Der Amethyst

Wir sind sechs Jahre, Rupert und ich. Mein Tischnachbar in der Schule, rechts von mir. Links sitzen noch acht Kinder, das Klassenzimmer hat fünf lange Tischreihen und eine Zweierbank ganz hinten. Wir sind 52 Kinder in der ersten Klasse.
Die Lehrerin ist Frau Mitterauer, Käthe Mitterauer, sie ist uralt, noch älter als meine Großmutter scheint sie mir. Wie diese hat sie eine graue Haarwelle vorne, Löckchen an den Seiten und hinten einen mit schwarzen Nadeln festgesteckten Knödel.

Die Tische haben eine einzige lange Platte mit Löchern für Tintenfässer, wir sitzen auf einer durchgehenden Holzbank mit einer steilen Lehne. Frau Mitterauer ruft kaum je ein Kind zur Tafel, da müssten ja neun Kinder aufstehen und heraustreten, um ein Kind rauszulassen. Was für ein Wirbel das ständig wäre.
Rupert und ich sitzen in der ersten Reihe, weil wir zu den Kleinsten gehören.
Auf der Eselsbank ganz hinten sitzen nicht die zwei schlimmsten Schüler, sondern die größten, der riesige Sitzenbleiber Koch Toni und die lattenlange Gitti aus dem Möbelhaus Weisel. Gleich neben der Eingangstür steht ein riesiger Bullerofen mit einer Glastüre, hinter der man die Briketts rot brennen und das Feuer lustig züngeln sieht.

Der Fußboden ist mit schwarzem Öl eingelassen und riecht unangenehm nach Läusevertilgungsmittel. Die Tafel vorne steht auf einem Podest und ist nicht an der Wand festgemacht, sondern balanciert auf drei Beinen. Sie hat zwei Teile, einer ist nur schwarz, der andere weiß liniert. Wir sind ja Taferlklassler.
Rupert ist mein erster Freund, ein richtiger Freund, nicht ein Freund wie mein Cousin Gottfried. Den habe ich heiraten wollen, aber das ging nicht, sagten die Erwachsenen.

Außerdem waren wir übersiedelt, und Gottfried war daheim geblieben. Ja, St. Nikola an der Donau war noch immer das Daheim. Tulln lag zwar auch an der Donau, wir sind nur ein Stück die Donau runtergeschwommen, sagten die Erwachsenen. Aber die war schrecklich weit weg von der Königstetterstraße und nicht zu sehen, so wie in St. Nikola, immer vor Augen, wo immer man hinsah.
Die ganze Stadt lag dazwischen, außerdem war sie flach wie ein Nudelbrett.
Obwohl sie dreimal so breit war, das musste man zugeben, aber keine Berge, keine Tannen, keine Fichten, nur langweilige Aubäume. Alle sahen gleich aus, gleich grün-graue, aufrecht aufgestellte Reisigbesen oder Staubwedel.

Ich war mit Rupert befreundet, nicht weil er neben mir saß, sondern weil wir den gleichen Schulweg hatten. Den Hinweg nahm ich mit meiner älteren Schwester, aber den Rückweg machte ich immer gemeinsam mit Rupert.
Von der Schule durch den Schubertpark, an der Pummerslucken vorbei bis zum Gasthaus Achatz, an der Kreuzung zur Staasdorferstraße trennten wir uns, weil Rupertin die Banatler-Siedlung ging. Einmal habe ich ihn heimlich begleitet und gesehen, dass er in einem winzig kleinen Haus wohnte, ganz am Ende, wo die Äcker anfangen. Auch der Garten war klein, die Fenster und die Tür. Eine Hundehütte auf einem Taschentuch. Es war überhaupt das kleinste von allen kleinen Häusern der Banatler. Klang wie Frittaten, Frittatler? Ich wusste lange nicht, was Banatler waren, bis Mama einmal sagte, das sind Flüchtlinge aus Jugoslawien. Ich durfte Rupert nicht zu Hause besuchen, nicht, weil er ein Banatler war, sondern weil er ein Bub war. Mit denen spielt man nicht, wenn man ein sechsjähriges Mädchen ist. Und meine drei Brüder? Brüder geht, Brüder sind keine Männer. Und die Cousins in St. Nikola? Die sind auch keine. So pragmatisch und programmatisch war meine Mutter immer.

