespensterheuschrecke wie diese – diese Künstlerin dort hinten bei den alten, geilen Böcken, die ganz bestimmt nicht nur wegen deren Bilder um sie herumstanden, sondern weil sie die Leichtlebigkeit suchten, die sie repräsentierte, das Wildhafte, das zum Abschuss Freigegebene.
Und alle – alle waren sie doch noch immer ein klein wenig Jäger geblieben, in ihrem Innersten zumindest, auch wenn sie in geheizten, weich gepolsterten Autos durch die Gegend fuhren, Natur meist nur durch die Windschutzscheiben konsumierten und gewohnt waren, die liebliche Landschaft ausschließlich von der Terrasse eines Haubenlandgasthofes aus zu betrachten. Aber man hatte auch irgendwie Angst und einen gewissen Respekt vor dieser Biologie, vor dem Wilden, dem Ungezähmten, das in einem selbst jederzeit durchbrechen könnte. Gepaart mit der Vorliebe für fettreiche, süße, gekochte und fleischhaltige Kost, was ihnen, den einstigen Jägern und Sammlern, in dieser Form erhalten geblieben war.
Vielleicht lag darin der Grund, sich manchmal so völlig willenlos dem Fastfood hinzugeben.

Natürlich, wenn sie es wünschte, lachte Mirando verlegen, als er seine kleine Abwesenheit bemerkt hatte. Ja, wenn ihr Gatte nichts dagegen hätte … sie sollte ihn nicht falsch verstehen … Er solle ihren Gatten aus dem Spiel lassen, ja? Das wäre eine Sache zwischen ihr und ihm, fuhr ihn Frau Escortin beinahe zornig an. Ihren Denis hätte das gar nicht zu interessieren. Seine einzige Aufgabe ihr gegenüber wäre es einzig und allein, den Versorger zu geben. Und, er solle sich gefälligst mehr um seinen Betrieb kümmern, das könne er besser.
Dabei kniff sie eines ihrer geschlitzten Lider auf und zu in der Hoffnung, Mirando würde verstanden haben. Und er hatte verstanden!
Sie und ihr Gatte wären sehr verschieden. Ihr Gerechtigkeitsgefühl sei äußerst ausgeprägt, erklärte sie Mirando. Ihres Gatten Status hingegen wäre ihr ungemein wichtig, und das wiederum würde sich bei ihm in Kauflust niederschlagen, die sie für sich zu nutzen verstünde. Man müsse immer beide Seiten sehen. Sie lachte schallend. Er sollte sich merken, Menschlichkeit wäre eine Haltung, wie sollte sie es besser sagen? Übertrieb man sie, wäre sie bloß noch ein Werkzeug der Willkür wie auch des Gnadenaktes. Und wem nützte das schließlich? Und jetzt möge er sie bitte entschuldigen. Man sähe sich demnächst, raunte sie Mirando zu, und öffnete ihre Sehschlitze so weit wie möglich, um sie gleich darauf wieder in ihre alte Position zu bringen, woraufhin sie, trotz ihres nicht allzu geringen Gewichtes, scheinbar schwerelos hinüber zur Gattinnengruppe schwebte.

Solche Gruppen wurden gewöhnlich durch gemeinsame Rituale, Mythen und Emotionen zusammengehalten, was ihnen häufig zu einer Art Binnenmoral verhalf, um ihr manchmal so plötzliches, im Grunde oftmals unerklärliches, aggressives Auftreten nach außen hin nachhaltig zu unterstützen, wenn es darum ging, unerwünschte Personen davon abzuhalten, sich zwischen sie zu drängen, wie es eben jetzt gerade Stefanie Raymundo in ihrer gewohnt selbstbewussten Art versuchte. Stefanie war eine Freundin der Künstlerin, vielleicht ein wenig mehr, niemand wusste es so genau und sie war als Besitzerin einer Geschenkboutique bekannt, mehr nicht. Aber hübsch war sie, schlank, brünett, auffallend anders gekleidet mit einem wippenden Hüftschwung, der auffiel.

Die Gatten und der Bürgermeister stoppten augenblicklich ihre Debatten und starrten auf die soeben auf die Gruppe der Gattinnen zuschreitende ungewöhnlich attraktive Gestalt. Die Gruppe begann sich sofort zu formieren, ringförmig, eine Menschenmauer gegen den an Jugend, Elan und Ausstrahlung weit überlegenen Feind von außen. Köpfe neigten sich vornüber, zusammen, flüsterten. Hände umschlossen den rechten und linken Partner und hielten zusammen, was mit allen Mitteln zusammengehalten werden musste. Sie wäre nie in dem Geschäft gewesen, sagte eine der Gattinnen. Oh doch, einmal wäre sie dort gewesen, sagte eine andere. Sie hätte etwas für ihre Nichte gesucht. Einen barockisierten Bilderrahmen habe sie gekauft. Sie wäre eigentlich ganz nett gewesen, diese Frau Stefanie, habe sie gefunden, meinte eine Dritte bedenkenlos.

Wie auf Kommando standen die Gattinnen mit einem Male wieder gerade und straften die Sprechende mit bösen Blicken. Zu der? Da fuhr sie schon eher in die Stadt, als dass sie dort was kaufte, sagte eine andere und blickte vorsichtig über ihre eigene Schulter, um zu sehen, wie weit die Eindringende schon vorgerückt wäre. Sie würden nie hier im Ort einkaufen. Man würde schon lieber in den Gewerbepark fahren. Dort wäre man anonymer. Hier würde man doch jeden sofort erkennen. Und wenn man was anhätte, was man hier gekauft hatte, wüsste jeder hier auch gleich, was es gekostet hätte. Eben, sagte die erste. Drum kauften sie gar nicht erst hier!

Die kluge Stefanie, auf ihrem Direktkurs hin zur weiblichen Oberschicht der vereinigten Kirchenbankdrückerinnen des Ortes, roch den Braten sofort, als sie die Phalanx des Gattinnenkollektivs vor sich formieren sah, und improvisierte klugerweise eine scharfe Linkskurve, in deren Auslaufphase sie direkt auf Rembert Mirando zusteuerte, der schon seit Wochen hinter ihr her war und den sie bis jetzt eigentlich kaum beachtet hatte. Heute aber sollte er Gelegenheit bekommen, sich zu beweisen. Genug dumme Anspielungen hatte sie ja bereits über sich ergehen lassen müssen. Erst neulich, als er zwischen zwei Gemeinderatssitzungen so rein zufällig in ihren Laden gekommen war, mit seinem dämlichen Grinsen, und sie auf der Leiter gestanden hatte, um einer Kundin eine Vase herunterzureichen, da hatte er gemeint, wenn das Übrige an ihr auch so zum Anbeißen aussähe wie ihre Beine, dann würde er öfter herkommen, dieser Affe! Aber bitte, wenn er es unbedingt wollte, sollte er hier und jetzt haben, was er brauchte.

Da kam ihr Mirando auch schon süßlich anschleimend entgegen und flötete freudig überrascht, oh, das Fräulein Stefanie wäre auch hier! Das sei aber eine Überraschung. Leider gäbe es keine Leiter hier, die sie besteigen könne, aber ihr aufreizendes Dekolleté schiene ihm diesmal ein würdiger Ersatz für die fehlenden … Stefanie Raymundo fiel ihm sofort unfreundlich ins Wort, indem sie sagte, sie glaube nicht, dass das hier und heute angebracht wäre, und ob er das nicht auch fände? Auf derartige Anmache wäre sie überhaupt nicht scharf, und ob er verstanden hätte, fragte sie gereizt.
Das hatte fürs Erste gesessen. Mirando zog den Schwanz ein und blies zum Rückzug, etwas rot im Gesicht, in welchem sein ewig dämliches Lächeln erstarrt zurückgeblieben war. Der Bürgermeister und der dicke Escortin standen zufällig in ihrer Nähe. Mirando tat einen Schritt näher zu ihnen hin. Stefanie Raymundo rückte unauffällig nach.
Sie hätten ja schon viele Ausstellungen hier gehabt, begann der Bürgermeister wichtig, die meisten Künstler glauben, sie müssten ihre Arbeiten unbedingt der Zeit anpassen. Dadurch gestalteten sie das ganze Theater noch schriller, noch effektvoller, seinetwegen noch multimedialer, wenn man so wollte, dabei hätte es das alles schon einmal gegeben, betonte er.
Escortin, dem zur Freude aller endlich die Zigarre ausgegangen war, nickte dazu nur dumpf und starrte auf den Boden. Es schien ihm völlig egal zu sein, was Künstler so im Allgemeinen alles anstellten, um zu Ruhm zu gelangen. Er war ein Mann des raschen Profits und hatte sich nie mit solch unnützen Gedanken abgegeben. Kaufen konnte man vieles, verkaufen auch. Mehr interessierte ihn nicht.

