Ein Notizblock in meiner Jeansjacke

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Es sind Erfahrungen, die man nur in der Silvesternacht hat: Im Fernsehen laufen alte Komödien und du findest das reichlich amüsant. Auch wenn du dir im Rest des Jahres diese Filme nicht anschauen würdest, jedenfalls nicht mit Genuss, erheitern dich solche Filme am Jahreswechsel ungemein. Genauso die Unmengen an Chips, Erdnüssen und Bier, die du in dich hineinbeförderst. An manche Filme erinnerst du dich noch. So zum Beispiel „Four Rooms“ oder „Was gibt’s Neues, Pussy?“ An letzteren erinnere ich mich noch. Ich war gerade siebzehn, als ich ihn sah. Was mich damals beeindruckte? Die unglaublich lässige Art von Woody Allen. „Im Kühlschrank ist noch Fischsalat. Ist schon am Stinken, aber mit etwas Pfeffer schmeckt der noch“, war mir damals so etwas wie ein Vorbild. So wollte ich werden, wenn ich erwachsen war. Und die Architektur der Villa. Aus heutiger Sicht ist „Was gibt’s Neues, Pussy?“ Ein alberner Klamaukfilm; bei weitem nicht der beste Film von Woody Allen und alles in allem noch relativ verkrampft.
Du siehst den Film: „Hannah und ihre Schwestern“ von Woody Allen. Und denkst, dass er sich weiterentwickelt hat. Du liest, dass er 1978 seinen ersten ernsten Film gedreht hat und bist bass erstaunt, dass es das gibt: ernste Filme von Woody Allen. Auch überrascht es dich, dass er fast vierzig Filme geschaffen hat.

Andernorts
Sie hatte damals die ersten Wochen an der Universität hinter sich. Ihre Vorstellungen, Erwartungen konnten mit der Realität nicht schritthalten. Sie träumte vom Orient, von der Türkei, von Persien. Das Studium war ihr zu trocken, zu weltfremd und zu theorielastig. Und doch hatte sie die Hoffnung auf ein besseres Leben in der malerischen Universitätsstadt nicht aufgegeben. Nach einiger Zeit hatte sie schon ihre Lieblingscafés und Lieblingsläden gefunden. Bald wurde es für sie zum Ritual, dass sie sich manchmal mehrere Stunden darin aufhielt.

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Er musste jeden Tag länger an der Universität bleiben, um abends den Bus zu erwischen, der ihn in seinen Vorort, ungefähr 30 Kilometer entfernt, brachte. Um sich die Zeit zu vertreiben, verbrachte er oft lange Zeit in der Bibliothek und schaute sich viele Bücher und Zeitschriften an. Auch solche, die mit seinem Studium nicht das mindeste zu tun hatten. Zum Beispiel las er viele Zeitschriften aus dem Jahre 1992 und musste sich an diese Zeit zurückerinnern. Als er seine Recherche abgeschlossen hatte, fuhr er mit dem Stadtbus hinunter zum Hauptgebäude der Universität, wo er im Treppenhaus des Hintergebäudes ein kurzes Abendessen einnahm. Trotz dieser Unannehmlichkeiten fühlte er damals eine große Aufbruchstimmung. Diese entschädigte ihn auch für die entstandenen Strapazen.

Andernorts
Sie hatte schnell Freunde an der Universität gefunden und einen muttersprachlichen Tandempartner. Einen für Türkisch und einen für Persisch. Die Gespräche waren meistens sehr interessant, sie lernte vieles über deren Heimat und wurde sogar einmal bei einem zum Essen eingeladen. Sie liebte orientalische Küche. Obwohl sie sich im Studium meistens langweilte, arrangierte sie sich mit der Situation. Sie gab sich ganz dem Lernen der Sprachen hin. Zudem interessierte sie sich sehr für orientalischen Tanz und Musik. Das gab ihrem Leben Halt. Abends vergnügte sie sich hin und wieder in einer der vielen Kneipen der Stadt. Abgesehen von einigen Unpässlichkeiten ging es ihr meistens recht gut. Sie verspürte immer noch eine gewisse innere Leere, die sie aber ganz gut ausfüllen konnte, zumindest meistens. Aber ihr Leben bewegte sich auf etwas hin. Auf ein Ziel. Oder so etwas Ähnliches. Und sie kannte dieses Ziel noch nicht. Dass sie dieses Ziel nicht kannte, machte ihr auch manchmal Angst. Sie hatte eine gewisse Vorahnung, dass etwas in ihr Leben eintreten könnte, das sie aus der Bahn werfen würde. Zum Beispiel eine Lernblockade. Oder dass sie die Lust an ihrem Freund verlieren könnte und sie auch beim besten Willen und unter größter Anstrengung nicht in der Lage wäret, wieder das selbe für ihn zu empfinden wie am Anfang ihrer Beziehung, als sie sich das erste Mal getroffen hatten, zum Beispiel.