Aber es war auch eine Großfamilie darunter, die Paganis, deren Kinder zum Teil barfuß und in Fetzen herumliefen. Angeblich gingen sie betteln oder was Schlimmeres. Das waren keine richtigen Banatler, hieß es, sie sprachen auch nicht dieses komische Deutsch, sondern etwas ganz anderes. Die Polizei schaute öfter bei den Paganis vorbei.
Rupert war meinen Eltern nicht unsympathisch, hatten sie doch kurz überlegt, den jüngsten Bruder Rupert zu nennen, nach dem Patron von Salzburg. Das sind fleißige Leute, die werden uns eines Tages alle überholen. Was das nun wieder heißen sollte? Zu uns kam eine Banatlerin, Frau Marte, die meiner Mutter beim Putzen half, und ein Walter für den Garten, der eigentlich Eisenbahner war.

Rupert war nicht nur so klein wie ich, er war auch noch dick, kugelrund mit rötlichem Haar und vielen Sommersprossen. Ich mochte ihn. Er war sehr lustig, sprach ein eigenartiges Deutsch, das mich an die Märchen erinnerte, die Papa uns immer am Abend vorlas, oder eine Sprache wie manchmal in der Kirche. Banatler-Deutsch eben, sagte meine Mutter. Er unterhielt mich mit vielen Geschichten, die er sich selbst ausdachte, er beschützte mich, wollte meine Schultasche tragen und brachte mir immer Geschenke mit, einen Apfel, ein Stück Kuchen, ein selbstgeschnitztes Pfeiferl aus Hollerstauden. Wir spielten Flöte darauf. Wenn er keine Löcher hineinmachte, benützten wir sie als Blasrohr. Das weiche Innere der Hollerzweige drehten wir zu Kugerln und bliesen um die Wette weit. Es ging auch mit unreifen Hollerbeeren, aber nicht so gut, weil sie manchmal zu weich waren und das Blasrohr verstopften.

Rupert konnte überhaupt sehr vieles, weil er seinen Eltern helfen musste. Seinem Vater in Haus und Garten, seiner Mutter in der Küche. Banatler sind arme Leute, sagte meine Mutter. Der Vater war Hilfsarbeiter im Krankenhaus, er arbeitete in der Wäscherei. Hauptsache, er hat Arbeit. Sie sind noch nicht lange da, der Tito hat sie rausgeschmissen.
Alle? Ja, alle. Warum? Was haben sie getan? Nichts. Rupert war dort geboren, in einer Ebene so flach wie das Tullnerfeld, nur viel, viel größer. Und die Donau fließt auch dort. Wir sind auch noch nicht lange da. Aber wir sind nicht rausgeschmissen worden.
Das verstand ich damals noch nicht. Aus einem Land „alle rausschmeißen“ ging über meine Begriffe, konnte ich doch nicht einmal verstehen, warum wir aus St. Nikola weg mussten und in das hässliche Tulln übersiedeln mit den vielen Bombenruinen und der faden, flachen Donau. Das war gar keine richtige Donau und auch kein richtiger Wald, diese Pappeln, Weiden, Eschen.

Überhaupt war hier alles hässlich und hielt dem paradiesischen Nikola nicht stand. Dort gab es die Donau vor der Tür mit den Schiffen, nebenan das Bräuhaus mit den Ställen, Stadeln und Gärten, hinter dem Haus die Eisenbahn und darüber die Wiesen mit Obstbäumen hinauf bis zum Wald, voll mit Schwammerln und Beeren. Der Berg hieß sogar nach dem Großvater Seyrberg. Ein Stück weiter waren der Krautberg, der Rodelberg hinter dem Danzer-Wirt, der Strudenbach, die Au, die Teiche im Hössgang, die Insel Wörth, die Ruine mit dem Schusterstein. Das alles haben die Kinder ohne Erwachsene bestreunen, bespielen, besiedeln und erforschen dürfen.
Und welche Wunderwelten erst mit ihnen: die Stillensteinklamm, die Bräuerkogel, den Fischteich beim Bierführer Toni, die Ställe beim Bauern Burner, den Dimbach beim Wagenschmied und beim Müller, beide hatten Wasserräder, und im Bach konnte man Krebse und Forellen fischen, den Förster Kastner auf dem Sattel, dem ein Kind an einem Schlangenbiss gestorben war, die hölzernen Tanzböden und Kegelbahnen bei den Wirtshäusern, die Onkel Klaus mit Seyr- Bier belieferte.