Er fände alles dermaßen übertrieben, wenn das Blut so aus den Schusswunden, aus den Knochen und Fleischfetzen brechen würde, wie manche es darstellten. Gott sei Dank könne man das nicht auch noch hören, sonst verstünde man hier herinnen vor lauter Brüllen und Jammern sein eigenes Wort nicht mehr, lachte der Bürgermeister, begeistert von sich und seinen Ausführungen. Ja, alles würde irgendwie … so … verfremdet, ja, verfremdet dargestellt. Er wüsste auch nicht, wieso, sagte er, und Rembert Mirando nickte eifrig bei jedem Satz, den der Bürgermeister in den Raum stellte. Aber die Kunst hätte auch etwas Kritisches, bemerkte er noch rasch. Der Bürgermeister sah ihn fragend an. Ja, ergänzte Mirando rasch, Galerien und Museen bezögen sich neuerdings wieder auf die alten Utopien, (das hatte er irgendwo gelesen) und vor allem auf deren Stars. Man zeige daher international großes Interesse an frühen Arbeiten mancher Künstler und Künstlerinnen. Und in Krisenzeiten hätte kritische Kunst vielleicht wieder so etwas wie Konjunktur erlangt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15035

Maria

Maria ist ein Mensch, der mit den Augen spricht. Warm schauen sie einen an, dunkle Augen aus dunklen Höhlen. Sie legen sich auf einen und bringen Wärme und Ruhe. Alle Freude und alles Glück, die Maria ein Leben lang in sich gesammelt hat, und die oft unbarmherzig zurückgeschleudert wurden, wenn sie sie geben, schenken wollte, sie haben sich nicht in Gram und Widerborstigkeit verwandelt. Maria hat die zurückgeschlagenen Wogen, die sich wie nasse, schmutzige Putzlappen um sie legten, sie einhüllten und fesselten, nach einer Schrecksekunde, die sich oft unendlich lang ausdehnte, immer wieder eingesammelt, ausgewrungen und verwandelt in sich aufgenommen. Das kostet mehr Kraft, als die meisten Menschen aufbringen können.

Ich habe Maria kennengelernt, als sie um die sechzig war. Eine aufrechte Frau mit eben diesen sprechenden Augen, die so viel wissen und so viel schenken können, wenn man sie nur lässt. Leider sind sprechende Augen stumm und machen nicht lautstark auf sich aufmerksam. Sie warten und legen den Blick auf so vieles, was den meisten in ihrer Geschäftigkeit entgeht. Marias Augen ruhen still und unmerklich lächelnd auf ihrem Gegenüber. Sie sind bereit, alles einzulassen, was nun kommt. Es sind neugierige Augen, die ob all der Widrigkeiten nicht müde geworden sind, mit Spannung das zu suchen, was bereitsteht, was ihrer Eigentümerin zugedacht ist, sei es so oder so.
Ich versuche mir vorzustellen, was im Laufe von Jahrzehnten an ein derart aufmerksames Augenpaar anklopft. Unkompliziert hat Maria allem Einlass gewährt, selbst wenn sie wusste, dass ihre Gastfreundschaft mit Kummer verbunden sein wird. Reichtümer haben sich leise im Verborgenen angesammelt.

Wenn mich Maria anschaut, wird mir gleich wohler ums Herz. Seltsam, wie das geschehen kann. Eine stille Frau, die den Frieden, den sie im Laufe eines langen und beschwerlichen Lebens gefunden hat, gern und mit offenen Händen an jeden weitergibt, der seiner bedarf. Sie hat gelernt, die Unaufmerksamkeit hinzunehmen, die Interesselosigkeit abgleiten zu lassen und, was mir am Erstaunlichsten erscheint, sie hat keine Bitterkeit angesammelt. Immer wieder begegnet sie allen mit Freundlichkeit, mit einem Lächeln.
Unsere Augen hatten sich schon lange getroffen, aber trotzdem hat es noch einmal lange gedauert, bis wir zueinandergefunden haben.

Einige Male durfte ich das Strahlen deiner Augen erleben. Es galt mir, nur mir und ich konnte es gar nicht fassen, dass du dich so freust, mich zu sehen. Du gehst auf mich zu und richtest dich auf und umarmst mich und dann blicken mich deine Augen an, aus denen alle Wärme und alles Glück der Welt strahlen. Was braucht es mehr, was kann es mehr geben?
Aber dein Blick verunsichert mich. Verschämt weichen meine Augen aus. Ich bin nicht daran gewöhnt, so herzlich begrüßt zu werden. Aus Marias Augen strömen nicht nur die Welten und Zeiten, sondern auch die sieben Himmel. Ich spüre es, ich die Jüngere, die Fremde und doch so Vertraute. Maria, dein Herz ist so übervoll, in dir wohnt so viel Liebe, die die Menschen nicht zulassen können und aufnehmen wollen. Sie haben Angst, dir in die Augen zu schauen. So wird das wohl sein.

Jetzt bist du über siebzig und gehst schwer. Dein Rücken ist krumm und jeder Schritt bereitet dir Schmerzen. Es ist ein Kreuz. Kein Wunder, irgendwo lagern sich die Enttäuschungen und Rückschläge im wahrsten Sinne des Wortes auch im Körper ab. Du schleppst tagtäglich dein ganzes Leben mit dir herum und oft wird es dir zu schwer. Wen wundert es?
Als Kind musstest du die böhmische Heimat verlassen. Zum ersten von vielen Malen lerntest du damals bereits, das Vertraute und Schöne zurückzulassen. Nein, nicht zurückzulassen, sondern im Herzen zu bewahren. Ja, du hast es in dich aufgesogen, so wie all das Spätere, die Zurückweisungen, Trennungen und Enttäuschungen, die Entbehrungen, die Sorgen, den Kummer und die Schmerzen. Du gehörst du den Menschen, die die Kraft haben, all das zu verwandeln. Deine Augen sprechen von den Perlen, die du im Laufe deines Lebens in dir angesammelt hast. Aus all dem Ballast hast du sie mühselig herausgefiltert. Dein Rücken hat sich gebeugt, aber dein Blick ist klar und ruht auf denen, die ihn zulassen können, die ihn aushalten. Je länger ich dich kenne, umso vertrauter wird mir dein Blick, der mich umarmt und getrost ankommen lässt in deiner Nähe.

Schon bei der ersten Begegnung hast du mich fasziniert. Wir sind beim Studium der hebräischen Buchstaben aufeinander aufmerksam geworden. Ich habe sofort gemerkt, dass du so viel weißt, und dass sich in dir so viel von jenem Wissen zu einem Ganzen fügt, wenn es dir auch nicht vergönnt ist, es in Worte zu fassen. Du wusstest Zusammenhänge zu erkennen, die mir verschlossen sind. Beschämt in meiner Unkenntnis senkte ich damals den Blick. Jetzt, Jahre später, öffne ich meine Augen, um in deine zu schauen und darin all das zu erahnen, was nicht zu verstehen, sondern nur zu begreifen ist. Wir sind uns vertraut geworden und erzählten uns von diesem und jenem. Einmal hast du gesagt: Ich glaube, du erzählst mir mein Leben. Ist unser Weg so ähnlich?