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Obwohl er sich für den Film interessierte oder jedenfalls zugab, sich für den Film zu interessieren, kannte er jedoch erschreckend wenige anspruchsvolle Filme. Und die, die er kannte, kannte er auch größtenteils nur vom Titel her. Ihn bewegten Titel wie beispielsweise „Der erste Tag der Freiheit“, wie ihn überhaupt Pathos seltsam ergriff. Er hatte noch keine Vorstellung, dass man ihm, einige Bildung vorausgesetzt, meistens aus dem Weg gehen sollte, jedenfalls dann, wenn der Anlass zu gering für solche hehren Worte war. Er hatte große Pläne für sein Studium und war auch sehr interessiert. Doch die Umstellung von der Schule zur Universität und die wissenschaftliche Ausdrucksweise schienen ihn trotzdem ein wenig zu überfordern. Und er wollte sich Geld für einen Urlaub, für seinen ersten längeren Aufenthalt in einem anderen Land, verdienen. Nachdem er diese Reise abgeschlossen hätte und wieder zuhause angekommen wäre, wollte er ein großes Poster in seiner Wohnung aufhängen.

Andernorts
Klar war sie in Ahmet, ihren Freund, verliebt. Sie glaubte, dass dies Liebe auf den ersten Blick sei. Kennengelernt hatten sie sich im Türkischkurs, für den er das Tutorium gab. Schnell merkte er, dass ihr Interesse für den Orient tiefgründiger war als das der anderen Studierenden. Auf welche Art und Weise ihr Interesse profunder war, konnte er nicht sagen. Auch sie fand rasch an ihm Gefallen, an der Art wie er Wörter wie merhamet oder özgürlük aussprach. Der sehnsuchtsvolle Blick seiner blauen Augen oder die melancholische Art, wie er an seiner Zigarette zog. All das rief in ihr ein Bild wach, wie es wohl schon seit ihrer frühen Jugend als Traumbild in ihrem Gedächtnis gespeichert war. So und nicht anders sollte ein Mann sein, alle anderen Schwächen könne man ihm dann nachsehen. Doch je länger sich ihre Freundschaft hinzog, desto klarer wurde es für sie, dass etwas fehlte, dass diese Beziehung auf Dauer besiegeln konnte. Den ersten gemeinsamen Geschlechtsverkehr hatte sie noch vor sich, aber mehr und mehr kam jener besagte Schmerz, dass es irgendwann mit ihnen vorbei sein könnte.

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An Frauen zeigte er ein gewisses Interesse, aber gleichzeitig auch ein gewisses Desinteresse, so komisch das klingt. Es war eine Zeit, in der so vieles für ihn wichtiger war als eine Beziehung. Aber hätte er auch die Chance gehabt, eine Beziehung eingehen zu können? Sein Interesse war sicherlich in der Vergangenheit stehengeblieben, und er trauerte manchmal den verpassten Chancen seiner Kindheit und Jugend nach. Was einen Partner ausmacht, wusste er nur im Groben. Er hatte keinen besonderen Geschmack oder Vorlieben, was er für eine Frau empfinden konnte. Oder doch, vielleicht waren es ältere Vorlieben, die er noch nicht korrigiert und seinem Lebensalter angepasst hatte. In manchen besinnlichen Stunden erinnerte er sich an seine Jugendliebe, in die er leider sehr unglücklich und einseitig verliebt gewesen war. Zu einem Gespräch war es damals nie gekommen. Aber die Sehnsucht blieb und sie kam erstaunlicherweise in den Wochen nach seinem Abitur zurück, jedoch umso heftiger. Er hatte keine Adresse und wusste nicht, wo sich seine Jugendliebe aufhielt. Dennoch versuchte er ihr näherzukommen. Gedanklich natürlich. Hätte es einen Menschen gegeben, mit dem er sich in diesem Jahr am meisten beschäftigt hatte, dann wäre es sie gewesen. Chancenlosigkeit blieb jedoch Chancenlosigkeit.