Was hatte Tulln dagegen zu bieten? Nichts bis wenig. Unser Haus in der Königstetterstraße ist zwar größer als die „Villa Seyr“ in St. Nikola und soll den Eltern ganz allein gehören, weil sie es gekauft haben. Mir war es nicht wichtig, wem was gehörte, ob den Eltern, der Omama, dem Onkel Klaus und der Tante Sofie, der Tante Fritzi und dem Onkel Franz. Ich wusste, dass dem Knecht Sepp und der Köchin Nannerl gar nichts gehörte außer ihrem Gebetsbuch und dem Rosenkranz, dem ukrainischen Arbeiter Ivan gehörte nicht einmal das, aber sie gehörten genauso zum Kinderreich wie die falsche Tante Paula oder die zerlumpte und zahnlose Fanny mit ihrer Ziege im Haus an der Eisenbahn.
Ich wusste, dass dem Onkel Klaus sehr viel gehörte, aber nicht deswegen war er mein Lieblingsonkel, sondern weil er sehr kinderlieb und lustig war, mich in seinen Lastkraftwägen mitfahren ließ, vorne im Führerhaus, und ich manchmal sogar auf seinem Schoß sitzend, das Lenkrad angreifen durfte. In den steilsten und spitzesten Kurven hinauf zum Steinbruch von Gloggswald ließ er das Lenkrad los, schloss die Augen und und klatschte ein, zwei, dreimal in die Hände. So spaßig war er, und dazu hatte er noch viele lustige Worte, Sprüche und Scherze auf Lager.

Ich weiß nicht, wie es im Banat aussieht, aber aus all dem rausgeschmissen zu werden wie Rupert und die Banatler, stellte ich mir schrecklich vor. Wir konnten zumindest nach Nikola auf Besuch fahren, oder es kam jemand zu uns.
Die Mama hat erzählt, dass die meisten Banatler in langen Märschen zu Fuß zu uns gekommen sind und nur Binkel oder angefüllte Tuchenten als Gepäck auf dem Rücken schleppten. Wir waren ganz bequem in einem riesigen Saurer von Onkel Klaus übersiedelt. Die Kleineren saßen hinten auf den Tuchenten zwischen den Möbeln. Wir hatten Jausenpackerl, volle Proviantdosen mit Köstlichkeiten aus dem Bräuhaus und Wasserflaschen mit herrlichem Himbeersaft.

Wir sind in ein schönes, altes Haus gezogen mit einem großen Garten, in dem man vieles anbauen konnte. Die Banatler hatten ganz kleine Grundstücke und bauten sich ihre Häuschen selbst, die Familien und Nachbarn halfen sich gegenseitig, einkaufen gehen in die Stadt konnten sie gar nicht, sie waren nur dort anzutreffen, wo es umsonst war, in der Kirche, im Aubad, an der Donaulände oder am Sportplatz.
Rupert und ich gingen gemeinsam von der Schule nach Hause und machten im Schubertpark Station, nur kurz, denn ich musste unbedingt soforrtt!! nach Hause kommen, weil es zum obersten Gesetz gehörte, dass die ganze Familie gemeinsam isst.
Und zwar alle, Ausnahmen gab es nur, wenn jemand länger Schule oder eine sonstige Verpflichtung hatte. Es wurde „zusammengewartet“, auch wenn die Mägen noch so krachten. Die Mädchen mussten auch noch oft genug mithelfen, aufdecken, Knödel drehen, Salat machen. Disziplin und Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit, das waren die wichtigsten Prinzipien meiner Mutter, denn sonst würde ihr der ganze Laden um die Ohren fliegen. Rupert war zu Mittag mit seiner Mutter allein, der Herr Hinterleitner war entweder in der Arbeit oder er schlief, nachdem er Nachtschicht gehabt hatte.