Ich denke, in dir ist sich alles recht geworden. In dir ist eine Ordnung entstanden, und die Entdeckung des Hebräischen hat das mitbewirkt. Der Himmel hat dir einen flüchtigen Einblick gewährt, der dich trägt. Du ahnst, wie sich dort alles fügt und wie du gehalten und gestützt wirst, selbst wenn du zu stürzen meinst und jeder Schritt im Hier dir zu Qual wird. Du bist ganz geworden im Lauf deines Lebens. Du lebst in Frieden, wenn man dich lässt. Die Tiere sind dir zugetan. In ihnen entdeckst du vielleicht das, was den Menschen abhandengekommen ist, was du bei ihnen vermisst, was du oft vergeblich gesucht hast.

Wenn deine Augen zu mir sprechen, kann ich mich setzen und ruhen und alles drumherum wird unwichtig. So etwas können nur Augen ausrichten, in denen der Ozean ein Zuhause gefunden hat, aber nicht der blaue, der kalte, sondern der warme, der ewige.
Maria, deinem Namen müsste noch ein M zugefügt werden, damit er ganz wird, abgeschlossen und abgeschirmt gegen Verletzungen, rund. Mariam, das glaube ich, ist dein wirklicher Name.

Anmerkung: marjam (hebr. mar-bitter; majim-Wasser) Wasser steht für die Zeit, der im Hier und Jetzt alles unterworfen ist. So wie Mose mit dem Binsenkörbchen ins Wasser gelegt worden ist, ist sein Schicksal bestimmt worden, seinen Part in der Welt zu spielen. Er musste sich auf die Welt einlassen und alles auf sich nehmen. Seine Schwester heißt ja Mirjam und wird ihm immer wieder helfend zur Seite gestellt. So wie den Frauen aus biblischer Sicht die Aufgabe zukommt, die irdischen Belange zu lösen, um dem Himmlischen zum Durchbruch zu verhelfen.


Vor einem Jahr ist Maria verstorben. Ich habe aber oft das Gefühl, dass sie mir nahe ist, sich um mich kümmert. Ich bin so dankbar, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.
18. Februar 2015

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt  | Inventarnummer: 15025

Die alte Schupfen

Schon allein das Wort ist Vergangenheit, weil‘s niemand mehr verwendet. Vergangen ist auch die Existenz der alten Schupfen. Weil dort, wo sie einmal gestanden ist – in einem großen Schrebergarten vom Opa, und rundherum viele andere Schrebergärten – da stehen heute drei Bauten: die Bezirkshauptmannschaft, das Altersheim und die Schule.
Aber der Schrebergarten, die alte Schupfen und der Opa sind mir noch im Gedächtnis, als ob sie noch da wären.
Die Schupfen, ein Wort, das es nicht mehr gibt, ein Schuppen, ein kleines Häusel, eine Gartenhütte aus Holz, vollgeräumt mit Gartengeräten aller Art, einen Tisch, drauf ein Krug und ein Lavoire. Und darüber mit einem Hunderternagel im Holz befestigt, ein kleiner Spiegel. An der Wand ist ein uralter Divan gestanden – und das „ur“ sage ich nicht, weil‘s heute Mode ist, sondern weil der Diwan noch von meiner Uroma war, staubig, muffig und abgewetzt. Aber zum Ausrasten gemütlich.

Ein ganz kleines Fensterl war in der Schupfen. Da ist die Sonne hereingebrochen und man hat gesehen, wie der Staub in der Luft schwebt. Ja und gerochen, gerochen hat die ganze Schupfen nach dem Opa. Na ja, nicht direkt nach ihm – und doch nach ihm. Er hat sich nämlich immer mit Schicht-Seife gewaschen.
Und er hat geraucht, nicht Zigaretten, sondern Zigarren, nicht irgendeine Zigarre, sondern Virginia, die dünnen mit dem Strohhalm drin. Die Virginia hat so einen Duft nach Vanille gehabt. Ja und der Geruch von Vanille, Schicht-Seife, Staub und altem Plunder, das war für mich der Opa, auch lange nachdem er schon gestorben war und sogar heute noch. Ich seh‘ ihn noch sitzen in der Laube, gleich neben der Schupfen auf der Bank, wenn er müde war von der vielen Arbeit im Garten. Da hat er in Ruhe sein „Zigarl“ geraucht und dann ist‘s weiter gegangen.
Unermüdlich war er und sehr zufrieden, wann alles gut gewachsen ist. Ich hab ihm ab und zu geholfen beim Gießen. Ich bin am Brunnen gestanden und hab geschöpft, er hat dann alles vertragen und ausgegossen mit der Gießkandl.
Wenn er fertig war, sind wir in die Schupfen hinein und haben uns Hände und Gesicht gewaschen mit der Schicht-Seife. Der Opa hat sich in den kleinen Spiegel geschaut und sich die Haare gekämmt. Dann sind wir heimgegangen zur Oma. Hand in Hand. Und der Schatten hat sich über die Schupfen gelegt.

Ingrid Hoffmann
ingridhoffmann.twoday.net

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 15017

Eine von vielen Geschichten

In mir wohnen viele Geschichten. Manche wollen gestaltlos im Verborgenen bleiben, andere verlassen zu Worten geformt den Mund und hangeln sich von den Lippen zu den Ohren, um eingelassen zu werden, wieder andere drängen zur Hand, um aufgeschrieben zu werden, und warten auf ein Paar Augen, das sie aufnimmt, bewahrt und vielleicht verwandelt. Manchmal hat eine Geschichte die Kraft zu verwandeln.
Auf jeden Fall setzt sich unser Leben aus vielen Geschichten zusammen, aus solchen, die wir selbst erleben, aber hauptsächlich aus tradierten. Es ist wichtig, Geschichten weiterzugeben.

Kurz vor dem dreiundzwanzigsten Geburtstag meiner Mutter, sie schlief im Dachgeschoß ihres Elternhauses, wurde sie durch ein pfeifendes Geräusch geweckt, das den Himmel durchschnitt. Sie schreckte auf und war im Nu hellwach. Dem scharfen Pfeifen folgte ein dumpfer Knall. Sie glaubte, etwas aus Metall sei auf das Ziegeldach unmittelbar über ihr gefallen und rolle nun nach unten. So plötzlich, wie alles gekommen war, so plötzlich hörte auch alles wieder auf. Es war eine angsteinflößende Situation. Eine Situation, die das Fürchten lehrt. Es war stockdunkel und die Januarkälte hatte es sich gemütlich gemacht. Meine Mutter, die damals noch nicht meine Mutter war, schaute zur Seite und sah, dass ihre um drei Jahre jüngere Schwester ebenfalls wach war. Wortlos lauschten sie in die Finsternis hinein, aber nichts folgte mehr.
Am nächsten Morgen schauten sie im Hof nach, suchten mit den Augen auf dem Dach des eingeschoßigen Hauses und fanden nichts, was das Geräusch der Nacht erklärt hätte.
Wenige Tage später erfuhr meine Mutter aus dem runden Lautsprecher des Volksempfängers, dass im fernen Russland eine grausige Schlacht gefochten worden war, und sie erahnte den noch grausigeren Ausgang.
Von Stalingrad kam keine Post, nicht in den nächsten Tagen, auch nicht in den nächsten Wochen und schon gar nicht in den nächsten Monaten. Auch in den folgenden sechzig Jahren und mehr kam kein Lebenszeichen mehr vom Fritz. Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter gehofft hat.

Sein Foto hat sie mir oft gezeigt, ein postkartengroßes Schwarzweiß-Bild, das einen schneidigen Soldaten zeigte, mit fescher Uniform und klaren Gesichtszügen, voller Mut und Tatendrang. Sie hatte ihm mit Feldpost einen warmen Pullover geschickt und eine Mütze, die das ganze Gesicht gegen die russische Kälte schützen sollte und nur die Augen aussparte, natürlich selbst gestrickt.
Neben dem Foto hatte sie von ihm noch einen Ring aus arabischem Altsilber, wie sie immer sagte. Eine Hand zierte den Ring, den sie mir schenkte. Ich ließ ihn größer machen, um ihn tragen zu können.
Meiner Mutter war er zeitlebens zu klein. Es war ihr nie ein Anliegen, ihn an den Finger zu stecken. Ich hingegen trug ihn gern, weil mich die Geschichte, die mit ihm verbunden war, die aber eigentlich nichts mit mir zu tun hatte, faszinierte. Eines Tages kam mir der Ring abhanden und es bleibt mir nur noch die Geschichte.

