Terrestrische Navigation 1

Ich hatte es schließlich in der Hand. Sämtliche 43 Umzugskartons, die geöffneten und die immer noch nicht geöffneten, hatte ich durchwühlt, um es zu finden. Schließlich entdeckte ich es unter dem Bett. Dort, wo ich als Kind immer die Bücher versteckt hatte, die an mich gerichtet waren, wie Briefe von geheimnisvollen Absendern direkt an mich. Da hatte ich es wieder in der Hand, das nie gelesene, nie zurückgegebene Buch, das mir Frau Apfel schließlich geschenkt hat. Das sie mir immer schon geschenkt hat, wie ich jetzt erst weiß. Ich öffnete es und fand zum ersten Mal ihre Widmung: „Für Jonas, denn auch die Erde ist ein ferner Planet. Navigare necesse est!“ Und darunter säuberlich: „Frau Apfel“. Viel später merkte ich, dass ich wie besinnungslos weinte. Minuten? Stunden? Über Frau Apfel, über mich, über das Leben auf dieser Erde und schließlich darüber, dass ich schon so lange nicht mehr geweint hatte.

Ich habe Frau Apfel gefunden, seitlich lag sie, als ob sie vom Küchensessel gefallen wäre, und hielt einen Zettel an die Brust gepresst. Den nahm ich an mich. Ich war dabei, als sie ihre Wohnungstür aufbrechen und wie gewohnt zurückweichen wollten vor dem Gestank. Aber da war nichts aufzubrechen, das hatte ich ihnen doch gesagt. Die Tür stand im Gegenteil offen, sie war leicht angelehnt, so, dass der zarteste Wind sie hätte zurück ins Schloss drücken können. Und da war auch kein Gestank, nicht der nach Verwesung, wie man es immer in der Zeitung liest. Es roch vielmehr nach vertrockneten Blumen, durchsetzt von saurer Milch und Katzenfutter.
Also nichts Ungewöhnliches für einen Gemeindebau. Dieser Geruch rührte von unzähligen Blumenbouquets in allen Größen, alle ohne Grußkarten. Vertrocknete Narzissen- und Chrysanthemenbündel, zu floristischen Skulpturen gewundenes Allerlei, selbst frische Orchideen- und riesenhafte Rosensträuße waren darunter, alles notdürftig gegen die Wand gestapelt und immer wieder unterbrochen und gestützt von Säulen aus Milchpackungen und solchen aus Katzenstreu und Katzenfutter. Dabei hatte sie mit Sicherheit gar keine Katze! Einer der Exekutivbeamten fragte mich, ob Frau Apfel das denn alles selbst gekauft habe, weil so viele Blumen und in ihrem Alter? Ich verneinte, ich sagte aber auch nicht, wer das alles gekauft hatte. Er drang diesbezüglich  weiter auf mich ein, glücklicherweise wurde er in diesem Moment von seinem Einsatzleiter gerufen. Schnittblumen waren außerdem nicht ihr Stil. Die Todesursache lautete auf Herzinfarkt.

Was sie mochte, waren Topfpflanzen. Vor allem Grünlilien, Drachenbaum und die Yuccapalme. Sie standen auf den Regalen hinter ihr, die bis zur Decke reichten. Kein Gegenstand dazwischen. Ihre Pflanzen standen auch neben der Kaffeemaschine auf dem Wackeltisch, und selbstverständlich auf der vorgelagerten und hochgestellten Holzfläche, auf der man die Bücher abzuholen hatte, aber immer so, dass eine Schneise blieb für die Bücher. Manchmal, wenn auch selten, bildete sich vor ihrem Schalter eine Schlange und dann beobachtete ich Frau Apfel durch die dicken, breiten Blätter ihrer Pflanzen.
Diese Urwaldpflanzen mit ihren dicken, breiten Blättern, die höchstens einmal im Jahr, dann dafür rein weiß blühen, waren ihr am liebsten. Sie hatte auch diese exotischen Hängepflanzen auf dem Fensterbrett hinter ihr, aber die mussten dann dem Kopierer weichen, sie hätte ja immer über dieses Ungetüm von Kopierer klettern müssen, um ihre Hängepflanzen zu gießen. Und sie war nicht sehr sportlich. Ich habe nie geseh’n, ob der Kopierer auch benutzt wurde.