Aber manchmal konnte ich mich am Nachmittag davonstehlen und den Rupert im Schubertpark treffen. Das sagte ich nie, immer ging ich natürlich nur zur Hochrieder Christa, zur Sterz Evi, zur Wesel Gitti oder zur Huber Anni. Das Schlimmste war, wenn ich meine kleine Schwester mitnehmen musste, was gar nicht ging, weil sie uns große Schulkinder nur störte. Radfahren üben im Schubertpark, das war das Codewort für die Treffen mit Rupert. Er brachte manchmal andere Banatler-Kinder mit, mit denen wir Verstecken spielten, Räuber und Gendarm, Indianer fingen, in der Schubertlinde kletterten oder die fremden Banatler ärgerten. Das war sehr lustig und aufregend, aber am liebsten war es mir doch, allein mit Rupert zu sein.
Unser Lieblingsspiel war das Prinzessinnen-Spiel. Ich war die Prinzessin, er mein Diener. Auch Pferdeknecht, Vasall, Sänger. Rupert hatte viele Rollen, ich nur eine, die schöne, begehrte Prinzessin. Ich nahm heimlich von zu Hause einen alten Vorhang mit, das war mein Schleier, meine Schleppe, mein Umhang. Rupert baute mir aus Stämmen und Steinen einen Thron, er brachte mir Geschenke, er unterhielt mich, sattelte mein Pferd, trug die Schleppe und beschützte mich vor Feinden. Die Feinde lebten jenseits der Pummerslucke; das war eine Bahnunterführung, ein gekrümmter Tunnel aus Backsteinen, dunkel, stinkig, gruselig, leicht abschüssig, die Eisenbahn donnerte darüber, man konnte beim Betreten nicht ans Ende sehen, jenseits war Feindesland. Wenn man wieder ans Licht kam, breitete sich dort der Friedhof aus und eine kleine Straße, in der auch Banatler wohnten, aber andere als die von Rupert, solche, die aus Rumänien rausgeschmissen worden waren. Wo immer das sein und was immer das heißen sollte. Neben dem Friedhof war ein freies Gelände, eine richtige Gstätt‘n, auch das ein herrliches Spielgelände, wenn dort nicht gerade die anderen Banatler spielten oder jemand gastierte wie in diesem Herbst der Zirkus Belli.

Schuld am Unglück war nicht Rupert und auch ich nicht, sondern der Zirkus Belli. Ich hatte mich in die dortige Zirkusprinzessin verliebt, ein wunderschönes, kleines Mädchen etwa in meinem Alter, das auf einem weißen Pferd ritt und Kunsttücke aufführte, herrlich angezogen und geschminkt war. Sie hatte eine lange, gelockte Mähne aus dunklen Haaren und oben drauf ein Krönchen. Oder war es ein Diadem? Jedenfalls baumelte auf ihrer Stirn ein funkelnder Diamant, der bei jeder Bewegung glitzernde Strahlen in die Manege schickte.
So etwas wollte ich auch haben, schoss es mir durch den Kopf und überlegte, was in unserem Haushalt dafür herhalten konnte. Zuerst dachte ich an das Kranzerl, das meine ältere Schwester zur Erstkommunion getragen hatte und an das der ältesten Schwester als Blumenmädchen hinter dem Himmel bei der Fronleichnamsprozession. Sie lagen in Seidenpapier eingepackt in einem Schuhkarton. Wir Kleinen bekamen dafür immer nur ein Kranzerl aus frischen Margeriten und Gänseblümchen, die schon vor der Prozession welk in den Haaren hingen, so müde wie die mit Zuckerwasser über Papierstreifen steif gedrehten Locken.

Beides wurde verworfen, fiel mir doch Mamas Kette ein, ihr einziger Schmuck von ihrer Mutter, der so wertvoll war, dass sie ihn nie trug. Er lag in einem Porzellanschüsserl in ihrer Nachtkastllade. Ich würde mir die Kette ausborgen, heimlich, und sie wieder zurücklegen. Die Kette war aus Silber und hatte einen taubeneigroßen Anhänger aus Amethyst. Der war an einem silbernen Plättchen an die Kette angehängt, also frei beweglich. Der würde auf meiner Stirn baumeln wie bei der Zirkusprinzessin der Diamant.
Die Operation gelang, ich konnte die Kette aus dem Nachtkastl stiebitzen und in den Schubertpark mitnehmen. So schön war noch nie jemand gewesen, das sagte auch Rupert, obwohl der die Belli-Prinzessin gar nicht gesehen hatte. Banatler hatten kein Geld für so etwas Unnötiges. Ich ritt auf meinem Fahrrad hoch zu Ross, auf der Stirn ruhte der Stein, Rupert trug stolz die Schleppe und diente mir wie immer als Getreuer.
Am Ende des Spiels war der Amethyst verschwunden, an der Kette nur noch das Silberplättchen. Ich versprach dem Rupert eine Eintrittskarte in den Zirkus, wenn er den Anhänger fände. Er kroch auf allen Vieren durch das Gras und durch die Büsche, aber er blieb verschwunden.