Seitdem ich mich mit dem Hebräischen beschäftige, hat die Hand, die Chamsa, für mich eine besondere Bedeutung bekommen. Stellt sie doch das Verhältnis eins zu vier dar, zwischen Daumen und restlichen Fingern. In der Tora kommt das gleiche Verhältnis zwischen dem Buch BeReschit und den weiteren Vieren zum Ausdruck. Gott steht der Welt und den Menschen gegenüber. Ich denke, dass jener Ring mir schon vor langer Zeit die Botschaft brachte, die für mein Leben wichtig ist. Damals war ich auf unbestimmte Art davon berührt, schloss den Ring in mein Herz. Im Lauf von vielen Jahren erschloss sich mir ein Zusammenhang und nun, nachdem der Ring leider wieder weg ist, beginnt die Geschichte in mir zu leben.

Noch etwas gibt es, was die traurige Liebesgeschichte überdauert. Fritz war Schreiner gewesen und hatte ein Holzbrett in Form eines Schweins ausgeschnitten und meiner Mutter zum Geschenk gemacht.
Jahrzehnte lang wurde es in unserem Haushalt benützt und lag auf der Ablage im Buffet. Irgendwann, als die Vergangenheit keine Rolle mehr spielte, benützte mein Vater das Schwein als Vorlage für weitere Bretter. So findet sich auch in meiner Küche eines, das inzwischen von meinem Sohn Sebastian, der auch Schreiner ist, erneut als Vorlage für weitere verwendet wurde.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt  | Inventarnummer: 15015

Ratzenkopf

Im zweiten Semester habe ich mir die Haare ganz kurz abschneiden lassen. Völlig ungeplant habe ich auf der Durchfahrt in Straubing einen Friseur aufgesucht und gesagt: Ganz kurz, bitte! Die Friseuse war etwas älter als ich und fing, ohne nochmals nachzufragen, sofort an, meine Haare zu schneiden. Eine Stunde später verließ ich den Salon als neuer Mensch. Ich fühlte mich richtig gut. Das Gefühl am Kopf war völlig anders. Wenn ich mir mit den Fingern darüber fuhr, war ich überrascht. Es fühlte sich ungewohnt an, aber gut. Meine Freundin Andrea hätte bestimmt klass gesagt, aber Andrea kannte ich damals noch nicht. Mein Spiegelbild im Schaufenster überraschte mich. War das wirklich ich?
Als ich zu Hause ankam, sagte meine Mutter nichts. Das war ihre Art, ihr Missfallen auszudrücken. Sie hatte die Angewohnheit, nichts Unangenehmes sagen zu wollen, deshalb schwieg sie lieber. Anscheinend war ihr meine neue Frisur zu wenig weiblich. Sie konnte es auch überhaupt nicht leiden, wenn ich keinen BH trug. Sie selbst hatte sich während des Krieges von russischen Gefangenen das Nähen eines Büstenhalters zeigen lassen. Erstaunlicherweise konnten die das, obwohl die russische Sprache über kein eigenes Wort für Büstenhalter verfügt. Die gefangenen Frauen waren alle gebildet, hatten eine höhere Schule besucht und verstanden es, den deutschen Mädchen die Anfertigung von so unentbehrlichen Kleidungsstücken beizubringen. Für meine Mutter gehörte das Tragen eines Büstenhalters zur unbedingten Notwendigkeit. Woher hatte sie nur ihre Sicherheit? Für sie stand ohne Zweifel fest, was man tat und was nicht. Sie brauchte keine Zustimmung und revidierte ihre Meinung auch nie, und falls doch, dann nur, weil sie meinem Vater das Gefühl geben wollte, dass sie seine Sicht der Dinge respektierte.
Auf jeden Fall schaute sie mich mit meiner neuen Frisur nur an, wandte sich nach wenigen Sekunden wortlos ab, um den Putzlumpen auszuwringen, ihn schwungvoll um den Schrubber zu legen und energisch den Boden der Stube zu wischen. Ich stand da und mir war klar, dass es höchste Zeit war, mir eine Arbeit zu suchen.

Den bodenlangen Rock, den mir die Tante aus rot-weiß gestreiftem Stoff genäht hat, hat meine Mutter auch nie leiden können. Wenn ich ihn trug, weigerte sie sich, mit mir spazierenzugehen. In ihren Augen gehörte es sich nicht, einen bodenlangen Rock zu tragen. Miniröcke hingegen gefielen ihr. Mit Maxiröcken wollte sie in keinster Weise in Verbindung gebracht werden, selbst wenn ich, ihre Tochter, einen trug. Mir fiel es schwer, an meiner Entscheidung festzuhalten. Ich war mir nicht mehr sicher, ob mir die Frisur und der Rock wirklich gefielen. Auch an der Weigerung, einen Büstenhalter zu tragen, zweifelte ich. In meinem Zimmer fand ich gleich drei Stück vor, die sie extra beim Vertreter für Textilien bestellt hatte. Es waren ausgesprochen modische Modelle, und ich probierte sie der Reihe nach an. Alle drei passten. Dafür hatte meine Mutter einen Blick. Sie drängte mich, alle zu behalten. Das war eine existenzielle Anschaffung, und es war falsch, an Büstenhaltern zu sparen. Noch dazu jetzt, da die Haare abgeschnitten waren.

Am nächsten Tag war die Hochzeit meines Cousins. Es hieß, er müsse heiraten, weil seine Freundin schwanger sei. Wir hatten kaum Kontakt mit der Verwandtschaft, aber ich konnte mir meinen Cousin überhaupt nicht als Ehemann vorstellen. So wenig ihm der Hochzeitsanzug stand, passte die Frau an seiner Seite zu ihm. Auch das Hochzeitsfest sowie das Feiern überhaupt passten zu uns allen nicht.  Meine Familie und Verwandtschaft feierten nie freiwillig. Wir konnten das alle nicht. Wir konnten nie fröhlich und ungezwungen sein. Ich habe keine Erklärung, warum das so war. Trotzdem gehörte es sich, zur Hochzeit zu gehen, und meine Mutter sperrte am Samstagmittag sogar ihren Laden zu. Das musste man ihr hoch anrechnen, weil das ja doch einen beträchtlichen Verdienstausfall  bedeutete. Ich zog das Dirndl an, das ich mir in München gekauft hatte. Auch das mochte meine Mutter nicht. Sie trug nie eine Tracht. Sie war eine Städterin, obwohl sie ihr Lebtag lang auf dem Dorf gewohnt hatte und nie länger als wenige Tage in München oder Regensburg zu Besuch war. Andere Städte hat sie ohnehin nicht bereist. Sie trug einfache, aber elegante Damenmode mit klaren Linien. Ihre Schwester nähte alles nach ihren eigenen Vorstellungen, und es musste passen, sonst zog sie es nie an. Ich frage mich immer wieder, warum sie mir diese Kompromisslosigkeit nicht vererbt hat. Damit könnte ich viel leichter durchs Leben gehen. Aber wahrscheinlich wollte es mir meine Mutter einfach nicht zu leicht machen.