Andernorts
Ahmets Zärtlichkeit war schier grenzenlos. Als er sie wieder einmal zu einem gemeinsamen türkischen Abendessen, das er selbstverständlich selbst für sie in seiner Wohnung zubereitet hatte, bei sich einlud, spürte sie die Hingabe, mit der er den Fisch gebraten und passend dazu den türkischen Salat abgeschmeckt hatte. Ahmet hatte sogar andere Glühbirnen in die Lampe eingesetzt, um so für ein sanfteres Licht zu sorgen. Nach dem gemeinsamen Essen und einigen Wortwechseln bot er ihr an, sie zu massieren, denn er hatte dies in der Türkei einmal gelernt. Sie machte ihren Körper frei und legte sich auf Ahmets Bett. Er erwärmte ein Schälchen mit Olivenöl und begann, mit sanft kreisenden Bewegungen zuerst ihre Schultern zu massieren, später arbeitete er sich zu ihrem Rücken und schließlich zu ihren Beinen vor. Sie empfand das alles als sehr angenehm. Natürlich war er darüber erstaunt, wie leicht er sie dazu bewegen konnte, sich für ihn auszuziehen und er war von ihrer Zutraulichkeit auch ein bisschen eingeschüchtert. Ahmet fragte, ob er nun, da die Massage abgeschlossen sei, mit ihr Sex haben könnte, und sie bejahte diese Frage.

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Nachdem er einige Wochen an seiner Universität relativ sparsam gelebt hat, hatte er genug Geld gespart, um seinen Wunsch, in eine andere Stadt zu fahren, wahr zu machen. Er wusste natürlich, dass dies kein Ersatz für eine Auslandsreise sein könnte, aber immerhin gab es einen Ortswechsel, was ihn erfreute. Er hatte mit Bekannten telefoniert, und sie hatten ihn zu einer Party in ihrer Stadt eingeladen. Am Bahnhof kaufte er sich ein Ticket und wusste, dass er am nächsten Tag schon sehr früh aufstehen musste, um den ersten Zug nicht zu verpassen. Dies würde noch vor Anbruch des Tages stattfinden, sodass es bei der Abfahrt des Zuges noch dunkel sein würde.

Andernorts
Nach ihrem ersten Mal mit Ahmet, ergab sich ein weiterer Termin in ihrem Kalender: Ein Bekannter hatte sie zu einer Party eingeladen, zu der Freunde aus verschiedenen anderen Städten kommen würden. Unter ihnen auch ein Soziologiestudent, Studienanfänger wie sie.

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Er wurde am Bahnhof in der anderen Stadt von seinem Freund abgeholt. Sie war auch dabei. Sie stellte sich vor und erklärte, dass sie sich auf die Party freute, wie er sicherlich auch. Er bejahte.
Während des Festes konnte er seinen Blick nicht von ihr lassen. Obwohl sie an dem Abend nur noch wenig mit ihm sprach, war etwas mit ihm geschehen. Auf der Party wurde ein Foto geknipst, das sie und ihn in einem Raum zeigte. Das Foto ließ er sich später einrahmen. Trotzdem geriet es wenig später schon in Vergessenheit.

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Und ich kramte aus meiner Jeansjacke einen Notizblock und einen Stift hervor. Ich zeichne etwas. Ein Bild, auf dem sie zu sehen ist. Ihren Namen habe ich schon lange vergessen. Dabei fiel mir auf, dass ich sie anders in Erinnerung behalten hatte. Heute würde ihr Anblick keine so starken Emotionen mehr hervorbringen. Es ist schon 14 Jahre her. Und ich sehe sie noch vor mir vor dem Tisch mit den Chipspackungen, Saftflaschen. Kaum kann ich mich daran erinnern, was damals gesprochen worden ist, jedoch, dass ich mich heute hier unwohl fühlte. Und du siehst diese Halskette und denkst: „ Das war ein Fleck in deiner Erinnerung, der, obwohl verdrängt, doch immer präsent war. Seltsam, dass du damals so angetan warst, aber keinen Gedanken mehr an sie verschwendetest.“
Was draußen noch passiert: Nebel vor dem Fenster, es ziehen graue Wolken auf, bald kommt ein Gewitter, es beginnt zu regnen. Erst tröpfelt der erste Regen an deine Scheibe, dann wird er immer heftiger. Du knipst das Licht an und klappst deinen Laptop auf, öffnest die Datei und beginnst zu schreiben. Wo beginnst du wieder? Bei der Zeichnung, die du erstellen wolltest, als du aus deiner Jeansjacke einen Notizblock und einen Bleistift zogst und begannst, das Foto abzuzeichnen. Hat etwas inzwischen deinen Geist erhellt? Wahrscheinlich nicht. Und was du noch tun könntest, um wenigstens ein Andenken zu haben. Hast du eine Idee?

Andernorts
Die besagte Silvesternacht geriet schon kurz danach in Vergessenheit. In diesem Jahr stand die erste Exkursion in den Orient bevor, auf die sie sich schon Monate vorher riesig freute. Am Ende des Jahres ging die Beziehung zu Ahmet in die Brüche. Irgendwann, so viel ist sicher, wird sie das Foto aus der damaligen Silvesternacht wieder ansehen.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 21074

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