Das Donnerwetter, das über mich hereinbrach, war noch schlimmer als erwartet. Zuerst tobte meine Mutter, erließ sofort einen einwöchigen Hausarrest, nichts außer der Schule, sogar die Musikstunde wurde gestrichen. Schlimmer aber war, dass sie plötzlich zu toben aufhörte und in Weinen ausbrach, in ein Schluchzen und Wimmern.
Das Einzige, was mir von meiner Mutter geblieben ist. Nichts habe ich von ihr, nichts, nur diese Kette. Sie war wie ein Häufchen Elend auf ihrem Bett zusammengesunken und schwor, dass sie mich nie wieder ansehen würde, dieses grausliche, undankbare Gfrast.
Ich war mehr als zerknirscht, ich fühlte mich wie ausgelöscht. Da mir der Stein gefiel, aber ich nichts vom Wert eines so großen, geschliffenen und in Silber gefassten Amethysts wusste, konnte ich diesen Ausbruch nicht ganz verstehen.
Außerdem stimmte es gar nicht, sie hatte einen großen silbernen Handspiegel, eine Bürste mit Silberrücken und eine silberne Schale, in der diese Utensilien vor dem Spiegel der dreiteiligen Psyche lagen. Die waren auch Erbstücke von ihrer Mutter. Aber ich wusste damals noch nicht, dass ihre erste Mutter gestorben war, als sie in meinem Alter war, und dass sie eine märchenhaft schreckliche Stiefmutter bekommen hatte.

Ich suchte den Amethyst noch die weiteren zwölf Jahre, die ich in Tulln lebte, die vier in der Volksschule zusammen mit Rupert, später allein, weil Rupert nicht aufs Gymnasium ging.
Während des Hausarrests gelang es mir einmal nach der Schule, mich in den Zirkus Belli einzuschleichen und mich zwischen den Wägen und Käfigen zu verstecken. Ich würde mit ihnen auf Reisen gehen, auch eine Zirkusprinzessin werden und auf einem richtigen weißen Pferd reiten. Familie hatte ich ja ohnedies keine mehr, und um mich Gfrast würde niemand weinen.
Ich blieb nicht lange verborgen, man fand mich noch am selben Abend bei den Zigeunern, und der Hausarrest wurde gemildert, ich durfte in die Musikstunde, zur Jungschar und in den Sportverein gehen, nur mit Rupert durfte ich nie wieder spielen. Mein Vater machte sich auf Geheiß meiner Mutter mit all seiner Autorität in die Banatler-Straße auf und ließ sich das Spielverbot auch von der anderen Seite bestätigen.

Vergessen habe ich den Amethyst nie. Als ich sechzehn Jahre später das erste Mal richtig Geld verdiente, kaufte ich sofort eine Kette aus Amethyststeinen, so lang, dass sie sie dreimal um den Hals schlingen konnte oder lange tragen bis zum Bauch, einen Silberring mit einem Riesenstein und ein Armband aus reinem Amethyst, einen richtigen Protzschmuck, von dem ich wusste, dass meine Mutter nie so etwas trug. Das war einfach nicht ihr Stil.
Sie war zu Tränen gerührt, umarmte mich und meinte:
Dass du dich daran erinnerst?
Aber sie trug tatsächlich den Ring und das Armband, vielleicht extra, nur wenn ich zu Besuch kam, die Kette war und blieb ihr zu prunkvoll. Sie ließ sie beim Juwelier zu drei kurzen umbauen und schenkte sie meinen Schwestern, nicht ohne mich vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.

Später, noch viel später erfuhr ich, dass der Amethyst, ein Quarz SiO2, sowohl für den Steinbock, wie meine Mutter einer ist, als auch für den Fisch, der ich bin, bei den Esoterikern als Geburtsstein gilt.

31.8.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 18023

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Ein Gedanke zu „Der Amethyst

  1. robert müller

    Ich kann und will es nicht "beurteilen", weil es sehr persönlich ist (scheint?).
    Aber sehr einfühlsam und gekonnt einfach erzählt!

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