Die Hochzeitsfeier fand bei hochsommerlichen Temperaturen statt. Die Braut mit langen braunen Haaren lächelte in ihrem weißen Brautkleid, das sich für eine Schwangere auch nicht mehr gehörte. Ihr Mann lächelte jenes süffisante Lächeln, das ihm und uns allen so eigen ist. Genauso wenig wie wir feiern können, können wir einfach fröhlich sein und schon gar nicht lachen. Wir können uns lediglich verschreckt, über uns selbst beschämt lächelnd, bedauern. Das tat nun auch mein Cousin an seinem Hochzeitstag, während seine Frau linkisch an seinem Arm hing. Ich ging neben meiner Mutter einher und fühlte mich leidlich wohl in meinem neuen hochgeschlossenen Dirndl mit taubenblauer Schürze und den recht kurz geschnittenen Haaren. An den Ohren und im Nacken fühlte ich mich reichlich nackt und fuhr immer wieder mit den Händen darüber. Ein entfernter Verwandter, der hinter mir ging, sagte beim Überholen zu meiner Mutter: „Aha, das ist deine Tochter! In der Kirche habe ich schon immer überlegt, wer das Mädchen mit dem Ratzenkopf sein könnte.“ Meine Mutter antworte nicht. Das lag zum einen daran, dass sie den Mann verachtete und es ihn auch spüren ließ, und zum anderen lag es daran, dass sie mich vor ihm nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Soweit fühlte sie sich mir als Mutter in Solidarität verpflichtet. Ich selbst konnte nicht anders als süffisant zu lächeln. Der Nachmittag verlief total langweilig. Eine Band spielte nicht. Wenn die Braut schwanger war, gehörte sich das nicht. Außerdem war mein Onkel, der Vater des Bräutigams, verstorben. Das war ebenfalls ein Grund, ohne Musik zu heiraten. Wahrscheinlich wären die Ausgaben für eine Kapelle auch zu hoch gewesen. Und an das Fröhlichsein waren wir alle ohnehin nicht gewöhnt, ob mit oder ohne Musik.
Es gab Kaffee und Kuchen. Der ältere Bruder des Bräutigams war Bäcker. Meine Mutter warf einen fachkundigen Blick auf die Gebäckstücke, kostete mit einem Gesichtsausdruck, der dem Prüfungsausschuss der Bäckerinnung bei der Abnahme der Meisterprüfung im Konditorhandwerk gestanden hätte, und sagte vertrauensvoll zu mir: „Alles mit billigem Öl!“ Es war klar, dass wir uns beim Verzehr zurückhielten. Die Verwandtschaft sollte ruhig merken, dass wir die billigen Zutaten aus den Torten herausschmeckten. Niemand konnte uns zwingen, uns den Magen zu verderben. Ich rührte im Kaffee und blickte umher. Das gleiche taten all die anderen. Schließlich bestellte meine Mutter für uns beide einen trockenen Weißwein. Damit signalisierte sie, dass sie Stil hatte.
Ich langweilte mich, kam mit niemandem ins Gespräch. Diejenigen, die sich mit meiner Mutter unterhielten, meinten mit einem schrägen Blick zu mir: „Dir schaut’s aber überhaupt nicht gleich, deine jüngste Tochter!“ –„Ja mei, die schaut auch in die Kramerart. Ich hab mich bei keinem Kind durchgesetzt.“ Und wenig glaubwürdig fügte sie noch hinzu: „Aber meine Schwägerinnen sind ja allesamt so feine und elegante Damen.“ Unschwer war herauszuhören, wie sie sie verachtete. Auch wenn sie teure Seidenstrümpfe mit Naht trugen und mit Stöckelschuhen rumstolzierten, konnten sie nicht im Entferntesten mit ihr mithalten. Dessen war sie sich sicher, obgleich sie das Gegenteil davon in Worte fasste. Meine Mutter hatte von der schweren Arbeit Krampfadern an den Schienbeinen und trug aus Sparsamkeit billige Perlonstrumpfhosen, aber bei ihr stimmte immer das Erscheinungsbild. Keine Ahnung, wie sie das machte. Darum beneide ich sie noch heute.

Ich hatte mir also einen Rattenkopf schneiden lassen, und es würde mindestens bis zum Winter dauern, bis die Haare wieder etwas nachgewachsen wären. Lediglich meine Cousine, die ältere Schwester des Bräutigams, die ich insgeheim bewunderte und die mir immer recht selbstbewusst erschien, obwohl sie ohne abgeschlossenes Grundschullehramtstudium mit fast dreißig Jahren immer noch unverheiratet in München lebte, sagte zu mir: „Coole Frisur, du traust dich!“ Ich lächelte erneut jenes süffisante Lächeln und zuckte mit den Schultern. Antworten brauchte ich nicht, denn sie schickte noch neugierig interessiert die Frage nach: „Hast du einen Freund?“ Auch darauf antwortete ich lediglich mit einem Schließen der Augen und einem Aufeinanderpressen der Lippen, was sie als verschämte Zustimmung auffasste. Mir hingegen war zu Ohren gekommen, dass sie, obwohl sie so gut aussah und die halblangen blonden Haare zu Locken gedreht hatte, an einen verheirateten Mann geraten sei, der sie hinhalte. Sie meinte noch: „Dass du jetzt auch Lehramt studierst, versteh’ ich nicht. Du warst doch immer so gescheit. Warum studierst dann nicht auch was Gescheites?“ Ich wusste nichts zu antworten, und meine Mutter mischte sich in dem Glauben, mir beistehen zu müssen, ein: „Sie braucht einen gescheiten Beruf. Wer weiß, ob sie einen zum Heiraten findet.“ Das war natürlich auf meine Cousine gemünzt, die sich erneut süffisant lächelnd anderen Gästen zuwandte. Schließlich war sie der einzig interessante Hochzeitsgast. Sie hatte zwar nicht einmal das von allen als komplett primitiv eingestufte Pädagogikstudium an der PeHa geschafft, hatte aber während ihres überaus langen Studiums vor allem die ebenfalls langen Semesterferien zum Verreisen genutzt und konnte etwas erzählen. Ihre Eltern schimpften einerseits, weil sie so viel teures Geld vergeudet hatte. Davon hätte man wahrscheinlich locker ein weiteres Haus bauen können, aber irgendwie waren sie dennoch stolz auf ihre unkonventionelle Tochter. Bloß zum Heiraten wär’s halt langsam Zeit geworden.

Das Brautpaar verließ am Spätnachmittag überraschend und wortlos die Hochzeitsgesellschaft. Beinahe hätte es gar niemand mitbekommen, wenn sie sich nicht so unbeholfen in ihren ungewohnten Kleidern bewegt hätten. Jene Cousine verkündete dann, dass das Paar zum Flughafen fahre. Das war nun in der Tat etwas völlig Neues. Keiner der Anwesenden war bestimmt jemals am Flughafen gewesen, geschweige denn mit dem Flugzeug geflogen. Das war also die neue Zeit. Das Brautpaar ging auf Hochzeitsreise. Unvorstellbar. Flitterwochen kannte man lediglich aus den Hollywoodfilmen. Die Cousine meinte: „Die beiden sollten es sich gut gehen lassen. Es geht ja sowieso alles so schnell vorbei.“ Dabei hatte sie etwas Melancholisches in ihrem süffisanten Lächeln, und ich verstand, wie ihr eigentlich zumute war.
Die Hochzeitsreise sollte zu einem jener verführerisch klingenden Orte im Süden gehen, die mir alle gleichsam unbekannt waren. Mallorca, Rimini oder Split. In Gedanken stellte ich mir den Flughafen, den Innenraum des Flugzeugs mit den Stewardessen, die Drinks reichten, vor. Auch vom palmenbestandenen Sandstrand tauchte in meinem Kopf ein Phantasiebild auf, das mir gut gefiel, und das ich in Gedanken ständig weiter ausbaute. Dann wanderten meine Vorstellungen zum Hotel, zur marmornen Eingangshalle, zum Pagen in Uniform, der das Gepäck entgegennahm, zum Lift, der mit Spiegeln ausgestattet war, und zur Hochzeitssuite, in der sich das Brautpaar seiner Leidenschaft hingab. Es erschien mir aber fraglich, ob sie noch leidenschaftlich sein konnten, nachdem die Braut ja bereits schwanger war.
All diese Vorstellungen lebten lange in meinem Kopf und tauchen auch jetzt wieder auf, wenn ich mir jenen fernen Tag in die Erinnerung zurückrufe.

Nachdem sich das Brautpaar so davongestohlen hatte, löste sich auch die Hochzeitsgesellschaft rasch auf. Es hatte sich erneut herausgestellt, dass das Feiern nichts brachte, zumal es meiner Verwandtschaft eigen war, nicht fröhlich, geschweige denn ausgelassen und unbeschwert sein zu können.
Wir gingen heim, saßen in der Stube noch strickend beieinander und waren uns einig, dass diese Hochzeitsfeier nichts Gescheites gewesen war. Daran hat nun auch die schöne Braut mit den langen braunen Haaren nichts ändern können. Mit meinem Ratzenkopf war ohnehin über Jahre hinweg an keine Hochzeit zu denken.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 15014

Lob des Zornes

Herrlicher, heilsamer Zorn, wie gut, dass es Dich gibt. Du bläst als reinigender Sturm die dürren Blätter und den fauligen Mief des Lebens fort, Du gibst uns Kraft und Mut, das Notwendige oder Überfällige gleich herzhaft anzupacken und Entscheidungen zu treffen.