Sie war nicht sportlich, sie war vielmehr ungeheuer zart, ich hatte schon als Kind den Eindruck, sie müsse nicht schwerer wiegen als ein Vogel, ich könne sie mit einer Hand über den Kopierer heben, damit sie ihre Hängepflanzen gießen kann. Aber gewagt hätte ich das nie, sie war nämlich auch gleichzeitig voll unerklärlicher Kraft.
Wenn ein Erwachsener ungeduldig und laut wurde, weil zum Beispiel sein bestelltes Buch immer noch nicht da war, hob sie nur kurz ihre hellen, klugen Augen vom Buch, das sie gerade las, und ruhig wurde der Erwachsene. Wir Kleinen wussten, dass man so nicht sprach mit der Frau Apfel. Es hieß, dass sie studiert habe. Trotzdem habe ich sie immer vergessen, sobald ich nach Hause ging. Das kann an den Büchern gelegen haben, auf die ich mich schon so sehr freute, dass ich oft schon im Gehen anfing, eines zu lesen, es kann auch an etwas anderem gelegen haben. Ich glaube, ich habe Frau Apfel schon vergessen, sobald sich die Tür der Stadtbücherei hinter mir schloss.

Aber das ging nicht nur mir so. Auch meine Eltern konnten sie nie recht einordnen, wenn sie anrief, um mitzuteilen, dass mein Buch eingetroffen oder eine Verlängerung fällig war. Als sie mir dann das ausgestempelte Leseheft zuschickte, dem ein Gratulationsschreiben mit einem Zitat beigelegt war („Was die Jugend braucht, ist Disziplin und ein voller Bücherschrank!“), stritten zwar meine fortschrittlichen Eltern tagelang über dieses Zitat, dachten aber dabei keine Sekunde an Frau Apfel. Ich habe später das Leseheft samt dem Zitat hinter Glas eingerahmt und an meine Zimmerwand gehängt. Aber selbst ihre Kolleginnen wussten oft nicht, wen ich meinte, wenn ich sie beschrieb.
Ich musste sie immer beschreiben, weil auch mir ihr Name nie einfiel. Wenn ich mich mit meinen Fünf Freunden in der Au traf und darüber beklagte, dass ich schon wieder vergessen hatte, meine Bücher zu verlängern, sagten sie, das sei doch kein Problem bei der, bei der … dann fiel ihnen ihr Name nicht ein, obwohl wir alle uns unsere Bücher ausschließlich von Frau Apfel verlängern ließen. Erstens weil da mehr als dreimal Verlängern drinnen war, und zweitens, weil sie sich bei den Gebühren immer wieder zu unseren Gunsten verrechnete. Anfangs korrigierten wir sie ja bei ihren Berechnungen, aber das hatte sie nicht gern.

Ich hatte übrigens kein Problem damit, dass alle Fünf Freunde nur bei ihr ausliehen, weil die anderen ja immer noch Enid Blyton und die Drei Fragezeichen lasen, ich hingegen schon echte Fantasy und vor allem über Raumfahrt. Also kamen wir uns nicht in die Quere mit dem Ausleihen und ich hatte immer direkten Zugriff auf meine Bücher. Dabei ist mir etwas Merkwürdiges aufgefallen: An manchen Stellen, besonders an solchen, wo es um Frauen oder weibliche Aliens ging, waren die entscheidenden Stellen mit Tippex abgedeckt und überschrieben worden.

An einen dieser Sätze aus Raumschiff Orion kann ich mich noch erinnern. Er fing an mit: „Sie lehnte sich über die Theke und grinste mich an, ich konnte alles sehen, zwei wunderbare, prall gefüllte Körbchen …“, dann weiter mit Schreibmaschine auf Tippex, „… mit Frischobst aus den Perseiden standen direkt vor ihr.“ Ich hatte das damals schon durchschaut und ärgerlich gefunden. Später lachte ich darüber, dann wunderte ich mich: Warum gerade Frischobst? Und was hatte Frau Apfel, denn nur sie konnte es gewesen sein, dabei gedacht? Und hatte sie tatsächlich alle Bände von Raumschiff Orion zensuriert? Und welche der vielen einschlägigen Reihen der Jugendabteilung noch? Hatte sie sich dazu tatsächlich die Mühe gemacht, jeden Band zu zerlegen und neu zu binden? Nur so hätte sie in die Buchseiten tippen können. Oder hatte sie eine besondere Schreibmaschine? Wie war das möglich?

Das erfahren Sie (vielleicht) in Teil 2?

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 21087

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