Wer sich schon lange Zeit zu nichts aufraffen konnte, wer müde/kraftlos/depressiv ist, dem verhilft der Zorn zu ungeahnter Energie – auf einmal geht einem von der Hand, was man so lange vor sich hergeschoben hat. Es wird etwas erledigt – und zwar gleich! Und siehe da, der Dreck beißt nicht, und die Bugwelle des Zorns schwemmt trübe Wehleidigkeiten und Kannichnicht und Gehtdochnicht glatt hinweg.

Wer sich wie ein Schaf aufführt, wird auch als solches behandelt und provoziert selbst seine Missachtung. Wer immer „JA“ sagt und sich anpasst, alles Unangenehme und Ungerechte hinunterschluckt, bis der Kragen platzt, der sagt im Zorn auch einmal die Wahrheit, brüllt seine Empfindungen hinaus, die von seiner Umwelt bislang nicht wahr – oder ernst genommen wurden, der stellt sich endlich auf die Hinterbeine und ist auf einmal jemand, den man nicht mehr so leicht herumschubsen kann!

Wenn etwas nicht geht, wenn man sich auf etwas verlassen hat und es platzt ohne eigenes Verschulden, was auch immer – wenn man einen Zorn bekommt, beginnt plötzlich ein alternativer Denkprozess zu laufen, da sieht man die Dinge auf einmal auch von anderen Seiten, da gibt es auf einmal auch neue Lösungen oder Wege zum Ziel, an die man vorher nicht gedacht hat, da kann es sein, dass man wie von selbst mit Leuten ins Gespräch kommt, die man vorher nicht wahrgenommen hat, da ist wieder die ganze Welt offen, da löst sich die bisherige Betriebsblindheit in Luft auf und das Problem erscheint gesamtheitlich in neuem Licht.

Und ganz wesentlich: In zorniger Unterhaltung sagt man nicht nur mit wünschenswerter Deutlichkeit etwas, sondern da bekommt man ebenso deutlich Tatsachen und Umstände zu hören, die man bisher nicht wusste, nicht wahrgenommen oder deren Gewicht und Zusammenhang man als unwesentlich weggewischt hat. Da werden auch die eigenen Fehler, Versäumnisse und falschen Einschätzungen besprochen und klargelegt, und dass zu vielen Sachen zwei oder mehr gehören, und dass nicht alles selbstverständlich und ausreichend ist, was man bisher dafür gehalten hat. Und dass man auch die zarten Pflänzchen „Rücksicht, Verständnis und Entgegenkommen“ fallweise zu gießen vergessen hat. Zorn ist oft genug ein heilsamer Tritt in den eigenen Hintern, im wahrsten Sinn des Wortes ein Anstoß nicht nur zum Tun, sondern auch zur eigenen Erkenntnis!

Überdies: Fallweise ein erfrischendes Gewitter ist auch für die Partnerschaft ein Segen – da wird einmal „ausgemistet“, da werden gestaute Missverständnisse aus­geräumt, dann ist die Luft wieder rein, man fühlt sich erleichtert. Und wenn das Blut in Wallung ist und kleine Flämmchen aus den Augen sprühen, wird der/die PartnerIn attraktiver gesehen und intensiver gespürt. Die schönsten Versöhnungen sind doch die im … (oder sonstwo). Und beim vertraulichen Duett danach kann auf einmal ohne Vorbehalte und gutwillig über wirklich alles gesprochen werden.

q.e.d.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 15013

Erinnerung

Da ist dieser Geruch in der Luft gelegen, dieser Geruch nach … ? – Dieser Geruch nach … – es war nicht hier, es war irgendwo in Mediterranien, in Griechenland, in Italien oder war’s an der Nordküste Afrikas?
Ja! Ich erinnere mich genau: Der Junge hat so ein Instrument gespielt, was war das noch für eines? – Er war jedenfalls dunkelhäutig, ich glaube: nicht sehr, aber doch. Und sein Instrument? Es muss ein Saiteninstrument gewesen sein – oder ein Rhythmusinstrument. Nein! Es war beides: Da war Melodie und Rhythmus – vielleicht hat er ja auch nur auf ein Saiteninstrument geklopft.

Da war also dieser Geruch und es heißt ja: Gerüche merken wir uns ewig, ja: Wir können uns durch bestimmte Gerüche an Ereignisse erinnern, auch wenn sie in ganz früher Kindheit stattgefunden haben. Ich hab so einen Geruch jetzt fast in meiner Nase, kann mich aber trotzdem nicht daran … – doch! Es war ein Jahrmarkt, irgendwas Außergewöhnliches jedenfalls.
Ja! Es hat ein Ringelspiel gegeben, ein paar Schießbuden und neben dem Jungen viel orientalische Musik, eigentlich viele orientalische Musiken, aus jeder Bude eine andere. Alle haben ähnlich geklungen – vielleicht war es ja auch immer dasselbe Lied, jeweils etwas zeitversetzt aus Kassettenrecordern, deren Lautstärkeregler ganz aufgedreht waren.

Dieser Geruch! Ich hab ihn jetzt genau – kann ihn aber schwer beschreiben. Ich hab ihn in meiner Nase, obwohl ich im Moment ziemlich verschnupft bin. Ich wollte das Ringelspiel mieten – für eine Stunde und ganz für mich alleine. Ich erinnere mich: Es war kurz nach elf Uhr vormittags, eine Zeit, in der es am Rummelplatz ohnehin kaum Besucher gegeben hat.
Ich wollt’ das Ringelspiel einfach für mich ganz allein haben. Das habe ich mir nämlich einmal als vier-, fünfjähriger Bub gewünscht. Aber es hat auch diesmal nicht geklappt und so bleibt das ein Wunsch, den ich nun schon über sechzig Jahre unerfüllt mit mir herumschleppe. Umgerechnet 30 Mark sollte es kosten. Warum war es mir das nicht wert? Welche Währung, wie viele Scheine?
Legen Sie mich nicht fest. Es waren jedenfalls viele Scheine mit großen Zahlen drauf, viele Nullen nach dem Einser. Ja: Zwölf Millionen waren’s. Zwölf Millionen Shertis, Grumlaks, Dinhu-Dollars?

Helfen Sie mir: Riecht das hier nach Mangroven? Was sind überhaupt Mangroven, wie sehen sie aus? Riechen Mangroven? Nein, es riecht nicht nach Mangroven, was immer das auch sein mag.
Und dann wieder die Melodie des Jungen: die Melodie, die in meinen Ohren singt, solange es der Geruch in meiner Nase aushält. Ich kann sie singen: la – lala – la – lalala – lala.
Nein.
Der Rhythmus war etwas anders. Ein unregelmäßiger Rhythmus, der mit der Zeit ins Blut geht – irgendein ungerader, betonter Taktteil ist dabei. Ich spüre diesen Rhythmus fast – es ist der Rhythmus des Lebens, den der Junge klopft, während er sein Gesicht wegdreht, weil wieder eine Böe Sand aufwirbelt.
Ich spüre noch immer den Sand – jedes einzelne Sandkorn, das mir im Gesicht, an Arm und Bein kleine Stiche versetzt. Und ich sehe jetzt alles vor meinem inneren Auge: Da – da links sitzt der Junge mit seinem Instrument, ja: Es ist ein Saiteninstrument und es hat einen Korpus aus einem Schildkrötenpanzer. Ich sehe es ganz genau, als würde ich fernsehen: Er sitzt auf den Stufen des Ringelspiels, und … – Nein. Dieses Bild ist aus einer Werbung. Welcher Werbung? Werbung wofür? Egal.

Aber dieser Geruch. Der Geruch bleibt. Ich kenne diesen Geruch, der in der Luft gelegen ist, ich hab diesen süß-sauren Geruch in der Nase, diesen Geruch nach …… Scheiße.
Oje.
Schwester!!! Schwester Helga!!!

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15008

Vom Brotteig Kneten, Stricken und Schreiben

Es gibt Dinge, die einen prägen. Ich meine keine Prägung im Sinne des Pawlow‘schen Hundes, derartiges finde ich völlig verachtenswert. Absichtlich ein Verhalten hervorrufen zu wollen, ist mir in der Erziehung bei Mensch und Tier gleichermaßen suspekt. Es widerspricht meiner Vorstellung von Freiheit und Schöpfungsauftrag.
Vielmehr denke ich an Lebensumstände und Verhaltensweisen, mit denen man natürlich konfrontiert wird, und die man entweder ablehnen oder annehmen kann. So können Menschen in ein und demselben Umfeld ganz unterschiedliche Prägungen erfahren. Ich beobachte das bei meinen Geschwistern.
Was hat mich also geprägt? Je älter ich werde, umso mehr stelle ich fest, dass es ganz einfache Dinge sind, die sich mir wie Brandzeichen eingeprägt haben. Es ist der Umgang mit Teig und mit Wolle. Traditionell weibliche Refugien, aber das muss ja nicht schlecht sein.
Meine Mutter hatte objektiv betrachtet ein ausgesprochen schweres Leben. Sie hat es aber auch ausgesprochen gut verstanden, innerhalb der eng gesteckten Grenzen ihre Leidenschaften zu pflegen und dadurch innerlich frei zu sein und zu bleiben. So sehe ich das heute.
Sie stammte aus einer Bäckerei und der Umgang mit Brotteig war ihr nicht nur selbstverständlich, sondern sogar lebensnotwendig. Damit meine ich nicht, dass man Brot zum Essen braucht, ich wurde in der Zeit des Wirtschaftswunders groß, sondern dass ihr das Kneten von Brotteig innere Ruhe verschaffte. Immer, wenn sie schlecht drauf war, „rührte sie an“, womit sie die Herstellung des Sauerteigs, des „Uras“, bezeichnete. Dazu musste Wasser mit Roggenmehl vermischt werden. Es entstand ein zäher Baaz, der in einem uralten, braunen und angeschlagenen Tongefäß zur Gärung gegeben wurde. Es dauerte ein paar Tage, der Sauerteig wurde mit einem Holzlöffel immer wieder umgerührt, mit einem Geschirrtuch zugedeckt und entwickelte langsam Bakterien, sodass er immer mehr wurde. Manchmal passierte es über Nacht, dass er aus dem Topf rann. Er wurde lebendig, und es war schwer, den zähen Teig wieder wegzuputzen. Alle Lappen klebten und auch von den Händen bekam man ihn kaum mehr ab. Man muss kaltes Wasser benutzen, mit warmem klebt alles noch besser. Auch so eine Erfahrung. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sich meine Mutter freute, wenn das Ura ging. Mit Begeisterung begann sie, den Brotteig zu kneten. Ohne irgendetwas abzuwiegen, schaufelte sie das schwarze Roggenmehl, das Gerstenmehl und das weiße Weizenmehl in eine riesige orange Plastikschüssel. Die Gewürze zerkleinerte sie mit dem Nudelholz auf dem Nudelbrett, es waren Koriander und Anis. Die Aniskörner kaue ich auch heute noch gern. Das Kneten ging ruck zuck. Es schaute furchtbar leicht aus, doch wenn ich es selbst probierte, verließen mich bald die Kräfte, und meine Muskeln im rechten Arm stellten sich als hoffnungslos untrainiert heraus. Auch wenn ich mich bemühte, mir meine Schwäche nicht anmerken zu lassen, schaute sie mich voller Verachtung an und meinte, ich solle mich nicht so anstellen. Der Bäckeropa hätte mir schon längst den Teig ins Gesicht geschmissen. Schließlich schubste sie mich weg und griff mit ihrer Rechten in die Masse. Sie wollte es auch selber machen, weil sie diese Arbeit für ihre Seele brauchte. Es herrschte ein intimes Verhältnis zwischen dem Teig und ihr. Mit der Linken hielt sie den Rand der Schüssel fest und drehte sie immer wieder, damit alles gleichmäßig durchgeknetet wurde. Je nach Bedarf kamen noch Mehl und Wasser dazu. Beim Kneten war meine Mutter glücklich. Ich glaube heute sogar, das war das Schönste, was es für sie gab. Sie brauchte alle Kräfte, die in ihr steckten. Sie powerte sich gewissermaßen komplett aus. Sie hatte den Teigklumpen in Händen, an dem sie sich abarbeiten konnte. Wenn sie dann die Laibe formte, war sie so geschickt, dass wenige Handgriffe genügten. Sie sagte, man dürfe nicht zu lange daran rumkneten, sonst verderbe man ihn. Es musste schnell gehen, und sie konnte mir auch dabei nicht zusehen, weil ich viel zu langsam und vorsichtig war, weil ich mich immer bemühte, es möglichst gut zu machen und immer noch nachbesserte. Das konnte sie nicht leiden. Man knetet rasch und legt die Laibe zum Gären unter ein Tuch. Zuletzt wurden noch ganze Gewürze in den Laib gedrückt. Man streute diese aufs Nudelbrett und wiegte das Brot ein-, zweimal darüber. Wenn alles richtig war, klebte es weder an den Fingern noch am Brett.
Leider hatten wir nur einen Küchenherd und keinen Backofen. Meine Mutter musste sich also bescheiden, was das Einschießen betraf. In der Backstube, wo sie die glückliche Kindheit und Jugend verbracht hatte, war das das Größte überhaupt. Die Laibe mit dem flachen Holzbrett am langen Stiel in den Ofen zu schieben und auf die gemauerte Backfläche zu schubsen. Auch das musste unheimlich schnell gehen. Man konnte ja den Ofen nicht lange offen lassen, weil sonst die Hitze entweicht. In unserem Herd war es natürlich wesentlich schwieriger, eine gleichmäßige Hitze zu halten. Manchmal wurden die Brote wunderbar, manchmal sprangen sie oben auf, manchmal rissen sie unten ab, aber sie schmeckten ja trotzdem.
Grundsätzlich hatte meine Mutter den Hang, alles leicht zu verbrennen. Das steckte irgendwie in ihr drin und sie konnte es nicht ablegen, ein Scheit oder eine Schachtel zu viel ins Feuer zu schieben. Aus Sparsamkeit heizten wir hauptsächlich mit Kartonagen, die als Verpackungsmaterial im Laden anfielen. Umweltfreundlich war das natürlich nicht, aber daran dachte man damals noch nicht. Das Brotbacken war eine Sache der Ehre! Sie war stolz auf sich und wir auf sie. Niemand sonst buk in den 70er Jahren Brot. Die Alternativen und Grünen kamen erst zehn Jahre später. So waren wir gewissermaßen der Zeit voraus. Postmodern? Die meisten dachten aber, wir hinkten dem Zeitgeist hinterher. Die Eltern einer Freundin bezeichneten meine Familie sogar als antiquiert und sahen es nicht gern, wenn wir zusammen waren.

Die zweite Sache, die meiner Mutter geholfen hat, die Nerven zu bewahren, war das Stricken. Es hatte therapeutische Bedeutung. Sie strickte jede freie Minute, immer und überall. Sie hatte ein Gestrick für zu Hause, etwas Kompliziertes, und eins für unterwegs, das waren meist Socken. Zu Hause strickte sie in den frühen Morgenstunden, wenn sie die ruhige und freie Zeit noch nützen wollte. Sie strickte während des nachmittäglichen Kaffeetrinkens, das eingeführt wurde, als mein Bruder als Lehrer ans Gymnasium kam. Offensichtlich hat er diese Gepflogenheit beim Studium kennen gelernt. Sie strickte abends, nach Ladenschluss, um 20 Uhr, nachdem sie die Kasse gemacht und alle Einnahmen nebst Ladenschlüssel in eine Plastikgeldtasche mit Reißverschluss gesteckt hatte,  ein Werbegeschenk der Sparkasse. Diese Tasche legte sie, wenn sie ins Bett ging, unter das Kopfkissen. Abends strickte sie am liebsten und erzählte von den Kunden im Laden, wobei wir viel Spaß hatten, Verkaufsgespräche parodistisch nachzuahmen. Die Kunden hatten ja alle so ihre Eigenheiten und man kannte sie ein Leben lang. Das war Theater live und täglich, was aber auch enorm anstrengte, weil ja fast kein Raum für Privatsphäre blieb.
Abends strickte meine Mutter mindestens bis 22 Uhr, manchmal auch länger, wenn sie der Ehrgeiz packte und sie etwas unbedingt fertig bekommen wollte. Im Alter behauptete sie sogar, ganze Nächte durchgestrickt zu haben. Wir hatten Pullover, Kleider, Röcke, Jacken und später sogar Decken und Teppiche. Dann hat sie es echt übertrieben. Ich glaube, sie ist süchtig gewesen. Das Coolste, was sie mir je gestrickt hat, war ein Kleid aus lauter Wollresten. Der Rock war total bunt, immer nur eine Reihe mit einer Farbe. Leider reichten die Reste nur für den Rock. Beim Oberteil sparte sie und nahm eine Farbe, die sich nicht verkaufen ließ, einen Ladenhüter, und zwar in Orange, wie es die Straßenarbeiter trugen. Ich wollte sie noch umstimmen, aber da war nichts zu machen. Die Wolle musste weg und die andere konnte man verkaufen. Ich habe mich geschämt und wurde ausgelacht, aber das war ihr egal, da musste ich durch. Der Rock war aber echt super und auch praktisch. Man konnte immer wieder ein paar Reihen anstricken, wenn ich wuchs und wenn wieder Reste angefallen waren.
Strickend hat sich meine Mutter von der Last des Tages erholt. Sie hat sich gewissermaßen alles von der Seele gestrickt. Voller Stolz hat sie auch erzählt, dass sie sich schon in der dritten Klasse selber einen Pullover gestrickt hat und ihre jüngere Schwester sogar schon zur Einschulung eine Weste, da kam natürlich raus, dass wir sie total enttäuschten. Ich bat sie, mir das Stricken zu lernen, aber dafür hatte sie keine Geduld. Sie wollte auch nicht zu viel Zeit für ihr eigenes Strickwerk verlieren, und ich nervte sie schnell, weil ich mich selten dämlich anstellte. Schließlich sagte sie, sie könne niemandem etwas beibringen. Wenn man etwas lernen will, dann muss man sich selbst anstrengen. Sie hat auch alles von alleine gelernt, es sich abgeschaut. Ihren Bruder durfte sie in der Backstube nicht zweimal nach einem Arbeitsschritt fragen, da sei er gleich grantig geworden. Also hat sie es sich gemerkt oder schnell aufgeschrieben. Man darf die Leute nicht von der Arbeit abhalten.
Bei mir hat das mit dem Abschauen irgendwie nicht so geklappt. Vielleicht hat sie aber auch zu schnell gestrickt, dass ich gar nicht so schnell schauen konnte. Ich musste also warten, bis wir in der Schule das Stricken lernten. Das war in der dritten Klasse. Wir sollten Wolle und Nadeln mitbringen. Und da zeigte meine Mutter nun wieder ihre wenig pädagogische Art. Sie gab mir hellblaue Babywolle mit, superweich und superdünn, mit einer phänomenalen Lauflänge von mehreren hundert Metern, also beste Qualität, aber die Farbe war halt wieder absolut schrecklich, leider wieder ein Ladenhüter. Meine Proteste entkräftete sie, indem sie mir erklärte, dass sie sich früher glücklich geschätzt hätte, wenn sie neue Wolle bekommen hätte. Sie musste immer aufgetrennte verarbeiten. Außerdem müsse ich ja ohnehin erst üben.
Zu der Wolle kamen noch Eineinhalber-Nadeln. Dünnere gab es nicht. Laut meiner Mutter könne man die Qualität von Strickwaren an der feinen Nadelstärke ablesen. Zudem waren sie dreißig Zentimeter lang. Eine ziemliche Herausforderung! Alle anderen Mädchen in der Klasse hatten kurze Nadeln und dickere Wolle in schöneren Farben. Die junge Lehrerin erklärte die hohe Kunst des Strickens nach den vermutlich neuesten pädagogischen Richtlinien an einem gut sichtbaren Schauobjekt und zeichnete auch die Maschen an die Tafel. Es gab Abbildungen, die schrittweise das Fadenholen veranschaulichten. Ich kam ganz gut mit, aber mit der superdünnen Wolle und den superdünnen Nadeln war das nicht so einfach. Ich wickelte den Faden um den Zeigefinger und irgendwie zurrte er sich so fest, dass mir fast der Finger abstarb. Nachdem ich den Anschlag endlich geschafft hatte, strickte ich einige Reihen, wobei auf mysteriöse Weise von Reihe zu Reihe die Maschen weniger wurden. Ich war ehrgeizig und wollte es den anderen zeigen. Schließlich musste mir diese Handarbeit ja irgendwie im Blut liegen. Aber alle schauten mich nur mitleidig an. Es ging überhaupt nicht vorwärts. Die anderen hatten schon ein Riesenstück heruntergenadelt mit ihren dicken Wollen und bei mir sah man noch kaum etwas. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Auch die Lehrerin konnte nicht helfen. Es mangelte an den Voraussetzungen.
Zu Hause meinte meine Mutter nur lakonisch, dass ich irgendwann schon noch begreifen würde, dass das doch der richtige Weg sei. Nur faule Menschen stricken mit dicker Wolle. Die dicke sei ja auch viel billiger. Damals konnte ich ihr das noch nicht abnehmen. Schließlich habe ich aber doch irgendwann die Technik beherrscht und etliches mit hauchdünner Wolle gestrickt. Da war sie stolz auf mich und hat sogar meine Pullover ins Schaufenster gelegt, aber das war erst fünfzehn Jahre später. Ich lernte geduldig Masche für Masche und Reihe für Reihe zu stricken, bis endlich etwas fertig war. Da hat sie mir sogar ganz feine Angorawolle gekauft, die man weder auftrennen noch waschen konnte. Da musste wirklich jede Masche sitzen. Ich habe mir daraus einen schönen Pullover gestrickt, der im Lesesaal der Uni, wo ich inzwischen meine Tage verbrachte, alle Blicke auf sich zog. Leider wusch ich einmal aus einer Laune heraus völlig unbedacht das gute Stück und verdarb es. Lange verheimlichte ich diese niederträchtige Tat vor meiner Mutter. Einmal erfuhr sie es aber doch und wandte sich wortlos ab. Grenzenlos war ihr Unverständnis, ja ihre Enttäuschung. Ich sah keine Möglichkeit, das je wieder gut zu machen. Dabei verschmerzte ich den Verlust meines  wunderbaren Pullovers leichter als den Kummer, den ich meiner Mutter durch meine blindwütige Waschlust zugefügt hatte.
Zu einer Meisterin auf dem Gebiet der Strickkunst habe ich es nie gebracht. Ich beherrschte schwierigste Muster und Modelle, aber ich nahm mir immer häufiger zu große Projekte vor, die ich dann immer öfter unvollendet liegen ließ.

Und jetzt habe ich mich für die Buchstaben entschieden. Sie sind mir lieber als die Maschen. Ich schreibe Geschichten und werde mich davor hüten, sie zu heiß zu waschen. Ähnlich den Pullovern müssen auch die Geschichten passen. Genauso wie Pullover, die niemand trägt, keinen Sinn ergeben, so sind auch Geschichten wertlos, die niemand hören oder lesen will, die niemanden ansprechen und die nicht unter die Haut gehen, die nicht die Kraft haben, Verbündete zu finden. Geschichten sind ja etwas Lebendiges. Ich erzähle sie so, wie sie in mir wohnen. Doch diejenigen, die davon in irgendeiner Weise betroffen werden, nehmen sie ja wieder in ihr Innerstes auf und dort verändern sie sich, passen sich den neuen Wohnverhältnissen an und entwickeln ein Eigenleben.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 14078